Das Designed-in Scaffolding im bilingualen Sachfachunterricht

Welche Möglichkeiten bietet es für den Aufbau der Cognitive Academic Language Proficiency?


Akademische Arbeit, 2019
15 Seiten, Note: 2.0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Scaffolding als Unterstützungssystem

3. Scaffolding-Techniken für den bilingualen Sachfachunterricht
3.1 Konstituenten des sachunterrichtssprachlichen Registers
3.2 Scaffolding auf der Ebene unterrichtlicher Interaktionen
3.3 Diskursfunktionen
3.4 Textsortengebundenes und genre-basiertes Schreiben (output scaffolding)
3.5 Textrezeptive Strategien (input scaffolding)

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Seit der Verankerung des bilingualen Unterrichts im Elysée-Vertrag von 1963 und im Sinne eines zunehmend transkulturellen Europas und der damit im Zusammenhang stehenden Förderung der interkulturellen Kompetenz der Schüler und Schülerinnen der Bundesrepublik haben bilinguale Unterrichtsmodelle zunehmend an Bedeutung gewonnen. Während 1999 der erste Bericht der Kultusministerkonferenz deutschlandweit nur 336 Schulen mit bilingualem Angebot verzeichnete, waren es im Jahre 2013 bereits 1500 Schulen mit steigender Tendenz (KMK 2013: 4f.). Vor dem Hintergrund einer zunehmend heterogenen Schülerschaft mit einem wachsenden Anteil an Schülern und Schülerinnen, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes nur in unzureichendem Maße über Kompetenzen verfügen, die für den Erwerb der für den bilingualen Sachfachunterricht notwendigen Fachsprache von Bedeutung sind, werden Unterstützungsstrategien für den systematischen Aufbau eines fachunterrichtssprachlichen Registers in der Fremdsprache (und in der Schulsprache) unabdingbar.

Freilich kann sich der Vorschlag einer Anbahnung der für den bilingualen Sachfachunterricht notwendigen sprachlichen Gebrauchsmuster im parallel geführten Fremdsprachenunterricht als sinnvoll erweisen, wenn es um sprachliche Kompetenzen geht, die sowohl dem Fremdsprachenunterricht als auch dem BSFU dienlich sind, wie beispielsweise Texterschließungsstrategien und die Arbeit mit den Operatoren (Zydatiß 2010: 6). Jedoch verfolgen der FSU und der BSFU grundsätzlich unterschiedliche sprachliche Zielsetzungen: Erstere hat einen kommunikativen Schwerpunkt und letztere bedient sich der epistemischen Funktion der Sprache (Thürmann 2010: 138).

Das Scaffolding ist eine Unterstützungsstrategie, die insbesondere für den BSFU eine unabdingbare Rolle spielt, denn beim integrierten Sach- Sprachlernen besteht eine Divergenz zwischen den kognitiven und den sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden (Zydatiß 2010: 3). So wird es Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein, unterschiedliche, systemische Scaffolding -Techniken für die Sekundarstufe, zu diskutieren, die die Schere zwischen sachfachlichen Anforderungen und sprachlichen Kompetenzen schließen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht in diesem Sinne der Erwerb eines fachunterrichtssprachlichen Registers und der Aufbau der Cognitive Academic Language Proficiency (vgl. Cummins 2003), dessen Charakteristika ein hohes Maß an Strukturiertheit, Abstraktheit, Objektivität, Explizitheit und Schriftsprachlichkeit sind (Thürmann 2010: 140).

2. Scaffolding als Unterstützungssystem

Bevor wir uns im Detail der Umsetzung des Scaffoldings im bilingualen Sachfachunterricht widmen, bedarf es zunächst der Klärung des Begriffs. Scaffolding ist ein Anglizismus, der in den deutschsprachigen fremdsprachendidaktischen Diskurs aufgenommen worden ist und bedeutet ‚Gerüst‘. Erstmalig im Rahmen der Studien Bruners (1983), einem amerikanischen Entwicklungspsychologen und Spracherwerbsforscher erwähnt, sind mit dem Begriff jegliche Hilfestellungen im Unterricht gemeint, die Lernende zum eigenverantwortlichen Lernen befähigen (Thürmann 2013:1). Die Unterstützungssysteme sind hierbei temporärer Natur und werden schrittweise reduziert, sobald es der erfolgte Lernprozess erlaubt (Klewitz 2017:17). Die eingesetzten Lerngerüste können sprachlich-diskursiver, inhaltlich-fachlicher und unterrichtsmethodischer Art sein (Zydatiß 2010: 2). Der Tradition der soziokulturellen Theorie von Lev Vygotskij (1962) folgend, wird beim Scaffolding von der Grundannahme ausgegangen, dass der soziale Kontext und die Interaktion zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen den Spracherwerb und die kognitive Entwicklung des Kindes in erheblichem Maße prägt. Hierbei spielen insbesondere „dialogisch-diskursive Interaktionsmuster“ (Zydatiß 2010:2) eine Rolle.

In diesem Sinne relevant ist Vygotskijs (vgl. 1934/2002) Terminologie der „Zone der proximalen Entwicklung“, welche das Lernpotential des Kindes meint, also die Divergenz zwischen dem, was das Kind alleine imstande zu leisten im Vergleich zu dem, was es unter Anleitung und mit Hilfestellung einer kompetenteren Person zu leisten in der Lage wäre. Im schulischen Kontext hat die Hilfestellung durch eine kompetentere Person oder durch einen Peer dabei die Funktion, den „Novizen“ bei Problemlöseprozessen zu unterstützen und dazu zu befähigen, Aufgaben differenzierter und vollständiger zu lösen (Zydatiß 2010: 2). Van Liers Modell des selbstgesteuerten Wissenserwerbs (vgl. van Lier 2004), als Ausweitung des Modells Vygotkijs, verweist auf vier Möglichkeiten für Hilfestellung: durch den Austausch mit einem Tutor oder kompetenteren Peers, durch den Austausch mit weniger kompetenten Peers (Lernen durch Lehren), durch die Aktivierung innerer Ressourcen (Vorwissen, Erfahrung) und mithilfe der Interaktion mit gleichkompetenten Peers. Beim letzteren wirkt sich der Kompetenzsprung des Einzelnen auf die anderen Lernenden aus.

Im bilingualen Sachfachunterricht bildet das Scaffolding ein wesentliches Element des Curriculums, da Lerngerüste in der bilingualen Didaktik eine verbindendende Funktion zwischen fachsprachlichem Register und den Fachinhalten spielen. Das Konzept des bilingualen Sachfachunterricht präsupponiert zwar, dass fremdsprachliche und sachfachliche Anteile des Unterrichts im bilingualen Unterricht ausbalanciert werden, in der schulischen Realität wird jedoch das Hauptaugenmerk auf die Fachinhalte gerichtet. Die gezielte Schulung der fachspezifischen Fremdsprachenkenntnisse, das „fachbezogene Sprechen und Schreiben“ kommt dadurch häufig zu kurz (Thürmann 2010: 138). Die Forderung, die für den BSFU erforderlichen Kompetenzen im Fremdsprachenunterricht anzubahnen, ist nur begrenzt umsetzbar, da der Sprachgebrauch im Fremdsprachenunterricht und im bilingualen Sachfachunterricht unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt. Während im Fremdsprachenunterricht die kommunikative und soziale Funktion der Sprache im Vordergrund steht, dient sie im BSFU dem Erkenntnisgewinn, der Verarbeitung, Strukturierung und Kommunikation von fachspezifischen Arbeitsabläufen und Arbeitsergebnissen (Thürmann 2010: 138). Die im BSFU angewandte Sprache entspricht dem fachunterrichtssprachlichen Register. Charakteristisch für diese „Bildungssprache“, auch Cognitive Academic Language Proficiency (vgl. Cummins 2003) genannt, sind ein hohes Maß an Strukturiertheit, Abstraktheit, Objektivität, Explizitheit und Schriftsprachlichkeit (Thürmann 2010: 140). Im Zentrum des bilingualen Unterrichts steht eine konkrete Aufgabe (z.B. Auswertung eines Klimadiagramms im Erdkundeunterricht), für deren Bewältigung die SuS sowohl Kenntnisse über bestimmte Diskursfunktionen (Zydatiß 2010: 4), die academic language functions, oder über bestimmte Textsorten und Genres bedürfen. Wie genau diese Kenntnisse mithilfe des Scaffolding an die SuS herangetragen werden, wird unter dem nächsten Abschnitt (3) ausführlich erläutert.

Es lassen sich zwei Formen des Scaffolding unterscheiden: Anlassbezogene/ point-of-need scaffolds und die sogenannten designed-in (Thürmann 2013: 4). Anlassbezogene Stützen sind punktuelle Einhilfen, die die Lehrperson einsetzt, die nicht im direkten Zusammenhang mit den Kompetenzerwartungen des Unterrichts stehen, wenn SuS beispielsweise Schwierigkeiten bei der Erarbeitung von Texten und Materialien sowie bei der Dokumentation und Kommunikation von Ergebnissen haben. Häufig handelt es sich hierbei um lexikalische Unklarheiten (idiomatische Wendungen, komplexe syntaktische Konstruktionen) (Thürmann 2010: 143). Bei den curricular-systemischen Unterstützungssystemen handelt es sich um kognitiv-sprachliche Unterstützung, die an curricular vorgegeben Fachinhalte und -kompetenzen gebunden ist (Sharpe 2001: 32). Diese Form des Scaffolding spielt insbesondere für die methodisch-didaktische Gestaltung des bilingualen Sachfachunterrichts eine bedeutende Rolle (Thürmann 2013: 4), da die für den Sachfachunterricht notwendigen Textsorten und sprachlichen Gebrauchsmuster strukturiert angebahnt werden.

3. Scaffolding-Techniken für den bilingualen Sachfachunterricht

3.1 Konstituenten des sachunterrichtssprachlichen Registers

Im Sachfachunterricht kommen mehrere Sprachmodalitäten des darstellungsbezogenen „Sprechens“ zum Einsatz (vgl. Priesemann 1971): das verständnisbezogene „Sprechen“, in Form von Umgangssprache, und das fachbezogene „Sprechen“, in Form von Fachsprache. Für den bilingualen Sachfachunterricht sowie für den Fachunterricht im Allgemeinen ist es wesentlich, einen häufigen Wechsel zwischen diesen zwei Modalitäten zu vermeiden, da somit der strukturierte Aufbau von fachsprachlichen Kompetenzen erschwert wird. (Thürmann 2010: 140). Wie bereits unter (2) erläutert worden ist, zeichnet sich das fachunterrichtssprachliche Register durch Strukturiertheit, Abstraktheit, Objektivität, Explizitheit und Schriftsprachlichkeit (Literalität) aus. Die kommunikative Umsetzung dieser Merkmale vollzieht sich anhand einer Aufgabe, die im Zentrum des Fachunterrichts steht und alle Konstituenten des sachunterrichtssprachlichen Registers vereint. Letztere umfassen: die in der Aufgabe verankerten Diskursfunktionen, fachspezifische unterschiedliche Textsorten und Genres, die produktiv oder rezeptiv zum Einsatz kommen, sprachliche Mittel und Strategien und die fachunterrichtlichen Handlungsfelder (Thürmann 2010: 141).1 Mit fachunterrichtlichen Handlungsfeldern sind jene Aktivitäten gemeint, die den Fachunterricht kennzeichnen, wie beispielsweise Kommunikation und Präsentation von Arbeitsergebnissen, Interaktionsbeschaffung, Informationsverarbeitung und -strukturierung. Diese bilden die Faktoren, die für den bilingualen Fremdsprachenunterricht entscheidend sind. Die Konstituenten des sachunterrichtssprachlichen Registers sind ausschlaggebend für die sprachlichen Anforderungen im BSFU.

