Musik als Medium der Biografiearbeit im Kontext von Demenz


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dimensionen von Biografie

3. Biografiearbeit

4. Funktionen der Biografiearbeit
4.1 Identität und Integration
4.2 Stressbewältigung
4.3 Aktivierung von Ressourcen

5. Biografiearbeit und Demenz
5.1 Ziele der Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen
5.2 Das Krankheitsbild Demenz
5.3 Was muss die Biografiearbeit in der Kommunikation mit demenzerkrankten Menschen beachten?

6. Musik als Medium in der Biografiearbeit im Kontext von Demenz
6.1 Wie kommt Musik Menschen mit Demenz entgegen?
6.2 Warum ist Musik ein geeignetes Medium in der Biografiearbeit?
6.3 Wie kann sich die Biografiearbeit die Charakteristika der Musik nutzen?
6.4 Wo stößt Musik in der Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen an ihre Grenzen?

7. Zusammenfassung

8. Ausblick

9. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

BMFSFJ= Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

ebd.= ebenda

et al.= und andere

etc.= Et cetera

f.= folgend

ff.= fortfolgende

z. B.= zum Beispiel

1. Einleitung

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erin- nern, um davon zu erzählen.“ (Gabriel García Márquez, 2002, 7).

Erinnerungen sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität. Sie helfen uns bei der Verar- beitung, Interpretation und Gestaltung des Alltags und formen das Leben zu einem stimmigen Ganzen (Specht-Tomann 2018, S. 58). Sie werden durch Wiederholungen und Modifikationen fest im autobiografischen Gedächtnis eingeschrieben und können bei Bedarf herangezogen werden. Durch die Rekonstruktion der Erinnerungen wird die eigene Identität immer wieder neu geformt (ebd., S. 57). Diese Funktion ist besonders gefragt, wenn Verluste, Krankheiten und Orientierungslosigkeit den Alltag bestimmen und den bisherigen Lebensweg in Zweifel ziehen (Hölzle 2009b, S. 35). Im letzten Lebensabschnitt wird der Mensch allerdings nicht nur vor die Herausforderung gestellt, Brüche und Krisen in seine Lebensgeschichte zu integrieren, sondern auch eine Bilanz über sein gelebtes Leben zu ziehen. Wenn es gelingt, das Leben trotz Fehler zufrieden anzunehmen, kann der verbleibenden Zeit mit einer inneren Gelassenheit entgegengeblickt werden. Allerdings stellt sich die Frage, wie eine erfolgreiche Lebensrevision gelingen kann, wenn infolge von demenziellen Erkrankungen der Bezug zur Vergangenheit zunehmend verblasst (Wickel 2009a, S. 254). Wie können Erinnerungen vor diesen Vorausset- zungen dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden?

Die Hausarbeit greift diese Problematik auf und untersucht, welchen Stellenwert Musik in der Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen einnimmt. Dabei werden sowohl die Biogra- fiearbeit als auch die Demenz in einen theoretischen Gesamtzusammenhang eingeordnet.

Daran anknüpfend wird Musik als Kommunikationsmedium in der Biografiearbeit mit demenz- erkrankten Menschen beleuchtet. Um den Stellenwert der Musik in diesem Kontext angemes- sen beurteilen zu können, werden im fünften Kapitel vier verschiedene Teilaspekte beleuchtet. Folgende Fragen verdeutlichen die Schnittstellen zwischen Biografiearbeit, Demenz und Musik: Wie kommt Musik Menschen mit Demenz entgegen? Warum ist Musik ein geeignetes Medium in der Biografiearbeit? Wie kann Biografiearbeit die Charakteristika der Musik nutzen? Wo stößt Musik in der Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen an ihre Grenzen? Nach einer zusammenfassenden Betrachtung der Ergebnisse soll die Bedeutung der Musik in der Biografiearbeit vor dem Hintergrund der derzeitigen demografischen Entwicklung in den Blick genommen werden.

2. Dimensionen von Biografie

Der Begriff ‚Biografie‘ hat seinen Ursprung im Griechischen (bios= leben, gráphō „ritzen, ma- len, schreiben“) und kann als ‚Lebensbeschreibung‘ übersetzt werden. Diese Begriffsbestim- mung weist bereits darauf hin, dass es sich bei der ‚Biografie‘ um ein „aktives Gestaltungspro- dukt […], ein Ergebnis von reflexiven, selektiven und gestaltenden Prozessen“ (Hölzle 2009b, S. 31), handelt. Im Gegensatz zu dem Terminus ‚Lebenslauf‘, der umgangssprachlich als Synonym für den Begriff ‚Biografie‘ verwendet wird, erfasst eine Biografie nicht nur den zeitlichen Ver- lauf biografischer Daten, sondern auch die subjektive Bedeutung, die diesen beigemessen wird (Miethe 2011, S. 11). Demzufolge muss die interpretative Rekonstruktion nicht mit der chrono- logischen Zeitabfolge des Lebenslaufes zusammenfallen, da nur biografisch bedeutungsvolle Erfahrungen aktualisiert werden (Hartogh 2005, S. 91). Biografien sind insofern bedeutungs- strukturiert, als Ereignisse vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen selektiert und mit Bedeutung versehen werden (Miethe 2011, S. 13 f.).

Biografien sind zudem subjektive Konstruktionen, die immer nur für die Person selbst Gültig- keit beanspruchen (Miethe 2011, S. 16 f.). Die Aneignung von Ereignissen erfolgt nicht objek- tiv, sondern über individuelle Deutungsmuster. Diese bilden ein Gefüge von Interpretationsre- geln, nach denen die Erfahrungen einer Person zu einer sinnhaften, ihre Relevanzbereiche bestimmenden Realität eingeordnet werden (Gudjons et al. 1999, S. 32). Die Muster zur Inter- pretation von Ereignissen werden dabei sowohl von der individuellen Lebensgeschichte als auch von äußeren Einflussfaktoren, wie z. B. gesellschaftlichen, historischen, sozialen und kul- turellen Bedingungen, mitbestimmt (ebd., S. 28 ff.). Da individuelle Deutungs- und Handlungs- schemata „auf kulturelle Ressourcen als Interpretationsrahmen [zurückgreifen]“ (Hartogh 2009, S. 91; Grammatikalische Anpassung: S.J.), bewegen sich Biografien im Spannungsfeld zwischen Individualität und Sozialität. Biografien sind zudem Ausdruck strukturierter Selbstbil- der, die sich in Abhängigkeit zur Lebenslage und dem jeweiligen Selbstverständnis ändern kön- nen. Dementsprechend ist eine Umdeutung oder Neuinterpretation von Ereignissen möglich. Eine Biografie ist somit kein statisches Gebilde, sondern ein offener Prozess, der in seiner „Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ (Hartogh 2009, S. 91. f.) fortge- schrieben wird.

3. Biografiearbeit

„Der Begriff ‚Arbeit‘ im Kontext von Biografie verweist auf einen absichtsvollen, bewussten, zielgerichteten und aktiven Prozess“ (Hölzle 2009b, S. 31). Im Gegensatz zu der ‚intuitiven' biografischen Selbstreflexion (Gudjons et al. 1999, S. 24) verweist Biografiearbeit auf eine for- melle oder informelle Gestaltung der Selbstreflexion im Rahmen eines professionellen Settings (Miethe 2011, S. 24). Beiden Ansätzen ist die Annahme gemein, dass es ein natürliches Verlan- gen gibt, „dem Leben einen sinnhaften Bezug (einen Bedeutungsfaden) zu geben, sich selbst dabei als lebendigen Gestalter der eigenen Lebensgeschichte zu erleben und damit Identität unter den Bedingungen von Kontinuität und Diskontinuität zu konstituieren- kollektiv gebun- den und doch individuell verschieden“ (Jansen 2009, S. 21). Biografiearbeit knüpft an diesem Bedürfnis an und stärkt Menschen in ihrer Lebensbewältigung, Lebensführung und Lebensge- staltung (Hölzle 2009b, S. 32). Im Wesentlichen werden zwei wesentliche Zielbereiche eröff- net: Die Rekonstruktion der eigenen Lebensgeschichte (im Sinne eines nachvollziehenden und analytischen Verstehens) und die Integration von Lebenserfahrungen in ein gegenwärtiges Selbstbild, um dadurch die Zukunft gestalten zu können (Raabe 2004, S. 4). Die Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dient dabei der Herausbildung von Kontinuität im Lebensverlauf.

Ruhe (2012: 133 f.) verweist zudem mit seiner Definition von Biografiearbeit auf die Ganzheit- lichkeit des Menschen und die Verknüpfung zwischen der individuellen und kollektiven Ge- schichte: „Biografiearbeit ist der Versuch, Mensch-Sein als Körper, Geist und Seele in den indi- viduellen gesellschaftlichen und tiefenpsychologischen Dimensionen wahrzunehmen. In der Rückschau auf das eigene Leben geschieht Einbettung in das gesellschaftliche Leben. In der Schau auf das gesellschaftliche Leben wächst Verständnis für das Eigene.“ (Ruhe 2012, S. 134). Demzufolge hat die Biografiearbeit einerseits die Kontextverwobenheit und die Einbettung in soziale und historische Bezüge zu berücksichtigen, andererseits muss sie sich mit der Frage auseinandersetzen, auf welcher Ebene Bewusstseinsinhalte reaktiviert werden können. Im Sinne eines ganzheitlichen Verständnisses werden Erinnerungen nicht nur an psychischen Or- ten des Gedächtnisses abgespeichert, sondern auch im Körpergedächtnis. Besonders vor- sprachliche Erfahrungen sind körperlich eingelagert und können über Körper- oder Sinnesme- thoden mobilisiert werden (Gudjons et al. 1999, S. 22).

4. Funktionen der Biografiearbeit

Im folgenden Abschnitt werden die übergeordneten Funktionen von Biografiearbeit in den Blick genommen. Dabei muss darauf verwiesen werden, dass Biografiearbeit vielfältige Funkti- onen einnehmen kann und eine Anpassung an den jeweiligen Arbeitskontext und die Zielgrup- pe bedarf. Aus der handlungsfeldspezifischen Literatur zu Biografiearbeit gehen dennoch übergeordnete Wirkungen hervor, die nicht zwangsläufig an eine Zielgruppe gebunden sind (Hölzle 2009b, S. 35).

4.1 Identität und Integration

Die Biografiearbeit unterstützt Menschen bei der Identitätsentwicklung und bei der Verarbei- tung selbstbezogener Informationen, indem sie Bezüge zur Vergangenheit herstellt und eine sinnhafte Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht. Diese Funktion ist besonders dann gefragt, wenn biografische Brüche, Krisen und Wendepunkte das eigene Iden- titätsgefühl bedrohen (Hölzle 2009b, S. 38). Dazu gehören „einschneidende, ungeplante und unvorhersehbare Lebensereignisse, wie Verlust- und Trennungserlebnisse […], der Verlust von Gesundheit und körperlicher Integrität […], Lebensphasen der Krise und Orientierungslosigkeit, also Situationen, die den bisherigen Lebenslauf und Lebensentwurf in Frage stellen oder plötz- lich verändern“ (ebd., S. 35). Biografiearbeit kann die Identitätsentwicklung insofern unterstüt- zen, als sie an diese Diskontinuitäten anknüpft und eine sinnhafte Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht, um angesichts veränderter Umstände ein gleichbleibendes Selbst (wieder)herzustellen (Hölzle 2009b, S. 38)

4.2 Stressbewältigung

Die Biografiearbeit kann Menschen bei der Stressbewältigung unterstützen, indem sie die Aus- einandersetzung mit lebensgeschichtlichen Bewältigungsstrategien anregt. Nach Lazarus ist das Stresserleben weder von der Qualität, noch von der Intensität des objektiven Ereignisses abhängig, sondern vielmehr von der Art und Weise, wie eine Person die Wechselwirkung zwi- schen sich und der Umwelt beurteilt (Hölzle 2009b, S. 39). Nach dem transaktionalen Stress- modell erfolgt die Beurteilung in einer Bewertungs- und einer Bewältigungsphase. In der Be- wertungsphase (appraisal) wird ein wahrgenommenes Ereignis als irrelevant, angenehm- positiv oder stressrelevant beurteilt (Knecht 2011, S. 3 f.). In der Bewältigungsphase (coping) setzt sich die Person mit ihren äußeren und inneren Ressourcen auseinander, auf die sie bei der Bewältigung von Anforderungen zurückgreifen kann (Hölzle 2009b, S. 40). Die Bewer- tungsprozesse laufen in Wechselwirkung zueinander ab und münden in eine Bewältigungsstra- tegie (ebd., S. 40). Die Bewältigungsstrategie kann entweder eine Änderung der gestörten Transaktion bezwecken oder auf die Regulation der Emotionen ausgerichtet sein (Jäger 2011, S. 6). Biografiearbeit kann problemorientierte Copings durch die Aktivierung lebensgeschicht- lich erworbener Bewältigungsstrategien unterstützen (Hölzle 2009b, S. 41 f.). Sie ist zudem imstande akkommodative Prozesse zu fördern, indem nicht erreichbare Ziele vor dem Hinter- grund der eigenen Lebensgeschichte abgewertet, aufgegeben oder umgedeutet werden (ebd., S. 40).

4.3 Aktivierung von Ressourcen

Die Biografiearbeit dient der Mobilisierung von personalen und sozialen Ressourcen (Hölzle 2009b, S. 47). Ressourcen sind ein wesentlicher Bestandteil eines umfassenden biopsychosozi- alen Wohlbefindens. Sie sichern die psychische Integrität und erzeugen ein Gefühl von Selbst- kontrolle (Hölzle 2009b, S. 43). Biografiearbeit aktiviert Ressourcen indem sie eine Rückbin- dung an erfolgreich bewältigte Herausforderungen sucht und Kompetenzen stimuliert, die auf gegenwärtige oder zukünftige Herausforderungen übertragen werden können. Die Auseinan- dersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte fördert zudem die Integration krisenhafter Er- lebnisse in das eigene Selbstbild. Eine Integration gelingt besonders gut, wenn Krisen als sinn- voll und verstehbar erfahren werden. Demzufolge sollte Biografiearbeit dem Bilanzieren von ‚Gewinnen‘ und ‚Verlusten‘ eine hohe Bedeutung beimessen. Gewinne können z. B. Hand- lungs-und Bewältigungskompetenzen, produktive Lebensentscheidungen oder bedeutsame Begegnungen sein (Hölzle 2009a, S. 78). Ein ausgeglichenes Empfinden gegenüber Gewinnen und Verlusten sowie die Überzeugung der Handhabbarkeit, „tragen […] prospektiv zur Entwick- lung von Optimismus und Zuversicht bei“ (ebd., S. 79).

5. Biografiearbeit und Demenz

5.1 Ziele der Biografiearbeit mit demenzerkrankten Menschen

Ein wesentlicher Bestandteil von Biografiearbeit ist die Verknüpfung von Vergangenheit, Ge- genwart und Zukunft. Dabei steht nicht nur die Rekonstruktion des eigenen Lebenswegs im Vordergrund, sondern auch die Integration lebensgeschichtlicher Erfahrungen in das gegen- wärtige Selbstbild, um dadurch Erkenntnisse für die zukünftige Lebensgestaltung zu gewinnen (Baumgärtner 2010, S. 10). Diese Funktion stößt an ihre Grenzen, wenn der Bezug zur Vergan- genheit aufgrund von Demenz „nach und nach verwischt […] oder nicht mehr von der Gegen- wart getrennt werden kann“ (Wickel 2009a, S. 254). Mit dem Entschwinden des Raum-und Zeitgefühls geht auch die Fähigkeit zur Antizipation der Zukunft verloren. Trotz dieser er- schwerten Bedingungen ist der Einsatz von Biografie zur Sicherung der Lebensqualität demen- ziell erkrankter Menschen unabdingbar (ebd., S. 254 ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Musik als Medium der Biografiearbeit im Kontext von Demenz
Veranstaltung
Alter, Pflege und Behinderung
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V511535
ISBN (eBook)
9783346085122
ISBN (Buch)
9783346085139
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musik, Soziale Arbeit, Demenz, Biografiearbeit, Alter, Biografie, Identität, Stressbewältigung, Kommunikation
Arbeit zitieren
Samuel Joseph (Autor), 2019, Musik als Medium der Biografiearbeit im Kontext von Demenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511535

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