Elterliche Alkoholsucht als Entwicklungsrisiko? Alkoholsucht und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung

Resilienzforschung im Kontext von Kindern alkoholabhängiger Eltern


Bachelorarbeit, 2018
63 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Einleitung

1 Methodisches Vorgehen und Fragestellung
1.1. Entwicklung der Fragestellung
1.2. Methode der Literaturrecherche, Auswahlkriterien und Reflexion

2 Theoretischer Hintergrund Suchterkrankung Alkohol
2.1. Schädlicher Gebrauch von Alkohol
2.2. Alkoholabhängigkeitssyndrom
2.3. Zahlen und Fakten zur Alkoholabhängigkeit in Deutschland

3 Auswirkungen von Alkohol während der Schwangerschaft auf das 11 Ungeborene
3.1. Fetales Alkoholsyndrom, Alkoholeffekte und deren Diagnostik
3.2. Schädliche Wirkung des Alkohols auf die Entwicklung des Ungeborenen
3.3. Epidemiologie

4 Auswirkungen der Sucht auf das System Familie mit Blick auf die Kinder
4.1. Co-Abhängigkeit
4.2. Situation der Kinder
4.2.1. Rollenmodelle Black und Wegscheider
4.2.1.1. Der Held / Verantwortungsbewusstes Kind
4.2.1.2. Der Sündenbock / Ausagierendes Kind
4.2.1.3. Das verlorene Kind / Fügsames Kind
4.2.1.4. Der Clown
4.2.1.5. Friedenstifter
4.3. Weitere Rollenmodelle
4.4. Wissenschaftliche Überprüfung der Rollenmodelle

5 Psychische-/ und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern alkoholabhängiger Eltern
5.1. Angst und Depressionen
5.2. Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen
5.3. Schulleistungen und Schulverhalten
5.4. Intelligenz
5.5. Störung des Sozialverhaltens
5.6. Somatische und psychosomatische Probleme
5.7. Gefahr der eigenen Abhängigkeit
5.8. Gewalterfahrungen, Misshandlungen, Vernachlässigungen, sexuelle Übergriffe

6 Was stärkt Kinder alkoholkranker Eltern? Grundlagen und wissenschaftliche Erkenntnisse der Resilienzforschung
6.1. Definition Resilienz
6.2. Die Entwicklung der Resilienzforschung
6.3. Charakteristika der Resilienz
6.4. Risiko- und Schutzfaktoren als Schlüsselkonzepte der Resilienzforschung
6.4.1. Das Risikofaktorenkonzept
6.4.2. Das Schutzfaktorenkonzept
6.5. Spezielle Risiko- und Schutzfaktoren für Kinder alkoholbelasteter Familien
6.5.1. Kindbezogene Risikofaktoren 41
6.5.2. Umgebungsbezogene Risikofaktoren
6.5.3. Kindbezogene Schutzfaktoren
6.5.4. Umgebungsbezogene Schutzfaktoren

7 Copingforschung
7.1. Begriff Coping
7.2. Coping-Strategien im Umgang mit Belastungen
7.3. Effektivität von Coping-Strategien

8 Beantwortung der Fragestellung und Diskussion

9 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit den Auswirkungen von elterlicher Alkoholsucht im Hinblick auf die kindliche Entwicklung. Nach Sichtung der Literatur kommt sie zu dem Schluss, dass elterliche Alkoholsucht direkte und indirekte negative Folgen auf die kindliche Entwicklung besitzt. Trotz dessen, dass diese Kinder den gleichen Risikofaktoren ausgesetzt sind, entwickeln sich nicht alle Kinder negativ. Mit Hilfe des Resilienzkonzeptes konnten spezifische Risiko- und Schutzfaktoren identifiziert werden, die die kindliche Entwicklung beeinflussen können. Demnach kann elterliche Alkoholsucht als kindliches Entwicklungsrisiko angesehen werden, welches jedoch durch resilientes Verhalten positiv beeinflusst werden kann.

