Schwarze Madonnen

Eine kritische Analyse der Kultbilder


Masterarbeit, 2018

101 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Vorgehensweise

2 Forschungsstand

3 Herkunft und allgemeine Quellenlage

4 Geographische Verortung und Anzahl

5 Das Bildwerk der Schwarzen Madonna
5.1 Schwarze Madonna, ein Kult- und Gnadenbild
5.2 Abgrenzung zu Reliquien
5.3 Typen Schwarzer Madonnen
5.3.1 Einführung
5.3.2 Thronende Madonnen
5.3.3 Stehende Madonnen
5.3.4 Lukasbilder

6 Gründe der dunklen Farbigkeit der Bildwerke
6.1 Problematik
6.2 Physische Beschaffenheit der Werke
6.2.1 Ursprüngliche Schwarzfärbung durch Beschaffenheit des Holzes
6.2.2 Schwarze Madonnen aus dunklem Stein oder Marmor
6.2.3 Schwarzfärbung durch äußere Einwirkungen
6.3 Bewusste Schwarzfärbung
6.4 Quellenlage zur Ursprünglichkeit der Schwärzung
6.5 „Weiße“- Schwarze Madonnen

7 Mögliche Gründe der bewussten Schwarzfärbung
7.1 Die Symbolfarbe Schwarz
7.2 Hinweise in der Bibel
7.3 Vorchristliche Begründungen der Schwärzung
7.4 Zeitliche Phänomene
7.5 Volksfrömmigkeit und finanzielle Aspekte

8 Die Schwarze Madonna von Altötting
8.1 Einführung
8.2 Provenienz
8.3 Datierung
8.4 Stifter
8.5 Quellenlage
8.6 Gnadenkapelle
8.7 Beschreibung der Figur
8.8 Ausarbeitung und Bestimmungszweck
8.9 Fassung und Konservierung
8.10 Stilisti sche Einordnung
8.11 Zeugnisse der Schwärzung
8.12 Atlas Marianus zur Schwarzfärbung
8.13 Repliken
8.14 V olksfrömmigkeit und V erehrung
8.15 Die Bedeutung des Hauses Wittelsbach für das Gnadenbild

9 Ausblick
9.1 Schwarze Madonnen weltweit
9.2 Schwarze Sakralbildwerke

10 Fazit und Kritik

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen im Anhang

Anhang

1 Einleitung und Vorgehensweise

Jeder kennt das menschliche Bedürfnis durch den Besuch eines gewissen Ortes einem Menschen näher zu sein, wie etwa das Haus von Goethe in Weimar oder von Schiller in Marbach zu besuchen.1 So verhält es sich auch im sakralen Bereich mit Stätten, an denen die Jungfrau Maria Wunder vollbracht haben soll.2 Diese sogenannten Gnaden­oder Kultbilder, die häufig die Muttergottes mit Kind abbilden, sind insbesondere in Wallfahrtskirchen, Kapellen oder bestimmten heiligen Orten zu finden. Bekannt, und all­gemein akzeptiert, sind die Bildwerke der Muttergottes von der Romanik bis etwa zum Barock, deren Inkarnat eine helle oder polychrome Fassung aufweist. Eine besondere Aufmerksamkeit wird den sogenannten Schwarzen Madonnen beigemessen, deren Haut­farbe braun oder sogar schwarz ist. Durch ihre außergewöhnliche Färbung und prunkvolle Inszenierung, ziehen sie Gläubige aus aller Welt an und waren Auslöser von zahlreichen Wallfahrten, die noch heute im großen Rahmen praktiziert werden.3 Auch erlangten sie durch prominente Würdenträger eine besondere Verehrung und wurden in einigen Län­dern sogar zu National- oder Regionalheiligen hochstilisiert.4

Weshalb ist die abendländische Madonna schwarz, und warum üben gerade diese schwar­zen Bildwerke eine besondere Faszination auf die Gläubigen aus? Diese Frage wurde von der kunsthistorischen Forschung bislang unzureichend beantwortet und soll daher in die­ser Arbeit analysiert und kritisch beleuchtet werden. Zuerst wird auf allgemeine Gesichts­punkte eingegangen, um die „ Gattung“ der Schwarzen Madonnen näher zu spezifizieren. Neben geographischer Verortung, Anzahl der Objekte und möglicher Herkunft der Ma­donnen wird erläutert, was sie zu Kult- und Gnadenbildem macht. Dabei wird auch der Zusammenhang zwischen den Bildwerken und dem Reliquienkult untersucht. Anschlie­ßend erfolgt eine Klassifizierung der dunklen Madonnenbilder in unterschiedliche Typen. In einem nächsten Schritt werden verschiedene Möglichkeiten der physischen Schwär­zung untersucht, wobei neben der dunklen Farbigkeit, die etwa aus der Beschaffenheit des Holzes oder durch äußere Einflüsse resultiert, auch die bewusste Schwarzfärbung analysiert wird. Die verschiedenen Aspekte und Thesen der absichtlichen Farbfassung werden in einem nächsten Schritt beleuchtet, wobei diese Analyse neben der kunsthisto­rischen Betrachtung eine interdisziplinäre Sichtweise erfordert. Zuletzt wird das Phäno-

men der Schwarzen Madonna von Altötting ausführlich behandelt, wobei neben allge­meinen Fakten, wie etwa zur Historie oder stilistische Einordnung des Gnadenbildes, ins­besondere die unterschiedlichen Gesichtspunkte der Schwärzung untersucht werden.

2 Forschungsstand

Das Thema der Schwarzen Madonnen umfasst mehrere Themenkomplexe, wobei ich mich zunächst auf die Aufsätze von Gude Suckale-Redlefsen Schwarze Madonnen, im Ausstellungskatalog, Schöne Madonnen am Rhein von 2009, sowie den Aufsatz von Monique Scheer, From Majesty to Mystery: Change in the Meanings of BlackMadon- nas from the Sixteenth to Nineteenth Centuries von 2002 stütze, die einen wissenschaft­lichen Überblick über das Gesamtthema bieten und partiell bestimmte Bildwerke detail­liert besprechen. Diesbezüglich lieferte der italienische Konferenzband Nigra Sum: Culti, Santuari e immagini delle Madonne Nere d’europa aus dem Jahr 2012 von LALLA Groppo und Oliviero Girardi, der anlässlich einer Konferenz in Oropa im Piemont im Jahr 2010 publiziert wurde, zahlreiche neuere wissenschaftlich fundierte Forschungsan­sätze über Schwarze Madonnen in Europa, aber auch weltweit. Zu allgemeinen Frage­stellungen, was die Geschichte, Typisierung und den Kult von Bildern und Bildwerken betrifft, wurde das Standardwerk Bild und Kult von HANS Belting aus dem Jahr 2011 herangezogen. Daneben waren die Bände des Marienlexikons von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk ein umfassendes und hilfreiches Überblickswerk zu unterschiedli­chen Aspekten mariologischer Themen, auch der Schwarzen Madonnen. Durch die große Anzahl dunkler Madonnenbildwerke in Frankreich existieren ebenfalls zahlreiche fran­zösische Publikationen zu unterschiedlichen Aspekten dieses Themas, wobei insbeson­dere der aktuelle Sammelband aus dem Jahr 2017, Sedes Sapientiae: Vierges Noires, culte marial et pèlerinages en France méridionale von Sophie Brouquet für die Arbeit her­angezogen wurde. Was die fassungstechnischen Untersuchungen der Schwärzung anbe­langt, so lieferte der Aufsatz von Manfred Koller, „Schwarze “ Kruzifixe und Mado­nnen in Österreich und das Problem „moderner“ Freilegungen, wertvolle Hinweise. Für die Überlegungen zur bewussten Schwärzung der Madonnen wurden insbesondere die Thesen von Franz Siepe in, Fragen der Marienverehrung: Anfänge, Frühmittelalter, Schwarze Madonnen sowie von Josef IMBACH in, Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube aus dem Jahr 2008, beleuchtet.

Hinsichtlich der Untersuchungen zur Altöttinger Madonna lieferte der Aufsatz von MI­CHAEL Schmidt im Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege aus dem Jahr 2010 wich- tige Forschungsansätze, die das Bildwerk hinsichtlich historischer, aber auch fassungs­technischer Fragestellungen analysieren. In einem persönlichen Gespräch am 27.06.2018 mit der Diplom Restauratorin des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Judith Schekulin, die die Altöttinger Madonna im Jahr 2005 restauriert hat, erhielt ich weiter­führende Hinweise zur Skulptur, wofür ich Frau Schekulin an dieser Stelle herzlich be­danke. Was die Historie des Gnadenbildes, sowie die Bedeutung des Ortes Altöttings betrifft, so bildete die Monographie von Gerhard Peter Woeckel, Pietas Bavarica aus dem Jahr 1992 eine wichtige Grundlage. Weiterführend wurden einige Monographien zum Wallfahrtswesen in Altötting, wie etwa Bayerische Wallfahrt Altötting von Robert Bauer aus dem Jahr 1998 zur Analyse herangezogen. Ebenso wurde die durch Nicolas Balzamo und Olivier Christin bearbeite Übersetzung der ersten Fassung des Altlas Marianus von Wilhelm Gumppenberg aus dem Jahr 2015 bezüglich der Schwärzung des Altöttinger Kultbildes ausgewertet.

