Zum Zigeunerbegriff in Lorcas Romanze "Preciosa y el Aire" aus "Romancero Gitano"

Eine Schwerpunktanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Zigeunerbegriff
2.1. Allgemeines zum Zigeunerbegriff
2.2. Lorcas Verständnis des Zigeunerbegriffs
2.2.1. Der “Duende”

3. Romanzendichtung
3.1. Allgemeines zur Romanze
3.2. Besonderheiten des Romancero Gitano

4. “Preciosa y el Aire”
4.1. Analyse der Romanze
4.2. Lorcas Zigeunerbegriff in der Romanze

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

„Das Buch als Ganzes ist, auch wenn es Zigeunerromanzero heißt, das Gedicht Andalusiens, und ich gebe ihm den Namen der Zigeuner, weil die Zigeuner das Höchste, das Tiefste, das Aristokratischste meines Landes sind, das Repräsentativste in ihrem Sein, in dem die Glut, das Blut und das Alphabet der andalusischen und universellen Wahrheit bewahrt ist.“

(Federico Garda Lorca)

1. Einleitung

Also Lorca 30 Jahre alt war, erschien sein Romancero Gitano. Eine Sammlung verschiedener Gedichte, zusammengefügt zu Lorcas berühmtestem Werk. Der Romancero Gitano gehört nicht nur zu den berühmtesten Büchern Lorcas, er ist auch das meist erforschte Gebiet der spanischen Literatur, welches ihn aber auch vermutlich das Leben gekostet haben könnte, denn Lorca wurde mit 38 Jahren während des Aufkommens der Franco Diktatur, die weder Homosexualität noch die Anwesenheit der Zigeuner duldete, umgebracht. Diese Arbeit wird sich mit dem Zigeunerbegriff beschäftigen und welche Ansätze man zu Lorcas Definition dieses Begriffes in der Romanze “Preciosa y el Aire” finden kann. Dazu bedarf es einer ausführlichen Analyse der Romanze, aber auch eines geschichtlichen Überblicks über das Leben der Zigeuner in Andalusien und ihre Bedeutung für die andalusische Kultur. Auf den ersten Blick hat der Romancero Gitanos zunächst wenig mit dem realen Zigeunerleben zu tun und ist viel eher als eine Art Liebeserklärung an Andalusien und seine Kultur zu verstehen, allerdings gehören diese beiden Aspekte für Lorca unweigerlich zusammen. Die Romanzen sind in einem modernen Spanisch verfasst und enthalten keine Zigeunersprache, das damalige caló, ein Zigeunerjargon. Dazu kommt, dass die Romanzen aus dem Mittelalter stammen, noch bevor es Zigeuner in Spanien überhaupt gab.1 Allein deshalb ist es schon sein sehr gewagtes und neues Unterfangen Lorcas, den Romancero mit den Zigeunern zu verbinden und ihre Kultur durch diesen aufleben zu lassen. Lorca polarisierte mit seinem Romancero Gitano, bekam aber auch viel Aufmerksamkeit für sein Werk. Allerdings sah er seine anderen Werke zu wenig gewürdigt, da er durch die Veröffentlichung seines Romancero Gitano den Ruf des “Zigeunerpoeten” inne hatte.2 In einem Brief an seinen Freund Jorge Guillén schrieb Lorca, er wolle mit den Romanzen “erreichen”, dass die Bilder, die er entwerfe die Visionen der Welt seien und dass sie lebendig seien und so wolle er die Romanze fest und dauerhaft machen wie einen Stein.3

Das schaffte Lorca vor allem mit seiner Kunst Metaphern einzusetzen, die Gegenstände in Lebewesen verwandeln können oder Reales unwirklich erscheinen lassen um damit die Fantasie des Lesers anzuregen. Sein Interesse an den Zigeunern und damit der Grundstein für den Romancero Gitano wurde begründet, als Lorca in Granada den 20 Jahre älteren Komponisten Manuel de Falla kennenlernte und sie ihre gemeinsame Leidenschaft für die musische Kultur Andalusiens entdeckten. Sie machten es sich zur Aufgabe, die Kultur ihres Landes zu erforschen, auf der Suche nach Spuren ihrer eigenen Identität.4 Lorca hatte ein sehr idealisiertes Bild der Zigeuner. Dies mag daran gelegen haben, dass die Feldforschung von Falla und Lorca die durchaus gefährlichen Vororte der Roma aussparte und sich auf 10 Familien beschränkte, die sie zwischen Jerez de la Frontera und

