Durch Hygiene zum "Neuen Menschen"

Die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 und ihre gesellschaftspolitische Bedeutung


Hausarbeit, 2019

32 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 - Part I
2.1 Ein neues Konzept
2.2 Der Initiator Karl August Lingner

3. Medikalisierung
3.1 Verwissenschaftlichungsprozesse
3.2 Hygienisierung der Gesellschaft
3.3 Aus Sauberkeit wird Säuberung

4. Der Wert der Gesundheit für den Staat
4.1 Stärkung des Volkskörpers
4.2 Politische Maßnahmen

5. Der reinliche Bürger
5.1 Bedrohung der sozialen Ordnung
5.2 Die Lebensreformbewegung

6. Die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 - Part II
6.1 Resonanz
6.2 Der Weg zum Hygiene-Museum

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung:

Im Kontext der Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden möchte ich mit dieser Hausarbeit den Einfluss der seit Mitte des 19. Jahrhunderts neu entstandenen wissenschaftlichen Hygiene auf Gesellschaft und Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich untersuchen.

Der immense Aufwand, der für das Zustandekommen dieser Ausstellung betrieben wurde, und die enorm positive Resonanz auf Seiten der Besucher, Aussteller und der Stadt zeugt von der Popularität des Themas und damit der gesellschaftspolitischen Bedeutung. Nicht zuletzt hat auch der wirtschaftliche Erfolg der Ausstellung zur Gründung des Deutschen Hygiene Museums beigetragen, das heute zu einer national bedeutsamen Kultureinrichtung zählt.

Die Themen Hygiene und Volksgesundheit beeinflussen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur das Denken und Verhalten des einzelnen Bürgers im Hinblick auf den eigenen Körper und seinen Wert für die Gesellschaft, sondern fördern auch das staatspolitische Interesse am „gesunden Bürger“. Die Erhaltung und Mehrung der Volkskraft rücken im Kaiserreich immer stärker ins Zentrum gesundheitspolitischer Diskussionen und finden ihren Höhepunkt in groß angelegten Aufklärungskampagnen wie der Hygieneausstellung in Dresden. Ganz entscheidend für diese Entwicklung ist die Aufwertung der Hygiene zu einer Teildisziplin der Medizin seit 1865 - einer durch Statistik und Experimente bestimmenden Wissenschaft mit eigens an den Universitäten eingerichteten hygienischen Instituten.

Eine zentrale Frage der sozialgeschichtlichen Analyse betrifft daher die Relevanz der Hygiene als Katalysator für einen gesellschaftspolitischen Wandel.

In welchem Verhältnis steht das bürgerliche, wissenschaftliche und staatliche Interesse diesbezüglich und wie sind die Verknüpfungen und gegenseitigen Beeinflussungen geartet? Wie stark werden Sozialreformen von der institutionalisierten Hygiene beeinflusst und inwiefern ändert sich dadurch das Bild vom Menschen? Wo endet der , autonome Bürger‘ und beginnt die ,Maschine Mensch‘?

Der Untersuchungszeitraum umfasst den Übergang vom 19. zum 20.

Jahrhundert, greift aber darüber hinaus auch auf frühere Jahrzehnte zurück, um den historischen Wandel der Hygienevorstellungen aufzuzeigen. Die untersuchte Forschungsliteratur umfasst zeitgenössische Schriften sowie aktuelle Aufsätze und Monographien aus den Bereichen Gesundheitswesen, Medizingeschichte, Gesellschaftsgeschichte und Sozialpolitik.

Die Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 bildet für die Gliederung den Rahmen - als Ausgangspunkt in die Vergangenheit und Ausblick in die Zukunft. Die drei Hauptkapitel sollen - im Rahmen der Hausarbeit in einem begrenzten Umfang - das wissenschaftliche, staatliche und bürgerliche Interesse an der Hygiene herausarbeiten.

Vorausblickend kann festgehalten werden, dass mit dem Übergang in die Verwissenschaftlichung der Hygiene der Grundstein für ein neues Menschenbild gelegt wurde. Wie dieser Prozess vonstattenging, soll im Folgenden dargestellt werden.

2. Die Internationale Hygiene-Ausstellung 1911 - Part I

2.1 Ein neues Konzept

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Das „Hygieneauge“: Plakat Franz von Stucks für die Erste Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911

Am 6. Mai 1911 eröffnet die Erste Internationale Hygiene-Ausstellung in Dresden. Sie ist in Größe, Darstellung und Methodik ein Novum und soll in den nächsten sechs Monaten zu einem ,Best Practise4, einem Markstein der Auf einem Areal von 320.000qm, das den Städtischen Ausstellungspalast, Teile des Großen Gartens sowie die Güntzwiesen umfasst, präsentiert das ,Who is Who‘ der internationalen Hygieneszene, verteilt auf 99 Pavillons, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.1 Allein die wissenschaftliche Abteilung mit 12 thematischen Haupt­gruppen, die sich an Experten aus Forschung und Indus­trie richtet, deckt mit Themen von Chemie über Kosmetik, von Nahrungsmittel-, über Armee-, bis Kolo­ nialhygiene sowie Rassenhygiene und Arbeiterschutz die ganze Bandbreite der Hygiene ab.2 Drei öffentliche Sektoren - die populäre Abteilung mit der Sammlung "Der Mensch", die historisch-ethnologische Abteilung sowie eine riesige Sportarena mit zahlreichen internationalen Wettkämpfen - ziehen die breite Öffentlichkeit in ihren Bann. Ziel der ,Gesundheitsschau‘ ist laut des Initiators, dem Dresdner Industriellen Karl August Lingner3, die hygienische Aufklärung der Gesellschaft:

"Es soll ihm [dem Besucher] vorgeführt werden, welche Gefahren den Körper bedrohen, inwieweit er dazu beitragen kann, diese Gefahren abzuwenden, und wie es möglich ist, den eigenen Gesundheits- und Kräftezustand zu erhalten und eventuell zu erhöhen."4

Aber was genau macht diese Ausstellung zu einem Novum? Schon zuvor hatte es Ausstellungen zum Thema ,Hygiene‘ gegeben. Im Jahr 1883 findet die erste ,Allgemeine deutsche Ausstellung auf dem Gebiete der Hygiene und des Rettungswesens‘ in Berlin statt, die vor allem die empirischen und naturwissenschaftlichen Forschungen des Kaiserlichen Gesundheitsamtes vorstellt.5 Die von Robert Koch ein Jahr zuvor entdeckten Tuberkelbazillen zieht zwar auch fachfremde Besucher an, doch eine belehrende Wirkung hat die Ausstellung kaum.6 Ähnlich verhält es sich 1907 mit der nächsten größeren Hygiene-Exposition im Rahmen des ,14. Internationalen Kongresses für Hygiene und Demographie‘ in Berlin, die sich überwiegend an ein Fachpublikum richtet und erst gar nicht den Anspruch hat, eine breite Bevölkerungsschicht hygienisch aufzuklären.7

In Dresden 1911 steht aber genau diese Art von Aufklärung im Fokus. Ragnhild Münch analysiert drei neue Kriterien: Zum einen bietet die Samm­lung ,Der Mensch‘ in der populären Abteilung auf 5.500 qm den Besuchern einen umfassenden und detailreichen Einblick in das Körperinnere.8 Die Darstellung des Menschen nicht als Objekt der Medizin, sondern als ,Kunst- werk‘ etabliert sich als Publikumsmagnet und ist die eigentliche Hauptattrak­tion.9 Zum anderen wird die ganze Lebenswelt, also das natürliche und künst­liche Umfeld des Menschen „aus dem Blickwinkel eines nicht nur naturwissen­schaftlich verstandenen Hygienebegriffs“10 betrachtet. Drittens ist die Ausstel­lungsmethodik ganz auf das Ziel ,Bildung‘ zugeschnitten.11 Lingners Ziel ist, die Schau wie ein „plastisches hygienisches Lehrbuch“12 zu konzipieren. Gerade dieser Ansatz wird in der systematischen Gliederung nach Fachge­bieten deutlich, die zu einem bestimmten Thema, Theorie und Praxis in einem Raum und mit Hilfe modernster Medien präsentiert.13 Dadurch ist der wissen­schaftliche Teil viel stärker als üblich mit den neuesten Produkten der Industrie verzahnt und bietet eine alltagspraktische Darbietung. Auch einzigartig, und noch nie in dieser Art zuvor präsentiert, zeigt die historisch-ethnologische Abteilung die Geschichte der Hygiene von der Antike bis etwa 1800, mittels Bildern, Modellen und Plastiken sowie Fotographien und Dokumenten.14 Prof. Dr. Sudhoff, Leiter der Abteilung:

„So wird die Einwirkung auf die Besucher durch das ,Historische Moment‘ der ganzen Ausstellung zum Nutzen gereichen durch Vertiefung und Verbreiterung des Wissens!“15

Der Initiator und Förderer des Projekts, Karl August Lingner, hat damit seine Vision erfolgreich in die Tat umgesetzt - Didaktik, Genuss und Unterhaltung zu einem neuen Gesamtkonzept zu vereinigen, und somit die Menschen an das Thema ,Hygiene‘ auf eine leichte und spielerische Art heranzuführen.

2.2 Der Initiator Karl August Lingner

Karl August Lingner, geboren am 21.12.1861 in Magdeburg, ist zu diesem Zeitpunkt einer der erfolgreichsten und reichsten Industriellen Sachsens, zudem Ehrenbürger der Stadt Dresden und mit zahlreichen in- und ausländi­schen Ehrungen und Titeln ausgezeichnet.16 Dabei hatte seine Karriere ganz bescheiden angefangen. Kaufmännisch ausgebildet, hatte Lingner sich in jungen Jahren zunächst als Handlungsgehilfe und Korrespondent durchge­schlagen, bis er schließlich 1888 in Dresden mit dem Techniker Georg Wilhelm Kraft die Firma Lingner & Kraft gründete, die sich dem Verkauf von praktischen Alltagshelfern widmete.17 Erst durch die Bekanntschaft mit dem Chemiker Richard Seifert im Jahr 1891, der das Desinfektionsmittel ,Salol‘ entwickelt hatte, nimmt Lingners Leben eine Wende. Durch Seifert wird er in die Welt der modernen Bakteriologie eingeführt, die ihn fortan fasziniert und für sich nutzbar macht.18 Zusammen mit Seifert entwickelt Lingner das Mund­wasser ,Odol,‘ das in Folge, insbesondere durch geschickte Werbemaßnahmen, reißenden Absatz findet und seinen Reichtum begründet.19 Seine neue Firma , Dresdner Chemisches Laboratorium Lingner‘ produziert bald eine breite Palette an Desinfektionsprodukten, die genau im Trend der Zeit liegen.20 Autodidaktisch steigt er immer intensiver in das Thema ,Soziale Hygiene‘ ein und kommt in Kontakt mit bedeutenden Wissenschaftlern seiner Zeit - ein weiterer Wendepunkt. Lingner gründet in Dresden 1898 die erste Säuglings­klinik der Welt, 1900 die ,Zentralstelle für Zahnhygiene‘ und eröffnet ein Jahr später die ,Öffentliche Zentralstelle für Desinfektion4 1901, die sich ein Jahr später um eine Desinfektorenschule noch erweitert sowie 1902 den Dresdener Lesesaal, mit kostenlosem Zugang zu wissenschaftlicher Literatur.21 Lingners politische Neutralität bei gleichzeitiger Konformität mit dem konservativen gesellschaftlichen System und patriarchalischer Mentalität scheinen seinen Erfolg begünstigt zu haben.22 Bei seinem Einsatz im Bereich der kommunalen und persönlichen Hygiene bleibt es aber nicht. Ein wesentlicher Bestandteil seiner Bemühungen ist fortan der hygienischen Volksbildung gewidmet.23 Im Rahmen der ersten ,Deutschen Städte-Ausstellung‘ 1903 in Dresden, präsen­tiert Lingner seine auf Wissensvermittlung angelegte Sonder-Ausstellung , Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung4, die in den folgenden Jahren in mehreren deutschen Städten zu sehen ist und teilweise in die spätere Ausstel­lung „Der Mensch“ mit einfließen wird.24 Bereits hier entwickelt Lingner seine besondere Ausstellungsmethodik, die auch die IHA 1911 prägen wird.25 Lingner unterscheidet bei seinem Engagement für die Gesundheitsfürsorge einerseits in die Volksbelehrung, zum anderen will er die Synergien in der Forschung durch Wissenschaftler und Fachleute nutzen, um Forschungser­gebnisse nutzbar zu machen.26 Lingner spricht 1912 in einem Vortrag in Bern zum Anlass seiner Verleihung der Ehrendoktorwürde, vom menschlichen Körper als technischem Meisterwerk.27 Er sieht den Menschen als ,Organisa- tionsvorbild‘, einen auf ökonomische Funktionalität ausgerichteten Körper.28 Sein Menschenbild ist geprägt durch die wissenschaftliche Rationalität seiner Zeit. Die Mensch-Maschine-Analogie ist bereits seit der Aufklärung bekannt, doch erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts offenbart sich durch die Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften das ,Wunderwerk Mensch‘. Nicht mehr nur Organe, sondern kleinste Zellen können Träger von Krankheiten sein.29

3. Medikalisierung

3.1 Verwissenschaftlichungsprozesse

Der Begriff ,Medikalisierung‘ hat verschiedene Bedeutungsebenen und meint einerseits einen gesellschaftlichen Wandlungsprozess in der Moderne, der, bedingt durch eine wachsenden Einfluss der naturwissenschaftlichen Medizin, die Lebensführung der Menschen im Hinblick auf ihre Traditionen und Werte­systeme veränderte.30 Während hier der Begriff eher deskriptiv verwendet wird, hat ,Medikalisierung‘ in Anlehnung an Foucault eine normative Komponente, denn mit zunehmenden Einfluss der Medizin respektive der wissenschaftlichen Hygiene im 19. Jahrhundert, waren es vor allem die Unterschichten, die in den , Genuss ‘ ärztlicher Versorgung und hygienischer Maßnahmen gedrängt wurden.31 Diese von der Wissenschaft ausgehenden Prozesse sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

Wenn man Hygiene als „Lehre von der Erhaltung und Stärkung der Gesund- heit“32 definiert, so kommt der Medizin eine besondere Rolle in der Geschichte der Hygiene zu. Bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es noch keinen , funktionierenden Gesundheitsmarkt‘. Die Ärzteschaft zerfallt in zahlreiche Untergruppen, von denen die wenigsten akademisch gebildet sind, wie z.B. Wundärzte, Chirurgen und Bader.33 Zudem sind medizinische Behandlungen stark symptomorientiert und therapeutische Erfolge eher zufällig.34 Tödliche Seuchen wie Gelbfieber, Pocken und insbesondere die Choleraepidemie von 1831, die vor allem in den Städten mit ihren überfüllten Wohnsiedlungen und katastrophalen hygienischen Zuständen Tausende von Todesopfern fordern, führen einen Wandel in der Medizin herbei. Zunehmend versuchen Ärzte auf pathologischer Ebene und im Labor den Krankheiten auf den Grund zu gehen.35 Nüchterne Vermessung und Beobachtung, sowie empirische Datener­fassung ersetzen die alte naturphilosophische Behandlungsform.36 Die Medizin differenziert sich immer mehr in Einzeldisziplinen aus, wird in Kombination mit der Chemie und der Hygiene zur experimentell gestützten Naturwissen- schaft.37 Auch die Ausbildung der Ärzteschaft verwissenschaftlicht sich, denn ab 1852 dürfen in Preußen nur noch universitär ausgebildete Ärzte Patienten behandeln.38 Expertenwissen und die Ausweitung der Kompetenzbereiche der Ärzte bilden nun das Fundament, um mit der ,sozialen Frage‘, also den durch Industrialisierung und Urbanisierung entstandenen Problemen umzugehen. Besonders die Hygiene, die seit der Aufklärung eher private Gesundheitspflege und öffentliche Maßnahmen der Medicinischen Policey umfasste, differenziert sich jetzt als eigenständige wissenschaftliche Teildisziplin der Medizin mit eigenen Instituten und Lehrstühlen weiter aus.39 Die experimentelle Hygiene, dem sich der Chemiker Max v. Pettenkofer als erster Lehrstuhlinhaber (1865) des Faches widmet, beschäftigt sich mit der Auswirkung der natürlichen Umwelt auf den Menschen, d.h. der Einwirkung von Boden-, Luft- und Wasserqualität, aber auch mit Kleidungs-, und Wohnungshygiene.40 Die Forschungsdaten liefern der Städteassanierung wichtige Maß-, und Richtwerte, wobei weniger das Infektionsmaterial im Fokus steht, sondern die Vermitt­lungswege (Miasmen).41 Ein zweiter Teilbereich der wissenschaftlichen Hygiene, die von Robert Koch geprägte Bakteriologie, erkennt in Mikroorga­nismen (Kontagium) den Krankheitserreger. Gezielte Schutzimpfung bringen zwar zunächst große Erfolge, können aber den Ausbruch von Seuchen nicht verhindern, so auch nicht den erneuten Cholera-Ausbruch 1892 in Hamburg.42 Genau hier setzt die Kritik an, die durch Vertreter des dritten Teilbereiches - der ,Sozialen Hygiene‘ - um die Jahrhundertwende formuliert wird, denn die spezialisierte Wissenschaft verliert immer mehr die Lebenswelt der Menschen aus dem Blick.43

1904 schreibt der Sozialhygieniker Alfred Grotjahn:

„Die Hygiene muss daher auch die Einwirkungen dieser gesellschaftli chen Verhältnisse und des sozialen Milieus, in dem die Menschen geboren werden, leben, arbeiten und genießen [...] eingehend studieren. Sie wird damit zur sozialen Hygiene, die der physikalisch- biologischen Hygiene als Ergänzung zur Seite tritt“.44

Die als interdisziplinäre Wissenschaft angelegte ,Soziale Hygiene‘ - unterstützt durch Statistik, Anthropologie und Nationalökonomie - soll mit Hilfe von Hygienikern, Medizinern, Technikern und kommunalen Beamten die prakti­sche Umsetzung liefern, die sich u.a. in die Gründung von Fürsorgeeinrich­tungen und Rettungsdiensten, Säuglingspflege und hygienische Belehrung der Arbeiter aufsplittet.45 Anhand dieser Entwicklungen wird deutlich, wie stark Verwissenschaftlichungsprozesse seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine soziale Dimension bekommen. Ärzte, eine vormals heterogene Berufsgruppe, professi­onalisieren sich, werden zu Experten und Beratungsinstanzen auf dem Gebiet der Hygiene, stoßen Sozialreformen an und werden zu Vermittlern zwischen Bürgern und kommunaler Gesundheitspflege.46

3.2 Hygienisierung der Gesellschaft

Alfons Fischer verlangt 1915 erstmals ein Recht auf Gesundheit.47 Aber „Gesundheitsrecht und Gesundheitspflicht gehören zusammen“48, wie er auch konstatiert. Die moralische Pflicht der Bürger, sich nach den Regeln der Wissenschaften und staatlichen Vorgaben zu richten, um ihre Gesundheit zu erhalten, zeugt von einem Wandel in der Gesellschaft. Individuelle Hygiene ist nicht mehr nur Privatsache. Vielmehr ist das Individuum Teil eines Ganzen, Teil des Volkskörpers, der rein und gesund gehalten werden soll.49

[...]


1 Vgl. Sebastian Weinert: Der Körper im Blick, S.47.

2 Vgl. Programm für die geplante Internationale Hygiene-Ausstellung zu Dresden, S.14-65.

3 Lingner ist Leiter des Ausstellungs-Direktoriums sowie Ausstellungsleiter

4 Lingner: Programm für die geplante Internationale Hygiene-Ausstellung zu Dresden, S.10 (Hervorhebung von mir; C.S.).

5 Vgl. Ragnhild Münch: Von der Hygiene-Ausstellung zum Hygiene-Museum, S.77.

6 Vgl. Weinert: Der Körper im Blick, S.26.

7 Vgl. ebd., S.27.

8 Vgl. Münch: Von der Hygiene-Ausstellung zum Hygiene-Museum, S.74.

9 Vgl. ebd., S.86.

10 Ebd., S.74f.

11 Vgl. ebd., S.75.

12 Lingner: Offizielle Reden gehalten auf der Tagung des Direktoriums und der Gruppen­Vorsitzenden, S.18.

13 Vgl. Weinert: Der Körper im Blick, S.45.

14 Vgl. Sudhoff: Offizielle Reden gehalten auf der Tagung des Direktoriums und der Gruppen-Vorsitzenden, S.30.

15 Ebd., S.28f.

16 Vgl. Sabine Schulte: Das deutsche Hygiene-Museum in Dresden von Wilhelm Kreis, S.46.

17 Vgl. Ulf-Norbert Funke: Der Dresdner Großindustrielle Karl August Lingner und sein gemeinnütziges Wirken, S.134.

18 Vgl. Funke: Der Dresdner Großindustrielle Karl August Lingner, S.135.

19 Vgl. ebd., S.135.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. ebd., S.137f.

22 Vgl. Schulte: Das deutsche Hygiene-Museum in Dresden von Wilhelm Kreis, S.46.

23 Vgl. Funke: Der Dresdner Großindustrielle Karl August Lingner, S.137.

24 Vgl. Lingner: Offizielle Reden, S.19.

25 Vgl. Schulte: Das deutsche Hygiene-Museum in Dresden von Wilhelm Kreis, S.49f.

26 Vgl. ebd., S.65.

27 Vgl. ebd., S.54.

28 Vgl. ebd., S.53.

29 Vgl. ebd., S.58.

30 Vgl. Reinhard Spree: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod, S.156.

31 Vgl. Gabriele Moser: Im Interesse der Volksgesundheit, S.36.

32 Ludwig Elster: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, S.295.

33 Vgl. Spree: Soziale Ungleichheit vor Krankheit und Tod, S.140.

34 Vgl. ebd., S.140.

35 Vgl. Claudia Huerkamp: Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert, S.93.

36 Vgl. ebd., S.90.

37 Vgl. ebd., S.305.

38 Vgl. ebd., S.304.

39 Vgl. ebd., S.108.

40 Vgl. Moser: Im Interesse der Volksgesundheit, S.44.

41 Vgl. Gerd Göckenjahn: Kurieren und Staat machen, S.115.

42 Vgl. Moser: Im Interesse der Volksgesundheit, S.44.

43 Vgl. ebd., S.46.

44 Grotjahn: Beilage zur ,Hygienischen Rundschau1, Berlin 15. Oktober 1904, S.1020.

45 Vgl. Moser: Im Interesse der Volksgesundheit, S.54.

46 Vgl. Alfons Labisch: Hygiene ist Moral - Moral ist Hygiene, S.281.

47 Vgl. Alfons Fischer: Grundriss der sozialen Hygiene, S.5f.

48 Ebd., S.7.

49 Vgl. Matthias Weipert: „Mehrung der Volkskraft“, S.139.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Durch Hygiene zum "Neuen Menschen"
Untertitel
Die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 und ihre gesellschaftspolitische Bedeutung
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Modul G6: Politische Kultur- und Sozialgeschichte
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V512602
ISBN (eBook)
9783346100436
ISBN (Buch)
9783346100443
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hygiene, Hygiene-Museum Dresden, Karl August Lingner, Robert Koch, Medizin, Gesundheit, Volksgesundheit, Kaiserreich, Maschine Mensch, soziale Hygiene, Max von Pettenkofer, Medikalisierung, Verwissenschaftlichung, Miasmen, Kontagium, öffentliche Hygiene, Hygienisierung, Eugenik, Rassenhygiene, Volkskörper, Reichsimpfgesetz, Kaiserliches Gesundheitsamt, Lebensreform
Arbeit zitieren
Claudia Spoden (Autor), 2019, Durch Hygiene zum "Neuen Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512602

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