Identitätsstiftende Elemente in der italo-amerikanischen Mafia zu Beginn des 20. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2019

29 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die italo-amerikanische Mafia

2. Hauptteil
2.1 Selbstbild der Mafia
2.2 Wahrnehmung der Mafia durch die US-Regierung
2.3 Politik der Mafia

3. Mafiöse Praktiken
3.1 Taktisches Lügen
3.2 Gewalt
3.3 Rituale

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

6. Anmerkungen zum Text

1. Einleitung

In der deutschen Rechtsprechung werden Vereinigungen der Organisierten Kriminalität anhand folgender Merkmale definiert: Es muss mindestens ein Zusammenschluss von drei Personen auf eine bestimmte Dauer gegeben sein. Hinzu kommt, dass die Akteure gemeinsame kriminelle Ziele verfolgen müssen und sich dem Willen der Gesamtheit unterordnen. Ein weiteres Kennzeichen dieser Organisationen ist, dass sie ein Verständnis als einheitlicher Verband entwickeln oder genauer gesagt eine Gruppenidentität.1 Identität bzw. die Analyse von historischer Identitätsbildung im Kontext von Kriminellen Organisationen, wie sie im Rahmen dieser Arbeit erfolgen soll, eröffnet eine Perspektive, die es erlaubt, die identitätsstiftenden Elemente von kriminellen Organisationen sowie damit verbundene Dynamiken der Differenzmarkierung besser in den Blick zu bekommen. Identität wird dabei als eine bestimmte Art und Weise des Selbstverstehens und der Selbstinterpretation innerhalb einer kulturellen Subjektform definiert. Der Begriff Subjekt wiederum bezeichnet ein Individuum, das durch die jeweils vorherrschenden historischen, sozialen und kulturellen Umstände vergesellschaftet wird.2 Der Prozess der Vergesellschaftung fixiert aber nichts dauerhaft, sondern muss als ein: „ewiges Fließen und Pulsieren, das die Individuen verkettet.“, gedacht werden.3 Der Fokus der Analyse soll dabei hauptsächlich auf den textuellen Darstellungsformen liegen, mit deren Hilfe eine mafiöse Identität hergestellt wird. Innerhalb der zu dieser Arbeit herangezogenen Quellen verorten sich die Akteure immer wieder auf eine ähnliche Art und Weise in einem Ensemble bestimmter Aussagen, welche einen historisch-spezifischen, italo-amerikanischen Mafia-Diskurs konstituieren. Unter einem Diskurs wird ein Ensemble einzelner Aussagen verstanden, die regelmäßig in Erscheinung treten und gleichzeitig als funktionstragende Elemente des Diskurses agieren. Unter Aussagen versteht man keine grammatikalischen Einheiten der Sprache. Aussagen definieren sich über ihre Funktion innerhalb des Diskurses.4 Durch die Verortung der jeweiligen Akteure innerhalb des Diskurses entsteht eine mafiöse Identität. Aber auch durch das Tätigen bestimmter Praktiken wird eine mafiöse Identität hergestellt. Der Rahmen der Analyse wird dabei grob auf die italo-amerikanische Mafia im Großraum New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingegrenzt. Die Analyse soll dabei hauptsächlich am Beispiel der Autobiografie des Mafiosis Jospeh Bonanno erfolgen. Im Umfeld von kriminellen