Cadiz kennenlernten, also aus einem sehr kleinen Teil Andalusiens. Im Gegensatz zu den Sinti und Roma die aus dem Osten einwanderten, kamen die gitanos, die “spanischen Zigeuner” aus dem arabischen Raum. Diese Familien waren Restaurantbesitzer, Flamencointerpreten und Schauspieler und besaßen Häuser mit Garten. Aufgrund dieser Tatsache ist es unwahrscheinlich,im Romanerco ein genaues Abbild des damaligen Lebensentwurfes der Zigeuner zu erhalten.

2. Der Zigeunerbegriff

Im folgenden Abschnitt wird der Zigeunerbegriff näher erläutert sowie das,was Lorca darunter verstanden hat, und inwieweit dieser Begriff auch mit dem Flamenco beziehungsweise dem “Duende” zusammenhängt.

2.1. Allgemeines zum Zigeunerbegriff

Die ersten “Zigeuner” erreichten die iberische Halbinsel im 15. Jahrhundert. Dort hielt man sie anfangs für Ägypter (span: egiptanos), worausdann später der heute geläufige und auch negativ konnotierte Begriff der “gitanos” wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Einwanderung waren sie aber keine Zigeuner, sondern Menschen, die aus einer anderen Region einwanderten. Der Zigeunerbegriff ansich ist etwas, mit demman sofort bestimmte Assoziationen verbindet. Zum einen gehen sie in eine positive Richtung, zum anderen in eine negative. Der Duden bietet als 2. Bedeutungsübersicht als umgangssprachlich markiert “jemand, der ein unstetes Leben führt” an. Aber es ist gerade diese Doppeldeutigkeit, die die Faszination für dieses Volk ausmacht. Einerseits sind es die kulturellen Eigenschaften, die vor allem laut Lorcas Definition mit dem Flamenco transportiert werden, sowie die mystische Landschaft, in der die Zigeuner leben, ihre Tätigkeiten, wie Musik und Tanz im Allgemeinen sowie die Aspekte der Weiblichkeit, assoziiert mit Nähe, Wärme, Anmut und künstlerischer Ader, die eine positive Konnotation haben. Negativ besetzt ist der Begriff aber vor allem auch durch das Betörende, Hinterhältige, assoziiert mit Betrug, Diebstahl, Leichtsinn und schlechtem Benehmen.5

Die Zigeuner litten seit ihrer Ankunft auf der iberischen Halbinsel unter Diskriminierung und Verfolgung,obwohl sie es sind, die die KulturAndalusiens prägen. Lorca zeigt sich solidarisch gegenüber den Zigeunern und sieht nicht nur das Gewalttätige und Böse, sondern auch das Verletzliche und Menschliche. Das mag auch an Lorcas eigener Geschichte liegen. Für seine Mutter war er nie erfolgreich genug, zu dem noch homosexuell. . Im Folgenden soll dazu nun Lorcas Verständnis des Zigeunerbegriffs genauer untersucht werden.

2.2. Lorcas Verständnis des Zigeunerbegriffs

Während seiner Zeit in der Studentenresidenz in Madrid schrieb Lorca an seinen Poemas del cante Jondo, die auf dem Flamencogesang bzw. Tanz basieren.6 Mit diesem verbindet Lorca die Wiege des Zigeunertums in Andalusien - als Kunst, die aus dem tiefsten Innern der Seele komme und bis zum Ursprung der Menschheit zurückreicht.7 Sowohl Lorca wie Manuel de Falla haben, wie eingangs erwähnt, mit „richtigen“ Zigeunern wenig zu tun gehabt, sondern nutzten das Bild der Zigeuner, um ihrer Poesie eine bestimmte zigeunerhafte, das heißt romantische Note zu geben.8

