Prokrastination im Fernstudium. Analyse und Ursachen


Hausarbeit, 2019

44 Seiten, Note: 1,3

Sophie Bergmann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Definition Prokrastination
2.1.1 Rahmenmodell der Volitionsforschung
2.1.2 Genese der Prokrastination
2.1.3 Abgrenzung von anderen psychischen Störungen
2.1.4 Akademische Prokrastination
2.2 Aktueller Forschungsstand
2.3 Zusammenfassung und Überleitung

3. Methode
3.1 Unternehmen und Stichprobe
3.2 Dimensionale Analyse
3.3 Entwicklung von Fragebogen und Skalen
3.4 Vorgehen bei der Befragung

4. Ergebnisse
4.1 Darstellung der Ergebnisse
4.2 Beantwortung der Leitfragen

5. Diskussion
5.1 Gütekriterien und kritische Selbstreflexion
5.2 Diskussion der Ergebnisse
5.3 Handlungsempfehlungen für die Praxis

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Abgrenzung von anderen psychischen Störungen

Tabelle 2: Strukturbaum des APSI-d

Tabelle 3: Häufigkeitsverteilung der soziodemografischen Daten

Tabelle 4: Statistik zur Prokrastination und den Dimensionen

Tabelle 5: Reliabilitätsstatistiken

Tabelle 6: Mittelwerte der Kategorien

Tabelle 7: Ausprägung der Prokrastinationstendenz

Tabelle 8: Statistik zu den einzelnen Items

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einordnung der Prokrastination im Rubikonmodell

Abbildung 2: Modell zur Genese der Prokrastination

Abbildung 3: Ausprägung der Prokrastinationstendenz in den Kategorien

Abbildung 4: Prokrastinationstendenz in der Stichprobe

Abbildung 5: Prokrastinationstendenz und angestrebter Abschluss

Abbildung 6: Prokrastinationstendenz und Geschlecht

Abbildung 7: Prokrastinationstendenz und Altersgruppen

Abbildung 8: Prokrastinationstendenz und Prüfungseinreichung

Abbildung 9: Häufigkeiten zum Konstrukt der Prokrastination

Abbildung 10: Häufigkeiten zur Dimension „Prokrastination“

Abbildung 11: Häufigkeiten zur Dimension „Misserfolgsangst“

Abbildung 12: Häufigkeiten zur Dimension „Motivationsdefizite (Aversion)“

1. Einleitung

Die Entscheidung für ein Fernstudium ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft. Es bringt jedoch auch die große Herausforderung mit sich, das Lernen eigenverantwortlich mit Beruf, Familie und Freizeit zu vereinbaren.(Scherenberg & Buchwald, 2016, S. 1)Besonders in flexiblen Studienmodellen ist hier ein hohes Maß an Selbst- und Zeitmanagementfähigkeiten notwendig, in diesem Kontext ist auch das Aufschiebeverhalten (Prokrastination) von großer Bedeutung.

Es geben 75-95% aller Studenten in Umfragen an, hin und wieder Aufgaben aufzuschieben, knapp 50% tun dies regelmäßig.(Passig & Lobo, 2012, S. 16–18)Unangenehme Tätigkeiten zu verschieben, statt sie schnellstmöglich zu erledigen, ist generell ein weit verbreitetes Phänomen. Dabei können alltägliche Aufgaben wie der Hausputz oder das Bezahlen von Rechnung, wie auch berufliche aber auch akademische Aufgaben, wie das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit oder das Vorbereiten auf eine Klausur betroffen sein.(Höcker, Engberding & Rist, 2017, S. 11)Der Begriff der Prokrastination ist seit den 70er Jahren präsent und gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Besonders die akademische Prokrastination rückt dabei verstärkt im Fokus der Forschung.(Höcker, Engberding & Rist, 2013, S. 9–11)

Das übergeordnete Ziel des vorliegenden Projektes ist es, die Ursachen für die Prokrastination im Fernstudium bei einer Stichprobe von Studenten der SRH Fernhochschule Riedlingen zu benennen und zu analysieren, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Dazu wird im Theorieteil zunächst näher auf den Begriff, die Genese und die Einordnung der Prokrastination eingegangen, zusätzlich erfolgt eine Abgrenzung von anderen psychischen Störungen und die Darstellung von bisherigen Forschungsergebnissen. Im Methodenteil werden die Rahmenbedingungen und das methodische Vorgehen erläutert. Im Anschluss werden die Ergebnisse mittels deskriptiver Statistik dargestellt, im anschließenden Diskussionsteil werden die Ergebnisse in Bezug auf die Fragestellung interpretiert und es erfolgt eine Ableitung von Handlungsempfehlungen. Zum Abschluss wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick bzgl. des Forschungsthemas erstellt.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definition Prokrastination

Die Prokrastination beschreibt generell das Aufschieben von Tätigkeiten, die für den langfristigen Erfolg wichtig sind. Dabei handelt es sich um ein komplexes, in den meisten Fällen situationsübergreifendes Verhaltensmuster, mit dem spezifische Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen assoziiert sein können. Überwiegend geht es um das Verschieben von unangenehmen Aufgaben und Verpflichtungen auf einen späteren Zeitpunkt zu Gunsten von objektiv unwichtigeren Aktivitäten.(Patzelt & Opitz, 2014, S. 1)

Ursprung der Bezeichnung ist das lateinische „procrastinare“, dass das Vertagen beschreibt. Der Begriff war nicht von Beginn an negativ besetzt, sondern meinte ursprünglich im positiven Sinne das reflektierte Aufschieben von Entscheidungen auf einen günstigen Zeitpunkt. Im heutigen Sprachgebrauch allerdings wird Prokrastination als eine pathologische Arbeitsstörung bezeichnet. Der berufliche und private Alltag ist davon geprägt, dass Entscheidungen getroffen, Abläufe gestaltet und Aktivitäten geplant bzw. durchgeführt werden müssen. Es ist immer ein Abwägen der Wichtigkeit und Dringlichkeit, wenn bestimmte Aufgaben vorgezogen oder auf einen späteren Zeitpunkt nach hinten geschoben werden, wobei meist zusätzlich psychische Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Hinzu kommen situationsübergreifende Persönlichkeitsmerkmale und die momentane Stimmung, die Einfluss auf die Entscheidungsrichtung nehmen. Problematisch und im psychologischen Sinne pathologisch wird das Aufschiebeverhalten erst dann, wenn individuell wichtige Aktivitäten gegenüber unwichtigen zurückgestellt werden. Dies bedeutet, dass jemand nur solche Tätigkeiten durchführt, die nicht zur Erreichung seiner eigentlichen Ziele führen. Die daraus resultierenden Folgen von habituellem Aufschiebeverhalten können objektive Leistungseinbußen (schlechte Noten, verlängerte Ausbildungszeiten), Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen (Ärger und Enttäuschung), sowie eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens (Schlafstörungen, Depression) sein. Dabei scheint das stetige Vermeiden von Aufgaben für ein eigentlich wichtiges Ziel mit ausreichend zeitlicher Ressource auch den Betroffenen selbst sehr rätselhaft zu sein. An dem gesamten Prozess der Prokrastination sind affektive, kognitive und motivationale Faktoren beteiligt, es handelt sich somit um eine komplexe Störung der Handlungskontrolle. Ein großes Problem bilden die negativen Folgen, die allein durch die abwertenden Gedanken bei den Betroffenen ausgelöst werden. Es bilden sich massive Zweifel am Selbstbild und es kann zu großer Hoffnungslosigkeit bis hin zur Depression kommen. In solchen Fällen ist das Aufschieben nicht mehr auf einzelne Aktivitäten beschränkt, sondern als habituell anzusehen.(Höcker et al., 2013, S. 9–11)

Prinzipiell neigen Menschen dazu, Aufgaben zu präferieren, die kurzfristig belohnend wirken, anzugehen und umzusetzen. Durch das Aufschiebeverhalten wird Unangenehmes vermieden und andere, scheinbar angenehmere Tätigkeiten präferiert. Kurzfristig ist dieses Verhaltensmuster auch zielführend, denn Erfolgserlebnisse – wie bspw. durch das Putzen von Fenstern, stellen sich ein und unangenehme Gefühle werden reduziert.(Höcker et al., 2017, S. 11)

Dabei handelt es sich bei Prokrastination nicht per se um eine schlechte und leicht abzulegende Angewohnheit, sondern eine Arbeitsstörung, die eng mit Persönlichekeitsmerkmalen bzw. der kognitiv-affektiven Selbststeuerung in Verbindung steht. Begünstigt wird dieses Aufschiebeverhalten in der heutigen Zeit u.a. durch die Arbeitsverdichtung und die Verfügbarkeit der neuen Medien, die als konkurrierende Aktivität/Ersatzverhalten fungiert.(Rist, Engberding, Patzelt & Beißner, 2006)

2.1.1 Rahmenmodell der Volitionsforschung

Unter Volition versteht man den Treibstoff der Motivation, d.h. ob und in welcher Art ein gefasster Entschluss umgesetzt wird. Die so genannte Willenspsychologie beschäftigt sich damit, wie Menschen planen und agieren, bevor motivational abgewogen wird. Ein fehlender Wille mündet meist in einem Aufschiebeverhalten.(Assen, 2016, S. 41)

Als Rahmenmodell für die Volitionsforschung und zugleich auch für die grundlegende theoretische Einordnung der Prokrastination lässt sich das Rubikon-Modell heranziehen. Darin sind die unterschiedlichen Handlungsphasen von der Motivation bis hin zum Umsetzen einer Absicht abgebildet. Einzelschritte bilden hierbei das Abwägen, das Planen, das Ausführen und das Bewerten einer Handlung.(J. Heckhausen & Heckhausen, 2018, S. 8)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einordnung der Prokrastination im Rubikonmodell

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung anHöcker et al., 2013, S. 26 undH. Heckhausen & Gollwitzer, 1987)

Wenn man eine Absicht umsetzen möchte, lassen sich laut dem Rubikon-Modell vier Phasen unterscheiden. Diese werden bei der Umsetzung einer Absicht nacheinander durchlaufen. In der ersten Phase werden bewusst oder unbewusst die zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten und Wünsche nach ihrer Umsetzbarkeit verglichen. Hier beginnt das aktive Wollen und somit die Volition. Die Entscheidung ist getroffen und kann nicht ohne negative Folgen für das Selbstbild rückgängig gemacht werden. In der zweiten Phase muss diese Intention zur Durchführung aufrechterhalten werden. Es entwickeln sich auch konkrete Gedanken, wie genau die Absicht realisiert wird. Mit dem Übergang der Handlungsinitiierung sollte diese Phase im Optimalfall in die nächste münden. Hierbei müssen konkurrierende Wünsche und äußere Störungen abgewehrt werden und sämtliche anderen Handlungsalternativen ausgeschlossen sein. Optimal ist es, die Aufmerksamkeit auf den Beginn der Aufgabe zu lenken, um ausreichend Energie dafür zu haben und gegen Störfaktoren immun zu sein. Hierzu müssen die Aufgabenspezifischen, positiven Effekte verstärkt und die negativen vermindert werden.(Höcker et al., 2013, S. 26–27)

In der anschließenden, dritten Phase der Handlungsausführung muss diese durchgehalten werden und konkurrierende Handlungstendenzen abgeschirmt werden – selbst wenn diese im Hintergrund präsent sind, können sie den Ablauf der Hauptaufgabe stören. Es muss somit versucht werden, die Aufmerksamkeit vollständig auf die Handlungsdurchführung der wichtigen Aufgabe zu fokussieren. Besonders bei temporär neu auftretenden Störungen erfordert dies eine hohe Kompetenz an Aufmerksamkeitssteuerung und Emotionsregulierung. Die Aufgabe muss konsequent und zugleich flexibel am vorgesehenen Plan ausgerichtet sein. Damit sind eine kontinuierliche Selbstüberwachung und Willensanstrengung verbunden. Im günstigsten Fall wird anschließend mit der Erreichung des Ziels die Handlung beendet und die vierte Phase, die des Aufhörens sowie der anschließenden Bewertung beginnen können. Die postaktionale Handlungsbewertung erfolgt in Rückbezug auf die Handlungsabsicht und die Zielsetzung. Im Falle einer positiven Evaluation entsteht der Effekt der positiven Verstärkung, was auch Auswirkungen auf die potentiell zukünftigen Aufgaben haben kann.(Höcker et al., 2013, S. 27)

Zusammenfassend lassen sich im Rubikon-Modell somit die zwei wichtigen Übergänge hervorheben. Der erste liegt in der Intentionsbildung und bildet den Umbruch zwischen der Motivationsphase des Abwägens auf der einen und den Volitionsphasen des Planens und Handelns auf der anderen Seite. Es wird somit geregelt, welche Motivation den Status einer Intention erlangt und vermutlich umgesetzt wird. Der zweite wichtige Übergang ist jener von der Intentionsbildung zur Handlungsinitiierung. Dabei wird festgelegt, welche der gebildeten Intentionen realisiert wird. Genau hier setzt bei vorliegender und entsprechend hoher Prokrastinationstendenz ein Aufschiebeverhalten ein. Nach Beendigung oder Abbruch der Handlung erfolgt die Intentionsdeaktivierung und es kommt zu einem Umbruch von der volitionalen in eine motivationale Phase der Bewertung der entsprechenden Handlung bzgl. Erfolg oder Misserfolg.(J. Heckhausen & Heckhausen, 2018, S. 8)

In vielen Untersuchungen wird Prokrastination als eine Disposition ähnlich wie Dominanzstreben, Aggressivität oder Offenheit gesehen. In den Studien wird nach den kritischen Persönlichkeitsmerkmalen gefragt, die die Ausprägung der Prokrastinationstendenz vorhersagen sollen.(Höcker et al., 2013, S. 14)

2.1.2 Genese der Prokrastination

Prokrastination ist ein komplex aufgebautes Phänomen, dessen Genese laut bisheriger empirischer Daten auf drei Komponenten basiert. Grundlage bildet hierbei das Aufschiebeverhalten als Persönlichkeitsmerkmal, d.h. das Vorhandensein von Persönlichkeitseigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, emotionale Instabilität (Neurotizismus) und Impulsivität. Diese dadurch bedingte und individuell unterschiedlich ausgeprägte Prokrastinationstendenz kann sich in einem Selbstregulationsdefizit manifestieren. Charakteristisch hierfür sind eine erhöhte Ablenkbarkeit oder mangelnde Fähigkeiten zum Zeitmanagement. Den dritten Faktor bildet die jeweilige Situation und deren Wahrnehmung durch das Individuum. Dabei wird die Prokrastinationstendenz durch Merkmale wie bspw. die Schwierigkeit, Strukturiertheit und Attraktivität der anstehenden Aufgaben beeinflusst. Letztendlich bestimmen somit die Persönlichkeitsmerkmale und das jeweilige Selbstregulationsdefizit die Vulnerabilität für das situative Prokrastinationspotenzial. In Abbildung 2 ist das Zusammenspiel aus persönlichen, selbstregulatorischen und situativen Aspekten dargestellt.(Gerholz & Klingsieck, 2013, S. 125)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Modell zur Genese der Prokrastination

(Quelle: Eigene Darstellung in AnlehnungGerholz & Klingsieck, 2013, S. 125)

Die Prokrastinationstendenz steigernde Aspekte liegen in Problemen der Prioritätensetzung, einer fehlenden oder unrealistischen Planung, Defizite im Selbstmanagement und der Konzentrationsfähigkeit, sowie Ängste in Bezug auf Versagen, Kritik oder Perfektion.(Assen, 2016, S. 36–37)

Sämtliche Ansätze zur Erklärung von Prokrastination beschreiben eine Diskrepanz zwischen der Intention und der Handlung, die auf einem persönlichen Konflikt beruht.(Höcker et al., 2013, S. 33)

Häufig wird in Studien der Grad der Aufschiebetendenz erfasst und mit weiteren Persönlichkeitsmerkmalen verglichen. Hierbei ist jedoch selten die klinisch behandlungsbedürftige Ausprägung der Prokrastination gemeint. So ist bis heute nicht ganz klar, bis zu welchem Grad der Ausprägung man von Prokrastination spricht. Jedoch sind sich die unterschiedlichen Definitionen des Begriffes einig, dass prinzipiell Aktivitäten, die für die Erreichung eines wichtigen Zieles notwendig sind, zugunsten unwichtiger Tätigkeiten verschoben werden. Zudem wird festgestellt, dass die Qualität der erbrachten Leistung durch die Prokrastination leidet und dass das Aufschieben negative Gefühle beim Betroffenen auslöst.(Höcker et al., 2013, S. 9–11)

2.1.3 Abgrenzung von anderen psychischen Störungen

Da Prokrastiantionstendenzen eine dysfunktionale Art der Selbstregulation darstellen, fordern sie zugleich einen deutlichen psychischen Aufwand zur Aufrechterhaltung. Hierdurch können psychische Beeinträchtigungen mit Krankheitswert entstehen. In diesem Kontext sind Abgrenzungen zu Zwangsstörungen, Sozialphobien, Prüfungsangst, depressiven Störungen, problematischem Substanzgebraucht und auch zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu setzen. Vor allem letztere Störung stellt im Erwachsenenalter eine Arbeitsstörung dar, allerdings ist ADHS im Erwachsenenalter noch nicht klar definiert. Verbreitete Kennzeichen liegen in leichter Ablenkbarkeit, Konzentrationsstörungen und darin, Tätigkeiten häufig zu unterbrechen. Eine Abgrenzung zwischen ADHS und Prokrastination liegt darin, dass beim reinen Aufschieben die Aufgabe erst gar nicht angefangen wird, während sie beim ADHS nicht beendet wird, d.h. das Durchhalten gestört ist.(Höcker et al., 2013, S. 18–21)

Die unterschiedlichen Überlappungen, Unterscheidungsmerkmale und Differenzialdiagnosen in Bezug auf Prokrastination sind in Tabelle 1 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Abgrenzung von anderen psychischen Störungen

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung anHöcker et al., 2013, S. 21)

Bedeutsam für die Therapie und Entwicklung von Handlungsempfehlungen zur Prokrastination ist, dass auch bei möglichem Vorliegen einer komorbiden Störung die Prokrastination an sich behandelt werden kann. Dies kann bspw. durch ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen erfolgen und auch dann in Bezug auf die Prokrastination Erfolg haben kann, wenn dieses Symptom einer anderen Erkrankung ist. Aktuell sind weder im DSM-IV noch in der ICD-10 eine Definition oder Diagnostik für Prokrastination aufgeführt. Es handelt sich ähnlich wie Burnout um ein Symptom einer anderen Störung.(Höcker et al., 2013, S. 22)

2.1.4 Akademische Prokrastination

Akademische Prokrastination tritt meist im Zusammenhang mit dem Lernen oder Leistungskontrollen auf. Entsprechend sind vor allem Schüler, Studenten und in der Wissenschaft tätige Personen betroffen. Das Phänomen kann zu einer Einschränkung der Lebensqualität und der Leistungen führen. Der Hauptfaktor für die Prokrastinationstendenz liegt in den Persönlichkeitsmerkmalen, die zu Problemen im Selbst- und Zeitmanagement führen.(Höcker et al., 2013, S. 17)

Häufig führen Momente der Prokrastination auch dazu, andere Aufgaben zu erledigen, die bspw. im Haushalt anfallen und ein deutlich schnelleres Erfolgserlebnis bieten, anstelle der studienspezifischen Aufgaben. Hierdurch erfährt die Person ein Gefühl der Zufriedenheit. Dabei ist es nicht die Aufgabe selbst, sondern die subjektive Bewertung, die das Prokrastinationsverhalten auslöst. Dies ist vergleichbar mit einer Stressreaktion, wobei bei der akademischen Prokrastination besonders Perfektionismus und Versagensangst als Verstärker fungieren.(Scherenberg & Buchwald, 2016, S. 101–102)Dabei lässt sich ein nebenberufliches Fernstudium nur schwer mit einem klassischen Präsenzstudiengang im Vollzeitmodell vergleichen. Es werden ständig steigende Teilnehmerzahlen bei Fernstudiengängen verzeichnet, zudem sind diese u.a. auf Grund der zunehmenden Digitalisierung und Technologisierung immer professioneller konzipiert.(Scherenberg & Buchwald, 2016, S. 6)Doch die Digitalisierung und Flexibilisierung fördern neben dem Studienerfolg auch das Ablenken mittels Ausweichtätigkeiten, diese nehmen bei Studenten etwa ein Drittel der wachen Tageszeit ein. Die Prokrastination scheint bei Studenten ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal zu sein. Lässt man bspw. Testpersonen im Abstand von mehreren Jahren den gleichen Test machen, ähneln die Ergebnisse sich.(Passig & Lobo, 2012, S. 16–18)

Im Fernstudium kommt zu der generellen Verbreitung der neuen Medien erschwerend hinzu, dass sich bspw. Laptop und Smartphone Teil des Lernens sind d.h. es lassen sich Freizeit- und Arbeitsumgebung klar trennen, sondern diese gehen ineinander über. D.h. die Herausforderung und Prävalenz der Prokrastination wird in den kommenden Jahren vermutlich weiter steigen und die Fähigkeiten der Selbststeuerung evtl. schon in jungen Jahren (im Schulleben) präventiv begegnet werden, da hier die Anreize für Prokrastinationstendenzen festgelegt werden.(Rist et al., 2006)

Im Kontext der akademischen Prokrastination wird zunehmend auch Burnout bei Studierenden diskutiert, dieses bislang als arbeitsbezogenes Phänomen untersuchte psychische Störung untersucht.(Gusy, Lesener & Wolter, 2018, S. 90)

2.2 Aktueller Forschungsstand

Während es im englischsprachigen Raum zahlreiche Untersuchungen zur Prokrastination gibt, so sind aus Deutschland nur vereinzelt Forschungsbeiträge veröffentlicht worden. Dabei überwiegt die Untersuchung der akademischen Prokrastination im Gegensatz zu allen anderen Subkategorien. Hierbei ist zu beachten, dass das Aufschiebeverhalten bei Studierenden nicht exponentiell häufiger vorkommt, sondern Studierende lediglich einfacher zu untersuchen sind. Da es jedoch bislang keinen Unterschied zwischen den Ergebnissen der akademischen und nicht-akademischen Prokrastination gibt, lassen sich diese gut auf andere Bereiche, wie das Berufsleben, übertragen.(Rist et al., 2006)

Im englischen Sprachraum sind in den vergangenen zwanzig Jahren zahlreiche Fragebögen zur Erfassung von Prokrastination entwickelt worden. Es handelt sich um relativ spezielle Instrumente, die nur sehr eingeschränkt Arbeitsstörungen erfassen. Dabei wird häufig der Zusammenhang von Persönlichkeitsmerkmalen und der Prokrastinationstendenz erfasst. Diese werden in Kombination mit den für den Leistungsbereich spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen gesetzt. Perfektionismus wird häufig als Ursache für Prokrastination diskutiert. Dabei wird angenommen, dass Angstbesetze Aufgaben vermieden werden, wodurch mit einem Rückgang der Angst zu rechnen ist, das Aufschieben jedoch verstärkt wird. In einer 2004 in Münster durchgeführten Studie konnte hingegen gezeigt werden, dass eher diejenigen Studenten, die eine hohe Außenerwartung spüren, Prokrastination praktizieren. Eigene hohe und perfektionistische Erwartungen hingegen lassen sich nicht mit dem Aufschieben in Verbindung bringen. Die Angst vor dem Versagen wiederum steht stark mit der Prokrastinationstendenz in Verbindung. Es konnte zudem gezeigt werden, dass mit steigender Prokrastiantionstendenz die Prüfungsleistungen schwächer wurden. Wichtig hierbei ist jedoch, dass zwischen der Intelligenz und der Prokrastination kein Zusammenhang gezeigt werden konnte. Dementsprechend ist die Prokrastinationstendenz keine Frage des Intellektes, kann jedoch zu schwächeren Leistungen im Ergebnis führen. Es handelte sich in Münster um eine Präsenzuniversität. Zudem konnten bei hohen Prokrastinationswerten eine Tendenz zu depressiven Erkrankungen gezeigt werden. Eine Betrachtung der Studenten im Vergleich zeigte zudem, dass höhere Semester häufiger von Prokrastination betroffen sind, als niedrigere.(Höcker et al., 2013, S. 14–16)

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Prokrastination im Fernstudium. Analyse und Ursachen
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
44
Katalognummer
V511317
ISBN (eBook)
9783346094407
ISBN (Buch)
9783346094414
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prokrastination Fernstudium Aufschieberitis
Arbeit zitieren
Sophie Bergmann (Autor), 2019, Prokrastination im Fernstudium. Analyse und Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511317

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