Der Methodenstreit. Gegenüberstellung des qualitativen und quantitativen Forschungsansatzes


Studienarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1 Quantitative Forschung
2.2 Qualitative Forschung

3. Geschichte und Verlauf der Kontroverse

4. Der quantitative Ansatz
4.1 Zentrale Position
4.2 Vorteile
4.3 Nachteile
4.4 Anwendung

5. Der qualitative Ansatz
5.1 Zentrale Position
5.2 Vorteile
5.3 Nachteile
5.4 Anwendung

6 Fazit und Erkenntnisse für eigene Forschung

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Stärken des quantitativen und qualitativen Ansatzes (Quelle: Wolf, 2008, S. 42)

Tabelle 2: Schwächen des quantitativen und qualitativen Ansatzes (Wolf, 2008, S. 43)

1. Einleitung

In der Geschichte der sozialwissenschaftlichen Forschung gab es von Beginn an zahlreiche Theorien, Ansätze und Paradigmen, die zum Teil über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinweg von gegensätzlichen wissenschaftlichen und philosophischen Parteien diskutiert wurden und zum Teil noch heute Uneinigkeit schüren. Eine Debatte, die dabei besondere Ausmaße annahm, war der „Methodenstreit“ (Homann, 1989) zwischen den Begründern und Verfechtern des qualitativen und denen des quantitativen Forschungsansatzes, welcher sich fast über das gesamte zwanzigste Jahrhundert erstreckte und erst zum Ende hin eine Erkenntnis der parallelen Daseinsberechtigung und des Potenzials zur gegenseitigen Ergänzung hervorbrachte. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden nun zunächst die Bedeutung und die Hintergründe dieser beiden Begrifflichkeiten, in Form von entsprechenden Definitionen, dargestellt. Anschließend wird die Geschichte und der Verlauf des sogenannten Methodenstreits dargelegt und die wechselnden Tendenzen und Ansichten im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts herausgearbeitet, sowie die wichtigsten Vertreter der jeweiligen Parteien genannt. Im darauf folgenden Hauptteil der Arbeit werden der qualitative und der quantitative Forschungsansatz im Detail beschrieben. Hierbei wird sowohl auf die zentralen Positionen als auch auf die Vor- und Nachteile, bzw. Kritikpunkte, und die Anwendungsbereiche eingegangen. Im Abschließenden Kapitel wird dargelegt, inwiefern die beiden Forschungsmethoden relevant für mein persönliches wissenschaftliches Wirken sind.

2. Definitionen

2.1 Quantitative Forschung

Allen voran besteht der elementare Anspruch der quantitativen Forschung, laut Lamnek (Lamnek, 2005), im Messen von Merkmalen und deren Häufigkeiten. „Dabei fungiert der Forscher als distanzierter, objektiver Beobachter, der ausschließlich deduktiv vorgehen darf.“ (Lamnek, 2005) Nach Brosius und Koschel werden mittels quantitativer Verfahren “empirische Beobachtungen über wenige, ausgesuchte Merkmale systematisch mit Zahlenwerten belegt und auf einer zahlenmäßig breiten Basis gesammelt.“ (Brosis & Koschel, 2001, S. 17)

Burns und Grove definieren die quantitative Forschung als „formellen, objektiven, präzisen, systematischen Prozess, der dazu dient, Informationen über die Welt zu erschließen. Quantitative Forschung wird beispielsweise durchgeführt, um neue Situationen, Ereignisse oder Konzepte in der Welt zu beschreiben.“ (Burns & Grove, 2005, S. 31) Nach der Definition Gläser und Laudels beruhen quantitative Forschungsmethoden „auf einer Interpretation sozialer Sachverhalte, die in der Beschreibung der Sachverhalte durch Zahlen resultiert. Dabei werden entweder die Merkmale der Sachverhalte oder die Häufigkeit des Auftretens von Merkmalen durch Zahlen beschrieben.“ (Gläser & Laudel, 2006, S. 24) Die relevanten (Haupt-)Gütekriterien, die für quantitative Messungen gelten, sind die Objektivität, die Reliabilität und die Validität. (vgl. Raithel, 2006, S. 42)

Die an dieser Stelle erwähnten Definitionen sollen lediglich stellvertretend dazu dienen, die zahlreichen weiteren in der Literatur zu findenden Begriffserklärungen grob zusammenzufassen. Allen Definitionen gleich ist im Allgemeinen, die Beschreibung eines Prozesses, der das Ergründen eines Sachverhalts durch das Darstellen und Interpretieren von entsprechend erhobenen Zahlenwerten ermöglicht.

2.2 Qualitative Forschung

Für Raithel bedeutet der Begriff „qualitativ“ „den Verzicht eines Transformationsprozesses von empirischen Objekten und ihren Relationen durch Zahlen und Rechensymbole.“ (Raithel J. , 2006, S. 8) Dementsprechend definiert er die qualitativen Forschungsmethoden als solche, die „die besonderen Eigenschaften und Merkmale eines sozialen bzw. pädagogischen Feldes möglichst genau, differenziert und gegenstandsnah erfassen.“ (Raithel J. , 2006, S. 8) Weiterhin will qualitative Forschung „nicht messen und nicht erklären, sondern verstehen, was in ihrem jeweiligen Objektbereich geschieht.“ (Raithel J., 2006, S. 8) Gläser und Laudel sehen in den qualitativen Forschungsmethoden eine „Interpretation sozialer Sachverhalte, die in einer verbalen Beschreibung dieser Sachverhalte resultiert. (Gläser & Laudel, 2006, S. 24) Zu einer ähnlichen Erkenntnis kommt Heinze, der die qualitative Sozialforschung als eine bezeichnet, „die sich qualitativer Daten bedient, vor allem verbalisierter oder verschriftlichter Daten oder Texte.“ (Heinze, Qualitative Sozialforschung: Einführung, Methodologie und Forschungspraxis , 2001, S. 12) Qualitative Daten bestehen dabei in solchen, „die soziale Gegenstände der Forschung auf eine wissenschaftliche Weise so beschreiben, dass sie die dem Gegenstand eigenen Verhältnisse, besonders deren Bedeutung, Struktur und Veränderung erfassen.“ (Heinze, Qualitative Sozialforschung: Einführung, Methodologie und Forschungspraxis , 2001, S. 12) Als qualitative Gütekriterien werden von Mayring die folgenden empfohlen: „Verfahrensdokumentation, argumentative Interpretationsabsicherung, Regelgebundenheit, Nähe zum Gegenstand, kommunikative Validierung und Triangulation“ (Mayring, 1990, S. 104 ff.)

Die unterschiedlichen Definitionen zu den quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden betrachtend kommt man nun zusammenfassend zu der Schlussfolgerung, dass quantitative Untersuchungen auf Grundlage von Zahlenverhältnissen Erkenntnisse auf breiter Basis liefern, während durch qualitative Methoden tiefe Einsichten in ein untersuchtes Phänomen, auf Grundlage von Beobachtungen, erzielt werden. (vgl. Brosis & Koschel, 2001, S. 18)

3. Geschichte und Verlauf der Kontroverse

Der Kern der Methodenkontroverse bestand von Beginn an darin, dass die Verfechter der quantitativen Forschungsmethoden überzeugt davon waren, dass Erkenntnisse über das soziale Leben objektiv zu sein hätten und man diese nur über standardisierte und statistische Methoden erlangen könne, während die Vertreter der qualitativen Forschung den Standpunkt inne hatten, dass das soziale Leben viel zu komplex sei, um es anhand von Zahlenwerten und Formeln zu ergründen. (vgl. Wolf, 2008, S.37) Obwohl die ersten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Forschungsansätzen schon im 17. Jahrhundert verzeichnet wurden, (vgl. Diekmann, 2006, S.78) fand sich der Höhepunkt der Debatte im 20. Jahrhundert. Dort hatte die Feldforschung als qualitative Forschungsmethode in den ersten vierzig Jahren ihre Pionierzeit, vor allem im Rahmen der Chicago School und deren Arbeiten zur amerikanischen Soziologie zwischen 1920 und 1940. (vgl. Bulmer, 1984, Deegan, 2001) Die Art des methodologischen Vorgehens zu dieser Zeit, das bis weilen als „indifferent“ (Kelle, 2008, S. 27) bezeichnet wird, lässt sich anhand eines Zitates Robert Parks, einem der Gründungsväter der Chicago School, (vgl. Kelle, 2008, S. 27) verdeutlichen. So äußerte Park gegenüber einem seiner Doktoranden: „Write down, only what you see, hear and know, like a newspaper reporter.” (Anderson, 1923/1975) Was die qualitativen Forschungen der Chicagoer School von den heutigen unterschied, war die Vernachlässigung von Beschreibungen und Dokumentationen der Beobachtungsumstände. Zum Teil war zu späteren Zeitpunkten nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen, ob die ursprünglichen Beobachtungen schriftlich oder mündlich vorlagen und von wem sie überhaupt stammten. (vgl. Kelle, 2008, S. 27) Das Bewusstsein über die Probleme, die solche Umstände für die spätere Forschung mit sich brachten, war zu dieser Zeit noch relativ unausgeprägt und die Probleme wurden somit weites gehend vernachlässigt. (vgl. Kelle, 2008, S. 27) Hammersley (1989) bezeichnet die damalig übliche Darstellung der Ergebnisse als „realistic, or naturalistic, description. The process by which the account has been constructed remains largely hidden.” (Hammersley, 1989, S. 85)

Die Forschung auf Grundlage von reinen Beobachtungen und die gleichzeitig fehlende Auseinandersetzung mit methodischen und methodologischen Fragen und Problemen führte dann schon zum Ende der 1920er Jahre dazu, dass die qualitative Forschung Angriffsfläche für verstärkte Kritik bot, sie an Reputation verlor und sich parallel quantitative Methoden entwickeln und durchsetzen konnten. (vgl. Kelle, 2008, S. 28)

Zur schnellen Etablierung der Erfassung sozialwissenschaftlicher Sachverhalte durch den Einsatz von objektiven Messinstrumenten trugen dann vor allem die Arbeiten von THURSTONE(1929), THORNDIKE (1927), GUTTMANN 1941) und LIKERT bei. (vgl. Kelle, 2008, S. 28) Unter GALLUP etablierte sich am American Institute of Public Opinion der social survey als elementare Form der Sozialforschung und führte die erstmalige Festlegung der vorab genannten Gütekriterien mit sich. (vgl. Kelle, 2008, S. 28) Die Einführung und die standardmäßige Anwendung der Gütekriterien „Validität“, Reliabilität“, „Objektivität“ bzw. Repräsentativität“ war es dann auch, die die qualitativen Methoden der Chicagoer Schule endgültig ins Hintertreffen geraten ließ, da diese eben diesen Kriterien nicht entsprechen konnten. (vgl. Kelle, 2008, S. 28)

Erstens genügten die betrachteten Fälle weder hinsichtlich ihrer Anzahl noch hinsichtlich der verwendeten Auswahltechnik den Anforderungen, welche durch etablierte Verfahren der Stichprobenbeziehung erfüllt werden sollten. Zweitens ließ das von den Feldforschern gesammelte Material bei der Erhebung und mehr noch bei der Auswertung große subjektive Interpretationsspielräume.“ (Kelle, 2008, S. 28)

Zu dieser Zeit verhärteten sich die Fronten zwischen den beiden Lagern auch erstmals deutlicher. So bezeichnete LUNDBERG (1929/1942) die Chicagoer Schule als pesudowissenschaftlich (Lundberg, 1929/1942) und BAIN kam ebenfalls zu einer drastischen Erkenntnis: „It is evident that most so-called „scientific“ results from the use of life documents, life stories, interviews, diaries, autobiographies, letters, journals etc. are pure poppy-cock.“ (Bain, 1929, S. 155 ff.) KELLES Ausführungen zu Folge, blieb die Gegenwehr des qualitativen Forschungslagers, trotz zum Teil harscher, Provokationen der Gegenpartei, lange Zeit aus. Vielmehr wurde sogar an der Begründbarkeit der eigenen Methoden gezweifelt. (vgl. Kelle, 2008, S. 29-30) Einer der wenigen Verfechter des qualitativen Forschungsansatzes, der Gegenkritik äußerte, war Florian ZNANIECKI, der mit „The Method of Sociology“ ein Standardwerk der qualitativen Forschung verfasst hatte (vgl. Kelle, 2008, S. 30) und die quantitativen Methoden deswegen kritisch beurteilte, „weil statistisch orientierte Forschung die naturwissenschaftliche Methode nur unvollkommen anwenden würde.“ (Kelle, 2008, S. 30) Dieser vereinzelter Kritik zum Trotz konnte das quantitative Lager zwischen den 1930er und 1950 Jahren eine deutliche Dominanz auf dem Gebiet sozialwissenschaftlichen Forschungsmethoden erringen. Erst ab den 1960er Jahren begannen die Anhänger des qualitativen Ansatzes wieder, sich von der Unterordnung loszusagen und zeigten in einigen methodologischen Arbeiten „eine deutliche Tendenz der Abgrenzung gegenüber dem quantitativen Mainstream, dessen Methodologie [...] nun von vielen qualitativen Autoren als unangemessen für den Gegenstandsbereich der Sozialwissenschaften überhaupt zurückgewiesen wurde.“ (Kelle, 2008, S. 32) Maßgebend für das Wiederauferleben der qualitativen Forschungsidee war ein bedeutender Aufsatz WILSONS, der den Ansatz des „interpretativen Paradigmas“ (Wilson, 1970/1981) prägte, woraus später der Oberbegriff der „interpretativen Soziologie“ (Giddens, 1984) hervorging. (vgl. Kelle, 2008, S. 32-33) Vertreter dieses Ansatzes erkannten in den 1960er und 1970er Jahren einen Zusammenhang zwischen den Arbeiten zur pragmatischen Sozialphilosophie von MEAD und SCHÜTZ auf der einen Seite und den klassischen Methoden der Chicagoer Schule auf der anderen Seite. (vgl. Kelle, 2008, S. 33) Dieser Zusammenhang „lieferte ein entscheidendes Argument für die Kritik am quantitativen Mainstream und zur Rechtfertigung qualitativen Forschungshandelns“ (Kelle, 2008, S. 33) Die Vertreter der interpretativen Soziologie erkannten den entscheidenden Kritikpunkt in den quantitativen Methoden darin, dass diese ein gegenseitiges Wissen zwischen Beobachter und Forschungsobjekt über kulturelle Bedeutungen voraussetzten, (vgl. Cicourel, 1974, S. 29) welches im Alltag nie gegeben sei, sondern dieser immer Interpretationen von Verhaltensweisen voraussetze. Schon aus diesem Grunde könnten quantitative Methoden dem Anspruch der Soziologie also gar nicht gerecht werden. (vgl. Kelle, 2008, S. 33-34)

An den bisherigen Argumentationen der beiden methodischen Lager ist zu erkennen, dass die Kontroverse überwiegend darin bestand, den entgegengesetzten Ansatz zu kritisieren und immer neue Nachteile daran zu finden. Diese Tendenz sollte sich in den Folgejahren noch verschärfen. Eine damals tatsächlich zielführende Debatte muss dabei angezweifelt werden, so tituliert KELLE die Äußerungen der jeweiligen Methodenvertreter mehrfach als „polemisch“. (siehe bspw. S.34, & S. 35) Aufgrund der fehlenden Aussicht auf Konsens, zweifelt KELLE außerdem am weiteren Führen einer „ernsthaften Diskussion“ (Kelle, 2008, S.35)Zu einem ähnlichen Urteil kamen auch SMITH und HESHUSIUS (1986), die den Methodenstreit zwischen dem quantitativen und qualitativen Lager als nicht entscheidbar erachteten und es aus diesem Grund als sinnvoll ansahen, den Dialog zu beenden, da ohnehin keine produktiven Ergebnisse zu erwarten seien. (vgl. Kelle, 2008, S. 39) Zum Ende des 20. Jahrhunderts hatten sich dann auch endgültig zwei scientific communities herauskristallisiert, die weites gehend getrennt voneinander agierten (vgl. Kelle, 2008, S. 39), die Fronten hatten sich dabei langsam aufgelöst und es wurde ein gleichberechtigtes Arbeiten ermöglicht. (vgl. Bortz & Döring, 2005, S. 306) Entscheidender Faktor ist hier das Ablegen der ursprünglichen Außenseiterposition der qualitativen Methoden durch die Etablierung der qualitative communities insbesondere im anglo-amerikanischen Raum. (vgl. Kelle, 2008, S. 36)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Methodenstreit. Gegenüberstellung des qualitativen und quantitativen Forschungsansatzes
Hochschule
Hochschule für angewandtes Management  (Sportmanagement)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V512836
ISBN (eBook)
9783346130303
ISBN (Buch)
9783346130310
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forschung, empirisch, Empirie, Qualitativer Ansatz, Quantitativer Ansatz, Methodik, Forschungsmethodik, Forschungsmethoden, qualitativ, quantitativ, Wissenschaft, Methodenstreit, empirisches Arbeiten, Sozialwissenschaft, Chicagoer Schule, Forschungsstil
Arbeit zitieren
Kai Schneeweiß (Autor), 2012, Der Methodenstreit. Gegenüberstellung des qualitativen und quantitativen Forschungsansatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512836

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Methodenstreit. Gegenüberstellung des qualitativen und quantitativen Forschungsansatzes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden