Das Frauenbild in Schneewittchen. Weibliche Märchenmotive in Volksmärchen


Examensarbeit, 2019

45 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Marchen
2.1. Kunstmarchen
2.2. Volksmarchen
2.3. Hexe und Stiefmutter im Marchen

3 Die Gebruder Grimm
3.1. Die Frauenfiguren in den Marchen der Gebruder Grimm
3.1.1. Die Frau als passiverTyp
3.1.2. Die aktive Frau
3.1.3. Die Frau zwischen Aktiv und Passiv
3.1.4. Die bosen Figuren
3.1.5. Die Frau als gute Figur

4 Schneewittchen
4.1. Inhaltsangabe
4.2. Analyse und Interpretation von Schneewittchen
4.3. Filmische Umsetzung des Marchens Schneewittchen.

5 Fazit

6. Literaturverzeichnis

7 Filmographie

1. Einleitung

Marchen gehoren zu den mitunter altesten Textgattungen unserer Geschichte. Sie ent- fuhren uns in eine Welt, die wir uns in unseren wunderbarsten Traumen nicht vorstellen konnten und die uns unsere Alltagssorgen vergessen lasst. Wahrend sie anfangs mund- lich uberliefert wurden, haben sie sich heutzutage ihren Weg in zahlreiche Kinderbucher bis hin auf die Leinwande Hollywoods gebahnt. Gerade in einem Zeitalter, in dem sich die Menschheit im Internet zu verlieren scheint, wird das Marchen, das Reich des Phan- tastischen, des Irrealen, erneut interessant.

Die vorliegende Arbeit widmet sich daher zunachst dem Marchen als Gattung und zeigt auf, durch welche Eigenschaften sich diese Form der Erzahlung auszeichnet. Interessant wird hierbei vor allem das Volksmarchen. Danach werden stereotypische weibliche Marchenmotive, wie zum Beispiel die Hexe, naher erlautert. Da im deutsch- sprachigen Raum insbesondere die Gebruder Grimm einen groBen Beitrag zur Verbrei- tung und Bekanntheit der Marchen geleistet haben und es in einem spateren Teil dieser Arbeit auch hauptsachlich um von ihnen veroffentlichte Marchen gehen soil, leistet diese Ausarbeitung darauffolgend einen kleinen, aber dennoch ausreichenden Uberblick auf das Leben und Schaffen der Bruder, wobei auch darauf eingegangen wird, inwiefern die Darstellung der Frauenfiguren in ihren Marchen erfolgt. Daran anknupfend mundet diese Arbeit in einer Betrachtung ausgewahlter Werke der Gebruder Grimm. Neben der rein textlichen Analyse dieser Marchen soil zudem ein kurzer Vergleich zur filmischen Inszenierunggezogen werden.

2. Marchen

Die literarische Gattung des Marchens ist eine vor allem bei Kindern sehr beliebte Art der Erzahlung. Der Begriff Marchen setzt sich aus der Endung -chen und dem mittelhoch- deutschen Wort maere, worunter „ursprunglich gesprochene, vorgetragene Erzahltexte unterschiedlicher Art verstanden"1 wurden, zusammen. Folglich bildet der Begriff Mar­chen zusammen mit seinem Prafix den Deminutiv zu Mar, weshalb teilweise auch vom kleinen Mar, von kleinen, kurzen Erzahlungen, gesprochen wird. Im Allgemeinen ist der Begriff des Marchens im Laufe der Zeit durch eine Bedeutungsveranderung gekenn- zeichnet, wobei sich im heutigen deutschsprachigen Raum eine durchaus etablierte De­finition finden lasst.

„Unter einem Marchen verstehen wir seit Herder und den Brudern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzahlung be- sonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirk- lichen Lebens geknupfte wunderbare Geschichte."2

Das Marchen ist somit eine nicht auf Wahrheiten basierende Erzahlung in Prosa, die mit dem Ubernaturlichen, Irrealen, Zauberhaften sowie Wunderbaren spielt. Seine Charak- tere und Figuren sind meist gepragt von phantastischen Fahigkeiten. Dabei ist der Held oder die Heldin des Marchens oftmals eine der wenigen menschlichen Wesen der Er­zahlung, wobei diese Figur jedoch auch antonymische Eigenschaften aufweist. Meist handelt es sich um einfache Menschen, die sich erst im Laufe der Handlung entwickeln. Dabei sind „der Held und auch sein Widerpart, der Antiheld, [...] in der Lage, mit alien Wesen, die ihnen begegnen, in Verbindung zu treten, seien es Menschen, Tiere, Pflan- zen, Dinge, uber- und unterirdische Wesen."3

Die Handlung der Erzahlung ist zumeist in drei Teile konstituiert. Wahrend zu Be- ginn ein Problem auftritt, welches den Helden beziehungsweise die Heldin zum Auf- bruch in ein Abenteuer zwingt, muss die Hauptperson auf ihrem Weg viele Hindernisse uberwinden, bei denen ihnen Helfer zur Seite stehen, ehe sie am Ende der Erzahlung, im Regelfall erfolgreich, ihr Abenteuer beendet, wobei sie dem Rezipienten zeitgleich eine Moral fur sein weiteres Leben mit auf den Weg gibt. Dabei bleiben Orts- und Zeitanga- ben unbekannt.4 Bezeichnend hierfur ist die haufig verwendete Wortverbindung es war einmal, welche durch die Verwendung der Vergangenheitsform des Verbes eine zeitlich nicht naher bestimmbare und bereits geschehene Handlung suggeriert. Die Moral der Erzahlung bleibt folglich zeit- und ortsunabhangig.

Auf sprachlicher Ebene ist das Marchen durch seine Einfachheit gekennzeichnet. Durch seine anfangs oft mundliche Uberlieferung war es jeglichen Gesellschaftsschich- ten zuganglich und sollte dies durch Beibehaltung seiner bereits thematisierten einfa- chen Sprache bleiben. Denn „Marchen geben ein Bild des Menschen und seiner Bezie- hung zur Welt [wieder]."5

Im Allgemeinen grenzt sich das Marchen von Mythen und Sagen ab. Wahrend Mythen von Gottern, Menschen und anderen religiosen Elementen handeln, sind Sagen „emotional, ethisch, sachlich, zeitlich und raumlich gebunden."6 Zu unterscheiden sind zwei Formen des Marchens: das Kunstmarchen und das Volksmarchen.

2.1. Kunstmarchen

Kunstmarchen zeichnen sich im Gegensatz zu den Volksmarchen dadurch aus, dass sie einem eindeutigen Verfasser beziehungsweise Schriftsteller zugeordnet werden kon- nen, weshalb man sie auch zur Gattung der sogenannten Individualliteratur zahlt. Zu- dem besitzt das Kunstmarchen nicht nur Angaben uber den Urheber, sondern auch wel­che uber Ort und Zeit des Geschehens. In sprachlicher Hinsicht konnen Kunstmarchen durchaus auf kompliziertere Satze mit verstarkenden Stilmitteln, wie zum Beispiel Iro- nie, zuruckgreifen. „Geschildert wird nicht ein geschlossenes Weltbild, sondern eine fragmentarisch erfahrbare, problematische Welt, in der sich ein Subjekt bewegen muss, das sich auch seiner selbst, vor allem der eigenen Wahrnehmung nicht sicher sein kann."7 Die Figuren der Erzahlung weisen oft antonymische Charakterzuge auf, wobei zumeist einer dieser Zuge im Vordergrund steht und die Figur im Laufe der Handlung eine Entwicklung durchlauft. Allerdings ist diese Entwicklung nicht zwangsweise gleich- bedeutend mit dem Happy End fur Figur oder Handlung der Erzahlung. Auch ein ungluck- liches oder sogar haufig vorkommendes offenes Ende sind denkbar.8

2.2. Volksmarchen

„Zum Begriff des Volksmarchens gehort, dass es langere Zeit in mundlicher Tradition gelebthatunddurchsiemitgeformtwordenist."9 Ein Hauptmerkmal des Volksmar­chens ist daher, dass weder Angaben uber Alter noch Verfasser der Erzahlung vorhan- den sind. Durch seine bereits angesprochene mundliche Tradition besitzt das Volksmar­chen per se keine konstante oder einheitliche Form und kann in unterschiedlichsten Va- riationen auftreten. Ihre Darstellungs- und Erzahlstruktur ahnelt bildlich gesprochen ei- ner Linie.10 Laut Max Luthi, einem bekannten Literaturwissenschaftler des 20. Jahrhun- derts, gibt es dennoch erkennbare Wesenszuge des europaischen Volksmarchens. Diese Merkmale sind die Eindimensionalitat, die Flachenhaftigkeit, derabstrakte Stil, die Iso­lation und Allverbundenheit sowie die Sublimation und Welthaltigkeit.

In unserem Alltag existieren zwei voneinander getrennte Dimensionen. Zum ei- nen das Diesseits, die reale Welt, so wie wir sie erleben und wahrnehmen, und das Jen- seits, das Reich des Irrealen, des Phantasievollen. Im Marchen hingegen werden diese beiden Welten fusioniert. „[Es] ist alles moglich, da die phantastische und die realisti- sche Welt eine Einheit bilden."11 Begegnungen mit zauberhaften Figuren, egal ob Hexen, Drachen oder sprechenden Tieren, werden vom Protagonisten ohne Zweifel hingenom- men, geschehen allerdings nur an zivilisationsfernen beziehungsweise abgelegenen Or- ten, wie dem dusteren Wald oderverlassenen Schlossern.

Das zweite Merkmal von Marchen ist laut Luthi die Flachenhaftigkeit. Marchen- figuren besitzen eine innere Leere. Von individuellen Gefuhlen wird nur dann berichtet, wenn dies dem Fortschritt der Handlung dienen. Somit lassen die Charaktere eine ge- wisse Tiefe vermissen. Sie zeichnen sich nicht durch ihre innere Gefuhlswelt, sondern durch ihre auBerlichen Handlungen aus. Andererseits spielen auch Zeit und Alter haufig eine zentrale Rolle in Marchen. Der naturliche, menschliche Prozess des Alterns wird nicht thematisiert. Beispielhaft ist hier der hundertjahrige Schlaf Dornroschens zu nen- nen. Das Madchen altert in dieser Zeit nicht, was auch den anderen Figuren nicht ko- misch vorkommt. Marchencharaktere sind entweder jung oder alt. Diese von Marchen bevorzugte Trennung der Extreme zeigt sich unter anderem auch im Verhaltnis zwischen Gut und Bose.12

Im Vergleich zu ihren Figuren besitzen die Erzahlungen von Marchen ihren eige- nen, individuellen Stil. Viele Gegenstande, Charaktere oder auch Lebensraume werden sehr oberflachlich und starr dargestellt. Sie dienen beispielsweise nur zur Verkorperung einer gewissen sozialen Schicht oder zur Verdeutlichung einer gewissen Eigenschaft. Ebenfalls typisch fur den abstrakten Stil von Marchen sind die neben den bereits er- wahnten Extremen haufig auftretenden Wiederholungen. Man denke hier zum Beispiel an die immer wiederkehrende Szene der Stiefmutter Schneewittchens, in der sie mit dem Spiegel spricht. Auch marchenubergreifende Formulierungen wie Es war einmal... oder Und wenn sie nicht gestorben sind... kennzeichnen den individuellen Stil dieser Er­zahlungen.13

Weitere Merkmale von Marchen sind die Isolation und Allverbundenheit. Wah­rend die zentrale Figur der Erzahlung ihren Weg auf der einen Seite oftmals alleine be- schreitet und folglich isoliert lebt, kann sie dies auf der anderen Seite zu ihrem Vorteil nutzen. Sie kann kurzzeitige Weggefahrten gewinnen, sich von diesen aber auch ohne Probleme wieder distanzieren. Haufig dienen diese auftauchenden Charaktere der Handlung, indem sie dem Helden zur Hilfe eilen. Doch nicht nur die Figuren scheinen voneinander isoliert, auch die teils unterschiedlichen Handlungsstrange scheinen nur schattenhaft skizziert und miteinander unverbunden zu sein. „[Aber] gerade deswegen kann sich alles mit allem verbinden [...]. Die Handlung ist offen, das 'stumpfe Motiv' und der Zufall werden Prinzip."14 „Sichtbare Isolation, unsichtbare Allverbundenheit, dies darfals Grundmerkmal der Marchenform bezeichnet werden."15

Das letzte Merkmal von Marchen bezeichnet Luthi mit den Begriffen Sublimation und Welthaltigkeit. Auch wenn Marchen die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits verschwinden lassen, beziehen sie sich dennoch auf die reale Wirklichkeit und sind da­her irdisch beziehungsweise welthaltig. Durch das Sublimieren der Handlung mit phan- tastischen und ubernaturlichen Ereignissen oder Figuren wird diese entwirklicht.16

2.3. Hexe und Stiefmutter im Marchen

Die Hexe ist eines der bekanntesten Motive im europaischen Marchen. Ursprunglich lei- tet sich der Begriff Hexe vom althochdeutschen Wort hagazussa ab, was Zaunweib be- deutet.17 Um diese Bezeichnung zu verstehen, muss man sich die Lebensumstande im Mittelalter vor Augen fuhren. Dorfer und Stadte waren immer durch einen Zaun oder eine Mauer von der AuRenwelt abgegrenzt. Jenseits dieses Zaunes war das Unbekannte, das Damonische, beispielsweise der dustere Wald. Der Zaun symbolisierte somit die Grenze zwischen dem Menschen und dem Bosen. Die Hexe selbst war und ist auch noch nach heutigem Verstandnis ein Wesen, das sowohl menschliche als auch ubernaturliche Zuge mit zauberhaften, oftmals damonischen Fahigkeiten, vereint.18 Nur selten schreibt man ihr positive Charakterzuge oder freundliche Gesinnung zu.19

Dabei ist der Hexenglaube wohl stark an den Bedeutungswandel der Frau ge- knupft. In einer Zeit, in der Frauen ausschlieRlich den Mannern und der Gesellschaft dienten und diesen untergeordnet waren, teilte sich das Frauenbild in gute und schlechte Frauen. Gute Frauen waren jene, die dem vom Mann erwarteten Rollenbild entsprachen und horig waren. Schlechte Frauen wiederum waren jene, die dem mann- lichen Wunschbild nicht entsprachen. Zu dieser Kategorie zahlten vor allem auch Huren und Hexen. Dabei wurden oftmals Frauen, die sich mit der Heilkunde, die fur manchen wundersam wirkte, auskannten, als Hexen bezeichnet, da sie meist den Ausschlag zwi­schen Leben und Tod geben konnten. Spatestens durch den christlichen Volksglauben, der die Frau als Ursache der Vertreibung aus dem Paradies ausmachte, wurden die po- sitiven, heilenden Eigenschaften dieser sogenannten Hexen vergessen, wobei dieses sich entwickelnde Feindbild in der Hexenverfolgung endete.20 Alleine im deutschen Raum wurden zwischen 1450 und 1755 uber 50.000 Menschen der Hexerei bezichtigt, wovon ungefahr die Halfte aller Angeklagten zum Tode verurteilt wurden. Ausschlagge- bend war dabei nicht unbedingt das Aussehen, vielmehr waren es von der Gesellschaft VerstoRene oder jene, die sich mit der Arbeit im heilkundigen Bereich auskannten. Die Hexenverfolgung war alltagsbestimmend und endete erst mit dem Zeitalter der Aufkla- rung.21

Auch die Figur der Hexe im Marchen ist durch die historische Vorgeschichte ge­pragt. Allerdings ist sie eine ambivalente Personlichkeit, welcher mehrere Eigenschaften zukommen. Sie hat sowohl die vorchristlichen als auch christlichen Vorstellungen des Mittelalters verinnerlicht, diese jedoch um weitere rationale sowie irrationale Merkmale erweitert. Das Marchen hat sich selbst sein eigenes Hexenbild erschaffen. Hier dient die Hexe oftmals als Stigmatisierung des Bosen, als Schrecken der Kinder und Personifizie- rung ihrer Angste.22 Haufig wird sie auf die ihr zugesprochenen Grundzuge reduziert. Gleiches gilt fur die damonischen Zuge ihres Charakters.23 Die Marchenhexe zeichnet sich durch ihre Zauberei aus. Ihr AuBerliches ist meist hasslich, alt und weiblich, aber hat menschliche Zuge. Ebenso ist ihre Haut gelblich, ihr Korper abgemagert und ohne Kraft und eine dicke Warze ziert ihre Nase. Das Aquivalent zu dieser auBerlichen Erscheinung ist ihr Charakter. Sie ist bose, gekennzeichnet durch ihr hohnisches Lachen, und bestraft beziehungsweise totet andere. Dies gelingt ihr beispielsweise mit Zauberei, dem Brauen giftiger Tranke oder Kannibalismus.24 Dabei erscheinen ihre magischen Krafte grenzen- los, wodurch die Hexe im Marchen unsterblich wirkt. Nur dem Marchenhelden ist es moglich, diese zu bezwingen, was in den meisten Fallen gleichbedeutend mit ihrem Tod ist. Dieser ist dabei, wie auch der ihrer Opfer, meist grausam und zeigt historische Paral- lelen zu den Hinrichtungen der als Hexen bezeichneten Frauen des Mittelalters.25

Anzutreffen ist die Marchenhexe oftmals alleine in einem abgelegenen, kleinen Hauschen tief im Wald, welches schon von auBen betrachtet magisch wirkt oder einen Zauber verspruht. Es dient haufig dem vermeintlichen Schutz, entpuppt sich letztendlich jedoch als Koder. Beispielhaft ist hier das Marchen Hansel und Gretel zu nennen. Doch nicht nur das Haus, auch der Wald gehort zum Herrschaftsgebiet der Hexe, in welchem ihre Macht allgegenwartig ist. „Der Wald ist der damonische Bereich der Hexe, der alle gefangen nimmt und in eine magische Welt fuhrt, die ihn betreten."26 Dabei ist der Wald elementarer Bestandteil jedes Marchens. Einerseits sind er und die Marchenhexe unzer- trennbare Puzzleteile der Geschichte. Andererseits spinnt er das Netz, welches die po- tentiellen Opfer gefangen nimmt. Zusammen mit dem Hexenhaus und der Hexe selbst bildet er eine zusammengehorende Einheit.

Wie bereits erwahnt ist die Marchenhexe eine vielschichtige Figur. In vielen Mar­chen werden Figuren erwahnt, die zwar nicht namentlich als Hexe bezeichnet werden, jedoch deutlich erkennbare Zuge dieser innehaben. Deshalb mussen auch diese Figuren allgemein unter dem Begriff der Hexe verstanden werden. Alles in allem kann man drei Arten von Hexen unterscheiden: die vernichtenden und bedrohenden, die hilfreichen und heilkundigen Hexen sowie die mythischen Gestalten.27

Die der ersten Kategorie zugehorigen Hexe ist die bereits thematisierte bose, alte sowie schadende. Sie ist von Grund auf schlecht und nur daran interessiert, die ubrigen Marchenfiguren zu qualen oder gar zu toten. Oftmals wird in Marchen eine Hexe dieser Kategorie von der Stiefmutter verkorpert, wie zum Beispiel bei Schneewittchen. Vor al­lem in den Marchen der Gebruder Grimm ist diese Zuordnung von Stiefmutter und ver- nichtender Hexe zu beobachten. Doch nicht nur in den Marchen der Gebruder Grimm ist das Motiv der Stiefmutter zu erkennen. Auch in Marchen, die nicht dem deutschspra- chigen Raum zuzuordnen sind, lasst sich dieses Motiv finden. Grund hierfur ist die uber- all auf der Welt gleich vorkommende Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind be- ziehungsweise Stiefmutter und Stiefkind, wobei die Wechselbeziehung bei letzterem Beispiel erst durch die Einnahme des Platzes der Mutter durch die Stiefmutter erfolgt. Zudem stand der Held mitsamt seiner Familie im europaischen Marchen oftmals im Mit- telpunkt der Handlung.28 Das Ersetzen der Mutter durch die Stiefmutter hat dabei zwei- erlei Grunde. Einerseits starben die Mutter der Realhistorie oftmals in jungen Jahren oder sogar bei der Geburt. Andererseits wurde die Stiefmutter vor allem durch die Be- arbeitungen der Gebruder Grimm in die Marchen eingefugt. Diese waren der Meinung, dass eine leibliche Mutter aufgrund von mutterlicher Fursorge und anderer Eigenschaf- ten niemals die Position der bosen Mutter einnehmen konne. Deshalb fuhrten sie die Figur der Stiefmutter ein und versahen sie hauptsachlich mit negativen Attributen.29 Dies fuhrt dazu, dass die Figur der Stiefmutter und diese der Hexe zumeist ein und die- selbe sind. Beide verkorpern einen negativen Stereotyp von Frau. Zum Vorschein tritt die Stiefmutter des Marchens genau dann, wenn es zu ihren eigenen Gunsten geschieht. Meist ist dieses Eingreifen einhergehend mit einer Verschlechterung der Situation des Stiefkindes. Die negative Beziehung zu diesem ist dabei oft auf Neid zuruckzufuhren. Sie empfindet keine Liebe fur ihr Stiefkind, wie es bei einer leiblichen Mutter der Fall ware. Existieren jedoch leibliche Kinder der Stiefmutter, die meist in Konkurrenz mit dem Stief­kind um einen Prinzen stehen, versucht die Stiefmutter alles, um ihren eigenen Kindern zum erhofften Gluck zu verhelfen sowie dem Stiefkind Steine in den Weg zu legen. Ge- lingt es der Stieftochter am Ende doch, den Prinzen fur sich zu gewinnen, so ist die Stief­mutter die Erste, die dieses Gluck abermals zu zerstoren versucht. Erst zum Ende des Marchens hin wird ihr zerstorerisches Vorhaben entlarvt, was haufig den Tod der Stief­mutter zur Folge hat.30 Aufgrund all dieser Parallelen kann zusammengefasst werden, dass die Stiefmutter in den Marchen mit dervernichtenden Hexe gleichzusetzen ist.

Die zweite Kategorie bildet die hilfreiche sowie heilkundige Hexe. Sie wird nicht immer mit dem Namen Hexe beschrieben, vielmehr ist von dem Mutterchen oder der Alten die Rede.31 Hierbei ist zwischen der guten und der bosen Alten zu unterscheiden. Wahrend die Gute auftritt, um den Marchenhelden aus seiner prekaren Lage zu be- freien, indem sie zu seinem Schutze zaubert32, fungiert die Bose als eine Art Unterwei- serin. Dabei ist diese alte Frau nicht des Bosen willen bose. Sie will, im Vergleich zur Stiefmutter, anderen nicht zwangsweise Unheil zufugen, sondern erfullt lediglich ihre Rolle und leitet das Problem ein.

Alles in allem wird der hilfreichen und heilkundigen Hexe, im Gegensatz zurver- nichtenden und bedrohenden, aufgrund ihrerTaten weiRe Magie nachgesagt. Die guten Hexen setzen ihre magischen Fahigkeiten oftmals dafur ein, um Geschwachte wieder zu starken oder gar groRere Gefahren abzuwenden. Historische Parallelen zum Bild der Frau, die sich um medizinische und heilkundige Aufgaben kummerte, sind hier offen- sichtlich. Allerdings ist die Gruppe der guten Hexen, die im Marchen auch heilende Wir- kungen haben, kaum mehr von Bedeutung. Der GroRteil der Hexen ist der ersten Kate- gorie zuzuordnen.

3. Die Gebruder Grimm

Die Gebruder Grimm sind wohl eine der bekanntesten Marchenautoren und -sammler der Geschichte. Jacob Ludwig Carl, geboren in Hanau am 04. Januar 1785, und Wilhelm Carl Grimm, ebenfalls in Hanau am 24. Februar 1786 geboren, waren die Sohne von Phi­lipp Wilhelm und Dorothea Grimm. Der Vater war studierter Rechtwissenschaftler und spater Amtmann, eine Art Leiter des Gemeindeamtes, in Steinau. Jacob Grimm war zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Jahre alt. Neben den zwei Sohnen hatten die Eheleute Grimm weitere sieben Kinder, von denen allerdings drei bei der Geburt bereits verstar- ben. Die Erziehung der Kinder war streng reformiert, sie orientierte sich an den Lehren Johann Calvins. „Lutheraner, die in dem kleinen Landstadtchen mitten unter uns [...] wohnten, pflegte ich wie fremde Menschen, mit denen ich nicht recht vertraut umgehen durfte, anzusehen, und von Katholiken [...] machte ich mir wohl scheue, seltsame Be- griffe"33, so Jacob Grimm. Diese Erziehung war gepragt von striktem Glauben an die Worte der Bibel und einfacher Lebensfuhrung, in welcher tugendhaftes Verhalten und ein liberales Miteinander gelebt wurden.

Ihre Lebensumstande waren gepragt von familiarer, idyllischer Sicherheit. Sie lebten in einem ansehnlichen Haus, in welchem es ihnen an nichts mangelte. Dabei wa­ren Jacob und Wilhelm von ihrer Geburt an bis zu ihrem Tod unzertrennliche Bruder, die eine auBergewohnlich enge Bindung zusammenschweiBte. Gemeinsam bekamen sie im Alter von vier beziehungsweise funf Jahren ihren ersten Unterricht im Lesen und Schrei- ben von der Schwester ihres Vaters. Spater kamen sie unter die Obhut des Hauslehrers Zinckhan, bei dem sich die begabten Kinder allerdings recht schnell langweilten. Es folg- ten weitere Privatlehrer. Dabei zeigte sich bereits in ihrer fruhen Kindheit ihre Leiden- schaft fur das Sammeln. Die Bruder verband eine Liebe zur Natur, wobei sie in ihrer Frei- zeit diverse Insekten kollektierten. Nach dem Tod des Vaters, der 1796 an einer Lungen- entzundung starb, wurden die beiden von ihrer Mutterauf das Lyceum Fridericianum in Kassel geschickt, wo sie auf die Universitat vorbereitet werden sollten.34 Jacob begann im Jahre 1802 sein Studium der Rechtswissenschaften in Marburg, Wilhelm folgte ihm ein paar Monate spater. Dort wurden sie auch von Friedrich Karl von Savigny gelehrt, der einen groBen Einfluss auf ihr wissenschaftliches Denken nahm. Jacob Grimm folgte seinem Professor sogarfur eine kurze Zeit nach Paris, wo eran der Arbeit seines Lehrers mitforschen sollte. Allerdings entwickelte er gerade wahrend seiner Zeit in Frankreich ein groRes Interesse an altdeutscher Literatur und wurde seinem Studium der Rechts- wissenschaften uberdrussig. Zuruck in Kassel beschaftigte er sich zusammen mit seinem Bruder mit der Erforschung der mittelalterlichen Literatur, nachdem beide ihr Studium abgeschlossen hatten. Bestarkt wurde dieses Verlangen vor allem durch die Feldzuge Napoleons, der letztendlich auch Kassel besetzen lieR. Ihre Forschung war somit nicht nur ihr innerlicher, wissenschaftlicher Wille, sondern auch Ausdruck eines politischen Programms. Folglich begannen die beiden im Spatjahr 1806 mit ihrer allbekannten Mar- chensammlung. Begunstigt wurde diese Arbeit auch durch die spatere Anstellung Jacobs als Leitung der Privatbibliothek des Konigs von Westphalen.35

[...]


1 Dimova, Michaela: Die Frauenfigur in den Kinder- und Hausmarchen der Bruder Grimm. Munchen: Grin Verlag 2008. S. 3.

2 Luthi, Max: Marchen. Stuttgart: Metzler 2004. S. 3.

3 Kurthy, Tamas: Dornroschens zweites Erwachen. Die Wirklichkeit in Mythen und Marchen. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 1985. S. 69.

4 Vgl. Sahbaz, Ayse: Schneewittchen zu Gast bei Walt Disney. Grimms Marchen in Literatur und Film. Nor­derstedt: Grin Verlag 2015. S. 4.

5 Luthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtung zum Volksmarchen. 2. durchgesehene Auflage. Gottin­gen: Vandenhoeck und Ruprecht Verlag 1976. S. 5.

6 Luthi, Max: Marchen. S. 8.

7 Neuhaus, Stefan: Marchen. Tubingen: Narr Francke Attempto 2005. S. 8.

8 Vgl. Holmstrom, Emelie: Das Frauenbild in den Marchen der Gebruder Grimm. http://www.diva-portal.Org/smash/get/diva2:1098279/FULLTEXT01.pdf, Stand: 23.11.2019. S. 4.

9 Luthi, Max: Marchen. S. 5.

10 Vgl. Luthi, Max: Das Volksmarchen als Dichtung. Asthetik und Anthropologie. 2. Auflage. Gottingen: Vandenhoeck und Ruprecht Verlag 1990. S. 53.

11 Lange, Gunter: Marchen - Marchenforschung - Marchendidaktik. In: Schriftenreihe Ringvorlesungen der Marchen Stiftung Walter Kahn. Baltmannsweiler: Schneider Verlag 2004. S. 13.

12 Vgl. Luthi, Max: Das europaische Volksmarchen. Form und Wesen. Tubingen: Francke 1997. S. 11.

13 Vgl. Ebd. S. 26ff.

14 Pander, Edmund: Merkmale der Marchen. http://www.pander.de/deutsch/11107.pdf, Stand: 26.11.2019. S. 1.

15 Luthi, Max: Das europaische Volksmarchen. S. 49.

16 Vgl. Pander, Edmund: Merkmale der Marchen. S. 1.

17 Vgl. Gerlach, Hildegard: Hexe. In: Enzyklopadie des Marchens. Band 6. Hrsg. von Brednich, Rolf. Berlin: De Gruyter 1990. S. 962.

18 Vgl. Jacoby, Mario: Das Bose im Marchen. Fellbach: Bonz 1978. S. 198f.

19 Vgl. Dingeldein, Heinrich: Hexe und Marchen. In: Die Frau im Marchen. Band 8. Kassel: Roth 1985. S. 52.

20 Vgl. Ebd. S. 52.

21 Vgl. Hofmann, Denise: Die Hexe in ausgewahlten Marchen der Gebruder Grimm. GieRen: Grin Verlag 2009. S. 7ff.

22 Vgl. Ebd.S. Ilf.

23 Vgl. Bohm-Korff, Regina: Deutung und Bedeutung von Hansel und Gretel: Eine Fallstudie. In. Artes Po- pulares. Band 21. Frankfurt: Lang 1991. S. 109f.

24 Vgl. Ziegler, Matthes: Die Frau im Marchen. Leipzig: Koehler & Amelang 1937. S. 232.

25 Vgl. Dingeldein, Heinrich: Hexe und Marchen. S. 56.

26 Hofmann, Denise: Die Hexe in ausgewahlten Marchen der Gebruder Grimm. S. 15

27 Vgl. Fruh, Sigrid: Marchen von Hexen und Weisen Frauen. Frankfurt: Fischer 1986. S. 15ff.

28 Vgl. Blaha-Peillex, Nathalie: Stiefmutter. In: Enzyklopadie des Marchens. Band 12. Hrsg. von Brednich, Rolf. Berlin: De Gruyter 2007. S. 1294.

29 Vgl. Ebd. S. 1295.

30 Vgl. Rohrich, Lutz: „und weil sie nicht gestorben sind...". Koln: Bohlau 2002. S. 126f.

31 Vgl. Ebd. S. 130.

32 Vgl. Muller, Elisabeth: Das Bild der Frau im Marchen: Analysen und erzieherische Betrachtungen. Mun­chen: Profil 1986. S. 47.

33 Seitz, Gabriele: Die Bruder Grimm. Leben - Werk - Zeit. Munchen: Winkler 1984. S. 9.

34 Vgl. Ebd. S. 12ff.

35 Vgl. Ebd. S. 16ff.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild in Schneewittchen. Weibliche Märchenmotive in Volksmärchen
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
45
Katalognummer
V512127
ISBN (eBook)
9783346098726
ISBN (Buch)
9783346098733
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenbild, schneewittchen, weibliche, märchenmotive, volksmärchen
Arbeit zitieren
Marcel Brand (Autor), 2019, Das Frauenbild in Schneewittchen. Weibliche Märchenmotive in Volksmärchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512127

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