"Bärenliebe" versus "Affenliebe". Widerstreitenden Erzeihungskonzepte im pädagogischen Diskurs


Essay, 2013

9 Seiten, Note: 1,5

Anonym


Leseprobe

Andreas Flitner leitet seinen Text mit einem Auszug aus der Geschichte von dem „Daumenlutschenden Konrad“ aus dem Buch „Der Struwwelpeter“ von Heinrich Hoff- man ein. Dieses Buch hat bis heute großen Erfolg. Verantwortlich dafür macht Flitner hauptsächlich, „daß [...] in diesen Szenen [...] eine ganze Reihe von sehr wahrscheinli- chen und typischen Erziehungskonflikten“ wiederzufinden sind. (Flitner 1982[2004], S.11) Doch Flitner sieht auch noch einen anderen Grund für den Erfolg der Geschich- ten: „[…] es muß damit zu tun haben, daß in diesen Szenen etwas von der Dynamik des Umgangs zwischen den Erwachsenen und den Kindern getroffen ist, wenn auch in der grotesken Übertreibung, mit der man sich die Dinge gerade noch vom Leib halten kann.“ (Flitner 1982 [2004], S.12)

Diese Figuren, so Flitner, sind „seither Symbolfiguren in der Debatte um die traditionell- bürgerliche Erziehung, die sich in unsere Gegenwart mit Parolen wie „Schafft die Er- ziehung ab!“oder „Mehr Mut zur Erziehung!“ neu formiert.“(Flitner 1982[2004], S.10). Weiter schreibt er: „Unter dem Titel „Antipädagogik“ haben sich in den vergangenen Jahren Autoren und Gruppen sehr verschiedener Herkunft und Argumentationen zu- sammengefunden, um nicht nur Kritik an bestimmten Auffassungen und Praktiken der Erziehung zu üben, sondern vielmehr die Erziehung im ganzen infrage zu stellen, ja das Recht ihrer Existenz zu bestreiten. Im Namen der Erziehung, heißt es dort, wird den Kindern so viel Schlimmes angetan, werden sie bedroht, misshandelt, abgerichtet und zeitlebens mit Schuld-und Verpflichtungsgefühlen belastet, daß alle ihr guten Ab- sichten als Selbsttäuschung oder als Tarnung anzusehen sind. Erziehung samt ihrer ganzen Selbstrechtfertigung ist nicht nur überflüssig, sie ist gefährlich. Sie ist schuld an krummen Haltungen und Gesinnungen, die von Generation zu Generation weitergege- ben werden.“(Flitner 1982[2004], S.13) Auch Katharina Rutschky vertritt diese antipädagogische Meinung. „Als schwarze Pädagogik bezeichnet sie alles das, was in der pädagogischen Theorie und Praxis dem humanen Sinn der Erziehung-nämlich der Führung des Kindes zur Mündigkeit-widerstreitet; was zwar den Namen Erziehung be- ansprucht, aber, genauer besehen, nicht für Leben und Freiheit der Kinder, sondern vielmehr für ihre Bändigung und Kränkung, für die Zerstörung ihrer Lebensfreude sorgt.“ Ihr Buch „Schwarze Pädagogik“ (1977) ist eine Sammlung aus Texten, die zu einem großen Teil aus der Epoche er Aufklärung stammen, „um die “schwarze“ Tradi- tion der Pädagogik aufzuweisen.“ (Flitner 1982[2004], S.16) Diese Sammlung ist für Pädagogen so erschreckend, da die Grundlagen unserer Gegenwart in der Aufklärung liegen(vgl. Flitner 1982[2004], S.16) „Die Tatsache, daß sich eine solche „Schwarze Pädagogik“ überhaupt aus Aufklärungsliteratur herauspräperieren läßt und dass die darin bezeichneten Konflikte bisher dem Bewußtsein der Pädagogen so gut wie ent- gangen sind, bleibt trotz der tendenziösen Auswahl schockierend.“ (Flitner 1982[2004], S.16) Stimmen also die Aussagen der Antipädagogen, dass das Kind durch seine Er- ziehung drangsaliert wird und einen bleibenden Schaden erhält? Die Texte von Katha- rina Rutschky lassen Erziehung wirken, wie eine „Anhäufung von Ratschlägen und Hinweisen, wie die Macht gegenüber dem Kind hergestellt werden kann, wie Kinder in Gehorsam und Respekt gehalten, gelenkt und überwacht werden können.