Eine Herausforderung in der Literarturrecherche bestand darin, die wissenschaftlichen Beiträge aus einer Vielzahl vermeintlicher Sachbücher und belletristischer Literatur über Schwarze Madonnen herauszufiltern. Bücher, wie etwa die Die unheilige Jungfrau von EAN Begg, Das Geheimnis der schwarzen Madonnen von URSULA KRÖLL oder Schwarze Madonnen: Das Mysterium einer Kultfigur von PETRA Cronenburg liefern zwar zahl­reiche Interpretationsmöglichkeiten für die Schwärzung der Muttergottesfiguren, jedoch bleiben die vorgestellten Thesen oberflächlich und werden nicht wissenschaftlich unter­mauert. Die Grenzen sind hier oft fließend, was an der religionshistorisch-, psycholo­gisch- orientierten Studie über Schwarze Madonnen von Brigitte Romankiewics de­monstriert werden kann, die in der Zeitschrift Symbolon, der Gesellschaft für wissen­schaftliche Symbolforschung, publiziert wurde.

3 Herkunft und allgemeine Quellenlage

Aus heutiger Sicht wurden die ersten Schwarzen Madonnen in Europa erst zwischen dem Ende des Π. Jahrhunderts und 13. Jahrhunderts vollständig entdeckt.5 In sämtlichen Fäl­len, kann die genaue Herkunft und das tatsächliche Alter der Bildwerke durch mangelnde und fragwürdige Quellenlage nicht festgestellt werden.6 Aus diesem Grund ranken sich um ihre Schenkung oder Auffindung zahlreiche Legenden. Die Figuren sollen nach lan­ger Zeit der Verborgenheit aus unerklärlichen Umständen wieder entdeckt worden sein. Auch wurden sie angeblich in Höhlen wiedergefunden oder sogar aus der Erde ausgegra­ben. Manche Figuren sollen mit den Kreuzzügen als Kriegsbeute oder als Geschenke für europäische Herrscher aus Byzanz oder Ägypten mit nach Europa gebracht und sogar vom Evangelisten Lukas geschaffen worden sein.7

Wann wurden dunkle Madonnen erstmals als Schwarze Madonnen bezeichnet? Diese Frage kann nicht eindeutig beantwortet werden. Diesbezüglich muss auf die einzelnen Werke und überlieferten Quellen bekannter Schwarzer Madonnen verwiesen werden, wo­bei die meisten Zeugnisse einen Kult der Schwarzen Madonnen erst im 15. Jahrhundert bestätigen.8 Es erscheint einleuchtend, dass die ersten Schwarzen Madonnen, die vom 11. bis 13. Jahrhundert gefunden wurden, auch definitiv so bezeichnet wurden.9 Dies kann jedoch nicht nachgewiesen werden.

Was die Primärquellen dieses Themas anbelangt, so existieren lediglich späte Berichte aus dem 21. Jahrhundert. Die ersten Publikationen, welche sich allgemein mit Schwarzen Madonnen beschäftigten, kamen aus Frankreich. Eine der ersten Autoren war Marie Durand-Lefebvre, die sich in ihrer Studie Etude sur l’origine des Vierges Noires aus dem Jahr 1937 mit sämtlichen europäischen Schwarzen Madonnen auseinandersetzte. Hierbei untersuchte sie die Figuren hinsichtlich kultischer und ikonographischer Aspekte, wobei sie auch private Quellen verwendete, die sich leider nicht verifizieren lassen.10 Ein ähnlicher Forschungsbericht wurde von Emile Saillens bereits vor 1937 begonnen, wo­bei sein Buch Nos Vierges Noires, leurs origines, wegen des Krieges, nicht vor 1945 veröffentlicht werden konnte.11 Diese Quellen sind jedoch nur bedingt für wissenschaft­liche Zwecke geeignet, da sie sich insbesondere auf die symbolische Deutung der Schwarzen Madonnen stützen.

4 Geographische Verortung und Anzahl

Die Schwarzen Madonnen sind erstaunlich weit verbreitet und in sämtlichen römisch- katholischen Regionen zu finden.12 Gerade in Europa treten diese gehäuft auf, es lassen sich aber auch Bildwerke eines dunklen Marientypus in Amerika, Brasilien, Afrika oder sogar in Asien nachweisen.13 Auffällig ist, dass sich die Bildwerke innerhalb Europas auf bestimmte Gebiete konzentrieren. In Süd- beziehungsweise Mittelfrankreich, im Gebiet um die Pyrenäen, sowie in Belgien, Sizilien oder in der Gegend um Neapel und Rom kommen die dunklen Muttergottesstatuen gehäuft vor.14

Im Internet existieren einige private Übersichtskarten sowie Listen; auch in Wikipedia ist eine umfängliche Liste Schwarzer Madonnen zu finden.15 Im Vergleich zur wissenschaft­lichen Literatur fällt auf, dass es keine aktuelle umfassende Übersicht sämtlicher, auf der Welt existierender Exemplare gibt, was vermuten lässt, dass weitaus mehr Bildwerke Schwarzer Madonnen existieren, als der Forschung bekannt sind. Im Laufe der Jahrhun­derte stieg die Anzahl der schwarzen Bildwerke, was auch durch die Säkularisation und die Französischen Revolutionskriege unter Napoleon Bonaparte, durch welche zahlreiche Figuren zerstört wurden, nicht verhindert werden konnte. Das lässt vermuten, dass die Zahl der dunklen Madonnenstatuen im Hochmittelalter noch weitaus höher war.16 Im Rahmen der Konferenz Nigra sum ergab, eine umfassende Recherche nach Schwarzen Madonnen in Europa in den Jahren 2008 und 2009, die stattliche Summe von 741 Origi­nalbildwerken, wobei sich die meisten, gezählt wurden 428 Schwarze Madonnen, in Frankreich befinden.17 Die verhältnismäßig geringe Zahl der Schwarzen Madonnen in Deutschland, hier sollen nur 18 Schwarze Madonnen existieren, legt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei entweder nur um Originalbildwerke handelt, oder die Ergebnisse schlichtweg ungenau sind, da die Anzahl auch in Deutschland höher sein muss.18 Frühere publizierte Statistiken wurden ausschließlich in Frankreich durchgeführt, wie etwa die Zählung im Jahr 1945 durch Emile Saillens, die infolge der ikonoklastischen Zerstö­rungen durch die protestantische Reformation veranlasst wurde. Die früheste bekannte Zählung stammt aus dem Jahr 1550, bei der festgestellt wurde, dass allein im 12. Jahr­hundert schon 180 Originalbildwerke in Frankreich existiert haben sollen.19 Die promi­nentesten Originalbilder Schwarzer Madonnen, deren Anzahl überschaubar ist, wurden im Laufe der Jahrhunderte zahlreich repliziert und als Kopien an unterschiedliche Wall­fahrtsorte gebracht.20 Als bekannteste Bildwerke Schwarzer Madonnen gelten die Ma­donna von Tschenstochau, die Madonna von Loreto in Italien, die Madonna Montserrat in Spanien, die Madonna von Guadalupe in Spanien, die Madonna von Le Puy, Ro- camadour, Clermont-Ferrand, Marsat, Orcival im Süden Frankreichs, sowie die Madonna von Altötting in Bayern und Einsiedeln in der Schweiz.21

5 Das Bildwerk der Schwarzen Madonna

5.1 Schwarze Madonna, ein Kult- und Gnadenbild

Schwarze Madonnen werden als Kult- oder Gnadenbilder tituliert.22 Dies gilt es genauer zu durchleuchten.

