Machtverhältnisse. Der Kampf der Söhne gegen die Väter

Analysiert anhand von Walter Hasenclevers "Der Sohn" und Franz Kafkas "Das Urteil"


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung undHinführung

2. Franz Kafkas “Das Urteil”
2.1 Exposition – Darstellung der Ausgangssituation
2.2 Entwicklung der Konfrontation - Dominanz des Sohnes
2.3 Umbruch und Urteil - Dominanz des Vaters

3. Walter Hasenclevers“Der Sohn”
3.1 Matura und Abhängigkeit – Dominanz des Vaters
3.2 Flucht und Emanzipation – Der Weg zur Dominanz des Sohnes
3.3 Rückführung und Tod des Vaters – Dominanz des Sohnes

4. Vergleich der Machtin beiden Werken

5. Fazit und Hermeneutikdes Schlusses

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Hinführung

Der Machtkampf und die Selbstbehauptung der Söhne gegen die Väter ist ein Thema, das sowohl Franz Kafka als auch Walter Hasenclever in ihren Werken “Das Urteil” und “Der Sohn” thematisieren.

“Der Vater – ist das Schicksal für den Sohn […] im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der erste Hass”1, so die Aussage des Sohnes in Walter Hasenclevers Werk “Der Sohn”, welches er in den Jahren 1913 und 1914 verfasste und, trotz anfänglicher Zensurbeschränkungen, “ungehindert seinen Triumphzug auf den Bühnen des von der Revolution erfassten Deutschen Reiches antreten”2 konnte. Der Sohn, welcher in Hasenclevers Werk zu Beginn den Eindruck eines naiven, im Selbstmitleid versinkenden Jünglings erweckt, entwickelt sich im Laufe der Handlung immer mehr zum scheinbaren Freiheitskämpfer gegen die autoritären Vaterfiguren in der wilhelminischen Gesellschaft. Die daraus resultierende Konfliktsituation und der zunehmende Hass gegen seinen Vater, welche ihren Höhepunkt im Tode des vermeintlichen Tyrannen findet, kann somit als zentrales Thema dieses Werks angesehen werden.

Auch Kafka, dessen Beziehung zu seinem Vater sich stets als schwierig erwies, was neben der offensichtlichen Aufarbeitung seiner ambivalenten Gefühle in seinem 1912 verfassten Werk „Das Urteil“ auch durch zahlreiche andere Werke und Schriften (vgl. u. a. „Die Verwandlung“ und „Brief an den Vater“) ersichtlich wird, thematisiert den Machtkampf zwischen Vater und Sohn.

Das Ende der Erzählung, die nicht mit dem Tod des Vaters, sondern mit dem Suizid des Sohnes Georg endet, impliziert allerdings eine andere Herangehensweise, weshalb sich die Frage nach der unterschiedlichen Darstellung beider Autoren eröffnet.

Um beide Herangehensweisen vergleichen zu können, ist zunächst eine detaillierte Untersuchung der Machtverhältnisse zwischen Vater und Sohn, und deren Entwicklung in beiden Werken, unabdingbar. Interessant werden hierbei vor allem die biographischen Einflüsse, der jeweilige Handlungsverlauf und die Beziehungen der beiden Protagonisten zu den anderen Figuren selbst sein.

Der anschließende Vergleich beschäftigt sich dann mit der Frage, ob es den Söhnen gelingt ihre Macht auszubauen, sie zu behaupten und welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen. Eine kurze Bezugnahme auf die Hermeneutik des Schlusses in beiden Werke wird, zusammen mit einem kurzen Fazit, abschließend dazu dienen, letzte Unklarheiten aufzulösen und die Intentionen beider Autoren vollständig offenlegen.

2. Franz Kafkas „Das U rt e il “

2.1 Exposition – Der Freund und Fräulein von Brandenfeld

Kafkas Werk „Das Urteil“ beginnt mit einer relativ ausführlichen Exposition. Die ersten vier Seiten (47-51) behandeln die Ausgangssituation des Protagonisten Georg Bendemann und dessen Beziehung zu seinem „sich im Ausland [Russland] befindenden Jugendfreund“3. Aufgrund der bevorstehenden Hochzeit mit Fräulein Frieda Brandenfeld, gedenkt Georg, diesem einen Brief zu schreiben und ihm davon zu berichten. Die Freundschaft der beiden, die nur noch aus Briefen mit „bedeutungslose[n] Vorfällen“4 als Inhalt besteht, scheint vor allem durch deren Distanz und Georgs Zurückhaltung ihm gegenüber geprägt zu sein. Ursachen hierfür sind, neben der räumlichen Distanz, vor allem Georgs familiärer (bezogen auf die Verlobung mit Fräulein Brandenfeld) und wirtschaftlicher Erfolg, die im Kontrast zum generell erfolglosen Freund stehen. Die Beschreibung Georgs als tüchtiger Geschäftsmann, der nach dem Tod seiner Mutter das Personal „verdoppelt“ und den Umsatz des väterlichen Geschäfts „verfünffacht“5 hat, impliziert dessen Überlegenheit gegenüber dem ärmlichen, abgeschotteten Freund in der Ferne. Georg weiß um die Situation des Freundes und möchte ihn nicht durch seine durchweg positiven Mitteilungen kränken, weshalb die Freundschaft nicht als sehr innig sondern vielmehr als platonisch beschrieben werden kann.

Obwohl die Beziehung zwischen Georg und seinem Freund augenscheinlich nichts mit dem eigentlichen Thema der Machtverhältnisse und dem Kampf der Söhne gegen die Väter zu tun hat, ist dessen Existenz oder Nichtexistenz ein zentrales Thema im Streit zwischen Georg und seinem Vater im späteren Handlungsverlauf. Kafka selbst wiederholte mehrmals: „Der Freund ist kaum eine wirkliche Person“6. Dieser Aussage, deren Wahrheitsgehalt zumindest fragwürdig ist, steht entgegen, dass Kafka mit Georg ein zu seiner eigenen Person konträres „Wunsch-Ich“7 entwirft. Dies wird zunächst durch den eben genannten, wirtschaftlichen Erfolg des Protagonisten, der im Widerspruch zu dem zu seinen Lebzeiten relativ erfolglosen Kafka steht, ersichtlich. Es ist also keineswegs auszuschließen, dass der Freund, der in der Geschichte als Georgs Gegensatz beschrieben wird, zumindest in gewissen Teilen eine Repräsentation des biographischen Kafkas darstellt. Diese These wird des Weiteren durch die bevorstehenden Hochzeit mit Frieda Brandenfeld gestützt. Der als „Junggeselle der Weltliteratur“8 bezeichnete Kafka blieb selbst sein ganzes Leben lang unverheiratet und es gelang ihm lediglich im „Schreiben Erfüllung zu finden und Anforderungen zu genügen, was Kafka in einer Ehe für unmöglich [hielt]“9. Alleine die Widmung der Geschichte an seine damalige Verlobte Felice Bauer, welche die selben Initialen trägt, weist demnach auf den Einfluss und eine mögliche Aufarbeitung privater Gefühle hin.

2.2 Entwicklung der Konfrontation - Dominanz des Sohnes

Nachdem die Handlung des ersten Teils des Urteils ausschließlich in Georgs Zimmer stattfindet, vollzieht sich ein Ortswechsel für den zweiten Teil der Erzählung. Georg konsultiert seinen Vater und berichtet diesem, dass er seinem Freund die bevorstehende Hochzeit mitteilen möchte. Die Tatsache, dass Georg das Zimmer des Vaters „schon seit Monaten nicht“10 betreten hatte, erscheint aufgrund der geringen Distanz der beiden Räume, die lediglich durch „einen kleinen Gang“11 von einander getrennt sind, sehr merkwürdig. Zwar wird versucht dies durch die gemeinsame Zeit bei der Arbeit und andere gemeinsame Aktivitäten zu relativieren, jedoch entstehen dadurch erste Zweifel an der Innigkeit der Vater-Sohn-Beziehung.

Weshalb Georg ausgerechnet jetzt seinen Vater besucht und gerade ihm von dem Brief an den Freund zu berichten gedenkt, wird von Seiten Georgs nicht näher erläutert. Es ist denkbar, dass er darauf spekuliert einen väterlichen Rat oder Bestätigung zu finden, was für einen gewissen Respekt gegenüber dem Vater, bzw. eine Art Annäherungsversuch sprechen könnte. Denkbar wäre allerdings auch, dass Georg versucht sich mit dem eigentlichen Thema des Briefes, der Verlobung, zu profilieren und darin eine Art Machtgewinn gegenüber seinem verwitweten Vater sieht. Die implizierte Frage, ob es richtig ist dem Freund die vermeintlich sensible Information mitzuteilen, wäre folglich nur ein Vorwand, um dieses Thema anzusprechen. Diese These unterstützt vor allem der biographische Kafka selbst, der zur Zeit der Entstehung des „Urteils“ 1912 noch nicht verlobt war und in der elterlichen Wohnung lebte. Die angestrebte Loslösung von seinem Vater, die vor allem ein Umzug12 mit sich bringen würde, hätte unweigerlich zu Differenzen geführt - sofern Kafka keine bevorstehende Hochzeit als Argument vorzuweisen gehabt hätte13. In der Erzählung hat der Sohn folglich die Macht, die ihm im privaten Leben bis zu seinem Auszug, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, verwehrt geblieben ist.

Generell kann gesagt werden, dass der Sohn dem Vater in diesem Teil der Erzählung in vielerlei Hinsicht überlegen ist. Der Vater, der ihn in seinem dunklen Zimmer in einem Schlafrock in Empfang nimmt14, erweckt einen verwirrten und gebrechlichen Eindruck. Zwar wird erwähnt, dass er „noch immer ein Riese ist“15, jedoch ist sein körperlicher Verfall aufgrund des fortschreitenden Alters klar ersichtlich. Eine „Augenschwäche“16, ein „zahnlose[r] Mund“17 und schwindende Kräfte sind bezeichnend für dessen Darstellung.

Georg scheint sehr interessiert am Wohlergehen des Vaters zu sein und ist bemüht dessen Lebensumstände zu verbessern. Er entscheidet sein Zimmer mit ihm zu tauschen, einen Arzt zu konsultieren und darüber hinaus dessen Vorschriften, gemeinsam mit dem Vater, zu befolgen18. Dieses überaus aufmerksame und bevormundende Verhalten ist allerdings sehr kritisch zu betrachten, wenn man bedenkt, dass Georgs letzter Besuch, wie bereits erwähnt, schon Monate zurückliegt. Das plötzliche Interesse und die Aussage sogar das gemeinsame Geschäft schließen zu wollen, sofern es dessen Gesundheit bedrohen sollte, erscheinen daher beinahe schon absurd.

Der mentale Verfall des Vaters ist, ebenso wie seine schlechte körperliche Verfassung, deutlich zu erkennen. Er selbst behauptet, dass sein Gedächtnis nachlässt und ihn der Tod seiner Ehefrau sehr mitgenommen hat19. Interessanter ist allerdings die Infragestellung der Existenz des Freundes, die im selben Atemzug wie die Erwähnung der verstorbenen Mutter und Ehefrau stattfindet. Dies könnte bedeuten, dass der Vater den bereits vermuteten Vorwand des Sohnes durchschaut oder aber ein Hinweis auf ein frühes Stadium einer sich anbahnenden Demenz sein. Georg weicht diesem Thema zunächst aus und geht auch bei der kurz darauf folgenden Behauptung des Vaters, dass er keinen Freund in Petersburg hat, lediglich auf dessen Existenz als solche ein.

Alles in allem wirkt der Vater, im Gegensatz zu Georg, machtlos und schwach, was spätestens daran zu erkennen ist, dass Georg den zuvor als Riesen bezeichneten Vater letztlich auf seinen Armen ins Bett trägt und schlafen legt20 - wohlgemerkt am frühen Vormittag. Dem scheinbar übermächtigen Georg gelingt es in diesem Teil des Textes also augenscheinlich seinen Vater zu dominieren und praktisch selbst die Vaterrolle für den hilflosen, beim Tragen sogar an dessen Kette spielenden Vater einzunehmen. Zweifel daran lassen nur kleine Hinweise, wie Georgs Niederknien21, eine offensichtliche Unterwerfungsgeste, und die Tatsache, dass mit dem zu Bette tragen der angekündigte Zimmerwechsel – vom Dunkeln ins Licht - erfolgt sein könnte, aufkommen.

[...]


1 Walter Hasenclever: Der Sohn. Ein Drama in 5 Akten. Stuttgart 1994, S. 11

2 Bert Kasties. Walter Hasenclever. eine Biographie der deutschen Moderne. In: Wolfgang Frühwald (Hg.): Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur. Bd. 46. Tübingen 1994, S. 113-136.

3 Franz Kafka: Das Urteil. Eine Geschichte. In: Roger Hermes (Hg.): Franz Kafka. Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Frankfurt am Main 1999, S. 47

4 Ebd., S. 50

5 Ebd., S. 49

6 Franz Kafka: Briefe an Felice. Prag 10.06.1913.

7 Reinhard Meurer: Franz Kafka. Erzählungen. 1. Aufl. München 1985. S. 42

8 Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen. 2. Auflage. Frankfurt am Main 2008, S. 32.

9 Oliver Jahraus: Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Göttingen 2008. S. 410

10 Kafka: Das Urteil, S. 52

11 Ebd., S. 51

12 Ebd., S. 56

13 Stefan Gneuss: Warum lebte Kafka so lange bei den Eltern. http://www.franzkafka.de/franzkafka/was_sie_schon_immer_ueber_kafka_wissen_wollten/antwort/464436. (28.09.2018) [online]

14 Vgl. Kafka: Das Urteil, S. 52

15 Ebd., S. 52

16 Ebd., S. 52

17 Ebd., S. 53

18 Ebd., S. 54

19 Ebd., S. 54

20 Ebd., S. 56

21 Ebd., S. 55

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Machtverhältnisse. Der Kampf der Söhne gegen die Väter
Untertitel
Analysiert anhand von Walter Hasenclevers "Der Sohn" und Franz Kafkas "Das Urteil"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V511658
ISBN (eBook)
9783346084774
ISBN (Buch)
9783346084781
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machtverhältnisse, kafkas, franz, sohn, hasenclevers, walter, analysiert, väter, söhne, kampf, urteil
Arbeit zitieren
Chris Zemmel (Autor), 2018, Machtverhältnisse. Der Kampf der Söhne gegen die Väter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511658

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