Ein Appell an die Forschung besteht darin, die betroffenen Kinder, mit ihren positiven Eigenschaften vermehrt in den Mittelpunkt zu stellen um die, teils enorme, Stigmatisierung von Kindern alkoholabhängiger Eltern abzubauen, sodass neue Präventions- und Förderungsprogramme entstehen können.

Einleitung

In unserer Gesellschaft ist der Alkoholkonsum seit mehreren Jahrhunderten nicht nur ein fester Bestandteil, sondern auch im kulturellen und sozialen Leben akzeptiert. Er ist legal zu erwerben und jederzeit verfügbar. Doch wenn er über einen längeren Zeitraum andauert, kann er auch erhebliche Probleme bereiten.

In Deutschland leben laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS, 2018) geschätzte 1,6 Millionen alkoholabhängige Menschen und ebenfalls geschätzte 2,65 Millionen Kinder sind durch die Alkoholsucht ihrer Eltern direkt betroffen (DHS,2018). Trotz dieser gravierenden Zahlen, ist die Wissenschaft zum Thema Kinder alkoholabhängiger Eltern noch sehr jung. Anfang des 18. Jahrhunderts, wurde durch Oort (Zobel, 2017) auf die unterschiedlichen Risiken des elterlichen Alkoholmissbrauches hingewiesen. In den Mittelpunkt der psychologischen und klinischen Forschung gelangten die Kinder danach allerdings erst wieder in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. In diversen Studien wurde belegt, dass elterliche Alkoholsucht erhebliche Entwicklungsrisiken mit sich bringt. Demnach zeigte sich, dass Kinder deren Eltern alkoholabhängig sind, eine bis zu sechsmal höhere Wahrscheinlichkeit haben ebenfalls eine Alkoholsucht zu entwickeln (Cotton, 1979). Darüber hinaus leiden die Kinder eher an Verhaltensstörungen, psychischen und somatischen Beschwerden, werden öfter Opfer von Misshandlung und Vernachlässigung, müssen öfter Erfahrungen von sexuellen Missbrauch machen und haben laut neusten Studien einen niedrigeren Intelligenzquotienten (Moss, 1995) als Kontrollpersonen. Trotz dieser Ergebnisse lag der Fokus des Versorgungssystems lange auf der Behandlung der elterlichen Alkoholsucht; für deren Kinder fühlte sich niemand zuständig, es sei denn sie zeigten bereits psychische Auffälligkeiten (Mattejat, Lenz, Wiegand-Grefe, 2011).

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit den Entwicklungsrisiken von Kindern alkoholabhängiger Eltern. Das erste Kapitel beschreibt den theoretischen Hintergrund der Alkoholsucht. Im Anschluss werden die Auswirkungen von mütterlicher Alkoholabhängigkeit in der Schwangerschaft beschrieben, gefolgt von den Auswirkungen des Alkohols auf die gesamte Familie mit Blick auf die Kinder. Im Anschluss werden psychische und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder dargestellt. Darüber hinaus beschäftigt sich die vorliegende Arbeit damit, warum sich viele Kinder trotz abhängiger Eltern gesund entwickeln. Was zeichnet diese Kinder aus und was stärkt sie? Wie gelingt es ihnen mit der elterlichen Sucht umzugehen? Die theoretische Grundlage zur Beantwortung dieser Frage bildet das Phänomen der Resilienz, das sowohl in der wissenschaftlichen als auch populärwissenschaftlichen Psychologie zunehmend Aufmerksamkeit erfährt. Zudem werden Risiko- und Schutzfaktoren, die als wesentliche Bestandteile dieses Konzeptes gelten, näher betrachtet. Darauf aufbauend werden die speziellen Risiko- und Schutzfaktoren für Kinder alkoholabhängiger Eltern erläutert.

1. Methodisches Vorgehen und Fragestellung

Um zunächst sicherzustellen, dass die methodischen Vorgehensweisen während der Erarbeitung der Bachelorthesis nachvollzogen werden können, wird an dieser Stelle noch einmal genauer die Entwicklung der Fragestellung thematisiert. Anschließend folgen Erläuterungen zur Methode der Literaturrecherche, zu den Kriterien für die Auswahl des herangezogenen Materials.