“(Flitner 1982[2004], S.17) Laut Flitner spitzen Alice Miller(1980) und Peter Gstettner (1981) diese Ratschläge zu und so entstand eine „Anleitung zur systematischen Dranglasie- rung der Kinder unter dem Namen der Erziehung“(Flitner 1982[2004], S.17). So wirft Miller in ihrem Werk „Am Anfang war Erziehung“ vor, dass „das bewußte Einsetzen der Demütigung, das die Bedürfnisse des Erziehers befriedigt, zerstört das Selbstbewußt- sein des Kindes, macht es unsicher und gehemmt, wird aber als Wohltat gepriesen.“ (Miller, 1983, S. 37). Für Flitner haben die Texte die Aussage: „Kinder sollen, nach diesen Erziehungsratschlägen, Tag und Nacht überwacht, bei jeder Heimlichkeit über- führt, bei jeder Unwahrheit bloß gestellt, mit moralischen Maßstäben des Erwachse- nenlebens gemessen und zugleich von der Einsicht in die Fehler des Erwachsenen abgeschirmt werden.“ (Flitner 1982[2004], S.17) Dadurch entsteht der Eindruck, Er- ziehung diene nur der Gefährdung und der Bedrohung der Kinder. Für den Leser scheint es, als wäre das Ziel der Erzieher und der Pädagogik überhaupt, die Neugier und den eigenen Willen der Kinder zu unterdrücken. In der Konsequenz fordern die Vertreter der Anti-Pädagogik eine Abschaffung der Erziehung. Leiten sie sich aus der Antiautoritären Erziehung ab, gehen sie über deren Anspruch und damit auch über Rosseau weit hinaus. In ihren Konzepten sehen sie keine zwingende Verflechtung von gesellschaftlicher Bildung und dem individuellen Lernen des Kindes. Jedoch bleibt die Frage, wie dabei das Gelernte an Bedeutung gewinnt (wie beispielsweise Weltan- schauungen oder Erfahrungen von Sinn) bleibt hier ungeklärt. Die Anti-Pädagogik sieht im Generationskonflikt zwischen den Eltern und Kindern ein großes Problem. Da die Erwachsenen ihre Zöglinge entsprechend ihrer Bedürfnisse und Anschauungen heran- ziehen möchten, werden diesen durch strenge Regeln und Bestrafung „Stempel“ auf- gedrückt. Kinder können jedoch diesem Anspruch aufgrund ihrer Entwicklung noch gar nicht genüge tun. Eine Konfliktlösung sehen die Anti-Pädagogen in der Wegnahme des Erziehungsanspruchs. Durch die Aufgabe des „ Lenken- Wollens“ kann es eine neue Solidarität von Eltern und Kindern kommen, sodass ein partnerschaftliches Verhältnis möglich wird. Flitner stellt hier jedoch dagegen, dass ein symmetrisches Verhältnis nicht realistisch sein kann, da beide „Parteien“ etwas jeweils Verschiedenes beim an- deren suche. Abgeleitet aus der Antipsychatrie ist festzustellen, dass der Erzieher bei- spielsweise allein schon Berufs wegen stets mehr Wissen und Welterfahrungen besitzt als der Heranwachsende (Vlg. Flitner, 1982[2004], S. 50-53). Doch stellt sich hier die Frage, ob diese Feststellung in seiner Konsequenz bedeuten muss, dass der Part mit dem Überhang an Wissen und Erfahrung die schon gemachte Entwicklung in einem Heranwachsenden vorrausetzen darf beziehungsweise dem Kind ein Handeln in nur so eng gesetzten Grenzen erlaubt, obwohl es aufgrund seines Alters die Bedeutung die- ser nicht begreifen kann. Die Anti-Pädagogik stellt sich statt eines pädagogischen ein juristisches Verhältnis zwischen Kind und Erwachsenen vor. Ein wertvoller Ansatz da- bei, der auch heute noch in der Erziehung tief verankert ist, ist die Erkenntnis, dass die eigene Person des Menschen ein unabdingbares Merkmal menschlicher Existenz dar- stellt, welche im Lauf der Kindheit entwickelt wird. Ihrer Ansicht nach werden diese individuellen Eigenschaften jedoch durch die „harte Hand“ der Erziehung verwischt oder sogar unterdrückt. In seiner Konsequenz fordert die Organisation „Freundschaft mit Kindern“ eine neue rechtliche Situation. So manifestiert sie „Kinder haben nicht weniger Rechte als Erwachsene. Kinder dürfen generell alles tun, was Erwachsene im Rahmen der Gesetze tun dürfen. (Art. 1). Kinder haben das Recht, sich von bisherigen Lebenspartnern zu trennen und neue Lebenspartner zu wählen. (Art. 2). […] Kinder haben das Recht, für ihr Leben und für ihre Taten die rechtliche Verantwortung zu übernehmen. (Art.3).. Sie können Verträge schließen, über Eigentum verfügen, Ge- schäfte eröffnen.“ (Flitner, 1982[2004], S. 55-56). Doch Flitner gehen die Anti- Pädagogen damit zu weit. Er wirft die Frage auf, ob nicht gerade diese rechtliche Frei- heit zu einer Ausbeutung der Kinder und Jugendlichen ermöglicht. In den jungen Ent- wicklungsjahren ist ein Heranwachsender noch nicht fähig, weitreichende Konsequen- zen zu überschauen. Auch die Ausnutzung im Bereich der Drogen wird durch eine juristische Gleichstellung möglich gemacht. Den Zöglingen wird dadurch ein Schon- raum für die sukzessive Entwicklung genommen, welcher für ein verantwortungsvolles Erwachsensein von basaler Notwendigkeit ist. Zwar steht auch für den Autor außer Frage, dass die Rechtslage des Kinder verbessert werden muss, doch gibt er zu be- denken, wie schnell ein junges Leben durch unreife Handlungen ruiniert werden kann. Es bleibt die Aufgabe der Gesellschaft, Regeln und Grenzen zum Schutze des Her- anwachsenden aufzustellen (Vgl. Flitner, 1982[2004], S. 56-58). Schoenebeck fordert in seinem Buch „Unterstützen statt erziehen“ dazu auf, sich dem Kind und seinen Denkweisen ohne Vorbehalte zuzuwenden, um seine Lebenswelt zu verstehen und zu deuten. Ähnlich wie das eben beschriebene „Deutsche Kindermanifest“ lehnt er die Verantwortung des Erziehers ab. Er fordert für das Kind eine Befreiung von der Vor- mundschaft und im Gegensatz dazu eine Entlastung des Erwachsenen in seiner Ver- antwortung. Er geht hierbei soweit, dass er auch das Einmischen bei Gefahr ablehnt. Dem Autor stellt jedoch auch hier wiederum die Frage, ob das Kind solchen Situatio- nen überhaupt gewachsen sei. Er beschreibt, wie schon Alltäglichkeiten (z.B. wenn das Kind nicht zum Arzt gehen möchte oder Drogen nehme wolle) zu einer Gefährdung führen könne, worauf Schoenebecks Schrift keine Antwort geben kann (Vgl. Flitner, 1982[2004], S. 62-63). Dennoch ist auch in diesem Werk positiv zuzuschreiben, dass ein Umdenken im Verhältnis mit dem Kind angeregt wird. „Mit der Fortentwicklung der Diskussion und dem Nachfragen, wie man denn nun mit Kindern leben und umgehen solle, entstand- selbstverständlich- auch bei den Antipädagogen eine eigene Pädago- gik, das heißt ein Nachdenken über die Besonderheit des Umgangs von Erwachsenen und Kindern und über die Anforderungen, die dieser besondere Umgang stellt.