Glück und Soziale Arbeit. Eine Herausforderung für die berufliche Praxis


Bachelorarbeit, 2017

101 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gluck
2.1. Etymologie und sprachliche Verwendung
2.2. Grundformen des Glucks

3. Einblicke in die aktuelle Glucksforschung
3.1. Was ist Gluck?
3.2. Ist Gluck messbar?
3.3. Wie glucklich sind wir?
3.4. Was macht uns glucklicher bzw. unglucklicher?
3.5. Lasst sich das Glucksbefinden steigern?

4. Bedeutung von Gluck fur die Soziale Arbeit
4.1. Ubersicht zur Profession Sozialer Arbeit
4.1.1. Begriffsbestimmung
4.1.2. Berufsmandat
4.1.3. Auftrag
4.2. Subjekt- und gesellschaftsorientierte Ziele Sozialer Arbeit
4.3. Relevanz von Gluck fur die Soziale Arbeit
4.4. Problematik der Orientierung an subjektiven Glucksvorstellungen
4.5. Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
4.6. Positive Effekte von Gluckserleben

5. Moglichkeiten der Forderung von Gluck fur die Soziale Arbeit
5.1. Glucksforderung auf der Makroebene
5.2. Glucksforderung auf der Mesoebene
5.3. Glucksforderung auf der Mikroebene

6. Vorschlag fur ein Lebensberatungskonzept fur Erwachsene mit dem Schwerpunkt der Glucksforderung
6.1. Berufsethische Grundhaltung
6.2. Zielgruppe
6.3. Ausgangslage und Bedarfe
6.4. Ziele
6.5. Leistungen
6.6. Perspektiven
6.7. Methoden
6.8. Gesprachstechniken
6.9. Durchfuhrungsplan
6.10. Standort und Raumbedarf
6.11. Personalbedarf
6.12. Sachmittel und Finanzierung
6.13. Evaluation

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Abkurzungsverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

11. Anhang
Anhang 1: „AB 65/Gedankenblume Gluck"
Anhang 2: „AB 66/Ein Blick hinter die Kulissen"
Anhang 3: „AB 85/Der Glucksring"
Anhang 4: „AB 86/Meine nachhaltigen Glucksmacher"
Anhang 5: „Ressourcen-Checkliste"
Anhang 6: „AB 76/Meine Schatzkiste - Teil I (Selbstwahrnehmung)"
Anhang 7: „AB 77/Meine Schatzkiste - Teil II (Fremdwahrnehmung)"
Anhang 8: „AB 78/Meine Schatzkiste - Teil III (Ubereinstimmung und Neues)"
Anhang 9: „AB 1/Gedankenblume Achtsamkeit"
Anhang 10: „AB 6/Wie achtsam sind Sie bereits in Ihren Lebensbereichen?"
Anhang 11: „AB 17/Sammlung von Achtsamkeitsmomenten"
Anhang 12: „AB 19/Ideen fur Sinneserfahrungen"
Anhang 13: „AB 29/Positives Selbstkonzept"
Anhang 14: „AB 31/Betonung der Gegenwart"
Anhang 15: „AB 113/Beziehungspflege"

Abstract

Das Streben nach Gluck gehort fur die meisten zum Menschsein dazu. In den letzten Jahren ruckte die Glucksthematik vermehrt in den Fokus des offentlichen Lebens, doch nicht in der Sozialen Arbeit. Dabei, so die Annahme der vorliegenden Bachelorarbeit, scheint die Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf die Frage nach dem Gluck ihrer Klienten elementar. Die Arbeit ermittelt auf Grundlage der aktuellen Glucksforschung und wissenschaftlicher Literatur die Bedeutung von Gluck fur die Soziale Arbeit und zieht Schlussfolgerungen fur die berufliche Praxis. Soziale Arbeit hat den Auftrag, im Sinne der Chancengleichheit auf Gluck, die Freiheit im Glucksstreben durch Schaffen optimaler Rahmenbedingungen zu gewahrleisten. Sie kann das Gluck somit indirekt durch das Ebnen der Gluckswege auf der Makro-, Meso- und Mikroebene fordern. Das entworfene Lebensberatungskonzept fur Erwachsene mit dem Schwerpunkt der Glucksforderung dient als Vorschlag fur die berufliche Praxis, um der bisher begrenzten Angebotsauswahl in der Sozialen Arbeit entgegenzuwirken.

Keywords

Glucksbegriff - Glucksforschung - Soziale Arbeit - Relevanz - Glucksforderung - Lebensberatungskonzept

Die Anhange wurden aus urheberrechtlichen Grunden von der Redaktion entfernt

1. Einleitung

„Des Menschen Wille, das ist sein Gluck.“ (Schiller, zit. nach Kreichgauer o.J.)

Gluck nimmt in modernen Gesellschaften einen groften Stellenwert ein. Die Mehrheit der Menschen schreibt dem Streben nach einem glucklichen Leben sowie dem Glucksbefinden eine hohe Bedeutung zu (vgl. Harding 1985, zit. nach Veenhoven 2011b: 396).

Nach Bauer ist die Suche nach dem Gluck nicht vom menschlichen Wesen zu trennen, gilt als Motor fur menschliches Denken und Handeln und ist dessen letztendliches Ziel (vgl. Bauer/Tanzer 2011, zit. nach Lutzenkirchen 2015: 25).

Seit einigen Jahren ist ein regelrechter Glucksboom in verschiedenen Professionen und Medien zu verzeichnen. Allerdings ist die Soziale Arbeit trotz der groften Bedeutung des Glucks fur den Menschen an diesem Diskurs kaum beteiligt (vgl. Lutzenkirchen 2015: 25).

„Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter reden nun auffallend selten vom Gluck, auch Sozialarbeitswissenschaftler thematisieren es nur marginal. Vielleicht auch deshalb, weil sie oftmals mit dem Ungluck von Menschen zu tun haben und schon glucklich sind, wenn sie das Ungluck minimieren konnen. Wird hier die Frage nach dem Gluck und Ungluck auch nur selten als theoretische, das heiftt explizit thematische diskutiert, so ist sie doch dem Handeln der Sozialarbeit immanent und zentral.“ (Vorlaufer 2012: 82)

Gerade weil die Suche nach dem Gluck fur den Menschen so handlungsleitend ist, erscheint nach Auffassung der vorliegenden Bachelorarbeit, die Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf die Frage nach dem Gluck ihrer Klienten elementar.

Aus diesem Grund beschaftigt sich diese Arbeit mit folgender Forschungsfrage: „Welche Bedeutung hat Gluck fur die Soziale Arbeit und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus fur die berufliche Praxis?“

Die Arbeit gliedert sich inhaltlich in funf Teile:

Als thematischer Einstieg erfolgt im zweiten Kapitel eine Annaherung an den Glucksbegriff, wobei auf dessen Etymologie, sprachliche Verwendung und anschlieftend auf die sechs verschiedenen Grundformen eingegangen wird.

Das nachste Kapitel setzt sich mit den funf Kernfragen der aktuellen Glucksforschung auseinander und bildet damit eine wichtige theoretische Basis fur die nachfolgenden Kapitel.

Mit der Bedeutung von Gluck fur die Soziale Arbeit befasst sich das vierte Kapitel. Dabei wird in aufeinander aufbauenden Schritten vorgegangen. Zu Beginn erfolgt eine Ubersicht zur Profession Sozialer Arbeit und deren allgemeinen subjekt- und gesellschaftsorientierten Zielen. Anschlieftend wird der Zusammenhang von Gluck und Sozialer Arbeit erarbeitet, die Problematik einer ausschlieftlichen Orientierung an den subjektiven Glucksvorstellungen der Klienten aufgezeigt und in diesem Kontext das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit vorgestellt. Das Kapitel schlieftt mit einer Ubersicht uber die positiven Effekte von Gluckserleben ab, die bei Klienten ausgelost werden konnen, wenn Soziale Arbeit sich der Forderung von Gluck widmet.

Im funften Kapitel werden allgemeine Moglichkeiten zur Glucksforderung auf der Makro-, Meso- und Mikroebene fur die Soziale Arbeit vorgestellt.

Das letzte Kapitel liefert einen konkreten Vorschlag fur ein Lebensberatungskonzept fur Erwachsene mit dem Schwerpunkt der Glucksforderung und dient als Handreichung fur die Soziale Arbeit.

Den Schluss der Bachelorarbeit bildet ein Fazit, in dem die wichtigsten Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel pragnant zusammengefasst werden.

2. Gluck

In den nachfolgenden zwei Unterkapiteln wird der Glucksbegriff hinsichtlich seiner Etymologie und sprachlichen Verwendung untersucht sowie in seine Grundformen unterteilt.

2.1. Etymologie und sprachliche Verwendung

In der deutschen Sprache gibt es im Gegensatz zu anderen Sprachen kaum Differenzierungsmoglichkeiten, um Gluckserfahrungen auszudrucken. Beispielsweise wird im Franzosischen zwischen bonheur, chance, felicite, beatitude und fortune oder wie im Englischen zwischen happiness, chance, felicity, beatitude, luck und bliss unterschieden (vgl. Horisch 2011:13).

„[D]as Deutsche [kennt] nur das eine Wort ,Gluck‘, um korperlich-sinnliche oder sinnerfullte, intensiv-gluhende oder transzendenzlastige, zufallig sich einstellende oder durch eigenes Streben errungene Gluckszustande zu benennen.“ (ebd.)

Im Vergleich zu anderen Sprachen ist der deutsche Begriff „Gluck“ in seiner Bedeutungsweite also sehr differenzarm. Auffallig ist auch im Vergleich zu anderen Sprachen, die Existenz eines zum deutschen Substantiv entsprechenden Verbs, namlich „glucken“. Dieses Verb, welches etymologisch auch mit dem Verb „gelingen“ verwandt ist, bezieht sich im Deutschen meist nicht auf einen Menschen, sondern wird einem „es“ zugewiesen (vgl. ebd.).

Sachliche Ausdrucke wie „das Unternehmen gluckte“ oder „es gelang“ (ebd.) sind im Deutschen gangiger als die personenbezogene Ausdrucksweise wie beispielsweise „Felix gluckte das Examen“ (ebd.).

Solche Formulierungen sind zwar grammatikalisch moglich, jedoch stilistisch abwegig. Das Verb „glucken“ hat zudem einen besonderen Status. Es deutet auf eine transsubjektive Macht hin, die gleichwohl ein Subjekt betrifft, begluckt oder begunstigt (vgl. ebd.: 13f.).

Das nachstverwandte Wort zu „Gluck“ ist „Lucke“. „Glucken“ und das dazu verwandte Verb „gelingen“ deuten auf ein Ausfullen, VerschlieRen und Erfullen von „Lucken“ hin. Der enge Zusammenhang zwischen „Gluck“ und ausgefullter bzw. verschlossener „Lucke“ stoftt den Gedanken an, dass ohne vorangehender Lucken- und Mangelerfahrung keine Gluckserfahrungen moglich sind. Trotzdem ist wahres Gluck sehr viel mehr als nur ein Luckenbufter. Die deutsche Sprache verfugt uber Steigerungsformen des Glucks, um solche Erfahrungen ausdrucken zu konnen. Gluck zu haben ist dabei weniger bedeutungsstark als glucklich zu sein und das wiederum ist weniger gehaltvoll als gluckselig zu sein (vgl. ebd.).

In der Philosophie wird eine weitere Eigentumlichkeit an der deutschen Differenzierung des „Glucklichseins“ und des „Gluckhabens“ hervorgehoben. Das deutsche Wort „Gluck“ wird namlich im Zusammenhang dieser beiden Ausdrucke fur zwei Sachverhalte verwendet, wofur es in den meisten anderen Sprachen zwei verschiedene Worter gibt, wie beispielsweise bonheur und chance oder happiness und luck. Das „Glucklichsein“, im Sinne der beatitudo (lat.), meint die subjektive Gemutslage des glucklichen Menschen, wahrend das „Gluckhaben“, sinngemaft der fortuna (lat.), ein von auften auf den Menschen einwirkendes zufalliges Ereignis beschreibt (vgl. ebd.: 14).

Der Duden bietet eine grofte Sammlung der gebrauchlichsten festen Redewendungen (vgl. Dudenredaktion 2008: 15). Auch unter dem Begriff „Gluck“ sind viele Wendungen zu finden (vgl. Dudenredaktion o.J.a):

Ausdrucksbeispiele fur ein besonders gunstigen Zufall oder eine gunstige Schicksalsfugung lauten:

- unverschamtes Gluck
- Gluck im Ungluck haben
- etwas bringt jemandem Gluck

Beispiele fur personifiziert gedachtes Gluck sind:

- das Gluck ist wechselhaft
- das Gluck ist mit jemanden
- ihm winkt das Gluck

Beispiele fur einen Zustand der Hochstimmung und der inneren Befriedigung sind:

- das wahre Gluck
- ein stilles Gluck
- etwas, jemand ist jemandes ganzes Gluck

In Verbindung mit Gluck werden folgende Redewendungen, -arten und Sprichworter genannt:

- sein Gluck versuchen
- sein Gluck herausfordern
- jeder ist seines Gluckes Schmied

Zudem gibt es noch Begriffe wie Gluckspilz, Gluckskind, Familiengluck Glucksbringer, Glucksstrahne, etc. (vgl. Dudenredaktion o.J.b).

Die beispielhaften Aufzahlungen sollen genugen, um die vielfaltigen und weit verbreiteten Gebrauchsmoglichkeiten von Ausdrucken bezuglich des Glucks und um dessen alltagliche Verwendung durch beispielsweise Sprichworter zu verdeutlichen.

2.2. Grundformen des Glucks

Noack unterscheidet in seiner Konzeption zunachst zwei Grundformen des Glucks. Einmal das Gluck im Haben-Modus („Ich habe Gluck“), welches ein aufterer Zustand ist und andermal im Seins-Modus („Ich bin glucklich“), welches als innerer Zustand beschrieben wird. Diese zwei Grundunterscheidungen konnen nochmals in aktive und passive Formen unterteilt werden. Der passive Haben-Modus meint das Gluck, dass einem zufallt, wahrend der aktive Haben-Modus das Gluck darstellt, das selbst erstrebt oder erworben wurde. Der passive Seins-Modus ist gekennzeichnet durch ein Glucklichsein, das jemanden passiv geschenkt wurde, wahrend der aktive Seins- Modus das aktiv erstrebte Glucklichsein bezeichnet. Hinzu kommt ein weiterer aktiver und passiver Modus des Schenkens. So kann jemand eine andere Person glucklich machen, dies ware der aktive Modus, oder jemand wird entsprechend des passiven Modus von einer Person beschenkt. Insgesamt lasst sich also das Gluck in sechs Grundformen einteilen (vgl. Noack 2006: 202f.).

Die nachstehende Abbildung fasst das Ergebnis zusammen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Grundformen des Glücks

3. Einblicke in die aktuelle Glucksforschung

Auch wenn die derzeitige Glucksforschung, welche Biologie, Soziologie und Psychologie miteinander verbindet, einen noch recht neuen Forschungszweig darstellt (vgl. Dahl 2011, zit. nach Grunsteidl 2015: 4), ist die Suche nach dem Gluck schon immer ein groftes Thema fur die Menschheit gewesen (vgl. Braun 2002, zit. nach Grunsteidl 2015: 4). In den modernen Gesellschaften nimmt Gluck einen groften Stellenwert ein (vgl. Veenhoven 2011b: 396). Die meisten Menschen streben nach Gluck und schreiben ihm eine hohe Bedeutung zu (vgl. Harding 1985, zit. nach Veenhoven 2011b: 396).

Parallel zu dieser Entwicklung erhoht sich die Zustimmung fur den moralischen Aspekt, auf grofteres Gluck fur eine groftere Zahl von Personen abzuzielen. Um Erkenntnisse uber das Streben nach dem Gluck zu gewinnen, mussen zunachst die Vorbedingungen des Glucks verstanden werden. Diese wiederum mussen mit systematischen Untersuchungen erforscht werden. Das Studium des Glucks unterlag lange philosophischen Spekulationen, wodurch keine solide Forschungsgrundlage geschaffen wurde. Allerdings haben Erhebungsmethoden aus den Sozialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten einen Durchbruch bewirkt. Die Entwicklung verlasslicher Messparameter fur das Gluck fuhrte zu weitgehenden Erkenntnissen in diesem Forschungsbereich (vgl. Veenhoven 2011a: 338).

Die wissenschaftliche Literatur zum Thema Gluck kann in funf Schlusselfragen untergliedert werden:

- Was ist Gluck?
- Ist Gluck messbar?
- Wie glucklich sind wir?
- Was macht uns glucklicher bzw. unglucklicher?
- Lasst sich das Glucksbefinden steigern?

Die Schlusselfragen sind als aufeinander aufbauende Einzelschritte fur die Betrachtung der Erzeugung von mehr Gluck fur eine groRere Zahl hilfreich (vgl. ebd.: 338-345).

Die nachfolgenden funf Unterkapitel liefern Antworten zu den oben aufgefuhrten Schlusselfragen aus Sicht der Glucksforschung.

3.1. Was ist Gluck?

Das Wort „Gluck“ ist wissenschaftlich nicht eindeutig definiert (vgl. Lutzenkirchen 2015: 21).

Oft wird der Begriff als Synonym fur Lebensqualitat, Wohlbefinden und Zufriedenheit verwendet und nimmt Bezug auf das individuelle und soziale Wohlergehen. In diesem Zusammenhang wird Gluck weitestgehend im Sinne eines Uberbegriffs fur alle Vorstellungen vom guten Leben verstanden (vgl. Veenhoven 2011b: 396). Trotzdem gibt es zwischen den Begrifflichkeiten feine Bedeutungsunterschiede. Wahrend mit Zufriedenheit eher eine Bewertung aus dem Verstand heraus bezeichnet und in der Fachliteratur oft mit wirtschaftlichen Komponenten verknupft wird, ist unter Gluck eher ein Gefuhlszustand zu verstehen, der aus positiven Ereignissen und Erfahrungen hervorgeht (vgl. Opaschowski 2002, zit. nach Grunsteidl 2015: 6; Popp et al. 2011, zit. nach Lutzenkirchen 2015: 21). Mit Lebensqualitat ist eher die Beschreibung der gesamten Lebenssituation unter Einbezug von subjektiven, objektiven, gesellschaftlichen sowie individuellen Faktoren gemeint. Wohlbefinden und Gluck beziehen sich hingegen auf die psychische und subjektive Seite des Individuums. Im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs nimmt die Bedeutung von subjektiven und auf die Person bezogenen Faktoren deutlich zu, wodurch der Glucksbegriff vermehrt in den Vordergrund der Untersuchungen tritt. Gleichzeitig ist eine sichtliche Subjektivierung der Glucksvorstellungen und des Glucksbegriffs zu beobachten (vgl. Lutzenkirchen 2015: 21).

Im spezifischeren Sinn zielt der Glucksbegriff vornehmlich auf die Relevanz der subjektiven Wertschatzung des eigenen Lebens ab (vgl. Veenhoven 2011b: 396).

In der vorliegenden Arbeit wird der Glucksbegriff, im Sinne der subjektiven Wertschatzung des eigenen Lebens, entsprechend der Definition des niederlandischen Glucksforschers Ruut Veenhoven verwendet:

„Gluck ist das Maft oder der Grad, in dem ein Mensch mit der Qualitat seines eigenen Lebens insgesamt zufrieden ist. Anders ausgedruckt bezeichnet Gluck das Maft, in dem man das eigene Leben mag. In diesem Sinn kann man nicht glucklich sein, ohne es auch zu wissen, und in diesem Sinn ist auch illusorisches Gluck immer noch Gluck.“ (ebd.: 396f.)

Nach Veenhoven konnen Menschen ihr Leben sowohl nach affektiven als auch nach kognitiven Gesichtspunkten einschatzen. Diese Gesamteinschatzung des Lebens, welche auch als Gesamtglucksniveau bezeichnet wird, besteht aus dem hedonischen Gefuhlsniveau und dem Zufriedenheitsniveau. Das hedonische Gefuhlsniveau ist das Ausmaft, in dem angenehme Gefuhle erfahren werden. Dieses schlagt sich in der Stimmung des Menschen nieder. Ein Durchschnittswert des Gefuhlsniveaus kann durch eine Bewertung uber verschiedene Zeitspannen hinweg ermittelt werden. Das Zufriedenheitsniveau beschreibt das Ausmaft, in dem ein Mensch seine eigenen Bestrebungen als erfullt betrachtet. Es wird davon ausgegangen, dass die jeweilige Person bestimmte Ziele und Vorstellungen nach subjektiver Wahrnehmung und Einschatzung verwirklicht hat. Dabei ist nur die subjektive Wahrnehmung der Person entscheidend und nicht die tatsachliche Richtigkeit der Vorstellung. Veenhoven nimmt an, dass die Beurteilung und Einschatzung des Lebens uber Lebenserfahrungen geschieht, die sich uber kurzere oder langere Zeitraume ansammeln. Wenn Menschen bewerten wie sehr sie ihr Leben mogen, stellen sie die positiven Gefuhlen den negativen gegenuber und wiegen ab (vgl. ebd.: 397-402).

Die beschriebene Glucksdefinition hebt die Individualitat von Glucksempfinden hervor, was besonders den individualistischen Lebensentwurfen der derzeitigen Gesellschaft entspricht (vgl. Ammicht Quinn 2011, zit. nach Grunsteidl 2015: 8). Die Menschen richten sich nach ihren subjektivistischen Glucksvorstellungen aus und streben unablassig nach dem personlichen Gluck (vgl. Fellmann 2011, zit. nach ebd.).

3.2. Ist Gluck messbar?

Die Versuche das Gluck zu erforschen sind sehr vielfaltig, wobei philosophische Annahmen und Spekulationen keine Grundlage dafur bilden. In qualitativen Untersuchungen und in soziologisch orientierten Umfragen, welche die subjektiven und objektiven Lebensbedingungen einer Gesellschaft als Gegenstand haben, findet sich Gluck in der Konzeptualisierung als subjektives Wohlbefinden. Fur die Messung des Glucks wurde bislang kein allgemeingultiges Standardverfahren entwickelt. Allerdings konnen mithilfe sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden, Aussagen uber die Messbarkeit von Gluck getroffen werden (vgl. Veenhoven 2011b: 396).

Zur empirischen Datenerhebung werden in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen hauptsachlich die Methoden der Beobachtung, Inhaltsanalyse und Befragung verwendet. Die Methode der Beobachtung wird aber im Zusammenhang der empirischen Glucksforschung oft kritisch sehen, dass sie kaum verlassliche Ergebnisse liefert. Der Grund dafur ist die Abhangigkeit der Beobachtung von den eigenen Glucksvorstellungen. So konnen zwar Alltagserfahrungen beobachtbare Erscheinungen von Gluck suggerieren, allerdings sind diese Ergebnisse nicht als allgemeingultig zu betrachten. Bei der Inhaltsanalyse konnen mangelnde Verbalisierungskompetenzen von Zielpersonen eine Schwierigkeit fur die Untersuchung darstellen. Fur die empirische Glucksforschung ist das Verfahren der Befragung am geeignetsten. Befragungen zu Gluck bzw. subjektiven Wohlbefinden werden haufig als personliche Befragung oder als schriftliches Interview durchgefuhrt. In Studien wurde darauf geachtet, geschlossene Fragen und Skalen zur Einordnung der eigenen Lebenssituation zu nutzen, um das mogliche Problem der Verbalisierungsfahigkeit, wie in der Inhaltsanalyse, zu umgehen (vgl. Braun 2002, zit. nach Grunsteidl 2015: 9).

Besonders wichtig fur viele empirische Analysen des Glucksempfindens ist die Frage nach der personlichen Einstufung der Zielperson. So kann sich jemand als sehr, einigermaRen oder gar nicht glucklich einordnen (vgl. Bruni 2011, zit. nach ebd.).

Auch in der Gluckspsychologie wird Gluck durch Selbsteinschatzung der Befragten erforscht. Eine Verzerrung der Ergebnisse durch Selbsteinschatzung ist nicht auszuschlieRen sowie deren bedingte Vergleichbarkeit untereinander aufgrund der Individualitat. Beispielsweise sind Menschen in bestimmten Lebenslagen glucklich, wo andere das nicht fur moglich halten wurden (vgl. Bucher 2009: 19, 207).

Die World Data Base of Happiness, gegrundet von Ruut Veenhoven an der Europa- Universitat in Rotterdam, sammelt vielzahlige Messinstrumente, Forschungsergebnisse und Schriften von Hochschulen und verschiedenen Forschungsinstituten. Vordergrundig dabei sind die Messung des subjektiven Wohlbefindens, die inhaltliche Auseinandersetzung mit Gluck und die subjektive Freude am eigenen Leben als Ganzes (vgl. Veenhoven 2011a: 346; Veenhoven o.J.).

Es wird angenommen, dass jede Person selbst am besten ihr personliches Gluck bewerten kann und dass Gluck durch Fragen messbar ist (vgl. Popp et al. 2010, zit. nach Grunsteidl 2015: 10).

Charakteristisch fur die Messversuche subjektiven Glucks sind die drei folgenden Faktoren: Sie erheben keinen Anspruch auf Objektivitat, sondern beschaftigen sich mit dem Individuum. Sie beachten positive und negative Einflusse auf subjektives Wohlbefinden. SchlieRlich behandeln sie die Thematik Gluck umfangreich und setzten ihren Fokus nicht auf bestimmte Bereiche, wie zum Beispiel Arbeitszufriedenheit (vgl. Frey/Stutzer 2002, zit. nach Grunsteidl 2015: 10).

3.3. Wie glucklich sind wir?

Auf die Frage „Wie zufrieden sind Sie derzeit alles in allem mit Ihrem Leben?“ (Veenhoven 2011b: 397) wurde in Deutschland im Jahre 2006 bei einer Skala von 0 (extrem unzufrieden) bis 10 (extrem zufrieden) ein Durchschnittswert von 7,2 ermittelt. Nur 14 Prozent der Befragten gaben einen Wert unter 5 an. Das Ergebnis zeigt, dass sich der GroRteil der Deutschen meistens glucklich fuhlen muss. Wird das durchschnittliche Glucksbefinden weltweit betrachtet, liegt die Ergebnisspanne im Jahr 2006 zwischen 8,3 (Danemark) und 3,3 (Zimbabwe). Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland mit seinem Wert von 7,2 mit an der Spitze (vgl. ebd.: 397-399).

3.4. Was macht uns glucklicher bzw. unglucklicher?

Aus der oben gewonnen Erkenntnis, dass Menschen nicht gleichermaften glucklich sind, stellt sich nun die Frage, wieso das so ist. Um diese Frage beantworten zu konnen, sind zunachst verschiedene Faktoren zu nennen, die fur das Glucksempfinden eine grofte Rolle spielen. Hierzu gehoren individuelles und kollektives Verhalten, einfache Sinneserfahrungen und hohere kognitive Prozesse, stabile Faktoren der Person und ihrer Umwelt sowie unerwartete Ereignisse. In der nachfolgenden Abbildung wird der Versuch gemacht, die Faktoren und Prozesse in einem Verlaufsmodell darzustellen (vgl. Veenhoven 2011b: 399).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Verlaufsmodell

Grundannahme dieses Modells ist, dass die Bewertung des Lebens abhangig ist von den Erfahrungen innerhalb von kurzeren oder langeren Lebensspannen, besonders von positiven und negativen Erfahrungen als geistige Reaktion auf die Ereignisse im Lauf des Lebens. Dazu zahlen sowohl grofte einmalige Ereignisse wie beispielsweise ein Umzug oder eine Hochzeit, als auch sich wiederholende Alltagsablaufe, wie das morgendliche Aufstehen oder Erledigungen im Haushalt. Manche Ereignisse im Leben sind auch nur eine Frage von Gluck oder Pech, wie zum Beispiel bei Unfallen. Hinzu kommt, dass das Eintreten von Ereignissen durch gegebene Situationen und Moglichkeiten bedingt ist. Anhand eines Verkehrsunfalls lasst sich dies leicht verdeutlichen. In gut organisierten Gesellschaften und unter aufmerksamen Menschen kommen diese seltener vor. Das Eintreten eines positiven bzw. negativen Ereignisses ist demzufolge nicht fur jede Person gleich wahrscheinlich (vgl. ebd.: 399).

Man spricht hier von sogenannten Lebenschancen (vgl. Weber 1922, zit. nach ebd.). Die derzeitigen Lebenschancen liegen in vergangenen Ereignissen, Moglichkeitsstrukturen, Gesellschaftsgeschichte und der individuellen Entwicklung (vgl. Veenhoven 2011b: 399).

Das Verlaufsmodell unterteilt Lebenschancen grob in drei Kategorien, namlich in Qualitat der Gesellschaft, soziale Position und individuelle Fahigkeiten (vgl. ebd.: 399f.). Diese werden nachfolgend genauer erlautert.

Qualitat der Gesellschaft

Es gibt einige Faktoren, die die Qualitat einer Gesellschaft beeinflussen. Genau diese Faktoren sind mitverantwortlich fur das unterschiedliche Gluck zwischen Landern. Einige dieser Eigenschaften zahlen zum sogenannten Modernitats- Syndrom. Dieses besagt, je moderner ein Land ist, desto glucklicher sind seine Burger. Auch wenn die Modernisierung einige Probleme wie Regellosigkeit und Entfremdung mit sich bringt, uberwiegen ihre Vorteile (vgl. Veenhoven 2011a: 342). Folgende Faktoren einer Gesellschaft stehen in einer positiven Wechselbeziehung zum Gluck (in abfallender Reihenfolge): „Wohlstand, wirtschaftliche Freiheit, Verstadterung, Schulbildung, politische Freiheit, Burgerrechte, Toleranz gegenuber Minderheiten, personliche Freiheit, Vielfalt (Anteil von Migranten)“ (ebd.). Die groftte negative Wechselwirkung besteht zu Korruption, gefolgt von Geschlechter- und Einkommensungleichheit (vgl. ebd.). Die Qualitat einer Gesellschaft erklart ca. 75 Prozent der Varianz im Glucksbefinden (vgl. Veenhoven 2011b: 400). Die nachfolgende Tabelle liefert Details zu den Eigenschaften einer Gesellschaft und der Korrelation mit dem Gluck.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Gluck und Gesellschaft

Die Spanne der Korrelation reicht von jeweils +1,00 bis -1,00. Die positive Beziehung ist umso starker, je hoher die positive Zahl ist. Die negative Beziehung ist desto schwacher, je niedriger die negative Zahl ist (vgl. Veenhoven 2011a: 342).

Soziale Position

Vielzahlige Studien haben den Zusammenhang zwischen der sozialen Position und Gluck analysiert. Dafur wurden die Differenzen im individuellen Glucksbefinden innerhalb einzelner Lander untersucht. Schwerpunkte dieser Studien liegen oft auf sozialen Ungleichheiten wie etwa bei Einkommen, Bildung und Beschaftigung, da sie meist von gleichheitsorientierter Sozialpolitik inspiriert sind. Anders als zunachst angenommen, wirken sich die sozialen Positionsunterschiede, zumindest in den modernen Uberflussgesellschaften, kaum auf das Glucksbefinden aus. Insgesamt machen die Positionsvariablen maximal 10 Prozent der Varianz im Glucksbefinden aus. Laut Forschungsergebnisse besteht eine weltweite positive Wechselwirkung zwischen Gluck und einer festen Partnerschaft, Freundschaften, beruflichem Ansehen sowie Mitgliedschaften in Vereinen und Verbanden. (vgl. ebd.: 343). Weitere Ergebnisse konnen in nachfolgender Abbildung eingesehen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4 Gluck und Soziale Position

Individuelle Fahigkeiten

Die starksten Wechselwirkungen zum Gluck sind auf individueller Ebene zu verzeichnen. Gluckliche Menschen haben haufig bessere Moglichkeiten als ungluckliche. Zahlreiche Erkenntnisse zur individuellen Variation des Glucks fokussieren den Unterschied der Fahigkeit zur Kontrolle des eigenen Umfeldes. Dieses Muster scheint allgemeingultig zu sein. Weltweit ist eine positive Korrelation zwischen Gluck und seelischer Gesundheit, Geselligkeit, internaler Kontrolluberzeugung, korperlicher Gesundheit, Genussfahigkeit und Extroversion festzustellen. Die Varianz, die durch solche Variablen erklart werden kann, umfasst circa 30 Prozent (vgl. Veenhoven 2011a: 344).

Aus nachstehender Tabelle sind weitere Forschungsbefunde zu entnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5 Gluck und individuelle Fahigkeiten

Mit folgendem Beispiel wird das gesamte Verlaufsmodell abschlieRend veranschaulicht.

Angenommen, ein Mensch lebt in einer gesetzlosen Gesellschaft, auf die er keinen Einfluss hat, ist nicht besonders intelligent und nett, so sind seine Lebenschancen als schlecht zu bezeichnen (Schritt 1). Dieser Mensch wird mit vielen Widrigkeiten konfrontiert. Beispielsweise wird er betrogen, beraubt ausgeschlossen und gedemutigt (Schritt 2). Als Folge davon wird sich diese Person oft wutend, angstlich und einsam fuhlen (Schritt 3). Dieser Mensch wird aufgrund seiner gemachten Erfahrungen das Leben als Ganzes negativ bewerten (Schritt 4) (vgl. Veenhoven 2011b: 399f.).

3.5. Lasst sich das Glucksbefinden steigern?

Viele Wissenschaftler sind der Meinung, Politik konne nicht fur mehr Gluck sorgen und einige Psychologen vertreten die Ansicht, Gluck sei weitestgehend angeboren oder mache zumindest einen Teil von stabilen Personlichkeiten aus. Glucklichere Burger werden demnach nicht von einer besseren Gesellschaft hervorgebracht. Diese Ansicht ist auch unter der sogenannten Set-Point-Theorie, z.B. nach Lykken (1999), bekannt (vgl. Veenhoven 2011b: 401).

Soziologen sind teilweise der Meinung, Gluck beruhe auf sozialem Vergleich. Wenn sich fur alle die Lebensbedingungen gleichermaften verbessern, konne der Einzelne nicht besser da stehen, als die anderen (vgl. ebd.).

Oft werden die Vereinigten Staaten dann als Beispiel genannt. Denn obwohl sich dort der materielle Wohlstand seit den 1950er Jahren verdoppelt hat, ist das durchschnittliche Glucksbefinden gleich geblieben (vgl. Easterlin 1995, zit. nach Veenhoven 2011b: 401).

Allerdings liegen die Forscher mit ihren Annahmen sowohl empirisch als auch theoretisch falsch (vgl. Veenhoven 2011b: 401).

Empirisch belegt ist der eindeutige Zusammenhang zwischen der Qualitat der Gesellschaft und dem durchschnittlichen Glucksbefinden. Im Kapitel 3.3 wird der Fall Zimbabwe erwahnt, als das Land, das mit seinem Durchschnittswert von 3,3 ganz unten im weltweiten Landervergleich liegt. Offensichtlich ist, dass Menschen in einem gescheiterten Staat nicht glucklich sind, auch wenn sich dort die Lebensbedingungen fur den Groftteil der Bevolkerung gleichen. Die Abweichungen in der Qualitat einer Gesellschaft, welche eine Varianz von circa 75 Prozent des durchschnittlichen Glucksbefindens erklart, zeigt, wie wichtig optimale staatliche Bedingungen fur das Gluck der Bevolkerung sind (vgl. ebd.).

Zusatzlich wurde nachgewiesen, dass sich das durchschnittliche Glucksbefinden in den meisten Landern tatsachlich zum Positiven verandert hat (vgl. Veenhoven/Hagerty 2006, zit. nach ebd.).

Das Gluck ist also eindeutig nicht an einem Set-Point festgemacht. Ferner ist nachweislich ein Gluckszuwachs in den meisten Landern der Erde moglich. Danemark weist derzeit den hochsten Wert des durchschnittlichen Glucksbefindens mit 8,3 auf. Was dort moglich ist, ist auch in anderen Landern machbar. Da das Glucksbefinden in Danemark seit 1973 zugenommen hat, ist auch der Einwurf hinfallig, Gluck sei dort genetisch oder durch den Nationalcharakter bedingt. Auch wenn das heutige Glucksbefinden in Danemark das mogliche Maximum darstellen sollte, so haben die meisten Lander noch viel Arbeit vor sich, denn der weltweite Durchschnittswert liegt bei 5,5 (vgl. Veenhoven 2011b: 401).

Bei theoretischer Betrachtung der widrigen Auffassungen, eine Zunahme des Glucksbefindens sei nicht moglich, wird deutlich, dass sich diese auf unzutreffende Theorien uber die Natur des Glucks stutzen. Es wird irrtumlicherweise angenommen, Gluck hange ausschlieftlich von der Lebenseinstellung ab und diese sei in der individuellen Personlichkeit und im Nationalcharakter festgeschrieben. Hinzukommt eine Theorie mit der falschlichen Annahme, Gluck entstehe aus kognitiven Vergleichen, besonders hinsichtlich der sozialen Stellung. Wie oben bereits beschrieben, kann Veenhoven diese Theorien widerlegen (vgl. ebd.: 401f.).

Nach Veenhoven's alternativer Gluckstheorie bewerten Menschen ihr Leben primar auf der Basis affektiver Informationen. Menschen erleben sowohl positive als auch negative Affekte. Beurteilen die Menschen, wie sehr sie ihr Leben mogen, so wiegen sie die positiven Gefuhle gegenuber den negativen ab. Veenhoven ist der Uberzeugung, dass die Befriedigung wesentlicher menschlicher Bedurfnisse durch positive und negative Affekte zum Ausdruck gebracht wird. Letztendlich ist die Befriedigung dieser Bedurfnisse entscheidend fur das Gluck (vgl. ebd.: 402).

Dieses Kapitel zeigt, Gluck lasst sich grundsatzlich steigern. Somit ist auch nach derzeitigem Kenntnisstand mehr Gluck fur eine hohere Zahl von Menschen moglich (vgl. ebd.).

4. Bedeutung von Gluck fur die Soziale Arbeit

In den nachfolgenden Unterkapiteln wird schrittweise der Zusammenhang von Gluck und Sozialer Arbeit sowie dessen Relevanz fur die Profession erarbeitet.

4.1. Ubersicht zur Profession Sozialer Arbeit

Zunachst wird die Profession Soziale Arbeit mit ihrem Begriff, dem Berufsmandat sowie dem daraus resultierenden Auftrag vorgestellt.

4.1.1. Begriffsbestimmung

Der Fachbereichstag Soziale Arbeit und der Deutsche Berufsverband fur Soziale Arbeit e.V. definiert Soziale Arbeit folgendermaften:

„Soziale Arbeit fordert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veranderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Starkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit. Dabei stutzt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen. Soziale Arbeit befahigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewaltigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein.“ (DBSH 2016)

Soziale Arbeit versteht sich als eine dynamische und weiterentwickelnde Profession, weshalb auch ihre Definition immer wieder geandert wird (vgl. Schilling/Zeller 2012: 273).

Der moralische Aspekt Sozialer Arbeit ist jedoch seit jeher deutlich herauszulesen. Folgende drei fest verankerte Merkmale in der Definition Sozialer Arbeit sind fur die Befassung mit dem Thema dieser Arbeit wichtig. Erstens sind sozialarbeiterische Interventionen auf das Wohlbefinden der Klienten ausgerichtet. Zweitens respektiert die Soziale Arbeit diese als Subjekte und drittens weist sie den Bezug zur sozialen Gerechtigkeit und den Menschenrechten auf (vgl. Lob-Hudepohl 2007: 144-146).

Das moderne Selbstverstandnis Sozialer Arbeit hebt besonders die Orientierung am Subjekt, die Optimierung von Lebenslagen und Rechte hervor:

„Lebensweltorientierte, an der KlientIn als Subjekt interessierte und ausgerichtete Soziale Arbeit sieht ihre Aufgabe darin, die Menschen [...] dabei zu unterstutzen, ihr Leben [...] zu bewaltigen. Diese Unterstutzung impliziert konkrete Hilfen, die dazu beitragen, die konkrete Lebenslage der Betroffenen objektiv zu verbessern [.]. Gleichzeitig impliziert sie solche Hilfen, die den betroffenen Menschen Hilfe dabei leisten, sich ihren Problemen aktiv zu stellen und selber das Heft wieder in die Hand zu nehmen, sich ihren Alltag aktiv anzueignen und auch, sich gegen Unrecht und gesellschaftliche Benachteiligungen zu wehren und z.B. Rechte einzuklagen.“ (Seithe 2012: 60)

Der letztgenannte Punkt verdeutlicht, dass Unterstutzung durch Soziale Arbeit mehr ist, als lediglich die Anpassung an Bedingungen (vgl. Seithe 2012: 60). Hingegen schreibt das Lexikon zur Soziologie folgende Erlauterung zum Begriff der Sozialarbeit:

„auch: soziale Fursorge, die Beschaftigung mit Devianten (Menschen, die von den herrschenden Normen abweichen) und Armen zu dem verkundeten Zweck, deren soziale Lage zu verbessern. Wahrend man fruher als Aufgabe der S. eine ‘Hilfe‘ fur den einzelnen ansah, diskutiert man heute, ob nicht sozialpolitische MaRnahmen oder eine Reproletarisierung der Deklassierten die Aufgabe der S. sei. Neuere Untersuchungen kritisieren, daR der tatsachliche Erfolg der S. vor allem in sozialer Kontrolle und Anpassung an die MaRstabe der Normalitat besteht.“ (Lexikon zur Soziologie 1994: 611)

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es eine Hauptaufgabe der Sozialen Arbeit, Randgruppen so in die Gesellschaft zu integrieren, um das Funktionieren der Mehrheitsgesellschaft zu gewahrleisten. Heute versucht Soziale Arbeit das individuelle Wohlbefinden ihrer Klienten auf drei Ebenen zu erhohen. Auf gesellschaftlicher Ebene versucht sie durch den sozialen Wandel eine Verbesserung zu bewirken. Durch die Gestaltung sozialer Beziehungen soll auf der zwischenmenschlichen Ebene das Wohlbefinden gesteigert werden und zuletzt auf individueller Ebene durch die Befreiung und Befahigung jedes Einzelnen. Im Vordergrund steht also das Durchsetzen der individuellen Anspruche auf ein Leben in Menschenwurde und nicht die Aufrechterhaltung der bestehenden offentlichen Ordnung. Menschenwurde als Begriff ist unscharf definiert. Er wird mit vielen Vorstellungen eines gelingenden Lebens, wie Harmonie, Abwesenheit von Leid, Gesundheit, Gluck und Wohlergehen verbunden. Feste Bestandteile eines menschenwurdigen Lebens sind die Verfugbarkeit von und Befriedigung immaterieller und materieller Bedurfnisse, um Leben autonom gestalten zu konnen (vgl. Lob-Hudepohl 2007: 118f., 122, 144f.).

4.1.2. Berufsmandat

Ein grundlegender Bestandteil der Sozialen Arbeit ist das ethische Bewusstsein. Sie tragt soziale Verantwortung, weshalb von einem sogenannten berufsethischen Mandat gesprochen werden kann. Das Berufsmandat setzt sich aus dem Doppelmandat (Hilfe und Kontrolle), dem Tripelmandat (Menschenrechte, Berufskodex, Wissenschaftsorientierung) sowie den berufsethischen Prinzipien des Deutschen Berufsverbands fur Soziale Arbeit e.V. (DBSH) zusammen und ergibt funf Hauptkriterien (vgl. Schilling/Zeller 2012: 273):

- Hilfeleistungen
- Kontrollfunktionen
- Menschenrechtsinstrumente
- Wissenschaftsorientierung
- Berufskodex (berufsethische Grundprinzipien des ISFW bzw. DBSH)

Aus der Begriffsbestimmung und dem Berufsmandat lassen sich Auftrage fur die Soziale Arbeit ableiten, die im nachsten Kapitel aufgegriffen werden.

4.1.3. Auftrag

Lebensweltliche Erfahrungen und Verwirklichungschancen sind abhangig von sozialokonomisch bestimmten Lebensverhaltnissen. Diese sind zudem als Ressourcen fur die individuelle Lebensfuhrung bedeutend. In neueren Theorien der Sozialen Arbeit wird auf die Wichtigkeit uberindividueller Ressourcen fur die personliche Lebensfuhrung hingewiesen. Nach Bohnisch (2010) kann sich „subjektiver Sinn“ nur auf Grundlage „relativer Handlungssicherheit“ entwickeln. Die formalen und materiellen Voraussetzungen, personliche Lebensentwurfe und -geschichten sowie emotionalen, kognitiven und praktischen Fahigkeiten sind verantwortlich fur das AusmaR menschlichen Wohlergehens, d.h. sie sind auch maRgeblich fur die praktische Umsetzung von Lebenschancen und Entfaltungspotentialen (vgl. Ziegler 2011, zit. nach Grunsteidl 2015: 112f.).

Sozialarbeiterische Interventionen beziehen sich sowohl auf auRere Umstande, wie materielle Lebensbedingungen, als auch auf individuelle Dispositionen, wie personliche Ideen und Bewusstseinsstrukturen (vgl. Winkler 2003, zit. nach Heimgartner 2009: 29).

Mit der Wichtigkeit der Menschenrechte fur die Soziale Arbeit geht auch der Auftrag der Bestarkung benachteiligter Mitglieder einer Gesellschaft einher. Die Klienten sollen dazu befahigt werden, ihre Situation zu verbessern, indem sie ihre Rechte in Anspruch nehmen und sich nicht den gegebenen Umstanden ergeben (vgl. Nowak/Kozma 2010, zit. nach Grunsteidl 2015: 113).

„Berufliche Soziale Arbeit befordert die Befahigung und Befreiung des Menschen zum Zwecke seines personlichen Wohlergehens, das in dessen menschenwurdiger Lebensfuhrung Gestalt annimmt.“ (Lob-Hudepohl 2007: 145)

Die Auseinandersetzung mit der Definition, dem modernen Selbstverstandnis, dem Berufsmandat und der daraus resultierende Auftrag der Sozialen Arbeit verdeutlicht die Wichtigkeit der Orientierung an der Menschenwurde, sozialen Gerechtigkeit und dem individuellen Wohlbefinden. Gluck wird in diesem Zusammenhang kaum erwahnt.

Nachfolgend werden die allgemeinen Ziele der Sozialen Arbeit genauer untersucht, um zu uberprufen, ob Gluck dabei eine Rolle spielt.

4.2. Subjekt- und gesellschaftsorientierte Ziele Sozialer Arbeit

Eine Ubersicht uber die in der Literatur aufgefuhrten Ziele der Sozialen Arbeit zeigt, dass diese vorrangig subjekt- und/oder gesellschaftsorientiert sind (vgl. Schilling/Zeller 2012: 202).

Bezuglich des Individuums werden folgende Ziele genannt:

- Der Mensch als befreites, mundiges und emanzipiertes Wesen, soll moglichst vor naturlichen und gesellschaftlichen Zwangen und Noten beschutzt werden. Dies erfolgt im sozialen und demokratischen Rechtsstaat, welcher Mundigkeit, Selbstbestimmung und Wurde gewahrleistet (vgl. Friedlander/Pfaffenberger 1966, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 203f.).
- Soziale Arbeit soll den Menschen bei der Entfaltung seiner Personlichkeit unterstutzen, solange dadurch nicht die Rechte anderer verletzt werden. Hierfur muss er unter dem Schutz der Grundrechte stehen (vgl. Lowy 1983 zit. nach Schilling/Zeller 2012: 204f.).
- Das primare Ziel Sozialer Arbeit ist die Sorge um ein allseitiges seelisches, korperliches und soziales Wohlbefinden (vgl. Schmidt 1981, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 204).
- Soziale Arbeit strebt danach, Menschen ein humanitares und menschenwurdiges Leben zu ermoglichen. Folgende Werte und Ziele sind hierfur unter anderem dienlich: Solidaritat, Partizipation, Normalitat, Personenwurde, Bewusstsein, Bewusstheit, Selbstbestimmung, Veranderung, gerechter Austausch, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Wohlbefinden, seelische und korperliche Gesundheit (vgl. Engelke 1999, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 206).

Bezuglich der Gesellschaft werden folgende Ziele genannt:

- Soziale Arbeit hilft Individuen, Gruppen und Gemeinden den hochstmoglichen Grad von leiblichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden zu erlangen. Hierfur ist unter anderem notwendig, die generellen sozialen Bedingungen durch Optimierung der Wirtschaft, Gesundheitsfursorge, Arbeit und Wohnen anzuheben (vgl. Friedlander/Pfaffenberger 1966, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 203f.).
- Gesellschaftliche und soziale Defizite mussen ausgeglichen sowie Zugangschancen der Freiheit und Mobilitat geschaffen werden, um die individuelle Gestaltung menschlichen Lebens zu ermoglichen (vgl. Erler 1993, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 205).
- Die Lebensbedingungen der Umwelt mussen so gestaltet werden, dass der Mensch eine Balance zwischen seinen eigenen Interessen und den der Umwelt finden kann (vgl. Bock 1993, zit. nach Schilling/Zeller 2012: 205.).

Dieser Uberblick reicht, um die Vielfaltigkeit der Ziele der Sozialen Arbeit zu verdeutlichen. Begriffe wie Wohlbefinden, Lebensqualitat oder -zufriedenheit tauchen allgemein in Zielformulierungen auf, doch Gluck wird nicht explizit genannt.

4.3. Relevanz von Gluck fur die Soziale Arbeit

Glucklichsein weist einen Bezug zu einem Zustand, einer Gefuhls-, Gemuts- oder Stimmungslage auf, grundsatzlich also zum jeweiligen Leben eines Menschen. Da das Gluck etwas Stimmungshaftes, Subjektives und Empfundenes ist, ist auch vorerst das Individuum verantwortlich fur das Gluck. Glucklich zu sein, werden oder bleiben, zeichnet nur das Wesen des Menschen aus, nicht einmal Tiere streben danach. Gluck ist demnach eine Kategorie des individuellen bzw. personlichen Lebens. Gesellschaften, Zeiten oder Regionen (wie beispielsweise nach Liedloff (1985) der Himmel oder das Paradies) werden nur als glucklich bezeichnet, wenn ein Bezug zum Gluck der betroffenen Personen hergestellt wird. Das Gluck geht einher mit der Seins- oder Lebensweise. Die subjektive Bedurfnisbefriedigung ist lediglich eine Voraussetzung und nicht bereits das Gluck selbst. Es bezieht sich auf das Verhaltnis von Mensch und Welt oder kurzum auf den Menschen als Ganzes (vgl. Riemen 1991: 145f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Glück und Soziale Arbeit. Eine Herausforderung für die berufliche Praxis
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
101
Katalognummer
V512200
ISBN (eBook)
9783346123329
ISBN (Buch)
9783346123336
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Anhänge (1-15) sind nicht im Lieferumfang enthalten!
Schlagworte
Glücksbegriff, Glücksforschung, Soziale Arbeit, Relevanz, Glücksförderung, Lebensberatungskonzept
Arbeit zitieren
Hannah Lehmann (Autor:in), 2017, Glück und Soziale Arbeit. Eine Herausforderung für die berufliche Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512200

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