Wie die küneginne einander schulten. Zum Streit der Königinnen im Nibelungenlied


Hausarbeit, 2006

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitende Gedanken und Anmerkungen

2.Der Streit der Königinnen
2.1.Die Vorbereitung
2.2.Am Turnierplatz
2.3.Vor dem Münster
2.3.1.Vor der Messe
2.3.2.Nach der Messe
2.4.Der Eid Siegfrieds
2.5.Der Mordrat

3.Literaturverzeichnis

1. Einleitende Gedanken und Anmerkungen

Der Streit der Königinnen im Nibelungenlied gilt als eine zentrale Stelle des Epos, von der aus sich das weitere Geschehen unausweichlich zur Katastrophe hin entwickelt. In meinen Ausführungen versuche ich, möglichst nah am Text zu bleiben und einen Ein­blick über verschiedene Interpretationsansätze in der Forschung zu geben und somit die Wichtigkeit der 14. Aventiure für das Gesamtwerk herauszustellen.

Textgrundlage ist die Ausgabe des Nibelungenlieds im Fischer - Verlag von 20041.

2. Der Streit der Königinnen

2.1. Die Vorbereitung

Nach der gemeinsamen Hochzeit vergehen etliche Jahre der Ungewissheit für Brünhild, denn noch immer ist sie im Unklaren über den tatsächlichen Stand von Siegfried. „Zu vertraulicher Stunde [...] schlägt sie Gunther vor, Kriemhild einzuladen, und sie ver­weist, als dieser mit einer fadenscheinigen Ausrede auszuweichen versucht, auf die vasal- litische Gehorsamspflicht, schließlich auf die schöne Erinnerung an die Zeit, die sie mit Kriemhild in Worms verbracht hat.“[2] Allerdings ist Gunther skeptisch und will ein Zu­sammentreffen wohl am liebsten vermeiden:

„dô duhte den herren diu rede mæzlîchen guot. “ (726,4)

„Auch für Kriemhild kommt die Einladung gelegen, denn auch sie scheint Heimweh zu haben und im fremden Königreich nicht wirklich glücklich zu werden.“[3]

„gegen ir herzeleide wie liebiu mære si bevant! “ (741,4)

Außerdem könnte auch Kriemhild ein Interesse daran haben, was in der Hochzeitsnacht wirklich geschah, denn sie hat mittlerweile Brünhilds Ring und Gürtel von Siegfried be­kommen.

Und wie sein Freund Gunther hält auch Siegfried die Idee für nur schwer umsetzbar, denn für ihn könnte dieses Unterfangen nur „müelîch geschehen“ (751,4). Als Ausrede führt er zunächst die große Entfernung nach Burgund ins Feld (758,4), doch lässt er sich schließlich von Gere überreden.

Nachdem die Nachricht über den Besuch nach Worms gelangt ist, erkundigt sich Brün- hild sofort nach ihrer Schwägerin:

„hât noch ir schœner lîp behalten iht der zühte [...]?“ (771,2 f) Und diese Frage kommt ganz bewusst, denn Brünhild erhofft sich dadurch eine Antwort auf die Frage, die sie schon seit der Hochzeit quält: „Wäre sie mit der Ehe in minderes Recht eingetreten, wären schœne und zuht verblasst, wäre sie also der Beweis für Sieg­frieds Vasallität.“[4]

Nach dem Erhalt der Geschenke bringt Hagen wieder einen Mythos ins Spiel, den Schatz der Nibelungen, der in Siegfrieds Besitz ist und er schließt den Wunsch an: „hei solde er komen immer in der Burgondenlant!“ (774,4)

„Das er kann Siegfried und den Hort meinen, die Hagen hier also in engste Beziehung zueinander setzt.“[5]

Daraufhin beginnt die 14, Aventiure, in der sich für das ganze Epos Entscheidendes ab­spielt:

„Die 14. Aventiure stellt also nicht schlechthin einen Abschnitt unter anderen in einem Erzählfluss dar, sondern ist ein Höhepunkt des Geschehens, der Konflikte aufbrechen läßt, die bis dahin verborgen wirkten. Dem Streit der Königinnen kommt hiermit eine Schlüsselstellung in der Komposition des Epos zu.“6