Die Definition des Kultbildes lässt sich nicht eindeutig bestimmen.23 Selbst im byzanti­nischen Bilderstreit vermieden die Ikonodulen eine genaue Charakterisierung und Defi­nition. Romano Guardini grenzt das Kultbild vom Andachtsbild ab:24 Nach Guardini geht die Wirkung für den Betrachter eines Kultbildes nicht vom objektiven Sein und Wal­ten, wie etwa beim Andachtsbild, aus. Vielmehr beruht der Glaube an die Wirkmacht und Realität auf dem Grundsatz vom objektiven Sein und Walten. Dabei wird Gott im Bild gegenwärtig. Im Gegensatz zum Andachtsbild soll das Kultbild über Wirkmächtigkeit und Wesenheit verfügen. Nach der Definition Guardinis begegnet der Betrachter dem Kultbild mit einer besonderen Haltung: Er erweist ihm Ehrfurcht und Anbetung.25 Gerhard Wolf bringt den Begriff des Kultbilds erstmalig mit dem des Gnadenbildes in Verbindung: „ Wenn wir von Kult-Bild sprechen, unterstellen wir, dass dieser Art von Bildern eine spezifische öffentliche oder private Rezeption zukommt. [...] Allgemein ge­sagt, verschmelzen in den Kultbildern Membran- und Brennspiegelfunktion durch ein dem Publikum mehr oder weniger bewusstes Wechselspiel von Projektion undRetropro- jektion. Ich nenne das in Analogie zu KANTOROWICZ berühmtem Titel „ the two bodies of images “. [...] Durch die Legenden werden die Bilder örtlich und zeitlich in der Heilsge­schichte, genauer in der Epoche sub gratia verankert und häufig eine Verbindung eines aktuellen Kulturzentrums zu einem anderen bedeutenden Ort hergestellt. Die Legenden besitzen also in der Regel einen Ursprungsbericht, einen Translationsbericht und eine Auflistung wichtiger Wunder, die schon im Ursprung oder bei der Translation auftreten können und in der Regel bis zur Gegenwart fortdauern. “26

Allgemein kann festgehalten werden, dass ein Gnadenbild eine plastische oder gemalte Figur von Christus, Maria oder anderen Heiligen ist, vor der Gläubige um einen Gnaden­erweis bitten. Dabei wird die Verbindung des Gläubigen zu Gott dadurch hergestellt, dass dieser oder der jeweilige dargestellte Heilige im Bild präsent wird. Diesen Bildern wird damit die Kraft zugestanden, Wunder zu vollbringen.27 Nach Kolb ist der Begriff der Verehrung des Bildes als Abgrenzung zur Anbetung bedeutend, da nur Gott allein ange­betet werden darf. Die Verehrung gilt dabei nie dem Bild selbst, sondern nur der auf­beziehungsweise mit dem Bild dargestellten Personen.28 In manchen Fällen werden diese wundertätigen Bilder als Acheiropoieta bezeichnet, da sie nicht von Menschenhand, son­dern von Gott geschaffen wurden.29

Zu den Gnadenbildern existieren nicht selten sogenannte Mirakelbücher, Sammlungen von Wunderberichten, die der Muttergottes zugeschrieben werden, oder unterschiedliche Votivtafeln, wie etwa Tafelbilder, welche mit den Worten, Jix voto - wegen des Gelüb­des“, als Dank für die Erhörung der Gebete, den wundertätigen Bildern gestiftet werden. Diese sind zugleich Zeugnisse der Wundertätigkeit des Gnadenbildes.30 Was die Gnadenbilder Schwarzer Madonnen in Europa betrifft, so lässt sich kein Beispiel finden das ausschließlich Maria dargestellt wird. Meistens handelt es sich hier um Skulp­turen oder Bilder von Maria mit Kind. Beispiele Schwarzer Madonnen, die ausschließlich Maria zeigen, sind eher außerhalb Europas zu finden. Ein Beispiel hierfür wäre die Schwarze Madonna von Guadalupe in Mexiko oder die Nossa Senhora Aparecida in Bra­silien.31 Die Gnadenbilder Schwarzer Madonnen sind insbesondere an Wallfahrtsorten vorzufinden und meistens nicht in Sichthöhe des Betrachters, sondern aus Zwecken der Verehrung in Untersicht aufgestellt.32 Nach Kolb sollen manche Gnadenbilder sogar be­tastet werden können, um die Gegenwärtigkeit der Heiligen zu spüren und den Schutz des Gnadenbildes zu empfangen.33 Dies scheint bei Schwarzen Madonnen eher nicht üb­lich zu sein, da sich diese häufig hinter Glas oder Gittern befinden und weiter vom Be­trachter entfernt aufgestellt sind und dadurch eine gewisse Unerreichbarkeit aber auch Ehrfurcht vermitteln.34

5.2 Abgrenzung zu Reliquien

Nach Suckale-Redlefsen erhalten Schwarze Madonnen oft den Status von Reliquien.35 Nach der Aussage muss untersucht werden, was es mit dem Reliquienkult auf sich hat und wie Reliquien in Verbindung zu Bildwerken wie denen der Schwarzen Madonnen stehen.

Nach Ritter sind Reliquien im engeren Sinne körperliche Überreste, vom Lateinischen reliquia, von Seligen oder Heiligen. Darüber hinaus sind damit sämtliche Gegenstände gemeint, die den toten Leib dieser Personen berührt oder verwendet haben.36 Um sich bewusst von dem heidnischen Götterkult abzusetzen scheuten sich die Christen, Gott oder die Gottesmutter in den ersten Jahrhunderten bildlich darzustellen.37 Mit der Zeit setzte sich die Verehrung von Reliquien durch, da diese die Nähe zu Gott oder der Gottesmutter versinnbildlichen. Schon im späten 6. Jahrhundert, sollen im Osten auch Marienbilder wie Reliquien verehrt worden sein.38 Nach dem Sieg der Ikonodulen im Osten erfuhr die monumentale Skulptur im Westen seit dem neunten Jahrhundert eine Wiedergeburt.39 Die noch im Mittelalter vorherrschende Kritik an der missbräuchlichen Verwendung religiö­ser Bilder, implizierte eine vorsichtige Umgangsweise mit sakralen Bildwerken, weswe­gen in den ersten Monumental skulpturen Reliquien untergebracht wurden, um die Ver­ehrung der Bildwerke zu legitimieren.40 Aus diesem Grund beherbergten einige europäi­sche Madonnenskulpturen des frühen Mittelalters Reliquien, die in einem speziell in der Skulptur integrierten Repositorium aufbewahrt wurden.41 Nach Ilene Forsyth enthiel­ten nur wenige die Madonnenstatuen, die vor 1200 angefertigt wurden tatsächlich Reli- quien.42

In der überwiegenden Literatur finden sich zunächst keine Hinweise darauf, dass Bild­werke Schwarzer Madonnen existieren, die Reliquien beherbergen.43 Auch die Röntgen­bilder der Schwarzen Madonna des Reiseretabels von Robert von An.k mi um 1335, zei­gen statt eines Reliquienrepositoriums lediglich eine Öse zur Befestigung der Plastik.44 Lediglich Cassagnes-Brouquet erwähnt in ihrem Aufsatz über Schwarze Madonnen in Frankreich, dass eine unbekannte Madonna, die während der französischen Revolution verschwand, als Vorbild sämtlicher romanischer Madonnen in der Auvergne gedient ha­ben soll45 Diese wurde 946 von Bischof Stephan III beim Goldschmied Adelelmus in Auftrag gegeben, und soll dem Vorbild der Heiligen Fides von Conques nachempfun­den sein. Wie die „Sainte Foy“, so soll auch diese Madonna mit Reliquien ausgestattet worden sein. Ob diese Marienfigur schwarz war, ist nicht überliefert. Dennoch wurde bei der Restaurierung der Schwarzen Madonna von Orcivai aus dem frühen 12. Jahrhundert, auf der Rückseite eine kleine Höhle entdeckt, in der Reliquien aufbewahrt wurden.46 Demnach ist zu vermuten, dass ebenfalls in anderen Schwarzen Madonnen diesen Typs Reliquien aufbewahrt wurden, auch, da diese zu den frühesten Beispielen Schwarzer Ma­donnen zählen. Bemerkenswert ist, dass im Jahre 1469 ein Stück der Vorgängerskulptur einer Schwarzen Madonna in der Kirche Notre-Dame des Anges in Boulogne-sur-Mer als Reliquie nach Boulogne-sur-Seine gebracht worden sein soll, was die These von Suckale-Redlefsen dahingehend erweitert, dass Schwarze Madonnen nicht nur wie Reliquien verehrt werden, sondern auch Reliquien darstellen.47

5.3 Typen Schwarzer Madonnen

5.3.1 Einführung

Die Schwarzen Madonnen folgen keinem konsistenten Regelwerk, weswegen eine Defi­nition schwierig erscheint.48 Abgesehen von dem Dunkelheitsgrad ihres Inkarnats, dem Alter oder Land, in dem sie sich befinden, lassen sich bei Schwarzen Madonnen viele Gemeinsamkeiten feststellen. Handelt es sich um Skulpturen, so sind sie meistens relativ klein, rundansichtig, etwa zwischen 50 und 90 Zentimeter groß und vorwiegend aus Holz geschnitzt. Allgemein kann man sie in drei Arten klassifizieren, welche im Folgenden näher spezifiziert werden.

5.3.2 Thronende Madonnen

Zu den ältesten Bildnissen zählen die Thronenden Madonnen, des Typus der Sedes Sapi- entiae, dem Sitz der Weisheit, oder Maèsta aus dem elften und zwölften Jahrhundert, welche meist dem byzantinischen Ikonen-Typus der Nikopoia nachempfunden sind.49 Bei diesem Madonnentypus thront die Muttergottes mit reifen Gesichtszügen aufrecht in frontaler Strenge, ihr Blick geht ins Leere. Meist ist sie mit einer langen Tunika bekleidet, worüber sie einen Mantel trägt. Auf dem Kopf trägt sie nicht selten ein Zierwerk in Form einer Krone, die den herabhängenden Schleier fixiert.50 Sie hält das Kind auf ihrem Schoß, welches ebenfalls axial-frontal positioniert ist. Häufig macht das Kind mit seiner Rechten den Segensgestus, mit seiner Linken stützt er die Evangelien, wobei sein Gesicht die Züge eines reifen Mannes, im,,puer senex“, aufweist. Die thronenden Madonnen sind alle etwa 70 bis 82 cm hoch und aus Zedern- oder Wacholderholz geschnitzt und in eini­gen Fällen mit Silberblech oder anderem Metall überzogen. Meist sind nur Gesicht und Hände schwarz, die Kleidung dagegen ist polychrom.51 Ihr Ursprung wird mit Kreuzzü­gen und dem Templerorden und dem damit verbundenen Kulturtransfer zwischen dem Vorderen Orient und Europa erklärt. Auffällig ist, dass sich gerade dieser Typus zu Haufe in Süd- und Zentralfrankreich auftritt, wobei allein in Clermont-Ferrand, der Hauptstadt der Auvergne heute noch fünf bekannte Schwarze Madonnen zu sehen sind.52 In dieser Region sind die Bildnisse dunkler Madonnen so zahlreich, dass diese Vierges Noires oft als Inbegriff der Schwarzen Madonnen gelten und die anderen Schwarzen Madonnen- Typen überschatten.53 Gerade in Frankreich besteht das Problem, dass viele Original- Bildwerke der Französischen Revolution zum Opfer gefallen sind und nicht selten auch zeremoniell zerstört wurden.54

Ein berühmtes Beispiel einer thronenden Schwarzen Madonna ist die hochverehrte Statue aus der Kathedrale Notre-Dame in Le Puy-en-Velay, die König Ludwig der Heilige von Frankreich von einem Kreuzzug mitgebracht haben soll (Abb. I).55 Von ihr exis­tieren lediglich mehrere Zeichnungen, sowie Beschreibungen aus dem 17. und 18. Jahr­hundert, darunter eine Lithografie von Faujas de Saint-Fond aus dem Jahr 1778. Die älteste Abbildung der Figur stammt aus einem Stundenbuch aus Toul oder Nancy Ende des 15. Jahrhunderts, welches womöglich Magarete von Österreich, die erste Frau Karls VIII von Frankreich in Auftrag gab. Auf der Miniatur sitzt Maria in einem bun­ten Kleid aufrecht auf dem Thron und hält das Kind mit beiden Händen auf dem Schoß, im Typus des Sedes Sapientiae. Eher ungewöhnlich ist die Tatsache, dass Maria die Hände vor das Kind hält und mit den Fingern eine Raute formt.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Schwarze Madonna, die sich auf dem Berg Montserrat bei Barcelona befindet (Abb. 2).56 Die von der Bevölkerung liebevoll als Mo- reneta betitelte Figur ist schriftlich seit dem 13. Jahrhundert überliefert. Vermutet wird aber, dass sie älter ist. Wie die Madonna von Le Puy ist auch diese ebenfalls mit Kind im Typus des Thrones der Weisheit dargestellt, wobei die Maria von Montserrat in ihrer rechten Hand den Globus hält, ihre Linke hat sie behutsam zum Kind erhoben. Das Kind hat in seiner linken einen Pinienzapfen, seine rechte zum Segensgestus erhoben. Interessant ist, dass beispielsweise die Schwarze Madonna aus Marsat (Abb. 3) in der Auvergne, aus dem 12. Jahrhundert, welche um 1830 bemalt und vergoldet wurde, statt einer Krone lediglich die Kapuze ihres langen Mantels über den Kopf gezogen hat. Einen hohen Ähnlichkeitsgrad mit dieser Figur hat die Schwarze Madonna aus der Kathedrale Notre-Dame de la Bonne-Mort, in Clermont-Ferrand aus dem 12. Jahrhundert, welche unter ihrer Kapuze noch eine Haube trägt, die den Schleier fixiert (Abb. 4). Die Beson­derheit der Kapuze mit darunterliegender Haube, sowie das Lange in vielen Falten her­abfallende Gewand, ist den byzantinischen Ikonen nachempfunden. Auffällig ist, dass die thronenden Madonnen sehr charakteristische Züge aufweisen, die sich unter anderem in der jeweils unterschiedlichen Gestaltung der Krone äußern, wie etwa bei der Schwarzen Madonna von Le Puy. Weitere bedeutende Schwarze Madonnen des thronenden Typus sind etwa die Schwarze Madonna von Vauclair, die Madonna von Saint-Gervazy oder die Madonna von Rocamadour (Abb. 5).57 Neben der Auvergne tritt dieser Typus gehäuft in den Pyrenäen, der Provence, dem Languedoc und vereinzelt in Spanien auf. Nach Cas- sagnes-Brouquet ist die Gestaltung dieser romanischen Skulptur sehr komplex und richtet sich nach individuellen religiösen Bedürfnissen aus.58 Neben der Portabilität der Figur, etwa auf Prozessionen spielen auch lokale künstlerische Strömungen eine Rolle. Auch in Deutschland gibt es Zeugnisse Schwarzer Madonnen des thronenden Typus.59 Ein Beispiel hierfür wäre die Schwarze Madonna aus der Damenstiftskirche Niedermün­ster in Regensburg.60 Die bereits vergessene Statue, wurde im Jahr 1670 durch den Re­gensburger Weihbischof Albert Ernst Graf von Wartenberg angeblich in einem Winkel des Klosters entdeckt. Der Bischof erklärte sie zum Heiligtum, da sie aus dem frühen 13. Jahrhundert stammte, wobei die Figur von Herzogin Judith im Jahr 937 aus Jerusalem mitgebracht, und dem Damenstift geschenkt worden sein soll. Die Verschwär- zung der Figur war eine Bestätigung dafür, dass das Bildwerk bereits in früheren Jahr­hunderten verehrt wurde, wobei die Verrußung gleichzeitig als Zeugnis für ihre byzanti­nische Herkunft und ihr hohes Alter diente.

5.3.3 Stehende Madonnen

In Süddeutschland und im Alpenraum ist der Typus der Stehenden Madonna häufiger zu finden.

Wie bei den Skulpturen mit hellem Inkarnat, so handelt es sich bei den stehenden Schwar­zen Madonnen meist um Holzskulpturen aus dem späten 13. bis zur Mitte des 15. Jahr­hunderts. Formal entspricht dieser Typus weitestgehend dem der thronenden Madonna, wobei die stehende Maria ihr Kind auf dem linken, seltener auf dem rechten Arm hält. Im Unterschied zu den thronenden Madonnen überwiegt hier der Typus der Hodegetria, der Wegweisenden, wobei Maria mit ihrer rechten Hand auf das Kind deutet, das seiner­seits mit seiner Rechten einen Segensgestus andeutet.61 Häufig kam es vor, dass die früh- gotischen stehenden Skulpturen den romanischen Vorläufer im Typus des Sedes Sapien- tiae ersetzten.62 Bekannte Beispiele stehender Schwarzer Madonnen sind die Schwarze Madonna von Loreto, die Madonna von Einsiedeln, die Madonna von Guadalupe in Spa­nien oder die Madonna von Altötting, auf die später noch eingegangen wird.

Auch lassen sich manche stehende Schwarze Madonnen stilistisch in bestimmten lokalen Madonnen-Typus einordnen. Ein Beispiel hierfür ist das Gnadenbild der Pfarrkirche Saint-Jean in Luxemburg Stadtgrund (Abb. 6).63 Das Bildwerk stammt aus der Altmüns­ter-Abteikirche, die 1541 zerstört wurde. Von dort aus retteten es die Benediktiner in die Kirche von Neumünster, heute Saint-Jean genannt. Dort wurde es von den Gläubigen unter dem Namen Dei Mater et Stella Coeli, Schwarze Not-Muttergottes, verehrt, die ins­besondere bei Pestepidemien angerufen wurde. Die Skulptur kann mit der Herkenrather Katharina aus der Kölner Werkstatt verglichen werden. Hierauf deuten die rundlichen Gesichtsformen sowie das leicht angedeutete Lächeln von Mutter und Kind hin. Hierfür spricht auch die Drapierung der Falten sowie die geschwungene Haltung Mariens, wes­wegen die Entstehung der Figur um 1360 bis 1380 vermutet wird. Dabei unterscheidet sich die Madonna aus Luxemburg nur durch das Inkarnat von einer Gruppe um die Frie­sentor-Madonna.64 Ein weiteres Beispiel ist die Madonna Nôtre-Dame-de-Bonne-Déliv- rance aus der alten Schlosskapelle in Neuilly-sur-Seine bei Paris Hauts-de-Seine (Abb. 7). Auch diese Madonna ist stilistisch einer Gruppe von Ile-de-France Madonnen, die aus dem 2. Viertel des 14. Jahrhunderts stammen, zuzuordnen. Dies kann an den geschwun­genen und dreifach gestaffelten Faltensäumen, sowie dem hoch gehaltenen Kind und wei­teren Details, wie der Locke über dem Ohr Marias festgemacht werden. Auch in diesem Fall ist keine der stilistisch verwandten Figuren schwarz gefärbt.

