Silvia und Clorinda: zwei Frauen auf der Sucht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Aminta: die Figur Silvias und die Vielfältigkeit der Liebe

Die Figur des Satyrs und die Bedrohung Silvias

Clorinda: eine Frau und der Krieg

Das Duell: Tod und Wiedergeburt Clorindas

Die Einflüsse der Gegenreformation und des Hofs auf Tassos Werke

Bibliographie

Einleitung

Die Faszination der Leser für Tassos Werke basiert u.a. auf die Sensibilität seiner Beschreibungen, auf die Leidenschaft und die Komplexität seiner Figuren und auf die tiefe und für seine Zeit ungewöhnlich modern psychologische Analyse der Charaktere. Unter diesen unterscheiden sich besonders die weibliche Figuren, die von der Kritik oft in Verbindung zu Tasso selbst gesetzt worden sind.[1]

In dieser Arbeit, möchte ich mich mit der Analyse von zwei dieser berühmten Frauen beschäftigen, Silvia und Clorinda, die in den zwei bekanntesten Werke Tassos erscheinen, Aminta und Gerusalemme liberata.

Obwohl sie fast gleichzeitig aus Tassos Phantasie geboren wurden und bestimmte Merkmale teilen (sie sind beide prüde und kämpferisch und distanzieren sich von Liebe und Leidenschaften), scheinen sie sehr unterschiedlich zu sein. Außerdem erleben sie in ihren Geschichten verschiedene Entwicklungen. Trotzdem kann man Ähnlichkeiten in ihren Geschehnisse entdecken.

Insbesondere ist das Motiv der Flucht sehr auffallend in beiden Werke und nicht zufälligerweise betrifft es diese zwei Frauen. Interessant ist vor allem, dass die Gründe der beiden Fluchten in vielen Hinsichten durchaus vergleichbar und ähnlich sind, wobei das Ende und die Folgen davon in zwei unterschiedlichen Richtungen gehen.

Der erste Teil der Arbeit ist der Beschreibung Silvias, der Bedeutung ihrer Flucht und ihrer Auswirkung auf Aminta gewidmet. Parallel werden in dem zweiten Teil Clorindas Rolle in der Gerusalemme liberata und ihre Gemeinsamkeiten mit Silvia erläutert.

Zum Schluss möchte ich dieses Motiv in Verbindung mit der Atmosphäre der Gegenreformation setzen, die als Rahm für Tassos Leben und Werk dient.

Aminta : die Figur Silvias und die Vielfältigkeit der Liebe

Silvia ist eine zentrale Figur der Aminta, obwohl sie viel weniger als die anderen Protagonisten erscheint. Sie wird dem Leser in einer indirekten Weise von Amor vorgestellt, der sich vorgenommen hat, sie für ihren zähen Wunsch, keusch zu bleiben, zu bestrafen.

In den Versen 53-65, erklärt der Liebesgott, wie er seine Tat vollenden wird und die spielerische Atmosphäre des Anfangs, die den Leser in einem pastoralen Szenario versetzt hatte, verändert sich durch die Wörter, die benutzt werden. Man spricht von „ferita“, „colpo“ und „dardo“, die Eros gegen Silvia „nel duro sen“, „intorno al cor“ richten wird.

Man kann dadurch schon die Tragödie ahnen, die stattfinden wird und das positive Bild von Liebe und Leidenschaft, das man mit der Figur Eros verbindet, wird hier stark negativ geprägt.

Silvia selbst erscheint in dem ersten Akt, in einem Dialog mit Dafne, in dem sie ihre Haltung der Liebe gegenüber klar darstellt. Je mehr Dafne fast mütterlich versucht, sie von der Wichtigkeit und Schönheit der Liebe zu überzeugen, desto kaltblütiger wirkt Silvia auf dem Leser, die durch unwahrscheinliche Hyperbeln über die Argumente ihrer Freundin ironisiert (V.132-137).

Der Leser kann sich jetzt noch keine Idee über die Entwicklung des Stücks machen, doch spürt man einigermaßen schon, wie fremd Silvia in dieser Welt ist. Sie preist ihr Leben als Dianas Dienerin, ohne auf ihre Weiblichkeit achten zu wollen und dadurch isoliert sie sich von den anderen Figuren. Sie benutzt ihre Ironie und ihre Keuschheit als Waffe gegen die Argumente von Dafne und von der Welt, in der sie lebt und in der Eros regiert. Sie kann sich aber dadurch nicht völlig schützen, denn sie kennt die Liebe und ihre Vielfältigkeit nicht und das wird sie vor zwei Alternative stellen: die Flucht oder der Tod.

Dafne hingegen, die sich der Liebe längst ergeben hat, erwähnt zwar melancholisch ihre Jugend und kann dem Leser deswegen auch als ein Opfer der Liebe erscheinen, doch sie ist ein Teil der Welt, in der sie lebt und fürchtet deshalb keine Drohung. Sie hat nicht nur die Liebe selber erlebt, sondern kann sie diese auch erkennen und ihre Zeichen interpretieren. Das macht sie eine erfahrene Lehrerin und Begleiterin Silvias für den Leser, der gleichzeitig die Nymphe als Außenseiterin sieht.

Im Vers 303 erzählt Dafne, wie die Leidenschaft durch die Augen entstehen kann,[2] was aber Silvia sehr verwundert: „come risponder sol poté con gli occhi?“ (V. 304). Das gleiche passiert mit der roten Farbe, die von Dafne als Zeichen der Liebe präsentiert wird, während Silvia sie mit dem Blut in Verbindung setzt.

Diese Unerfahrenheit, die später noch stärker Aminta charakterisieren wird, ist im Fall von Silvia eher die Folge ihrer Isolierung als die natürliche Naivität eines jungen Mädchens. Während Aminta seine Gefühle übertreibt und sich dadurch als einen einfachen, erfahrungslosen Liebhaber zeigt, scheint es für Silvia unmöglich zu sein, Liebesgefühle zu empfinden.

Aminta erkennt diesen Aspekt ihrer Natur besser als Tirsi und wünscht sich deswegen zunächst ihre Gnade: „ben fora la pieta’ premio maggiore alla mia fede“ (V.535-36).

Ab der zweiten Szene des ersten Akts wird Silvia nur durch Dialogen oder Monologen von den anderen Figuren charakterisiert. Für Aminta stellt Silvia die Quelle seiner Liebe und seines Leidens. Die Liebe wird von ihm als eine qualvolle Mischung sinnlicher Leidenschaft und tiefsten Schmerz empfunden. Schon ihre Entstehung ist mit Leiden verknüpft und auch die bloße Erzählung des Geschehens ist für Aminta schwierig und mühsam.

Für die Mehrheit der Kritikern ist diese Widersprüchlichkeit der Gefühle Amintas einerseits mit seinem Jugend zu verbinden, anderseits mit der Natur der Liebe selbst, die platonische und sinnliche Aspekte verbindet.[3]

Ganz anders ist hingegen die Kritik von Yoch,[4] der beispielsweise die Frustration Amintas oder die Exzesse des Satyrs als der Wunsch Tassos sieht, den Leser vor dem Gefahr der Leidenschaft zu warnen.

Diese Interpretation, die neu und ungewöhnlich ist, entfernt sich nach meinem Erachtens in vielen Hinsichten zu stark von dem Text. Mit Sicherheit kann man eine gewisse Kritik in dem Stück entdecken, die sich durch eine fein versteckte Ironie offenbart, trotzdem kann man spüren, wie die Gefühle der Figuren von dem Autor miterlebt und deshalb auch ernst genommen werden.

Man muss sich nicht auf seine Biographie beziehen und Aminta mit ihm zu vergleichen versuchen, um eine Form von Mitleid in dem Text zu finden, die jede Hyperbel erklärt. Die Verliebtheit Amintas wird von Tirsi und noch stärker vom Chor nicht als Tragödie erlebt und die Liebe verliert jedes romantische Merkmal durch die Figur des Satyrs, doch das will hier eher die Natur der Menschen spiegeln, die je nach Alter und Hintergrund die Ereignisse urteilen, als ein Lob der Keuschheit und der Tugend sein.

Tassos Größe liegt in seiner Fähigkeit, die verschiedensten Haltungen seiner Figuren nicht nur darstellen und erklären, sondern auch erleben zu können. Er leidet unter der Qual Amintas und gleichzeitig lächelt mit Tirsi über ihn. Er kann Silvia als die Quelle einer reinen Liebe und als wunderschönes Geschöpf durch Amintas Augen sehen und sie wenige Versen später als „Silvia crudele“ (V. 737) und als Objekt tierischer Gewalt beschreiben.

Was Silvias Charakterisierung angeht, man hat den Eindruck, sich vor zwei verschiedenen Frauen zu befinden und ihre Abwesenheit von der Bühne unterstreicht dieses Gefühl. Der Leser ist zwar Silvia schon begegnet, doch sie bleibt enigmatisch in seiner Augen, deswegen schockieren die Wörter des Satyrs so stark den Zuschauer.

In dem nächsten Absatz werde ich mich auf dem Monolog des Satyrs konzentrieren. Hier wird die Nymphe eben ganz anders gesehen und die Gefühle, die sie in dem Satyr erweckt, führen zum Höhepunkt der Tragödie und haben die Flucht als Folge.

Die Figur des Satyrs und die Bedrohung Silvias

Der Satyr ist der Auslöser der Tragödie in dem Stück und das Symbol der gewalttätigen Liebe. Er lebt für die Befriedigung seines Körpers und die Liebe verliert all ihre petrarchistischen Merkmale in seinen Wörtern. Sein Monolog fängt z.B. mit dem gleichen Motiv der Bienen und des Stechens an, das der Leser schon von Aminta kennt (erster Akt, zweiter Szene).

Nun, hier ist der Schmerz viel tiefer und überwältigend, so dass „tutte piaga e tutte sangue sono le viscere mie“ (V.734-35). Die Wunden wurden von Silvias Augen verursacht, die „mille spiedi“ (V.735) in sich haben. Sein Leiden hat also im Gegenteil zu dem Amintas keine positive Auswirkung und versetzt der Satyr in einem verzweifelten Zustand, aus dem nur Hass und Rache entstehen können. Er sieht den Reiz, den Silvia verkörpert, als die Möglichkeit, seine Männlichkeit zu beweisen, die sich durch Gewalt und nicht durch erwartungsvolle Hoffnung und bemitleidenswertes Seufzen zeigt. Die Figur Silvias, die sich dem Leser vorstellt, ist hier sehr unterschiedlich von der, die man bis jetzt kannte.

Sie ist kein naives, unerfahrenes Mädchen, sondern eine berechnende, kaltblütige Tyrannin, die den Satyr gezielt verletzt und provoziert. In den Versen 745-61 beschreibt er seine Versuche, sich an ihr zu nähern und ihre abweichende, unfreundliche Art wird gleichzeitig als eine Beleidigung und als eine Rechtfertigung für einen Missbrauch verstanden. In dieser zweiten Hälfte des Monologs ist der Rhythmus der Versen schneller und die Gefahr macht sich konkreter.

Allein die physische Beschreibung des Satyrs erweckt in dem Leser ein unruhiges Gefühl („spalle larghe“, „braccia torose e nerborute“, „petto setoso“, „velate cosce“; V.764-66), das sich in einer realen Bedrohung in den Wörtern „sforzero’, rapiro’“ (V.804) umwandelt. Die Buchstaben r, s, v und t machen hier die Atmosphäre des Textes aus und werden dann in den letzten Versen wiederholt, wo die Rache deutlich formuliert wird: „non partira’, ch’io pria non tinga l’armi mie per vendetta nel suo sangue“ (V.819-20).

In diesem höchst erotischen und gewaltvollen Ausdruck ist der Motiv der Flucht angedeutet, der die einzige Rettung Silvias darstellt. Aber welche Silvia flüchtet vor dem Satyr und was erreicht sie?

In der Antwort dieser Frage kann man die meisten Ähnlichkeiten zwischen Silvia und Clorinda finden und ihre Flucht scheint dadurch die gleiche Ursache und vor allem das gleiche Ziel zu haben.

Die Frau, die wir im dritten Akt vor einem Missbrauch sehen, ist eine „giovinetta ignuda come nacque“ (V.1234), also ein angstvolles Kind, das keine Macht vor der Gewalt aufweist. Der Leser wird hier endgültig von der Tatsache überzeugt, dass die von dem Satyr beschriebene Silvia nicht existiert und dass die Gewalt ungerecht geschieht. Die Natur ist aber merkwürdigerweise Zeuge dieser grausamen Tat (V. 1235-1244) und nur Aminta, trotz seiner Einfachheit und Naivität, wird die Nymphe retten.

Für das zweite Mal wird er hier versuchen, das Mädchen von seiner Liebe zu überzeugen, doch ausgerechnet jetzt fängt Silvia tatsächlich wegzulaufen. Es ist ihr jetzt bewusst geworden, dass sie keinen Platz in dieser Welt hat, zu der sie bis zu diesem Moment zu gehören dachte.

[...]


[1] Ich beziehe mich u.a. auf die sehr detaillierte Arbeit von: Giampiero Giampieri. Torquato Tasso. Una Psicobiografia. Firenze: Le Lettere 1995, in der Tassos Werk ausschließlich durch seine Biographie interpretiert wird.

[2] Das ist einer des Topos des „Dolce Stil Novo“, der am deutlichsten auffällt, doch der Leser kann viel mehr entdecken und ihre wichtige Rolle in dem Stück hervorheben.

[3] U.a. erläutert Frank Pool in Desiderio e Realta’ nella Poesia del Tasso. Diesen Aspekt durch eine detaillierte Analyse von Wörter und Ausdrücke.

[4] Yoch, J. : The Limits of Sensuality: Tasso’s Aminta and the Gardens Ferrara. In Forum Italicum16 (1982).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Silvia und Clorinda: zwei Frauen auf der Sucht
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Torquato Tasso
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V51254
ISBN (eBook)
9783638472746
ISBN (Buch)
9783656783091
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Silvia, Clorinda, Frauen, Sucht, Torquato, Tasso
Arbeit zitieren
M.A. Margherita Zelante (Autor:in), 2004, Silvia und Clorinda: zwei Frauen auf der Sucht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51254

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