Seit 2005 sieht das Sozialgesetzbuch die Wahrnehmung des Schutzauftrags bei Kindeswohlgefährdung vor. Die Novellierung des SGB zielt darauf ab, dass Fachkräfte im Einzelfall besser eingreifen können. Das Gesetz sieht dabei vor, dass mehrere Fachkräfte zusammenarbeiten, um eine mögliche Gefährdung richtig einzuschätzen.
Doch wann sind Eingriffe in die elterliche Fürsorge durch das Jugendamt gerechtfertigt? Welche Hilfsangebote gehen einem solchen Schritt voraus? Und welche Schritte unternimmt das Jugendamt zuvor? Kathrin Braasch setzt sich in ihrer Publikation mit dem Thema Kindeswohlgefährdung und Kinder- und Jugendhilfe auseinander.
Im Mittelpunkt steht dabei die Problematik, das Kindeswohl von außen zuverlässig einzuschätzen. Braasch erklärt die Verfahrensschritte des Allgemeinen Sozialen Dienstes bei Verdacht einer Kindeswohlgefährdung sowie die Instrumente zur Risikoeinschätzung. Ihre Publikation klärt so, wie genau das Jugendamt eine potenzielle Gefährdungslage beurteilt, deckt aber auch Schwachstellen auf.
Aus dem Inhalt:
- ASD;
- Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz;
- Soziale Arbeit;
- Kinderschutz;
- Schutzauftrag
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kindeswohl, Elternrecht und Staatliches Wächteramt
3 Kindeswohlgefährdung
3.1 Kindeswohlgefährdung nach §1666 Abs. 1 BGB
3.2 Erscheinungsformen von Kindeswohlgewährdung
4 Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe nach § 8A SGB VIII bei Kindeswohlgefährdung
5 Die Akteure und Handlungsmuster des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD)
5.1 AdressatInnen
5.2 Professionelle Kompetenzen und Arbeitsprinzipien von Fachkräften
5.3 Kooperationspartner
6 Umsetzung des Schutzauftrages in der Praxis durch den ASD
6.1 Verfahrensschritte des ASD bei Verdacht einer Kindeswohlgefährdung
7 Instrumente zur Risikoeinschätzung und ihre Grenzen bzw. Risiken
8 Perspektiven der Verbesserung der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung durch den ASD
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) eine Kindeswohlgefährdung sicher einschätzen können. Ziel ist es, die notwendigen Verfahrensschritte sowie die angewandten Instrumente zur Risikoeinschätzung im Kontext des gesetzlichen Schutzauftrages nach § 8a SGB VIII aufzuzeigen und kritisch zu reflektieren.
- Rechtliche Grundlagen des Kindeswohls und des staatlichen Wächteramtes
- Definitionen und Erscheinungsformen von Kindeswohlgefährdung
- Der gesetzliche Schutzauftrag gemäß § 8a SGB VIII
- Aufgaben und Handlungsmuster des Allgemeinen Sozialen Dienstes
- Verfahrensstandards und Instrumente zur Risikoeinschätzung
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Vernachlässigung
Garbarino und Gilliam (1980 zit n. Kindler 2006a: 3-1) unterteilen die Kindeswohlgefährdung in Gefahren, denen das Kind durch Handlungen von Betreuungspersonen ausgesetzt wird, und Gefahren, denen es durch das Unterlassen von Handlungen durch dieselben ausgesetzt wird. Demnach beinhaltet der Begriff Vernachlässigung alle Formen von Unterlassungen, die Schaden in der Entwicklung des Kindes zur Folge haben (vgl. Deegener 2005: 37). Deegener (ebd.) nennt hierzu wesentliche Unterlassungen wie z.B. „unzureichende[r] Pflege und Kleidung, mangelnd[e] Ernährung und gesundheitliche Fürsorge, zu geringe Beaufsichtigung und Zuwendung, nachlässige[r] Schutz vor Gefahren sowie nicht hinreichende[r] Anregung und Förderung“.
Nach der Definition von Schone et al. (1997: 21) ist Vernachlässigung als „andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns sorgeverantwortlicher Personen (Eltern oder andere von ihnen autorisierte Betreuungspersonen), welches zur Sicherstellung der physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre“ zu verstehen. Obgleich extreme Formen der Vernachlässigung das Kind in den ersten Lebensjahren schnell in eine lebensbedrohliche Lage versetzen können, verlaufen Vernachlässigungen im Vergleich zu körperlichen Kindesmisshandlungen im Verhältnis langsamer, wobei sich die Schädigung des kindlichen Entwicklungsprozesses zunehmend steigert (vgl. Kindler 2006a: 3-1f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung begründet die Relevanz der Thematik für die Praxis und definiert das Ziel der Arbeit, die Verfahrensschritte des ASD bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung zu untersuchen.