5.3.4 Lukasbilder

Es existieren viele sogenannte Lukasbilder die durch das bräunliche Inkarnat Mariens eine schwarze Madonna abbilden. Die Lukasbilder sind nach der apokryphen Erzählung über den Evangelisten Lukas entstanden, der angeblich die Muttergottes auf einer dunk­len Tischplatte aus dem Hause Marias porträtiert hatte.65 Demnach zählen diese Bilder zu den Acheiropoieta.66 Die Legende lässt sich erstmalig bei Theodorus Lector in der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts nachweisen. Demnach soll Maria bei der Flucht der Heiligen Familie aus Ägypten durch die Sonne ihr dunkles Antlitz erhalten haben.67 Es bestehen jedoch Unklarheiten über den Ursprung der Legende. Möglicherweise entstand sie in Rom, wo man sich auf den apostolischen Ursprung berief. Oder aber sie entstand im Os­ten, als eine Apologie gegen die Ikonoklasten. Sinn und Zweck der Lukasbilder ist es die persönliche Nähe des Apostels Lukas zu Maria zu versinnbildlichen und die Dargestellte mit dem Bild zu identifizieren, um so die Wirkmächtigkeit und Verehrungswürdigkeit des Bildes zu steigern68 Die gläubige Meinung, Lukas habe das Porträt Marias gemalt, hielt sich über viele Jahrhunderte, verhalf den Ikonen die als Lukasbilder galten zu höchs­tem Ansehen, und steigerte den Glauben an ihre Wunderkraft. Meist handelt es sich bei den Lukasbilden um Tafelbilder aus Holz, es sollen aber auch die stehenden Bildwerke der Schwarzen Madonna aus Montserrat und Loreto zu den Lukasbildern zählen, da der Heilige Lukas unter anderem auch als Bildhauer tätig gewesen sein soll.69 Kunsthistori­schen Kriterien hält diese These von Lukas als Madonnenmaler nicht stand. Nach Royt wurden sogar sämtliche Schwarze Madonnen für Lukasbilder gehalten.70 Je nach der Art der Gestik und Haltung von Maria und dem Kind werden die Lukasbilder häufig im Ty­pus der Hodegetria dargestellt. Bei den Tafelbildern dieses byzantinischen Ikonen-Typus ist häufig nur der Oberkörper von Maria und Kind zu sehen.71

Neben der Schwarzen Madonna aus Brünn bei Aachen, wäre die Schwarze Madonna aus der Schlosskapelle in Bresnitz in der Nationalgalerie in Prag oder das prominente polni­sche Gnadenbild der Muttergottes auf dem Berg des Klosters, Jasna Gòra bei Tschen- stochau ein Beispiel für diesen Typus (Abb. 8 und Abb. 9).72 Wie andere Lukasbilder weist das Inkarnat Mariens ebenso eine bräunliche Hautfarbe auf. Das Tafelbild, das ver­mutlich in Siena in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts geschaffen wurde, entscheidet sich jedoch durch andere, da die rechte Wange Mariens mit Narben versehen ist, weswegen es auch zur Gruppe der sogenannten Verwundeten Bilder zählt. Die Wundmale sind auf­gemalt und sollen von Schwerthieben stammen, die entweder durch die Hussiten um 1430 oder durch die Schweden im 17. Jahrhundert verursacht wurden. Auch den Rückzug Schwedens aus Polen im Jahre 1655 brachte man mit der Wundertätigkeit des Gnaden­bildes in Zusammenhang, weswegen das Madonnenbildnis zu Schutzpatronin Polens er­hoben wurde.

6 Gründe der dunklen Farbigkeit der Bildwerke

6.1 Problematik

Insbesondere das dunkle Inkarnat unterscheidet die Schwarzen Madonnen von herkömm­lichen Marienplastiken, wobei in den meisten Fällen, sowohl Maria, als auch das Chris­tuskind eine dunkle Hautfarbe aufweisen.73 Die Färbung muss dabei nicht immer schwarz, sondern kann auch braun sein, damit die Figur den Titel Schwarze Madonna erhält. Es gibt zahlreiche Diskussionen darüber, was eine Madonna zur Schwarzen Ma­donna macht: Zum einen die Wirkung des dunklen Inkarnats in den Augen des Betrach­ters oder aber die allgemeine Meinung der lokalen Bevölkerung oder der Geistlichen.74 Koller vertritt die Ansicht, dass kein einziges Werk existiert, das in einer wissenschaft­lichen Untersuchung hinsichtlich der Schwarzfärbung zu plausiblen Ergebnissen ge­führte75 Wenn es nur den sichtbaren Dunkelzustand des Gnadenbildes gibt und das Vor­bild bekannt ist, lässt sich nur die letztgenannte Entstehung einer Replik nachvollziehbar belegen. Als Beweis dienen die berühmten Gnadenbilder, die zahlreich repliziert wurden, wie etwa die Schwarze Madonna von Loreto, Einsiedeln oder Altötting. Die physische Nachdunkelung, sowie die bewusste Schwarzfärbung der Plastiken können dagegen nur mit Hilfe von zeitgenössischen, seriösen Quellen oder glaubhaften Überlieferungen er­klärt werden.

Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Schwarzfärbung untersucht werden. Hierbei lassen sich unterschiedliche Phänomene bei den verschiedenen Mado­nnentypen feststellen: Zum einen besteht die Möglichkeit, dass die Madonna aus dunklem oder braunen Holz gefertigt ist, zum anderen resultiert die Schwärzung durch äußere Ein­flüsse wie Oxidation oder Kerzenrauch. Es existieren jedoch auch Schwarze Madonnen die ursprünglich schwarz waren, aber nachträglich gesäubert wurden. Diese tragen jedoch weiterhin den Titel der Schwarzen Madonna. Die letzte interessanteste Möglichkeit ist die bewusste Schwärzung der Figur. Hierfür kommen zahlreiche Gesichtspunkte in Frage, die in Kapitel 7 ausführlich behandelt werden.

6.2 Physische Beschaffenheit der Werke

6.2.1 Ursprüngliche Schwarzfärbung durch Beschaffenheit des Holzes

Häufig wurden die Schwarzen Madonnen aus dunklem Holz angefertigt.76 Das Holz soll in manchen Fällen mit den Kreuzzügen aus dem Orient nach Europa gebracht worden sein. Skulpturen denen dies nachgesagt wird, sind etwa die Madonna von Dijon, Nötre- Dame-de-Bonne-Espoir, welche den Beinamen La Brune - Die Braune trägt, oder die Madonna von Rocamadour. Auch die Madonna aus Le Puy soll aus dunklem Ebenholz gefertigt worden sein.77 Bei den Hölzern, die für die Figuren verwendet wurden, handelt es sich möglicherweise um Eben-, oder Zeder-, ferner um Eichen- oder Olivenholz.78 Diese haben die Eigenschaft, dass sie schnell nachdunkeln. Beispielsweise war die Vor­gängerskulptur der Schwarzen Madonna aus Loreto, welche 1921 verbrannte, aus Ze- demholz, das im Laufe der Zeit stark nachdunkelte und die Figur zur Schwarzen Madonna machte.79 Die schwarze thronende Madonna aus Montserrat in Spanien wurde dagegen aus Olivenholz gefertigt.80

In einer Studie untersuchte Corinne Van Hauwermeiren die Schwarzen Madonnen der Pyrenäen hinsichtlich der Behandlung des Holzes, aus dem die Figuren gefertigt wur­den.81 Hierbei stellte sich heraus, dass die Figuren, die zwischen der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und Ende des 14. Jahrhunderts gefertigt wurden, möglicherweise in be­stimmten Werkstätten angefertigt wurden, dabei kam es vor, dass für einen bestimmten Madonnentypus auch mehrere Holzarten verwendetet wurden. Die Untersuchungen erga­ben auch, dass sich die verwendeten Baumarten auf Erle, Birke, Kastanie, Nussbaum, Pinie, Pappel, Weide, Tanne, oder Linde beschränkten. Weide wurde dabei eher in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bevorzugt, wobei Pinie im 14. Jahrhundert überhaupt nicht verwendet wurde. Die am meisten verwendete Holzart war Pappel, welche schein­bar während der drei Jahrhunderte für die Herstellung der Madonnen herangezogen wurde.82

6.2.2 Schwarze Madonnen aus dunklem Stein oder Marmor

Es existieren zudem Schwarze Madonnen, die aus dunklem Stein oder Marmor gefertigt worden sein sollen. In der Literatur sind diese Madonnen, eher selten.

Laut des zeitgenössischen Inventars soll eine Madonna aus dem 14. Jahrhundert existiert haben, die aus schwarzen Stein, Erdpech oder schwarzem Chalcedon bestand. Das Kind dagegen soll aus weißem Elfenbein gefertigt worden sein.83 Bei der Figur handelt es sich um eine Madonnenplastik, die Jean de Berry, Katharina von Lancaster, der Köni­gin von Kastilien, überreichte. Nach Suckale-Redlefsen handelt es sich bei dem ge­nannten Werk um eine Statue einer thronenden Madonna, die sich heute in Kathedrale von Burgos befindet. Im Vergleich zur zeitgenössischen Beschreibung ist das Inkarnat Mariens und des Kindes heute aber weiß, weshalb sich die Beschreibung nicht nachvoll­ziehen lässt und die Skulptur nicht den Schwarzen Madonnen zugeordnet werden kann. Die Schwarze Madonna im Zentrum des tragbaren Reiseretabels in der Mährischen Ga­lerie in Brünn, welches um 1335 in Neapel geschaffen wurde, besteht zwar aus Marmor (Abb. 10).84 Dieser ist jedoch weiß, wobei lediglich die Inkamate Mariens und des Kindes schwarz bemalt wurden, weshalb diese zu den Schwarzen Madonnen gezählt werden kann.

Nach Suckale-Redlefsen lässt sich das dunkle Inkarnat der Madonna auf eine greco- italienische Madonnenikone, La Bruna, die in der Kirche Santa Maria del Carmine in Neapel verehrt wurde, zurückführen. Der Figur aus Brünn liegt demnach ein Vorbild zu­grunde, wobei nicht belegt ist wann die Madonna geschwärzt wurde. Auf den gemalten Flügeln des Altars ist die Anbetung der Heiligen Drei Könige sowie anderer Heiligen zu sehen. Das Retabel gelangte 1896 als Schenkung des Fürsten von Lichtenstein nach Brünn, wobei eine kaiserliche Provenienz von Blanche de Valois, der ersten Gemahlin Karls IV, durch die Valois-Lilien im Hintergrund der Schrein Nische, vermutet wird. Bemerkenswert ist bei dieser Madonnen-Darstellung, dass die schwarze Hautfarbe durch das weiße Gewand kontrastiert wird. Da die Farbe Schwarz lange als bäuerliche Farbe galt, ist es in diesem Fall kurios, dass dieses Madonnenbildnis der höfischen Kunst schwarz gefärbt wurde.

6.2.3 Schwarzfärbung durch äußere Einwirkungen

Durch naturwissenschaftliche Untersuchungen der farbigen Fassung stellte sich heraus, dass die dunkle Farbigkeit der Madonnen aus physikalischen Prozessen resultiert.85 Der Dunkelzustand lässt sich dabei auf äußere Einflüsse oder Veränderung der Farben, die im Laufe der Zeit zustande kam, zurückführen. Mögliche Ursachen der Verfärbung sind Ver­rußung durch Weihrauch oder Kerzen, chemische Reaktionen der Farben durch Licht o- der Feuchtigkeit, rituelle Waschungen mit Wein oder Öl oder aber Oxidationen von mög­lichen Silberauflagen.86 Auch weisen die Chemiker auf mögliche Pigmentveränderungen hin. Diese können dann eintreten, wenn etwa Ölfarbe auf eine nicht saugende Goldgrun­dierung aufgetragen wird. Die Farbe sickert dann in den Untergrund ein und lässt die Farbfassung deutlich nachdunkeln. Ähnlich ist es bei grünlichen Bolus-Grundierungen von Ikonen oder bei der Temperamalerei, wo Seife als Bindemittel für die Farbpulver verwendet wird.

Was die Verrußung der Skulpturen betrifft, so kann angesichts der Tatsache, dass sich die meisten Gnadenbilder in kleinen Räumen, oft ohne Fenster, befinden, eine Schwärzung durch Rauch, nachvollziehbar erklärt werden. Dabei ist es nicht unbedingt nötig, dass die Figuren in unmittelbarer Nähe zu den Kerzen platziert sind. Wird der Raum nicht regel­mäßig gelüftet, so kann schon in kurzer Zeit eine starke Schwärzung des sakralen Bild­werks durch Verrußung entstehen. Die Tatsache, dass überhaupt noch helle Madonnen­plastiken existieren, lässt sich hauptsächlich durch die kontinuierliche Säuberung der Plastiken erklären.87 Bekannte Schwarze Madonnen deren Schwärzung aus Kerzenruß resultiert, sind etwa die Madonna von Loreto oder die Madonna aus Montserrat.88 Bereits im 19. Jahrhundert führte man den Grund für die Schwarzfärbung auf Oxidati­onsprozesse zurück.89 Charles Rohault de Fleliry in Frankreich sah die Ursache in geschwärzten Silberauflagen, wogegen Stephan Beissel in Deutschland von einer Farb­veränderung durch Bleiweiß, Silber, Zinnober oder Rußablagerungen ausging.90 Auch die zerstörte Skulptur der Schwarzen Madonna aus Notre-Dame de Puy soll durch äußere Einwirkungen im Laufe der Jahrhunderte, zusätzlich zur bereits dunklen Beschaf­fenheit des Holzes, geschwärzt worden sein.91 Paradoxerweise zeigt die Miniatur im Stundenbuch, dass ihre Hände weiß sind. Nach Suckale-Redlefsen wird dies womög­lich mit den durchgeführten rituellen Waschungen der Gesichter mit Wein erklärt. Die Hände waren hierbei häufig unter einem schweren Mantel versteckt, weswegen diese nicht berührt wurden. Es wird vermutet, dass die Schwärzung bereits vor dem Ende des 15. Jahrhunderts bestanden hat.92

Auch die Schwärzung der Madonna von Nötre-Dame-des-Pauvres von Rocamadour aus dem 12. Jahrhundert, soll durch Oxidation von Bleiweiß oder einer früheren Versilberung entstanden sein.93 Ebenfalls soll das bräunliche Inkarnat der sogenannten Lukasbilder aus der Technik der Tempera Malerei sowie Verfärbungen des Holzes durch Weihrauch und Ruß resultieren.94 Durch die Betrachtung der vorgenannten Beispiele, lässt sich folgern, dass die dunkle Farbigkeit der meisten Schwarzen Madonnen nicht nur aus Nachdunke- lung der Beschaffenheit des Holzes, sondern auch zusätzlich durch Oxidationsprozesse oder Kerzenruß resultiert.

6.3 Bewusste Schwarzfärbung

Es gibt zahlreiche Madonnen, die bewusst schwarz bemalt wurden. Die meisten wurden etwa zwischen 17. und 19. Jahrhundert geschwärzt, wie etwa die Nötre-Dame-de-la- Bonne-Mort oder die Madonna von Marsat, die etwa beide um 1830 schwarz angemalt wurden.95 Der nachträglichen Schwärzung ging meist eine Verunreinigung der Skulptur durch Kerzenruß oder Verwitterung voraus.

Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Muttergottes von Einsiedeln in der Schweiz, eine Kopie, deren Vorbild 1465 bei einem Kirchenbrand zerstört wurde (Abb. II).96 Durch den Restaurator Johann Adam Feiet scher von Ludesch, der die Figur 1799 konser­vierte, ist der damalige Zustand sowie die Schwarzfärbung genauestens dokumentiert.97 Der entsprechende Restaurationsbericht vom 2. September 1799 befindet sich im Besitz der Benediktinerabtei in Einsiedeln. Ursprünglich wurde die Figur, um sie vor den napo- leonischen Truppen zu schützen, 1798 in eine Kiste gepackt und versteckt. Als diese nach einem Jahr geöffnet wurde, befand sich die Muttergottes in einem schlechten Zustand. Durch Nässe und Kerzenruß hatte sich das einst helle Gnadenbild verdunkelt. Das dunkle

Inkarnat der Figur lässt sich damit begründen, dass die Madonna seit dem 16. Jahrhundert bekleidet wurde.98 Die ehemals polychrome Fassung der Madonna wurde durch den Be­richt Fuetschers bezeugt, der trotz der Verschmutzung noch rötliche Wangen sowie Goldblumen und goldene Säume der Maria feststellen konnte.99 Zudem ist auf drei Kup­ferstichen des Meisters E. S. von 1466 keine Schwarzfärbung des Inkarnats der Madonna zu erkennen.100 Im Rahmen der Restaurierung im Jahre 1803 entschied sich interessan­terweise der Restaurator nicht dazu den ursprünglichen Zustand der Figur wiederherzu­stellen, sondern betonte die dunkle Verunreinigung, indem er das Inkarnat von Mutter und Kind absichtlich schwarz fasste.101 Über Feietschers Intention, die Schwärzung ge­zielt vorzunehmen, ist nichts bekannt.102

Ein weiterer Beleg für eine bewusste Schwarzfärbung liefert die Madonna aus der Schlosskapelle von Bresnitz.103 Durch die Inschrift auf der Rückseite des Tafelgemäldes sind die Entstehungsbedingungen nachvollziehbar dokumentiert. Der Auftraggeber des Gemäldes war kein geringerer als König Wenzel IV, der 1396 für die Bemalung einen Künstler aus Prag konsultierte. Dieser hatte bereits eine ältere, kostbare Ikone aus dem Augustiner-Chorherrenstift Raudnitz, dem Landsitz der Prager Erzbischöfe, kopiert. Es ist belegt, dass der böhmische Maler das Vorgängerbild, ein serbokroatisches Gnaden­bild, welches bereits durch Kerzenrauch verrußt war, absichtlich dunkelbraun färbte. Weitere Madonnen die sichtbar geschwärzt wurden, ist etwa die Madonna aus der Pfarr­kirche Saint-Jean in Luxemburg-Stadtgrund.104 Ihre heutige Fassung stammt aus dem Jahr 1954, wobei man bei der Wahl der Farbe ältere Befunde miteinbezog. Bei einer um­fassenden Restaurierung Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle sichtbaren Körperteile schwarz bemalt um das Äußere der Figur an ihr ursprüngliches Aussehen anzupassen. Auch bei dieser Madonna lässt sich durch die Konservierung nicht nachvollziehen, wann das Gnadenbild schwarz gefasst wurde, da es nicht möglich ist, die älteren möglicher­weise verborgenen Reste der Fassung, zu datieren. Suckale-Redlefsen schließt hierbei eine schwarze Farbfassung bei der Entstehung des Gnadenbilds konsequent aus.

