Bernd Alois Zimmermanns "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne". Eine musiktheoretische Untersuchung


Bachelorarbeit, 2015

36 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Entstehungsgeschichte

2 Texte des Werkes
2.1 Prediger-Buch,4.Kapitel
2.2 Großinquisitor-Legende
2.3 Das Zitat des Schlusschorals der Kantate О Ewigkeit, du Donnerwort, BWV 60, vonJ.S.Bach

3 Dramaturgische Form des Werkes
3.1 Teill.„Unrecht“
3.2 Teil 2. „Mühe“
3.3 Teil 3. „Einsamkeit“

4 Allgemeine musikalische Analyse
4.1 Zwölftonreihe
4.2 Rhythmusreihe
4.3 Dynamik
4.4 Tonortfixierung
4.5 Tempi

5 Analyse S.17
5.1 Das Unrecht S.17
5.1.1 AbschnittLUnrecht
5.1.2 Abschnitt2: Großinquisitor
5.1.3 Abschnitt3:Totenlob
5.1.4 Abschnitt4: Versuchung S.21
5.1.5 Abschnitt5:Das Bösenichtinnew erden S.21
5.1.6 Abschnitt 6: Zwischenspiel
5.2 Mühe
5.2.1 Abschnitt 7: Arbeit als „Haschen nach dem Wind“
5.2.2 Abschnitt8: Zwischenspiel
5.2.3 Abschnitt9:Rappresentativo
5.2.4 Abschnitt 10: Geständnis
5.2.5 Abschnitt 11: Percussions-Zwischenspiel
5.2.6 Abschnittl2:Dialog
5.2.7 Abschnitt 13:,, Wem arbeite ich doch...“
5.2.8 Abschnitt 14: Kuss
5.2.9 Abschnittl5: Wendepunkt
5.3 „Einsamkeit“
5.3.1 Abschnittl6:„DerGefangene - geht“
5.3.2 Abschnitt 17:,, Weh dem, der Allein ist“
5.3.3 Abschnitt 18: Nullpunkt
5.3.4 Abschnitt 19: Choral

6 Zusammenfassung und Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

1 Entstehungsgeschichte

Die Ekklesiastische Aktion ist das letzte Werk von Bernd Alois Zimmermann. Im September 1969 bekam der Komponist den Auftrag zu einem Werk anlässlich des Olympischen Segelwettbewerbs 1972 in Kiel. Es war sowohl eine offizielle als auch eine persönliche Bitte. Denn es ist nicht nur ein maschinengeschriebener Brief Zenders, sondern auch die handschriftliche Bitte von Zenders Frau, in der sie um eine „Fortsetzung“ des Omnia tempus habent bittet, die erhalten geblieben sind. Jedenfalls entstand das Werk nicht nur dank des äußeren Einflusses. Schon seit längerer Zeit befasste sich Zimmermann mit dem 4. Kapitel des Prediger Buches und wünschte eine Komposition über das Buch zu schreiben.1

Die Entwicklung des Werkes kann man an drei Autographen, nämlich der Partitur, dem Skizzenblatt und dem Particell, verfolgen. Auf dem Skizzenblatt findet man viele Hinweise, die der Analyse des Werkes helfen. „Das Blatt zeigt zehn Gruppen zuje vier Zwölftonreihen (Original, Krebs, Umkehrung und Krebsumkehrung [...], vier Zahlenquadrate mit je sieben mal sieben Feldern nebst einer Gruppe von vier eingekreisten, siebengliedrigen Zahlenkolonnen zur Steuerung des Rhythmus, drei Akkordsäulen zur Tonfixierung, je eine Notiz zur Dynamikordnung, Besetzung und Tempoordnung sowie schließlich einige Proportionsberechnungen.“2 Das Skizzenblatt ist mit dem Anfang des 4. Kapitels des Prediger-Buches auf Latein betitelt. Die Großinquisitor-Legende erscheint auf dem Blatt nicht. In dem Particell verwendet Zimmermann den Prediger-Text auf Deutsch in der Luther­Übersetzung. Die kurzen Notizen des Dostojewskijs Textes wurden offensichtlich nicht während des Verfassens notiert, sondern später eingebettet. Das Titelblatt der Partitur wurde am Schluss der Arbeit dem Werk beigefügt. Dies lässt sich aus der Papieranalyse der Partitur schließen. Der Titel steht lediglich auf dem Titelblatt. Außerdem kann man das ausradierte Wort „Lingual“ auf dem Titelblatt erkennen, was bedeutet, dass der ursprüngliche Titel „Lingual“ von Zimmermann zur „Ekklesiastische Aktion“ geändert wurde. Am Ende des Werkes steht in der Partitur „Fine“ und die Initialen des Wahlspruchs der Jesuiten, nämlich O. A. M. D. G. (Omnia Ad Maiorem Dei Gloriam).3 Dieser Wahlspruch wird übrigens auch in der Großinquisitor-Legende erwähnt, nämlich im Zusammenhang mit der Verbrennung von fast hundert Ketzern an einem Tag.

2 Texte des Werkes

Das Werk besetzt laut Zimmermanns Untertitel zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester. Es werden offenkundig zwei Texte benutzt, nämlich Kapitel 4, 1-4 des Prediger­Buches der Bibel und die Großinquisitor-Legende von Fjodor Dostojewskij. Außerdem wird auf den Choraltext der Kantate О Ewigkeit, du Donnerwort, BWV 60 von J. S. Bach angespielt. Sowohl den Text des Prediger-Buches als auch die Großinquisitor-Legende verwendet Zimmermann in seinem Schaffen nicht zum ersten Mal. Die Abschnitte aus dem Prediger-Buch erscheinen in der Kantate Omnia tempus habent und in dem Requiem für einen jungen Dichter. Fragmente des Prediger-Buchs findet man auch in der Sonate für Cello solo und in dem Tempus loquendi. Außerdem hat Zimmermann schon vor der Ekklesiastischen Aktion in den Antiphonen beide Texte zusammengefügt. Jedenfalls verwendet er die Texte in den Antiphonen anders als in der Ekklesiastischen Aktion. Sie (es gibt insgesamt acht Texte) erscheinen dort nämlich in der Originalsprachen und müssen folglich nicht unbedingt vollständig verstanden werden. Für die Ekklesiastische Aktion werden die Texte in ihrer deutschen Übersetzung genommen. Es wird also großer Wert auf das Verstehen des Inhaltes gelegt. „Die Ekklesiastische Aktion ist das diskursivste Werk Zimmermanns. Es geht um die Verhandlung eines Problems. Weit mehr denn als Repräsentanten einer pluralistischen Wirklichkeit erscheinen die Texte als Argumente,“4

2.1 Prediger-Buch 4. Kapitel

Das Prediger-Buch ist wohl das pessimistischste Buch der Bibel. Es wurde vermutlich ca. 250 vor Christus geschrieben. Obwohl der Autor im Buch selbst erwähnt wird, nämlich „Kohelet“ ( = “Versammlungsredner“), Davids Sohn und König Israels, ist die Autorschaft umstritten. Die ursprünglich vermutete Autorschaft des Salomo hat sich als Fiktion entpuppt.5 Die Gesinnung des Buches ist den anderen Büchern der Bibel fast entgegengesetzt. Die Quintessenz des Buches ist gleich am Anfang dargelegt: „Alles ist eitel“( Pred.1.2). Als Lösung der Hoffnungslosigkeit bittet der Autor, das Leben jeden Tag zu genießen, denn man kann nicht wissen, was das Morgen mit sich bringt. Somit ist die Philosophie des Buches der Philosophie der Epikureer verwandt.6

Zimmermann wählt für sein Werk einige Verse aus dem 4. Kapitel des Buches, „eines nach Bedeutung und gleichermaßen Kraft der Sprache wohl großartigsten Bücher der Bibel“,7 so Zimmermann. Da das Buch eine Spruchsammlung ist, können die Sprüche ziemlich frei kombiniert werden. In dem von Zimmermann ausgewählten Text fallen drei Themen auf, nämlich „Unrecht“ (4.1-3), „Mühe“ (4.4-5) und „Einsamkeit“ (4.7-12). Laut Prediger-Buch ist jedermann in das Unrecht einbezogen. Deswegen kann Kohelet nur die Toten oder noch besser die Ungeborenen loben. „Die Einschätzung des Todes bei Kohelet, daß der Tod dem Leben vorzuziehen sei, ist demnach im Alten Testament eine ungewöhnliche, ja gerade ketzerische These.“8 Die Arbeit und das Geschick führen zu Neid unter den Menschen. Das Gegenteil, die Faulheit, bringt auch keine Lösung, sondern stürzt die Menschen in den Abgrund des Elends. „Kohelet setzt wohl voraus, daß die menschliche Arbeit notwendig ist, aber er hält alles Streben nur für einen Ausfluß böswilligen Neides und bedenklicher Konkurrenz.“9 Als Lösung stellt Kohelet ( 4.6) die Balance zwischen Ehrgeiz bzw. Wünschen und Ruhe und Zufriedenheit vor. Diesen Vers lässt Zimmermann in seiner Komposition aus. Es wird danach die Not der Einsamkeit dargelegt. Im Angesicht der Einsamkeit bekommt Arbeit noch dunklere Töne, sie wird als „böse Mühe“ beschrieben.10 Es werden also drei Bereiche des menschlichen Daseins betrachtet: die Gesellschaft, die ungerecht organisiert ist, die Arbeit, die letztendlich den Körper satt machen kann, nicht aber die Seele und die Beziehung zwischen den Menschen.11

2.2 Großinquisitor-Legende

Die Großinquisitor-Legende ist ein Kapitel des Romans von F. Dostojevskijs Brüder Karamasow. Die Legende hat quasi zwei Autoren, denn laut dem Roman wurde sie von Ivan Karamasow verfasst und seinem Bruder Alexej erzählt. Ivan legt sein Credo dar: Er lässt die Existenz Gottes zu, aber er kann die Ordnung der von Gott geschaffenen Welt nicht annehmen. Denn wenn die zukünftige Harmonie auf den Leiden der Vielen, vor allem der Kinder, aufgebaut wird, kann ein anständiger Mensch sie nicht annehmen. „Nicht, daß ich Gott nicht hinnähme, [...] ich retourniere nur ehrerbietigst das Billett.“12 Die Legende ist die Antwort Ivans auf den Einwand seines Bruders, dass es einen „einzig Sündlosen“ gebe, nämlich Jesus Christus, der verzeihen könne. „Diese 'Legende vom Großinquisitor' ist das poetische Destillat der Auflehnung Ivans.“13 Zimmermann löst die Legende in seiner Komposition von dem Kontext der Karamasow-Geschichte. Er interessiert sich nicht für das psychologische Portrait Ivans, sondern für die moralischen Fragen, die in der Legende aufgeworfen werden.

