Theorien der Tierethik. Nicht-menschliche Tiere als Teil unserer Wertegemeinschaft


Hausarbeit, 2019
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundpositionen der Tierethik
2.1 Der Anthropozentrismus
2.2 Der Pathozentrismus

3. Tierethik mit und ohne Abstufung
3.1 Hierarchismus
3.2 Egalitarismus

4. Indirekter Tierschutz

5. Direkter Tierschutz
5.1 Klassischer Tierschutz
5.2 Tierechte, Tierbefreiung

6. Theorien der Tierethik
6.1 Vernunftmoral von Kant
6.2 Theorie der Tierechte von Regan

7. Fazit

Literaturverzeichnis

„Tierfreunde: erst Lämmchen streicheln, dann Lammbraten; erst den Angler anpöbeln, dann Forelle blau. Jäger mögen sie nicht: – Wildbret schon!“ [ Karlheinz Deschner, deutscher Schriftsteller und Kirchenkritiker]

1. Einleitung

Die Mensch-Tier-Beziehung ist in unserem Leben allgegenwärtig und das seit vielen Jahrhunderten. Der Mensch hat seine Stellung zu den nicht-menschlichen Tieren seit der Antike immer wieder neu definiert seit, vor allem aber seine Sonderstellung. Das Weltbild war geprägt von männlicher Herrschaft über Tiere, Frauen und Sklaven, so wurde das Tier bis heute, entweder moralisch ausgeklammert oder ihm einen geringeren Stellenwert eingeräumt. Aber wie sieht es heute aus? Der technische Fortschritt hat nicht nur den menschlichen Lebensstandard verändert, sondern auch das der Haus- und Nutztiere. Das Haustier von heute ist vor allem eine Katze oder ein Hund, wird auf einem Facebook – oder Instagramaccount dargestellt. Einige von ihnen sind sogar weltweit bekannt wie die Katze von Karl Lagerfeld Choupette Lagerfeld[1] oder Grumpy Cat[2] mit ca. 2,7 Mio. Followern. Sie haben ein umfassendes Angebot an Freizeitaktivitäten, sehr gute tierärztliche Versorgung, einen eigene Psychotherapeuten und sind nicht selten ein Familienmitglied. Sofern Haustiere zu einem festen Bestandteil unseres Lebens geworden sind oder gar den Rang von „Familienmitgliedern“ einnehmen, gehören auch sie zu jenen Lebewesen, die wir in besonderer Weise umsorgen und weil sie so besonders sind, bekommen sie auch einen eigene Namen.

Da das Haustier eine Sonderstellung, aufgrund von Vertrautheit und Nähe zum Menschen hat, wäre es ein Thema für eine weitere Hausarbeit und ich beziehe mich in dieser Arbeit hauptsächlich auf die Nutztiere.

Das Nutztier von heute wohnt anonym in Massentierhaltung außerhalb unserer Reichweite, allein zu dem Zweck schnell zu wachsen und maximale Ressourcen zu liefern, um dann geschlachtet zu werden. Die Haltungsbedingungen sind nicht auf das Tierwohl ausgerichtet, sondern auf maximalen Profit. Nicht nur in der Lebensmittelbranche werden Tiere zu unseren Zwecken genutzt, sondern auch in der Textilbranche, der Unterhaltungsbranche und in der Forschung.

In dieser Hausarbeit möchte ich über die Grundpositionen der Tierethik schreiben, dabei beziehe ich den Mensch als Tier mit ein und benenne den Rest als nicht-menschliche Tiere. Im Folgenden steht der Ausdruck „Tiere“ allgemein für „nicht-menschliche Tiere“. Je nach wissenschaftlichem Diskurs reicht die Reichweite der Moral nur zum Menschen oder schließt sie auch unsere tierischen Mitbewohner mit ein? Was unterscheidet den Menschen von nicht-menschlichen Tieren und was haben sich im Laufe der Jahre für unterschiedliche Theorien dazu hinauskristallisiert?

Im Weiteren gehe ich auf die Unterschiede in dem moralischen Kreis ein, um im Anschluss Ausrichtungen des Tierschutzes aufzuzeigen. Zum Abschluss stelle ich zwei gegensätzliche Positionen in der Tierethik gegenüber und schließe im Fazit meine Hausarbeit ab.

2. Grundpositionen der Tierethik

Mit welchem Recht dürfen wir nicht-menschliche Tiere zu unseren Zwecken nutzen? Welche Eigenschaft spricht einem Lebewesen einen moralischen Wert zu? Steht der Mensch an der Spitze der Moral?

Mit welchen Maßstäben teilen wir Tiergruppen ein? Das liebenswerte Haustier, das profitable Nutztier und das schützenswerte Wildtier! Wo ziehen wir eine Grenze?

Tierethik befasst sich mit der Grundlage, der Reichweite und den Folgen der moralischen Berücksichtigung der nicht-menschlichen Tiere durch den Menschen. Die Schwierigkeit dabei ist, die Unterscheidung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren. Menschen bilden eine heterogene Gruppe, nicht-menschliche Tiere tun dies nicht. Und an welchen Eigenschaften sollten wir diese Unterschiede festmachen? Es gibt diverse Tierarten von den Einzellern bis zu den Primaten mit einer enormen Bandbreite an kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. In der Praxis hat sich gezeigt, dass diese Fragen in zwei unterschiedliche Richtungen aufgelöst werden.

2.1 Der Anthropozentrismus

„Einzig der Mensch hat moralischen Wert, er allein ist es, der in ethischer Hinsicht zählt (griech. „anthropos“ = Mensch)“ [3]

In der anthropologischen Differenz erfahren die nicht-menschlichen Tiere keine moralische Berücksichtigung. Es werden Alleinstellungsmerkmale festgelegt, in welcher nur Menschen über Vernunft, Sprache, Selbstbewusstsein, Kultur, unsterbliche Seelen und die Nähe zu Gott verfügen.[4]

Angenommen wird, dass der Mensch aufgrund seiner speziellen Fertigkeiten und Fähigkeiten den nicht-menschlichen Tieren nur indirekt verpflichtet ist. Es gibt eine klare moralische Grenze.[5] Halten wir diesen Gedanken der Vernunft fest, fällt auf, dass es durchaus nicht-menschliche Tiere gibt, die über Vernunft verfügen und Menschen, die es nicht oder nicht mehr tun, z.B. Säuglinge und an Demenz erkrankte Menschen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Vernunft kein Alleinstellungsmerkmal sein kann oder der Kreis der Moral erweitert werden muss.

Diese anthropologische Differenz galt seit der Antike und in der frühen Neuzeit für die meisten einflussreichen Denker als Ausschlusskriterium aus der Sphäre der Moral.

„Es wäre wenig interessant zu wissen, was Tiere sind, wenn es nicht ein Mittel wäre um zu wissen, was wir sind.“ [ Étienne Bonnot de Condillac, französischer Philosoph aus Traité des Animaux]

2.2 Der Pathozentrismus

„Nicht bloß Menschen, sondern alle empfindungs- oder leidensfähigen Wesen sind in moralischer Hinsicht zu berücksichtigen und gelten somit als moralische Wesen (griech. „pathos“ =Leid.“) [6]

Als letztlich relevant für die ethische Berücksichtigung von Lebewesen wird ihre Fähigkeit zu leiden angesehen, wobei noch zwischen Leiden und Schmerzempfindung (Sentietismus) differenziert wird. Werden empfindungsfähige Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit unterschiedlich moralisch berücksichtigt, wird von Speziesismus gesprochen, zu vergleichen mit einer willkürlichen Diskriminierung wie Sexismus oder Rassismus.

Ein Autor, der zu diesem Thema stets zitiert wird, ist Jeremy Bentham (1748 – 1832), der auch als der „Erfinder des Utilitarismus“ gilt. In seinem Werk „The Principles of Morals and Legislation“ schreibt er über Tiere: „Die Frage ist nicht, ob sie denken oder sprechen können, sondern können sie leiden?” [7]

Die Fähigkeit, Schmerz, Freude und Lust zu empfinden, ist Bedingung für ethische Berücksichtigung, was aber nicht Gleichbehandlung bedingt. Einer der prominentesten Vertreter im Bereich der Tierethik ist Peter Singer mit seinem Hauptwerk „Animal Liberation“. Die pathozentrischen Ansätze gehen oft von einer utilitaristischen Grundposition aus.

Utilitarismus bedeutet moralisches Handeln mit dem Ziel der Nutzenmaximierung für alle, auch den nicht-menschlichen Tieren. Am besten ist die Handlung, die das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl an Individuen in der Gesellschaft anstrebt. Die Voraussetzung dafür, Lust zu empfinden oder Interessen haben zu können, ist die Empfindungsfähigkeit. Für den Utilitarismus sind die Konsequenzen einer Handlung wichtig.

3. Tierethik mit und ohne Abstufung

Wenn es Eigenschaften und Charakteristika bei Tieren gibt, die moralisch berücksichtigt werden, wie soll diese Berücksichtigung erfolgen? Wie viele Tiere zählen und werden sie alle gleichsam berücksichtigt? Zu diesen Fragen gibt es zwei unterschiedliche Auffassungen.

3.1 Der Hierarchismus

Der Hierarchismus geht von moralischen Stufen aus. Je höher man steht, desto mehr zählt man. Diese Stufen können nach unterschiedlichen Kriterien besetzt werden, z.B. Artenzugehörigkeit oder moralisch wertvolle Eigenschaften. Der Mensch zählt mehr, weil er zur Gattung homo sapiens gehört und die Katze zählt mehr als ein Goldfisch, weil sie komplexer denken kann. Das Leid und das Wohlergehen der Menschen ist scheinbar vorranging zu dem Leid und Wohlergehen der nicht-menschlichen Tieren. Tiere werden in der moralischen Gemeinschaft berücksichtigt, aber nicht im gleichen Umfang wie Menschen. Trotz der moralischen Berücksichtigung ist es nicht widersprüchlich, Tiere für menschliche Bedürfnisse zu nutzen.[8] Die Alltagsmoral ist geprägt vom Hierarchismus. Wir würden es z.B. für moralisch unangemessen halten, wenn ein Wolf in der Berliner Vorstadt ein Kind beißt und der daraus entstandene moralische Konflikt beschreibt, wo das Interesse des Wolfes, nicht zu hungern und das Interesse des Kindes nicht zu leiden, gegeneinander abgewogen werden muss.

3.2 Egalitarismus

Der Egalitarismus geht davon aus, dass alle Lebewesen in der moralischen Gemeinschaft gleich behandelt werden müssen. Sie zählen im vollen Umfang und zwar um ihrer selbst willen und genauso wie Menschen. Beim Abwägen der Interessen von Tieren und Menschen, sollen beide gleichwertig berücksichtigt werden. Der schwache Egalitarismus sieht eine Gleichberechtigung nur bei dem Thema Leidensfähigkeit für gerechtfertigt. Dies bedeutet, dass es Situationen gibt, in denen der Mensch in moralisch relevanter Hinsicht bevorzugt wird. Peter Singer ist ein bekannter Vertreter des schwachen Egalitarismus.

Beim starken Egalitarismus erfolgt keine Privilegierung des Menschen. Tiere haben eine Würde, die es unzulässig macht, gegen menschliche Bedürfnisse abgewogen zu werden.[9]

Ein bekannter Vertreter des starken Egalitarismus ist Tom Regan.

4. Indirekter Tierschutz

Der indirekte Tierschutz kann auch als anthropozentrischer Tierschutz (Menschenschutz) beschrieben werden. Er ist so etwas wie ein „Etikettenschwindel“. Das Tier ist moralisch irrelevant. Es handelt sich um einen extremen Anthropozentrismus. Die Tiere sind nicht um ihrer selbst willen, moralisch zu berücksichtigen. Sie haben keinen eigenen moralischen Status und zählen nur indirekt als Mittel der Rücksicht auf Menschen. Eine beliebige Behandlung (Nutzen, Leiden, Töten) ist möglich, solange das nicht die moralische Rücksicht auf Menschen verletzt.[10] Es wird z.B. Rücksicht auf den Hund der Nachbarn genommen, aber nicht um des Hundes Willen, sondern weil er der Besitz der Nachbarn ist. Tiere sind Übungsgegenstände der menschlichen Moral. Wenn der Mensch sich grausam gegenüber Tieren verhält, würde es seinen Charakter verderben, so das Verrohungsargument.

[...]


[1] https://www.facebook.com/MademoiselleChoupetteLagerfeld?fref=ts

[2] https://www.instagram.com/realgrumpycat/?hl=de

[3] Info-Dossier Nr. 2/2009, Thema: Mensch, Tier, Natur, Seite 3

[4] Vergl. Grimm/Wild (2016): Tierethik zur Einführung, Seite 38

[5] Vergl. Bode, P. (2018): Einführung in die Tierethik: Seite 18

[6] Info-Dossier Nr. 2/2009, Thema: Mensch, Tier, Natur, Seite 3

[7] Bentham , Kapitel XVII, § 1 IV, Fußnote 1

[8] Vergl. Rippe, K.P. (2003): Tierethik, Seite 405

[9] Vergl. Rippe, K.P. (2003): Tierethik, Seite 406

[10] Vergl. Info-Dossier Nr. 2/2009, Thema: Mensch, Tier, Natur. Seite 11

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Theorien der Tierethik. Nicht-menschliche Tiere als Teil unserer Wertegemeinschaft
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Mannheim
Veranstaltung
Ethische u. sozialphilosophische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V512344
ISBN (eBook)
9783346089595
ISBN (Buch)
9783346089601
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorien, tierethik, nicht-menschliche, tiere, teil, wertegemeinschaft
Arbeit zitieren
Lydia Wicki (Autor), 2019, Theorien der Tierethik. Nicht-menschliche Tiere als Teil unserer Wertegemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512344

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