Lorca hat aber eine klare Trennlinie und macht dies deutlich: „Die Zigeuner sind nicht jene Leute, die verlumpt und schmutzig durch die Dörfer ziehen: das sind Ungarn. Die echten Zigeuner sind Leute, die nie etwas gestohlen haben und die sich nicht in Lumpen kleiden“.9 Mit “echten” Zigeunern meint Lorca vermutlich auch kein reales, sondern eher verträumtes, idealisiertes Bild, eher durch ein Interesse an der Kunst geprägt, die für Lorca mit dem Flamenco zusammenhängt, dessen “spiritueller” Teil der sogenannte “Duende” ist, auf den im Folgenden eingegangen wird und dessen Gefühl ein Grundgefühl im Romancero darstellt.

2.2.1. Der “Duende”

Lorca widmete einen großen Teil seines Lebens dem Flamenco und organisierte regelmäßig einen vielbeachteten Flamenco Wettbewerb in Granada. Dort hielt er einen Vortrag über die jahrtausendealte Herkunft und die tragende Rolle der Zigeuner in dieser. Diese wird jedoch heutzutage angezweifelt; beispielsweise von Gerhard Steingress: „Der Flamenco ist im Grunde eine Reinterpretation spanischer Volksweisen und Tänze. Diese Reinterpretation begann Ende des 18. Jahrhunderts und hat dann Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer neuen stilistischen Ausdrucksform geführt, die dann als Flamenco bekannt geworden ist.“10 Wie schon im Eingangszitat angedeutet, trägt auch der Flamenco, genau wie die Zigeuner, die Seele Spaniens in sich. Die Seele des Flamenco ist der „Duende“.

In seiner Theorie über den Duende geht Lorca seiner Studie „El teatro y la teoria del Duende“ auf den Flamenco und die Verbindung zu den Zigeunern näher ein. Zuerst präsentiert wurde sie 1933 in einer Konferenz in Buenos Aires, dann in Havanna. Der sogenannte “Duende” ist für die Andalusier eine Art Trancezustand, der durch das lange Hören oder Praktizieren des Flamenco erreicht wird. Dabei soll ein todesähnlicher Zustand erreicht werden, in dem sich der Körper vom Geist löst. “La obra de arte inspirada por el duende nos comunica la esencia del mundo, como sucede con la mùsica de los cantaores flamencos.” Manuel Torres fügt hinzu: “Todo lo que tiene sonidos negros tiene duende”.11 Diese schwarzen Laute sind das Mysterium, sind die Wurzeln, die uns ausmachen und zu denen wir irgendwann zurückkehren. Dennoch etwas Unbegreifliches, das Panini so beschreibt: “Poder misterioso que todos sienten y que ningùn filòsofo explica.”12

Lorca sagt, es gebe keine Karte zum Duende, man müsse ihn selbst finden. Helfen können dabei Engel und die Muse um die Furcht davor zu verlieren, dem Duende gegenüberzutreten. In seinem Vortrag erzählt Lorca eine Anekdote der Sängerin Nina de los Peines, die vor einem Flamencopublikum singt, das aber ungerührt bleibt. Erst als sie ein Glas Schnaps trinkt und ihre Muse fortschickt, kann der Duende eintreten und durch die Stimme der Sängerin, die jetzt rau und ohne Atem ist, das Publikum erreichen. Aus der Sängerin ist ein Dämon geworden, der aber nun die reine Musik und die Seele der Sängerin offenbart hat und mit sich reißen will, diese aber nun dagegen kämpft. Laut Lorca sei Spanien ein typisches Land, um den Duende zu empfangen oder durch ihn bewegt zu werden, denn es sei als Land des Todes, auch offen für ihn: Espana esta en todos tiempos movida por el duende (...) como pa^s de muerte, como pa^s abierto a la muerte. En todos los pa^ses la muerte es un fin. (...) En Espana, no. En Espana se levantan. Un muerto en Espana esta mas vivo como muerto que en ningùn sitio del mundo. Er bezieht sich darin auch vor allem auch auf die torreros und, dass der tod dort ein nationales Spektakel ist.13

3. Romanzendichtung

Um im folgenden Analyseteil die Romanze “Preciosa y el Aire” näher zu betrachten und sie mit Lorcas Verständnis zum Zigeunerbegriff verknüpfen zu können, folgt in diesem Teil erst eine kurze Einleitung zur Romanze an sich und den Besonderheiten der Romanzen des Romancero Gitano.

