Der Machtkampf und die Selbstbehauptung der Söhne gegen die Väter ist ein Thema, das sowohl Franz Kafka als auch Walter Hasenclever in ihren Werken “Das Urteil” und “Der Sohn” thematisieren.
“Der Vater ist das Schicksal für den Sohn […] im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der erste Hass”, so die Aussage des Sohnes in Walter Hasenclevers Werk “Der Sohn”, welches er in den Jahren 1913 und 1914 verfasste und, trotz anfänglicher Zensurbeschränkungen, ungehindert seinen Triumphzug auf den Bühnen des von der Revolution erfassten Deutschen Reiches antreten konnte. Der Sohn, welcher in Hasenclevers Werk zu Beginn den Eindruck eines naiven, im Selbstmitleid versinkenden Jünglings erweckt, entwickelt sich im Laufe der Handlung immer mehr zum scheinbaren Freiheitskämpfer gegen die autoritären Vaterfiguren in der wilhelminischen Gesellschaft. Die daraus resultierende Konfliktsituation und der zunehmende Hass gegen seinen Vater, welche ihren Höhepunkt im Tode des vermeintlichen Tyrannen findet, kann somit als zentrales Thema dieses Werks angesehen werden.
Auch Kafka, dessen Beziehung zu seinem Vater sich stets als schwierig erwies, was neben der offensichtlichen Aufarbeitung seiner ambivalenten Gefühle in seinem 1912 verfassten Werk „Das Urteil“ auch durch zahlreiche andere Werke und Schriften (vgl. u. a. „Die Verwandlung“ und „Brief an den Vater“) ersichtlich wird, thematisiert den Machtkampf zwischen Vater und Sohn. Das Ende der Erzählung, die nicht mit dem Tod des Vaters, sondern mit dem Suizid des Sohnes Georg endet, impliziert allerdings eine andere Herangehensweise, weshalb sich die Frage nach der unterschiedlichen Darstellung beider Autoren eröffnet.
Um beide Herangehensweisen vergleichen zu können, ist zunächst eine detaillierte Untersuchung der Machtverhältnisse zwischen Vater und Sohn, und deren Entwicklung in beiden Werken, unabdingbar. Interessant werden hierbei vor allem die biographischen Einflüsse, der jeweilige Handlungsverlauf und die Beziehungen der beiden Protagonisten zu den anderen Figuren selbst sein. Der anschließende Vergleich beschäftigt sich dann mit der Frage, ob es den Söhnen gelingt ihre Macht auszubauen, sie zu behaupten und welche Rückschlüsse sich daraus ziehen lassen. Eine kurze Bezugnahme auf die Hermeneutik des Schlusses in beiden Werke wird, zusammen mit einem kurzen Fazit, abschließend dazu dienen, letzte Unklarheiten aufzulösen und die Intentionen beider Autoren vollständig offenlegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Hinführung
2. Franz Kafkas “Das Urteil”
2.1 Exposition – Darstellung der Ausgangssituation
2.2 Entwicklung der Konfrontation - Dominanz des Sohnes
2.3 Umbruch und Urteil - Dominanz des Vaters
3. Walter Hasenclevers “Der Sohn”
3.1 Matura und Abhängigkeit – Dominanz des Vaters
3.2 Flucht und Emanzipation – Der Weg zur Dominanz des Sohnes
3.3 Rückführung und Tod des Vaters – Dominanz des Sohnes
4. Vergleich der Macht in beiden Werken
5. Fazit und Hermeneutik des Schlusses
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht das expressionistische Motiv des Vater-Sohn-Konflikts in Franz Kafkas Erzählung „Das Urteil“ und Walter Hasenclevers Drama „Der Sohn“, wobei der Fokus auf den unterschiedlichen Machtdynamiken und deren Ausgang liegt.
- Analyse der Machtverhältnisse zwischen Vater und Sohn
- Biographische Einflüsse der Autoren auf die Charakterentwicklung
- Untersuchung des Machtgewinns und Machtverlusts in den Werken
- Gegenüberstellung von erzählerischen Lösungsansätzen und Schlüssen
Auszug aus dem Buch
2.3 Umbruch und Urteil - Dominanz des Vaters
Der zuvor subtil angedeutete Umbruch erfolgt schließlich als Georg den Vater zudeckt und die Machtbehauptung folglich abgeschlossen wäre. Die Symbolik des Zudeckens erinnert beinahe an eine Beerdigung, gegen die sich der Vater vehement wehrt, indem er die Decke zurückwirft, aufspringt und Georg sogleich verbal attackiert. „Ab jetzt wird die Sprache der Macht und des todbringenden Hasses [,] aber auch die Sprache der Klarheit und Enthüllung [sprechen]“. Der dritte und letzte Teil der Erzählung beinhaltet einen kompletten Machtverlust Georgs, der in dessen Suizid gipfelt.
