Interkulturalität in Joseph Conrads 'Herz der Finsternis'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Joseph Conrad
2.1 Realität und Fiktion

3. Herz der Finsternis
3.1 Erzähler
3.2 Handlung
3.3 Sprache
3.4 Imperialismus

4. Interkulturalität
4.1 Selbsterfahrung durch Fremderfahrung
4.2 Rassismus
4.2.1 Vorwurf an Autor
4.2.2 Analyse des Textes
4.3 Kurtz

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit zu Joseph Conrads Herz der Finsternis möchte ich mich in erster Linie mit den kulturellen Aspekten des Textes befassen. Dabei möchte ich zeigen, dass Herz der Finsternis zwei literarischen Traditionen angehört: einer überzeitlichen und einer zeitlich fixierten. Die überzeitliche umfasst alle Texte, die sich mit dem Thema Alterität bei Kongoreisen beschäftigen, die zeitlich fixierte ist den Texten zuzuordnen, die auf das konkrete Kolonialgeschehen im Kongofreistaat (EIC) eingehen. Der Kongo in Herz der Finsternis ist also – paradoxer Weise - „ein literarischer Ort, der […] rassistisch und kolonialkritisch zugleich ist“[1]. Ich möchte in dieser Hausarbeit auf beide Sichtweisen eingehen, das Thema Alterität und Interkulturalität aber stärker gewichten. Dazu werde ich mich eingehend mit dem Rassismus im Text beschäftigen. Zuvor möchte ich allerdings auf den Autor und seine persönlichen Erfahrungen im Kongo eingehen, die Erzählstruktur und den Handlungsverlauf des Textes verdeutlichen, sowie die Funktion von Sprache im Text analysieren

Einen zentralen Punkt innerhalb der interkulturellen Analyse von Herz der Finsternis bildet die Interpretation von Albert J. Guerard, die ich für das bessere Verständnis des Textes heranziehe. Guerards Sichtweise von Herz der Finsternis ist eine feste Größe in der Conrad-Forschung und bildet die Basis für viele weiterführende Interpretationen – auch zum Thema Interkulturalität. Durch sie lässt sich das zuvor erläuterte Verhältnis von Eigen- und Fremdwahrnehmung direkt im Text erkennen und verdeutlichen. Ich möchte Herz der Finsternis sehr textnah analysieren, trotzdem aber die theoretischen Überlegungen mit einflechten, um die Erzählung in einen umfassenderen Zusammenhang stellen zu können

Den Zugang zu Herz der Finsternis hat mir Nicolas Tredell ermöglicht. In seinem Buch Joseph Conrad. Heart of Darkness legt er die wichtigsten Erkenntnisse der Forschung dar. Dort habe ich mir einen Überblick verschafft, um dann mit anderen Texten, zum Beispiel von Erzgräber, Cox, Miller und Gehrmann mein Wissen zu vertiefen. Die theoretische Seite des Themas habe ich mir durch Beiträge von Wierlacher und Thum zu Alterität, Interkulturalität und Fremdwahrnehmung erschlossen

2. Joseph Conrad

Der polnische Schriftsteller Joseph Conrad wurde am 3. Dezember 1857 als Jósef Teodor Konrad Korzeniowski in der ukrainischen Stadt Berditschew geboren. Sein Vater, der Schriftsteller Apollo Korzeniowski, wurde 1861 wegen antirussischer Aktivitäten zuerst im Warschauer Gefängnis interniert, ein Jahr später wurde die ganze Familie nach Wologda verbannt. Dort starb im Jahr 1865 Ewa Korzeniowska, Jósefs Mutter, und auch der Vater Apollo verstarb vier Jahre später. Der erst 12 Jahre alte Jósef kam daraufhin zu seinem Onkel Taeusz Bobrowski und dessen Frau Jósefa, die ihn wie ihr eigenes Kind erzogen[2]