3.1. Allgemeines zur Romanze

Die Romanze ist eine beliebig lange Aneinanderreihung von achtsilbigen Versen. Ohne Vollreime aber mit Assonanzen, was bedeutet, dass in jedem zweiten Vers die letzten Vokale gleich sind, allerdings nicht die Konsonanten. Häufig ist auch eine Art Refrain, eine Tirada,zu finden, die sich immer wiederholt.Romanzen waren in ihrem ursprünglichen Sinne eigentlich Erzählungen, die aber auch gesungen wurden und lange Zeit nur mündlich überliefert wurden, ehe sie jemand verschriftlichte. Der erste Satz ist meist auch der Titel. Typisch für die Romanzen ist der Beginn in medias res. Sie zeichnen sich aus durch einen offenen Anfang und ein mehr oder weniger

[...]


1 Kunz, Marko (2006): Federico Garrta Lorca, Romancero gitano. Einleitung. Basel: Gare du Nord, S.3

2 Kunz (2006): Romancero gitano. Einleitung, S.1

3 Rincón: Zigeuner-Romanzen, Nachwort. (Stand 15.3.2019)

4 Wimmer, Stefan: Lyriksommer: Die Erfindung Andalusiens. Der Dichter Federico Garrta Lorca und sein lyrisches Spanien. Deutschlandradio Kultur. (Stand 15.3.2019) https://www.deutschlandfunkkultur.de/zeitfragen-literatur-vom-19-8-2016-manuskript-als- pdf.media.7db2cd26abd3e0e769375389b9c0eb01.pdf S.6f.

5 Spieler, Ulrike (2014): Übersetzer zwischen Identität, Professionalität und Kulturalität: Heinrich Enrique Beck. Berlin: Frank&Timme GmbH. (S. 89f.)

6 Vgl. Wimmer: Lyriksommer: Die Erfindung Andalusiens. (Stand 15.3.2019)

7 Kunz (2006): Romancero gitano. Einleitung, S.2

8 Vgl. Wimmer: Lyriksommer: Die Erfindung Andalusiens. (Stand 15.3.2019)

9 Kunz (2006): Romancero gitano. Einleitung, S.3

10 Vgl. Wimmer: Lyriksommer: Die Erfindung Andalusiens. (Stand 15.3.2019)

11 Martinez Pèrsico, Marisa: La teorìa del duende. (Stand 15.3.2019) http://www.literaterra.com/federico_garcia_lorca/la_teoria_del_duende/

12 Garcia Lorca, Federico: „Juego y teoria del duende”. https://www.taurologia.com/imagenes/fotosdeldia/1909_federico_garcia_lorca__juego_y_teo ria_del_duende__.pdf

13 Lorca: „Juego y teorìa del duende”(Stand 15.3.2019)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zum Zigeunerbegriff in Lorcas Romanze "Preciosa y el Aire" aus "Romancero Gitano"
Untertitel
Eine Schwerpunktanalyse
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Federico García Lorca - Romancero Gitano
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V511615
ISBN (eBook)
9783346084903
ISBN (Buch)
9783346084910
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romancero Gitano, Gitano, Flamenco, Preciosa y el Aire, Romancero, Lyrik, Analyse, Romanze, Dichtung, Romanzendichtung, Zigeuner, Zigeunerbegriff, Lorca, Federico García Lorca
Arbeit zitieren
Catharina Henning (Autor), 2019, Zum Zigeunerbegriff in Lorcas Romanze "Preciosa y el Aire" aus "Romancero Gitano", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511615

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