Erzähltextanalyse zu Martin Auers "Das Kind, das nicht an Gespenster glaubte"


Hausarbeit, 2004
19 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die allgemeine Charakterisierung des Erzähltextes
2.1 Die Inhaltshypothese

3. Die Analyse und Interpretation des Erzähltextes
3.1 Die Ereignisanalyse
3.2 Die Analyse der Figuren
3.3 Die Analyse des Menschen- und Weltbildes
3.4 Die Analyse der symbolischen Bedeutung
3.5 Die Analyse der Gestaltungs- und Erzählweise

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im folgenden werde ich mich mit der Analyse des Erzähltextes >Das Kind, das nicht an Gespenster glaubte< von Martin Auer beschäftigen. Nach dem ersten Lesen des Textes fiel mir zunächst die offene Auflösung auf, die ich für eine Kindergeschichte ganz untypisch fand. Nachdem ich jedoch Recherchen zur Person Martin Auers angestellt habe, bin ich auf Hinweise gestossen, mit denen ich mir ein solch ungewöhnliches Ende besser erklären konnte. Martin Auer ist ausgebildeter Schauspieler und hält oft Lesungen[1] vor Kindern, während dieser Lesungen spielt er Teile seiner Geschichten vor, begleitet sie mit Zauberkunststücken oder Gitarrenspiel. Wesentlich ist hierbei, dass Auer im Nachhinein mit den Kindern diskutiert, philosophiert und phantasiert. Das offene Ende der Geschichte, dass geradezu auf dem Höhepunkt des Konflikts stattfindet, eignet sich somit optimal Kinder vor Fragen zu stellen, die sie zum Nachdenken und Diskutieren verleiten. Nach dem ersten Lesen des Erzähltextes empfand ich selbst ebenfalls das Bedürfnis über das Geschehen nachdenken zu müssen. Dies schrieb ich dem abrupten Ende und dem unbefriedigenden Gefühl zu, im Unklaren bleiben zu müssen, ob es innerhalb der Geschichte tatsächlich Gespenster gibt oder ob das Kind sämtliche Erscheinungen selbst -vielleicht unbewusst- initiiert hat. Mit dem Gespenst assoziierte ich auch eine unterdrückte Angst des Kindes vor dem Irrationalen. Eine Angst, die ins Uferlose wachsen kann, wenn das Kind mit ihr allein ist. Das gespaltene Verhältnis des Kindes zum Irrationalen könnte wiederum zu einer kognitiven Dissonanz führen, die Gefühle der Frustration weckt. Da Frustration nach den psychologischen Untersuchungen der Yale-Gruppe[2] ein aggressionsförderlicher Reiz ist, könnte nach meinen Hypothesen das Kind durchaus selbst der Aggressor sein. Die Äusserung aggressiver Reaktionen führt in regelmässigen Abständen zur Katharsis, zum Abbau aggressiver, durch Frustration ausgelöster Energien. Mein erster Impuls nach dem Lesen der Geschichte war es also, eine psychologisch geprägte Hypothese zum Charakterbild des Kindes aufzustellen. Dabei spürte ich einen affektiven Spannungszustand, der mir gleichermaßen verriet wie leid es mir tut, nicht mehr an Gespenster zu glauben. Ich empfand den Verlust des Gefühls, eine Geschichte als atmosphärisches, emotionales Wahrnehmungsphänomen auffassen zu können und war erinnert an Gunter Ottos Didaktik zur Pluralität von Erkenntniswegen[3]. Nach Gunter Otto existieren neben der wissenschaftlichen Rationalität anders organisierte Realitätszugänge, die gleichermaßen Erschliessungskräfte besitzen. Ästhetisches und wissenschaftliches Denken stehen für Otto in einem Verhältnis der Komplementarität. Zwischen ihnen steht ein Kraftfeld produktiver Spannung und unhintergehbarer Differenz. Otto fordert die Einbeziehung der Pluralität von Erkenntniswegen nicht nur für den Kunstunterricht. Kinder sollen in allen Unterrichtsfächern nicht nur vom logischen Allgemeinen erfahren, sondern auch „die Erfahrung des Interpretierbaren, Vieldeutigen, der subjektiven Konkretition machen“ (Otto; S.82). Die Idee der Komplementarität tritt für Otto schon „in den Spannungsfiguren des schillerschen Denkens“ (Otto, S.226) in Erscheinung. Anhand des Erzähltextes von Martin Auer wurde ich mir dieser Differenz der beiden Erkenntniswege sehr bewusst.

2. Die allgemeine Charakterisierung des Erzähltextes

Der vorliegende Erzähltext stammt von Martin Auer. Zeitpunkt der Veröffentlichung konnte ich nach Internet- und Bibliotheksrecherche nicht herausfinden. Der Text stammt jedoch offensichtlich aus einem Sammelband. Die Seiten 23-25 sind aus diesem unbekannten Sammelband entnommen und auf einer DinA4 Seite abgedruckt worden. Der Zeitraum lässt sich jedoch eingrenzen anhand der im Internet verfügbaren biographischen Daten des Autors. Martin Auer wurde 1951 in Wien geboren und veröffentlichte im Jahre 1986 sein erstes Kinderbuch >Was niemand wissen kann - Seltsame Verse und sonderbare Geschichten<[4], woraufhin viele weitere folgten. Seit dieser ersten Veröffentlichung hat Martin Auer zahlreiche Kinder- und Jugendbuchpreise für seine Werke erhalten.

Der Text >Das Kind, das nicht an Gespenster glaubte< ist eine Kurzgeschichte und damit der Gattung Epik zuzuordnen. Die äussere Form des Textes erinnert an einen für Kindergeschichten typischen Erzähltstil. Obgleich die Geschichte nicht den Eindruck macht, ausschliesslich für Kinder verfasst worden zu sein. Dazu später mehr.

2.1 Inhaltshypothese

Ich versuche nun eine Inhaltshypothese aufzustellen, die im weiteren Verlauf der Hausarbeit den Status einer Arbeitshypothese bekommt. Im Leitfaden zur Analyse und Interpretation von Erzähltexten von Prof. Dr. J. Stückrath sind zwei Grundformen zur Zusammenfassung von Erzähltexten vorgestellt worden. Die erste Variante der Zusammenfassung stellt die Hauptfigur in den Mittelpunkt und verweist auf die Handlung des Erzähltextes. Die andere Variante hebt das Abstraktum, das mögliche „Thema“ des Erzähltextes hervor.

Die Entscheidung fällt mir schwer, da ich zum einen meist dazu tendiere das Abstraktum einer Geschichte in den Vordergrund zu stellen, zum anderen erscheint mir die Konstruktion der Hauptfigur des Erzähltextes äusserst interessant. Ich entscheide mich jedoch für die Analyse des möglichen „Themas“ des Textes, da ich mir erhoffe durch die Wahl der vertrauteren Arbeitsmethode Vorteile im Erschliessen der Geschichte zu erlangen. Bei der Figurenanalyse werde ich auch auf die aussergewöhnliche Erscheinung der Hauptfigur eingehen.Ich stelle also folgende Inhaltshypothese auf:

„ Martin Auers Kurzgeschichte handelt von den Problemen, die es bereiten kann, wenn man sich weigert an Dinge zu glauben, obgleich diese offensichtlich sind.“

Anhand meiner weiteren Analyseschritte versuche ich diesen Leitgedanken zu belegen, ihn in jedem Falle im Blick zu behalten und gegebenenfalls zu modifizieren.

3. Die Analyse und Interpretation des Inhalts

Im folgenden werde ich mich der Strukturanalyse der Handlung zuwenden und dabei auch prüfen, ob sichanhand des Erzähltextes ein bestimmtes Menschen- und Weltbild erkennen lässt. Ich versuche dadurch meine intuitiven Eindrücke mit Hilfe eines begrifflichen Instrumentariums zur Erzähltextananalyse auf die Probe zu stellen.

„Um eine literaturwissenschaftlich fundierte Strukturanalyse der „Handlung“ eines Erzähltextes zu ermöglichen, ist es nötig, den Oberbegriff „Handlung“ mit Hilfe des Unterbegriffs “Komplikationshandlung“ auszudifferenzieren.“[5] In dem vorliegenden Erzähltext ist der Träger der Komplikation ein Kind, das nicht an Gespenster glaubt. Das Kind bewertet es positiv, nicht an Gespenster zu glauben und die Fähigkeit zu besitzen, sich die Welt auf rationale Art und Weise erklären zu können. „>Und überhaupt, wer weiss, dass zweiundzwanzig mal neunzehn vierhundertachtzehn ist, der glaubt nicht an Gespenster.<“ (Auer, Zeile 13f.) Diese Rationalität ist das Gut des Komplikationsträgers. Es tritt eine Störung auf, in dem die Gespensterwelt versucht, das Kind vom Gegenteil zu überzeugen. „Da waren die Gespenster natürlich sehr beleidigt.“ (Auer, Zeile 15) Es gibt unterschiedliche Argumente, um die Störung als Schädigung oder als Mangel zu charakterisieren. Die jeweils eingenommene Perspektive ist hierbei entscheidend. Für eine Schädigung spricht, dass das Kind Rationalität mit einem ihm eigenen Tunnelblick uneingeschränkt als positiv zu bewerten scheint. Dass also auch der Glaube an das Übersinnliche, Irrationale ein Gut sein kann, wird von ihm gar nicht wahrgenommen. Tatsächlich lässt das Kind die Schädigung in Form des Verlustes des >Glaubens< an die Rationalität bis zum Ende des Textes gar nicht zu. Man könnte also auch von einem Mangel sprechen. Einem Mangel, der dem Kind gar nicht bewusst ist, der sich ihm jedoch unterbewusst in Form eines wütenden >Gespenstes< offenbart. Die Zerstörungswut dieses Gespenstes eskaliert gegen Ende der Geschichte. Das Kind gerät immer mehr in eine Art Ohnmachtszustand, der es evident macht, dass die Störung aufgehoben, der Mangel an Glauben beseitigt werden muss, wenn das Kind nicht in immer grössere Konflikte mit seiner Umwelt geraten will. „>(...) wenn du nicht aufhörst so rumzutrotzen, gibt`s drei Wochen Fernsehverbot!<“ (Auer, Zeile 57f.) Hier tritt ein interessanter Bezug zu meiner Anfangshypothese in Erscheinung. Im vorigen Kapitel stellte ich die Hypothese auf, dass Martin Auers Erzähltext von den Problemen handelt, die es bereiten kann, wenn man sich weigert an Dinge zu glauben, die offensichtlich sind. Das Wort >Glaube< ist in meine Anfangshypothese also bereits involviert. Interessant wird es in dem Moment, in dem Glaube mit Offensichtlichem in Verbindung tritt. Wie kann Glaube offensichtlich sein ? Martin Auer hat hier eine bemerkenswerte Gradwanderung geschaffen, indem er das Übersinnliche agieren liess. Ausgerechnet, der an der naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt festhaltende Protagonist, wird zu dem Handlungsträger, der das Übersinnliche für den Leser offensichtlich macht. Ich werde in meiner Figurenanalyse näher darauf eingehen und auch die hierbei entscheidende Figur der Mutter näher betrachten. Die Faktoren, die die zentrale Komplikationshandlung, umgeben lassen sich folgendermassen charakterisieren: der auslösende Faktor ist, wie bereits erwähnt, die Beleidigung der Gespensterwelt durch die Welteinstellung des Kindes. Der Faktor, der die Komplikation immer offensichtlicher macht, ist die Unveränderbarkeit dieser Einstellung. Das Kind äussert sich niemals wörtlich zur Zerstörungswut des Gespenstes. „Das Kind sagte nichts.“ (Auer, Zeile 40, 48) In den Augen seiner Umwelt ist es jedoch selbst durch die ihm zugeschriebenen Handlungen Auslöser der Zerstörungen.

„>Du kannst doch nicht anfangen, deine Kleider zu zerschneiden ? <“ (Auer, Zeile 46) Die unveränderte Einstellung des Komplikationsträgers lässt die Beleidigung der Gespensterwelt gegen Ende des Textes in Zorn umschlagen. Die unbeachteten Fingerzeige des Übersinnlichen entladen sich in einer Verwüstung des Kinderzimmers. Damit einher geht auch der reale Zorn der Mutter des Komplikationsträgers, die weiterhin keinen Anlass erfährt, die Handlungen nicht dem Kind zuzuschreiben. Die Auflösung der Geschichte bleibt offen. Nach der Verwüstung des Kinderzimmers erfährt der Leser von keiner Reaktion des Kindes. Nicht nur die Einrichtung des Kinderzimmers ist in Mitleidenschaft gezogen, auch das Verhältnis des Kindes zu seiner Umwelt wird im Verlauf der Handlung zunehmend gestört. Dies äussert sich sowohl in den sozialen Beziehungen zu seiner Mutter als auch in der essentiellen, lebensbedrohenden Störung der Nahrungsaufnahme. „ >Ich weiss nicht, du kommst mir so mager vor ?< “ (Auer, Zeile 38f.) Die Wut der Gespensterwelt bleibt ebenso bestehen, wenn das Kind seine Einstellung nicht ändert. Der Fortgang der Geschichte bleibt dem Leser überlassen. Wird das Kind seinem Gut, dem Festhalten an der Rationalität, entsagen können, beziehungsweise den Mangel an Glauben beseitigen können ? Dies wäre eine in der Klassik tradierte Form der Auflösung. Dafür sprächen die Vielzahl der Gründe, die dem Kind zunehmend das Leben erschweren. Der Widerstand des Kindes oder auch seine Unfähigkeit eine Einstellungsänderung zu vollziehen, haben jedoch während des gesamten Handlungsverlaufs keine Anzeichen gezeigt, gebrochen oder beseitigt werden zu können. Was würde geschehen, wenn der Komplikationsträger seinen Widerstand aufrecht erhält ? Spekulationen in all diese Richtungen sind von Martin Auer höchstwahrscheinlich erwünscht, da er seine Texte häufig als philosophische Diskussionsanreger nutzt. Da in modernen Texten häufig inneres Geschehen und offene Auflösungen dominieren ist Auers Erzähltext eindeutig hier einzuordnen. Eine Vertiefung des von Auer vermittelten Menschen- und Weltbildes folgt in einem späteren Kapitel.

[...]


[1] http://www.netz-tipp.de/autoren/MartinAuer/Martin Auer

[2] Stroebe, W., Jonas, K. & Hewstone, M. (Hrsg.) S.356

[3] Otto, Gunter, Lernen & Lehren zwischen Didaktik und Ästhetik, Band III: Didaktik & Ästhetik; Seelze-

Kelbern 1998

[4] Weinheim, Beltz & Gelberg 1986

[5] Stückrath, S.11

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Erzähltextanalyse zu Martin Auers "Das Kind, das nicht an Gespenster glaubte"
Hochschule
Universität Lüneburg
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V51252
ISBN (eBook)
9783638472722
ISBN (Buch)
9783638764957
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzähltextanalyse, Martin, Auers, Kind, Gespenster
Arbeit zitieren
Mirja Brandenburg (Autor), 2004, Erzähltextanalyse zu Martin Auers "Das Kind, das nicht an Gespenster glaubte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51252

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