Biografisch-narratives Interview. Wie hängt die Biografie eines Kunstlehrers mit seiner Berufswahl zusammen?


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung – Theoretische Fundierung

2. Interview
2.1. Interviewtranskripiton
2.2. Legende

3. Analyse
3.1 Sequenziell-chronologische Analyse
3.2 Themenspezifisch-phänomenologische Analyse
a) Narrationsstrukturelle Textsortenanalyse

4. Reflexion
4.1. Kann man als Lehrer Künstler sein?

5. Literaturangaben
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung – Theoretische Fundierung

Lässt sich Lehre in der Schule mit Kunst verbinden? Wenn man nach Josef Beuys geht, dann müsste das Atelier zwischen den Menschen zu finden sein. Somit ließe sich die Eingangsfrage mit ja beantworten. Stellt sich nur die weiterführende Frage: Wie? Wenn man sich wie Lehrer Lämpel von Wilhelm Busch verhält, wird der Umgang mit jungen Menschen weniger Freude bereiten. Es kommt dabei natürlich nicht nur auf die eigene Persönlichkeit an, sondern auch auf die Verhaltensform der Menschen, die einen Umgeben. Denn Max und Moritz sind nicht als sehr brave Schüler zu bezeichnen. Somit kann Lehrer Lämpel womöglich nichts für die Ausbildung seines Charakterzuges, sondern scheitert an den Herausforderungen der Umgebung.1 Es lässt sich vielleicht ein Schlüssel in Kunstlehrerbiografien finden, inwieweit Biografie - also die Lebensumstände oder der Einfluss bestimmter Personen - mit dem Ergreifen des Lehrberufs - im Speziellen dem Beruf des Kunstlehrers - zusammenhängt. Die folgende Ausarbeitung zum Thema narrativ-biografisches Interview erfolgt auf Grundlage angewandter Forschungsmethoden in „Kunstpädagogik und Biografie“ des Herausgebers Georg Peez.2. Das Auswertungsverfahren des Interviews sowie des Materials wird als empirische Forschung in den Bildungswissenschaften verstanden. Dafür hat Peez Grundlagen entwickelt, an denen man sich exemplarisch orientieren kann.3 Mögliche Leitfrage wäre zum Beispiel die Frage nach Sinn von Welt, was immer vom Subjekt aus gedacht wird, und wie es der Einzelne schafft diesen Sinn herzustellen z. B. durch chronologische Verknüpfung biografischer Schlüsselstellen. Doch steht besonders die Frage nach dem „individuellen, einzigartigen Teil der Biografie“ und dem gegenübergestellt die Frage nach der „milieu-, generations-, alters-, und entwicklungstypischen Verarbeitungsform im Fokus. Die inhaltliche Analyse richtet sich in Kapitel drei nach den Punkten der Chronologie des Erzählten im Interviewteil (2.1.) aus. Weiter folgen nach der sequenziellen Analyse eine themenspezifische sowie eine narrationsstrukturelle Betrachtung der Transkription. In der Abschließenden Reflexion wird die Frage im Zentrum stehen, ob und wie man im Schulalltag seine Künstleridentität behalten kann. Die interviewte Lehrkraft Herr G. wird dazu als positives Beispiel herangezogen. Die Gesamtdauer des transkribierten Interviews beträgt etwa eine viertel Stunde, wobei sich ein Frageteil im Anschluss an das Interview nicht ergeben hat. Allerdings muss hierzu erwähnt werden, dass auch im Schulalltag viele Gespräche mit Herrn G. zustande kamen, wobei kein Aufnahmegerät gezückt war. Deren Inhalte werden zusätzlich – vielleicht sogar unbewusst – in die Analyse, sowie das abschließende Fazit mit einfließen.

2. Interview

2.1. Interviewtranskripiton

I.: 4 Können Sie (Herr G.) sagen, dass Ihre Biografie mit ihrer Berufswahl zusammenhängt?

G.: (Beginnt mit tiefem Einatmen, langsames, sehr verständliches Sprechen)

„Ich hatte als Kunsterzieher eine Persönlichkeit, die sehr eigenwillig auftrat und die für uns junge Menschen sehr faszinierend war.

Unser Zeichensaal war ein Kellerloch unterhalb des Turnsaals und eigentlich unzumutbar so im Sous Terrain mit halbem Blick unter der Erde und halb aus ‘m Fenster raus. (Atempause) Und trotzdem kultivierte der Lehrer den Unterricht wie ein Fest. Er trat immer (2 Sek. Pause) vor die Schüler mit Anzug und Fliege und (1 Sek. Pause) zelebrierte die Kunst. Und das nicht nur bei uns im Unterricht sondern auch bei uns im Ort.

Er war die anerkannte Kulturpersönlichkeit, die sich auch sonst kommunalpolitisch engagierte. In der Wohnungsbaugesellschaft wo nach dem Krieg für Vertriebene dann auch Wohnungen gebaut wurden usw.. Also er war auch politisch engagiert, und war eben die Kulturpersönlichkeit, an der sich die Leute orientierten. Seine Malerei war - obwohl Zeitgenosse und gleichalt wie Picasso - im Impressionismus stehen geblieben, aber die Menschen mochten seine Landschaftsbilder der hiesigen Region, was ihm zusätzlich eben Anerkennung verschaffte. Und diese Person hatte eine sehr starke Wirkung auf uns junge Menschen, und da war mir also klar, in der elften Klasse, dass ich auch Kunstlehramt machen will.“

(Kurze Pause 30s, scheinbare Probleme mit dem Soundrecorder, lachen von I. und G., I.: „Hä? Hat das jetzt gar nicht aufgenommen?“ G.: „Das krieg ich nicht mehr so hin, ich habe mich extra konzentriert.“ I.: „Ah es hat doch alles geklappt.“)

G.: „Diese Vorbildfunktion ging so weit, dass ich in der Anfangsphase, wo ich dann selbst künstlerisch tätig war, bei den ersten Kunstpreisen, die ich bekommen habe, immer zur Preisverleihung mit Fliege gegangen bin (Lachen I.), das war eine Reminiszenz an meinen Kunsterzieher. Man sieht also, es hat noch ziemlich lange nachgewirkt. (2Sek Pause)

I.: „Wie hat sich Ihre berufliche Laufbahn dann weiterentwickelt? Wie sind Sie im Kunststudium zurechtgekommen?

Das Lehramtsstudium hab ich als sehr frei, als sehr schön empfunden. Wir waren erstmal in den Fachklassen zusammen mit den freien Künstlern, und das hat einem sehr viel gegeben, weil die Ernsthaftigkeit, mit der die der Kunst nachgingen entsprechend ansteckend war. Und man war in verschiedenen Klassen nacheinander. Also ich war erst in der Klasse für Bildhauerei mehrere Semester, dann in der Malere i und im Hauptstudium dann in Fotographie und Druckgrafik.

Also nicht so sehr unter dem Aspekt, dass man es für die Schule gebrauchen kann, sondern dass es einem einfach selbst den Horizont erweitert hat. Und bei der Druckgrafik und bei der Fotographie bin ich dann selbst geblieben und hab die dann danach auch sehr intensiv noch weiter verfolgt und ich finde, dass es sehr wichtig ist, dass man dieses ernsthafte Beschäftigen mit Kunst und dieses Brennen für Kunst selber lebt, um es den Schülern jenseits von Stoff ans Herz legen zu können. (30Sek Pause)

Ja und dann hatte ich das große Glück nach dem Studium in (überlegt kurz) P. an einer Schule unterrichten zu können, die schon ganz frühzeitig in der Erprobungsphase Leistungskurse hatte, und man Kunstabitur machen konnte.

Der Schock war dann umso größer, als ich nach A. kam wo die Kunst überhaupt keine Rolle spielte. Kunst war einstündig und zweistündig, hatte überhaupt keine Auswahl und in den Notenkonferenzen wurde die Note noch nicht einmal erwähnt. Also das war nahezu ein Kulturschock.

Dann ging es aber recht zügig hier bergauf. Der erste Leistungskurs wurde auf Wunsch einzelner Schüler installiert, und dann haben wir nach und nach den Kunstfachbereich immer weiter aufgebaut und ausgedehnt, mit einem andern Kollegen zusammen. Wir haben es zu zweit gemacht. Und heute sind wir ein ziemlich großer Fachbereich mit an die zehn Kollegen und einem eigenen Kunsttrakt. Das erzeugt schon eine hohe Berufszufriedenheit.

Ich glaub auch, dass das mit dem eigenen Tun in dem Ort, hinausstrahlt. Das kulturelle Leben dort zu prägen, ist eigentlich (ist eigentlich) Notwendigkeit. Denn wer soll‘s tun, wenn nicht wir?

Ich glaub das Entscheidende ist nicht so sehr die Zahl zu messen, wie viele Künstler hat man hervorgebracht, wie viele Designer, wie viele Architekten. Natürlich ist es schön, wenn man hört, dass die in die eigenen Fußstapfen getreten sind. Aber ich glaube viel wichtiger ist bei denen, die andere Berufsfelder für sich wählen, dass die von dem für sich was sie gelernt haben, oder an Bewusstsein entwickelt haben, was mitnehmen und in ihre Tätigkeit übertragen können.

Also das war ja auch die Zeit, in der hier ein Lothar Späth noch Ministerpräsident war und der sagte immer, eigentlich müsste jeder Unternehmer sich mit Kunst auseinandersetzen um das Denken in verschiedene Richtungen führen zu können, also man muss kreativ Denken lernen, um es in ganz anderen Feldern anwenden zu können.

Und deswegen ist das gar nicht hoch genug einzuschätzen, wenn irgendwann mal aus der Welt irgendeine Ansichtskarte kommt, so nach dem Motto: ‚Ich bin jetzt grad in Kalifornien, und steh hier vor ‘nem Gebäude von Frank Lloyd Wright‘, oder: ‚Ich hab hier grad Tadao Ando gesehen‘, oder: ‚hier hängt Cindy Sherman, die wir besprochen haben.‘ Ich glaub solche Fernwirkungen, (die sind sehr hoch zu bewerten?)

So und meine Spezialdisziplin, muss ich sagen, das ist die Schüler mit Menschen aus dem Kunst – oder Kulturbetrieb zusammen zu bringen, und ihnen damit Erlebnisse zu schaffen, die sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Ob das ein Besuch bei Horst Jansen zu Hause ist, oder eine Begegnung mit Richard Meier oder ein Besuch oder ein Treffen mit Erwin Wurm. Für die Schüler, die da teilgenommen haben, bleibt das ein Leben lang ein unvergessenes Erlebnis.“

2.2. Legende

- G.: Befragte Kunstlehrkraft, I.: Interviewerin5
- (Unverständlich?): Unverständliche Passagen, […]: Auslassung durch transkribierende Person
- Wahnsinnig: Auffällige Betonung (unterstrichen), Wahnsinnig: Lautstärke (fett)
- (Lachen), (Unruhe), (geht raus): Charakterisierung nicht sprachlicher Vorgänge
- (Kurze Pause): Unterbrechung einer sprachlichen Äußerung, evtl. Sekundenangaben

3. Analyse

3.1 Sequenziell-chronologische Analyse

Der erste Satz ist laut Peez am zeitaufwendigsten zu analysieren, denn er biete sehr viele, auch unwahrscheinliche Interpretationsmöglichkeiten.6 Der prägendste Einfluss für G.‘s Entscheidung Kunstlehrer zu werden wird bereits in diesem Satz erwähnt. Es heißt: „Ich hatte als Kunsterzieher eine Persönlichkeit, die sehr eigenwillig auftrat, und die für uns junge Menschen sehr faszinierend war.“ Familiäre Einflüsse sowie die Prägung durch Gleichaltige werden von G. nicht erwähnt. Es geht um den Kunstlehrer.7 Man könnte nun vermuten, dass G. einen sehr lustigen Kunstlehrer hatte, der die Schüler in seinen Bann zog. Dabei wird in dem „wir“ deutlich, dass der Einfluss auch auf G.‘s Schulkammeraden bestanden haben muss. Im weiteren Interview sowie durch Beobachtungen der Unterrichtspraxis G.s wird diese Position des ersten Satzes gefestigt. G. berichtet darüber, dass er sich aufgrund der damaligen Vorbildfunktion, die sein Kunstlehrer für ihn hatte, für diesen Beruf, bzw. für das Kunststudium entschied. Zudem glaubt er an die Wichtigkeit über die Schulkunst hinaus etwas in das kulturelle Leben der Umgebung einzubringen. Dies hat bereits sein Kunstlehrer getan, und nun ist auch G. eine angesehen Künstlerpersönlichkeit. Sein Auftreten vor der Schulklasse kann auch als zelebrierend beschrieben werden, z. B. die Ausrufe zum Stundenende, die in einem langgezogenen Singsang getätigt werden: „Wiiiir räumen langsam auf.“ Die weitere Chronologie G.s Biografie lässt doch auch Brüche erkennen, die nicht nur als positiv zu bewerten sind. So scheint z. B. die Tatsache, dass Kunst nicht einmal in den Notenkonferenzen der gesamten Schule in A. auftauchte ein herber Schlag für das künstlerische Selbstbewusstsein G.s gewesen zu sein. Dieser Schmach ergab er sich jedoch nicht, sondern sah sich handlungsfähig und konnte mit kollegialer Unterstützung, sowie Forderungen seitens der Schüler die Gegebenheiten zu einem angenehmen Berufsklima ändern. Dieser Aspekt wird auch in die pänomenologisch-themenspezifische Analyse noch einmal aufgenommen, die im nächsten Abschnitt folgt.

[...]


1 Vgl. W. Busch: Max und Moritz‘ Vierter Streich: „Denn wer böse Streiche macht, gibt nicht auf den Lehrer Acht.“ (Anm. A.H.: Aber vielleicht gibt er auf den Künstler Acht?) URL: http://www.wilhelm-busch.de/werke/max-und-moritz/alle-streiche/vierter-streich/Zugriff (27.12.16)

2 Peez, Georg (Hg.) (2009): Angewandte Forschungsmehtoden. In: Kunstpädagogik und Biografie. 52 Kunstlehrerinnen und Kunstlehrer erzählen aus ihrem Leben. Professionsforschung mittels autobiografisch- narrativer Interviews, München 2009, S. 33 – 51.

3 Ders. S. 45.

4 Das folgende Interview wurde mit ausdrücklicher Erlaubnis der Kunstlehrkraft G., zur Ausarbeitung in diesem Seminar, durchgeführt. Außerdem wird die Lehrkraft ein Exemplar der Ausarbeitung erhalten.

5 Wie G. Peez betont gibt es keine einheitliche Transkriptionsregeln, doch die Legende in 2.2. soll einen Anhaltspunkt für die Rezeption der Ausdrucksweise explizit dieses Interviews mit G. liefern.

6 Peez, Georg: Kunstpädagogik und Biografie S. 46.

7 Vgl. Hatti, John: Einflussgrößen und Effekte in Bezug auf den Lernerfolg. URL: http://visible-learning.org/de/hattie-rangliste-einflussgroessen-effekte-lernerfolg/ (Zugriff 08.01.2017). Hatti untersuchte in einer Studie 138 Einflussgrößen auf schulische Lernerfolge. Dabei sind die Klarheit einer Lehrperson sowie die Schüler-Lehrerbeziehung laut Hatti eine der wichtigsten Stellschrauben, und die Lehrperson immens ausschlaggebend für die Schülerentwicklung. Diese Studie wird auch durch G.s berufliches partizipieren im künstlerischen Bereich gestützt, da G. durch die Eigenheiten seines Kunstlehrers sehr beeinflusst wurde, und sich erst durch ihn für Kunst begeistert hat. (Natürlich kann man nicht nachweisen, wie sich G.s Biografie ohne erste Begleitung des prägenden Lehrers entwickelt hätte. Vielleicht hätte er den künstlerischen Weg auch auf ganz andere Weise, mit anderer Unterstützung eingeschlagen).

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Biografisch-narratives Interview. Wie hängt die Biografie eines Kunstlehrers mit seiner Berufswahl zusammen?
Hochschule
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe  (Kunsterziehung)
Veranstaltung
Bildungswissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V511865
ISBN (eBook)
9783346086242
ISBN (Buch)
9783346086259
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirische Forschung
Arbeit zitieren
Annika Haas (Autor:in), 2016, Biografisch-narratives Interview. Wie hängt die Biografie eines Kunstlehrers mit seiner Berufswahl zusammen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511865

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