Auch die weniger bekannte Schwarze Madonna von Oropa bei Biella im Piemont wurde bewusst schwarzgefärbt.105 Bei ihr handelt es sich ebenso wie bei der Luxemburgerin um eine stehende Madonna, die das Kind auf ihrem linken Arm hält. Urkundlich wurde die Skulptur aus Italien bereits 1294 erwähnt. Zum Alter ihrer Polychromie wurden bislang keine Untersuchungen durchgeführt, weswegen auch hier die Ursache ihrer Schwarzfär­bung verborgen bleibt.

Was die prominenten Schwarzen Madonnen betrifft, so ist zu beobachten, dass insbeson­dere deren Kopien bewusst schwarz gefärbt wurden, um den bereits dunklen Zustand des Originalbildes, der sich etwa auf Verrußung oder Oxidation zurückführen ließe, bewusst zu betonen. Dies wird beispielhaft durch die zahlreichen Loreto-Kapellen bezeugt, die ab dem 17. Jahrhundert nördlich der Alpen entstanden sind. Die Kapellen beinhalten jeweils eine dunkle Replik des Originalgnadenbildes aus Loreto. Als Beispiele hierfür wären un­ter anderem die Skulptur aus Strass im Strassertal um 1706 in Niederösterreich, sowie Pfarrkirchen im Mühlkreis, in Oberösterreich oder Prag-Hradschin zu nennen106

6.4 Quellenlage zur Ursprünglichkeit der Schwärzung

Nach Manfred Koller ist die Behauptung, schwarze Madonnen seien ursprünglich schwarz ausgeführt worden, „weit übertriebenda hierfür keine konkreten Nachweise existieren.107 Auch in der Studie von Brigitte Romankiewics über schwarze Madonnen gab es bei vier Beispielen Materialhinweise, die alle auf eine spätere Nachdunkelung hin- weisen.108 Auch bei der Schwarzen Madonna von Marsat bei Clermont-Ferrand konnte festgestellt werden, dass diese erst um 1830 ihre schwarze Farbe erhielt. Zahlreiche Ur­sprungsbilder Schwarzer Madonnen sind zerstört oder abhandengekommen oder wurden wegen starken Wurmbefalls ersetzt, weswegen sich die Ursprünglichkeit der Schwärzung nicht mehr nachvollziehen lässt. Auch das ursprüngliche Gnadenbild der Madonna von Loreto bei Ancona, Umbrien, welches aus Rottanne gefertigt wurde, 1921 bei einem Brand der Kirche zerstört worden. Demnach sind keine neueren Untersuchungen mehr möglich. Es existieren allerdings zahlreiche Bilder, Fresken und Grafiken aus dem 15. und 16. Jahrhundert, welche die Madonna von Loreto in hellem Inkarnat zeigen.

Am königlichen Institut für Konservierung fanden neuere Untersuchungen zu Schwarzen Madonnen aus Belgien statt: Hierbei handelte es sich um Nôtre-Dame von Tongeren, Nôtre-Dame in Walcourt und Nôtre-Dame in Hal.109 Bei der Untersuchung aller Bespiele stellte sich auch hier heraus, dass die Schwärzung lediglich ein sekundäres Phänomen sei.

[...]


1 Siehe Kolb 1976, S. 7.

2 Siehe hierzu und im Folgenden Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

3 Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 163.

4 Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

5 Siehe Bonvin 1988, S. 16.

6 Siehe hierzu und im Folgenden Suckale-Redlefsen 2009, S. 163 sowie Imbach 2008, S. 119.

7 Siehe Royt 1994, S. 95 sowie Suckale-Redlefsen 2009, S. 164.

8 Siehe beispielsweise Schmidt 2010, S. 77; im Vgl. hierzu siehe auch die Gnadenbilder des Atlas Mari­anus, wobei die Madonnen, die heute als Schwarze Madonnen bekannt sind, im Werk Johannes Gump- penbergs nicht als Schwarze Madonnen betitelt werden. Siehe Balzamo/Christin/Flückiger 2015, S. 332,314, 167, 101.

9 Dieser Meinung ist auch Romankiewicz 2010, S. 90.

10 Siehe Begg 1985, S. 3-4.

11 Siehe Begg 1989, S. 14.

12 Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

13 Vgl. hierzu die Auflistungen von Kröll 1998, S. 11-15; Woeckel 1992, S. 349; Suckale-Redlefsen 2009, S. 162, die insbesondere die schwarzen Madonnen Deutschlands, vor allem des Rheingebiets, sowie die von Luxembourg und Belgien auflistet. Daneben beschäftigt sich Brouquet, in Brouquet 2017, S. 3f. sowie Brouquet 1990, S. 19, intensiv mit den Schwarzen Madonnen in Frankreich. Eine Übersicht über die Verteilung Schwarzen Madonnen in Italien liefert Chiavola-Bimbaum 1993, S. XIII. Erwähnens­wert ist auch die überaus detaillierte Auflistung in Begg 1989, S. 186-224, die die außereuropäischen Kultorte Schwarzer Madonnen beinhaltet.

14 Neben der Übersichtskarte siehe auch die Übersichtskarten von Italien in Chiavola-Bimbaum 1993, S. XIII sowie Brouquet 1990, S. 17-37.

15 Siehe hierzu beispielsweise eine Auflistung Schwarzer Madonnen in Wikipedia, https://de.wikipe- dia.org/wiki/Liste_Schwarzer_Madonnen (09.07.2018).

16 Siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 111.

17 In Bemardi/Rolando 2012, S. 19-20 befindet sich eine genaue Aufteilung der Schwarzen Madonnen auf die einzelnen europäischen Länder.

18 Allein Suckale-Redlefsen zählt schon elf Schwarze Madonnen auf, die sich lediglich in der Gegend um Köln befinden. Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 162.

19 Zu Anzahl und Zählungen siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 111; Imbach 2008, S. 238 f.; Romankie- wicz 2010, S.89-90; Suckale-Redlefsen 2009, S. 164 sowie Royt 1994, S. 95.

20 Siehe hierzu Scheer 2002, S. 1414; Romankiewicz 2010, S.89 f. sowie Bernardi/Rolando 2012, S. 19-20.

21 Siehe allgemein hierzu Suckale-Redlefsen 2009, S. 161-175 sowie Siepe 2002, S. 161; zur Madonna von Tschenstochau siehe Weidhaas 1966, S. 36-46; zur Madonna von Einsiedeln siehe Oechslin/ Buschow Oechslin 2003, S. 394-397 sowie Salzgeber 1989, S. 308-309; zu den anderen Madonnen siehe beispielsweise auch Brouquet 1990, S. 87, 90, 91, 195, 127. Vgl. auch eine ähnliche Aufzählung von Lechner 1971, S. 1.

22 Siehe beispielsweise Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

23 Siehe hierzu im Folgenden Matena 2016, S. 84.

24 Zu Romano Guardinis Abgrenzung des Kultbildes vom Andachtsbild siehe im Folgenden Fricke 2007, S. 30.

25 Siehe hierzu im Folgenden Fricke 2007, S.30

26 Wolf 1995, S. 402.

27 Siehe Marti 2017, S. 89 f. sowie Kolb 1991, S. 658.

28 Dies stimmt auch mit der Definition hinsichtlich der Verehrung von Bildern des Zweiten Konzils von Nicäa überein. Siehe Ganz/Henkel 2004, S. 26.

29 Siehe Kolb 1991, S. 658 und 660.

30 Siehe Imbach 2008, S. 119.

31 Siehe zur Schwarzen Madonna von Guadalupe in Mexiko oder zur Nossa Senhora Aparecida in Brasi­lien Oleszkiewicz-Peralba 2007, S. 22 und 49-80.

32 Siehe hierzu etwa die Aufstellung der Madonna von Altötting in Suckale-Redlefsen 2009, S. 163.

33 Siehe Kolb 1991, S. 658.

34 Siehe hierzu beispielsweise Suckale-Redlefsen 2009, S. 163.

35 Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 161; vgl. hierzu auch Herrmann 2003, S. 19-21.

36 Siehe Ritter 1993, S.453.

37 Siehe hierzu und im Folgenden neben Belting 2011, S. 72 auch Kolb 1991, S. 658.

38 Hierfür spricht auch die frühe Verehrung von Bildern, worauf die Doppelikone des Heiligen Sergios und Bakchos aus dem 6. Jahrhundert in Kiew hindeutet, die wie eine Reliquie verehrt wurden. Siehe Belting 2011, S. 72 sowie Herrmann 2003, S. 19.

