Geist-Materieinteraktionen. Theoretische Modelle und ausgewählte empirische Befunde zur aktuellen Lage der Forschung


Bachelorarbeit, 2019
60 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

1. Das Leib-Seele-Problem
1.1 Der Monismus
1.2 Die Emergenz
1.3 Der Dualismus
1.4 Die Synchronizitat
1.5 Der Panspsychismus

2. Die Qualia

3. Das Bewusstsein

4. Einführung in die Quantenphysik
4.1 Das Doppelspaltexperiment
4.2 Die Superposition

5. Mikro-Psychokinese Effekte im Experiment

6. Modell der pragmatischen Information

7. Der Decline-Effekt

8. Diskussion

9. Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Unser Bewusstsein ist das Tor zur Welt, mit ihm nehmen wir Sinneseindrücke wahr, die uns ein Abbild der Wirklichkeit verschaffen. Aber wie real ist unsere erlebte Wirklichkeit? Wie entstehen Bilder, Tone, Gerüche und Gefühle in uns? Gibt es dafür eine oder mehrere Instanzen, die unsere Aufienwelt in uns abbilden? Und wie konnen wir mit der Kraft unserer Gedanken auf die Aufienwelt einwirken? Wie kann die Psyche den Korper steuern?

Es gibt verschiedene Theorien über das Leib-Seele-Problem und darüber, ob und wie Geist Einfluss auf Materie im menschlichen Verhalten nehmen kann. Einführend soll dieses Problem aus philosophischer Sicht betrachtet werden, um zu zeigen, dass bis heute noch kein Konsens darüber herrscht. Nach wie vor ist unklar, wie der Mensch seine Gedanken und Gefühle in physische Handlung umsetzen kann. Wie kann es gelingen, dass die Lust auf eine Tasse Kaffee die notigen korperlichen Handlungen auslost, die am Ende zu dem leibhaftigen Genuss von Kaffee führen?

In einem zweiten Schritt soll anhand von einem Experiment gezeigt werden, dass die Psyche eines Menschen zukünftige Ereignisse beeinflussen kann. Experimente in der Mikro-Psychokinese zeigen, dass unbewusste Bedürfnisse die Wahl der Bilder, die erst zu einem spateren Zeitpunkt auftauchen, bereits in der Gegenwart beeinflussen. Konnen Menschen moglicherweise ihre Zukunft beeinflussen? Die Quantenphysik gibt eine Antwort auf dieses Phanomen. In der erlebten Wirklichkeit kommt es jedoch, trotz erfolgreicher Experimente in der Mikro-Psychokinese, zu Replikationsproblemen. Aktuelle Forschungen bieten einen neuen Ansatz zur Losung der Replikationskrise in der Mikro-Psychokinese-Forschung.

Schlagworter: Leib-Seele-Problem, Mikro-Psychokinese, Quantenphysik

Abstract

Our consciousness is the gateway to the world, with it we perceive sensory impressions that give us an image of reality. But how real is our experienced reality? How do images, sounds, smells and feelings arise in us? Is there one or more instances that represent our outer world in us? And how can we influence the outside world with the power of our thoughts? How can the psyche control the body?

There are various theories about the mind-body problem and whether and how mind can influence matter in human behavior. As an introduction, this problem should be considered from a philosophical point of view in order to show that there is still no consensus about it to this day. It is still unclear how man can translate his thoughts and feelings into physical action. How can it be that the desire for a cup of coffee triggers the necessary physical actions that ultimately lead to the enjoyment of coffee?

In a second step, it should be demonstrated by means of an experiment that the psyche of a human being can influence future events. Experiments in micro­psychokinesis show that unconscious needs already influence the choice of images that will emerge at a later date. Can people possibly influence their future? Quantum physics gives an answer to this phenomenon. In reality, however, despite successful experiments in micro-psychokinesis, replication problems occur. Current research provides a new approach to solving the replication crisis in micro-psychokinetic research.

Keywords: body-soul problem, micro-psychokinesis, quantum physics

1. Leib-Seele-Problem

Die Frage, ob und wie Geist und Korper und somit mentale und psychische Phanomene zusammenhangen, beschaftigt nicht nur die Philosophen, sondern auch die Wissenschaft. Gibt es zwei verschiedene Substanzen, Materie und Geist, oder nur etwa eine, Materie oder Geist? 1st das Mentale allein auf das Physische zurückzuführen? Sind alle unsere Erinnerungen, Überlegungen, Entscheidungen und Gefühle auf das reduzierbar, was in unserem Gehirn neurobiologisch ablauft? Oder ist das Mentale ontologisch eigenstandig? Was macht den Menschen aus? Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux gibtauf die obige Frage, was die Personlichkeit eines Menschen ausmache, folgende Antwort: „Wer sind Sie? Sie sind Ihre Synapsen. Aus ihnen besteht Ihr Selbst.“ (LeDoux, 2002, S. 424). Ist das wirklich alles? Sind wir nur unsere Synapsen, oder gibt es noch andere Institutionen, mit der wir wahrnehmen, überlegen und uns erinnern konnen, wir Überzeugungen, Wünsche und Befürchtungen haben und die uns Schmerz und Freude empfinden kann? Zu dieser Thematik gibt es viele Theorien, von denen hier einige vorgestellt werden.

1.1 Der Monismus

Der Monismus ist die Annahme einer Einheit, eines einzigen Prinzips als der Grundlage allen Seins. Korper und Geist, Leib und Seele sind somit als eine Einheit zu sehen (Dorsch, 2013, S. 1044). Es gibt eine Vielzahl von monistischen Theorien, die sich mit der Frage beschaftigen, welches die allein existierende Substanz ist:

- Neutraler Monismus: Geist und Materie sind nur verschiedene Aspekte einer einzigen (unbekannten) Substanz. (Heraklit, Spinoza, Schelling)
- Spiritualismus: Alles ist Geist. Materie gibt es nicht. (Berkley, Fichte, Hegel)
- Strikter Materialismus: Alies ist Materie. Geist gibt es nicht. (Hobbes, LaMettrie, Holbach)
- Philosophischer Behaviorismus: Geistige Entitaten sind Verhaltensdispositionen. (Skinner, Ryle, Wittgenstein)
- Eliminativer Materialismus: Mentale Entitaten gibt es nicht. Mentale Ausdrücke werden durch neurophysiologische ersetzt. (Feyerabend, Rorty, Stich)
- Monistischer Epiphanomenalismus: Geist ist nur Begleiterscheinung neuraler Vorgange, ohne kausale Rückwirkung. (Epikur, Lukrez, Nietsche)
- Funktionalismus: Geistige Zustande sind funktionale Zustande. (Aristoteles, Thomas von Aquin, Putnam)
- Identitatstheorie: Mentale Entitaten sind identisch mit komplexen neuronalen Zustanden/Prozessen. (Place, Davidson, Lewis)
- Nichtreduktiver Materialismus: Mentale Entitaten sind immer physisch realisiert, aber nicht auf physische Entitaten reduzierbar. (Davidson, Chalmers, Stephan). (Walter, 1999)

Leibniz (1714) formulierte in seiner Monadenlehre eine Theorie von unendlich vielen einheitlichen Substanzen (Monaden), die sich überall in der Materie befinden und entweder merklich aktiv oder schwach aktiv sein konnen. Sind sie merklich aktiv, bilden sie die herrschende Monade, die das Zentrum der Aktivitat und des Erlebens in einem Organismus ist. Sind sie nur schwach aktiv, so gehoren sie zu den untergeordneten Monaden innerhalb oder auberhalb organischer Korper. Sie sind die Quelle spontaner, mechanisch nicht erklarbarer Bewegungen und konstituieren die Einheit jedes Individuums. Monaden sind hierarchisch geordnet und streben danach, zu nachst hoherer Stufe zu gelangen. Die unterste Stufe bildet die Entelechien als ursprüngliche aktive Kraft in anorganischen Korpern und Pflanzen. Die hochste Stufe bilden die vemunftbegabten Seelen und Geister, die der gedanklichen Selbstreflexion und des Ich-Bewusstseins fahig sind. Monaden sind metaphysische, beseelte Punkte, die keine Ausdehnung besitzen und somit keine Korper sind. Sie bestehen aus einer besonderen Erstmaterie (materia prima). Die Zweitmaterie (materia secunda) bildet den ausgedehnten Korper, der aber stets nur Phanomen ist und somit verganglich. Die Monade selbst, in der die Seele oder der Geist inkarniert ist, ist unzerstorbar und unsterblich (Leibniz, 2009).

Die derzeit popularste Auspragung des Monismus findet sich im Physikalismus. Die Grundthese lautet: Alles, was es gibt, ist physischer Natur (Otto Neurath, Rudolf Carnap). Diese Grundthese lasst sich weiter in drei Teilthesen unterteilen:

1. Alle Dinge sind physische Dinge
2. Alle Eigenschaften sind physische Eigenschaften
3. Alle Ereignisse sind physische Ereignisse (Keil & Schnadelbach, 2000)

Im Physikalismus steht fest, dass in Wirklichkeit nur physische Entitaten existieren. Entitat ist dabei ein Sammelbegriff für Objekte, Eigenschaften und Ereignisse. Die Welt besteht nur aus Elementarteilchen, alle Objekte, wie Baume, Steine oder Menschen, sind nichts anderes als die Anordnung von Elementarteilchen. Dies ist die zentrale Idee des „Schichtenmodells der Realitat“, in dem jedes Objekt durch Objekte der nachstniedrigeren Schicht zusammengesetzt ist und aus dieser emergiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Schichtenmodell der Realitat nach Oppenheim und Putnam, Quelle: Hensel, 2013

1.2 Die Emergenz

Aus den Elementarteilchen entstehen durch Emergenz die nachst hoheren Entitaten bis hin zu unserem Bewusstsein. Unter Emergenz versteht man das Hervortreten neuer Eigenschaften oder Qualitaten eines Systems. Emergente Eigenschaften sind somit qualitativ neuartige Eigenschaften, die das System aufweist, ohne dass seine Bestandteile diese aufweisen würden. So ist Wasser beispielsweise flüssig, obwohl keines seiner Atome diese Eigenschaft selbst hat (Dorsch, 2013). Mit der Emergenz konnte sich erklaren lassen, wie Psychisches aus materiellem Substrat entsteht. Einen Versuch, in dem das scheinbar gelang, unternahm 1983 die Arbeitsgruppe um Libet (Libet et al., 1983). Untersucht wurde bei diesem Experiment, ob einer Willensentscheidung neuronale Vorbereitungsprozesse vorausgehen oder nachfolgen. Um dies zu prüfen, mussten die Versuchspersonen innerhalb von 3 Sekunden einen spontanen Entschluss fassen und einen Finger der rechten Hand oder die ganze Hand heben. Um den Zeitpunkt des Entschlusses genau zu bestimmen, wurden sie gebeten, sich die exakte Position eines Punktes auf einer rotierenden Scheibe bei der Entschlussfassung zu merken. Gleichzeitig wurde das Bereitschaftspotential mittels EEG -Ableitung und der Beginn der Reaktion mittels EMG gemessen. Das Resultat war eindeutig: das Bereitschaftspotential ging dem angegebenen Willensentschluss in allen Untersuchungsdurchgangen voraus, Minimum 150 Millisekunden und Maximum 1025 Millisekunden. Aufgrund dieses Experiments kann man davon ausgehen, dass unsere Willensentscheidung von unbewussten, subkortikalen Instanzen des Gehirns vorbereitet werden und es somit keine Willensfreiheit gibt (Haken und Schiepek, 2006).

Soon und Kollegen stellten einen ahnlichen Versuch 2008 nach, in dem sie die Probanden baten, sich auf einen Buchstabenstrom auf einem Bildschirm zu konzentrieren und irgendwann, wenn sie das Bedürfnis dazu verspürten, mit dem linken oder rechten Zeigefinger eine Taste zu betatigen. Nachdem die Probanden die Taste betatigt hatten, wurden ihnen vier Optionen der Buchstabenfolge, die sie beobachtet hatten, gezeigt, aus denen sie nunmehr die Option auswahlen sollten, die zum Zeitpunkt ihrer Wahl, die Taste zu drücken, prasent war. Wahrend der ganzen Studie wurde ihre Gehirntatigkeit mit einem funktionellen Magnetresonanztomographen überwacht. Soon und Kollegen entdeckten, dass bereits 10 Sekunden, bevor sich die Probanden bewusst entschieden eine Taste zu drücken, unbewusste Gehirntatigkeit nachweisbar war. Hierfür liefern zwei spezifische Regionen im Frontal- und Parietalkortex des menschlichen Gehirns betrachtliche Informationen, die das Ergebnis einer motorischen Entscheidung vorhersagten, die die Probanden zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst getroffen hatten (Soon et al., 2008). Gibt es also Strukturen, aus denen allein heraus Bewusstsein, Entscheidungen, Wahrnehmung, Empfindungen und Gefühle entstehen?

Als grundlegende physische Entitaten, die für eine Emergenz in Frage kommen, gelten die durch die Mikrophysik beschriebenen kleinsten physischen Objekte, Prozesse oder Eigenschaften. Komplexe physische Entitaten sind alles, was aus den grundlegenden physischen Entitaten zusammengesetzt ist oder sich aus deren Zusammensetzung ergibt. So gelten Moleküle, Neuronen, Menschen oder Planeten als physische Gegenstande, da sie aus Elementarteilchen zusammengesetzt sind. Somit sollte, wenn alle Objekte aus Elementarteilchen zusammengesetzt sind und sich alle Eigenschaften aus den Eigenschaften der Elementarteilchen ergeben, es im Prinzip moglich sein, alles auf der Ebene der Mikrophysik zu erklaren und somit alle wahren wissenschaftlichen Theorien auf die Mikrophysik zurückzuführen. Die Fortschritte in der Wissenschaft scheinen diese Annahme zu belegen. Überall dort, wo man bisher noch immaterielle Ursachen als Erklarung für ein Phanomen vermutet hat, konnte doch eine physische Ursache gefunden werden. Das Schichtenmodell der Welt scheint empirisch gut bestatigt zu sein, denn man findet keine Objekte in der Welt, die nicht komplett aus kleineren Objekten zusammengesetzt sind (Keil & Schnadelbach, 2000). Der subjektive Erlebnisgehalt, die Qualia, kann aber mit dieser Theorie nicht erklart werden und gilt als das schwerwiegendste Problem des Physikalismus (Chalmer, 2003). Der qualitative Erlebnisgehalt ist zwar eine Eigenschaft vieler mentaler Zustande, ist aber nicht auf die Eigenschaften physischer Zustande zurückführbar.

1.3 Der Dualismus

Ein Dualist vertritt die These, dass das Mentale ein ontologisch eigenstandiger Bereich ist, der nicht allein auf das Physische zurückgeführt werden kann. Er ist somit der Auffassung, dass der Mensch neben dem Korper auch eine Seele hat, die eine immaterielle, vom Korper unabhangige Substanz ist. Sie ist das eigentliche Selbst des Menschen, das auch nach dem Tod ohne den Korper weiterexistieren kann (Beckermann, 2011). Der Dualismus wird durch folgende Thesen charakterisiert:

1. Der Mensch besteht nicht nur aus einem Korper, sondern einem Korper und einer Seele; die Seele ist ein immaterielles Wesen.
2. Die Seele macht das eigentliche Selbst eines Menschen aus. Sie ist für ihre Existenz nicht auf den Korper angewiesen.
3. Korper und Seele sind nur wahrend seines Erdenlebens zusammengespannt; beim Tode lost sich die Seele vom Korper.
4. Wahrend der Korper verganglich ist, ist die Seele unsterblich (Beckermann, 2011).

In der Geschichte der Philosophie haben sich verschiedene Varianten des Dualismus entwickelt, die nicht nur zwischen Geist und Korper unterscheiden, sondern auch zwischen Geist und Gehirn, wobei hier das Gehirn das Materielle darstellt:

- Parallelismus: Gehirn und Geist sind unabhangig voneinander, aber synchron. Wie aber kommt es zu einer Übereinstimmung?
- Autonomismus: Sie ist zufallig. (keine Vertreter)
- Occasionalismus: Sie wird laufend durch Gott hergestellt und überwacht.
(Geulincx, Malebranche)
- Prastabilisierte Harmonie: Sie wurde durch Gott bei der Schopfung für alle Zeiten festgelegt. (Leibniz)
- Dualistischer Epiphanomenalismus: Gehirn steuert Geist ohne Rückwirkung.
- Animismus: Geist belebt (steuert) alle Materie. (Platon, Plotin, Augsutinus)
- Interaktionismus: Gehirn und Geist stehen in aktiver Wechselwirkung. (Descartes, Penfield, Popper) (Walter, 1999)

Das bekannteste Argument für den Dualismus ist von Descartes formuliert worden, der Korper und Geist als zwei grundsatzlich voneinander verschiedene Wirklichkeitsbereiche ausmacht (Spat, 2010). Descartes ersetzt den Begriff der Seele durch den des denkenden Geistes, denn es braucht für ihn keine speziellen Krafte der Seele, um die vitalen Vorgange in einem Lebewesen zu erklaren. Dennoch nimmt er neben dem Korper eine immaterielle Substanz an, die auch nach dem Tod weiter existieren kann. Descartes argumentierte, dass Geist und Korper voneinander getrennt seien, und kennzeichnet das denkende Ich als ausschliefilich denkende Substanz, die er res cogitans nennt. Dieses denkende Ding ist strikt vom rein korperlichen Dasein getrennt und kann als solches kein Attribut der Korperlichkeit auf sich beziehen. Also muss es einen immateriellen Geist geben. Die blofie Materie als res extensa ist somit auch streng getrennt von der denkenden Substanz. Dieser Theorie zufolge gibt es materielle und immaterielle Entitaten, die kausal miteinander interagieren. Wenn eine Person etwa gekitzelt wird, so werden die Reize vom materiellen Korper registriert und weiter zum Gehirn geleitet. An irgendeiner Stelle wirken die materiellen Prozesse dann auf den immateriellen Geist ein und erzeugen ein Kitzelerlebnis. Umgekehrt losen geistige Zustande, wie Gedanken oder Emotionen, korperliche Prozesse aus (Spat, 2010).

Wenn Menschen aufier einem Korper auch einen nicht-physischen Geist besitzen, stellt sich die Frage, in welcher Beziehung Korper und Geist stehen. Lebt jede Substanz ihr eigenes Leben, ohne die andere zu beeinflussen oder von ihr beeinflusst zu werden? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen Korper und Geist und wenn ja, welchen? Im Dualismus gibt es hierfür verschiedene Erklarungsmodelle (Beckermann, 2011).

- Der interaktionistische Dualismus geht davon aus, dass sich Korper und Geist kausal beeinflussen, obwohl sie vollig verschieden sind. Vertreter dieser Theorie (Descartes, John Eccles) sind der Auffassung, dass beispielsweise Gewebeverletzungen Schmerzen verursachen und Lichtstrahlen über die Netzhaut im visuellen Kortex eine optische Wahrnehmung erzeugen. Auf der anderen Seite kann Wut zum Steigen des Blutdrucks führen und der Wunsch etwas zu trinken, bestimmte Korperbewegungen einleiten.
- Der Parallelismus (Leibniz) geht von kausal unabhangigen Prozessen zwischen Korper und Geist aus und erklart die Beziehung der beiden Substanzen durch „Gottes weisen Ratschluss“. Dieser hat die Dinge so eingerichtet, dass bestimmten neuronalen Zustanden im Gehirn immer die entsprechenden mentalen Zustande im Geist nachfolgen. Ein Wunsch, z.B. etwas zu trinken lost im Gehirn einen neuronalen Prozess aus, der die entsprechenden Handlungen einleitet.
- Der Epiphanomenalismus (Huxley, Haeckel) sieht zwar eine Kausalitat zwischen mentalen Zustanden und Aktivitaten bestimmter Teile des Gehirns, aber für das Verhalten eines Lebewesens ist es ohne jede Bedeutung, ob bestimmte Veranderungen im Gehirn bewusste Erlebnisse hervorrufen oder nicht. Das Bewusstsein ist nichts anderes als eine Begleiterscheinung, ein Epiphanomen, der Vorgange im Gehirn, die zwar für unser Verhalten verantwortlich sind, aber nicht deren Ursache. Bewusste Erlebnisse werden folglich durch Veranderungen im Gehirn verursacht, sie konnen aber niemals selbst korperliche Veranderungen bewirken (Beckermann, 2011).

1.4 Die Synchronizitat

Eine weitere Form des Dualismus beschreibt die Theorie der Synchronizitat von C.G. Jung. Synchronizitatsphanomene sind durch einen signifikanten Zufall gekennzeichnet, der zwischen einem subjektiven mentalen Zustand und einem in der objektiven AuBenwelt erlebbaren Ereignis auftritt. Man kann zwei Arten von Synchronizitatsphanomenen unterscheiden. Die erste ist durch einen signifikanten Zufall zwischen der Psyche zweier Individuen gekennzeichnet. Ein Beispiel für diese Art ist, wenn zwei Freunde aus der Ferne gleichzeitig zwei identische Krawatten kaufen, ohne sich vorher abzusprechen. Der signifikante Zufall scheint eine Korrelation zwischen der Psyche der beiden Probanden zu sein, was auf eine Art psychischer Kommunikation hindeutet.

Der zweite Typ von Synchronizitatsphanomenen passiert, wenn der signifikante Zufall zwischen einem psychischen Zustand und einem physischen Zustand auftritt. In diesem Fall wird der physische Zustand durch eine gemeinsame Bedeutung symbolisch mit dem mentalen Zustand korreliert. Es handelt sich bei dieser Synchronizitat um ein inneres Ereignis (ein Traum, eine Vision oder Emotion) und ein auBeres, physisches Ereignis, welches eine korperlich manifestierte Spiegelung des inneren seelischen Zustandes darstellt. Um das Doppelereignis tatsachlich als Synchronizitat definieren zu konnen, ist es unerlasslich, dass das innere chronologisch vor oder aber genau gleichzeitig (synchron) mit dem auBeren Ereignis geschehen ist. Ein von Jung beschriebenes Beispiel für dieses Doppelereignis ist die therapeutische Sitzung einer Patientin, die in einer entscheidenden Phase ihrer Behandlung einen Traum hatte, in dem sie einen goldenen Skarabaus zum Geschenk erhielt. Jung schreibt: „Ich sab, wahrend sie mir den Traum erzahlte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plotzlich horte ich hinter mir ein Gerausch, wie wenn etwas leise an das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von aufien gegen das Fenster stieb. Ich offnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nachste Analogie zu einem goldenen Skarabaus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, namlich ein Scarabaeide (Blatthornkafer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkafer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen“ (Jung, 1971. S. 475).

Synchronistische Ereignisse zwischen Geist und Materie scheinen schwer verstandlich zu sein in Bezug auf Zusammenhange zwischen bewusstem und unbewusstem Geist. Für Jung sind synchronistische Ereignisse ein Überbleibsel einer ganzheitlichen Realitat, der unus mundus, das auf dem Konzept einer einheitlichen Realitat beruht, in der alles seinen Ursprung hat, aus der alles hervorgeht und in die schliefilich alles zurückkehrt. „Das Konzept der unus mundus bietet eine ontologische Beschreibungsebene ohne Aufteilung von mentalen und materiellen Domanen, was grundlegender ist als die Beschreibungsebene mit aufgespaltenen Domanen. Man kann den Übergang von der grundlegenden Ebene zur Ebene mit Geist und Materie in Bezug auf die Entstehung betrachten, wenn man davon ausgeht, dass die Differenz zwischen Geist und Materie entsteht (und nicht aus Geist und Materie)" (Atmanspacher und Primas, 2009, S. 130). Es besteht bei einem Synchronizitatseffekt kein ursachlicher Zusammenhang zwischen raumlich und zeitlich lokalisierten Korrelationen.

Synchronizitatseffekte sind globale Phanomene in Raum und Zeit. Sie konnen nicht durch klassische Physik erklart werden. Im Falle eines signifikanten Zufalls zwischen der Psyche zweier Individuen kann man jedoch eine Analogie zur Quantenverschrankung erkennen. Nichtkausale und nichtlokale Korrelationen, wie sie in der Synchronizitatstheorie postuliert werden, sind in der Quantentheorie unter dem Namen Verschrankungskorrelationen bekannt (Lucadou, 2007). Weiter kann man moglicherweise synchronistische Ereignisse zwischen den mentalen und den materiellen Bereichen als Folge einer Quantenverflechtung zwischen Geist und Materie sehen (Martin & al. 2017).

Jung sieht im Zufall ein unermesslich weites Gebiet innerhalb unserer Erfahrung, welches der Ausdehnung des Gebietes der Gesetzmafiigkeiten das Gleichgewicht halt. Der Zufall ist aber im Falle einer Synchronizitat nicht zwingend kausal, sondern kann auch ohne direkten Zusammenhang, also akausal, geschehen. Jung schreibt: „Man ist es gewohnt, vom Zufall vorauszusetzen, dafi er selbstverstandlich einer kausalen Erklarung zuganglich sei und eben nur darum als „Zufall“ oder „Koinzidenz“ bezeichnet werde, weil seine Kausalitat nicht oder noch nicht aufgedeckt sei. Da man gewohnheitsmafiig von der absoluten Gültigkeit des Kausalgesetztes überzeugt ist, halt man diese Erklarung des Zufalls für zureichend. Ist aber das Kausalprinzip nur relativ gültig, so ergibt sich daraus der Schlufi, dafi, wenn schon die überwiegende Mehrzahl der Zufalle kausal erklart werden kann, dennoch ein Restbestand, der akausal ist, vorhanden sein mufi“. (Jung, 1971. S. 12).

Jung veranschaulicht das Prinzip der Synchronizitat in einem Quaternio aus Begriffspaaren, die sich diametral erganzen. Angeregt durch seinen Briefwechsel mit dem Physiker Pauli, erweitert er den ursprünglichen Quaternio im Hinblick auf die neuen Erkenntnisse der Quantenphysik.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Synchronizitat, Quelle: Jung, 1971

1.5 Der Panpsychismus

Der Panpsychismus unterscheidet zwar auch zwischen Geist und Materie, postuliert jedoch, dass alle Dinge des Universums geistige Eigenschaften haben. Der Begriff Panpsychismus setzt sich aus den griechischen Worten „pan“ (alies, überall) und „psyché“ (Geist, Seele) zusammen und wurde im 16. Jahrhundert durch den Philosophen Francesco Patrizi eingeführt. Der Panpsychismus geht davon aus, dass die gesamte Wirklichkeit von geistigen Eigenschaften durchdrungen ist. Zellen und Bakterien besitzen zwar kein Bewusstsein ihrer selbst, aber eine deutliche Sensitivitat für Reize. Selbst Einzeller wie die Pantoffeltierchen nehmen Berührungen, Temperatur- und Belichtungsunterschiede, chemische Reize und das Verhalten ihrer Artgenossen wahr und passen ihr Verhalten dementsprechend an.

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Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Geist-Materieinteraktionen. Theoretische Modelle und ausgewählte empirische Befunde zur aktuellen Lage der Forschung
Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
60
Katalognummer
V512821
ISBN (eBook)
9783346090065
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leib-Seele-Problem, Mikro-Psychokinese, Quantenphysik
Arbeit zitieren
Johannes Storch (Autor), 2019, Geist-Materieinteraktionen. Theoretische Modelle und ausgewählte empirische Befunde zur aktuellen Lage der Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512821

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