2 Kindeswohl, Elternrecht und Staatliches Wächteramt: Dieses Kapitel definiert zentrale Rechtsbegriffe und setzt das elterliche Erziehungsrecht in das Verhältnis zum staatlichen Wächteramt.
3 Kindeswohlgefährdung: Hier werden die gesetzliche Definition gemäß § 1666 BGB sowie die vier Erscheinungsformen der Kindeswohlgefährdung detailliert erläutert.
4 Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe nach § 8A SGB VIII bei Kindeswohlgefährdung: Das Kapitel beschreibt den gesetzlichen Schutzauftrag, der seit 2005 durch das KICK-Gesetz präzisiert wurde.
5 Die Akteure und Handlungsmuster des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD): Es werden die Aufgaben, Adressaten sowie das professionelle Selbstverständnis der Fachkräfte im ASD beleuchtet.
6 Umsetzung des Schutzauftrages in der Praxis durch den ASD: Dieses Kapitel erläutert die konkreten Handlungsaufforderungen und Verfahrensschritte der Fachkräfte bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung.
7 Instrumente zur Risikoeinschätzung und ihre Grenzen bzw. Risiken: Es wird die Verwendung von Risikoeinschätzungsinstrumenten untersucht, wobei insbesondere auf deren Grenzen und Fehlerrisiken eingegangen wird.
8 Perspektiven der Verbesserung der Einschätzung von Kindeswohlgefährdung durch den ASD: Abschließend werden Perspektiven zur Qualitätssicherung und Professionalisierung der Einschätzungspraxis aufgezeigt.
Schlüsselwörter
Kindeswohl, Kindeswohlgefährdung, Kinderschutz, Kinder- und Jugendhilfe, Allgemeiner Sozialer Dienst, ASD, SGB VIII, Schutzauftrag, Elternrecht, Staatliches Wächteramt, Risikoeinschätzung, Vernachlässigung, Misshandlung, Fallbearbeitung, Jugendamt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD), bei einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die rechtlichen Grundlagen von Elternrecht und staatlichem Schutzauftrag, die Definition und Erscheinungsformen von Gefährdungen sowie die methodische Umsetzung des Schutzauftrages in der praktischen Arbeit des ASD.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine Kindeswohlgefährdung durch den ASD sicher eingeschätzt werden kann, indem die gesetzlichen Verfahrensschritte und die Anwendung von Risikoeinschätzungsinstrumenten erläutert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer methodischen Literaturarbeit, bei der relevante Fachliteratur, Gesetze und Erkenntnisse aus Forschung und Praxis analysiert und kritisch in Bezug gesetzt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse des gesetzlichen Schutzauftrages nach § 8a SGB VIII, die Darstellung der Akteure (ASD), die praktischen Verfahrensschritte bei Verdachtsmeldungen und die Reflexion von Instrumenten zur Risikoeinschätzung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Kindeswohlgefährdung, Kinderschutz, ASD, SGB VIII, Schutzauftrag, Risikoeinschätzung und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit.
Warum ist die Unterscheidung zwischen dem staatlichen Wächteramt und dem Elternrecht so wichtig für den ASD?
Sie bildet die rechtliche Grenze für das Handeln der Fachkräfte; das elterliche Erziehungsrecht hat Vorrang, darf aber bei einer Gefährdung des Kindeswohls durch den staatlichen Schutzauftrag legitim begrenzt werden.
Welche Rolle spielen Instrumente zur Risikoeinschätzung in der Praxis?
Sie dienen der Strukturierung und Kategorisierung der Fallbeurteilung unter Zeitdruck, dürfen jedoch nicht das professionelle, fachliche Ermessen und die reflektierte Wahrnehmung der Fachkraft ersetzen.
Warum müssen Fachkräfte im ASD "insoweit erfahren" sein?
Da die Einschätzung von Kindeswohlgefährdung hochkomplex ist und die Entscheidung weitreichende Konsequenzen für Kinder und Familien hat, ist fundiertes Erfahrungswissen sowie methodische Kompetenz zwingend erforderlich.
- Arbeit zitieren
- Kathrin Braasch (Autor:in), 2020, Handlungsmöglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe bei Kindeswohlgefährdung. Wie das Jugendamt potenzielle Gefährdungen richtig einschätzt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511648