Rousseau und die Mapuche-Indianer Lateinamerikas. Kampf um Anerkennung, Menschenrechte und Rückkehr zur Natur


Essay, 2019
11 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

„Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.“

(Jean-Jaques Rousseau)

Seit der Entdeckung Südamerikas 1492 durch Christopher Columbus kamen im Zuge der spanischen Eroberung Schätzungen zufolge 70 Millionen Menschen, also knapp 90% der indigenen Bevölkerung ums Leben. Der spanische König Karl V. wollte daraufhin klären lassen, ob die gewaltsame Unterwerfung und Versklavung der indigenen Bevölkerung in Amerika rechtmäßig sei. Um die Frage der Behandlung der Indianer breitete sich ein ideologischer Konflikt aus. Die spanische Krone versuchte, Gesetze zum Schutz der Indianer zu entwickeln, diese scheiterten angesichts der Profitabilität der Ausbeutung allerdings an mangelndem Umsetzungswillen der Kolonisten. Durch die Inkas allerdings war es den Spaniern überhaupt erst möglich gewesen, das riesige Reich einzunehmen und ihre Interessen durchzusetzen. Die Spanier entdeckten das Zuckerrohr für sich. Dies hatte einen großflächigen Anbau zur Folge. Sie nahmen den Indígenas das beste Land weg und versklavten sie, um die Felder zu bestellen und abzuernten.

Die Bezeichnungen Indio und Indígena, zu Deutsch Ureinwohner gehen auf koloniale Herrschaftsideologien zurück. Sie beschreiben keine Kultur, sondern sind mehr eine politische und soziale Konstruktion seitens der europäischen Eroberer, mit dem diese die eroberten Völker auf dem neu entdeckten Kontinent zu einer Gruppe zusammenfassten und so eine Gesellschaftshierarchie entstehen ließen. Die soziale Hierarchie setzte sich zusammen aus den Spaniern an oberster Stelle, dann kamen sonstige Europäer und ihre in Lateinamerika geborenen Kinder, die Kreolen. Auf der nächsten Stufe folgten die Mestizen, Nachkommen von indigenen Frauen und europäischen Kolonisten und am unteren Ende die indigene Bevölkerung sowie verschleppte schwarze Sklaven aus Afrika. (vgl. Speise, 2005) Seit jeher kämpften die Mapuche Indianer nicht nur um ihre Unabhängigkeit, sondern auch um ihre Anerkennung und ihre Menschenrechte, sondern auch um ihre Freiheit, Gleichheit, und ihrer Identität als Naturvolk. Die Mapuche Indianer erfuhren gravierende Menschenrechtsverletzungen.

Allen Beteiligten musste klar sein, dass sie sich eines Tages dagegen auflehnen würden. Auch in den nach der Unabhängigkeit Anfang des 19. Jahrhunderts neu gegründeten Republiken änderte sich wenig am sozialen Status der Indigenen. In ihren Befreiungskampf von Spanien hatten die Kreolen die Indigenen zwar hervorgehoben, indem sie deren kulturelle Leistungen aus der vorkolonialen Zeit, vor allem die der Mayas, Inkas und Azteken, als positiv erwähnten, aber das war jedoch mehr als Propaganda zu verstehen, als dass es zur Überwindung von Unfreiheit führte. (vgl. von der Ruhren, 2012)

Eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Gleichstellung brachte die neue politische Ordnung für die Masse der Indigenen jedenfalls nicht, obwohl die Aufklärung wesentliche Merkmale für eine Definition von Menschenrechten festlegte. Sie sind unveräußerlich, nicht an bestimmte Räume und Zeiten gebunden und damit auch älter als alle Staaten. Menschenrechte dürfen nicht wie das positive Recht von einem Gesetzgeber abhängig und in ihrem Geltungsbereich eingeschränkt sein. Die mit seinem Wesen untrennbar verbundenen Rechte können dem Menschen gar nicht abgesprochen werden, selbst wenn der Einzelne freiwillig darauf verzichten würde.

Das schafft Südamerika nach Aussage von Axel Hermann bis heute nicht, obwohl diese Menschenrechtsmerkmale bereits im 17. Jahrhundert von Rousseau formuliert wurden. (vgl. Hermann, 2009) Rousseaus Gedanken von Freiheit und Gleichheit waren die Grundgedanken der französischen Revolution, die mit Sicherheit auch den Lateinamerikanern Mut machte, dass ein Umbruch möglich sei, denn auch sie hatten bereits Ideologien von Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung, sowie von Menschen- und Bürgerrechten entwickelt, die sich seit 1776 weltweit immer mehr durchsetzen.

