Interpretation von Werken Vincent van Goghs mithilfe des 3-Stufen-Modells von Erwin Panofsky


Ausarbeitung, 2019

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Ikonographie und Ikonologie
Ikonographie und Ikonologie nach Panofsky
Das 3-Stufen-Modell
Wie erreicht Panofskys Stufenmodell Korrektheit?

Sitzung am 18.06.2019: Vincent Van Gogh: „L´Árlésienne”, ca. 1888 und 1890 und literarischer Text von Robert Walser: „Das Van Gogh Bild”
Einstieg
Gruppenarbeit Input
Gruppenarbeit Input
Brief von Vincent van Gogh
Powerpoint-Präsentation
Die Fassungen von L´Árlésienne und der literarische Textauszug von Robert Walser
Soziale Bekanntschaften von Van Gogh

Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Heike Talkenberg schrieb 1994 in einem Beitrag der Zeitung für historische Forschung:

Wir leben in einer Kultur, die in großem Maße von Bildeindrücken bestimmt wird: nie zuvor war der Mensch mit einer solchen Fülle von Bildern konfrontiert, sei es in Film, Fernsehen oder Druckmedien. Die große Bedeutung der visuellen Übermittlung von Informationen zeigen auch Untersuchungen zur Entstehung historischen Bewusstseins, nach denen dieses vornehmlich über Filme und die Bilder in Schulbüchern, erst in zweiter Linie durch Texte geprägt wird. Dem steht noch immer eine große Unsicherheit der Historiker - und anderer Wissenschaftler - beim Umgang mit Bildern gegenüber. Bilder werden entweder ignoriert oder bestenfalls in historischen Abhandlungen eingestreut, häufig nur als Illustration, nicht aber als historische Quelle genutzt.“ 1

Die „ Unsicherheit“, die Talkenberg erwähnt, kann auch im Kunstunterricht, beim Betrachten von Werken Monets, Van Goghs, Klees oder Dürers entstehen, wie sich in einem Kunstseminar der Carl von Ossietzky Uni Oldenburg „Beschreiben und Besprechen von Kunst“ in einzelnen Sitzungen bemerkbar zeigte. Das Seminar hielt pro Sitzung jeweils ein Referat, welches nach dem Analyseschema von Erwin Panofsky aufgebaut werden sollte. Panofsky, welcher als einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts gilt und dessen Schema heute noch im Kunstunterricht verwendet wird, stellt hohen Anspruch an den Betrachter des Mediums. Ob den Referenten und Referentinnen des Kunstseminares ein Unterricht nach Panofskys 3-Stufen-Modell gelungen ist, soll anhand der Sitzung, dessen Gegenstand die Bilderserie L' Árlésienne von Vincent van Gogh und der literarische Text von Robert Walser: „Das Van Gogh Bild“ ist, in dieser Ausarbeitung reflektiert werden. Als erstes wird das Drei-Stufen-Modell nach Panofsky kurz vorgestellt, die Seminarsitzung des Kunstinstitutes beschrieben und der Versuch erprobt, diese anschließend mithilfe des Drei-Stufen-Modells zu reflektieren. Am Ende wird beides kritisch beleuchtet.

Ikonographie und Ikonologie

Um die Seminarsitzung reflektieren zu können, soll zu Beginn kurz Panofskys Analysemodell vorgestellt werden, dessen Inhalt den Seminarteilnehmern bekannt gemacht worden ist.

Ikonographie und Ikonologie nach Panofsky

Um das 3-Stufen-Modell von Panofsky verstehen zu können, werden als erstes die Begriffe Ikonographie und Ikonologie, nach der Definition von Panofsky, erklärt.

Ikonographie nach Panofsky, ist rein deskriptiv und eine begrenzte Disziplin, die eine Hilfe für das Erforschen über Datierung und Herkunftsort eines Kunstwerkes sei und damit das Kunstwerk beschreibe und klassifiziere.2 Die Ikonographie sammelt und klassifiziert Material zum Erfassen des eigentlichen Gehalts eines Kunstwerkes, jedoch nicht durch eine externe Quelle, sondern allein durch das Kunstwerk selbst.3 Panofsky stellt die Ikonographie als eine Beschreibung von Sujet 4 und Form eines Kunstwerkes dar, dies wird im späteren Verlauf der Reflexion noch einmal aufgegriffen5. Der eigentliche Gehalt bezeichnet die korrekte Interpretation eines Kunstwerkes, welchen es zu analysieren gilt.

[Ich] schlage […] vor, das gute alte Wort 'Ikonologie' überall dort wiederaufleben zu lassen, wo Ikonographie aus ihrer Isolierung geholt und mit anderen Methoden – der historischen, der psychologischen, der kritischen, welcher auch immer – vereinigt wird.6,schreibt Panofsky über den Begriff Ikonologie. So ist die Ikonologie nach Panofsky eine interpretatorisch angewandte Ikonographie, dessen Voraussetzung daher eine korrekte, ikonographische Analyse ist. Die Entdeckung und die Interpretation symbolischer Werte ist beispielsweise der Ikonologie zugesprochen. Die Informationen über die Grundhaltungen einer Gesellschaft und der Künstler, den gesellschaftlichen und philosophischen Überzeugungen während der Zeit der Bildentstehung und die Rezeptionsgeschichte über den Künstler und das Werk fällt in den Bereich der Ikonologie. 7

Das 3-Stufen-Modell

Wie bereits erwähnt, bezeichnet Panofsky die Ikonographie als eine Beschreibung von Sujet und Form eines Kunstwerkes. Als Form betitelt Panofsky hier beispielsweise als eine Beschreibung der Veränderung von Einzelheiten, Teile von Farben oder Linien in einem Kunstwerk. Ein Sujet ist ein Bildmotiv, das in dem Kunstwerk als Gegenstand, Person oder Ereignis erkannt wird. Die rein formale Wahrnehmung werde nach Panofsky überschritten, sobald die Veränderung als Ereignis betrachtet werden würde und/oder Farben und Linien als Gegenstände erkannt werden würden. Wenn man ein Ereignis und/oder Gegenstände zusätzlich zu den Farben und Linien eines Kunstwerk erkenne, käme zur rein formalen Bildbeschreibung eine ausdruckshafte Bedeutung und eine Tatsachenbedeutung hinzu, da eine Reaktion bei dem Kunstwerk hervorgerufen wird.8 Ein eigenes Beispiel für eine Tatsachenbedeutung ist, wenn man anstelle einer zickzack-förmigen, geometrischen, gelben Form einen fünfzackigen Stern erkennt. Formen, Farben und Linien werden hier mit einem Gegenstand (Stern) identifiziert. Die Reaktion, als psychologische Nuance, führt auch zur ausdruckshaften Bedeutung. Für die ausdruckshafte Bedeutung sei Erfahrung, persönliche Sensibilität, praktische Erfahrung im Alltagsleben und Einfühlung notwendig. Die ausdruckshafte Bedeutung identifiziert zum Beispiel ein Gesicht, mit einem geöffneten Mund, dessen Mundwinkel nach oben zeigen, als ein fröhliches. Die Tatsachenbedeutung und die ausdruckshafte Bedeutung bilden in Panofskys 3-Stufenmodell zusammen die erste Bedeutungsstufe: Das primäre Sujet. Das primäre Sujet erklärt nach Panofsky die natürliche Bedeutung eines Kunstwerkes9 und sei eine vor-ikonographische.10 Das sekundäre Sujet, die ikonographische Stufe, unterscheidet sich von dem primären Sujet dadurch, dass das sekundäre Sujet intellektuell statt sinnlich vermittelt wird und anstelle von unterbewusstem bewusst in die Bildanalyse mit einfließt11. Die Grundlage für diese Bedeutungsschicht sind Informationen von literarischen Quellen über das Werk12. Die dritte und letzte Stufe beschreibt nach Panofsky den eigentlichen Gehalt eines Kunstwerkes, welcher sich durch eine Ermittlung von Symbolen und grundlegenden Prinzipien, wie beispielsweise der Nation, der Epoche oder der religiösen Überzeugung des Kunstwerkes identifiziert13. Die Voraussetzung dieser Stufe ist die synthetische Intuition 14. Der synthetischen Intuition, welche durch persönliche Psychologie und eigene Weltanschauung geprägt wird, wäre laut Panofsky nicht vertrauenswürdig für die korrekte Analyse, aber dennoch notwendig, um ein Verständnis für die Wahl der Motive und die Darstellung von Ereignissen und Anekdoten und Allegorien in Kunstwerken zu entwickeln15. Einzelnen Bildelementen werden symbolische Werte zugesprochen. Die dritte Bedeutungsschicht kann durch poetische, religiöse, philosophische und gesellschaftliche Dokumente über das Werk erfasst werden. Diese letzte Stufe ist für Panofsky eine ikonologische.16 Alle drei Bedeutungsschichten sind in einer Kunstanalyse nicht klar voneinander zu trennen: „Aber wir müssen in Erinnerung behalten, dass die säuberlich geschiedenen Kategorien […] sich in Wirklichkeit auf Aspekte eines Phänomens beziehen, nämlich auf das Kunstwerk als Ganzes, so dass bei der eigentlichen Arbeit die Zugangsmethoden […] miteinander zu einem einzigen organischen unteilbaren Prozess verschmelzen.“ 17