Die Handlung der Legende spielt in Sevilla im 16. Jh. „als zum Ruhm Gottes im ganzen Land täglich die Scheiterhaufen loderten.“14 Jesus kommt auf die Erde und wirkt dieselben Wunder wie schon vor langer Zeit in Israel. Er wird erkannt. Der Großinquisitor, der auch ein Augenzeuge der Wunder Jesu war, lässt ihn verhaften. Danach kommt er in den Kerker, wo er seine Anklagerede gegen Jesus hält. Ivan Karamasow will durch Großinquisitor-Legende zeigen, wie absurd die Ordnung und die Lehre Christi seien, denn sie berücksichtigen die schwache Menschennatur nicht. Die Mehrheit der Menschheit ist schwach und will nur Glück, Ruhe und Satt-Sein. Christus bietet Freiheit an, „eine hochmütige und stolze Gabe, weil sie nur für eine verschwindende Zahl starker, auserwählter Menschen zu tragen und zu ertragen sei.“15 Der Großinquisitor war selbst ein Nachfolger Jesu, aber er hat die Unvollkommenheit seiner Lehre erkannt und hat sie korrigiert. Er und seine Gleichgesinnten haben die Ideen Satans aufgegriffen und durch sie die Lehre Jesu verbessert. Im Grunde ist die Legende eine Interpretation der drei Versuchungen Christi. Die drei Versuchungen sieht der Inquisitor im Unterschied zu Jesus als die wahren, weisen Konzepte, die das Glück der Menschheit ermöglichen. Die drei Fragen erschließen den Weg, den Christus abgelehnt hatte, den aber später seine Nachfolger und eigentlich die ganze Menschheit wählt. „Denn diese drei Fragen vereinen zu eine prophetischen Ganzen die gesamte künftige Geschichte der Menschheit und die drei Bilder, in denen sämtliche unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur auf der ganzen Welt sich konzentrieren.“16 Die drei Gaben des Wüstengeistes waren Brot, Macht und Wunder. Auf die erste Versuchung antwortet Christus damit, dass er die Freiheit über die Materialität stellt. „Du aber wolltest dem Menschen die Freiheit lassen und verwarfst das Angebot, denn was wäre das für Freiheit, [...] wenn der Gehorsam mit Broten erkauft würde?“17 Die Gabe wird von der Kirche bzw. von der Menschheit angenommen. „Weißt Du auch, daß Zeiten vergehen werden und daß die Menschheit durch den Mund ihrer Weisheit und Wissenschaft verkünden wird, daß es kein Verbrechen gibt, folglich auch keine Sünde, sondern nur Hungernde? 'Mache sie satt, und verlange dann von ihnen Tugend!'iils Die Freiheit ist für die Menschheit eine viel zu schwierige Gabe, deswegen wird sie gegen das irdische Brot ausgetauscht. Der Inquisitor bzw. die Kirche wird der Menschheit das Brot anstelle der Freiheit geben. „Der Inquisitor reklamiert für sich Selbstlosigkeit. Er betrachtet sich als Dulder, der für das Glück der Vielen die Qual der Lüge auf sich nimmt, im Namen Christi zu sprechen, doch mit dem Satan zu handeln.“18 19 Der Großinquisitor ist fasziniert von der Klugheit des Wüstengeistes und letztendlich bekennt er, dass er nicht mehr mit Jesus, sondern mit ihm (Satan) sei. Er besteht, dass sie die Lehre Jesu korrigiert und sie „auf Wunder, Geheimnis und Autorität gegründet“20 haben, genau auf die drei Gaben des Wüstengeistes.

Jesus gibt ihm keine Antwort, sondern küsst ihn. Der Kuss als Sinnbild der Gnade und der Nächstenliebe gibt aber keine Antwort und keine Lösung. Trotz seinem ursprünglichen Vorhaben, Jesus als Ketzer zu verbrennen, lässt der Großinquisitor ihn frei und bleibt alleine.

Der Großinquisitor erfüllt zwei Rollen, sowohl bei Dostojewskij als auch bei Zimmermann. Einerseits erhebt er die Klage gegen Gott anlässlich des irdischen Unrechts und der menschlichen Ohnmacht, andererseits ist er der Inbegriff des Unrechts.21

2.3 Das Zitat des Schlusschorals der Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“, BWV 60 von J. S. Bach

Der Choral wird in dem Werk instrumental dargeboten. Der Text des Chorals ist jedoch mitgemeint. Die instrumentale Darbietung verweist, wie später gezeigt wird, auf die Erschöpfung des Protagonisten und seine „stumme“ Bitte um die Befreiung vom Leben.

3 Dramaturgische Form des Werkes

Die Texte und ihre Dramaturgie geben dem Werk seine Großform. Wie schon erwähnt wurde, kann man in dem Prediger-Abschnitt drei Themen erkennen, nämlich Unrecht, Mühe und Einsamkeit. So ist auch Ekklesiastische Aktion dramaturgisch in drei Teile zu gliedern mit jeweils entsprechendem Inhalt. Die Teile sind von einander durch Zwischenspiele abgetrennt.

3.1 Teil 1: „Unrecht“

Der erste Teil erstreckt sich bis Ziffer 45. In dem ersten Abschnitt ( Z.l - Z. 15) wird Vers 1 vom Sprecher 1 und vom Bass vorgetragen. Der Text des Verses erklingt am Anfang in seiner ursprünglichen Gestalt, d.h. noch ohne Wechselwirkung mit der Großinquisitor-Legende. Das darauffolgende Nachspiel betont die Motto­Rolle des Abschnittes und seine Allgemeingültigkeit ( „ [...] alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ Pr.4.1)

Im zweiten Abschnitt wird vom Sprecher 2 die Großinquisitor-Legende vorgetragen. In dem Abschnitt wird deutlich, dass der Interpret (noch) nicht die Figur des Inquisitors verkörpert. Den Erzählungscharakter des Abschnittes erkennt man an der indirekten Rede und an der Schilderung der Szene. Wenn der Prediger das Unrecht als allgemeingültige Tatsache verkündigt, so dient die Legende als konkretes Beispiel des Unrechts. Jesus kann oder will sich nicht gegen das Unrecht des Inquisitors wehren. Vers 2 erklingt als Reaktion auf die Drohungen des Inquisitors (Z. 28 - Z. 31). Bewusst will der Greis die schrecklichste Sünde der Menschheit wiederholen. In solcher Welt ist es besser tot als lebendig zu sein, so der Prediger. Die Worte des Predigers werden wieder durch das Nachspiel vom weiteren Text abgetrennt. „Die Nachspiele, die die Predigertexte von den nachfolgenden Großinquisitor-Passagen absetzen, zeigen an, dass umgekehrt die Inquisitorpassagen nicht als direkter Kommentar zum Prediger zu lesen sind.“22 Im nächsten Abschnitt (3, Z. 32 - Z. 41) kommt der Inquisitor zur ersten Versuchung, in der der Wüstengeist auf die Möglichkeit, die Herrschaft über die Menschennatur zu gewinnen, nämlich Menschen das Brot zu geben, verweist. Es erfolgt nochmals die Reaktion des Predigers. Diesmal hat Zimmermann den Bibelvers verkürzt und dadurch seine Bedeutung geändert. Der Kohelet lobt die Ungeborenen, denn sie kennen das Böse nicht. Zimmermann verändert den Vers so, dass die Unwissenden gelobt werden, die wegen ihrer Naivität das Böse nicht erkennen.

Danach folgt ein starkes Zwischenspiel, das den ersten Teil vom zweitem abtrennt. Am Ende des Zwischenspiels steht die Anklage des Inquisitors gegen Jesus. Zum ersten Mal stehen seine Worte nicht in Anführungszeichen, was zeigt, dass der zweite Sprecher abjetzt den Großinquisitor verkörpert.23

3.2 Teil 2: „Mühe“

Der zweite Teil „Mühe“ (Z. 47 - Z. 79) beginnt mit dem 4. Prediger-Vers. Hier verkürzt wiederum Zimmermann den Vers, indem er die Anfangsformel „ [...] wandte mich und [...]“ weglässt. Der Inhalt des Textes bleibt allerdings gleich, nämlich Eitelkeit der Arbeit. Zwischen Vers 4 und Vers 5 klingt ein instrumentales Zwischenspiel (Z. 49 - Z. 50). Danach klingt Vers 5, in dem das Verhängnis der Faulheit erklärt wird. Ab Ziffer 50 ist der Teil mit der Überschrift Rappresentativo versehen. Die Basspartie wendet sich zu einer Art des Sprechgesangs.

Es wird allmählich „tatsächliches Bühnengeschehen“24 aufgebaut. Das zeigt auch die Anweisung (IT. vor Z. 52) für die Solisten den „Text 'mitzuspielen'“25. Der zweite Sprecher hat ab jetzt lediglich die Rede des Inquisitors. Es wird ab dieser Stelle nämlich nicht die Geschichte vorgelesen, sondern eine Szene gespielt. Der lange Monolog des Inquisitors endet mit dem Bekenntnis der Kooperation der Kirche mit dem Satan. Gleich danach folgt ein Percussion-Zwischenspiel. (Z. 65 - Z. 66)

Im nächsten Abschnitt (Z. 66 - Z. 71) ändert sich die Komposition des Textes zu einem Dialog, was auch wiederum in der Anweisung steht: „Dialog der Sprecher Schlag auf Schlag“.26 Solisten haben weiterhin einen eigenen Text aus jeweiligen Quellen, die Texte erscheinen j etzt als Kommentar zu dem, was der Mit- bzw. der Gegenspieler sagt. Die Protagonisten sprechen ihre Sätze nicht vollständig aus, denn sie unterbrechen einander. Die nächste Ebene der Beziehungen der Protagonisten, nämlich die Konfrontation, wird durch die „Startstellung“ gezeigt. (l.Spr. - Z. 68; 2.Spr. - 4 T. nach Z. 68) Das Sprechtempo wird bis Z. 71 beschleunigt (accelerando), es bleiben nur Satzfetzen bzw. einzelne Wörter. Es wird bis Z. 69 das Gefühl verliehen, dass die Protagonisten einander nicht vollständig aussprechen lassen, aber sie hören wenigstens noch etwas von der Gegenseite. AbZ. 69 sprechen sie fast immer gleichzeitig. Der Konflikt verschärft sich. Im dritten Takt vor Z. 71 springen beide Sprecher in Normalstellung auf. Der Streit ist beendet.

Aber es folgt die höhere Ebene der „Mühe“, die in körperlichen Aktionen, solche wie Aufstampfen mit Füßen, Luftsprüngen und sogar akrobatischen Aktionen, ausgedrückt wird. Der Abschnitt wird vom Bass eingeleitet.

In diesem Abschnitt bekennt der Großinquisitor, dass er ein Nachfolger Jesu sein wollte, aber seine Mühe vergebens war. Gleich danach folgt bei Zimmermann der Kuss von Jesus als Antwort. Somit ist die Figur des Inquisitors in dem Werk von Zimmermann anders dargestellt als bei Dostojewskij. Zimmermann betont in erster Linie das Scheitern des Inquisitors als Nachfolger Jesu. „Bei Zimmermann tritt der Großinquisitor zwar in einer Position der Stärke an, wird jedoch zusehends geschwächt. Zimmermann legt die Deutung nahe, der Großinquisitor habe auf seinem Weg, ein Auserwählter Jesu zu werden, versagt. Der Ausdruck gleitet vom Überlegenen ins Verzweifelte ab.“27 An der Stelle wird der Inquisitor als „schwacher Empörer“ gezeigt. „Der Großinquisitor steht für Auflehnung und Ohnmacht, für Anklage und Schuld.“28 Der 2. Sprecher und der Bass haben den gleichen Text, der den Leerlauf der Mühe ausdrückt. Die Protagonisten widersprechen somit einander in dem Abschnitt nicht. Sie sind zu dem Zeitpunkt Gleichgesinnte. Die Dissonanz, die die Protagonisten spüren, wird durch die Weltordnung ausgelöst. So klingt hier indirekt eine Klage gegen Gott.

Die Aktion wird angehalten (1 T. vor Z. 76). Die Solisten stehen ruhig. Der erste Sprecher schlüpft in die Erzähler-Rolle und berichtet über die Antwort Jesu, über den Kuss. Wie schon erwähnt wurde, bringt diese Antwort keine Lösung. Das ist fast keine Antwort, denn die Protagonisten bleiben mit ihren Problemen zurück. Die Enttäuschung löst den Kontrollverlust aus, welcher im letzten Abschnitt (Z. 78 - Z. 79) des Mittelteils herrscht. Es klingt 16 Takte lang ein Zwölftonakkord. In der zweiten Hälfte des Abschnittes (7 Takte vor Z. 79) wird der Chaos durch das wilde und chaotische Einschlagen des gesamten Schlagzeugs erzeugt. Während dessen stampfen und springen beide Sprecher mit Schreien, danach rufen sie durcheinander Wörter der bedauerlichen Aussichten der Menschheit: „Reichtum, Selbstvemichtung, sich gegenseitig ausrotten“.29 Es ist der Höhepunkt der unsinnigen Mühe und der Auflehnung erreicht. „Anklage kippt in Klage, Auflehnung in Ohnmacht.“ An dem Wendepunkt (Z. 79) beginnt der letzte Teil „Einsamkeit“.30

3.3 Teil 3: „Einsamkeit“

Der Teil beginnt mit dem Lamento des Basses (Z. 79 - 3 T. vor Z. 83). Das Lamento ist wortlos bis auf eine Stelle: als der 2. Sprecher über die Freilassung Jesu berichtet, greift der Bass die Wörter „und er läßt ihn hinaus“ auf. Der Großinquisitor bleibt allein.

Nach dem Lamento des Basses spricht der 1. Sprecher den Prediger-Text: „So ist's ja besser zwei als eins; denn sie genießen doch ihrer Arbeit wohl. Fällt ihrer einer so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist!“ (Pred. 4. 9-10) Der Text wird dann auch vom Bass gesungen. In dem Abschnitt wird die Vereinzelung dadurch betont, dass der 1. Sprecher und der Bass nicht mehr gleichzeitig den Text vortragen. Jeder Mensch bleibt allein mit seinem Schmerz. Und die Menschheit ist gottverlassen.

Danach folgt der Abschnitt, in dem Zimmermann den Interpreten sehr viel Darbietungsspielraum gibt. Zimmermann skizziert lediglich die Szene, indem er die Körperhaltung der Solisten und des Dirigenten, die Textabschnitte und den Rhythmus anweist. Es scheint, als ob der Komponist sein Werk verlasse.,,[...] der Abschnitt (kann) nur symbolisch verstanden werden, als ein Rückzug aus dem Anspruch des Komponisten auf gestaltenden Eingriff. Das Geschehen wird sich weitgehend selbst überlassen.“31 Außerdem betont die Autonomie, mit welcher jeder Interpret agieren kann, nochmal die Vereinzelung: Sie sind zusammen, aber jeder ist einsam. Der Abschnitt dient, laut Anweisungen des Komponisten, als „Einführung“ in die folgende wortlose Wehklage des Sängers. Die Noten und ihre rhythmische Relation untereinander sind notiert, die Wahl des Tempos überlässt Zimmermann dem Sänger. Das Werk wird mit dem Choralzitat fast beendet.

Der Choral wird instrumental ausgeführt. Der Text des Chorals wird mitassoziiert und „drückt eine allgemeine Lebensmüdigkeit aus“32: „Es ist genug, Herr, wenn es Dir gefällt, so spanne mich doch aus!“ Das Zitat wird instrumental von einer Schlussgeste unterbrochen.

Zusammengefasst macht die Dramaturgie der Texte folgende Entwicklung: von der „parallelen“ Disposition der Texte über den Dialog miteinander bzw.

[...]


1 Oliver Korte, Die EkklesiastischeAktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, Sinzig 2003, S. 14-16

2 ebd., S. 17

3 ebd., S. 16-19

4 ebd.,S.28

5 ebd.,S.25

6 Aarre Lauha, Kohelet, Neukirchen 1978, S.l-4, 22-24, 30

7 Bernd Alois Zimmermann, Intervall und Zeit,Aufsätze und Schriften zum Werk, Mainz 1974, S. 92

8 Lauha 1978, S.82

9 ebd.,S.85

10 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, S. 29-31

11 Lauha 1978, S. 80-90

12 F. M. Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, S. 396

13 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik des Scheiterns, S.32

14 F. M. Dostojewskij, BrüderKaramasow, S. 400

15 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, S. 33

16 F. M. Dostojewskij, BrüderKaramasow, S. 406

17 ebd., S. 407

18 F. M. Dostojewskij, BrüderKaramasow, S. 407

19 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, S. 33

20 F. M. Dostojewskij, BrüderKaramasow, S. 414

21 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, S. 31-34

22 Oliver Korte, Die EkklesiastischeAktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik des Scheiterns, S. 36

23 ebd., S. 35-37

24 ebd., S. 37

25 Bernd Alois Zimmermann, „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester, S.27

26 Bernd Alois Zimmermann, „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester, S.34

27 Oliver Korte, Die EkklesiastischeAktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik desScheiterns, S. 39

28 ebd., S. 40

29 Bernd Alois Zimmermann, „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne“ Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester, S.43

30 Oliver Korte, Die Ekklesiastische Aktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik des Scheiterns, S. 37- 40

31 Oliver Korte, Die EkklesiastischeAktion von BerndAlois Zimmermann. Untersuchungen zu einer Poetik des Scheiterns, S. 42

32 Ebd., S. 42

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Bernd Alois Zimmermanns "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne". Eine musiktheoretische Untersuchung
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
2,1
Autor
Jahr
2015
Seiten
36
Katalognummer
V512457
ISBN (eBook)
9783346103390
ISBN (Buch)
9783346103406
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zimmermann, Bibel Dostojewsky
Arbeit zitieren
Oksana Danych (Autor), 2015, Bernd Alois Zimmermanns "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne". Eine musiktheoretische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512457

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