Außerdem ist der Zank außergewöhnlich raffiniert konstruiert:

„Den Streit hat der Nibelungenlied-Dichter mit großer Darstellungskunst in drei wirkungsvoll gesteigerten Auftritten gestaltet: 1. ein Dialog zwischen Kriemhild und Brünhild unter vier Augen, als sie ihren Männern beim Turnier zuschauen, 2. eine Auseinandersetzung im Angesicht der Hoföffentlichkeit vor dem Münster, 3. die eskalierende Fortsetzung nach dem Gottesdienst. Hier ist eine dramatische Darstellung gelungen, die quasi funktional die in dieser Zeit nicht vorhandene Gattung des weltlichen Dramas ersetzt.“7

2.2. Am Turnierplatz

Als die Nibelungen am Hofe angekommen sind, wird noch vor dem Fest eine gemeinsa­me Messe abgehalten, und erst elf Tage später „entsteht im Nibelungenlied der Streit bezeichnenderweise im Rahmen des Festes, das für Kriemhild und Siegfried am Worm­ser Hof veranstaltet wird und in friedlicher Atmosphäre beginnt.“8

Doch dann spricht Kriemhild die entscheidenden Worte aus:

„ich hân einen man, daz elliu disiu rîche ze sînen handen solden stân“ (815,3 f)

„Die Worte fallen vor einer vesperzîte, der hora vesperalis, also vor dem Abendgottes­dienst, vor der Finsternis, der Zeit des Bösen und des Teufels“9, was aber ein wenig weit hergeholt zu sein scheint.

Dabei kann man ihre Worte laut Ehrismann in dreierlei Hinsicht auslegen:

„(1) Die niederländische Königin beansprucht für ihren Mann die burgundischen Länder [...] (2) Sie leitet aus dessen Stärke dessen Einzigartigkeit ab und formu­liert keinen konkreten Herrschaftsanspruch, sondern gebraucht die Machtformel als Metapher. (3) Sie ist sich in ihrer großen Liebe des brisanten Inhalts ihrer Worte gar nicht bewusst.“10

Sicher ist, wie Brünhild diese Worte auffasst, nämlich als einen Herrschaftsanspruch, dieser wird aber von ihr zurückgewiesen, da Gunther ja noch am Leben ist.11

Kriemhild aber denkt überhaupt nicht an solche politischen Dinge, sie ist meiner Mei­nung nach in der dritten o. g. Kategorie und spricht ihre Worte vor sich hin.

„Immer noch in freudiger Stimmung, setzt Kriemhild ihren Siegfried-Preis mit einem Bild fort, das der Lyrik entstammt und an früherer Stelle (283,1) vom Erzähler für sie selbst verwendet wurde, also ein Lob, ohne Machtansprüche zu implizieren.“12

Und bereits nach Brünhilds Antwort lenkt Kriemhild wieder ein und bezeichnet Siegfried als Gunthers „,genôz “ (819,4).13

„Wenn es ein bewußter , überlegter Machtanspruch Kriemhilds wäre, dann ist es freilich auffallend, daß sie ihn sofort aufgibt und einlenkt, als sie merkt, daß sie

Prünhild zu nahegetreten ist. [...] Ganz im Anblick ihres alle überragenden Man­nes versunken, bricht es jetzt doch wohl einfach aus ihr heraus. [...] Es war zweifellos unüberlegt, das vor Prünhild, der Königin in diesem Rei­che, zu äußern, aber sie hatte alles um sich her vergessen, auch ihre Schwägerin, es lag nicht in ihrer Absicht, sie zu kränken.“[14]

Eigentlich kommt Kriemhild ihrer Schwägerin sogar noch entgegen, denn sie weiß, dass sie im Recht ist, wenn sie diese Behauptung aufstellt, aber sie will gar keinen Streit[15] und er „könnte damit zu Ende sein, noch bevor er eigentlich begonnen hat.“[16]

Jetzt aber befindet sich Brünhild in voller Fahrt:

„Unt dâ er mîne minne, sô ritterlîch gewan, dô jach des selbe Sîfrit, er wære des küneges man. des hân ich in für eigen, sît ich es in hôrte jehen. “ (821,1-3)

„Für sie ist der langersehnte Augenblick gekommen, der möglicherweise das Dunkel lichten kann, das sie seit ihrer Hochzeit, vielleicht schon seit ihrer Besie­gung auf dem Isenstein, über ihrem Leben liegen fühlt und sie aus dem Fragen nicht herausfinden läßt. Wenn sie, wie sie es oft versucht hat, aus Gunther die Wahrheit nicht herausbringen kann, in welchem Verhältnis er zu Sifrid steht und wie ihr Schicksal in dieses hineingeflochten ist, vielleicht kann sie es jetzt von Kriemhild erfahren.“[17]

Denn Brünhild geht ja weiterhin davon aus, dass Siegfried Gunther unterstellt sei. Aller­dings, wie oben von Bischoff schon angedeutet, weiß sie immer noch nicht, warum sich Siegfried und damit Kriemhild soviel herausnehmen, da Siegfrieds Untergebenheit auf Isenstein offensichtlich gemacht wurde.18 , 19

Allerdings ist Kriemhild wiederum über die Geschehnisse in Island nicht im Bilde und sie „weiß nichts davon, daß Siegfried sich als Gunthers Vasall ausgegeben hat. Sie muß glauben, Brünhild belüge sie, und so fordert sie sie auf, ihre Rede zu unterlassen.“[20] Brünhild selbst übertreibt auch, jedenfalls sieht Bischoff das so:

„Mit diesem eigen erklärt Prünhild Sifrid vor seiner Frau für unfrei. eigen wird im Nibelungenlied sonst nur noch Alberich genannt, der Sifrid nach seiner Überwin­dung einst Eide geschworen hatte, daß er diente im sô sîn knecht (99). [...] Als seinen man hatte er sich allerdings vor ihr nicht bezeichnet, wie sie jetzt vor Kriemhild behauptet, das hatte er trotz der Verabredung auf dem Schiffe nicht fertiggebracht, das hatte sie erst gefolgert: ist er dîn herre, dann bistu sîn man (423).“[21]

Sie hatte nach der Begrüßung zwar allen Grund anzunehmen, Siegfried sei der man von Gunther, allerdings ist die Bezeichnung eigen, die sie ja auch schon auf der Hochzeit benutzt schlicht und ergreifend übertrieben22 , 23 und „wenn Gunther diesem, seinem eigen man, seine Schwester zur Frau gab, so war das für sie schon etwas Unbegreifbares.“[24]

„Da die Ehefrau in des Ehemannes recht trit, svenne si in sîn bedde gât, so bedeu­tete diese Ehe für Kriemhild eine ungeheuerliche Rechts- und Standesminderung, die prünhild schon in tiefste Verwunderung versetzen mußte. Genauso verwirrend mußte es für sie sein, daß Kriemhild nicht nur widerspruchslos in diese Ehe ein­willigte, sondern augenscheinlich glückliche, strahlende Braut war.“[25]

Damit ist der Streit der beiden Frauen in vollem Gange und nicht mehr aufzuhalten. Bei­de wollen die Wahrheit erfahren und ihre Meinung durchsetzen. Jetzt lässt sich der Kon­flikt nicht mehr aufhalten und er muss jetzt mit der Niederlage einer Königin enden. „Wir haben hier nicht so sehr einen Streit zwischen machthungrigen Frauen, als die Gegen­überstellung der beiden von Sîvrit inszenierten Wirklichkeiten. Die Frauen wollen beide nur das, was ihnen zusteht.“[26]

[...]


[1] Das Nibelungenlied 1. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. Hrsg. von: Helmut Brackert. 29. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer 2004.

[2] Ehrismann, Otfried: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung. 2. Aufl. München: Beck 2002 (= Ar­beitsbücher zur Literaturgeschichte). S. 91

[3] ebd.

[4] Ehrismann, O.: Nibelungenlied. S. 92

[5] ebd.