Wie erreicht Panofskys Stufenmodell Korrektheit?

Panofsky stellt in dem Drei-Stufen-Modell Korrektive vor, die bei der Nutzung des 3-Stufen-Modells angewendet werden müssen, um zu einer korrekten Analyse zu gelangen. Um das primäre Sujet zu überprüfen, wird das Korrektiv der Stilgeschichte benötigt. Die Stilgeschichte bezeichnet den Ort und das Erscheinungsjahr des Kunstwerkes, denn auch wenn praktische Erfahrung für das primäre Sujet notwendig ist, würde diese unbewusst nur auf die Art und Weise für die Analyse benutzt werden, wie die aktuellen sozial-historischen Bedingungen des Analysierenden sind.18 Um das sekundäre Sujet zu überprüfen wird das Korrektiv der Typengeschichte benötigt. Denn literarischen Quellen können verfälscht sein oder deren Informationen außerhalb der Debatte über das Kunstwerk stehen. Daher ist eine Korrektheit durch literarische Quellen allein nicht gewährleistet. Die Typengeschichte ergänzt literarische Quellen, in dem diese überprüft, wie unter wechselnden historischen Themen bestimmte Ereignisse oder Gegenstände ausgedrückt werden.19 Das Korrektiv des eigentlichen Gehaltes sei nach Panofsky das Relevanteste, da die synthetische Intuition irrational und subjektiv sei und daher den größten Korrekturbedarf habe. Dies erfolgt durch das Korrektiv der Geschichte kultureller Symptome oder Symbole, welche unter historischen Bedingungen überprüft, in welcher Art und Weise die wesentlichen Tendenzen des menschlichen Geistes unter bestimmten Vorstellungen und Themen ausgedrückt werden.20

Sitzung am 18.06.2019: Vincent Van Gogh: „L´Árlésienne”, ca. 1888 und 1890 und literarischer Text von Robert Walser: „Das Van Gogh Bild”

Um direkte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Panofskys Analysemodell und der referierten Seminarsitzung zu erkennen, werden Unterrichtseinheiten der Stunde vorgestellt und diese anschließend direkt mit Panofskys Modell verglichen.

Einstieg

Gruppenarbeit Input 1

Zu Beginn der Sitzung stellen die Referenten die Aufgabe, in Gruppenarbeit mit jeweils 4 Gruppen ein Mitglied auszuwählen, welches Modell, stellvertretend für die Frau in Van Goghs Gemälde „L´Árlésienne“ steht. Das gezeigte Gemälde wurde 1890 gemalt und steht heute in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom. Von diesen Rahmeninformationen werden die Kommilitonen jedoch nicht in Kenntnis gesetzt. Die Modelle erhalten eine schwarz-weiße Abbildung des Werkes21, um die dort abgebildete Frau nachzuahmen. Die übrigen Seminarteilnehmer sollen das Modell innerhalb ihrer Gruppe mit Bleistift abzeichnen.

Die Aufgabenstellung, welche die Referenten stellen, ist eine assoziative, was Panofskys Bestreben, das primäre Sujet zu erreichen, nachkommt. Eine ausdruckshafte Bedeutung erfassen die Studenten schnell, da sie ein Bildmotiv, durch einen Menschen als Modell, vorgezeigt bekommen, sodass die Kommilitonen und Kommilitoninnen schnell stereotypisierte Gesichter zeichnen. Die Intention der Referentinnen, das Modell unvoreingenommen, anstelle von Wissen über van Gogh zu erfassen, sollte ursprünglich dadurch gelingen, dass keine weiteren Informationen über das Werk gegeben werden, damit die Bildanalyse noch im primären Sujet und damit vor-ikonographisch bleibt. Jedoch wird die Originalität des Kunstwerkes und damit auch die, nach Panofsky anzustrebende, rein formale Wahrnehmung durch mehrere Faktoren verfälscht: Einerseits dadurch, dass die Studentinnen und Studenten nur das Abbild des Kunstwerkes vor Augen haben und nicht das Originalwerk in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna und andererseits dadurch, dass das Bild schwarz-weiß eingefärbt wurde und daher eventuell eine andere Reaktion hervorruft, als die Originalfarbe. Durch das Modell-Stehen entfremdet sich das Bildmotiv noch weiter von dem Original, da die Person andere Kleidung trägt, in einer anderen Zeit lebt, eine andere soziale Beziehung zu dem Zeichner hat (beispielsweise sind beide miteinander befreundet oder mögen sich nicht) und daher ebenfalls eine andere Reaktion hervorruft, als beispielsweise durch das Abzeichnen des Originalwerkes. Allein der situative Einfluss und die zeichnerischen Fähigkeiten im Seminarraum beeinflussen die Art und Weise, wie das Bildmotiv nachgezeichnet wird.

Gruppenarbeit Input 2

Anschließend erteilen die Referenten eine zweite Gruppenaufgabe: Die Zeichnungen sollen farbig nach einem Begriff nachbearbeitet werden. Die Begriffe sind pro Gruppe unterschiedlich: Fröhlichkeit, Wut, Trauer und Verliebtheit. Anschließend werden die Skizzen an die Tafel gepinnt. Die Gruppe mit dem Begriff „Trauer“ hat die Frau in bläulich-violetten Farben gezeichnet, die Gruppe mit dem Begriff „Wut“ in roten Farben, die Gruppe mit dem Begriff „Fröhlichkeit“ in gelben und orangen Neonfarben und die Gruppe „Verliebtheit“ in Rosatönen.22 Schnell wird deutlich, dass die zugeteilten Begriffe an den Farben leicht erkennbar sind. Die Mimik und Gestik der Frau beziehungsweise der gezeichneten Modellvorlage bleibt aber neutral und wird von den Seminarteilnehmern als „gelangweilt“ oder „neutral“ bezeichnet.

Dass die Studentinnen und Studenten die Farben direkt einem Gefühl zuordnen können, würde Panofsky damit begründen, dass sowohl praktische Erfahrung als auch synthetische Intuition benutzt wurde, da bei der Farbwahl intuitiv und unbewusst auf Symboliken zurückgegriffen wurde. Das heißt, dass hier sowohl die erste Bedeutungsschicht als auch die dritte Bedeutungsschicht des Kunstwerks analysiert wird. Wie schnell auch diese Aufgabe die Analyse des Kunstwerkes nach dem 3-Stufen-Modell verfälschen kann, wird dadurch bemerkbar, dass die Gruppe mit dem Begriff „Fröhlichkeit“ aufgrund von mangelndem Material die Frau neonfarbig darstellte, dessen Zeichnungen vom Plenum daraufhin als psychedelisch interpretiert wurden. Dieses wird jedoch innerhalb der Diskussion erklärt und damit korrigiert. Dass die Frau als „gelangweilt“ oder als „neutral“ beschrieben wurde, könnte man nach Panofsky auf die unterschiedlichen praktischen Erfahrungen und verschiedenen Psychen und Weltansichten, welche im Hinblick auf Mimiken innerhalb des Plenums gemacht wurden, zurückführen. Hier könnte man das Korrektiv der Geschichte der kulturellen Symptome, indem man die Modelle befragt, welchen Ausdruck diese versuchten nachzuahmen, anwenden, um zu wissen, welchen Gesichtsausdruck sie in dem Abbild erkannt haben. Oder indem ein Dokument, beispielsweise ein Tagebucheintrag der abgebildeten Frau selbst, als Quelle herangezogen wird.

Brief von Vincent van Gogh

Als zweiter Input wird ein Zusammenschnitt des Originalbriefes von Vincent van Gogh an seine Schwester aus dem Jahre 1890 auf Deutsch vorgelesen, der an dem Ort Auvers-sur-Oise geschrieben wurde23. In dem Brief kommt van Goghs Freund Dr. Gachet, welcher als Homöopath arbeitete und sich für Kunst interessierte,24 sein Bruder Theo van Gogh und dessen Frau Johanna vor25. Ein 1890 gemaltes Gemälde der Bilderserie von L' Árlésienne wird in van Goghs Brief erwähnt. Eine Abbildung des Originalbriefes wird den Seminarteilnehmerin und Seminarteilnehmerinnen gezeigt26. Der Brief wird zudem unkommentiert gelassen, anschließend folgt ein PowerPoint-Vortrag.

Der Brief dient der dritten Bedeutungsebene nach Panofsky, da der Brief ein poetisches Dokument über das Werk van Goghs ist. Um Missverständnissen vorzubeugen, hätte über den Brief gesprochen werden müssen, um andere, persönliche Weltanschauungen durch die Meinungen der Kommilitonen zu erfahren, die für die dritte Bedeutungsschicht erfordert werden und um die Vertrautheit mit dem Thema van Goghs zu erweitern und zu erproben. „In welcher Schicht wir uns auch bewegen: Unsere Identifizierungen und Interpretationen hängen von unserer subjektiven Ausrüstung ab, und aus diesem Grund müssen sie durch eine Einsicht in historische Prozesse ergänzt und korrigiert werden, deren Gesamtsumme man Tradition nennen könnte.“ 27

Powerpoint-Präsentation

Die Fassungen von L´Árlésienne und der literarische Textauszug von Robert Walser

Die Referentinnen stellen anhand einer Powerpoint-Präsentation vor, dass von dem Werk „L´Árlésienne” (Deutsch: Die Arlesierin) sechs verschiedene Fassungen von Vincent van Goghs existieren. Zwei davon wurden 1888, die anderen vier 1890 gemalt und stehen heute jeweils in unterschiedlichen Museen. Nur ein Gemälde befindet sich in Privatbesitz.28 Sowohl bei dem Referat als auch diese Ausarbeitung legt den Fokus auf die Fassungen von 1890.

Ergänzend zu den Gemälden wird ein literarischer Text von Robert Walser (* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden) herangezogen29. Die Kommilitonen erwähnen, dass Walser ein Schweizer Schriftsteller war und 23 Jahre gegen seinen Willen in einer Psychiatrie verbrachte, da bei ihm eine Psychose diagnostiziert wurde.30 Der Text wird innerhalb des Plenums in Einzelarbeit gelesen. Anschließend fragen die Referentinnen nach Unklarheiten oder Fragen.

Der Satz: „Obgleich um Van Gogh‘s Bild etwas Trauriges oder Bemühendes lebte, alle harten Lebensbedingungen neben der hinter ihm, wenn auch nicht scharf, so deutlich genug hervorzutreten scheinen, hatte ich dennoch Freude, da das Gemälde eine Art Meisterwerk ist.“, hat im Plenum Fragen aufgeworfen. Hier ist nicht klar, ob das Werk von Van Gogh oder Van Gogh selbst gemeint ist. Die Referentinnen interpretieren das „Traurige“ und „Bemühende“ als eine Wiederspiegelung von van Goghs Leben in seinem Werk. Auch Wörter wie „schön“ oder „nicht hübsch“, die im Text fallen, interpretiert das Plenum als subjektiv und als Bewertung von van Goghs Werk. Walser beschreibt L' Árlésienne als Seelenernst: Nach Meinung des Plenums ginge es laut Walser nicht um die „äußere Schönheit“ von L' Árlésienne, sondern um die „innere“. Das Wort Seelenernst könne auch mit Tiefgründigkeit oder Intuition in Verbindung gebracht werden. Dies könne auch durch den Satz: „ Die Gesichtszüge reden von mannigfaltigen einschneidenden Erfahrungen“ bestätigt werden. „Mannigfaltig“ bedeutet hier „vielfältig“ oder „zweideutig“. Zwischen dem Lebenslauf Walser und Van Goghs, welcher ebenfalls in einer Nervenheilanstalt gelebt hat, zieht das Plenum zudem Parallelen, da beide in einer Nervenheilanstalt waren. So hätte Walser sich mit Van Gogh identifizieren können, da ihm Ähnliches passiert sei.

Die Gemälde van Goghs anhand einer PowerPoint Präsentation zu zeigen ist eine ikonographische Methode, da weder Interpretationen noch eigene Meinungen gegeben werden. Jedoch würde man die genauen Farbnuancen und Unterschiede, die Pinselführungen, die Oberflächenbeschaffenheit und die Alterung der Gemälde nur dann erfassen, wenn man die Kunstwerke in den jeweiligen Museen besuchen würde. Dafür müsste man jedoch sechs verschiedene Fernreisen machen, dies würde jedoch nicht in den Rahmen der universitären Möglichkeiten fallen .

Den Textauszug Robert Walsers vorzustellen ist eine ikonologische Methode. Der Textauszug beschreibt Walsers synthetische Intuition, seine eigene Weltansicht gegenüber dem Kunstwerk. Der Auszug dient als poetisches Dokument. Dieser Textauszug ist damit eine Quelle der dritten Bedeutungsschicht und muss daher laut Panofsky durch das Korrektiv der Geschichte der kulturellen Symptome oder Symbole überprüft werden, um zu erfassen, in welcher Art und Weise die wesentlichen Tendenzen von Robert Walsers Schreibstil unter dem Aspekt „Kunstwerke Vincent van Goghs“ ausgedrückt wurden. Die Seminarteilnehmer haben dies unbewusst in der Diskussion bereits versucht, indem Begrifflichkeiten, wie Seelenernst und mannigfaltig geklärt wurden. Jedoch fehlten die Informationen über den Schreibstil Walsers und seinem sozialen Umfeld. Ob Walser mit Van Gogh sympathisieren konnte, weil van Gogh Ähnliches erlitt, sind Mutmaßungen. Diese könnten bestätigt oder wiederlegt und ergänzt werden, in dem man weitere Werke von Walser im Plenum lesen lässt und wissenschaftlich analysiert.

Soziale Bekanntschaften von Van Gogh

Zum Vergleich zu der porträtierten Frau wird das Gemälde von Paul Gauguin „Café de Nuit“ (deutsch: Nachtcafé) aus dem Jahre 1888 von den Referentinnen präsentiert31. Die Referentinnen stellen vor, dass das Werk, zur selben Zeit wie die zwei Gemälde der Bilderserie L' Árlésienne, in dem Jahr 1888 geschaffen worden ist und dieselbe Frau auf jedem dem Gemälde porträtiert wurde. Van Gogh und Gauguin hätten sich auf einer Ausstellung kennengelernt, bei welcher auch van Goghs Bruder Theo zugegen war. Zwischen van Goghs Bruder und Gauguin entstand eine Brieffreundschaft. Gauguin reiste schließlich auf Anraten von Theo van Gogh nach Arles, eine kleine Stadt, süd-westlich von Frankreich. Dort lebte Vincent van Gogh bereits und wollte in Arles eine kleine Künstlergruppe bilden und Gauguin als Mentor einstellen.32 Die porträtierte Frau, Madame Ginoux, lernte van Gogh in Arles kennen. Sie und ihr Mann führten das „Café de la gare“33, welches auf dem Gemälde von Gauguin im Hintergrund abgebildet ist und welches oft von Van Gogh und Gauguin besucht wurde. Dort hatte Madame Ginoux Gauguin und van Gogh als Modell gedient. Gauguins erste, mit Kreide und Kohle gezeichnete Skizze diente Van Gogh später als Vorlage für die weiteren 4 Werke der Bilderserie von L' Árlésienne34.35 Die Referentinnen erwähnen, dass van Gogh Madame Ginoux als die „wahre Arlesierin“ betrachtet hätten. Neben dem Café hätte Vincent das „gelbe Haus“ gemietet, welches er als Atelier, aber auch als Hauptwohnsitz nutzte36.

[...]


1 Talkenberger, Heike (1994): VON DER ILLUSTRATION ZUR INTERPRETATION: DAS BILD ALS HISTORISCHE QUELLE: Methodische Überlegungen zur Historischen Bildkunde. In: Zeitschrift für Historische Forschung 21 (3). Online verfügbar unter http://www.jstor.org/stable/43568554, zuletzt geprüft am 05.09.2019.

2 Vgl. Panofsky, Erwin (2006): Ikonographie und Ikonologie. Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. Köln: DuMont. S. 41.

