Die Bedeutung der Sozialen Arbeit bei der Wahrung der Würde demenzerkrankter Patienten. Ist die Würde des Menschen unantastbar?


Fachbuch, 2020

84 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Demographischer Wandel und das gehäufte Auftreten von Demenz

3 Demenz (Medizinische Perspektive)
3.1 Definition und Thesen zur Entstehung
3.2 Demenzformen
3.3 Symptome und Verlauf der Krankheit
3.4 Möglichkeiten zur Beeinflussung der Demenz

4 Demenz und Würde
4.1 Die Begrifflichkeit „Würde“
4.2 Identitätsfindung im sozialen Kontext
4.3 Respekt als Basis allen Handelns
4.4 ´Verrückt`sein – Akzeptanz der Realität des demenziell veränderten Menschen
4.5 Ressourcenorientiertes Denken und Handeln
4.6 Handlungsmaximen

5 Bedürfnisse des demenziell veränderten Menschen aus sozialpsychologischer Perspektive
5.1 Bedürfnisse des Menschen im Allgemeinen
5.2 Bedürfnisse des dementen Menschen
5.3 Grenzen der Inklusion

6 Wahrung der Würde durch Schaffung adäquater Lebensumstände aus der Perspektive der Sozialen Arbeit
6.1 Bedürfnisorientierter Umgang
6.2 Begegnung auf Augenhöhe
6.3 Recht auf Sexualität und soziale Kontakte
6.4 Wahrung von Privatsphäre
6.5 Schaffung von Freude
6.6 Förderung des Kohärenzgefühls

7 Sicherheit durch angepassten Wohnraum
7.1 Häusliche Pflege im Familienkontext
7.2 Teilstationäre Pflege (Tagesstätte)
7.3 Senioren WG
7.4 Vollstationäre Pflege im Altenwohn- und Pflegeheim
7.5 Demenzdorf

8 Herausforderungen im System „Pflegeheim“
8.1 Das Image der Pflegeheime
8.2 Ökonomisierung des Gesundheitswesens
8.3 Pflegenotstand und unzureichende Arbeitsbedingungen
8.4 Sprachbarrieren zwischen Pflegepersonal und Heimbewohnern
8.5 Arbeit unter Zeitdruck
8.6 Das System „Heim“ und der demenziell veränderte Mensch
8.7 Schublade „Demenz“
8.8 Gewalt gegen alte Menschen
8.9 Aggression, Resignation und Rückzugstendenzen bei Heimbewohnern

9 Auftrag der Sozialen Arbeit im Bereich Demenz
9.1 Soziale Arbeit als Vermittler für das Grundrecht auf Würde
9.2 Schnittstellenarbeit – neutral, engagiert und sachkundig
9.3 Soziale Arbeit als Öffentlichkeitsarbeit für demenziell veränderte Menschen
9.4 Schulungen
9.5 Pflegeberatung
9.6 Politisches Engagement

10 Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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Impressum:

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Für meinen Vadder

1 Einleitung

In Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) vom 10.12.1948 steht zu lesen: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ In Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heißt es „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Beide Formulierungen haben einen feststellenden Charakter. Sie beschreiben einen Umstand, der allgemein als gültig anzuerkennen ist.

Betrachtet man die Lebenswirklichkeit mancherorts, drängt sich die Frage auf, was genau eigentlich diese Würde ist und ob das Ziel, sie stets gewahrt zu wissen, nicht vielmehr ein nur partiell realer Zustand ist. Besonders fragil scheint die Wahrung der Menschenwürde im Zusammenhang mit dem Umgang mit hilfsbedürftigen Menschen. Wer sich nicht in vollem Umfang selbst zu helfen vermag, der ist darauf angewiesen, dass andere Menschen Hilfestellung geben. Zwischenmenschliche Interaktion ist stets ein Balanceakt, bei dem es um gemeinschaftliches Handeln, Respekt und Achtung gehen sollte, oftmals geht es aber auch um Missverstehen, Machtansprüche und unterschiedliche Ressourcen von Belastbarkeit und Toleranz. Neben Kindern, die auf Hilfestellung Erwachsener angewiesen sind, ist eine besonders große Gruppe mit Hilfebedarf die älterer Menschen. Mit steigendem Alter nehmen oftmals körperliche Einschränkungen zu, die dazu zwingen, Hilfestellung anzunehmen. Aufgrund des demographischen Wandels wird diese Gruppe stetig wachsen, sodass immer mehr Menschen erforderlich sind und dazu aufgerufen, Hilfestellung zu geben, sei es im familiären Bereich oder aber in der Pflege und bei der Betreuung alter Menschen.

Eine große Herausforderung ist dabei der Umgang mit demenziell veränderten Menschen, da sie in besonders hohem Umfang sehr aufmerksamer Hilfestellung bedürfen. Umfangreiche Hilfen und aufmerksamer, individuell zugeschnittener, würdewahrender Umgang erfordern allerdings Zeit. Zeit, die bekanntermaßen in der Pflege und auch im häuslichen Alltag ein knappes Gut ist. Es stellt sich die Frage, ob die Würde eines demenziell veränderten Menschen im täglichen Umgang gewahrt wird oder überhaupt gewahrt werden kann, angesichts von Pflegenotstand und Leistungszwang. Sind ethische Überlegungen zu einem würdevollen Umgang hypothetisch wichtig, aber faktisch eher nicht in die Tat umzusetzen?

In dieser Arbeit soll zunächst generell beleuchtet werden, was Würde bedeutet und wie allgemein und grundsätzlich eine professionelle, also menschlich korrekte Grundhaltung Mitmenschen gegenüber aussehen müsste. Es soll geklärt werden, welches Menschenbild und welche Haltung Grundlage eines Umgehens mit Personen, seien sie demenziell verändert oder auch nicht, aussehen müsste, um dem Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes und der AEMR gerecht zu werden.

Danach wird der Gedanke verfolgt, was die Bedürfnisse des Menschen allgemein und im Besonderen die von demenziell veränderten Menschen sind. Dabei werden die Kontroverse der Inklusion aufgegriffen und Überlegungen angestellt, in wie weit der Inklusionsgedanke die Bedürfnisse von demenziell veränderten Menschen abbildet, oder ob er in diesem Falle nicht zu kurz greift und als Dogma nicht am rechten Platze ist. Es fragt sich, ob in den verschiedenen Stadien der Demenz unterschiedliche Maßstäbe anzulegen sind, um den Menschen gerecht zu werden und somit ihre Würde zu wahren.

