Die Konstruktion der Geschlechteridentität

Ein kurzer Überblick


Hausarbeit, 2005
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

I. Einleitung

Männer haben einen Penis, Frauen eine Vagina. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist ganz offensichtlich ein Körperlicher und scheint nur schwerlich auf historische Entwicklungen zurückzuführen sein. Er manife- stiert sich letztlich in der Betrachtung, dass es zwei Geschlechter gibt. Al- lerdings ist diese Erkenntnis, so selbstverständlich sie uns heute erscheinen mag, ein modernes Produkt und war zu früheren Zeiten keineswegs gegeben. Sie war schlicht eine andere.

In diesem Essay soll der historische Übergang vom Ein-Geschlecht-Modell zum Zwei-Geschlechter-Modell skizziert und die darauf aufbauende Unter- scheidung zwischen sex und gender beschrieben werden. Es stellen sich dem- nach die Fragen, wie sich die Entwicklung zur modernen Geschlechteriden- tität vollzogen hat und wie diese sich heute präsentiert. Zur Untersuchung

wird in erster Linie Kapitel 1 des Buchs ”Auf den Leib geschrieben - Die In- szenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud” von Thomas Laqueur herangezogen.

II. Das Ein-Geschlecht-Modell

Wie bereits angedeutet, zeigt sich die, als natürlich geltende, Vorstellung von zwei biologisch getrennten Körpern als historisch sehr junges Phänomen, welches erst mit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert seine jetzige gesellschaftliche Relevanz erreichte. Bis dahin hielt sich die seit der Antike im abendländischen Kulturraum geltende Vorstellung von der Gleich- geschlechtlichkeit von Männern und Frauen. Dabei ging man davon aus, dass das weibliche Genital nur das nach innen gestülpte Pendant des männlichen Genitales darstellte. So schrieb im zweiten Jahrhundert nach Christus der römische Arzt Galen von Pergamon: ”Wend’ das der Frau nach draußen, nach drinnen gleichsam, und gefaltet zweimal das des Mannes, und finden wirst du gänzlich Gleiches bei den beiden.”1 So galten die Genitalen des Mannes, bis auf die Ausrichtung, als identisch mit den weiblichen.

Doch galt die Frau deshalb dem Manne noch lange nicht als gleichwertig, geschweige denn als dessen Gegensatz. Sie wurde vielmehr als nach innen gekehrte und daher unvollkommene Version des Mannes verstanden. Der da- maligen Auffassung zufolge unterschieden sich Frauen durch einen Mangel an vitaler Hitze von den Männern. Hierzu schreibt Galen von Pergamon:

”Nun, gerade so wie die Menschheit das Vollkommenste unter allen Tieren ist, so ist innerhalb der Menschheit der Mann vollkommener als die Frau, und der Grund für seine Vollkommenheit liegt an seinem Mehr an Hitze, denn Hitze ist der Natur wichtigstes Werkzeug.”2

Männer galten als geistig wacher und aktiver, Frauen hingegen als träger und langsamer, wodurch, unter anderem, auch die Menstruationsblutung er- klären werden konnte. Während der Mann, durch seine erhöhte Aktivität überschüssiges Blut im Körper verbrannte, musste die Frau - einem heilen- den Aderlass gleich - monatlich einen Teil ihres Blutes ausscheiden. So lie- ßen sich auch die unterschiedlichen Körperflüssigkeiten beider Geschlechter in das einheitliches System der Gleichgeschlechtlichkeit von Mann und Frau zwängen. ”Blut wurde zu Milch, Samen war eine Form von veredeltem Blut, wobei der männliche Samen noch etwas raffiniert worden war als der weib- liche”3. Überhaupt ließen sich alle körperlichen Vorgänge mit der Idee der Gleichgeschlechtlichkeit in Einklang bringen. So war der Orgasmus

”sowohl für Männer als auch für Frauen ein von beiden Geschlechtern geteiltes Gefühl und Symbol. Man stellte sich vor, dass der Körper sich während des Bei- schlafs erhitzte und dann zum Höhepunkt in einem Ausbruch von Leidenschaft das kostbarste Erzeugnis des Blutes preisgab, um daraus neues Leben zu schaffen. Gewiss, der männliche Orgasmus war hitziger und schneller, der weibliche lang- samer und gemächlicher, aber das bestätigte lediglich, was ohnehin jeder wusste: Der größeren Körperhitze der Männer stand eine gemäßigte auf Seiten der Frauen gegenüber.”4

Es existierte durchaus eine Unterscheidung zwischen Mann und Frau, nur eben nicht bezüglich des Geschlechts. In diesem Modell gab es nur ”einen Körper, und der war männlich.”5 Eine Unterscheidung war aber, schon allein aus ideologischen Gründen, um die Vormachtstellung des Mannes zu sichern, vonnöten. So teilte man die Menschheit in einen heißen und einen kalten, einen vollkommenen und einen unvollkommenen Teil. Allerdings war diese Trennlinie nicht immer eindeutig, wodurch auch Mischformen möglich wa- ren. So war es durchaus nicht unmöglich sich vorzustellen, dass sich Frauen durch besondere Leistungen der männlichen Perfektion annäherten, wobei auch der Umkehrschluss, dass alte oder faule Männer verweiblichen konnten, nicht auszuschließen war. Dies wurde wiederum durch den Anstieg oder Ab- fall von vitaler Hitze erklärt. So fand sich beispielsweise eine wissenschaft- liche Erklärung für den Blutaustritt aus dem After bei Männern, die an Hämorrhoiden litten. Durch ihre träge Lebensweise mussten sie, ähnlich wie bei der Menstruation der Frau, zusätzliches Blut ablassen. Auch ließen sich störende Befunde bei Leichensezierungen, welche bereits im 16. Jahrhundert etabliert waren, die gegen die Gleichheit der Geschlechtsorgane sprachen, stets in das vorherrschende Weltbild einfügen. Die Idee der Gleichgeschlecht- lichkeit von Mann und Frau ließ konträre Interpretationsversuche schlicht nicht zu. Eine bedeutende Zäsur markierte allerdings die Aufklärung, als das Ein-Geschlecht-Modell vom Zwei-Geschlechter-Modell abgelöst wurde. Die- ser Umbruch soll im Folgenden nun genauer beschrieben werden.

III. Das Zwei-Geschlechter-Modell

Durch die Erkenntnisse und Ereignisse der Aufklärung wurde es möglich, das Ein-Geschlecht-Modell zu überholen und schließlich abzulegen. Wurde bis zm 18. Jahrhundert die kulturelle Geschlechteridentität als primär angesehen, so galt nach der Aufklärung Biologie als das Unveränderliche, das soziale hingegen als veränderbar. Wissenschaftliche Revolutionen trugen nicht zuletzt dazu bei, den Unterschied zwischen Mann und Frau dort zu suchen, wo er uns als selbstverständlich erscheint.

”Die Idee einer kosmischen Ordnung und die christliche Religion verloren zuneh- men an Autorität zugunsten der Natur. Die Geschlechterhierarchie konnte nicht mehr auf den großen metaphysischen Seinszusammenhang zurückgeführt, sondern musste in der Natur des Körpers begründet werden. Unterschiede, die ehedem als vernachlässigbare körperliche Abstufungen angesehen worden waren, wurden nun zu entscheidenden qualitativen Differenzen. Die Biologie lieferte die Grundlage für die moderne Vorstellung vom Geschlecht und ersetzte die Metaphysik als letzte In- stanz, um über alle Fragen zu Wesen und Möglichkeiten von Frauen und Männern zu urteilen.”6

