Die Soziale Netzwerkarbeit und ihre Anwendung im Elementarbereich


Seminararbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das soziale Netzwerk
2.1 Primäre Netzwerke
2.2 Sekundäre Netzwerke
2.3 Tertiäre Netzwerke

3. Soziale Netzwerkarbeit
3.1 Die soziale Netzwerkanalyse
3.2 Die Netzwerkkarte

4. Soziale Netzwerkarbeit im Elementarbereich
4.1 Entwicklungspsychologische Grundlagen
4.2 Praxisbeispiel: Fallschilderung
4.3 Erstellung einer Netzwerkkarte
4.4 Konsequenzen für die pädagogische Arbeit

5. Chancen und Herausforderungen sozialer Netzwerkarbeit

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Jeder Mensch bewegt sich in sozialen Gefügen. Sei es die Familie, der Freundeskreis, die freundliche Nachbarin, die immer die Pakete entgegen nimmt, die „Instagram“-Freundin, der man noch nie persönlich begegnet ist, aber gemeinsam die gleichen Blogs verfolgt, oder der junge Mann vom Pflegedienst, der täglich zur Medikamentengabe ans Pflegebett kommt. Um es mit John Donnes Worten zu sagen: „Niemand ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen“ (1624). Dieses Zitat scheint auch fast 400 Jahre später aktueller denn je. Gerade im Hinblick auf aktuelle politische Entwicklungen, die einen deutlichen „Rechtsruck“ erkennen lassen, die die Augen vor dem Elend flüchtender Menschen verschließen und durch Waffenexporte dafür sorgen, dass die Lage in Krisengebieten sich nur weiter verschärft. Wenn die Natur ausgebeutet wird, um Industrienationen weiter erstarken zu lassen und Entwicklungsländer immer weiter verarmen, dann scheint es als würden die Machthaber*innen ganz und gar nicht im Sinne des „menschlichen Kontinents“ handeln, sondern egoistisch nur ihre Insel sehen.

Was ein soziales Netzwerk überhaupt konkret ist, wozu man soziale Netzwerkarbeit braucht, wie man es analysiert und visualisiert, soll in dieser Arbeit verdeutlicht werden. Zudem wird das Arbeitsfeld der Elementarpädagogik im Kontext von sozialer Netzwerkarbeit beleuchtet. Im Fazit soll eine Antwort auf die Frage „Welche Konsequenzen ergeben sich für die sozialarbeiterische Praxis unter Berücksichtigung der Chancen und Herausforderungen sozialer Netzwerkarbeit?“ gefunden werden. Zuvor werden diese beiden Aspekte näher betrachtet. Zudem sollen auch explizit die Konsequenzen für die Arbeit im Elementarbereich am Ende benannt werden können.

2. Das soziale Netzwerk

Um die Soziale Netzwerkarbeit als Konzept der sozialarbeiterischen Praxis verstehen zu können, ist es eingangs erforderlich, den Begriff „Soziales Netzwerk“ zu konstatieren. Schon lange bevor man Soziale Netzwerke im Sinne von Internetplattformen kannte, hat Radcliff-Brown 1940 die Bezeichnung „Netzwerk sozialer Beziehungen“ verwendet und definiert es als „Geflecht realer sozialer Beziehungen“ (1940, S. 222 zit. nach Bullinger, Nowak 1998, S. 65). An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, den Begriff des sozialen Netzwerks von dem der Gruppe abzugrenzen. Eine soziale Gruppe besteht aus direkten, meist starken Beziehungen in der primären Umgebung einer Person, die mit einem hohen Zeitaufwand, Vertrauen und Verbindlichkeit unter den Mitgliedern einhergehen (Schubert 2018, S. 36). Beim Konzept des Netzwerks werden neben den direkten Kontakten auch die indirekten einbezogen. Auch lockere Beziehungen werden erfasst. Diese können sowohl punktuell als auch instrumentell sein (ebd., S. 37). „Während es in der Gruppe nur die Pfadlänge 1 gibt, weil jede Person mit jeder anderen direkt verbunden ist, weist ein Netzwerk eine lockerere Struktur mit teilweise großen Pfaddistanzen auf (Man kennt jemanden, der jemanden kennt ...)“ (ebd.). Friedrich definiert das Konstrukt wie folgt: „Das soziale Netzwerk eines Menschen besteht aus seinen vielfältigen Kontakten und Beziehungen zu anderen Menschen. Diese können ihm unterschiedlich nahestehen und auf unterschiedliche Weise mit ihm verbunden sein. Sie gehören zu verschiedenen Lebensbereichen [...]“ (Friedrich 2012, S. 29). Die Netzwerkmitglieder lassen sich in professionelle und informelle Kontakte unterscheiden. Im Idealfall überwiegen die informellen, welche das primäre Netzwerk aus Verwandten, Freund*innen und Nachbar*innen bilden. Ebenfalls gibt es aber auch noch die sekundären und tertiären Netzwerke (ebd.). Diese drei Formen werden in den nächsten Gliederungspunkten genauer erläutert. Eine weitere Definition liefert Bronfenbrenner. Er sieht „das Netzwerk-Konzept als System überschreitender Beziehungen zwischen den Mikro-, Meso-, Exo- und Makro-Bereichen“ (1976 zit. nach Kirschniok 2010, S. 37). Und auch Nestmann beschreibt das soziale Netzwerk als Brücke zwischen dem primären Umfeld von Individuen und ihren „Beziehungen zu weitergehenden sozialen Gemeindestrukturen“ (1989 zit. nach Bullinger, Nowak 1998, S. 64).

Aber wozu braucht ein Mensch überhaupt ein Soziales Netzwerk? Es bietet soziale Integration im Sinne von Vermittlung von Informationen, Verhaltensnormen, Sozialkompetenz und Anerkennung. Des Weiteren erhalten die Akteur*innen soziale Unterstützung in „materieller, kognitiver und emotionaler Hinsicht“ (Kirschniok 2010, S. 28). Es kann von einem „Puffereffekt“ gesprochen werden, wenn die Unterstützung „zur Bewältigung einer Belastungssituation beiträgt“ (Bullinger, Nowak 1998, S. 105). Natürlich ist es auch möglich, dass soziale Beziehungen die genannten Aspekte nicht liefern und gegenteilig eher zu Ärger führen und das Wohlbefinden stören. Abschließend für diesen Gliederungspunkt sei noch eine aktuelle Entwicklung genannt, die „Akteur­Netzwerk-Theorie“. Mit ihr soll ein modernes Netzwerkverständnis entstehen, welches sich nicht mehr allein auf menschliche Beziehungen, sondern auf das Zusammenspiel von humanen und nichthumanen Elementen, wie Tieren, Institutionen und Programmen, konzentriert (Schubert 2018, S.57).

2.1 Primäre Netzwerke

Ein primäres Netzwerk bezieht sich auf den mikrosozialen Lebensbereich eines Menschen. Man wird entweder hineingeboren oder hat es sich selbst gewählt. Man bezeichnet sie auch als lebensweltliche, informelle Netzwerke. Auf der Mikroebene lassen sich vier Bereiche unterscheiden. Das familiäre Netzwerk, wozu Eltern, Kinder und Geschwister zählen. In den ersten Lebensjahren stellt es das wichtigste für einen Menschen dar. Unter das verwandtschaftliche Netzwerk fallen die Großeltern, Enkel*innen, Onkel, Tanten, Cousine usw.. Das nachbarschaftliche Netzwerk umfasst die Kontakte im Wohnumfeld. Wie Bullinger und Nowak aber bereits vor 20 Jahren beschrieben, bleiben diese Beziehungen aufgrund häufiger Umzüge und beruflicher Mobilität heute eher oberflächlich (1998, S. 70f). Zuletzt sei das freundschaftliche Netzwerk genannt, welches sich auf selbst ausgewählte soziale Kontakte bezieht. Es erlangt „in einer Gesellschaft mit vielen ,Bastelbiographien‘ (Ulrich Beck) eine relativ immer größer werdende Bedeutung und damit Anteil am gesamten Netzwerk eines Individuums“ (ebd., S. 75). Es kommt sogar vor, dass familiäre Netzwerke durch diese selbstgewählten Beziehungen ersetzt werden. Ihre spezifischen Funktionen sind die „Vermittlung von Gefühlen, Aufbau von Vertrauen und Mobilisierung von Hilfe und Unterstützung“ (Schubert 2018, S. 62).

Kurz sei noch das Prinzip der Reziprozität erwähnt. Es „meint die Balance zwischen Nehmen und Geben in Unterstützungsbeziehungen“ (Friedrich 2012, S. 35). Enge Beziehungen, wie sie im primären Netzwerk zu finden sind, erlauben ein längeres Ungleichgewicht in dieser Balance. „Unterstützungsschulden“ müssen nicht sofort beglichen werden. Allerdings, so Bullinger und Nowak, darf das Potential primärer Netzwerke nicht überschätzt werden. Nicht für alle Notsituationen reicht die Hilfe auf Mikroebene aus (1998, S. 117).

2.2 Sekundäre Netzwerke

Die sekundären Netzwerke sind auf der Makroebene angesiedelt und sind somit öffentlich organisierte oder privat marktwirtschaftliche Netzwerke. Die Individuen werden in sie hineinsozialisiert, ihr Alltag wird durch sie geprägt. Der Arbeitsplatz, die Kindertagesstätte, Schulen, Universitäten, Dienstleistungen, vor allem im Bereich der sozialen Dienste, staatliche Behörden, all jene können als „Sozialisationagenturen“ bezeichnet werden (Bullinger, Nowak 1998, S. 82). Oft besteht eine materiell-soziale Abhängigkeit von diesen Institutionen, so dass sie für jeden Menschen von großer Bedeutung sind. Neuere Entwicklungen beschreiben die Strukturen innerhalb dieser sekundären Netzwerke als „organisierte Netzwerke“, welche aus professionellen, interdisziplinären Kontexten heraus entstehen. Dies bezieht sich sowohl auf marktbasierte Kooperationen im Profit-Sektor als auch auf die Kooperationen zwischen öffentlichen, zivilgesellschaftlichen und sozialwirtschaftlichen Institutionen im Non­Profit-Sektor (Beispiel Case-Management). Es soll ein höherer Nutzen für die Adressat*innen erzielt werden, die Systeme werden so aber auch zunehmend komplexer und schwerer zu überblicken (Schubert 2018, S.67). Dies bedeutet, dass Akteur*innen nötig werden, die zwischen den Individuen und den Institutionen vermitteln: die mesosozialen beziehungsweise tertiären Netzwerke.

2.3 Tertiäre Netzwerke

Die tertiären Netzwerke befinden sich auf einer mittleren Ebene zwischen den primären und sekundären Netzwerken. Sie dienen entweder als Alternative zu den beiden ersten Formen oder vermitteln zwischen ihnen (Bullinger, Nowak 1998, S. 85). Hierbei seien vor allem die intermediären professionellen Dienstleistungen genannt. Darunter zählen unter anderem Rechtsanwält*innen, Makler*innen, Berufsberater*innen und Sozialarbeiter*innen. „All diese Tätigkeiten zeichnen sich dadurch aus, daß die darin professionell Tätigen gelernt haben, zu beraten, Orientierung zu geben u.ä.“ (ebd., S. 87). Besondere Beachtung gilt auf der Mesoebene dem Arbeitsprinzip der Gemeinwesenarbeit. „Die persönlichen Netzwerke der Familie, der Freunde und Bekannten sowie der Arbeitskolleginnen und -kollegen werden durch fachliche Interventionen und Angebote in der Nachbarschaft und im Stadtquartier zu einem Lebenszusammenhang integriert. Die Gemeinwesenarbeit versteht sich dabei als intermediärer Vermittler [...]“ (Schubert 2018, S. 65).

Zum Prinzip der Reziprozität sei gesagt, dass dieses im Bezug auf professionelle Hilfen ausgehebelt ist. „Profis ist man nichts schuldig, sie erhalten schließlich eine finanzielle Entlohnung für ihre Dienste“ (Friedrich 2012, S. 31).

3. Soziale Netzwerkarbeit

Die soziale Netzwerkarbeit kann ebenso wie Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Case Management usw. als Methode, Arbeitsweise oder auch Handlungsmodell der Sozialen Arbeit bezeichnet werden (Bullinger, Nowak 1998, S. 13). Der Blick soll sich vom isolierten Einzelfall lösen und stärker die Klient*innen in ihrer sozialen Umwelt, ihren Beziehungsnetzen, betrachten. Dazu baut sie auf Befunde aus der sozialen Netzwerkforschung auf und bedient sich unterschiedlicher Techniken zur Analyse der Beziehungsnetze (Deinet 2009, S. 289). Voraussetzung ist zunächst, dass die Klient*innen eine positive Netzwerkorientierung aufweisen, also dass sie überhaupt gewillt sind, Unterstützung aus dem Privatbereich anzunehmen beziehungsweise erst einmal darum zu bitten. Ist dies nicht der Fall, sollte zunächst Biografiearbeit stattfinden, in der die Sozialarbeiter*innen behutsam vorgehen und neue, positive, wenn auch nur wenige Netzwerkerfahrungen befördern (Friedrich 2010, S. 78f). Ziel der sozialen Netzwerkarbeit ist es, Klient*innennetzwerke zu erhalten, auszubauen, zu vertiefen, zu „sanieren“ und/oder zu stärken, um Unterstützungsressourcen und Selbsthilfepotentiale (besser) nutzbar zu machen (Deinet 2009, S. 285). Laut Friedrich beinhaltet die Soziale Netzwerkarbeit zwei aufeinander folgende Schritte: Die Netzwerk- und Unterstützungsanalyse und die Netzwerkaktivierung (2010, S. 63).

Die folgenden beiden Gliederungspunkte sollen einen konkreteren Einblick in die Methode „soziale Netzwerkarbeit“ ermöglichen. Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit wird nur die soziale Netzwerkanalyse als Handlungsmodell innerhalb der Sozialen Netzwerkarbeit ausführlicher vorgestellt und anschließend die Netzwerkkarte als Technik der Netzwerker*innen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Soziale Netzwerkarbeit und ihre Anwendung im Elementarbereich
Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn
Veranstaltung
Soziale Netzwerkarbeit/Gemeinwesenarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V511513
ISBN (eBook)
9783346093394
ISBN (Buch)
9783346093400
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerkarbeit, Elementarbereich, Kindertagesstätte, Netzwerkkarte, Sozialraumorientierung
Arbeit zitieren
Lena Gelbke (Autor:in), 2019, Die Soziale Netzwerkarbeit und ihre Anwendung im Elementarbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511513

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