Unbestreitbar ist, dass eine fortschreitende Demenz immer höhere Anforderungen an das Umfeld der Betroffenen stellt. Beleuchtet wird, wie diese Anforderungen aussehen und es wird darauf eingegangen, wie zum Beispiel die schwerwiegende Problematik des Wohnens bei zunehmendem Verlust der Selbstständigkeit gelöst werden kann und in welcher Beziehung die Soziale Arbeit involviert ist oder sein sollte.

Dem familiären pflegenden Umfeld gehen in den meisten Fällen ab einem gewissen Punkt die Handlungsoptionen aus. Sei es durch körperliches oder auch seelisches Aufgebrauchtsein der Ressourcen der Familie, benötigt ein demenziell veränderter Mensch in der Regel irgendwann ein professionell pflegendes Umfeld. Dies findet sich in Gestalt von Mitarbeitern eines Pflegeheimes. Im Verlauf der Arbeit wird es auch darum gehen, wie demenziell veränderte Menschen durch Verhaltensweisen Pflegender ihrer Würde beraubt werden und es werden Überlegungen angestellt, wie die Haltungen und Handlungsweisen des Pflegepersonals zustande kommen, ebenso welche Faktoren dazu führen. (Dazu ist anzumerken, dass es der Autorin nicht darum geht, dem Pflegepersonal per se, also dem gesamten Berufsstand, zu unterstellen, er verletzte grundsätzlich und willentlich durch seine Arbeitsweise die Würde der demenziell veränderten Menschen. Es ist davon auszugehen, dass ein Mensch, der sich entscheidet, eine schwere und unterbezahlte Arbeit zu tun, dies aus menschlichem Engagement tut und nicht aus Machtstreben oder gar Bösartigkeit.) Hernach wird es darum gehen, wie Soziale Arbeit als neutrale, engagierte und sachkundige Schnittstelle dazu beitragen kann, dass im Sinne des demenziell veränderten Menschen das Wort Würde nicht eine Worthülse im Grundgesetz oder der AEMR ist, sondern mit Leben und Inhalt gefüllt wird. Würde dient somit als Handlungskern, gleichsam als Handlungsmaxime, für alle die mit demenziell veränderten Menschen, oder generell mit ihnen anvertrauten Menschen arbeiten. Zum Ende dieser Arbeit werden Überlegungen angestellt, wie Konzepte Sozialer Arbeit aussehen können, die nicht nur zum Ziel haben, mit Angehörigen und Pflegepersonal im Sinne des demenziell veränderten Menschen zu diskutieren, sondern Ressourcen zu zeigen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen, damit die Würde aller Beteiligten keinen Schaden nimmt. Es soll in dieser Arbeit nicht darum gehen, eine Anklageschrift auf das Fehlverhalten von Pflegepersonal und Angehörigen zu verfassen, sondern um die Kernfrage, die hier Forschungsfrage sein wird, welche Umstände zu Würde verletzendem Verhalten führen und wie Soziale Arbeit hilfreich im Spannungsfeld von ethischen Überlegungen und alltäglichem Handeln in belastenden Situationen tätig werden kann.

Dabei stellt sich auch die wichtige Frage nach der politischen Ebene, auf der es für die Durchsetzung des Menschenrechtes auf würdevollen Umgang zu argumentieren gilt. Unmittelbar damit verknüpft geht es auch um Anerkennung der Leistungen aller im sozialen Bereich tätigen Menschen, welche sich durch angemessene Entlohnung ausdrücken sollte und die Schaffung von würdevollen Arbeitsbedingungen, die Grundlage sind für die Umsetzung einer Welt, in der die Würde des Menschen als unantastbar angesehen wird.

Im Fazit dieser Arbeit wird es zusammenfassend darum gehen, welche Erkenntnisse die Autorin während ihrer Recherchen gewonnen hat und welche Schlüsse sie daraus für die Soziale Arbeit und für sich persönlich zieht.

2 Demographischer Wandel und das gehäufte Auftreten von Demenz

Die am häufigsten vertretene These zum steigenden Auftreten von demenziellen Erkrankungen ist die des „Demographischen Wandels“. Die Demographie beschreibt die wirtschafts- und sozialpolitische Bewegung der Bevölkerung und zeigt Entwicklungen auf, die verdeutlichen sollen, von welcher Struktur und Zusammensetzung eine Bevölkerung war, ist und prognostisch sein wird. Mit der sogenannten „Bevölkerungspyramide“ wird graphisch dargestellt, wie die Bevölkerung in Punkto Alter und Geschlecht zusammengesetzt ist.

Anfang des letzten Jahrhunderts sah diese Graphik tatsächlich pyramidenförmig aus. Eine breite junge Bevölkerungsschicht stand einer zahlenmäßig stark reduzierten Schicht von Menschen in höheren Lebensaltern entgegen. Im Laufe der Zeit veränderten sich die gesellschaftlichen Parameter in den Industrieländern, zum Beispiel sank die Geburtenrate und die Lebenserwartung stieg durch bessere medizinische Versorgung und bessere ökonomische Verhältnisse. So wurde bis heute aus der Pyramide eine graphische Form, die einen höheren Anteil älterer Menschen aufweist, bei starker Reduktion der jungen Bevölkerungsschicht, also eher glockenförmig mit Tendenz zur Pilzförmigkeit. Die Lebenserwartung eines Deutschen des Jahrgangs 1910 lag zwischen 50 und 60 Jahren. Ein im Jahr 2004 geborener Deutscher wird statistisch gesehen zwischen 80 und 90 Jahre alt werden.1

Laut statistischem Bundesamt lebten Ende 2017 rund 17,7 Mio. Personen im Alter von über 64 Jahren in Deutschland, was einem Anteil von 21,4% an der Gesamtbevölkerung entspricht. Noch im Jahre 1997 war dieser Anteil an der Gesamtbevölkerung nur 15,8% hoch. Der Anteil der Personen im Rentenalter stieg also binnen der letzten 20 Jahre um 36,6%. Im EU-weiten Vergleich belegt Deutschland den dritten Platz, hat also den dritthöchsten Anteil an Menschen im Alter von 65 Jahren und aufwärts.2 Ein signifikanter Anstieg der Hochaltrigen in unserer Gesellschaft ist eine Tatsache. Thieme bezeichnet als „hochaltrige“ Personen, die 80 und mehr Lebensjahre verzeichnen können.3 Das Krankheitsrisiko nimmt mit steigendem Lebensalter zu und bestimmte Erkrankungen treten mit zunehmendem Alter gehäuft auf. So häufen sich zum Beispiel Gelenks- und Augenerkrankungen und im besonderen Maße demenzielle Erkrankungen. Letztere treten mit fortschreitendem Alter immer häufiger auf, sodass etwa 40% der über Neunzigjährigen eine demenzielle Hirnveränderung aufweisen.4 Laut Statista waren im Jahre 2016 1,63 Mio. Deutsche demenziell erkrankt.5 Jährlich treten bis zu einer Viertelmillion Neuerkrankungen auf. Bis zum Jahr 2050 werden gemäß den Prognosen etwa 3 Mio. demenziell erkrankte Menschen in Deutschland leben.6 Dies scheint eine nur allzu logische Konsequenz des demographischen Wandels. Wenn demenzielle Veränderungen mit steigendem Alter vermehrt auftreten und sich die Bevölkerungszusammensetzung dergestalt verschiebt, dass der prozentuale Anteil der Hochaltrigen immer höher wird, dann folgt daraus, dass in den kommenden Jahren auch der Anteil der demenziell erkrankten Menschen in der Bevölkerung immer höher werden wird, immer vorausgesetzt, dass der medizinische Fortschritt kein Heilmittel bringt, was wohl wünschenswert, aber mittelfristig nicht wahrscheinlich scheint.

3 Demenz (Medizinische Perspektive)

Der Begriff „demens“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „des Verstandes beraubt“. Zu allen Zeiten gab es Menschen, die aus irgendwelchen Gründen nicht oder nicht mehr Herr ihres Verstandes waren. Im Allgemeinen sprach man früher von Schwachsinnigkeit oder Blödsinnigkeit. Als klinisch gebrauchte Diagnose für fortschreitende Erkrankungen des Verstandes etablierte sich Ende des Achtzehnten Jahrhunderts der Begriff „Demenz“, bis im Jahre 1906 ein Arzt Namens Alzheimer an einer Patientin Hirndegenerationen nachwies und sie in ursächlichen Zusammenhang mit den gezeigten Verhaltensauffälligkeiten brachte. Ein Krankheitsbild wurde definiert.7

3.1 Definition und Thesen zur Entstehung

Der Oberbegriff Demenz steht für unterschiedliche Einbußen in der geistigen Funktionalität. Es entstehen Störungen im Bereich der Kognition durch eine Schädigung des Gehirns. Verschiedenste Wahrnehmungsstörungen treten auf, Emotionen geraten außer Kontrolle und schlussendlich verändern sich nach und nach bisher im Leben konstante Persönlichkeitsmerkmale massiv.8

In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) werden Demenzen in unterschiedlichen Kapiteln geführt, einerseits unter „Krankheiten des Nervensystem“ und andererseits unter „Psychische und Verhaltensstörungen“. Demenz ist laut ICD-10 „ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störungen vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt.“9 Es werden primäre von sekundären Demenzen unterschieden. Wenn Abbauprozesse direkt am oder im Gehirn stattfinden, spricht man von primären Demenzen. Diese unterteilt man weiter in degenerative, also fortschreitende und nicht-degenerative Demenz, Letztere schreitet nicht fort und ist partiell reversibel. Als sekundär bezeichnet man Demenzen, deren Ursache nicht direkt im Gehirn zu finden ist, sondern in neurologischen Erkrankungen, Tumoren, Noxen, Vitaminmangelzuständen, Fehlfunktionen der Schilddrüse, Nebenwirkung von Medikamenten, Epilepsie oder auch Alkoholabusus.10

Die Ursachen für die sekundären Demenzformen sind anhand der Auslöser klar zu erkennen und eine sekundäre Demenz muss diagnostisch zu allererst ausgeschlossen werden. Schwieriger ist aber die Frage zu beantworten worauf die Entstehung und Häufung einiger primärer Demenzformen beruht. Die stetig wachsende Zahl der Demenzerkrankungen wird größtenteils dem demographischen Wandel zugeschrieben, also wäre sie eine normale Erscheinung der alternden Bevölkerung. Es gibt aber auch Hinweise, dass unsere Leistungsgesellschaft mit mangelnden familiären Strukturen, schnellem Wandel und dem Gefühl von Nutzlosigkeit und Abgehangen-seins-Gefühl im Alter dazu beiträgt, dem Niedergang von Hirnmasse zuzuspielen und die Neubildungsfähigkeit von Nervenzellen zu schwächen, was zu Demenz führen könne11, so Gerald Hüther.

3.2 Demenzformen

Wie bereits erwähnt unterteilt man im Allgemeinen Demenzen in primäre und sekundäre Demenzformen. Zu den primären Demenzen gehört Morbus Alzheimer, welche die am häufigsten vorkommende Demenzform ist. Bei ihr stehen Gedächtnisdefizite im Vordergrund. Dinge, die zuerst im Lebensverlauf gelernt wurden, bleiben am längsten abrufbar. Dies wird „First-in-last-out-Phänomen“ genannt. Nach und nach gehen nicht nur Erinnerungen verloren, sondern auch die korrekten Vokabelzuordnungen. Das Bewusstsein für diese Fehlleistungen ist schon relativ früh getrübt.12 Im Verlauf der Krankheit lässt nach der allgemeinen Merkfähigkeit auch die Kontrollfähigkeit der Motorik nach, hinzu kommen Inkontinenz und Schluckstörungen. Der Tod tritt entweder durch Mangelversorgung oder aufgrund von Sekundärerkrankungen ein.13

Durch pathologische Veränderungen der Blutversorgung des Gehirnes kann es zu sogenannter Vaskulärer Demenz kommen. Diese Form der Demenz kommt am zweithäufigsten vor und ist differenzialdiagnostisch oftmals schlecht von Morbus Alzheimer zu unterscheiden, mitunter sind beide Krankheiten auch in Mischform vorhanden. Im Gegensatz zu Morbus Alzheimer beginnt diese Erkrankung plötzlich, meist durch ein auslösendes Moment, wie z. B. einen Hirninfarkt. Durch mangelnde Blutzufuhr stirbt Gewebe im Hirn. Kennzeichnend ist der oft schubhafte Verlauf mit Phasen der Stagnation oder gar partieller Besserung.14

Eine häufig früh, also in den Fünfzigern, auftretende Demenzform ist Morbus Pick. Sie ist eine der häufigsten fronttemporalen Demenzen, hat ihren Ursprung also in Zellveränderungen im Stirnlappen des Hirns. Sie wird oft als rein psychiatrische Störung fehldiagnostiziert, weil Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltensauffälligkeiten und Enthemmtheit im Vordergrund stehen und kognitive Störungen oft erst sehr spät auftreten.15 16

Eine Demenzform, die erst seit kürzerer Zeit Beachtung findet, ist die Lewy-Körperchen-Demenz (LKD). Sie ist sehr selten und ist gekennzeichnet durch das vermehrte Auftreten von Einschnürungen, den sogenannten Lewy-Körperchen, in vielen Hirnarealen, in denen man sie sonst nicht findet. Die Symptome der LKD ähneln der Parkinson Krankheit. Es kommt vermehrt zu Gangunsicherheiten und dadurch zu Stürzen. Selbst geringste Dosen von Medikamenten gegen Parkinson lösen aber starke Symptome eben dieses Krankheitsbildes, wie Steifigkeit, Schluck- und Sprechstörungen, aus.17

Letztlich kann auch eine Demenz bei Morbus Parkinson vorliegen. Durch Schädigungen der Subkortex werden die bei Parkinson vorliegenden Symptome verstärkt. Die Betroffenen leiden aber nicht wie an Alzheimer Erkrankte unter Sprachverarbeitungs- und Bewegungsstörungen, bei ihnen stehen der Verlust der Merkfähigkeit im Vordergrund sowie eine exekutive Dysfunktion. Es ist ihnen also nicht möglich, sich Aufgabenstellungen zu merken und eine geplante Handlung zu beginnen und bis zum Ende aus eigenem Antrieb auszuführen.18

Zu den sekundären Demenzen gehört die durch Medikamente verursachte Demenz. Sie entsteht zuweilen durch die Gaben von Schmerzmitteln wie Opium, Schlafmitteln wie Benzodiazepin oder durch das ungünstige Zusammenwirken von verschiedenen Medikamenten. Diese Form von Demenz ist leicht zu diagnostizieren, da der demenzielle Zustand binnen eines halben Jahres keine Verschlechterung erfährt und sich zurückbildet, wenn es möglich ist, die verursachende Medikation abzusetzen.19

Eine durch Alkoholabusus ausgelöste Demenz ist das Wernicke-Korsakow-Syndrom. Dieser zusammenfassende Begriff fasst die Wernicke-Enzephalopathie und das Korsakow-Syndrom zusammen. Demenzen dieser Ausprägung können schon bei jungen Menschen auftreten und werden durch Vitamin B1 Mangelzustände verursacht, die bei der Verstoffwechselung von Alkohol entstehen. Im Vordergrund stehen wie bei der Parkinson-Demenz exekutive Dysfunktionen sowie der Verlust der aktuellen Merkfähigkeit. Entzieht man Alkohol und führt Vitamin B1 zu, sind die Zustände teilweise reversibel, je nach Dauer und Ausprägung des vorangegangenen Alkoholabusus.20

Verschiedenste Störungen des Stoffwechsels können die Stoffwechselbedingte Demenz auslösen. Blutzuckerwerte im krankhaften Bereich, wie bei Diabetes mellitus, Hormonstörungen, wie bei einer Schilddrüsenfehlfunktion oder Vitaminmangelzustände können Demenzen bedingen. Auch Nieren- oder Lebererkrankungen oder Störungen des Elektrolythaushaltes verursachen in manchen Fällen eine demenzielle Symptomatik.21

3.3 Symptome und Verlauf der Krankheit

Wie im Vorhergehenden beschrieben zeigen die unterschiedlichen Demenzformen auch unterschiedliche Ausprägungen und Schwerpunkte in den Ausfallserscheinungen. Gedächtnisverlust ist nicht immer der vordergründige Punkt. Die Verläufe sind auch sehr unterschiedlich, sodass sich hier entschieden wurde, die Symptomatik und den Verlauf der häufigsten Demenzform darzustellen – Der Alzheimer´schen Krankheit (AD).

Diese Erkrankung teilt man in zwei unterschiedliche Erkrankungsformen. Die früh ausbrechende Form vor dem 65. Lebensjahr, „early onset-AD“ genannt, und die „late onset-AD“, welche nach dem 65. Lebensjahr ausbricht. Der Unterschied zwischen diesen beiden besteht in der Verlaufsgeschwindigkeit. Die frühe Form zeigt einen schnelleren und aggressiveren Verlauf als die späte Form.22 Die krankhaften Veränderungen im Gehirn führen zuerst zu emotionalen Auffälligkeiten. Es kann zu depressiven Verstimmungen und Selbstmordphantasien kommen. Später lässt die Merkfähigkeit nach und das Sprachvermögen gerät immer mehr durcheinander. Namen bekannter Personen entfallen dem Betroffenen, er vergisst Termine, verlegt Dinge und kann immer schwerer an Gesprächen teilnehmen, was er zu Anfang noch gut verdrängen oder kaschieren kann, später mit wachsender Desorientiertheit nicht mehr. Motorische Störungen kommen hinzu, sodass Stürze an der Tagesordnung sind. Inkontinenz stellt sich ein sowie Schluckstörungen. AD an sich ist nicht tödlich, der Tod tritt zumeist durch Sekundärerkrankungen oder durch eine Nahrungsunterversorgung ein.23

Neuropathologisch unterteilt man die Demenz in sechs Stadien. In den ersten beiden, einer Latenzphase, treten noch keine Symptome auf. In Stadium drei kommt es zu ersten Auffälligkeiten. Die Diagnose wird meist im vierten Stadium gestellt. In den letzten beiden Stadien befindet sich der Betroffene durch seine kognitiven Defizite und den körperlichen Abbau in völliger Abhängigkeit zu pflegenden Personen.