Organisationen lassen sich historische Prozesse der Identitätsbildung schwer nachvollziehen. Erstens wegen der schlechten Quellenlage und zweitens unterwerfen sich die Mitglieder einem absoluten Schweigegebot. Aber da die meisten Mitglieder von solchen Organisationen irgendwann aussortiert und vergessen werden, sobald sie nicht mehr von Nutzen sind, entstand bei einigen Akteuren der Wunsch, ihr Leben zu rechtfertigen, ihrem Tun einen Sinn zu geben.5 Der Erste, der diesen Schritt ging, war Nicola Gentile. Er veröffentlichte 1963 seine Autobiografie über seine Zeit in der italo-amerikanischen Mafia.6 Ein Beispiel für ein weiteres mafiöses Selbstzeugnis ist die Autobiografie von Giuseppe Bonanno7, der in den USA seinen Namen amerikanisierte und sich Joseph „Bananas“ Bonanno8 nannte. Er wird 1905 in Castellammare del Golfo auf Sizilien geboren und flüchtete in den 1920er Jahren aus Italien. Bonanno stieg in der Hierarchie der Mafia recht schnell auf, denn er hatte im Kampf gegen Joe „The Boss“ Masseria an der Seite von Salvatore Maranzano bewiesen, dass auf ihn Verlass war. Dieser Konflikt wird als Krieg von Castellamare bekannt. Nach der Ermordung von Maranzano wird er zum Anführer bzw. Capo seiner Familie und leitete diese 30 Jahre lang. 1983 beschloss er mit Hilfe des Journalisten Sergio Lalli seine Autobiografie zu veröffentlichen. Diese wird in der Mafia-Forschung sehr kritisch beurteilt, beispielsweise bezeichnet John Dicki, Bonannos Buch als „Unsinn“.9 Seine Autobiografie liefert aber einen guten Einblick in den Prozess seiner Mafia-Werdung bzw. die Entwicklung seiner mafiösen Identität. Was der Autobiografie von Bonanno und auch seiner Rolle, die er nach eigenen Angaben in der Mafia spielte, ein Stück weit Glaubwürdigkeit verleiht, ist die Tatsache, dass er nach dem Erscheinen seines Werkes von einer Anklagejury vorgeladen wurde. Das zeigt, dass die Behörden seine Aussagen durchaus ernst nahmen.10 Bonanno beschreibt sich in seiner Autobiografie als gebildet. Als Beispiel nennt er Gespräche mit Charlie „Lucky“ Luciano, Albert Anastasia und mit seinem Cousin Stefano Magaddino. In den Gesprächen mit ihnen hatte er manchmal literarische Anspielungen eingestreut, was diese verblüfft hat.11 Gleichzeitig gibt er aber zu, dass er Zeit seines Lebens nie die englische Sprache vollständig beherrschte. Bonanno beschreibt die Sprache, die er spricht, als eine Mischung aus Englisch, Italienisch und Französisch. Diese Kombination aus verschiedenen Sprachen charakterisiert er als hybrid. Mit seinen nur unzureichenden Kenntnissen der englischen Sprache begründet er auch die Hilfe von Sergio Lalli beim Verfassen seiner Autobiografie.12 Er spricht in der Einleitung seines Werkes davon, dass er ein gutes Gedächtnis besitzt, gleichzeitig gibt er aber zu, dass einige der Gespräche, die er wiedergibt, nur Annäherungen an das tatsächlich Gesagte sind. Diese Methodik der groben Annäherung beschreibt er als eine Nachahmung von Thukydides. Dabei stützt er sich auf folgendes Zitat des antiken Historikers:

„As to the speeches, it is hard for me to recollect the exact words. I have herefore put into the mouth of each speaker the sentiments proper to the occasion, expressed as I thought he would be likely to express them, while at the same time I endeavored, as nearly as I could, to give the general purport of what was actually said.“13

1.1 Die italo-amerikanische Mafia

Der Mafia-Begriff amerikanischer Prägung hat seinen Ursprung im „organized crime“-Begriff der 1920er Jahre. Die Bezeichnung „organized crime“ lässt sich für New York erstmals im Jahr 1906 und für Chicago im Jahr 1919 nachweisen.14 In New York steht die Entstehung des Begriffs mit einer Welle von Erpressungen unter italienischen Einwanderern in Zusammenhang. Um die Jahrhundertwende waren unter italienischen Einwanderern Erpresserbriefe verbreitet, die mit „Mafia“ oder „Camorra“ unterzeichnet waren. Erst ein Fall aus Brooklyn von 1903, bei dem der Brief mit „La Mano Nera“ bzw. „Schwarze Hand“ unterzeichnet war, gab dem Phänomen der Erpresserbriefe seinen Namen und wurde durch italienischsprachige Zeitungen übernommen und verbreitet.15 Ein solcher Brief sah z. B. folgendermaßen aus:

„Wir haben dir genügend Zeit gelassen. Wenn wir das Geld nicht bekommen oder du zur Polizei gehst, werden wir dich töten. Wir werden dein Geschäft übermorgen in die Luft sprengen. Es ist töricht von dir, das Geld über das Leben zu stellen.“16

Während die Strafverfolgungsbehörden von Einzeltätern und lockeren, jeweils eigenständigen Gruppierungen ohne eine übergeordnete Organisation ausgingen, zeichnete die Presse ein Bild einer zusammenhängenden, landesweit operierenden Organisation. So wurden in der Ausgabe der New York Times vom 21.12.1906 die „Black Hand“-Erpresserbriefe als: „organized crime among the low-class Italiens“ charakterisiert.17 Aber die eigentliche Geburtsstätte des „organized crime“-Begriffs liegt in Chicago. Dort wurde im Januar 1919 die Chicago Crime Commission als private Organisation gegründet, um mit statistischen Untersuchungen der Kriminalität in Chicago zu einer Verbesserung des örtlichen Strafjustizsystems beizutragen.18 Bei dem „organized crime“-Begriff der Chicago Crime Commission handelte es sich um eine Zustandsbeschreibung, mit der versucht wurde, die vielen Facetten der Kriminalität in Chicago zu beschreiben.19 Gleichzeitig versuchte man mit diesem neuen Begriff, die Kriminalität auf eine plausible Grundlage zu stellen. Denn bisherige Erklärungen für Kriminalität wie Geistesschwäche oder erbliche Belastungen der Täter griffen zu kurz bei der Beschreibung der Kriminalitätswirklichkeit in Chicago.20 Mitte der 1920er Jahre fand eine Ausdifferenzierung des „organized crime“-Begriffs statt. Man begann zwischen „gangsters und racketeers“ sowie zwischen Führern und Gefolgsleuten zu unterscheiden. In der Folgezeit wurden die Begriffe „gangs“, „syndicates“ und „criminal organizations“ synonym verwendet, aber nicht immer. Bisweilen bezeichnete man mit „syndicat“ ein marktbeherrschendes Kartell.21 Im Jahr 2007 wurde ein Polizeibericht aus dem Jahr 1938 wiederentdeckt. Basierend auf Aussagen von Informanten aus dem Inneren der Mafia nimmt der Bericht viel von dem vorweg, was später durch das Kefauver Committee postuliert werden sollte. Beispielsweise geht der Bericht auf den Modus Operandi, die Ideologie und die Organisationsform der Mafia ein. Auch beschreibt der Bericht die Mafia als eine transatlantische Organisation, welche sowohl in Sizilien als auch in Amerika aktiv ist. Dabei sei die Mafia in Gruppen, die man „Familien“ nennt, organisiert.22 Bonanno als Kopf einer Familie setzt sich in seiner Autobiografie viel mit der Struktur und dem Kern der „Familie“ auseinander. Für ihn geht eine Familie über die bloße Blutsverwandtschaft hinaus. Was diese verschiedenen Menschen dabei zusammenhält, ist für ihn Vertrauen23 und die Autorität des „Vaters“ bzw. des Anführers:

„A Family (with a capital F to distinguish it from one´s immediate household), in the Sicilian usage of the term, is a group of people allied friends as well, as blood relatives, held together by trust in one another.“24

Dabei zieht Bonanno eine deutliche Trennlinie. Für ihn ist die Familie nicht dasselbe wie eine kriminelle Bande.25 Gleichzeitig waren die Mitglieder der Familie auch an Regeln gebunden, deren Übertretung schwere Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Ein Regelverstoß wurde außerhalb staatlicher Strukturen geahndet. Keinem Mitglied der Familie war eine Affäre mit der Frau oder einem weiblichen Familienmitglied eines anderen gestattet. Bei einer Übertretung hatte der betrogene Ehemann oder Vater das Recht, tödliche Gewalt auszuüben. Vor der Anwendung von Gewalt musste aber sichergestellt werden, dass man sich im Recht befand, ansonsten hatte man sich selbst schuldig gemacht und konnte mit dem Tod bestraft werden. Übte man gegenüber einem anderen Familienmitglied Gewalt aus, hatte man sich auch schuldig gemacht. Schlug man jemanden ins Gesicht, musste man mit Konsequenzen rechnen. Wenn ein Familienmitglied sich auf eine gewaltsame Auseinandersetzung mit jemandem außerhalb der Familie einließ, tat er das auf eigene Gefahr. Wurde wiederum ein Mitglied der Familie von jemandem außerhalb bedroht, hatte derjenige die gesamte Familie zum Feind.26 Die nächste bedeutende Entwicklung fand im Jahr 1930 statt, als die Chicago Crime Commission eine Liste von 28 Gangstern veröffentlichte, die die Commission als „Public Enemies“ bezeichnete, mit Al Capone an erster Stelle. Gleichzeitig forderte die Commission von den Strafverfolgungsbehörden ein härteres Vorgehen gegen diese 28 „notorischen Gangster“. Das Public-Enemie-Konzept entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der wirkungsmächtigsten Instrumente der Strafverfolgung. Das FBI und die nationale Presse übernahmen es von der Chicago Crime Commission und wendeten es auf viele weitere Kriminelle an.27 Die Public-Enemie-Kampagne, mit deren Hilfe die gesamte Aufmerksamkeit aller Strafverfolgungsbehörden auf bestimmte Verbrecher fokussiert wurde, zeigte schon bald Erfolge. Im Jahr 1934 wurden John Dillinger, „Pretty Boy“ Floyd und „Baby Face“ Nelson erschossen. Aber erst durch das Kefauver Committee (1950 bis1952), einem Untersuchungsausschuss des US-Senats, dessen Anhörungen landesweit im Fernsehen übertragen wurden, begann sich der Mafia-Begriff zu etablieren.

2. Hauptteil

2.1 Selbstbild der Mafia

Eines der zentralen Elemente des Diskurses über die italo-amerikanische Mafia ist die Definition der Organisation Mafia. Mafia ist ein ambivalenter Begriff. Das zeigt sich schon allein daran, wie unterschiedlich er von seinen Mitgliedern und der Öffentlichkeit definiert wird. Bonanno spricht beispielsweise immer nur von seiner „alten Tradition“. Jeder, der innerhalb dieser Tradition Macht ausübte, ist für Bonanno ein „Men of Honor“.28 Eine Bezeichnung, welche verdecken sollte, dass die alte Mafia-Generation genauso Verbrechen beging wie die neue Generation.29

„It must be understood that when I speak of my old Tradition I am referring to an all embracing way of life governed by certain values and ideals. One practical aspect of this way of life is the forming of clans or Families, for the mutual advantage of their members. It is this phase of my Tradition which Americans usually refer to as the Mafia“ 30

Für ihn war es wichtig, nach dieser Tradition zu leben. Er sah darin ein Bollwerk gegen das Chaos.31 Die Werte und Ideale, welche ihn dabei leiteten, verdeutlicht er am Beispiel einer Legende über die Gründung der Mafia. Während der sogenannten Sizilianischen Vesper 1282, ein Aufstand der Sizilianer gegen die französische Fremdherrschaft, soll eine junge Frau von dem französischen Soldaten Droetto vergewaltigt worden sein. Droetto wurde daraufhin vom Verlobten der Frau erstochen. Die traumatisierte Mutter soll nach der Vergewaltigung durch die Straßen von Palermo gerannt sein und „Ma fia, ma fia !“ bzw. „Meine Tochter, meine Tochter!“ gerufen haben. Laut Legende wurde „Ma fia“ bald zu einem Acronym für „Morte Ai Francesi Italia Anela“, sprich „Den Tod Frankreichs ersehnt sich Italien“. Laut Bonanno wurde der Wahrheitsgehalt dieser Legende von der Forschung in Zweifel gezogen, was für ihn aber nebensächlich war. Wichtig sei an dieser Geschichte nur, dass sie ein Beispiel sei für die sizilianischen Werte. Für ihn sei die Legende bis heute eine Verkörperung für persönliche Ehre, persönliche Gerechtigkeit und persönliche Würde.32 Bonanno zog aber auch klare Grenzen, für ihn waren Süditaliener kein Teil seiner „Tradition“. Jemand, der nicht von frühester Kindheit an mit der Tradition aufgewachsen ist, konnte sie nicht verstehen.

„A tradition is not something that one learns over night. It is the work of a lifetime. Even southern Italians, from the Naples region or from Calabria who otherwise have much in common with Sicilians, cannot fully appreciate the old Tradition of Sicily.“33

Im Zuge des Krieges von Castellammare waren die verschiedenen Familien gezwungen, auch Männer anzuwerben, die nicht von Kindesbeinen an mit der „Tradition“ der alten Heimat vertraut waren. Bonanno nennt als Beispiel für so einen Fall Joe Valachi. Valachi wurde durch seine Aussage vor dem McClellan-Committee im Jahr 1960 bekannt. Durch seine Aussage erfuhr die Öffentlichkeit überhaupt erst vom Krieg von Castellammare. Bonanno zieht in seiner Autobiografie viele Aussagen von Joe Valachi über den Krieg in Zweifel. Valachi behauptete beispielsweise, dass Bonanno sein „Godfather“ während des Krieges war. Bonanno wiederum bestreitet, dass er Valachi jemals getroffen noch mit ihm gesprochen habe. Außerdem gibt Valachi an, dass Joe Profaci ein Scharfschütze von Salvatore Maranzano, einem der Hauptakteure des Krieges von Castellammare, gewesen sei. Bonanno, der nach dem Krieg ein guter Freund von Profaci wurde, sagt, dass dieser Valachi nie getroffen habe.34

„These people, the newcomers, the non-Sicilians, were not born into our culture. It was not something they had absorbed over a lifetime. They had to be instructed about our Tradition. To expect Valachi to act as a reliable guide to our Tradition, as the police, the press and politicians did, was like asking a new convert to Catholicism in New Guinea to explain the inner workings of Vatican City.“35

Der Name des Krieges leitete sich vom Geburtsort der Hauptakteure ab. Joseph Bonanno, Salvatore Maranzano und Stafano Magaddino, der Pate von Buffalo, wurden alle in dem sizilianischen Dorf Castellammare del Golfo geboren.36 Die genauen Gründe und Ursachen für diesen Krieg sind weitgehend unbekannt, man geht jedoch davon aus, dass der Krieg ein Machtkampf zwischen der Castellammare-Fraktion und Masseria war. Bonanno stellt es in seiner Autobiografie so dar, dass die Schuld für den Krieg indirekt bei Al Capone und Joe „The Boss“ Masseria lag. Capone, ursprünglich in New York geboren, wird laut Angabe von Bonanno in den 1920er Jahren von seinem Freund Johnny Torrio nach Chicago eingeladen. Dies soll mit der Zustimmung seines kriminellen Mentors Frankie Yale und mit dem Segen von Joe „The Boss“ Masseria passiert sein.37 Es muss aber davon ausgegangen werden, dass sich Capone nach Chicago absetzte, um sich der Rache durch einen irischen Gangster zu entziehen.38 Dort kämpfte sich Capone relativ schnell an die Spitze und stand schon bald in direkter Konkurrenz zu dem führenden Mafiosi der Stadt, Joe Aiello. Aiello lädt Joe „The Boss“ Masseria nach Chicago ein, um mit ihm über die Aufteilung der Machtbereiche in Chicago zu verhandeln. Dass Al Capone zu diesem Zeitpunkt unter dem Einfluss von Masseria stand, so dass dieser für ihn wichtige Verhandlungen führte, ist zu bezweifeln. Bonanno führt weiter aus, dass bei diesem Treffen auch Gaspar Milazzo anwesend gewesen sein soll, ein Anhänger der Castellammare Fraktion aus Detroit und Taufpate von Aiello´s Sohn. Da das Ergebnis der Verhandlungen nicht den Erwartungen von Masseria entsprach, soll dieser versucht haben, Milazzo zum Verrat an Aiello anzustiften.39 Milazzo wird 1930 auf dem Fischmarkt von Detroit erschossen, was die Castellammare Fraktion dazu bringt, Joe Masseria den Krieg zu erklären.40 Als weiteres Beispiel für jemanden außerhalb der Tradition nennt Bonanno Charlie „Lucky“ Luciano. Laut Bonanno hatte sich Luciano zu ihrer Tradition bekannt, allerdings schätzte er das eher als ein Lippenbekenntnis ein, da Luciano geschäftlich viel mit Sizilianern zu tun hatte. Für Bonanno hatte Luciano damit nichts, was ihn im Leben leitete. Laut Bonanno war sein einziges Interesse, Geld zu verdienen. Er machte die fehlende Tradition von Luciano beispielsweise daran fest, dass dieser sich bei seinen Geschäften nicht auf das Netzwerk der Familie stützte, sondern eigene Kontakte und Geschäfte anbahnt aus einer Suite des Waldorf-Astoria Hotels heraus unter dem Namen Charles Ross.41 Gleichzeitig stellte er auch die Tapferkeit und Heimatverbundenheit von Männern seiner Tradition dem Einzelgänger Luciano gegenüber, um zu unterstreichen, dass dieser kein Teil seiner Tradition ist.42 Bonanno hatte mit seiner Einschätzung, dass Luciano nicht viel übrig hatte für die „alte sizilianische Tradition“ und Kultur, recht. Luciano berichtet beispielsweise von einem Treffen mit Salvatore Maranzano, bei dem dieser ihn auf ein Glas Wein einlädt. Luciano fand den Wein sauer und stellte fest: „ with all his culture and five languages, that was one dago you could give piss or vinegar to and he would´ve drunk it, as long as it was red and came from Sicily.“43 Des Weiteren kritisiert Bonanno, dass Luciano den Großteil seines Geldes mit Prostituierten verdiente.44 Für ihn ist es unziemlich und unmoralisch, dass ein Mann mit Frauen Geld verdient. Deshalb werden solche Geschäfte auch von seiner „Tradition“ geächtet. Seiner Aussage nach soll selbst Al Capone, ein Außenseiter der „Tradition“, seine Karriere mit Bordellen begonnen haben, diese später aber wieder aufgegeben haben, als er Teil der „Tradition“ wurde.45 Nach dem Castellammare Krieg organisierten sich die fünf New Yorker Bosse Luciano, Gagliano, Profaci, Mangano, Bonanno, sowie die Bosse aus Chicago und Baffalo neu und gründeten eine Kommission. Die Macht sollte nicht mehr in den Händen eines einzelnen Mannes liegen, so wie es nach Ende des Krieges kurz der Fall war.46 Nach der Ermordung von Masseria setzte sich Maranzano kurzzeitig bis zu seiner Ermordung an die Spitze von allen fünf New Yorker Familien. Maranzano wollte sich als Boss der Bosse etablieren, was bei den anderen Mafiosi auf wenig Verständnis stieß.47 Für die Ermordung von Maranzano übernahm Luciano die Verantwortung. Er begründete die Tat damit, dass es Selbstverteidigung gewesen sei und da der Boss der Bosse seine Ermordung geplant hätte, sei er Maranzano zuvorgekommen.48 Bonanno, der eng mit Maranzano befreundet war und ihn sehr bewunderte, begründete die Ermordung seines Freundes mit einem Zusammenstoß von Kultur und Tradition:

„Maranzano was old-world Sicilian in temperament and style . But he didn´t live in Sicily anymore. In New York he was adviser not only to Sicilians but to American-Italians. Maranzano represented a style that often clashed with that of the Americanized men who surounded him after the war. It was difficult, for example, for Maranzano even to communicate effectively with many of these men, for they only understood American street cant.“49

Die neugegründete Kommission erließ ein Verbot des Drogenhandels und der Prostitution,50 was allerdings nur Fassade war, denn kaum jemand hielt sich daran.51 Das Selbstbild der Mafia ist ein ambivalentes Bild, das unterschiedlich geprägt wurde durch ihre Mitglieder. Joe Valachi bezeichnete die Mafia in seiner Aussage vor dem McClellan Committee als Cosa Nostra, Luciano spricht von der Union Siciliano. Für Bonanno selbst gab es kein Wort, um eine Organisation zu beschreiben, die seiner Ansicht nach niemals eine formelle Organisation war. Für ihn waren die Begriffe der anderen Mafiosi nur Metaphern. Er sah die Mafia als eine Tradition, eine Lebensart und eine Art von Prozess.52 Dadurch, dass Bonanno der Mafia jeden formellen Charakter abspricht, widerlegt er indirekt auch den Mythos,53 dass die Mafia eine bürokratisch organisierte Vereinigung sei. In der öffentlichen Wahrnehmung mag die Mafia eine kriminelle Vereinigung sein. Man versteht darunter aber auch den Einfluss von bestimmten Lobbygruppen, die enge Beziehung zwischen Politik, Wirtschaft und der Welt des Verbrechens sowie Illegalität oder Korruption.54 Im heutigen Italien gibt es lokalspezifische Ausprägungen der Mafia, für die sich unterschiedliche Bezeichnungen etabliert haben. In der Region Sizilien wurde der Mafia-Begriff beibehalten, in Kampanien spricht man von der Camorra und in Kalabrien von der N`drangheta.55 In Italien tauchte 1862/63 erstmals der Mafiosi-Begriff in einer Komödie auf und im Wortlaut des Gesetzes zur öffentlichen Sicherheit von 1871 werden besonders „Nichtstuer, Vagabunden, Mafiosi und allgemein verdächtige Personen“ in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.56 In Amerika spricht man erstmals im Jahr 1890 in Verbindung mit dem Mord an David Hennessy, dem Polizeichef von New Orleans, von der Mafia. Die Mafia wurde für den Mord an Hennessy verantwortlich gemacht, gleichzeitig spekulierten die Zeitungen viel über diese geheimnisvolle Organisation, welche augenscheinlich die USA über offizielle Einwanderung infiltriert hatte.57 Parallel war man der Meinung, dass die italienische Mafia bzw. eine alte geheimnisvolle Organisation, über deren Ursprünge man nichts genaues wusste, von Sizilien aus ihren amerikanischen Ableger steuerte. Deshalb wurde mit dem Mafia-Begriff eine „alien conspiracy“ definiert, hinter der Sozialisten, Nationalisten und andere Elemente standen.58

2.2 Wahrnehmung der Mafia durch die US-Regierung

Ein zentraler Eckpfeiler des Diskurses über die italo-amerikanische Mafia ist die Wahrnehmung der Mafia durch die Außenwelt bzw. die damaligen Strafverfolgungsbehörden. Diese stellten ihre Beweise und Erkenntnisse dem US-Senat zur Verfügung, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die immer mehr ausufernde Organisierte Kriminalität in den USA zu bewerten und einzuordnen. Dabei kam dieser Außenansicht bei der Entstehung einer mafiösen Identiät eine zentrale Rolle zu, da es der Mafia aufgrund ihrer illegalen Geschäfte nicht möglich war, sich selbst in der Öffentlichkeit zu präsentieren.59 Ein Beispiel für diese Außenansicht ist die Darstellung der Mafia durch die Strafverfolgungsbehörden, deren Darstellung von der Mafia genauso ambivalent war wie die der Öffentlichkeit. In den 1930er Jahren gingen die Behörden davon aus, dass die Mafia streng hierarchisch organisiert sei, weil sie ihre eigenen Strukturen auf die der Mafia projizierten. In der Realität waren die Strukturen aber oftmals asymmetrisch. Beispielsweise wurde Joe Adonis, einer der einflussreichsten Mafiosi in Brooklyn, nie als Mitglied einer Familie geführt. Ein anderes Beispiel ist Albert Anastasia, der als Vizechef für Vince Mangano tätig war, aber de facto die Familie anführte.60 Insbesondere die amerikanische Bundespolizei, das FBI, hatte ein sehr wechselhaftes Verhältnis zur amerikanischen Mafia. Ihr Leiter J. Edgar Hoover verleugnete zu Beginn die Existenz der Mafia.61 Was damit zusammenhing, dass er Angst um die Integrität seiner noch jungen Behörde hatte, die mit anderen Behörden konkurrierte wie z.B dem Federal Bureau of Narcotics (FBN). Er befürchtete, dass im Zuge von Ermittlungen gegen die Mafia Agenten bestochen oder gekauft werden könnten. Diese inoffizielle Politik des FBI spiegelte sich auch bei der Verteilung der Ressourcen wider. 1959 waren in New York 400 Agenten für die Bekämpfung des Kommunismus zuständig, nur vier Agenten ermittelten gegen die Mafia. Erst im Zuge des sogenannten Rackets-Committee des Senats (1957 bis 1959) sah sich Hoover gezwungen, seine passive Haltung gegenüber der Mafia aufzugeben.62 Zu Beginn der 1950er Jahre wuchs in den USA das Interesse an „organized crime“, weshalb der frisch gewählte Senator Estes Kefauver eine parlamentarische Untersuchungskommission zu diesem Thema auf den Weg brachte. Kefauver wurde 1948 erstmals in den Senat gewählt und brachte es bis zum Vizepräsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei im Jahr 1956.63 Die von Kefauver geleitete Kommission mit dem offiziellen Titel „Special Senate Committee to Investigate Organized Crime in Interstate Commerce“ (1950 bis 1952) versuchte ein Gesamtbild der Organisierten Kriminalität in den USA zu zeichnen. Wegen begrenzter Mittel stützte sich das Kefauver-Committee hauptsächlich auf die Aussagen und Informationen von lokalen Crime Commissions und den Strafverfolgungsbehörden.64 Dieses Material war teilweise sehr divergierend, z. B. waren sich die verschiedenen staatlichen und privaten Akteure über die genaue Struktur der Mafia nicht einig. Virgil Peterson, ein Mitglied der Chicago Crime Commission, ging von zwei Fraktionen aus: eine angeführt von Al Capone in Chicago, die andere von Fank Costello in New York. Beide Syndicate seien überregional tätig und unterhielten „freundschaftliche Geschäftsbeziehungen“. Für den Bürgermeister von New Orleans deLesseps Morrisson war Frank Costello der Kopf eines „eng geknüpften landesweiten Netzwerks des Verbrechens“, bzw. eines „crime syndicate“, welches seiner Meinung nach mittlerweile die Macht hatte, die Regierung verschiedener Städte zu übernehmen. Der Justizminister MacGrath und das FBI gingen von losen Zusammenschlüssen, Territorien und Gewinnbeteiligungen aus. Das FBN sah in Costello ein führendes Mitglied der „modernen Mafia“, der „Unione Siciliana“. In einem Dokument des FBN aus dem Jahr 1947 heißt es:

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Identitätsstiftende Elemente in der italo-amerikanischen Mafia zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Kriminelle Organisationen: Geschichte, Theorie und Repräsentation
Note
2,3
Jahr
2019
Seiten
29
Katalognummer
V512528
ISBN (eBook)
9783346099631
ISBN (Buch)
9783346099648
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Identität, Mafia, Cosa Nostra, Jospeh Bonanno, Kefauver Committee, Al Capone, Lucky Luciano, J. Edgar Hoover, FBI, Frank Costello, Volstead Act, Prohibition, CIA
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Identitätsstiftende Elemente in der italo-amerikanischen Mafia zu Beginn des 20. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512528

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