Gegenstand dieser Masterarbeit ist die soziale Konstruktion der kollektiven Erinnerung an die DDR. Wie wird im heutigen Berlin die DDR dargestellt? Welche Diskurse über die DDR werden den Besuchern vermittelt und wessen Geschichte ist es, die erzählt wird? Wer sind die verschiedenen Akteure, die an der Darstellung der DDR-Vergangenheit im Stadtbild Berlins beteiligt sind und welche Interessen verfolgen sie? Auf welche Diskurse beziehen sie sich und welche Strategien wenden sie an, um ihre Deutung der Vergangenheit zu legitimieren? Lassen sich typische Argumentationsmuster erkennen, die die Produktion von Erinnerungsorten begleiten? Um diese Fragen zu beantworten, besuchte die Autorin Berliner Erinnerungsstätten zur DDR, ging Verlautbarungen und Werbematerial verschiedener Institutionen durch und führte Interviews mit Vertreter/innen von Gedenkstätten und anderen Institutionen sowie mit Bewohner/innen und Besucher/innen Berlins. Sie orientierte sich dabei an der jüngeren Forschung zum kollektiven Gedächtnis, wonach das Vergangene von der Gegenwart ausgehend rekonstruiert wird.
Die Analyse der Berliner Erinnerungslandschaft zeigte, dass darin vier Themen einen prominenten Platz einnehmen. Auf der einen Seite sind dies die Berliner Mauer, die Staatsicherheit sowie die Opposition in der DDR, die sich gegen die diktatorischen Verhältnisse zur Wehr setzte. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Erinnerungsorte, die sich dem realsozialistischen Alltag widmen und somit ein eher (n)ostalgisches Bild der DDR vermitteln.
In einem zweiten Schritt wurden die Diskurse der verschiedenen Akteure, die sich an der Debatte um eine angemessene Erinnerungskultur beteiligen, herausgearbeitet und die Auseinandersetzungen um das Sagbare und das Unsagbare geschildert. Dabei werden vier Diskursgemeinschaften (die "Ankläger", die "Pragmatiker", die "(N)Ostalgiker" sowie der offizielle Diskurs) identifiziert. Die verschiedenen Diskursgemeinschaften konkurrieren um die ihrer Meinung nach richtige Vergangenheitsdeutung, sind gleichzeitig aber auch als aufeinander bezogen zu verstehen. Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Analyse die Unterscheidung zwischen dem kommunikativen Gedächtnis der Zeitzeugen und dem kulturellen Gedächtnis, das die Generationen überdauern soll. Der letzte Teil widmet sich den Argumentationsmustern, die trotz der unterschiedlichen historischen Narrationen oft erstaunlich ähnlich sind.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Thema und Fragestellung
Theoretische Bezugspunkte
Zur Wahl des Forschungsfeldes
Literaturlage
Aufbau der Arbeit
Teil 1: Theoretischer und konzeptioneller Rahmen
1.1 Gedächtnis und Geschichte in der Sozialanthropologie
1.2 Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs
1.3 Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis der Assmanns
1.4 Lieux de mémoire
1.5 Das Gedächtnis im Raum
1.6 Orte der Erinnerung als touristische Attraktionen
1.7 Erinnerungen und Diskurse
Teil 2: Forschungsprozess
2.1 Datenerhebung
2.2 Vom Feld zum Text
Teil 3: Forschungskontext
3.1 Das Neue Berlin
3.2 Die DDR im wiedervereinten Deutschland
3.3 Erinnerung und Propaganda vor 1989
Teil 4: Resultate
4.1 Die Vermarktung Berlins
4.2 Ein Überblick über die Berliner Erinnerungslandschaft
4.2.1 Kalter Krieg und geteilte Stadt
4.2.2 Der Stasi-Staat
4.2.3 Widerstand und Opposition
4.2.4 Der realsozialistische Alltag
4.2.5 Was fehlt?
4.3 Die Diskursgemeinschaften
4.3.1 Die Ankläger
4.3.2 Die Politiker
4.3.3 Die Pragmatiker
4.3.4 Die (N)Ostalgiker
4.5 Argumentationsmuster
4.5.1 Die Autorität der Produzenten
4.5.2 Die zwei deutschen Diktaturen
4.5.3 Die Wahl des Ortes
4.5.4 Auf der Suche nach Authentizität
Schlussdiskussion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie im heutigen Berlin DDR-Geschichte in Museen, Gedenkstätten und im Stadtbild „produziert“ wird, wessen Geschichte erzählt wird und wie diese durch die Akteure legitimiert wird.
- Analyse der Erinnerungskultur und Gedächtnistheorie
- Rolle von Tourismus und Stadtmarketing bei der Erinnerungsproduktion
- Diskursanalyse verschiedener Akteursgruppen (Ankläger, Politiker, Pragmatiker, (N)Ostalgiker)
- Bedeutung von Authentizität und geografischer Lage für Erinnerungsorte
- Umgang mit den Hinterlassenschaften der DDR im vereinten Deutschland
Auszug aus dem Buch
1.2 Das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs
Einer der ersten, der sich mit dem Gedächtnis aus sozialwissenschaftlicher Sicht auseinandersetzte, war der Soziologie Maurice Halbwachs.4 Bereits in den 1920er Jahren untersuchte er die Bedeutung der gemeinsamen Erinnerung als Bindeglied von Gruppen und leitete daraus die Existenz eines Gruppengedächtnisses ab. Sein Konzept des kollektiven Gedächtnisses erlebte in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Revival. Es sind drei Werke Halbwachs, die dabei immer wieder zitiert werden: Les cadres sociaux de la mémoire (1925, im Folgenden 1985), la topographie légendaire des évangiles en terre sainte (1941, im Folgenden 2003) sowie das erst posthum erschienene mémoire collective (1950, im Folgenden 1997).
Wie der Titel des erstgenannten Werks besagt, geht es ihm darum, auf die soziale Bedingtheit des Erinnerns hinzuweisen. Damit tritt er gegen „alle Gebietsansprüche des Biologismus und naturalistischen Psychologismus in den ‚Wissenschaften vom Menschen‘“ an (Egger 2003: 223). Im Anschluss an Durkheim und gegen die These von der Subsistenz der Erinnerung im Unbewussten versucht Halbwachs nachzuweisen, das der Mensch sich nur als Teil einer sozialen Gruppe erinnern kann.
Das individuelle Erinnern ist immer schon in einen sozialen Rahmen eingebettet und es gibt „kein mögliches Gedächtnis ausserhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden“ (1985: 121). Wir erinnern uns nur, weil wir uns auf die Gedächtnisse unserer Mitmenschen stützen können.
Das bedeutet zum einen, dass uns viele Erinnerungen entgleiten, sobald wir nicht mehr unter den gleichen Menschen leben, mit denen wir diese Erinnerungen bzw. den sozialen Rahmen teilen (1985: 50). Zum anderen bedeutet dieser soziale Charakter des Erinnerns auch, dass wir uns an Ereignisse erinnern, die wir nicht selber erlebt, sondern von denen wir nur gehört oder gelesen haben (1997: 98). Je weiter in die Vergangenheit wir zurückgehen, desto begrenzter ist die Anzahl der Tatsachen, die in Erinnerung bleiben. Diese Tatsachen sind nicht willkürlich oder individuell, sondern sie resultieren „aus dem Umstand, dass das Gedächtnis der Menschen von den sie umgebenden Gruppen und den Ideen oder Bildern abhängt, für die diese Gruppen sich am meisten interessieren“ (1985: 195). Die sozialen Gruppen, an denen wir teilhaben, bestimmen, an was wir uns erinnern.
Zusammenfassung der Kapitel
Teil 1: Theoretischer und konzeptioneller Rahmen: Einführung in die gedächtnistheoretischen Grundlagen, insbesondere der Arbeiten von Maurice Halbwachs sowie Jan und Aleida Assmann, und deren Anwendung auf räumlich verankerte Erinnerungsorte.
Teil 2: Forschungsprozess: Darstellung der methodischen Vorgehensweise bei der Datenerhebung in Berlin, einschliesslich der Nutzung von Interviews, Beobachtungen und schriftlichen Dokumenten.
Teil 3: Forschungskontext: Untersuchung des Wandels Berlins seit 1989 und der erinnerungspolitischen Landschaft im Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung.
Teil 4: Resultate: Detaillierte Analyse und Interpretation der erhobenen Daten, gegliedert in die Vermarktung Berlins, die Erinnerungslandschaft, verschiedene Diskursgemeinschaften und deren Legitimationsstrategien.
Schlüsselwörter
DDR, Berlin, Erinnerungskultur, Kollektives Gedächtnis, Mauer, Stasi, Tourismus, Identität, Diskurs, Authentizität, Erinnerungsorte, Geschichtspolitik, DDR-Museum, Aufarbeitung, Soziale Konstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert, wie in Berlin 20 Jahre nach dem Fall der Mauer DDR-Geschichte im Stadtbild und in der Erinnerungskultur durch verschiedene Akteure produziert, vermarktet und legitimiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das kollektive Gedächtnis, der Prozess der Institutionalisierung von Geschichte, die Rolle des Tourismus bei der Gestaltung von Stadtimages sowie die Analyse konkurrierender Narrative über die DDR.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wessen Geschichte in Berlin erzählt wird, welche Akteure die Deutungshoheit über DDR-Erinnerungsorte besitzen und wie diese Akteure ihre Deutungen durch unterschiedliche Strategien legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine sozialanthropologische Feldforschung, die qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtungen an Erinnerungsorten und die Analyse von Dokumenten wie Werbeprospekten kombiniert.
Welche Akteursgruppen werden im Hauptteil behandelt?
Die Arbeit unterscheidet vier Diskursgemeinschaften: die "Ankläger", die "Politiker", die "Pragmatiker" (kommerzielle Anbieter) und die "(N)Ostalgiker".
Welche Rolle spielt der Tourismus für die Erinnerungslandschaft?
Der Tourismus fungiert als wesentlicher Treiber bei der Produktion von Bildern und Symbolen, wobei historische Orte oft als "authentische" Kulisse für die Vermarktung der Stadt dienen.
Warum ist die "Suche nach Authentizität" für Besucher in Berlin so entscheidend?
Viele Besucher suchen in Berlin ein "unmittelbares Erleben" der Geschichte. Die Authentizität wird hier oft durch den historischen Ort selbst oder durch die Glaubwürdigkeit der Produzenten (z.B. Zeitzeugen) legitimiert, auch wenn die historische Korrektheit teils hinter die emotionale Wirkung zurücktritt.
Welche Bedeutung hat das "Neue Berlin" für die Erinnerung an die DDR?
Das Image des "Neuen Berlins" als weltoffene Metropole des Wandels drängt die dunkleren Kapitel der DDR-Vergangenheit teilweise in den Hintergrund, sofern sie nicht als Alleinstellungsmerkmale für den Tourismus (wie die Mauer) genutzt werden können.
- Quote paper
- Sarah Brügger (Author), 2009, Mehr als Mauer und Stasi. Die Berliner Erinnerungslandschaft zur DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512613