3 Vgl. Ebd. S. 42.

4 Sujet bezeichnet einen Gegenstand; ein Motiv; ein Thema einer künstlerischen Gestaltung.

5 Vgl. Panofsky, Erwin (2006): Ikonographie und Ikonologie. Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. Köln: DuMont. S. 36.

6 Ebd. S. 42.

7 Vgl. Ebd. Panofsky S. 41.

8 Vgl. Panofsky, Erwin (2006): Ikonographie und Ikonologie. Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. Köln: DuMont. S. 36.

9 Vgl. Ebd. S. 37.

10 Vgl. Ebd. S. 38.

11 Vgl. Ebd. S. 37.

12 Vgl. Ebd. S. 46.

13 Vgl. Ebd. S. 40.

14 Vgl. Ebd. S. 49.

15 Vgl. Ebd. S. 48-49.

16 Vgl. Panofsky, Erwin (2006): Ikonographie und Ikonologie. Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. Köln: DuMont. S. 40.

17 Ebd. S.50.

18 Vgl. Ebd. S. 46.

19 Vgl. Ebd. S.47.

20 Vgl. Ebd. S.49.

21 Siehe Abbildung 1.

22 Siehe Abbildung 2,3,4,5.

23 Brief siehe: Sakasa-Weiß, Eugen (1961): Vincent van Gogh. Briefe an die jüngste Schwester und an die Mutter. München: Bruckmann Querschnitte. S.118-121. Gekürzter Brief siehe Anhang.

24 Vgl. Dorn, Roland; Keyes, George S.; Rishel, Joseph J. (2000): Van Gogh: die Porträts. Köln: DuMont. S.221.

25 Vgl. Matzner, Alexandra (2008): Vincent van Gogh: Biografie. Lebenslauf und Werk des holländischen Malers. Online verfügbar unter https://artinwords.de/vincent-van-gogh-biografie-lebenslauf/, zuletzt geprüft am 27.08.2019.

26 Siehe Abbildung 6.

27 Panofsky, Erwin (2006): Ikonographie und Ikonologie. Bildinterpretation nach dem Dreistufenmodell. Köln: DuMont. S.50.

28 Siehe Abbildungen 7,8,9,10,11,12.

29 Vgl. Walser, Robert (1985): Traümen. Prosa aus der Bieler Zeit 1913-1920. 3. Aufl. Zürich [etc.]: Suhrkamp (Suhrkamp Taschenbuch, 16). S. 344-347. Textauszug siehe Anhang.

30 Walser-Zentrum, Robert; Bern: Über Robert Walser, Robert Walser-Zentrum, Bern. Online verfügbar unter https://www.robertwalser.ch/de/ueber-robert-walser/, zuletzt geprüft am 03.09.2019.

31 Siehe Abbildung 13.

32 Alexandra Matzner (2016): Vincent van Gogh : Paul Gauguin in Arles. Gescheiterte Künstlerkolonie im gelben Haus. Hg. v. artinwords.de. https://www.facebook.com/ARTinWORDS/. Online verfügbar unter https://artinwords.de/vincent-van-gogh-paul-gauguin-im-atelier-des-suedens/, zuletzt geprüft am 04.09.2019.

33 Das „Café de la gare“ wurde von Paul Gauguin gemalt und ein Gemälde wurde in der PowerPoint vorgestellt. Siehe hierzu Abbildung 14.

34 Siehe Abbildung 15. Die Skizze wurde in der PowerPoint nicht gezeigt und dient hier nur als Veranschaulichung.

35 Vgl. Dorn, Roland; Keyes, George S.; Rishel, Joseph J. (2000): Van Gogh: die Porträts. Köln: DuMont. S.200.

36 Das „gelbe Haus“ wurde von Vincent van Gogh gemalt und in der PowerPoint vorgestellt. Siehe hierzu Abbildung 16.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Interpretation von Werken Vincent van Goghs mithilfe des 3-Stufen-Modells von Erwin Panofsky
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Beschreiben und besprechen von Kunst I
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V512399
ISBN (eBook)
9783346106742
ISBN (Buch)
9783346106759
Sprache
Deutsch
Schlagworte
van Gogh, Panofsky, Robert Walser, Walser, Vincent van Gogh, 3-Stufen-Modell, Kunstunterricht
Arbeit zitieren
Lara Bösking (Autor), 2019, Interpretation von Werken Vincent van Goghs mithilfe des 3-Stufen-Modells von Erwin Panofsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512399

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