“ (Flit- ner, 1982[2004], S.61). Dass stets eine Polemik in diesen Fragen bestehen bleibt, ver- bildlicht der Autor über die Fabel der Affen- und Bärenliebe. Die Bärenmutter verstößt schon bald ihre Nachkömmlinge, um sie zu einer Eigenständigkeit zu bringen. Übertra- gend bedeutet dies, dass Kinder, die nicht frühzeitig an Grenzen und Regeln gewöhnt werden, zu angepassten Rebellen heranwachsen. So beschreibt schon Plinius in der Antike das Bild der Affenliebe, die ihre Kinder vor lauter Liebeshandlungen erdrückt. Dies liefert wiederum ein Argument für eine geleitete Erziehung. Denn auf diese Weise werden „verhätschelte“ Kinder durch ein zu hohes Maß an Fürsorge und Abschirmung gezogen, die ihre Umwelt als bedrohlich wahrnehmen und den Anforderungen des Alltages nicht gewachsen sind. Andererseits wiederum können Heranwachsende durch zu viel Strenge keine Geborgenheit und Zärtlichkeit spüren, sodass sie sich zu leis- tungsorientierten Materialisten entwickeln. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die Form der „Affenliebe“ nicht als Erziehung angesehen werden an, da hier allein die Ängste und gestörten Beziehungserfahrungen der Mütter (oder auch Väter) ausgelebt wird. „Sie zerstört die kindliche Initiative und Weltzuwendung aus egoistischen Besitz- verlangen der Mutter, ob es nun als Partnerersatz, als Stärkesymbol, als Schmuck- stück oder als anderes Objekt ihrer Befriedigung benötigt“ (Flitner, 1982[2004], S.26.) und es kommt zu einer „Kultivierung von Ängsten“ (Flitner, 1982[2004], S.33). Dass diese Form von „Elternliebe“ ein sehr aktuelles Thema in der Erziehungswissenschaft ist, lässt an der Vielzahl an Büchern erkennen, die betroffenen Erwachsenen Hilfestel- lung geben wollen. Exempel gebend beschäftigen sich Nacks „Das innere Kind wird erwachsen“ und Röhrs „Wege aus der Abhängigkeit“ mit den schwierig gewordenen Loslösungsprozessen, da Eltern ihre Nachkömmlinge durch erdrückende Erziehung an sich binden möchten. Eine ausführliche Beschreibung würde in diesem Essay zu weit führen. Historisch betrachtet, ist eine emotionale Nähe zum Kind eine relativ junge Er- scheinung, die erst im Laufe des 18. Jahrhunderts verzeichnet wurde. Gesellschaftlich bedingt war eine deutliche Distanz zwischen Eltern und Nachwuchs. So gaben die Ad- ligen ihre Neugeborenen an Ammen ab, andererseits starben viele Kinder sehr früh (Vgl. Flitner, 1982[2004], S.27). Einerseits kann man dies als natürlichen „Selbst- schutz“ der Eltern erklären. Durch die hohe Kindersterblichkeit waren sie einer hohen emotionalen Belastung ausgesetzt. Indem man an das Neugeborene ein zu hohes Maß an Gefühl brachte, war ein Verlust leichter zu verkraften. Andererseits ist zu be- achten, dass in dieser Zeit die Überzahl der Bürger der Bauern- und Arbeiterschicht angehörte. Durch die Arbeit, welche sich über den gesamten Tag erstreckte, war es nicht möglich, sich in einem mit heute vergleichbaren Maß dem Nachwuchs zuzuwen- den. Flitner wiederum meint, dass die hohe Kindersterblichkeit „nicht nur eine Folge primitiver Hygiene, sondern auch ein Ergebnis der Achtlosigkeit, mit dem das Kleinkind behandelt wurde“ (Flitner, 1982[2004], S. 27). Erst im 18. Jahrhundert bildet sich ein emotional getöntes Familienbild. Die Aufklärung setzt durch ihre Lehrer des Menschen mit existenziellen Rechten und Bedürfnissen auch eine Veränderung in der Erziehung in Gang. Die Mütter stillten nun selbst ihre Kleinkinder und vermieden ein zu enges Wickeln. Aber auch in dieser Zeit der Neuorientierung warnen politisch- philosophische Persönlichkeiten wie Locke und Fénelon vor einer „Verzärtelung in der Kinderstube“ (Flitner, 1982[2004], S.29). Sie stellen das Erwachsenwerden als primäres Ziel der Erziehung, dem die Mutter nicht entgegenwirken darf. Doch Flitner bringt das Argu- ment, dass „die Gruppe derjenigen, die Erziehungsschriften lesen und […] sich tat- sächlich nach diesen Vorschlägen richten, immer nur klein war.