3.2 Scaffolding auf der Ebene unterrichtlicher Interaktionen

Bevor wir uns konkreten systemischen Scaffolding -Techniken zuwenden, ist es zunächst einmal wesentlich, darauf zu verweisen, dass das Scaffolding bereits auf der Interaktionsebene zwischen einer Lehrperson und den Lernenden umgesetzt werden sollte. In der Tat kann die Lehrperson bereits durch den bewussten Einsatz von lauter Denksprache und durch eine dem Sachfach angepasste Fachsprache (bspw. Betonung von Inhaltswörter, korrigierendes Aufgreifen von Schüleräußerungen) auf die fachsprachliche Kompetenz der Lernenden implizit Einfluss nehmen (Thürmann 2010: 145). Weitere die Interaktion betreffende Scaffolding -Techniken bilden die Entschleunigung der unterrichtlichen Interaktionen, beispielsweise mithilfe des Einsatzes einer bewussten Wartezeit nach Frageimpulsen, sodass die SuS die Möglichkeit bekommen, ihre Antworten in der jeweiligen Fachsprache, also im Sinne der CALP, zu verbalisieren. Außerdem sollten Fragen offen formuliert werden und dem Schema Lehrerfrage-Schülerantwort-Lehrerfeedback folgen (Thürmann 2010: 145). Die Sinnhaftigkeit offener Fragen besteht darin, dass die SuS dazu verleitet werden, ausführlichere Antworten zu verbalisieren. Unter Interaktionsmuster betreffende Scaffolding- Strategien fallen ebenfalls der sogenannte advance organiser (Thürmann 2010:145), eine Strategie, bei der der Lerngruppe zu Beginn der Lerneinheit sowohl die inhaltlichen und sprachlichen Ziele der Einheit als auch die Arbeitsmethoden und der Grund für die Themenauswahl transparent gemacht werden. Dadurch wird sowohl das thematische als auch das sprachliche Vorwissen der SuS aktiviert, bevor die Einheit beginnt (Thürmann 2010, ebd.).

3.3 Diskursfunktionen

Wenn wir uns nun den systemischen Scaffolding -Techniken zuwenden, die für den BSFU und bei der Anbahnung der CALP eine wesentliche Rolle spielen, bilden die Diskursfunktionen das elementarste Handwerkzeug, da diese Fachinhalte, kognitive Operationen und sprachliche Realisierungen zusammenführen (Zydatiß 2010: 4-5). Im Sachfachunterricht werden in der Aufgabe oder Arbeitsanweisung kognitive Prozesse fokussiert. Wie in Abbildung 1 gezeigt wird, bilden die Diskursfunktionen eine wesentliche Konstituente des sachunterrichtssprachlichen Registers. Aus den verbalen Operatoren, die sich in die drei Makrofunktionen Beschreibung, Erklärung und Bewertung eingliedern lassen, lassen sich „[…] kognitiv-verbale Sprachfunktionen [ableiten], die für fachkommunikative Interaktion wichtig sind“ (Zydatiß 2010: 4). Betrachten wir Diskursfunktionen als geschlossene Systeme der Wissensstrukturierung und als Raster zur Erfassung von fachunterrichtlich spezifischen Schreib- und Sprechakten (Thürmann 2010: 147), können ihnen im Sinne eines output- orientierten Scaffolding optische Repräsentationen und entsprechende Redemittel zugeordnet werden, die den Lernenden bei der Produktion von Texten dienlich sind (Zydatiß 2010: 5). Ein Beispiel für den Einsatz solcher themen- und aufgabenspezifischer Redemittel findet sich in dem Vorschlag von Zydatiß (2010: 11), in dem der Diskursfunktion describing changes/trends in Bezug auf geschichtliche Ereignisse konkret passende Redemittel zugeordnet werden (siehe Abbildung 4 im Anhang).

[...]


1 Siehe graphische Darstellung der genannten Konstituenten im Anhang.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Designed-in Scaffolding im bilingualen Sachfachunterricht
Untertitel
Welche Möglichkeiten bietet es für den Aufbau der Cognitive Academic Language Proficiency?
Note
2.0
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V511922
ISBN (eBook)
9783346095138
ISBN (Buch)
9783346095145
Sprache
Deutsch
Schlagworte
designed-in, scaffolding, sachfachunterricht, möglichkeiten, aufbau, cognitive, academic, language, proficiency
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Das Designed-in Scaffolding im bilingualen Sachfachunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/511922

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