Diese Ausarbeitung konzentriert sich auf die Suche nach allgemeinen soziologische Gesetzmäßigkeiten und Prozesse, nach denen eine Substanz, die zuerst erlaubt ist, verboten wird und ihre Konsumenten damit zu Außenseitern und Abweichlern erklärt, die sanktioniert werden, sollten sie ihr Verhalten fortsetzen. Hier bietet es sich an, auf einen Klassiker der Devianzsoziologie zurückzugreifen: Das Buch „Outsiders. Studies in the Sociology if Deviance“ von Howard Becker. Er verfasste mehrere wissenschaftliche Aufsätze über die als „abweichend“ wahrgenommenen Gruppe der Jazzmusiker, in denen auch der Marihuanagebrauch eine prominente Rolle spielt.
Es gibt wenige kulturell und global-gesellschaftliche Themen und Problemfelder, die die Menschheit seit Anbeginn ihrer Geschichte so konsequent begleiten, wie die Haltung und der Umgang mit Drogen und ihren Konsumenten. Gleichzeitig bleiben Konsumenten illegaler Rauschmittel, trotz juristischer und sozialer Sanktionen in den meisten Ländern fester, mal mehr mal minder versteckter Bestandteil der Gesellschaften beziehungsweise ihrer Subkulturen, deren Studie sich die Devianzsoziologie verschrieben hat.
Die rein rationale Unterscheidung, nach denen Rauschmittel über den Grad der Selbst- und Fremdschädigung sowie dem Abhängigkeitspotenzial klassifiziert werden, scheint in der Realität ins Leere zu laufen. Offensichtlich existieren also soziale Prozesse, innerhalb derer die Gesellschaften zu unterschiedlichen Bewertungen über einzelne Rauschmittel kommen und diese dann über die Institutionen in Gesetzesform gießen, welche dann erlaubtes und unerlaubtes Verhalten bezüglich des konkreten Konsums in Form klarer Regeln, Verbote und Sanktionen definiert.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
1. Thematische Einleitung
2. Methodik, Aufbau und Ziele dieser Arbeit
II Abriss über den Drogengebrauch im Kulturvergleich
1. Alkohol
2. Opium
3. Marihuana
III Die Rolle der moralischen Unternehmer
1. Regelsetzer
2. Regeldurchsetzer
3. Zusammenfassung
IV Wie Menschen zu Drogennutzern werden
1. Beckers drei definitive Vorbedingungen
V Drogengebrauch und soziale Kontrolle
1. Die soziale Kontrolle durch die Beschränkung des Nachschubs
2. Die soziale Kontrolle durch die Notwendigkeit der Geheimhaltung
3. Die soziale Kontrolle durch Moralität
VI Abschließende Betrachtung
1. Kritik an Howard Becker
3. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert die soziologische Genese von Drogennutzern sowie die Mechanismen sozialer Kontrolle und moralischer Unternehmensführung auf Grundlage von Howard S. Beckers Labeling Approach. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Reaktionen und die Stigmatisierung von Verhalten zur Schöpfung von Außenseitern führen, anstatt nach individuellen Ursachen für den Drogenkonsum zu suchen.
- Kulturhistorischer Vergleich des Drogenkonsums (Alkohol, Opium, Marihuana)
- Rolle moralischer Unternehmer bei der Regelsetzung und -durchsetzung
- Prozess der Identitätsbildung und Gewohnheitsentwicklung beim Drogenkonsum
- Soziale Kontrollmechanismen durch Geheimhaltung, Nachschubprobleme und Moralität
- Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie von Howard S. Becker
Auszug aus dem Buch
Regelsetzer
Wenn ein Individuum in seiner Gesellschaft Zustände vorfindet, mit denen es nicht einverstanden ist oder die es sogar energisch ablehnt, wie zum Beispiel den Konsum, Verkauf und/oder Besitz von Rauschmitteln, hat es zwei Möglichkeiten: Entweder es tut gar nichts, akzeptiert den Zustand, findet sich damit ab oder hofft, dass sich der Sache ein anderer annimmt. Es kann sein Wirken aber auch darauf konzentrieren, diesen Zustand zu verändern, in dem es dafür eintritt, entsprechende Regeln aufzustellen oder bereits vorhandene zu verschärfen. Ein solcher Regelsetzer kann sich zum Beispiel für das Verbot von bestimmten Drogen aussprechen, die gleichgeschlechtliche Ehe ablehnen (historisch gar homosexuelle Handlungen unter Strafe stellen) oder die Todesstrafe für Schwerverbrecher*innen oder Kinderschänder*innen fordern. An diesen Beispielen wird bereits deutlich, dass solche Regeln klassischerweise traditionell motiviert, das heißt konservativ-rückwerts gewandt und oft auf Sanktionen ausgelegt sind. Aber auch progressive Bewegungen wie die Anti-Sklavereibewegeung, die Bewegung für Frauenrechte, strengere Auflagen für die Finanzbranche und andere weitere lassen sich durch dieses Modell beschreiben. Scheerer (1986: 133 ff.) ergänzt die letztere, progressive Gruppe in der Debatte um den Begriff des Atypischen Moralunternehmers.
Becker greift zur Beschreibung des Regelsetzers den Begriff des Kreuzfahrers (Gusfield 1963: 22) von Scheerer für die Regelsetzer auf, weil diese ihre Mission als heilig empfinden: „(der Kreuzfahrer) geht mit einer absoluten Ethik vor; was er sieht, ist wahrhaft und total schlecht, ohne Einschränkung. Jedes Mittel ist Recht, um es aus dem Weg zu räumen. Der Kreuzfahrer ist leidenschaftlich und gerecht, häufig selbstgerecht“ (Becker 1973: 133). Es geht also nicht darum, anderen die eigene Moralvorstellung aufzuzwingen. Der Regelsetzer ist fest überzeugt, seine Regelungen seien zum Wohle aller. So kann ein Verbot von bestimmten Rauschmitteln zum Beispiel mit der Proklamation von Gesundheitsfahren legitimiert werden. Eine Sucht würde für den Regelsetzerein Krankheitsbild darstellen, welches die Betroffenen an einem „wahrhaft guten Leben“ hindert.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des Drogenkonsums ein, stellt den Labeling Approach nach Howard S. Becker vor und erläutert die methodische Vorgehensweise der Arbeit.
II Abriss über den Drogengebrauch im Kulturvergleich: Dieses Kapitel gibt einen historischen Überblick über den Konsum von Alkohol, Opium und Marihuana und zeigt den Wandel der gesellschaftlichen Bewertung auf.
III Die Rolle der moralischen Unternehmer: Hier wird die Theorie der moralischen Unternehmer in Regelsetzer und Regeldurchsetzer unterteilt, um zu erklären, wie und warum soziale Regeln entstehen und durchgesetzt werden.
IV Wie Menschen zu Drogennutzern werden: Das Kapitel beschreibt Beckers Stufenmodell, wie Individuen durch soziales Lernen von Gelegenheitsnutzern zu Gewohnheitskonsumenten werden.
V Drogenkonsum und soziale Kontrolle: Hier werden Mechanismen wie die Verfügbarkeit, die Notwendigkeit der Geheimhaltung und moralische Gebote analysiert, die den Konsum regulieren oder als Hindernis wirken.
VI Abschließende Betrachtung: Dieses Kapitel sammelt Kritikpunkte an der Theorie Beckers, bewertet deren Validität und zieht ein abschließendes Fazit zur Relevanz des Ansatzes.
Schlüsselwörter
Devianzsoziologie, Howard S. Becker, Labeling Approach, Soziale Kontrolle, Moralische Unternehmer, Regelsetzer, Regeldurchsetzer, Stigmatisierung, Drogenkonsum, Sozialkonstruktivismus, Abweichendes Verhalten, Kriminalsoziologie, Symbolischer Interaktionismus, Laufbahn, Rauschmittel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziologischen Prozesse der Entstehung von Devianz im Bereich des Drogenkonsums unter Anwendung der Theorien von Howard S. Becker.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historisch-kulturelle Einordnung von Drogen, die Rolle moralischer Akteure bei der Gesetzgebung sowie der Prozess des sozialen Lernens bei Konsumenten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Gesellschaften durch soziale Reaktionen und Stigmatisierung Individuen als Abweichler oder Außenseiter definieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf Beckers qualitativem Ansatz und der soziologischen Labeling-Theorie basiert und diese mit historischem Datenmaterial verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Dynamiken zwischen moralischen Unternehmern, die Entstehung von Drogenkarrieren und die Wirksamkeit verschiedener sozialer Kontrollmechanismen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Labeling Approach, moralische Unternehmer, soziale Kontrolle, Devianz und die soziale Konstruktion von Normen.
Was unterscheidet "Regelsetzer" von "Regeldurchsetzern" laut Becker?
Regelsetzer sind Akteure, die moralische Missionen verfolgen, um neue Normen zu etablieren (Kreuzfahrer), während Regeldurchsetzer Institutionen sind, die primär an der administrativen Umsetzung und dem Erhalt ihrer Autorität interessiert sind.
Warum ist die "Geheimhaltung" ein so zentraler Aspekt der sozialen Kontrolle?
Die Notwendigkeit, den Konsum vor Nicht-Konsumenten zu verbergen, erzeugt sozialen Druck, da Konsumenten bei Entdeckung Sanktionen wie Ächtung oder Jobverlust fürchten müssen.
- Arbeit zitieren
- Julian Faber (Autor:in), 2019, Die Devianz des Drogenkonsums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511911