[6] Göhler, Peter: Von zweier vrouwen bagen wart vil manec helt verlorn. Der Streit der Königinnen im Nibelungenlied’. In: 6. Pöchlarner Heldenliedgespräch. 800 Jahre Nibelungenlied: Rückblick - Einblick - Ausblick. Hrsg. von Klaus Zatloukal. Wien: Fassbaender 2001 (= Philologica Germanica 23). S. 77

[7] Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart: Reclam 1997 (=Reclam Universal-Bibliothek 17604). S. 206 f.

[8] Schulze, U.: Das Nibelungenlied. S. 206

[9] Ehrismann, O.: Nibelungenlied. S. 93

[10] ebd. S. 94

[11] ebd.

[12] Schulze, U.: Das Nibelungenlied. S. 207f.

[13] ähnlich argumentiert hier auch Ehrismann: „Jetzt erst lenkt Kriemhild in die von ihrem gegenüber vor­gegebene Dialogstruktur ein, nach ihrer Absicht in keiner Weise provozierend: Ihr Mann sei wol Gunthers genôz.“ (Vgl. Ehrismann, O.: Nibelungenlied. S. 94)

[14] Bischoff, Karl: Die 14. Aventiure des Nibelungenliedes. Zur Frage des Dichters und der dichterischen Gestaltung. In: Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse 8 (1970). S. 5

[15] ebd. S.6

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] vgl. auch: Schröder, W.: Der Zank der Königinnen im Nibelungenlied. S. 147

[19] Freche hat sogar eine doppelte Abhängigkeit Siegfrieds von Gunther festgestellt: „In Isenstein wurde Sîfrit als Gunthers Vasall beziehungsweise Ministeriale eingeführt und dargestellt. Nach der erfolgreich abgeschlossenen Werbung wird er mit dem Hinweis auf die Minnedienstpflicht zum Botendienst gezwun­gen. Der performative Akt des Minnedienstes wird verschoben in Richtung Vasallendienst, den Außenste­hende auch als solchen interpretieren. Der Minnedienst im Konzept der hohen Minne, der so im Nibelun­genlied vermittelt wird, wird meist von lehensrechtlich abhängigen Rittern geleistet. Somit wird Sîfrits inferiore Stellung doppelt zementiert, nicht nur über den Augenschein, sondern auch über den höfischen Minnediskurs.“ Vgl. Freche, Katharina: Von zweier vrouwen bâgen wart vil manic helt verlorn. Untersu­chungen zur Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung. Trier: WVT Wissen­schaftlicher Verlag Trier 1999 (= Literatur, Imagination, Realität 21). S. 177

20 Schröder, W.: Der Zank der Königinnen im Nibelungenlied. S. 147

21 Bischoff, K.: Die 14. Aventiure des Nibelungenliedes. S. 7

22 vgl dazu ebd. S. 8

23 ähnlich argumentiert auch Göhler: „Es ist dies überhaupt ein Problem, wie Brünhild [.] dazu gelangen kann, Siegfried als eigenholden zu bezeichnen, angesichts dessen, daß ihr gesagt wird [...], daß Siegfried König ist. Ein König kann sich zwar in vasallitischer Abhängigkeit befinden; er kann jedoch nicht eigen sein.“ Vgl. Göhler, P.: Von zweier vrouwen bagen wart vil manec helt verlorn. S. 81

24 ebd. S. 9

25 ebd.

26 Haymes, Edward. R.: Das Nibelungenlied. Geschichte und Interpretation. München: Fink 1999 (= UTB für Wissenschaft: Uni-Taschenbücher 2070). S. 118

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie die küneginne einander schulten. Zum Streit der Königinnen im Nibelungenlied
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V511640
ISBN (eBook)
9783346092045
ISBN (Buch)
9783346092052
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied Streit Königinnen Kriemhild Brünhild
Arbeit zitieren
Benedikt Karl (Autor), 2006, Wie die küneginne einander schulten. Zum Streit der Königinnen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511640

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie die küneginne einander schulten. Zum Streit der Königinnen im Nibelungenlied



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden