Das Spiel mit dem Leser bei Calvinos 'Wenn ein Reisender in einer Winternacht' und Schmidts 'Brand's Haide'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Text als Spiel zwischen Autor und Leser

2. Das Machtspiel zwischen Autor und Leser bei Italo Calvino
2.1 Der Leser als Spielball des Autors
2.2 Der Tod des Autors oder die Entmachtung des Autors durch den Leser?
2.3 Das Spiel mit dem Text und der Leser als Detektiv

3. Das Spiel mit der Form bei „Brand’s Haide“
3.1 Erschwerter Zugang für den Leser durch neue Prosaformen?
3.2 Der Ich-Erzähler als Alter Ego Arno Schmidts?
3.3 Das Rätselhafte der Literatur

4. Zwei Autoren – ein Autorenbild?

Literatur

1. Der Text als Spiel zwischen Autor und Leser

Spiele in und mit dem Text haben in der Literaturgeschichte eine lange Tradition. Jedes Spiel mit dem Text ist auch ein Spiel zwischen Autor und Leser, welches schon beim Schriebprozess beginnt. Der Autor schreibt den Text bereits in Hinblick darauf, wie er später aufgenommen werden könnte und versucht damit eine bestimmte Wirkung beim Leser zu erzielen. So ist der Autor auch bei der späteren Lektüre indirekt immer noch anwesend und in der Lage, durch seinen Text zum Leser zu sprechen.

„Wer schreibt, denkt an den Leser. (...) Während der Arbeit laufen zwei Dialoge: einer zwischen dem entstehenden Text und allen zuvor geschriebenen Texten (jedes Buch wird aus anderen und über andere Bücher gemacht) und einer zwischen dem Autor und seinem gedachten Wunsch-, Modell- oder Musterleser.“[1]

Der Leser wird durch seine Lektüre des Textes in dieses Spiel miteinbezogen, denn es liegt an ihm, wie er auf den Text reagiert.

Wenn der Leser erkennt, dass mit ihm gespielt wird und sich darauf einlässt, können sich ihm völlig neue Aspekte eröffnen und der Text wird ihm plötzlich auf eine völlig neue Weise zugänglich.

2. Das Machtspiel zwischen Autor und Leser bei Italo Calvino

Der Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ ist in hohem Maße selbstreflexiv. Dabei werden Themen von der Entstehung des Romans bis zu dessen Lektüre aufgegriffen. Der Text reflektiert den Schreibprozess des Autors, die Arbeit im Verlag und die Lektüre des Lesers. Bald schon stellt sich heraus, dass Lesen keineswegs immer eine friedliche und entspannende Angelegenheit ist, denn bereits beim Kauf des Buchs beginnt sich ein regelrechter Krieg zwischen den verschiedenen Instanzen zu entwickeln und bereits die Auswahl im Buchladen gleicht dem Spießrutenlauf über ein Schlachtfeld.

„Immerhin ist es dir nun gelungen, die endlose Zahl der aufgebotenen Streitkräfte auf eine zwar noch recht beachtliche, aber doch schon in endlichen Zahlen kalkulierbare Größe zu reduzieren, (...). Mit raschen Zickzacksprüngen entgehst du ihnen und springst mitten hinein in die Zitadelle der Neuerscheinungen, (...). Auch innerhalb dieser Festung kannst du Breschen in die Front der Verteidiger schlagen...“[2]

Das Verhältnis zwischen Autor und Leser wird zu einem regelrechten Machtkampf stilisiert. Es wird der Eindruck vermittelt, dass Autor und Leser als Gegner in einem Spiel agieren, welches bereits mit der Entstehung des Romans inszeniert wird.

Calvino scheint sich einen Spaß daraus zu machen den Leser durch das Legen falscher Fährten, in immer neue Fallen zu locken und zu verwirren. Dem Leser bleibt während des Leseprozesses oft bloß die Erkenntnis, wieder auf einen Trick des Autors hereingefallen zu sein und genau so reagiert zu haben, wie er es wohl bereits beim Scheiben des Romans geplant hatte.

Ist der Autor also alleiniger Sinnstifter des Romans und in der Lage, bereits im Entstehungsprozess die spätere Lektüre des Lesers zu beeinflussen?

2.1 Der Leser als Spielball des Autors

Eine Besonderheit von „Wenn ein Reisender...“ ist sicherlich, dass Calvino einen fiktiven Leser zur Hauptfigur seiner Erzählung macht und so das Kräftemessen zwischen Autor und Leser auch innerhalb seines Roman zum zentralen Thema wird. Durch den ersten Satz des Romans fühlt sich der reale Leser direkt vom Autor, welcher genau über seine Lesegewohnheiten Bescheid zu wissen scheint, angesprochen. Durch die Technik der mise en abyme (der reale Leser hält das gleiche Buch in den Händen wie der fiktive Leser im Roman) identifiziert sich der Leser mit dem „Du“. „Der reale Leser wir für die Dauer der Lektüre zur Handlungsfigur des Textes, zum Bestandteil der Erzählung selbst – ein erzählter Leser.“[3] Durch diese Verbindung des Realen mit dem fiktiven Leser erhält der Autor die Möglichkeit, den realen Leser zu beeinflussen und mit ihm zu spielen.

„(...) da er die Fäden der Erzählung in der Hand hält, und der im Text dargestellte oder auch nur implizierte Leser ein Geschöpf des Autors ist, der dessen Handlungen und Reaktionen bestimmt, muß man sich fragen, inwieweit der Autor den realen Leser vielleicht gängeln und bestimmte voraussehbare Denkprozesse und Reaktionen bei ihm auslösen kann, inwieweit er den Leser dazu bringt, sich eventuell sogar bevormunden zu lassen und daraus noch Vergnügen zu gewinnen.“[4]

Der reale Leser wird über sein fiktives Spiegelbild zunächst dazu aufgefordert, eine günstige Lesehaltung einzunehmen und bekommt vom Text schließlich sogar eine bestimmte Haltung auferlegt. „Du bist einer, der sich grundsätzlich nichts mehr von irgend etwas verspricht.“[5] Der Leser scheint völlig in den Bann des Autors zu geraten und tatsächlich sieht es so aus, als gelänge es diesem, ihn vollständig zu kontrollieren und Macht über ihn auszuüben, denn nach wie vor scheint er mit dem fiktiven Leser zu einer Einheit verschmolzen zu sein. „Die sich anschließende ausführliche Beschreibung der Lesesituationen schränkt den realen Leser zwar ein, schließt ihn als Adressaten des Textes jedoch nicht aus.“[6]

Bereits an dieser Stelle beginnt die Fiktion jedoch zu bröckeln und der reale Leser ahnt, dass mit dem „Du“ ein erzählter Leser angesprochen wird, welcher ihm selbst nicht entsprechen kann. Schließlich wird die Vermutung zur Gewissheit denn die Situation der beiden Leser stimmt plötzlich nicht mehr überein. „Da stellst du auf einmal fest: »Dieser Satz kommt mir doch bekannt vor. Ja, mir scheint, diese ganze Passage habe ich schon gelesen!«“[7] Im Gegensatz zum Buch des fiktiven Lesers, wiederholen sich bei Calvinos Text die Seiten nicht, sondern der Roman wird fortgesetzt. Trotzdem ergeht es dem realen Leser ebenso wie dem Fiktiven, denn auch er ist gezwungen zehn Romananfänge zu lesen, welche immer im scheinbar spannendsten Moment abbrechen. „Die Verwirrung und Enttäuschung empfindet der reale Leser ähnlich wie der Lettore, nur, daß er nicht in der gleichen Weise aktiv werden kann.“[8] Obwohl sich der reale Leser bewusst ist, dass die fiktiven Romananfänge lediglich ein Teil innerhalb der eigentlichen Erzählung sind, so fühlt er doch unfreiwillig ähnlich wie der erzählte Leser. Obwohl der Autor die Fiktion, bei dem realen und dem fiktiven Leser handle es sich um ein und dieselbe Person, zerstört hat, schafft er es dennoch die Empfindungen des realen Lesers zu beeinflussen und ihn in gewissem Maße zu kontrollieren. Der Leser scheint zu einem Objekt des Autors zu werden, zu einem Spielball, der während seines eigenen Leseprozesses determiniert wird und sich der Macht des Autors nicht entziehen kann.

2.2 Der Tod des Autors oder die Entmachtung des Autors durch den Leser?

In „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ gibt es nicht nur einen fiktiven Leser, sondern gleich zwei fiktive Autoren. Gerade die Episode mit dem Schriftsteller Silas Flannery lässt Zweifel daran aufkommen, ob der Autor wirklich so übermächtig ist, wie es sich zunächst dargestellt hat. „Seit einigen Monaten steckt Flannery in einer Krise; er schreibt keine Zeile mehr, die vielen angefangenen Romane (...), bleiben unvollendet, Fragment, Opfer einer unerklärlichen Schaffenskrise.“[9] Die mise en abyme erlaubt es, von den Fragmenten Flannerys auf den Calvino Roman Bezug zu nehmen. So scheinen die Romananfänge in „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von einem geschickten Spielzug des Autors um den Leser zu ärgern, zum Zeichen seiner eigenen Unzulänglichkeit zu werden.

In Flannery werden die Bemühungen des Autors deutlich, für und im Hinblick auf den Leser zu schreiben. Dies bedeutet für ihn jedoch keineswegs den Versuch diesen bei seiner Lektüre zu determinieren, sondern sein Ziel ist es, den idealen Roman zu schreiben, einen Urtext, der über allen anderen steht.

„Ich spüre, daß mir, was ich da schreibe, nicht mehr gehört. (...) Wie gut ich schreiben würde, wenn ich nicht wäre! Wenn zwischen dem weißen Blatt und dem Brodeln der Wörter, Sätze, Geschichten, die da Gestalt annehmen und wieder entschwinden, ohne daß jemand sie schreibt, nicht diese hemmende Trennwand meiner Person wäre! (...) Nein, nicht um Sprachrohr für etwas Undefinierbares werden zu können, würde ich mich so gern annullieren. Nur um Mittler zu werden für das Schreibbare, das darauf wartet, geschrieben zu werden, für das Erzählbare, das noch niemand erzählt hat.“[10]

Flannery sieht die Aufgabe des Schriftstellers in einer bloßen Mittlerfunktion das niederzuschreiben, was der Leser immer schon lesen wollte. „Der Satz, den ich gerade schreibe, müßte derselbe sein, den sie gerade liest.“[11] Der perfekte Roman müsste also direkt dem Geist des Lesers entspringen. Dies kann jedoch nur zur Selbstauflösung des Autors führen, denn weil er im Versuch sich in den Leser hinein zu versetzen, lediglich einen Text reproduziert, statt ihn neu zu erschaffen, entsteht ein reines Plagiat.

„Das Ich des Autors löst sich im Schreiben auf: die sogenannte des Schriftstellers ist dem Akt des Schreibens inhärent, sie ist ein Produkt und ein Modus der Schrift [...]. Der Schriftsteller, wie man ihn bisher verstanden hat, ist nurmehr eine schreibende Maschine, oder vielmehr: er wird zu einer solchen, wenn er gut arbeitet.“[12]

Der Autor ist nicht mehr als eine Maschine, er ist nicht mehr Herr über seinen Text. Der Leser wird zum wahren Sinnstifter des Textes, da er „... durch die Individualität seiner Lektüre an schöpferischer Kraft gewinnt und so der Literatur zur Existenz verhilft.“[13] Die Zurücknahme des Autors wird zu einer Notwendigkeit um den Leser zu stärken.

[...]


[1] Umberto Eco: Den Leser schaffen. In: Eco: Nachschrift zum »Namen der Rose«, München, Wien 1984, Seite 55.

[2] Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht. München 1987. Seite10.

[3] Heike Maybach: Der erzählte Leser... Seite 7.

[4] Heike Maybach: Der erzählte Leser... Seite 13.

[5] Italo Calvino: Wenn ein Reisender... Seite 8.

[6] Christine Lessle: Weltreflexion und Weltlektüre in Italo Calvinos erzählerischem Spätwerk. Bonn 1992. Seite 48.

[7] Italo Calvino: Wenn ein Reisender... Seite 31.

[8] Heike Maybach: Der erzählte Leser... Seite 67.

[9] Italo Calvino: Wenn ein Reisender... Seite 144.

[10] Italo Calvino: Wenn ein Reisender... Seite 205.

[11] Italo Calvino: Wenn ein Reisender... Seite 204.

[12] Ulrich Schulz-Buschhaus: Über das XII. Kapitel von Calvinos »Se una notte d’inverno un viaggiatore«. In: Goebel-Schilling, Sanna, Schulz-Buschhaus: Widerstehen. Anmerkungen zu Calvinos erzählerischem Werk. Frankfurt a. M. 1990. Seite 112.

[13] Heike Maybach: Der erzählte Leser... Seite 62.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Spiel mit dem Leser bei Calvinos 'Wenn ein Reisender in einer Winternacht' und Schmidts 'Brand's Haide'
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Spiele, Spieler, Spielen
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V51122
ISBN (eBook)
9783638471725
ISBN (Buch)
9783638843669
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spiel, Leser, Calvinos, Wenn, Reisender, Winternacht, Schmidts, Brand, Haide, Spiele, Spieler, Spielen
Arbeit zitieren
Maria Benz (Autor), 2004, Das Spiel mit dem Leser bei Calvinos 'Wenn ein Reisender in einer Winternacht' und Schmidts 'Brand's Haide', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51122

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