Dieser Essay wird Rousseaus Gedanken zu den Menschenrechten um den natürlichen Urzustand des Menschen auf die aktuelle Situation der Mapuche anwenden und seine Ideologien den ihren gegenüberstellen, um die Deckungsgleichheit und Tragweite der heutigen Unabhängigkeitskämpfe der Mapuche verdeutlichen zu können. (vgl. Graf, 2017) Rousseau war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Aufklärer. Ein Kerngedanke im Menschenbild Rousseaus ist die Freiheit des Menschen.

Die allen gemeinsame Freiheit ist eine Folge der Natur des Menschen. Dessen oberstes Gesetz ist es, über seine Selbsterhaltung zu wachen. (vgl. Porsack, 2017)

Das Menschenbild Rousseaus findet also im Naturzustand des Menschen seinen Ausgangspunkt. Mit dem Ausspruch „Zurück zur Natur“ wurde Rousseau oft fälschlicherweise unterstellt, er rufe die Menschen dazu auf, die Gesellschaft zu verlassen, um in und mit der Natur zu leben. Er steht jedoch vielmehr dafür ein, dass sich der vergesellschaftete Mensch immer auf seine Natürlichkeit zurückbesinnen sollte, da er dort das von Gott gegebene Gute findet. Dieses von Gott gegebene beziehungsweise von der Erde gegebene Gute besaßen die Mapuche Indianer vor der Ankunft der Kolonisten. (vgl. Heil, 2017)

Ursprüngliches Territorium zurückfordern, bedeutet für die Mapuche auch Rückkehr nach Hause, zur Natur und ihren Wurzeln. Wenn die Mapuche ein Stück ehemaligen Landes zurückerobern, dann bauen sie dort ihre einstigen Rucas, traditionelle Wohnhütten, halten Vieh, bauen Gemüse an, versuchen zu ihren Wurzeln zurückzufinden, halten Feste und Rituale ab und leben in einer Gemeinschaft, fernab von Neid, Missgunst und Besitzverhältnissen. Sie kehren also in eine Art Naturzustand zurück, in einer Zeit der Moderne. Laut Rousseau sei der einzige Trieb des Menschen die Selbstliebe (amour de soi). Sie gebietet ihm: „Sorge für dein Wohl mit dem geringstmöglichen Schaden für die anderen“ Neben der Selbstliebe kennt der Naturmensch das Mitleid (pitié), ein Gattungsgefühl, das nach Rousseaus Überzeugung auch die Tiere kennen. Außerdem besitzt er Perfektibilität (perfectibilité), also die Fähigkeit sich selber zu vervollkommnen.

Der Mensch im Naturzustand ist frei, und damit auch frei, sich beliebig zu ändern oder anzupassen. (vgl. Graf, 2017) Der Mensch ähnelt im Naturzustand einem wilden Tier, das nur um sich selbst kreist. Sein Gutsein ist keine Bravheit im moralischen Sinne, sondern eher im Sinne von „naturgehorchend“, naturgemäß lebend. Was aber nicht als negativ anzusehen ist. Rousseau hat ein durchaus positives Bild des Menschen, der nur durch seine sich verändernden äußeren Umstände und in einer

Gesellschaft, die nicht auf Menschenrechte abzielt seine Gutartigkeit automatisch verliert. Eine einfache Rückkehr in einen Naturzustand schließt Rousseau ausdrücklich aus, auch wenn viele Kritiker, allen voran Voltaire, ihm vorgehalten haben, sie empfohlen zu haben. Rousseau fragt vielmehr, wie in von Konkurrenz bestimmten Gesellschaften kollektives, vom moralischen Instinkt gesteuertes Handeln möglich werden kann. Das könnte möglich werden, sobald die Mapuche ihr angestammtes Land wiedererhalten und einen Mittelweg zwischen modernen und traditionellen Gesellschaftsformen leben. Damit sie das können, müssen sie ihre Identität wiederfinden. Das passiert im Laufe der Zeit, indem sie alte Traditionen am Leben erhalten in dieser modernen Welt. Dieses bewusste lebendig erhalten wollen ist ein erster Schritt in Richtung Identitätsfindung. (Grützke/Sattler, 2018)

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Details

Titel
Rousseau und die Mapuche-Indianer Lateinamerikas. Kampf um Anerkennung, Menschenrechte und Rückkehr zur Natur
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
11
Katalognummer
V511611
ISBN (eBook)
9783346084699
ISBN (Buch)
9783346084705
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Mapuche, Kampf um Anerkennung, Anerkennung, Menschenrechte, Natur, Naturzustand
Arbeit zitieren
Catharina Henning (Autor), 2019, Rousseau und die Mapuche-Indianer Lateinamerikas. Kampf um Anerkennung, Menschenrechte und Rückkehr zur Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511611

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