1.1. Entwicklung der Fragestellung

Zur Entwicklung der Fragestellung ist festzuhalten, dass diese nach der Sichtung grundlegender Literatur aus dem Fachgebiet der Entwicklungspsychologie und Resilienzforschung gewählt wurde. Zunächst bestand das Ziel darin, die Entwicklungsrisiken aller psychischen Störungen aufzuzeigen, jedoch wurde schnell ersichtlich, dass dieses Thema zu allgemein gehalten war. Die Spezialisierung auf die Entwicklungsrisiken von elterlicher Alkoholsucht wurde auf Grund diverser Beispiele im Arbeitsalltag der Verfasserin gewählt. Hier wurde auch sehr deutlich, dass es auch Betroffene gibt, die sich trotz widriger Umstände normal entwickeln. Deswegen ist das Thema Resilienzforschung, insbesondere im Kontext von Kindern aus alkoholbelasteten Familien, ebenfalls als Thema aufgenommen worden.

1.2. Methode der Literaturrecherche, Auswahlkriterien und Reflexion

Um ein möglichst breites und dennoch themenspezifisches Spektrum an Literatur zu erhalten, wurden zentrale Schlüsselbegriffe, der im Vorfeld festgelegten übergreifenden Bereiche Entwicklungspsychologie, Entwicklungsrisiken, elterliche Alkoholabhängigkeit und Resilienzforschung verwendet. Die meisten Studien wurden über „googleScholar“ und „Journal of Studies on Alcohol and Drugs“ gefunden. Bei Letzteren wurde sich kostenpflichtig registriert und so bekam man diverse Studien zum gewählten Thema. Ebenso wurde die Datenbank des Hogrefe- und Springerverlages genutzt. Hierzu wurden die Kombinationen der bereits genannten Begriffe sowie folgende Schlagwörter herangezogen: Entwicklungsrisiken Alkoholabhängige Eltern, fetales Alkoholsyndrom, Alkoholabhängige Eltern, embryonale Entwicklung, Sucht System Familie, Rollenmodelle der Anpassung, Verhaltensauffälligkeiten Kinder alkoholabhängiger Eltern, Resilienzforschung, Risiko- und Schutzfaktorenkonzept. Die genannten Wörter wurden ebenfalls in der englischen Sprache übersetzt verwendet. Darüber hinaus wurde einschlägige Fachliteratur in Buchform genutzt, insbesondere um theoretische Hintergründe zu erläutern.

Bei der Auswahl der Literatur wurde versucht, Studien, Bücher und Artikel auszuwählen, die aktuell in der Diskussion von Entwicklungsrisiken von Kindern alkoholabhängiger Eltern, Relevanz besitzen. Es wurde keine zeitliche Eingrenzung der Literatur vorgenommen. Im deutschsprachigem Raum liegen wenige Studien vor, so dass sich oft auf amerikanische Studien gestützt wurde.

Zum Prozess der Literaturrecherche lässt sich festhalten, dass dieser sehr umfangreich war und viel Zeit in Anspruch nahm. Ebenso die Bewertung der einzelnen Studien nach heutiger Relevanz war teils nicht einfach. Zuletzt wurde sich deswegen für die Schilderung der Grundannahmen mit den jeweiligen Ergänzungen anderer Wissenschaftler entschieden.

2. Theoretischer Hintergrund Suchterkrankung Alkohol

In Deutschland werden Alkoholabhängigkeitserkrankungen nach dem ICD-10 in einen schädlichen Gebrauch von Alkohol (F10.1) und eine Alkoholabhängigkeit (F10.2) unterteilt (Dilling, Freyberger,2017).

2.1. Schädlicher Gebrauch von Alkohol

Nach ICD-10 ist die Diagnose des schädlichen Alkoholkonsums dann zu stellen, wenn alkoholbedingte Schäden auf psychischer oder körperlicher Ebene nachweisbar sind aber keine Hinweise auf eine Alkoholabhängigkeit gefunden werden können. Folgende Diagnosekriterien rechtfertigen laut Dilling und Freyberger (2017) einen Alkoholmissbrauch:

A. Deutlicher Nachweis, dass der Substanzgebrauch verantwortlich ist (oder wesentlich dazu beigetragen hat) für die körperlichen oder psychischen Schäden, einschließlich der eingeschränkten Urteilsfähigkeit oder des gestörten Verhaltens, das zu Behinderung oder zu negativen Konsequenzen in den zwischenmenschlichen Beziehungen führen kann.
B. Die Art der Schädigung sollte klar festgestellt und bezeichnet werden können.
C. Das Gebrauchsmuster besteht mindestens seit einem Monat oder trat wiederholt in den letzten zwölf Monaten auf.
D. Auf die Störung treffen die Kriterien einer anderen psychischen oder Verhaltensstörung bedingt durch dieselbe Substanz zum gleichen Zeitpunkt nicht zu (außer akute Intoxikation).

Die Grenze zwischen schädlichem Alkoholkonsum und einer Abhängigkeit ist oft fließend und nicht klar abzugrenzen. Trotz dessen unterscheidet sich das Trinkverhalten der Personen mit einem schädlichen Alkoholkonsum deutlich von denen die an einer Abhängigkeit leiden. Die Personen verfügen zumeist über ein sozial angemessenes Trinkverhalten, was Situationsangepasst scheint. Dies wird aber phasenweise durch übermäßiges Trinkverhalten abgelöst. Ebenso trinken die meisten Menschen dieser Gruppe nicht täglich und es bestehen keine körperlichen Entzugserscheinungen. Nichts desto trotz hat bereits der schädliche Gebrauch von Alkohol negative Auswirkungen auf die direkten Angehörigen und das soziale Umfeld.

2.2. Alkoholabhängigkeitssyndrom

Bei einem Abhängigkeitssyndrom wird zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit unterschieden. Eine körperliche Alkoholabhängigkeit ist gegeben, wenn es zu einer Toleranzsteigerung und einem Entzugssyndrom kommt. Eine psychische Abhängigkeit liegt vor, wenn folgenden Symptome auftreten:

- Gesteigertes Verlangen nach Alkohol
- Mangelnde Fähigkeit, den Konsum zu kontrollieren
- Zentrierung des Denkens und Strebens nach Alkohol
- Fortsetzung des Konsums trotz subjektiv wahrgenommener negativer Konsequenzen (Klein, Hoff, Pauly, 2005)

Die Diagnosekriterien laut ICD-10 definieren ein Alkoholabhängigkeitssyndrom wie folgt:

Es müssen drei der folgenden Kriterien zusammen für mindestens einen Monat lang bestand haben, wenn sie nur über einen kürzeren Zeitraum bestanden haben, sollten sie innerhalb von zwölf Monaten wiederholt bestanden haben.

1. Ein starkes Verlangen oder Zwang, Alkohol zu konsumieren.
2. Eine verminderte Kontrolle über den Alkoholgebrauch.
3. Ein körperliches Entzugssyndrom, wenn der Alkohol reduziert wird.
4. Eine Toleranzentwicklung gegenüber dem Alkohol.
5. Einengung auf den Alkoholkonsum, andere Aufgaben werden vernachlässigt um zu konsumieren.
6. Andauernder Alkoholkonsum trotz eindeutiger schädlicher Folgen (Dilling, Freyberger, 2017).

Die klinische Diagnose eines Alkoholabhängigkeitssyndroms stützt sich demnach auf die Erfassung des Alkoholkonsums und auf medizinische und psychosoziale Folgeschäden (Klein, Hoff, Pauly, 2005).

2.3. Zahlen und Fakten zur Alkoholabhängigkeit in Deutschland

Alkohol zählt als das verbreitetste Rauschmittel überhaupt. In Deutschland leben laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS, 2018) geschätzte 1,6 Millionen alkoholabhängige Menschen und ebenfalls geschätzte 2,65 Millionen Kinder sind durch die Alkoholabhängigkeit ihrer Eltern direkt betroffen (vergleich DHS,2018). Wobei die Dunkelziffer noch deutlich über dieser Schätzung zu vermuten ist. Im internationalen Ranking liegt Deutschland damit im oberen Zehntelbereich (Bätzing, 2009).

3. Auswirkungen von Alkohol während der Schwangerschaft auf das Ungeborene

Mutter und Ungeborenes bilden währen der Schwangerschaft eine Einheit und sind über die Nabelschnur und die Plazenta verbunden. Nimmt die Schwangere Alkohol zu sich, verbreitet sich dieser nicht nur in ihrem Körper, sondern gelang auch in den Kreislauf des ungeborenen Kindes. Alkohol ist ein Zellgift und kann Organe und Nerven des Ungeborenen schädigen. Dadurch ist Alkohol in der Schwangerschaft ein direktes Entwicklungsrisiko für das Kind.

3.1. Fetales Alkoholsyndrom, Alkoholeffekte und deren Diagnostik

Beim Fetalen Alkoholsyndrom handelt es sich um eine Schädigung in der Embryonal- und Fetalzeit, bedingt durch Alkoholkonsum der Mutter (Löser, 1995). Alkohol wirkt toxisch auf die, noch in der Entwicklung befindlichen, Organe des Ungeborenen. Besteht eine Schädigung von Organen und Zellen durch Alkoholkonsum der Mutter, liegt das Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms oder auch Alkoholembryopathie genannt vor. Alkohol und dessen Abbauprodukt Acetaldehyd kann die gesamte Schwangerschaft über eine Vielzahl von Veränderungen beim Ungeborenen bewirken. Betroffene Kinder leiden sowohl körperlich, geistig, intellektuell und können in ihrer sozialen Entwicklung beineinträchtig sein.

Zu dem Vollbild des fetalen Alkoholsyndroms kommt es nicht immer. Die Übergänge sind fließend. Alkohol kann das Gehirn schädigen, auch ohne die typischen körperlichen Merkmale eines Kindes mit fetalem Alkoholsyndrom zu zeigen. Hier spricht man von Alkoholeffekten. Diese können unter anderen Leistungsstörungen oder Verhaltensveränderungen darstellen (Löser, 1995).

Zur Sicherung der Diagnose eines fetalen Alkoholsyndroms steht den Medizinern seit Dezember 2012 (Update 2016) eine Leitlinie zur Verfügung, die erstmalig, im deutschen Raum, eine evidenz- und konsensbasierte Diagnostik ermöglicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Algorithmus zur Abklärung eines Fetalen Alkoholsyndroms (Landgraf, Heine, 2016)

Die Abbildung beschreibt den Algorithmus der Diagnosestellung laut Leitlinie. Wenn der Verdacht eines fetalen Alkoholsyndroms besteht, erfolgt eine Überweisung zu einem Spezialisten. Dieser prüft anhand der drei Säulen, ob das Kind Auffälligkeiten aufzeigt. Wenn ja gilt die Diagnose als gesichert. Wenn nicht, müssen Beobachtungen der Entwicklung dokumentiert werden und bei einem weiteren Verdacht startet die Diagnostik erneut durchgeführt werden. Die Leitlinie besagt ebenfalls, dass alle Berufsgruppen interdisziplinär miteinander arbeiten sollen. Sobald eine Person, ganz gleich ob einer Hebamme, einer Erzieherin oder einem Arzt, einen Verdacht hegt, sollte dieser diagnostisch abgeklärt werden. Je früher eine Diagnose gesichert ist, desto effektiver können Hilfemaßnahmen greifen.

3.2. Schädliche Wirkung des Alkohols auf die Entwicklung des Ungeborenen

Wenn eine Frau in der Schwangerschaft Alkohol konsumiert, kann dieser die Plazenta ungehindert passieren und gelang in etwa gleicher Konzentration zum Embryo. Nur mit dem Unterschied, dass der Embryo deutlich kleiner ist und die toxische Wirkung dadurch um ein Vielfaches höher einzuschätzen ist.

In der folgenden Abbildung von Merzenich 2002, wird dargestellt, in welcher embryonalen Entwicklungsphase die Wirkung des Alkohols welche Schädigung bewirken kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kritische Phasen der embryonalen und fetalen Entwicklung und vulnerable Zeitfenster gegenüber teratogenen Stoffen (Merzenich, 2002)

In der Phase der Befruchtung bis zur Einnistung verursacht der Alkohol keine bleibenden Schäden beim Embryo. Es zählt das „Alles oder nichts Prinzip“. Das bedeutet, dass der Embryo entweder gesund ist oder es zu einem Abort kommt. Laut Merzenich sind das die ersten 7 bis 10 Tage nach der Befruchtung der Eizelle. Das körperliche Wachstum des Embryos ist während der gesamten Schwangerschaft beeinträchtigt. Zur Gewichtunterschieden zu Embryos ohne Alkoholintoxikation kommt es im letzten Trimester der Schwangerschaft. Das zentrale Nervensystem ist die gesamte Schwangerschaft über sensibel für die Wirkung des Alkohols.

Neugeborene Kinder, die an einem FASD leiden, sind deutlich kleiner und leichter als Babys ohne FASD. Wobei das Längenwachstum weniger betroffen ist als die Größe des Kopfumfanges und das Gewicht des Kindes (Bergmann, 2006). Darüber hinaus weisen diese Neugeborenen deutliche Gesichtsfehlbildungen auf. Wie auf der folgenden Abbildung von Löser zu erkennen, gibt es bei Kinder, die an FASD leiden deutliche charakteristischen Veränderungen der Gesichtszüge.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Darstellung der typischen kraniofazialen Veränderungen (Löser, 1995)

Es lassen sich eine Verflachung und Verkürzung des Mittelgesichts feststellen, das Lippenrot ist weniger ausgeprägt und die Lippen sind schmaler, ebenso weisen diese Kinder schmale und verkürzte Lidspalten auf. Die Augenbrauen sind zumeist sehr weit auseinanderliegend und nur dezent ausgeprägt. Die Ohren der Kinder die ans FASD leiden sind nach hinten gedreht, stehen tiefer, häufig sind sie unterschiedlicher Größe und haben eine spärlich ausgeprägte Ohrmuschel. An den Zähnen lassen sich größere Zwischenräume erkennen (Löser, 1995). Ebenso wie die äußeren Merkmale, sind auch innere Organe und Genitalien von der Schädigung durch Alkohol betroffen. Das Herz kann in seiner Funktion und Entwicklung geschädigt worden sein. Bei den Genitalfehlbildungen kommt bei Jungen der Hodenhochstand und bei Mädchen eine Klitorishypertrophie am häufigsten vor (Löser, 1995). Ebenso kann es zu Fehlbildungen des Skeletts, der Gelenke und zu Störungen im Bindegewebe kommen. Häufig zu beobachten sind nur dezent ausgeprägte Handlinien.

Bei übermäßigem mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann es nach der Geburt des Kindes zu Entzugserscheinungen des Kindes kommen. Diese Kinder zittern, können Krampfanfälle erleiden und haben zumeist einen niedrigeren Blutzuckerspiegel. Zudem kann es, aufgrund von Schluckkoordinationsstörungen und Saugschwäche, zu Störungen der Nahrungsaufnahme kommen (Adler, 2006).

3.3. Epidemiologie in Deutschland

Die Häufigkeit des Fetalen Alkoholsyndroms und Alkoholeffekte unterscheidet sich in Bezug auf Land, Region und sozialer Herkunft und ist abhängig von der Stellung des Alkohols in der jeweiligen Gesellschaft.

In der Literatur findet man unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Angaben über die Häufigkeit der erkrankten Kinder. Dies ist vermutlich der hohen Dunkelziffer und den Schwierigkeiten der Diagnosestellung geschuldet. Für diese Arbeit wurden die am häufigsten genannten Angaben in der Literatur verwendet, jedoch mit der Gewissheit, dass diese Zahlen keine exakt empirischen Zahlen sind, sondern Schätzungen.

In Deutschland werden etwa 1200 Neugeborene pro Jahr geboren, die bereits bei der Geburt die Diagnose Fetales Alkoholsyndrom erhalten (Zobel, 2017). Die Dunkelziffer schätzt Spohr (1990) auf 2000-300 Kinder, Leiber und Olbrich (Schenk, 1993) gehen sogar von 5000-6000 Kindern aus. Nach Löser (1995) werden 1:300 Kindern mit einem Fetalen Alkoholsyndrom geboren. In diese Zahlen sind Aborte und Kinder mit geringen Störungen nicht aufgezählt.

Die Zahlen zeigen, dass Alkohol währen der Schwangerschaft eine der häufigsten Ursachen für eine geistige und körperliche Behinderung darstellt.

4. Auswirkungen der Sucht auf das System Familie, mit Blick auf die Kinder

Lange Zeit wurden die Kinder von alkoholabhängigen Eltern in der Forschung nicht beachtet. Dies änderte sich 1969, als Cork seine Arbeit „The forgotten children“ veröffentlichte, in der er diverse Auffälligkeiten von Schulkindern aus suchtbelasteten Familien beschrieb (Zobel, 2017). Im Anschluss gab es unterschiedliche populärwissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesem Thema und so wurde dieses der Allgemeinbevölkerung zugänglich gemacht.

Insbesondere Ursula Lambrou machte das Thema mit ihrem Buch „Familienkrankheit Alkoholismus“ bekannter. Sie beschrieb darin die Stimmungen und unausgesprochenen Gesetzte der Abhängigkeitsfamilien. Alkoholabhängigkeit eines oder beider Elternteile hat direkte und indirekte Auswirkungen auf die gesamte Familie. Insbesondere sind allerdings die Kinder betroffen, da diese sich meist nicht selbstständig helfen können und ihnen dadurch nur die Anpassung an die jeweilige Situation bleibt. Das alltägliche Leben aller Familienmitglieder ist, nach Lambrou 1990, grundlegend verändert. Zudem gibt es meist keine klaren Regeln und Grenzen. Wenn diese doch vorhanden sind, dann variieren sie je nach Alkoholpegel. Die Kinder werden durch das unberechenbare Verhalten des Abhängigen Elternteils massiv verunsichert und werden zu Reagierenden. Sie beobachten die Situationen und reagieren auf die Stimmungen des abhängigen Elternteils. Dadurch vernachlässigen sie ihre eigene Wahrnehmung, was direkte und indirekte Folgen auf die Entwicklung der Kinder hat.

4.1. Co-Abhängigkeit

Als Co-Abhängigkeit werden Verhaltensweisen und Handlungen bezeichnet, die die Suchterkrankung des abhängigen aufrecht zu erhalten (Fengler, 1994). Verhaltensweisen, die das Suchverhalten eines Abhängigen unterstützen sind zum Beispiel:

- Mit dem Partner gemeinsam trinken
- Über seinen Alkoholkonsum hinwegsehen, es zu ignorieren oder so zu tun als wenn es keine Probleme geben würde
- Die negativen Konsequenzen rechtfertigen.
- Den abhängigen Partner vor Kritik und Konfrontation schützen (Klein, Hoff, Pauly, 2005)

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Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Elterliche Alkoholsucht als Entwicklungsrisiko? Alkoholsucht und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung
Untertitel
Resilienzforschung im Kontext von Kindern alkoholabhängiger Eltern
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
63
Katalognummer
V511510
ISBN (eBook)
9783346092021
Sprache
Deutsch
Schlagworte
elterliche, alkoholsucht, entwicklungsrisiko, auswirkungen, entwicklung, resilienzforschung, kontext, kindern, eltern
Arbeit zitieren
Jennifer Wesemann (Autor), 2018, Elterliche Alkoholsucht als Entwicklungsrisiko? Alkoholsucht und deren Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511510

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