Die Dauer der Krankheit wird von Stadium eins bis zum Tod auf etwa 30 Jahre geschätzt, wobei der Zeitraum vom ersten Auftreten von Symptomen bis zur totalen Unselbstständigkeit mehr als 10 Jahre umfassen kann.24

3.4 Möglichkeiten zur Beeinflussung der Demenz

Bis zum heutigen Tag ist noch keine medikamentöse Therapie entwickelt worden, die zur Ausheilung der Krankheit und zur Wiederherstellung der Kognition führen würde. Selbst ein Stoppen des Fortschreitens der Krankheit ist noch reines Wunschdenken, allenfalls bei sekundären Demenzen, also Demenzen, deren Ursache nicht im eigentlichen Degenerieren des Gehirnes liegt, erzielt man Besserungen im Krankheitsverlauf.

Es geht bis zum pharmakologischen Durchbruch also um rein symptomatische Behandlung. Ziel ist, die geistige Leistungsfähigkeit so lange wie möglich zu erhalten und darum Symptomenkontrolle bei den unterschiedlichen Begleiterscheinungen der Demenz zu gewährleisten. Man bemüht sich, die Progression zu verzögern, dem Betroffenen ein Leben mit Wohlbefinden zu ermöglichen, Selbst- und Fremdgefährdung zu vermeiden und den Verbleib im häuslichen Umfeld so lange wie möglich zu sichern.25

Bei Morbus Alzheimer besteht die Möglichkeit, mit sogenannten Antidementiva zu versuchen, die Geschwindigkeit des Verfalles zu verlangsamen. Heute befinden sich zwei Typen Antidementiva auf dem Markt. Acetylcholinesterase-Hemmer und NMDA-Rezeptor-Antagonisten. Sie stabilisieren entweder das cholinerge oder das glutaminerge Neurotransmittersystem, womit die fortschreitende Neuronendegeneration im basalen Vorderhirn verzögert werden soll.26

Den Verlauf von vaskulären Demenzen versucht man zu beeinflussen, indem man die weitere Gefäßschädigung stoppt.27 Gerade zu Beginn der Erkrankung stehen depressive Verstimmungen oft im Vordergrund. Ihnen versucht man mit Antidepressiva zu begegnen. Auftretende Unruhezustände und als sehr quälend empfundene Halluzinationen werden mit Antipsychotika behandelt, die zusätzlich sedierend wirken. Anxiolytika und Benzodiazepine sollen Linderung bei Angstzuständen bewirken, wobei letztere auch muskelentspannend und schlafanstoßend sind. Demenziell erkrankte Menschen leiden oftmals unter stark ausgeprägten Schlafstörungen, denen man mit eben diesen Benzodiazepinen und Hypnotika entgegenzuwirken sucht.28

Mittels nicht-medikamentöser Therapien versucht man die körperlichen und geistigen Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten. Zu diesen Therapien gehören Psychotherapie, Reminiszenz-Therapie, Milieutherapie, Musiktherapie, Logopädie, sowie Ergo- und Physiotherapie.29

Mit all diesen Interventionen ist es allerdings bestenfalls möglich, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, ein Heilmittel schein noch in weiter Ferne zu liegen.

4 Demenz und Würde

Ein demenziell veränderter Mensch handelt in seinem der allgemeinen Realität entrückten Bewusstseinszustand oftmals fremdartig für den Betrachter. Er konfrontiert sein Gegenüber mit teilweise unbegreiflichen Handlungen, die befremden, verunsichern und oftmals überfordern. Umgekehrt befremdet, verunsichert und überfordert die „normale“ Welt den demenziell veränderten Menschen gleichermaßen. Und doch muss dieser in ihr leben und ist durch die Erkrankung auf Hilfestellung angewiesen. Verbunden in einer sozialen Gemeinschaft und oftmals in einer stationären Einrichtung treffen diese beiden Welten von „normal“ und „anders“ aufeinander. Und wenn die Frage eigentlich heißen müsste „wie gehen wir allgemein mit unseren Mitmenschen um?“, so stellt sich in besonderem Maße die Frage „Wie gehen wir mit den Menschen um, die sich selbst nicht mehr helfen können und deren Realität eine gänzlich andere als die unsrige sein kann?“ Was sollte der Maßstab eines Umgangs mit demenziell veränderten Menschen sein? Wie kann dafür Sorge getragen werden, dass auch wenn ein Mensch durch Demenz sein aktuelles Ich einbüßt, er doch seine Würde behält und was bedeutet das in diesem Fall genau?

4.1 Die Begrifflichkeit „Würde“

„Würdevoll“, „würdelos“, „altern in Würde“, der „Würde beraubt“, „entwürdigend“, „würdeverletzend“, „unter seiner Würde“, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Der Begriff der Würde taucht in vielen Zusammenhängen auf und ist ein zentrales Anliegen in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) sowie im Deutschen Grundgesetz. Doch was steht hinter dem Begriff, was beinhaltet das Wort Würde?

Im Duden steht zu lesen: „Achtung gebietender Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“.30 Aber was ist dieser Wert? Der Artikel 1 der UN-Menschenrechtserklärung spricht davon, dass jeder Mensch frei und gleich an Würde und Rechten geboren sei, der Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes nennt die Würde des Menschen unantastbar. Darf sie also nicht angetastet werden, oder kann sie nicht? Zu allen Zeiten machten sich Menschen Gedanken über das Wesen des Menschen und was ihn zu etwas Besonderem macht. „[…] die Verfasser des Grundgesetzes – wie zuvor zahlreiche Philosophen der abendländischen Geistesgeschichte – erblickten in der Würde einerseits eine Seinsgegebenheit […], die dem Menschen nichts und niemand rauben oder absprechen kann; andererseits sahen sie darin eine verwundbare Eigenschaft, die der besonderen Achtung und des staatlichen Schutzes bedarf, kurz: einen Gestaltungsauftrag.“31 So gesehen kann Würde nicht genommen werden, wohl aber verletzt. Würde scheint ein unbestimmter Begriff und es ist nötig zu definieren, was es braucht, um des Menschen Würde zu wahren.

Immanuel Kant sagte, dass der Mensch einen Selbstzweck in sich trage. Dies unterscheide ihn von Sachen. Sachen hätten einen Preis und dienten zu einem Zweck. Der Mensch aber habe in sich selbst seinen Zweck und das mache seine Würde aus. Daraus folge, dass er frei sei, seine eigenen Ziele zu erreichen und kein anderer Mensch ihn als bloßes Mittel für seine eigenen Zwecke einsetzen dürfe.32 Also könnte man feststellen, dass zur Wahrung der Würde des Menschen seine Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, anerkannt werden muss und weiter, dass ein Mensch niemals zum Objekt gemacht werden darf. Friedrich Schiller postuliert, dass zur Würde des Menschen auch ein Minimum von äußerlichen materiellen Bedingungen gehöre.33 Karl Marx spricht im Zusammenhang mit Würde auch von Selbstbestimmung und dass das Übergehen dieser unwürdiges Verhalten sei. Außerdem koppelt er die Freiheit und Gleichheit der Menschen an die Gattung ´Mensch` selbst und schreibt Würde auch denjenigen zu, die nicht von ihrer angeborenen Freiheit Gebrauch machen können.34

Bei der rechtlichen Interpretation von Würde, so Wetz, orientierte sich das Bundesverfassungsgericht bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts an den Gedanken verschiedener großer Denker der Geschichte. So sei auf jeden Fall der Eigenwert des Menschen anzuerkennen, seine Freiheit und die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung. Wichtig sei deshalb, Menschen die Möglichkeit zu geben, eigenbestimmt zu leben. Freiheit in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens, sei sie politisch, wirtschaftlich oder geistig, sei eine Grundfeste der menschlichen Würde. Des Weiteren solle jedem ein privater Innenraum zugestanden werden, den nur er sein Eigen nenne, nebst einem Recht auf Rückzug und selbstgewählte Einsamkeit.35

Verletzungen der Würde eines Anderen müssten nicht notwendigerweise beabsichtigt sein, sie könnten auch versehentlich, also aus Unachtsamkeit passieren. Um die Würde eines anderen zu achten, sei Voraussetzung, ihn als achtenswert wahrzunehmen. Dieses wiederum setze die Entwicklung der Wahrnehmung von Würdeverletzungen voraus.36

Dies bedeutet, dass es notwendig ist, sich darüber im Klaren zu sein, wann man durch sein Tun eines anderen Menschen Würde verletzen könnte und immer neu zu reflektieren, welche Auswirkungen das eigene Handeln auf das Gegenüber und letztlich auch auf die der eigenen Person hat. Um deutlich zu machen, auf welche Weise Würde verletzt wird, möge ein Zitat von Stephan Marks dienen. Dort geht es um Beschämung, die der Autor als Entwürdigungsform mit Wirkung auf die psychologisch-emotionale Ebene beschreibt. „Beschämt wird eine Person etwa dadurch, dass sie bloßgestellt, verhöhnt, gedemütigt, beschimpft, geringschätzig behandelt, „unter der Gürtellinie kritisiert“, lächerlich gemacht, körperlich oder emotional missbraucht, vergewaltigt, verachtet, erniedrigt, schikaniert, ausgegrenzt, wie Luft behandelt, in ihrer Integrität gebrochen, zu einem Objekt oder einer Zahl gemacht wird.“37

Letztlich lässt sich der Begriff Würde vielleicht als die innere Integrität eines Menschen beschreiben, das innere, von Geburt an existente Recht vom Gegenüber und von sich selbst geachtet zu werden, um als Person ganz und seelisch unangetastet zu sein.

4.2 Identitätsfindung im sozialen Kontext

Ein unverwechselbarer Mensch, einmalig in der Welt und mit nur ihm persönlich eigenen Eigenschaften und Ansichten hat eine Identität, einen ihm eigenen nach außen sichtbaren Wesenskern. Doch ist der Mensch ein soziales Wesen. Er lebt im sozialen Kontext und Identität bildet sich nicht im „luftleeren Raum“. Ein Sprichwort sagt: „No man is an Island“, will sagen, niemand steht wirklich für sich allein, sondern hat immer einen Bezug. Martin Buber schrieb: „Der Mensch wird am Du zum Ich“38 Er beschrieb die Entstehung der eigenen Identität, des Ichs als das Ergebnis aller gemachten sozialen Erfahrungen und sprach davon, dass die Identität stetem Wandel unterworfen ist durch die Begegnung mit dem Gegenüber.

Kitwood spricht im Zusammenhang mit Personalität und Identität als Person von einem Status, der einem im Zusammenspiel von menschlichen Beziehungen und sozialem Sein verliehen werde. Dies beinhalte Respekt, Vertrauen und Anerkennung.39 Ein zentraler Ausspruch Bubers lautet: „Alles Wirkliche ist Begegnung“40 Mit dieser „Begegnung“ meine Buber etwas ohne einen zugrundeliegenden Plan oder Zweck für irgendetwas anderes, nur Offenheit und Präsenz dem anderen gegenüber, eine Art Geschenk.41 Der Mensch als Person ist also zutiefst abhängig von seiner sozialen Umwelt und es liegt an ihr, diesem Menschen zu ermöglichen, eine für ihn zufriedenstellende Identität zu leben und sich als Person wahrgenommen und wertgeschätzt zu fühlen.

4.3 Respekt als Basis allen Handelns

Respekt ist eine auf Anerkennung oder Bewunderung beruhende Achtung, so definiert der Duden.42 Als Synonym findet man den Begriff „Wertschätzung“, welcher in seiner Wurzel eng zusammenhängt mit dem Begriff der Würde als ein dem Menschen innewohnender Wert.

Das Wort Nächstenliebe wurzelt im christlichen Denkansatz und erscheint oftmals schwer umsetzbar, stellt sich doch die Frage, ob es möglich ist, sein Gegenüber grundsätzlich zu lieben, oder ob dies überhaupt angebracht ist. Respekt allerdings scheint etwas Neutrales und gleichsam doch Grundsätzliches im Zusammenleben zu sein. Würde, begriffen als Freiheit, zu tun was man sich für sich vorstellt, kann im Zusammenleben in einer Gemeinschaft nicht grenzenlos ausgelebt werden. „Die Freiheit des Einzelnen endet dort wo die Freiheit des anderen beginnt“ sind berühmte Worte, welche Immanuel Kant zugeschrieben werden. Andere Worte für das Postulat, dass man seinem Gegenüber den gleichen Wert und die gleichen Rechte wie sich selbst zugestehen sollte. Albert Schweitzer drückte es so aus: „Ich bin Leben das leben will, inmitten von Leben das leben will.“43 Begreift man dies als Aufruf, anderes Leben zu respektieren und ihm mit Ehrfurcht entgegenzutreten, kann man „Respekt“ als grundsätzlichen Wegweiser auch in schwierigen, nicht von Liebe geprägten Situationen begreifen.