“ (Flitner 1982[2004], S.18) Des Weiteren erklärt der Autor, dass es nicht die Pädagogen sind, die diese Me- thoden entwickeln und hervorrufen, sondern ihre Schriften stellen die bereits vorhan- denen Ansätze ihrer Epoche oder ihrer Generation da. „Schriften, von Autoren, die in ihrer Generation bekannt gewesen sind, können von uns als Zeugen einer Generation oder einer bestimmten Untergruppe ausgewertet werden, das heißt: sie spiegeln mehr oder weniger die Meinung der lesenden Zeitgenossen wieder. Sie enthalten, das darf man voraussetzen, eine Wahrheit, die für ihre Generation lesbar und erträglich war und die zu dem Ausdruck verhalf, was von ihrer Leserschaft akzeptiert werden konnte.“ (Flitner 1982[2004], S.18) Er argumentiert weiter: „Wenn wir also von der zweiten Hälf- te des 18. Jahrhunderts an sehen, wie sich eine bestimmte Pädagogik herausbildet, […], wie überhaupt Kinder-und Jugendalter als unterschieden von dem der Erwachse- nen, als eine Denk-und Erlebensform des Menschen, vor allem aber: als erziehungs- bedürftig ins allgemeine Bewusstsein kommt, so ist das alles nicht als Erfindung von Pädagogen anzusehen. Sondern diese Pädagogik und Psychologie ist Ausdruck eines neuen allgemeinen Bewusstseins, eines Denkens und Räsonierens über den Men- schen. Sie ist zugleich ein Niederschlag sozialer Prozesse[…].“(Flitner 1982[2004], S.19) Es weist so darauf hin, dass es sich bei den Texten von Katharina Rutschky „nicht nur um zunftmäßige Äußerungen einer Gruppe von Pädagogen handelt, sondern zunächst um Ausdruck und Darstellungen dessen, was ein Zeitalter im Umbruch ge- sellschaftlicher und pädagogischer Normen für Irr-und Umwege eingeschlagen hat […],als es versuchte, neue Leitlinien für die Erziehung zu finden.“ (Flitner 1982[2004], S.20). Dennoch stellt die Polemik in der Erziehung nach wie vor stets aktuelles Thema dar. Einerseits kann eine „Mutterlieb“ erdrückend wirken, während andererseits ein zu frühes Einbinden der Kinder in die Welt der Erwachsenen zur Verrohung führen kann. Durch eine zu autoritäre, und durch Strafe und Bevormundung geprägte Erziehung nimmt man dem Kind seine persönlichen Eigenheiten, aber demgegenüber spricht die Anti-Pädagogik dem Heranwachsenden seinen Schutzraum zur Entfaltung eines ei- genverantwortlichen Lebens ab. ). In der aktuellen Belletristik fordern Autoren eine lie- bende, jedoch durch Autorität gemäßigte Erziehung, welchem ich mich anschließen möchte. Als Vorreiter gilt hierbei Winterhoff, der in seinem Werk „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ beschreibt, wie durch eine zu partnerschaftliche Erziehung die Rei- fung des Heranwachsenden zu einem leistungsstarken und eigenverantwortlichen Er- wachsenen behindert wird. Selbst antiautoritär erzogen, sehen Eltern in ihren Nach- kömmlingen ein Subjekt mit eigenem Willen und Rechten. „Erwachsene und das Kind begeben sich auf die gleiche Ebene und rangieren auf Augenhöhe nebeneinander, so dass keiner dem anderen eine Richtung vorgeben kann.“ (Winterhoff, 2008, S.95). Winterhoff sieht hier ein ursächliches Problem in der Erziehung. Wie Flitner teilt er die Ansicht, Kinder können aufgrund ihrer Erfahrungen noch nicht alle Zusammenhänge begreifen und werden in ihrer Rolle als „Partner“ vollkommen überfordert. Auch in der schon beschriebenen Ko- Abhängigkeit der Eltern (Affenliebe), dem Bedürfnis der El- tern vom Kind geliebt zu werden, sieht er einen Schwachpunkt. Die kindliche Liebe wird zur Messlatte des Selbstbewusstseins des Erwachsenen, der sich selbst in der heutigen Welt als unzulänglich und machtlos erlebt. (Vgl. Winterhoff, 2008, S.118). In der Phase der Allmacht ist das Kind dann nicht in der Lage zu verstehen, dass eine funktionierende Beziehung auch aus dem Aushalten der Verweigerung und dessen Aushalten vom anderen besteht. Im Gegenteil wird versucht, durch Gespräch und Dis- kussion, die Normen der Gesellschaft verständlich zu machen. Das Kind soll „selbst verstehen, was es falsch gemacht hat.“ Dazu ist es rein entwicklungsbedingt jedoch nicht in der Lage. In einem gesamten Kapitel plädiert Winterhoff für eine neue Bezie- hungsfähigkeit, in der Kinder auch als Kinder wahrgenommen werden. Doch geht es ihm hierbei nicht um das Absprechen aller Rechte des Heranwachsenden, sondern im Gegenteil, den jungen Bürger eine Nichtfähigkeit zuzusprechen. Die psychische Unrei- fe des Zöglings muss dem Erwachsenen bewusst werden, sodass dem Kind Regeln und Grenzen gesetzt werden können- auch wenn er diese noch nicht versteht. Nur so wird sein Verhalten gespiegelt und es erhält eine Antwort. Winterhoff möchte „Eltern als liebevolles Gegenüber für das Kind, an dem es sich orientieren kann, ohne selbst früh in eine falsche Position gedrängt zu werden.“ (Winterhoff, 2008, S.190). Dass es sehr schwierig ist, eine „gemäßigte Mitte“ zu finden, steht hierbei außer Frage. Durch das immer wieder neue Durchdenken des erzieherischen Handelns sowie durch eine gezielte Beobachtung des Heranwachsenden kann eine allzu einseitige Betrachtung dieser Polemik entgegengewirkt werden. Historisch betrachtet stellen für mich die Wer- ke der Anti-Pädagogen sowie auch der antipädagogischen Bewegung einen wichtigen Schritt zur Entwicklung einer kindgemäßen Erziehung und Bildung dar. Wurden vorher Kinder als zu „züchtigendes Subjekt“ gesehen und der Gehorsam als „unangezweifel- tes oberstes Prinzip“ (Miller, 1983, S. 57), so wurden ihnen nun neue Rechte zuge- sprochen, die ihre Stellung in der Gesellschaft durchaus verbesserten. Dennoch stim- me ich mit Flitner überein, dass die Anti-Pädagogik über das Ziel hinausschießt, da sie eine entwicklungsbedingte Unreife des Kindes ignoriert und ihm dadurch einen ge- schützten Raum zum Heranwachsenden mit eingeschränkter Verantwortlichkeit nimmt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
"Bärenliebe" versus "Affenliebe". Widerstreitenden Erzeihungskonzepte im pädagogischen Diskurs
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,5
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V512057
ISBN (eBook)
9783346098634
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bärenliebe, affenliebe, widerstreitenden, erzeihungskonzepte, diskurs
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, "Bärenliebe" versus "Affenliebe". Widerstreitenden Erzeihungskonzepte im pädagogischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512057

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