39 Siehe Flicke 2007, S. 18; zum byzantinischen Bilderstreit 726-842 siehe auch Onasch/Schnie- per/Bentchev 2007, S. 20-21.

40 Siehe hierzu und im Folgenden Belting 2011, S. 331 und 336-339.

41 Vgl. neben Ritter 1993, S.453 auch beispielhaft das Reliquienrepositorium etwa der Dangolsheimer Madonna in Kat. Ausst. Berlin 1989, S. 21-22.

42 Siehe Forysth 1972, S. 121 f. und Sansterre 2002, S. 1037.

43 In Suckale-Redlefsen 2009, S. 161 wird bei keinem der aufgeführten Beispiele Schwarzer Madonnen erwähnt, dass eine Figur eine Reliquie birgt.

44 Siehe Fogas (u.a.) 2014, S. 210.

45 Siehe hierzu im Folgenden Cassagnes-Brouquet 2012, S. 113.

46 Siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 114.

47 Siehe Begg 1989, S. 195-196.

48 Siehe hierzu und im Folgenden Suckale-Redlefsen 2009, S. 163.

49 Zum Typus der sitzenden Schwarzen Madonnen siehe im Folgenden neben Koller, S.121; Cassagnes- Brouquet 2012, S. 113; Scheer 2002, S. 1413 sowie Suckale-Redlefsen 2009, S. 163.

50 Siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 111 sowie Koller, S. 121.

51 Zur Beschreibung des Typus der romanischen Schwarzen Madonna siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 113 sowie Koller, S. 121.

52 Siehe Siehe Bonvin 1988, S. 16; Scheer 2002, S. 1414 sowie Suckale-Redlefsen 2009, S. 164.

53 Siehe Koller, S. 121.

54 Siehe hierzu beispielsweise Cassagnes-Brouquet 2012, S. 111; Suckale-Redlefsen 2009, S. 164. Auch die Schwarze Madonna Nötre-Dame-Sous-Terre in der Kathedrale von Charters, wurde in der Franzö­sischen Revolution zerstört, siehe Teichmann 1991, S. 58

55 Zur Madonna von Le Puy siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 164-165; Comte 1988, S. 36-43; Schreiner 1994, S. XX f. sowie Brouquet 1990, S. 126-133.; die Zeugnisse der Marienverehrung in Le Puy reichen bis ins 9. Jahrhundert zurück, wobei die Madonnenfigur erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts sichert bezeugt ist. Siehe Pomarat 1972, S. 29, 31.

56 Zur Madonna von Montserrat siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 165.

57 Siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 115.

58 Siehe Cassagnes-Brouquet 2012, S. 113.

59 Siehe hierzu die gegensätzliche Meinung von Koller 2008, S. 121.

60 Zur Schwarzen Madonna aus der Damenstiftskirche Niedermünster in Regensburg siehe im Folgenden Schmidt 2010, S. 78 sowie Woeckel 1992, S. 78.

61 Siehe Kolb 1991, S. 661 sowie Onasch/Schnieper/Bentchev 2007, S. 161; zum Typus der Hodegetria siehe auch Herzner 1972, S. 146.

62 Der Grund, weswegen die stehenden Figuren die romanischen Vorläufer-Figuren ersetzten ist jedoch nicht bekannt siehe Schmidt 2010, S. 75.

63 Zur Luxemburger Madonna siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

64 Zur Madonna Nôtre-Dame-de-Bonne-Délivrance siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 161-162.

65 Zur Legende der Lukasbilder siehe im Folgenden Royt 1994, S. 95; Habeck 2009, S. 44-47 sowie Tren­ner 1994, S. 183-184.

66 Siehe hierzu Kolb 1991, S. 658 und 660.

67 Siehe hierzu auch Lechner 1971, S. 3 f.

68 Siehe Trenner 1994, S. 183.

69 Siehe Trenner 1994, S. 184.

70 Siehe Royt 1994, S. 95.

71 Siehe hierzu Suckale-Redlefsen 2009, S. 168.

72 Zur Muttergottes von Tschenstochau siehe etwa Oleszkiewicz-Peralba 2007, S. 18; Weidhaas 1966, S. 36-46; Bentchev 1985, S. 110-112 und Onasch/Schnieper/Bentchev 2007, S.163; Ficker 1996, S. 344- 345; zur Muttergottes von Brünn siehe Fröhlich 1967, S. 6-9.

73 Siehe hierzu Suckale-Redlefsen 2009, S. 161.

74 Siehe Scheer 2002, S. 1414.

75 Zu diesen Überlegungen siehe hierzu und im Folgenden Koller 2008, S. 120.

76 Zu Schwarzen Madonnen aus Holz siehe hierzu und in Folgenden Romankiewicz 2010, S. 89 sowie Koller 2008, S. 120.

77 Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 164-165.

78 Siehe Romankiewicz 2010, S. 90.

79 Zur Loreto-Madonna siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 167.

80 Siehe Koller 2008, S. 122.

81 Zur Studie von Corinne Van Hauwermeiren siehe Van Hauwermeiren 2017, S. 47-57.

82 Siehe Van Hauwermeiren 2017, S. 52, 56.

83 Zur Madonna aus schwarzem Stein siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 162.

84 Zur Madonna aus der Mährischen Galerie in Brünne siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 167.

85 Siehe hierzu und im Folgenden Koller 2008, S. 121-122.

86 Zu den möglichen Ursachen äußerer Einwirkungen siehe Koller 2008, S. 121-122 sowie Suckale-Red- lefsen 2009, S. 171.

87 Zu den Überlegungen hinsichtlich der Verrußung durch Kerzenrauch siehe Imbach 2008, S. 237 f. sowie Romankiewicz 2004, S. 33.

88 Siehe Koller 2008, S. 122.

89 Siehe Koller 2008, S. 121.

90 Siehe Forsyth 1972, S. 21 und Beissel 1909, S. 345.

91 Siehe hierzu im Folgenden Suckale-Redlefsen 2009, S. 164-165.

92 Hierauf deutet ebenfalls der Stich des Gnadenbildes von Le Puy aus dem Atlas Marianus von Wilhelm Gumppenberg hin, siehe Balzamo/Christin/Flückiger 2015, S. 97.

93 Siehe Koller 2008, S. 122.

94 Siehe Trenner 1994, S. 184.

95 Siehe Lechner 1971, S. 1 beziehungsweise Romankiewicz 2010, S. 93.

96 Siehe Koller 2008, S. 122 sowie Salzgeber 1989, S. 308-309.

97 Zur Restaurierung der Figur, wie zum Bericht des Restaurators der Einsiedler Madonna siehe Koller, S. 122; Oechslin/Buschow Oechslin 2003, S. 394-396; Romankiewicz 2010, S. 91; Suckale-Redlefsen 2009, S. 170.; sowie Imbach 2008, S. 235-237.

98 Siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 170.

99 Siehe Imbach 2008, S. 237.

100 Zu den Stichen des Meisters E.S. siehe Koller 2008, S. 122.

101 Siehe Imbach 2008, S. 238.

102 Siehe beispielsweise Oechslin/Buschow Oechslin 2003, S. 396.

103 Zur bewussten Schwärzung der Madonna von Bresnitz siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 168.

104 Zur Farbfassung der Luxemburger Madonna siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 161 f.

105 Zur Madonna von Oropa siehe Suckale-Redlefsen 2009, S. 160-161 sowie S. 167.

106 Siehe hierzu Koller 2008, S. 122.

107 Siehe hierzu im Folgenden Koller 2008, S. 121-122.

108 Siehe Romankiewics 2004, S. 89-102.

109 Siehe Otajaques-Dustin/Reper 2002, S. 63-83 sowie Serck-Dewaide 1993, S. 45-47.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Schwarze Madonnen
Untertitel
Eine kritische Analyse der Kultbilder
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kunstgeschichte)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
101
Katalognummer
V511818
ISBN (eBook)
9783346093219
ISBN (Buch)
9783346093226
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schwarze Madonnen, Madonnen, Plastiken, Statuen, Madonnenplastiken, Mittelalter, Druiden, Megalithkultur, Megalithzeit, Chartes, Virgo Paritura, Verschwörungstheorien, Frühmittelalter, Spätmittelalter, Holzplastik, Altötting, Muttergottes Altötting, MArienkult, Marienverehrung, Wallfahrten, Pilgertum, Pilger, Marienwallfahrt, Marienkirchen, Bedeutung Marias, Wallfahrt, Santiago de Compostela, Heiligenverehrung, Heilige, Heilige Orts, Mystik, Magische Orte, Kraftorte, Kultbild, Gnadenbild, Schwarze Plastiken, Gude Suckale, BRIGITTE ROMANKIEWICS, Das Mysterium einer Kultfigur, Atlas Marianus, JUDITH SCHEKULIN, FRANZ SIEPE, Sedes Sapientiae, Ikonen
Arbeit zitieren
Victoria Landmann (Autor:in), 2018, Schwarze Madonnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511818

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Blick ins Buch
Titel: Schwarze Madonnen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden