Das Kinderbuch "Die Eisenbahn-Oma" von Paul Maar im Deutschunterricht der Grundschule


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literarische Analyse
2.1 Inhalt und Schlüsselszenen des Buches
2.2 Narrative Ebenen des Buches
2.2.1 Die discourse-Ebene
2.2.2 Die story-Ebene

3. Begründung der Buchauswahl
3.1 Bedeutsamkeit des Buches für die Lerngruppe
3.2 Lernchancen und Lernziele des Buches
3.3 Lehrplanbezug

4. Exemplarische Planung einer Unterrichtseinheit
4.1 Anlage der Einheit und thematische Abfolge
4.2 Tabellarischer Aufbau der Unterrichtseinheit
4.3 Begründung zentraler didaktisch-methodischer Entscheidungen

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Grundschulunterricht steht seit jeher vor der besonderen Herausforderung, Schülerinnen und Schüler (im Folgenden durch SuS abgekürzt) in den ersten Jahren ihrer Schulzeit in ihren Einstellungen zu prägen und durch das Lehren von wichtigen Fähigkeiten und Kenntnissen auf das spätere Leben vorzubereiten. Damit sich die SuS nicht nur persönlich, sondern auch sprachlich in ihrer zukünftigen Schul- und Lebenswelt zurechtfinden können, ist der Deutschunterricht besonders in der Anfangszeit der Grundschule von wesentlicher Bedeutung. Um Kindern in der Primarstufe über das bloße Lesen und Schreiben lernen hinaus auch literarische Kompetenzen zu vermitteln und sie für Literatur und die Sprache an sich zu begeistern, eignet sich besonders der Einsatz von Klassenlektüren, die dazu dienen sollen, die SuS in ihrem Leseverhalten zu beeinflussen und wichtige inhaltliche und sprachliche Fertigkeiten zu vermitteln. Dabei bleibt jedoch zu beachten, dass nicht jedes Kinderbuch für den Deutschunterricht geeignet ist. Das Ziel der folgenden Hausarbeit soll es sein, ein bestimmtes literarisches Werk – in diesem Falle Paul Maars Erstlesebuch Die Eisenbahn-Oma – auf seine Möglichkeiten des Einsatzes in den Deutschunterricht der Grundschule zu untersuchen und durch einen Unterrichtsentwurf exemplarisch auszuarbeiten.

Zu diesem Zweck soll das Werk zunächst literarisch analysiert werden: Nach einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts und der Darstellung der wichtigsten Schlüsselszenen sollen die narrativen Ebenen des Buches betrachtet werden. Im Hinblick auf Carsten Gansels Zweiebenenmodell (vgl. Gansel 2010, 53) soll dabei für die Analyse zwischen der discourse- Ebene und der story -Ebene unterschieden werden. Anschließend folgt eine Begründung der Buchauswahl: Nachdem wichtige Kriterien von Petra Büker (2006) auf das literarische Werk angewendet werden, um die Bedeutsamkeit des Buches für die Lerngruppe zu untersuchen, sollen seine inhaltlichen und sprachlichen Lernchancen und –ziele dargestellt werden. Darauf aufbauend soll ein Bezug zum Kernlehrplan des Faches Deutsch hergestellt werden. Im weiteren Verlauf folgt die exemplarische Planung einer Unterrichtseinheit: Dafür soll zunächst die Anlage der Einheit und ihre thematische Abfolge erläutert werden, um im nächsten Schritt den tabellarischen Aufbau einer möglichen Unterrichtseinheit zu präsentieren. Nachfolgend werden die darin aufgeführten zentralen didaktisch-methodischen Entscheidungen begründet. In einer abschließenden Zusammenfassung soll ausgewertet werden, ob oder inwieweit Paul Maars Erstlesebuch Die Eisenbahn-Oma ausgehend von der vorangegangenen Argumentation für den Deutschunterricht der Grundschule geeignet ist.

2. Literarische Analyse

2.1 Inhalt und Schlüsselszenen des Buches

In dem Buch Die Eisenbahn-Oma, welches 1981 von Paul Maar verfasst wurde und im Friedrich Oetinger Verlag erschienen ist, wird von der Begegnung eines etwa siebenjährigen Jungen mit einer älteren Dame während einer Zugfahrt erzählt. Das Erstlesebuch behandelt unter anderem Themen wie Freundschaften in unterschiedlichen Altersklassen, Ferien, Reisen, fremde Menschen kennenlernen, Sprachspiele und Zeitvertreib und ist vom Verlag empfohlen für Leser zwischen sechs und acht Jahren. Die Geschichte beginnt damit, dass Ulli, ein Junge, der in die zweite Klasse geht, aus der Schule kommt und seiner Mutter von den bevorstehenden Herbstferien berichtet. Da seine Eltern wegen der Arbeit nicht gemeinsam mit Ulli in den Urlaub fahren können, beschließt seine Mutter auf Ullis Vorschlag hin, dass dieser alleine mit dem Zug von Stuttgart nach München fahren darf, um dort seine Verwandten zu besuchen. Damit Ulli während der Fahrt nicht ganz ohne Begleitung ist, teilt er sich ein Abteil mit einer älteren Dame, die ebenfalls in München aussteigen will. Obwohl Ulli sich zunächst nicht sonderlich darüber freut, die ganze Zugfahrt alleine mit einer alten Frau zu verbringen, hilft diese ihm dabei seine verlorengegangene Fahrkarte wiederzufinden und freundet sich dadurch schließlich mit ihm an. Die alte Dame stellt sich Ulli als Oma Brückner vor und erzählt dem neugierigen Jungen während der Reise von ihren Erlebnissen aus der Kindheit, spielt kleine Sprachspiele mit ihm, stellt ihm Rätsel und reimt Gedichte. Als der Zug schließlich im Bahnhof von München einfährt, erzählt Ulli seinen Verwandten begeistert von seiner Eisenbahn-Oma, mit der die Zugfahrt viel aufregender war als er gedacht hätte (vgl. Maar 1981).

Paul Maars Erstlesebuch enthält mehrere Schlüsselszenen, die für die Geschichte von großer Bedeutung sind. Die erste wichtige Szene beginnt mit Ullis Idee, aufgrund von der Unpässlichkeit seiner Eltern alleine mit dem Zug in den Urlaub zu fahren. Obwohl sich seine anfängliche Euphorie zunächst in Unsicherheit verwandelt, als seine Mutter seinen Vorschlag tatsächlich ernst nimmt und eine Zugreise zu seinen Verwandten plant, finden beide gemeinsam eine Lösung, wie der Zweitklässler möglichst sicher und ohne elterliche Begleitung nach München gelangen kann (vgl. ebd., 6-10).

Eine zweite Schlüsselszene stellt die erste Begegnung von Ulli mit Frau Brückner dar. Da seine Mutter in der kurzen Zeit, in der der Zug im Bahnhof hielt, nur die alte Dame finden konnte, die genau wie Ulli in München aussteigen muss, kann Ulli die Zugfahrt nicht wie gehofft mit einem netten jungen Ehepaar oder mit Kindern in seinem Alter verbringen und ist bereits zu Beginn der Fahrt wenig begeistert über seine Reisebegleitung (vgl. Maar 1981, 17-19).

Die Geschichte in dem Buch Die Eisenbahn-Oma kommt an einen Wendepunkt, als Ulli bei der Fahrscheinkontrolle seine Fahrkarte nicht mehr finden kann. In seiner Aufregung kommt ihm die alte Dame zu Hilfe, indem sie gemeinsam mit Ulli überlegt, wo sich sein Fahrschein befinden könnte. Durch ruhiges Nachdenken gelingt es den beiden schließlich, die Fahrkarte zu finden und Ulli dadurch vor einem Nachzahlen zu bewahren (vgl. ebd., 22-28). Diese dritte Schlüsselszene schafft die Voraussetzung dafür, dass Ulli der älteren Frau gegenüber aufgeschlossener ist und sich zwischen den beiden eine ungewöhnliche Freundschaft entwickeln kann. Ullis Neugier und die freundliche Art von Oma Brückner führen letztendlich dazu, dass die gemeinsame Zeit während der Zugfahrt viel schneller vergeht, als ursprünglich gedacht.

Eine letzte Schlüsselszene in Paul Maars Erstlesebuch ist die Unterhaltung zwischen Ulli und seiner Cousine Anne: Nachdem Ulli sich in München von Oma Brückner verabschiedet, fragt ihn seine Cousine, ob eine Fahrt ganz allein mit einer alten Frau nicht sehr langweilig gewesen sei. Daraufhin stellt Ulli ganz überzeugt fest: „Langweilig? Hast du eine Ahnung! […] Alte Menschen können sich ganz toll mit Kindern unterhalten“ (ebd., 63). Sein abschließender Wunsch, auch auf der Rückfahrt wieder mit einer Oma in einem Abteil zu sitzen (vgl. ebd.) macht deutlich, wie sehr er die vergangene Zugfahrt ganz entgegen seiner anfänglichen Erwartungen genossen hat.

2.2 Narrative Ebenen des Buches

Um ein Kinderbuch wie Die Eisenbahn-Oma literarisch analysieren zu können, muss es im Hinblick auf seine narrativen Ebenen untersucht werden. Bezugnehmend auf Carsten Gansels Zweiebenenmodell (vgl. Gansel 2010, 53) soll dafür zunächst der Frage nachgegangen werden, wie das Buch erzählt wird, damit anschließend genauer auf den Inhalt – das Was des Erzählens – eingegangen werden kann.

2.2.1 Die discourse-Ebene

Die Art und Weise, wie ein bestimmter fiktionaler Text dargestellt wird, wirkt sich entscheidend darauf aus, wie eine Geschichte von einem Leser wahrgenommen und verstanden werden kann. Auf dieser sogenannten discourse -Ebene wird dabei nicht nur die Form des Erzählens untersucht, sondern auch gesondert der Frage nachgegangen, „aus wessen Perspektive […] die Welt dargestellt [wird]“ (Gansel 2010, 53.). Die einfache Erzählsprache in Paul Maars Erstlesebuch weist ebenso wie das Ausbleiben von Fremdwörtern und die simple Struktur des Textes auf eine kindliche Sichtweise des Erzählers hin. Gleich zu Beginn der vorliegenden Geschichte wird darüber hinaus deutlich, dass keine eindeutige Erzählinstanz vorgestellt wird. Dies hat zur Folge, dass der Leser – anders als bei einigen anderen Kinderbüchern – nicht am Anfang durch einen fiktiven Erzähler in die Geschichte eingeführt, sondern eher unmittelbar mit dem Geschehen konfrontiert wird. Die Figuren, die in dem Buch Die Eisenbahn-Oma auftreten, werden weder explizit vorgestellt, noch werden ihre verschiedenen Charaktereigenschaften von einer fiktiven Vermittlungsinstanz gesondert präsentiert. Der Leser erlebt die Geschichte somit nicht aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers, der „als ein konkret fassbarer Vermittler in Erscheinung [tritt] und […] in hohem Maße als solcher erkennbar [ist]“ (Gansel 2010, 57). Dazu kommt, dass sich während der Handlung keinerlei Bewertungen, Kommentare oder Leseranreden von einem außenstehenden Sprecher finden, die auf eine allwissende Erzählperspektive hinweisen würden (vgl. ebd.).

Statt die Sichtweisen und die Gefühle von mehreren Figuren in der Geschichte wahrzunehmen, folgt der Leser nur den Erlebnissen von Ulli, dem Protagonisten in Paul Maars Erstlesewerk. Dies weist – da die Geschichte nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde – auf eine personale Erzählinstanz hin (vgl. ebd., 63). Kennzeichnend für diese Erzählweise ist unter anderem, dass hauptsächlich Ereignisse dargestellt werden, die von der Figur in der Geschichte als wichtig empfunden und bewusst wahrgenommen werden (vgl. ebd.). Eine Situation, in der dies deutlich wird, ist der Beginn der Zugfahrt in dem Abteil mit der alten Frau: Da Ulli äußerst unzufrieden über die Tatsache ist, dass er nicht mit anderen Kindern gemeinsam fahren kann, beobachtet er zunächst desinteressiert die Landschaft vor seinem Fenster. Dabei wird beschrieben, wie ein Auto neben seinem Waggon herfährt, und Ulli sich vorstellt, wie der Zug ein Wettrennen mit dem Autofahrer veranstaltet. Als das Auto schließlich zurückbleibt, erfährt der Leser durch den Gedanken: „Den hab ich abgehängt!“ (Maar 1981, 21) Ullis Heiterkeit über den vermeintlichen Gewinn. Die kindliche Freude und der ausführliche Bericht darüber, wie ein Auto anscheinend versucht einen Zug zu überholen, sind charakteristisch für die naive Sichtweise und die Interessen eines Jungen in Ullis Alter. Während Ereignisse, die für einen älteren Protagonisten vielleicht von Bedeutung wären, ausgelassen werden – wie zum Beispiel die Vorbereitungen auf die Reise zu den Verwandten – orientiert sich die Geschichte an der Lebens- und Erfahrungswelt des jungen Zweitklässlers, was kennzeichnend ist für einen personalen Erzähler, der sich gleich zu Beginn an ein ausgewähltes Medium – in diesem Falle an Ulli – bindet (vgl. Gansel 2010, 63). Darüber hinaus wird ein besonderer Fokus auf die Gefühle von Ulli gelegt: Bei der Erkenntnis, dass seine Fahrkarte verloren gegangen ist und er womöglich durch eine Nachzahlung bestraft werden könnte, rückt die kindliche Angst und Aufregung von Ulli besonders in den Vordergrund und dominiert die Situation. Durch die Beschreibung von seinem verzweifelt wiederholten Suchen nach dem Fahrschein, seinem Stottern, den zitternden Händen und Sätzen wie: „Am liebsten würde Ulli anfangen zu weinen“ (Maar 1981, 24), empfindet der Leser deutlich die Furcht und Bestürzung des Protagonisten mit. Diese Darstellungen der Innenwelt und Sinneseindrücke einer einzelnen Person sind ebenfalls einer personalen Erzählweise zugehörig und werden auch als „monoperspektivisches Erzählen“ (Gansel 2010, 66) bezeichnet.

Für die Analyse der discourse-Ebene ist zusätzlich zu der Art der erzählerischen Vermittlung auch die zeitliche Präsentation der Handlung von entscheidender Bedeutung (vgl. ebd., 54). Die Geschichte in Paul Maars Die Eisenbahn-Oma findet chronologisch statt: Ohne Vor- oder Rückblenden werden die Ereignisse – beginnend bei Ullis Wunsch, in die Ferien zu fahren, bis zu seiner abschließenden Ankunft bei seinen Verwandten – der Reihe nach berichtet. Die Zeit zwischen der Planung, alleine in die Ferien zu fahren und dem tatsächlichen Ferienbeginn, ist zeitlich gerafft, da die Ereignisse, die in der Zwischenzeit geschehen sind, ausgelassen wurden (vgl. Maar 1981, 10-11). Während Ullis anschließender Begegnung und Unterhaltung mit Oma Brückner ist die erzählte Zeit stattdessen in etwa deckungsgleich mit der Erzählzeit der Geschichte. Anstatt dass während der Zugfahrt ebenfalls einzelne Situationen gar nicht aufgeführt werden, wird das gesamte Geschehen weitestgehend unverkürzt nacherzählt. Die Geschichte wird darüber hinaus – wie für den personalen Erzähler kennzeichnend – nur ein einziges Mal aus der Perspektive von Ulli erzählt, und nicht um die Sichtweise von der Mutter oder Frau Brückner ergänzt oder wiederholt.

2.2.2 Die story-Ebene

Neben der discourse-Ebene, die sich mit der Frage nach dem Wie des Erzählens beschäftigt, ist die Frage nach dem Inhalt, dem Was der Geschichte ebenfalls von besonderer Bedeutung. Carsten Gansel spricht hierbei von der sogenannten story und führt insbesondere die Handlung, die Figuren, den Raum und deren Zusammenspiel untereinander als bedeutsam für eine literarische Analyse auf (vgl. Gansel 2010, 54). Die Handlung in dem Kinderbuch Die Eisenbahn-Oma fängt ohne Einleitung beim Beginn der Geschichte an – als Zeitpunkt wurde dabei der Tag gewählt, an dem Ulli von der Schule kommt und seine Mutter darüber informiert, dass in Kürze die Herbstferien beginnen (vgl. Maar 1981, 5). Die einzelnen kleineren Ereignisse, die im Folgenden chronologisch erzählt werden, nehmen immer die Länge eines Kapitels ein und ergeben, in dem sie aufeinander bezogen werden, eine ganze Geschichte (vgl. Gansel 2010, 76-77). Die einsträngige Handlung folgt dabei einem Grundmuster, das charakteristisch für literarische Werke ist: Gansel verweist in seiner Ausarbeitung über die erzähltheoretischen Grundvoraussetzungen auf Jurij M. Lotmann, demzufolge die Struktur eines Textes immer aus drei Elementen zusammengesetzt wird:

„Dazu gehört a) ein räumlicher Bereich, der sich in zwei gegenüberstehende gegensätzliche Lager aufspaltet, sodann b) aus einer Grenze, die diese Bereiche unterteilt und die normalerweise nicht überschritten werden kann und c) einem Helden, der genau dies versucht, der also die Grenze überschreiten will. Dabei kann er scheitern oder durch die Überschreitung die Grenze aufheben“ (Gansel 2010, 76-77).

In Paul Maars Kinderbuch, wo die Freundschaft zwischen einem kleinen Jungen und einer alten Frau im Mittelpunkt steht, sind die gegensätzlichen Lager als die unterschiedlichen Erfahrungswelten der Figuren, die aufeinander treffen, zu verstehen. Die Grenze, die die beiden Charaktere voneinander trennt, stellt dabei sowohl das Alter zwischen ihnen dar, als auch die daraus resultierenden verschiedenen Lebenssituationen. Die Überschreitung dieser Grenze, und damit der Versuch einer Freundschaft zwischen einer sehr jungen und einer sehr alten Person, ist eher ungewöhnlich: Darauf weist sowohl Ullis anfängliche Abneigung hin, im Zug mit einer Oma fahren zu müssen („Nicht zu so einer alten Frau. Das ist doch langweilig.“ Maar 1981, 14), als auch die Reaktion seiner Cousine auf diese Begegnung: „Du, war das denn nicht furchtbar langweilig? Die ganze Zeit mit der?“ (ebd., 63). Gerade dieser letzte Ausspruch macht deutlich, dass nicht davon ausgegangen wird, dass Menschen, zwischen denen eine große Altersspanne liegt, Gemeinsamkeiten haben könnten, die eine Freundschaft überhaupt erst ermöglichen würden. Die endgültige Aufhebung der Grenze geht dabei nicht nur von einem Helden aus, sondern wird eher von den beiden gegensätzlichen Figuren gemeinsam geschaffen: Während Frau Brückner zwar gleich zu Beginn versucht, ein Gespräch mit dem Zweitklässler zu führen (vgl. ebd., 19) lässt sie sich von dessen abweisendem Verhalten nicht abschrecken, sondern bietet ihm im entscheidenden Moment ihre Hilfe an (vgl. ebd., 24-26). Darüber hinaus gelingt es ihr, Gemeinsamkeiten zwischen sich und dem Jungen aufzuzeigen, um sich mit diesem anzufreunden – dazu gehören beispielsweise der Geschmack am geteilten Kuchen und ihr Enkel, der genauso alt ist wie Ulli, aber auch die Freude an Geschichten, Rätseln und Gedichten. Hinzu kommt, dass sie dem Zweitklässler anbietet, sie mit Oma Brückner anzusprechen (vgl. Maar 1981, 30), wodurch sie eine vertraute Ebene zwischen sich und dem Jungen schafft. Ulli hingegen ist genauso an der Aufhebung der Grenze zwischen ihnen beteiligt: Zuzüglich zu seiner Bereitschaft, sich auf die Hilfe der alten Dame einzulassen, scheint er die verschiedenen Lebenswelten im Folgenden nicht mehr als etwas Trennendes zu betrachten, sondern stattdessen als eine Möglichkeit, den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. So beginnt er sich von selbst für die Familie von Frau Brückner zu interessieren (vgl. ebd., 30) und kann sich sowohl für ihre Geschichten, als auch die Spiele und Rätsel begeistern. Dabei kommt seinem kindlichen Wesen eine besondere Funktion zu, da er es der alten Dame durch seine neugierige Art und seine Freude über Kleinigkeiten ermöglicht, ihn mit Erfahrungen aus ihrer Lebenswelt ins Staunen zu versetzen.

Ulli und Oma Brückner nehmen in Paul Maars Kinderbuch die Positionen der Hauptfiguren ein. Auffällig ist, dass – womöglich auch aufgrund einer fehlenden Erzählinstanz – beide nur sehr wenig direkt charakterisiert werden. Abgesehen davon, dass Ullis Mutter feststellt, die alte Frau sähe „nett“ (ebd., 14) aus, finden sich über beide keine weiteren äußeren Merkmale. Auch die inneren Merkmale lassen sich nur aufgrund von den Handlungen und Verhaltensweisen feststellen: Ulli wird vor allem als ein neugieriger, aufgeregter und wissbegieriger Junge dargestellt (vgl. z.B. ebd., 7, 11, 32, 45). Frau Brückner hingegen wird dem Leser zunächst als freundlich und überlegt präsentiert (vgl. z.B. ebd., 17, 19, 25), aber im Laufe ihrer Erzählungen wird auch eine abenteuerlustige und warmherzige Seite offenbart (vgl. z.B. ebd., 29, 30, 32, 41). Während sich die Verhaltensweisen der alten Dame nicht besonders verändern und sie dadurch als eine statisch konzipierte Person erscheint, wandelt sich unterdessen Ullis Verhalten Oma Brückner gegenüber – er wirkt dadurch eher offen konzipiert (vgl. Gansel 2010, 79). Die aufgeführten Charaktereigenschaften sind typisch für die jeweilige Figurenkonzeption (vgl. ebd., 78): Während der kleine Junge eine naive und unbeschwerte Weltsicht hat, verkörpert Oma Brückner die typischen Eigenschaften einer älteren Dame, die in ihrer Jugendzeit ausgelassener gewesen ist, inzwischen jedoch durch die gesammelten Erfahrungen überlegter an viele Dinge herantritt (Maar 1981, 29: „Wenn man so alt ist wie ich, hat man schon viel erlebt“).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Kinderbuch "Die Eisenbahn-Oma" von Paul Maar im Deutschunterricht der Grundschule
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Literaturdidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V512630
ISBN (eBook)
9783346099235
ISBN (Buch)
9783346099242
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinderbuch, eisenbahn-oma, paul, maar, deutschunterricht, grundschule
Arbeit zitieren
Jessica Deifel (Autor), 2015, Das Kinderbuch "Die Eisenbahn-Oma" von Paul Maar im Deutschunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512630

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