4.4 ‚Verrückt‘ sein – Akzeptanz der Realität des demenziell veränderten Menschen

Demenz ist ein Schreckgespenst der heutigen Zeit. Immer mehr Menschen erreichen die Hochaltrigkeit und, wie bereits erwähnt, steigen die Zahlen der von demenziellen Veränderungen betroffenen Menschen stetig an. Die Wahrscheinlichkeit, selbst ein hohes Alter zu erreichen und körperlich und geistig abzubauen, ist hoch. In der heutigen Leistungsgesellschaft ist bereits der Eintritt ins Rentenalter eine Zäsur im Leben, das Ankommen in der Pflegebedürftigkeit durch körperliche Gebrechen ein weiterer Schritt in problembesetzte Zeiten, aber das Enden in Demenz ein persönlicher Horror vieler Menschen. Den Verstand zu verlieren, also verrückt zu werden, ist in einer Gesellschaft voller Erwartungen an das Funktionieren des Menschen ein herber Schlag. Im Wortsinn werden Menschen mit Demenz „ver-rückt“, also aus der Realität und den geltenden Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft herausgerückt. Ein demenziell veränderter Mensch kann nach und nach alles vergessen, was ihm beigebracht wurde und er als wichtig und richtig erfahren hat. Das beginnt mit dem Vergessen von Namen, Örtlichkeiten, Begebenheiten und alltäglichen Fertigkeiten, endet aber noch lange nicht da. Demenziell veränderte Menschen leben zuweilen in einer Parallelwelt mit Gesetzen, die Angehörigen und Pflegenden ein Rätsel sind. Eigene Logik und unsichtbare Dinge verwirren das Umfeld und abgeschaffte Konventionen stoßen viele vor den Kopf. In Zeiten des Pflegenotstandes ist das Pflegepersonal oft überfordert und für Dinge, die über die körperliche Grundpflege hinausgehen, steht keinerlei Zeit zur Verfügung. „Verrückte“ sprengen den Pflegealltag und das häufig darauf ungenügend vorbereitete Personal versucht den Menschen dem System anzupassen, statt umgekehrt.44 Gegebenheiten wie gleichgeschaltete Essenszeiten, systematisierte Grundpflege und Erwartungen, wie sich jemand zu kleiden, wann er zu schlafen, wo er spazieren zu gehen und was er zu tun hat, versuchen Menschen mit Gewalt in ein laufendes System zu rücken, die dort herausgerückt, also „ver-rückt“ sind. Der gewaltsame Versuch, den demenziell veränderten Menschen in die Realität der Allgemeinheit „zurück-rücken“ zu wollen, ist selten von Erfolg gekrönt, stößt auf Widerstand, Unverständnis und löst oft Aggression aus. Alle Beteiligten leben entspannter, wenn der „ver-rückte“ Zustand akzeptiert wird und durch die Akzeptanz und das Eingehen auf die Erlebniswelt des Betroffenen ein Miteinander hergestellt werden kann.45

4.5 Ressourcenorientiertes Denken und Handeln

In Verlauf der Demenz verlieren die Betroffenen ihr Gedächtnis, ihre Fähigkeit, sich der allgemeinen Realität anzupassen und auch die Möglichkeit, ihren Körper in gewohnter Weise zu steuern. Eine allgemeine Orientierung an Defiziten ist in der Leistungsgesellschaft immer noch an der Tagesordnung. Da kann der Großvater seine Uhr nicht mehr finden, erkennt alte Bekannte nicht wieder, verläuft sich im Parkhaus, kleckert plötzlich beim Essen oder vergisst den Zucker beim Kuchen backen. Er erkennt nicht mehr, wann der Pullover in die Wäsche muss oder er selbst besser duschen sollte. Leicht ist es zu sehen und zu beschreiben was alles nicht mehr funktioniert. Dem kann versucht werden, mit Therapien entgegenzuwirken, die aber allenfalls leicht aufschiebenden Charakter besitzen.46 Oft beschränkt sich das Handeln des Umfeldes in den ersten Stadien der demenziellen Veränderung aber auf ein Aufmerksam machen des Betroffenen auf seine Fehlleistungen. Dies kann zu depressiven Verstimmungen und Aggression führen.47

Die Orientierung an dem, was ein demenziell verändert Mensch noch kann und welche Ressourcen in ihm noch schlummern, ist ein Ansatzpunkt, der allen Beteiligten weiterhilft. Dies mag zwar im Laufe der Demenz immer weniger sein, ist aber nicht der Ausgangspunkt der Betrachtung. Wenn ein Mensch seinen Fähigkeiten entsprechend handeln darf, erfährt er sich selbst als bedeutungsvoll, was sich auf das Allgemeinbefinden stets positiv auswirkt. Ein erwachsener Mensch, der selbst über sein Handeln entscheiden darf und seine Ressourcen einbringen kann in sein tägliches Erleben, erfährt einen höheren Grad an Zufriedenheit und Sinn. Unwichtig, ob das Produkt dieses „Sich-Einbringens“ für die Außenwelt von tatsächlichem Nutzen ist. Will heißen, wenn Großvater gut den Tisch decken kann und dies auch will, ist es irrelevant, ob er dies auch außerhalb der Mahlzeiten tut, oder stundenlang dieselben Gabeln poliert. Solange er sich dadurch gebraucht und produktiv fühlt, kann er gefühlt seinen Teil zum Leben beitragen.

Und wenn auch alle Fertigkeiten, die im Leben erworben wurden, in Auflösung begriffen sind und irgendwann kein Zugriff mehr darauf besteht, so bleibt dem Menschen doch immer noch die Ressource, ein fühlendes Wesen zu sein, das sich als Teil eines sozialen Gefüges fühlt. Menschen mit Demenz sind zuweilen ein messerscharfer Seismograph für Stimmungen. Gefühl kann eine Ressource sein, wenn die Umwelt sie wahr und wichtig nimmt. Daran orientierend sollte eine soziale Umgebung immer dergestalt angepasst sein, dass der demenziell veränderte Mensch sich mit seinen Empfindungen wahrgenommen und ernst genommen fühlt und sein Bedürfnis nach Handlungsfreiheit und Zugehörigkeit so gut wie möglich befriedigt wird.48

4.6 Handlungsmaximen

Bei den Überlegungen zu der Frage, was als Richtschnur im Umgang mit demenziell veränderten Menschen taugt, stößt man auf ethische Fragen, die eine globalere Betrachtung anstoßen. Denn obwohl es hier in erster Linie um den Umgang mit Demenzbetroffenen gehen soll, könnte man auch fragen, warum überhaupt ein Unterschied gemacht werden muss. Wenn das Prinzip der Wahrung der Würde des Gegenübers oberste Prämisse ist, wenn man sein Gegenüber so behandelt wie man selbst in ähnlicher Situation behandelt werden möchte, wenn man stets bemüht ist, sein eigenes Handeln zu reflektieren und grundsätzlich darüber nachdenkt, wozu man das tut was man tut, dann könnte dieses Handeln quasi für alle gelten. Im Sinne des Kant´schen obersten kategorischen Imperatives solle man nach der Maxime handeln, von der man jederzeit wollen könne, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.49

[...]


1 Thieme,F.(2008).Alter(n) in der alternden Gesellschaft. Eine soziologische Einführung in die Wissenschaft vom Alter(n): (S.86)

2 https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/09/PD18_370_12411.html Zugriff am 13.11.2018

3 Thieme,F.(2008).Alter(n) in der alternden Gesellschaft. Eine soziologische Einführung in die Wissenschaft vom Alter(n) (S.100)

4 Thieme,F.(2008).Alter(n) in der alternden Gesellschaft. Eine soziologische Einführung in die Wissenschaft vom Alter(n) (S.183-194)

5 https://www.de.statista.com/themen/2032/demenzerkrankungen-weltweit Zugriff am 13.11.2018

6 Kricheldorf,C.; Hewer,W. (2016). Versorgung von Menschen mit Demenz im gesellschaftlichen Wandel. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 03/2016: (S.179-180)

7 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.1)

8 Philipp-Metzen,H.E. (2015). Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz. Grundwissen und Handlungsorientierung für die Praxis: (S. 18)

9 Philipp-Metzen,H.E. (2015). Soziale Arbeit mit Menschen mit Demenz. Grundwissen und Handlungsorientierung für die Praxis: ( S.19)

10 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.35-46)

11 Hüther,G.(2017). Raus aus der Demenzfalle! Wie es gelingen kann, die Selbstheilungskräfte des Gehirns rechtzeitig zu aktivieren: (S.33-42)

12 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S.33-38)

13 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.37-38)

14 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.38-41)

15 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.41-42)

16 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S.43)

17 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.42-43)

18 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S.45-46)

19 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.45)

20 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.45)

21 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.45-46)

22 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S.54)

23 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S. 24-38)

24 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S. 54)

25 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.67)

26 Martin,M.& Schelling,H.R.(Hrsg.)(2005). Demenz in Schlüsselbegriffen. Grundlagen und Praxis für Praktiker, Betroffene und deren Angehörige.: (S.157)

27 von Wedel Parlow,U.; Fitzner,H.; Nehen,H.G. (2004). Verwirrung im Alter. Demenzkarrieren soziologisch betrachtet. Gertrud M. Backes (Hrsg.).: (S.29)

28 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): (S.79-83)

29 Kastner,U. ; Löbach,R. (2014).Handbuch Demenz. Fachwissen für Pflege und Betreuung (3. Aufl.): S.71-79)

30 http://www.duden.de Zugriff am 14.11.2018

31 Wetz,F.J.(1998).Die Würde des Menschen ist antastbar. Eine Provokation: (S.73)

32 Hruschka,J. (2013).Immanuel Kant. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.40)

33 Hruschka,J. (2013).Immanuel Kant. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.41)

34 Henning,C. (2013).Karl Marx. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.46-47)

35 Wetz,F.J.(1998).Die Würde des Menschen ist antastbar. Eine Provokation: (S.86)

36 Weber,F. (2013).Unantastbarkeit. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.198)

37 Marks,S.(2013).Beschämung. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.136)

38 Buber,M. (1983) Ich und Du. 11.durchg.Aufl.: (S.28)

39 Kitwood,T. (2016). Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. C.Müller-Hergl & H. Günther (Hrsg.) 7. Überarbeitete und ergänzte Aufl.: (S.31)

40 Buber,M. (1983) Ich und Du. 11.durchg.Aufl.: (S.13)

41 Kitwood,T. (2016). Demenz. Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. C.Müller-Hergl & H. Günther (Hrsg.) 7. Überarbeitete und ergänzte Aufl.: (S.36)

42 http://www.duden.de/rechtschreibung/Respekt Zugriff am 19.11.2018

43 http://www.ethik-heute.org/ehrfurcht-vor-dem-Leben/ Zugriff am 20.11.2018

44 Schützendorf,E. & Wallrafen-Dreisow,H. (1991). In Ruhe verrückt werden dürfen. Für ein anderes Denken in der Altenpflege. 17.Aufl.: (S.7-10)

45 Wojnar,J.(2007).Die Welt der Demenzkranken. Leben im Augenblick.: (S.61-68)

46 Wojnar,J.(2007).Die Welt der Demenzkranken. Leben im Augenblick.: (150-151)

47 Wojnar,J.(2007).Die Welt der Demenzkranken. Leben im Augenblick.: (S.55-60)

48 Wojnar,J.(2007).Die Welt der Demenzkranken. Leben im Augenblick.: (S.151-154)

49 Hruschka,J. (2013).Immanuel Kant. „in“ R.Gröschner, A. Kapust & O.W. Lembecke (Hrsg.), Wörterbuch der Würde: (S.40)

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Sozialen Arbeit bei der Wahrung der Würde demenzerkrankter Patienten. Ist die Würde des Menschen unantastbar?
Autor
Jahr
2020
Seiten
84
Katalognummer
V512672
ISBN (eBook)
9783963550386
ISBN (Buch)
9783963550393
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Würde, Demenz, Demographischer Wandel, Pflege, Pflegeheim, Pflegenotstand, Menschenrechte, Grundgesetz, Menschenwürde, Resignation, Senioren-WG
Arbeit zitieren
Julia Dörrbecker (Autor), 2020, Die Bedeutung der Sozialen Arbeit bei der Wahrung der Würde demenzerkrankter Patienten. Ist die Würde des Menschen unantastbar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512672

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