Der Vater beginnt alle Verfehlungen seines Sohnes aufzuzählen und weist ihn auf seine Fehler, Versäumnisse und charakterliche Defizite hin. Zuerst revidiert er seine vorherige Aussage und bestätigt plötzlich die von ihm zuvor infrage gestellte Existenz des Freundes, der, seiner Aussage nach, „ein Sohn nach [seinem] Herzen“ wäre. Er behauptet um ihn geweint zu haben, kritisiert Georgs „falsche Briefchen“ und sieht dessen Verfehlung scheinbar vor allem in der geplanten Hochzeit mit Fräulein Brandenfeld.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Hinführung: Diese Einleitung führt in das zentrale Thema des Machtkampfes zwischen Vater und Sohn bei Kafka und Hasenclever ein und stellt die Forschungsfragen vor.
2. Franz Kafkas “Das Urteil”: Das Kapitel analysiert die Entwicklung der Machtverhältnisse in Kafkas Erzählung, vom Anfang der Dominanz Georgs bis zu seinem endgültigen Machtverlust gegenüber dem Vater.
3. Walter Hasenclevers “Der Sohn”: Hier wird der Prozess beschrieben, wie der zunächst unterdrückte Sohn durch Emanzipation und revolutionären Aktivismus eine dominante Position gegenüber seinem Vater einnimmt.
4. Vergleich der Macht in beiden Werken: Dieses Kapitel stellt die gegensätzlichen Entwicklungen der Machtverhältnisse in beiden Werken direkt gegenüber und erörtert die unterschiedlichen Ergebnisse für die Söhne.
5. Fazit und Hermeneutik des Schlusses: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und erklärt die unterschiedlichen Ausgänge der Werke durch die biographischen Unterschiede der beiden Autoren.
Schlüsselwörter
Vater-Sohn-Konflikt, Expressionismus, Machtkampf, Franz Kafka, Walter Hasenclever, Das Urteil, Der Sohn, Emanzipation, Dominanz, Literaturanalyse, Biographischer Einfluss, Paternale Macht, Rebellion, Gesellschaftskritik, Suizid
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Vater-Sohn-Konflikt im Expressionismus, fokussiert auf die Werke "Das Urteil" von Franz Kafka und "Der Sohn" von Walter Hasenclever.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Machtdynamiken zwischen den Generationen, die Auswirkungen biographischer Einflüsse auf die Charaktere und die Frage nach Autonomie und Emanzipation.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung geht der Frage nach, wie die beiden Autoren den Machtkampf zwischen Vater und Sohn darstellen und warum die Erzählungen in so unterschiedlichen Machtverhältnissen und Ausgängen münden.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die biographische Kontexte mit strukturellen Textuntersuchungen und Ansätzen aus der Soziologie (Bourdieu) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Machtverschiebungen in beiden Werken, gefolgt von einem direkten Vergleich der verschiedenen Machtinstanzen und deren Wirkungsweise.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Analyse?
Begriffe wie Paternale Macht, Selbstbehauptung, ökonomische vs. erotische Macht und der Einfluss des Milieus sind zentral für das Verständnis der Argumentation.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Vaters in beiden Werken?
Während Kafkas Vater als eine Instanz auftritt, die Georgs Machtanspruch durch ein vernichtendes Urteil bricht, fungiert der Vater bei Hasenclever als ein autoritärer Gegenspieler, dessen Übermacht durch den revolutionären Prozess des Sohnes schließlich aufgehoben wird.
Welche Bedeutung kommt dem Ende der jeweiligen Erzählungen zu?
Das Ende verdeutlicht die Intention der Autoren: Bei Kafka führt die Unfähigkeit zur Loslösung in den Suizid, während bei Hasenclever der Tod des Vaters den Sieg der Emanzipation und den Erfolg des Sohnes als Revolutionsführer symbolisiert.
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- Chris Zemmel (Autor), 2018, Machtverhältnisse. Der Kampf der Söhne gegen die Väter, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511658