Durch die wissenschaftliche Loslösung konnte man die biblischen Manifesta- tionen abstreifen und den Geschlechterunterschied biologisch begründen. Die Entwicklung hin zum Zwei-Geschlechter-Modell hatte allerdings auch politi- sche Hintergründe. Als im Jahre 1789 die Französische Revolution losbrach, war die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen vorherrschend. So war das Konzept, dem zufolge die Frau eine unvollkommene Variante des Man- nes darstellte, nicht länger tragbar. Um die patriarchale Struktur der Gesell- schaft nicht zu gefährden, suchte man nach einem anderen Erklärungsversuch - und (er)fand ihn in der Deklaration der Frau als komplettes Gegenstück zum Manne. An dieser Stelle zeigt sich, worauf auch Thomas Laqueur im- mer wieder hinweist. Der Geschlechterunterschied, so wie er sich in unserer Zeit präsentiert, ist keine Folgeerscheinung biologischer oder wissenschaftli- cher Erkenntnisse im Allgemeinen, sondern ein durch die Gesellschaft pro- duzierter Unterschied. Da nun die Gegensätzlichkeit von Mann und Frau als grundsätzlicher Tenor vorlag, konnten sich die Wissenschaftler intensiv da- mit beschäftigen, diese Gegensätzlichkeit empirisch zu untermauern. Doch wie sahen die Ergebnisse dieser Untersuchungen im Genauen aus?

Geradezu infiziert von der neu gewonnenen Erkenntnis suchten die Wissen- schaftler zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahezu überall nach Beweisen, wel- che den grundsätzlichen Unterschied zwischen Mann und Frau belegten. Die Biologie eignete sich dafür besonders gut. So schrieb beispielsweise der Arzt und Naturforscher Jaques-Louis Moreau:

”Alle Teile ihres Körpers zeigen dieselben Unterschiede: Alle weisen sie als Frau aus; die Braue, die Nase, die Augen, der Mund, die Ohren, das Kinn, die Wan- gen. Wenn wir unseren Blick ihrem Inneren zuwenden und mit Hilfe des Skalpells die Organe, die Gewebe, die Fasern freilegen, stoßen wir überall . . . auf denselben Unterschied.”7

Zusätzlich ermöglichte die Mikroskopie, diesen Unterschied dort nachzuwei- sen, wo zuvor nur Vermutungen aufgestellt wurden konnten. Der Biologiepro- fessor Patrick Geddes erkannte, dass ”Frauen passiver, konservativer, träger und stabiler seien als Männer, Männer dagegen aktiver, energischer, unge- duldiger, leidenschaftlicher und variabler.”8 Diese Erkenntnis gewann er aus seiner Forschungsarbeit in der Zellphysiologie, der zufolge männliche Wesen aus ”katabolischen Zellen, aus Zellen die Energie verströmen”, bestanden, während weibliche Zellen ”anabolisch” seien, welche Energie einlagerten und sie bewahrten.9

Man wollte zudem beweisen, dass der Unterschied nicht allein auf die Ge- schlechtsorgane zurückzuführen, sondern der weibliche Körper in jedem sei- ner Elemente vom männlichen verschieden ist. Demzufolge sind die beiden Geschlechter nicht nur biologisch-anatomisch grundsätzlich voneinander un- terscheidbar, sondern auch in der ”Art und Weise, wie Männer und Frauen denken, fühlen, urteilen.”10

[...]


1 Galen von Pergamon in: Spannbauer 1999, o.S.

2 Ebd. o.S.

3 Laqueur, 2000, S.2

4 Ebd. S.2

5 Maihofer, 1995, S.29

6 Laqueur, 2000, S.3

7 Laqueur, 1992, S.18

8 Ebd. S.18

9 Ebd. S.18

10 Maihofer, 1995, S.25

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion der Geschlechteridentität
Untertitel
Ein kurzer Überblick
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Übung: Körper- und Medizinsoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V51268
ISBN (eBook)
9783638472876
ISBN (Buch)
9783638773188
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, Geschlechteridentität, Soziologische, Körper-, Medizinsoziologie
Arbeit zitieren
Simon Eder (Autor), 2005, Die Konstruktion der Geschlechteridentität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51268

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