Im Jahr 1874 brach Jósef nach Marseille auf, um Seemann zu werden. Er bereiste unter anderem die westindischen Inseln, Südamerika und die spanische Küste. 1878, nach fehlgeschlagenen Schmuggelgeschäften und einem missglückten Selbstmordversuch, startet er seine Seemannskarriere erneut und sehr erfolgreich unter britischer Flagge. Er bereiste, ab 1887 sogar als Erster Offizier, das Mittelmeer, den Fernen Osten, Australien und schließlich, 1890, den Kongo, von wo er mit schwerer Krankheit zurückkehrte. Auf Grund dieser Beeinträchtigung fuhr er immer seltener zur See, dafür weitete er seine schriftstellerischen Tätigkeiten aus – 1889 begann er seinen ersten Roman Almayer’s Folly –und heiratet 1896 seine Verlobte Jessie George (1898 und 1906 werden seine Söhne Borys und John geboren)

In den kommenden Jahren entstanden Conrads berühmte Romane Lord Jim, Nostromo, und Der Geheimagent, zu dem in der ersten deutschen Übersetzung Mitte der zwanziger Jahre Thomas Mann ein enthusiastisches Vorwort verfasste. Es folgten zahlreiche Erzählungen, weitere Romane und seine Autobiografie – der Erfolg ließ allerdings bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf sich warten, bis dahin plagten Conrad oft Geldsorgen. Joseph Conrad starb am 3. August 1924[3]

Da Conrad schon 1886 die britische Staatsangehörigkeit erworben hatte und auch seitdem, mit häufig wechselnden Wohnsitzen, in Großbritannien wohnte, ist es nicht verwunderlich, dass er schon Almayer’s Folly in Englisch schrieb. „In Wahrheit ist meine Fähigkeit, in englischer Sprache zu schreiben, ebenso angeboren wie jede andere Fertigkeit, mit der ich etwa zur Welt gekommen bin“[4]

2.1 Realität und Fiktion

Es lässt sich nicht leugnen, auch wenn ich mich in meiner Arbeit keineswegs auf eine biografische Deutung der Erzählung beschränken möchte, dass es einige Parallelen zwischen der fiktiven Geschichte Marlows und der realen Kongofahrt Conrads gibt – von der allgemeinen Atmosphäre bis hin zu Einzelheiten der Charaktere. Marlow träumte - wie Conrad- schon seit frühester Kindheit von einer Reise in den Kongo. Sogar der Wortlaut, mit dem dieser Wunsch ausgedrückt wird, ist in Herz der Finsternis und Über mich selbst der gleiche: „Wenn ich einmal groß in, gehe ich dorthin“ (vgl. S. 12)[5], beziehungsweise „ Dort will ich hin, wenn ich mal groß bin.“[6]. Beide können diese Reise schließlich antreten und für beide wird sie eine Enttäuschung werden, die sogar mit schwerer Krankheit[7] endete (S. 115). Conrad geriet in die gleiche „ihn abstoßende Gesellschaft von Spekulanten, Agenten, zweifelhaften Geschäftemachern, in die trübe Welt der Zivilisation, der Händlertaktik“[8], wie sie auch Marlow beschreibt (S. 100/01). Marlow erkennt, dass er sich, geblendet von seinem Jugendtraum, einer verwerflichen Sache verschrieben hat und im Kongo „notwendig schuldig werden“[9] musste

Die Beschreibung der menschenunwürdigen Verhaltensweise gegenüber den Eingeborenen durch die Kolonisatoren, zum Beispiel bei Marlows Ankunft bei der Handelsniederlassung (S. 24-28, 38), deckt sich mit den Eintragungen in Conrads Kongo-Tagebuch[10]. Dort berichtet er an verschiedenen Tagen, zum Beispiel dem 3. Juli und dem 1. August 1890, von erschossenen, angeschossenen oder durch Staatsangestellte verprügelten Einwohnern[11]. In Herz der Finsternis beschreibt er die Situation der schwarzen Arbeiter wie folgt: „Schwarze Gestalten kauerten, lagen, saßen ringsumher zwischen den Bäumen, an die Stämme gelehnt, sich an die Erde klammernd […] in allen Stellungen des Schmerzes, der Preisgegebenheit, der Verzweiflung. […] Und dies war der Ort, wohin sich einige der Helfer zurückgezogen hatten, um zu sterben“ (vgl. S. 27)

Bei der Gestaltung des Herrn Kurtz können Conrad mehrere historische Quellen nachgewiesen werden. So erläutert beispielsweise Adam Hochschild in seinem Buch Schatten über dem Kongo, dass Kurtz von vier verschiedenen Figuren der Realität inspiriert ist: Georges Antoine Klein, ein französischer Handelsagent für eine Elfenbeingesellschaft, Major Edmund Barttelot, der das Kommando über die Nachhut von Sir Henry Morton Stanleys Expedition hatte, Arthur Hodister, ein Belgier, der für seinen afrikanischen Harem berühmt war und Léon Rom, Hauptmann von der Force Publique[12]. Klein, dessen Name wohl am Eindeutigsten auf Kurtz verweist, war wie Kurtz erkrankt und starb auf der Heimfahrt. Barttelot wurde im Urwald wahnsinnig, vergleichbar mit Kurtz’ schlussendlicher geistiger und charakterlicher Verfassung. Hodister war berühmt für die Masse an Elfenbein, die er im Urwald zusammentrug, genauso wie Kurtz, der „mehr Elfenbein als alle die anderen zusammen“ (vgl. S. 30) erwirtschaftete. Über Rom wurde 1898, also zur Entstehungszeit der Erzählung, in verschiedenen Zeitungen berichtet, dass er die Köpfe von 21 afrikanischen Rebellen als Schmuck um sein Haus aufbauen ließ – eine Szene, die auch in Herz der Finsternis vorkommt (S. 93/94)

Es ließen sich noch einige Gemeinsamkeiten zwischen Marlow und Conrad finden, doch ich möchte in der weiteren Analyse der Erzählung Erzähler und Autor voneinander trennen – trotz möglicher Parallelen. Das erscheint mir besonders wichtig, da ich später noch auf die Rassismus-Kritik von Chinua Achebe eingehen werde, für den Autor und Erzähler ein und dieselbe Figur zu sein scheinen[13]

3. Herz der Finsternis

Schon der Titel ist verwirrend. Herz der Finsternis sagt zu Beginn erst einmal gar nichts aus[14]. James Guetti hat den Titel, bezogen auf die Reise Marlows, auf zwei verschiedene Weisen interpretiert. Es könnte erstens angenommen werden, dass die Finsternis ein Herz besitzt oder zweitens, dass die Finsternis im Herzen liegt, dass also auch jeder zivilisierte Mensch ein wildes Herz hat, das nur durch zivilisiertes Handeln überdeckt wird[15]. Zu dieser Sichtweise werde ich später zurückkehren

3.1 Erzähler

Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis weist eine besondere Erzählstruktur auf. Es gibt nicht einen Erzähler, der den Leser durch den gesamten Text begleitet, sondern es existieren zwei Erzähler: ein namentlich unbekannter Seemann auf dem Schiff Nellie und einer seiner Kollegen, Marlow. Der Seemann beginnt die Situation, seine drei Kollegen und ihren Direktor vorzustellen, wobei er Marlow am Ausführlichsten beschreibt. Er führt ihn in die Handlung ein (S. 6, 8) und lässt ihn dann seinen Reisebericht erzählen (ab S. 8) – nicht ohne sich zwischendurch immer wieder in die Geschichte einzuklinken (z. B. S. 44, S. 125). Dabei ist auffällig, dass der Seemann den Leser durch seinen freundschaftlichen, fast familiären, Erzählstil in die Gemeinschaft der Seemänner integriert (S. 5)[16] und auch Marlow wird während seiner Ausführungen immer wieder die Seeleute – und somit auch den Leser – direkt ansprechen (z. B. S. 43, 62)

Dadurch entsteht also eine Rahmenerzählung auf der Nelli und eine Binnenerzählung durch Marlows Bericht über seine Reise – ein Gestaltungsmuster, das in großem Umfang bei Abenteuererzählungen vorkommt und auch bei den Erzählungen des 19. Jahrhunderts, z. B der Novelle Der Schimmelreiter von Theodor Storm (1888), sehr verbreitet ist[17]

Neben diesen zwei Erzählern gibt es noch einige Personen, die auch ihre Geschichte erzählen – „Story within story within story“[18]. Sie berichten Marlow – und somit auch dem Leser – etwas über Kurtz, den Dreh- und Angelpunkt von Marlows Reise. Treten diese Personen auf, wird Marlow genauso zum Zuhörer wie wir Leser auch, er muss sich aus ihren Erzählfetzen genauso etwas zusammenreimen, sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin interpretieren wie wir (z. B. S. 30, 36, 51-54) – bis er Herrn Kurtz persönlich trifft (S. 97). Zu diesem Personenkreis der ‚Informanten’ gehören zum Beispiel der Ziegelbrenner der Zentralstation (S. 40) oder der Harlekin (ab S. 86). Sie tragen alle ihre eigene Geschichte über Kurtz vor, die sich für Marlow und den Leser wie Mosaikstücke zu einem Ganzen zusammen zu setzen scheinen. „Marlow „attempts to envisage the figure of Kurtz by reconstructing and interpreting all the words which he hears spoken about him. Kurtz remains a linguistic mirage[19]. Kurtz existiert also bis fast zum Schluss der Geschichte nur als „Wortgebilde“, das durch den realen Kurtz am Ende zerstört wird und Marlow erkennt: „Er war kaum mehr als eine Stimme“ (vgl. S. 78). In wie weit auch Marlow dieser bis zum Schluss tief und stark tönenden Stimme (S. 110) verfallen war, möchte ich später darlegen

3.2 Handlung

Der Handlungsverlauf der Erzählung Herz der Finsternis ist schnell zusammengefasst: Der Seemann Marlow reist nach Zentralafrika, um im tiefsten Urwald den Agenten Kurtz zu suchen, der sich – wie sich herausstellt – vom missionarischen Elfenbeinhändler zum Stammesfürsten der Eingeborenen entwickelt hat. Trotz dieser überschaubaren Handlung baut sich zwischen der ersten Erwähnung Kurtz’ (S. 30) und der ersten Begegnung zwischen Marlow und ihm (S. 97) ein großer und intensiver Spannungsbogen auf

Erstaunlich ist dabei, dass keine genauen Orts- und Zeitangaben gemacht werden – trotzdem weiß der Leser wo er sich befindet. Marlow äußert nie historische und geografische Fakten. Er gibt sehr wohl Hinweise auf Zeit und Ort, z. B: durch die Nennung der Waffen, die die Pilger gegen die Einheimischen abfeuerten (S. 73). Jedoch ist der daraus resultierende Zeitabschnitt – Winchester-Flinten werden auf 1870-1880 datiert – nicht mit den Beschreibungen der fast unerforschten Wildnis zu vereinbaren: zu dieser Zeit war der Kongo schon viel umfassender kolonisiert[20]. Conrads somit geschaffene Anonymität von Ort und Zeit (wie in einem Traum) führt dazu, dass sich die Erzählung in einer Art Schwebezustand zwischen Realität und Fiktion befindet, was auch die literarische Umsetzung dieser unbekannten, nebligen, mystischen Ereignisse und Atmosphäre unterstützt. Auch Marlow ist bewusst, dass seine Erzählung undurchdringlich ist: “Sehr ihr irgend etwas? Mir kommt es vor, als versuchte ich, euch einen Traum zu erzählen – als machte ich nutzlose Anstrengungen, denn keine Traumwiedergabe vermag die Traumempfindung zu vermitteln“ (vgl. S. 44). Deshalb formuliert Marlow auch oft seine Unfähigkeit, Dinge und Gefühle genau zu beschreiben (S. 104, 118). Conrad selbst sagte dazu: „I knew what I was doing in leaving the facts of my life and even of my tales in the background [...] Explicitness […] is fatal to the glamour of all artistic work, robbing it of all suggestiveness, destroying all illusion”[21]. Des Weiteren ist auch klar, dass das Fehlen von Angaben zu Ort und Zeit “die Allgemeingültigkeit des Erzählten verstärken”[22] sollen

3.3 Sprache

Spätestens nach F. R. Leavis’ Kritik an Conrads Sprache ist klar, dass das Thema Sprache in Herz der Finsternis auf zwei Ebenen funktioniert: stilistisch und thematisch. Leavis beschreibt in The Great Tradition (1948) die Erzählung als mit Adjektiven überladen und auf eine unaussprechliche Mystik fokussiert

Zum einen ist die Sprache direkt auf das Thema der Erzählung bezogen, nämlich die Begegnung zwischen Marlow und Kurtz, die Marlow nur schemenhaft beschreiben kann. Hier wird die Grenze von Sprache aufgezeigt[23]: Durch die Mittel der Sprache allein ist Marlow nicht fähig – und er ist sich dessen auch bewusst - seine Erfahrungen so zu beschreiben wie sie wirklich waren. Dieser Aspekt der Sprache wird auch bei Kurtz deutlich, auf den ich ganz zum Schluss noch eingehen werde. Das Phänomen, dass Sprache die Ordnung der Welt nicht mehr darstellen kann, ist konstituierend für den Übergang vom späten Realismus zur frühen Moderne (1890 – 1910). Der Glaube an die Mimesis-Funktion von Sprache wird durch die Sprachkrise und die aus ihr folgende Krise der Darstellung und des Erzählens abgelöst. Die Welt wird nicht mehr bestätigt, wie sie ist, sondern es finden Grenzverschiebungen statt, aus denen sich neue, innere Realitäten wie der Traum ergeben. Subjekt und Umwelt gehen mehr und mehr ineinander über[24]

Zum anderen ist Sprache auf der stilistischen Ebene eine Metapher für die Zivilisation[25]. Die Kolonisatoren bringen, worauf ich unter dem Themenkomplex Imperialismus noch eingehen werde, nicht nur Licht in das Herz der Finsternis, sondern auch Sprache. Sie benennen Orte, Dinge, Menschen und nehmen somit davon Besitz. Die Namen der neuen Handelsplätze, Gran’ Bassam, Klein Popo, empfindet Marlow als „einer niederen Posse entnommen“ (vgl. S. 21). Sie sind von den Europäern verliehen und in diesem Umfeld künstlich und absurd. Dem entgegen steht das „Tosen der Brandung“ (vgl. S. 21), das Marlow „wie die Stimme eines Bruders“ erfährt. Diese natürliche Sprache der Wildheit – ohne die menschlich- künstliche Sprache – birgt für Marlow Sinn und Wahrheit

Generell wird im Text durch das Misslingen von Kommunikation mittels Sprache deutlich, dass Sprache die kommunikative Funktion hier nicht erfüllen kann. Sogar zwischen Marlow und der Zukünftigen, die ja immerhin dieselbe Sprache sprechen, entsteht keine Verständigung[26]. Dabei lässt sich in der Sprache, die Kommunikation regelrecht verhindert, auch eine Art Schutz erkennen. Würde sie Realität vermitteln und Kommunikation ermöglichen können, stünde die Zukünftige der Dunkelheit und somit dem von Kurtz und Marlow erfahrenen Grauen direkt gegenüber[27]

3.4 Imperialismus

Die Dunkelheit ist das wesentlichste Motiv in Herz der Finsternis. Sie steht unter anderem für die ursprünglichen und unzivilisierten Orte dieser Welt, die durch den Prozess der Zivilisation in Licht getaucht werden. Das dunkle Unbekannte bekommt also Namen, Ordnung und Sinn zugewiesen, um es vor der zerstörerischen Kraft der Anarchie zu schützen[28] („Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden.“[29] )

Auf der Rückseite dieser Medaille stehen die negativen Auswirkungen dieses Zivilisationsprozesses, die Marlow ebenso formuliert. Herz der Finsternis macht somit die Spannung deutlich, in der sich die Kolonisatoren, nicht nur im Kongo, bewegen. Sie befinden sich „zwischen dem Anspruch der Europäer, den Eingeborenen Fortschritt, Erziehung und bessere Lebensverhältnisse bringen zu wollen, und dem rücksichtslosen Streben, die Reichtümer des Landes und seine Menschen auszubeuten“[30]. Diese zwei völlig gegensätzlichen Motive im Umgang mit den Fremden können dabei durchaus aus einer Person entspringen, wie wir es bei Herrn Kurtz beobachten. In jedem Mensch liegt sozusagen ein wilder, unmoralischer Kern, der von zivilisiertem, humanem Verhalten ummantelt ist. Der Urwald, in dem sich wildes Verhalten ausleben lässt, wird somit zum Prüfstein für die zivilisierte Welt. Es gibt Menschen wie Kurtz, die bei der Aussicht auf Macht und Reichtum ihre Selbstbeherrschung verlieren, die sich von der Wildnis aufsaugen lassen (S. 94) und Opfer ihrer eigenen unkontrollierbaren Triebe werden[31]

Marlows Ansichten zum Imperialismus und zur Kolonisation des Kongo sind aus diesem Grund auch widersprüchlich. Einerseits verurteilt er die „Raubgier“ (vgl. S. 37) der Kolonialmächte, die die Moral und Zivilisation, die sie den Einheimischen bringen wollten, schon längst verloren haben. Sie plündern das Land und unterdrücken die Afrikaner auf brutalste Weise. Marlow beschreibt eingehend die Gewalttaten der Kolonisatoren (z. B. S. 24-26), jedoch selten in der Aktion (S. 38), sondern mehr in ihren Auswirkungen auf die (passiven!) Opfer, die afrikanische Bevölkerung: die sterbenden Afrikaner, die nur noch „Menschenmaterial“ (vgl. S. 25) sind. Ebenso schildert Marlow die allgegenwärtige Angst der Afrikaner und die daraus resultierende Flucht vor den Kolonisatoren, für die er Verständnis hat (S. 14, 31). Leider muss Marlow auch erkennen, dass er selbst Teil dieses Systems ist – seine Arbeiter auf dem Schiff werden mit ebenso dubiosen „Zeitverträgen“ (S. 66) angeheuert und einem noch sinnloseren „Lohn“ (S. 66/67) bezahlt. Ihre zahlenmäßige Überlegenheit nutzen diese Kannibalen – im Gegensatz zu den Kolonialmächten – nicht für Gewalttaten aus (S. 68)

Andererseits erkennt Marlow insbesondere in den britischen Kolonialisten die „Bringer eines Funkens vom heiligen Feuer“ (vgl. S. 7). Wenn er das britische Rot auf der Landkarte sieht, weiß er, „daß hier wirklich etwas geleistet wird“ (vgl. S. 16), dass dort selbstlos (S. 11) die „ Idee der Zivilisation, die Grundlage der europäischen Kultur, der Gedanke, daß durch die Kräfte des Geistes Fortschritt erzielt und zugleich die destruktiven Mächte gezähmt und gebändigt werden können“[32] umgesetzt wird

Diese positive Darstellung einiger kolonisatorischer Unternehmungen – Herz der Finsternis ist also kein durchgehend antikolonialer Text[33] - rief natürlich Kritiker auf den Plan, die die Erzählung auf rassistische Elemente im Umgang mit der fremden Kultur hin untersuchten. „Heart of Darkness offers a powerful critique of at least some manifestations of imperialism and racism it simultaneously presents that critique in ways which can be characterized only as imperialist and racist”[34]. Auf diese möchte ich im folgenden Teil in einer interkulturellen Analyse eingehen

[...]


[1] Gehrmann, Susanne: Kongo-Greuel. Zur literarischen Konfiguration eines kolonialkritischen Diskurses (1890-1910). In: Corbineau-Hoffmann, Angelika/ Link-Heer, Ursula/ Nicklas, Pascal (Hrsg.): ECHO. Literaturwissenschaft im interdisziplinären Dialog. Band 3. Hildesheim 2003. S

[2] Wiggershaus, Renate: Joseph Conrad. Leben und Werk in Texten und Bildern. Frankfurt am Main 1990. S. 38-41, 45/46, 53, 56,

[3] Wiggershaus Leben und Werk. S. 226, 236-238

[4] Conrad, Joseph: Über mich selbst. Frankfurt am Main 1982. S. 7/8

[5] Conrad, Joseph: Herz der Finsternis. München

Alle folgenden Angaben in Klammern beziehen sich auf diese Ausgabe

[6] Conrad: Über mich selbst. S

[7] Conrad: Über mich selbst. S

[8] Stresau, Hermann: Joseph Conrad: Der Tragiker des Westens. Hannover 1947. S

[9] Weiand, Hermann J.: Joseph Conrad. Werk und Leben. Düsseldorf 1979. S

[10] Hochschild, Adam: Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens. Hamburg 2002. S

[11] Conrad, Joseph: Herz der Finsternis. Zürich 1992. S. 154,

[12] Hochschild: Schatten über dem Kongo. S. 224/25

[13] Tredell: Heart of Darkness. S. 74-84

[14] Fothergrill, Anthony: Heart of Darkness. In: Martin, Graham (Hg.): Open Guides to Literature. Bristol 1989. S. 2/3

[15] Cox, Charles Brian: Joseph Conrad: The Modern Imagination. London/ Totowa 1974. S

[16] Fothergrill: Heart of Darkness. S. 12/13

[17] Stocker, Peter: Rahmenerzählung. In: Müller, Jan-Dirk (Hg.): Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Band 3. Berlin 2003. S

[18] Fothergrill: Heart of Darkness. S

[19] Ray, Martin: Joseph Conrad. In: Gilmour, Robin (Hg.): Modern Fiction. London 1993. S

[20] Fothergrill: Heart of Darkness. S

[21] Fothergrill: Heart of Darkness. S

[22] Bittner, Gerhard: Der Symbolgehalt der Werke Joseph Conrads. Phil. Dissertation. Zgierz (Polen) 1967. S

[23] Wasserman, Jerry: Narrative Presence: The Illusion of Language in Heart of Darkness. In: Billy, Theodore: Critical Essays on Joseph Conrad. In: Bowen, Zack (Hg.): Critical Essays on Modern British Literature. Boston/ Massachusetts 1987. S. 103.asserman: Narrative Presence. S

[24] Marianne Wünsch: Vom späten ‘Realismus’ zur ‘Frühen Moderne’: Versuch eines Modells des literarischen Strukturwandels. In: Titzmann, Michael (Hg.): Modelle des literarischen Strukturwandels. Tübingen 1991. S. 187-203

[25] Wasserman: Narrative Presence. S

[26] Wasserman: Narrative Presence. S

[27] Ray: Joseph Conrad. S

[28] Miller, Joseph Hillis: Poets of Reality. Six Twentieth-Century Writers. Cambridge 1965. S. 14/15

[29] Conrad: Herz der Finsternis. Zürich 1992. S

[30] Erzgräber, Willi: Der englische Roman von Joseph Conrad bis Graham Greene. Studien zur Wirklichkeitsauffassung und Wirklichkeitsdarstellung in der englischen Erzählkunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Tübingen/ Basel 1999. S

[31] Erzgräber: Der englische Roman. S

[32] Erzgräber: Der englische Roman. S. 50/51

[33] Gehrmann, Susanne: Kongo-Greuel. S

[34] Brantlinger, Patrick: Rule of Darkness. British Literature and Imperialism, 1830-1914. Ithaka/London 1988. S

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Interkulturalität in Joseph Conrads 'Herz der Finsternis'
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V51195
ISBN (eBook)
9783638472265
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturalität, Joseph, Conrads, Herz, Finsternis
Arbeit zitieren
B.A. Yvonne Hoock (Autor), 2005, Interkulturalität in Joseph Conrads 'Herz der Finsternis', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51195

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