Der altbulgarische Text „Rede über die Buchstaben“ entstand im kulturhistorischen Kontext des Frühmittelalters. Die meisten Forscher vermuten, dass diese Rede während des Reichstags von Preslav im Jahr 893 gehalten wurde. Auf diesem Reichstag wurden historisch wichtige administrative Veränderungen für das Reich beschlossen: Die Hauptstadt des Ersten Bulgarischen Reiches wurde von Pliska nach Preslav verlegt als Symbol für die Lösung des neu christianisierten Staates von den heidnischen Wurzeln. Simeon wurde offiziell Thronfolger und die (alt)bulgarische Sprache als offizielle bzw. administrative Sprache des Bulgarischen Reichs (Staatssprache) per Dekret festgelegt.
Dass die Rede zu diesem wichtigen Ereignis gehalten wurde ist gut möglich, da der Redner einerseits auf konkrete Vorwürfe gegen die slawische Schrift antwortet und andererseits – am Ende des Textes – sagt, dass jetzt keine Zeit mehr sei, aber dass es an anderer Stelle Antworten auf weitere Fragen geben werde. Dies vermittelt dem Leser ein Bild über einen mittelalterlichen Disput, in dem die Teilnehmer der Reihe nach für die Verteidigung oder für die Vernichtung einer Idee argumentierten. In diesem Text werden die Thesen von der Unwürdigkeit der Schrift verworfen und gleichzeitig wird ihre Sakralität argumentiert und gefestigt.
Die "Rede über die Buchstaben" von Černorizec Chrabăr zeigt sich ihrer Argumentierung nach als eine perfekte Stichprobe des Denkens und der Weltanschauung eines gebildeten, aber noch dazu sehr fortschrittlichen Menschen des Frühmittelalters.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Hintergründe
2.1 Kulturpolitische Situation in Europa zu dieser Zeit
2.2 Kulturhistorische Bedeutung der Altbulgarischen Literatur
2.3 Wichtige literarische Zentren im Ersten Bulgarischen Reich und Vertreter
3 Stilistik und Genres der altbulgarischen Literatur und ihre historische Bedeutung
3.1 Genresystem: Klassifikationsprinzipien und Wechselbeziehungen
4 Genre des Textes
5 Aufbau und Besonderheiten des Textes
6 Wichtige historische Themen des Textes
6.1 Das Konzept der tres linguae sacrae
6.2 Datierung der Entstehung der slawischen Schrift
6.3 Allgemeine Betrachtung und weitere Themen
7 Das erste Konzil von Preslav im Jahr 893
8 Hypothesen über den Verfasser
8.1 Zar Simeon der Große und „Das Goldene Zeitalter der bulgarischen Kultur“
9 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert kulturwissenschaftlich den altbulgarischen Text „Über die Buchstaben“ von Černorizec Chrabăr aus dem 9. Jahrhundert, um dessen historischen Kontext, Aufbau und rhetorische Strategien bei der Verteidigung der slawischen Schrift zu erläutern.
- Historische Einordnung des altbulgarischen Schrifttums und seiner Zentren.
- Untersuchung des rhetorischen Genres und des kompositorischen Aufbaus des Werkes.
- Analyse der Auseinandersetzung mit dem Dogma der „drei heiligen Sprachen“ (tres linguae sacrae).
- Klärung der Datierungsfragen und der Rolle von Kyrill und Method.
- Diskussion um die Verfasserschaft des Werkes und das Umfeld Zar Simeons des Großen.
Auszug aus dem Buch
6.1 Das Konzept der tres linguae sacrae
Bedingungen für die Entstehung der tres linguae sacrae tauchen erst ab dem 5. Jahrhundert auf. Das erste Mal wird diese „Theorie der drei heiligen Sprachen“ (Griechisch, Latein und Hebräisch) Anfang des 8. Jahrhunderts vom Bischof Isidor von Sevilla (570-636) im Buch IX seiner „Ethimologia“ formuliert.
„Tres autem sunt linguae sacrae: Hebraea, Graeca, Latina; quae toto orbe maxime exellunt. His enim trisbus linguis super crucem domimi a Pilato fruit causa ejus scripta.“
So formuliert von einem solch angesehenen kirchlichen Schreiber etablierte sich das Dogma der drei heiligen Sprachen in den Köpfen der Menschen. Sie verbreitete sich durch das ganze Mittelalter hindurch – auf den Gebieten West-Roms und Ost-Roms – und jede Abweichung wurde als Häresie verurteilt und konsequent bestraft. Überlieferungen über dieses mittelalterliche Vorurteil sind auf Griechisch, Lateinisch und Slawisch zu uns herabgekommen. Wir finden solche Anweisungen u. a. im Brief von Papst Johannes VIII. aus dem Juni 879.
Gegen die dreisprachige Häresie ist auch die Rede von Chrabăr gerichtet. Die Rede ist eine wertvolle Bestätigung für die Existenz dieser Häresie am Ende des 9. Jahrhunderts im südosteuropäischen Gebiet. Außerdem zeigt der Text von Chrabăr die Gegenreaktion, die dieses Vorurteil im Ersten Bulgarischen Reich hervorruft. Die Abhandlung von Chrabăr verkörpert hierbei die stärkste Gegenreaktion zu diesem Dogma, nicht nur in der slawischen Literaturgeschichte, sondern auch in der gesamten europäischen Literatur des Mittelalters.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Skizziert die historische Bedeutung der altbulgarischen Literatur als Grundstein einer neuen europäischen Schriftkultur und definiert den Fokus auf das Werk von Chrabăr.
2 Historische Hintergründe: Beleuchtet die kulturpolitische Lage in Europa, die Rolle der Kirche und die literarischen Zentren des Ersten Bulgarischen Reiches wie Pliska, Preslav und Ochrid.
3 Stilistik und Genres der altbulgarischen Literatur und ihre historische Bedeutung: Analysiert das komplexe Gattungssystem der Epoche und die Unterteilung in offizielle, inoffizielle sowie kultische Literatur.
4 Genre des Textes: Ordnet das Werk „Über die Buchstaben“ in die rhetorische Prosa ein und beschreibt dessen apologetischen und polemischen Charakter.
5 Aufbau und Besonderheiten des Textes: Untersucht die rhetorische Strategie des Autors, insbesondere das Schema „These-Antithese“ zur Verteidigung der slawischen Schrift.
6 Wichtige historische Themen des Textes: Erläutert das Dogma der drei heiligen Sprachen, die Datierung der Schriftentstehung sowie die kulturelle Situation der Slawen.
7 Das erste Konzil von Preslav im Jahr 893: Beschreibt die administrativen und kulturellen Veränderungen des Reiches, die zur Etablierung der slawischen Sprache als Amtssprache führten.
8 Hypothesen über den Verfasser: Diskutiert verschiedene Theorien zur Identität von Chrabăr, einschließlich der Verbindung zu Zar Simeon dem Großen.
9 Schlussbetrachtung: Fasst zusammen, dass das Werk ein bedeutendes Zeugnis der kulturellen Selbstbehauptung und der Verteidigung des slawischen Alphabets darstellt.
Schlüsselwörter
Altbulgarische Literatur, Chrabăr, Slawische Schrift, Erste Bulgarisches Reich, Dreisprachen-Dogma, Tres linguae sacrae, Kyrill und Method, Rhetorik, Apologie, Zar Simeon der Große, Kulturgeschichte, Mittelalter, Preslav, Schriftkultur, Konzil von 893.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk „Über die Buchstaben“ aus dem 9. Jahrhundert aus kulturwissenschaftlicher Sicht, um dessen Bedeutung für die Etablierung der slawischen Schrift zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Geschichte der altbulgarischen Literatur, die Auseinandersetzung mit kirchlichen Sprachdogmen sowie die rhetorischen Strukturen mittelalterlicher Apologien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Text und seine Verteidigungsstrategie gegenüber historischen Vorwürfen zu analysieren und den Platz dieses Genres in der mittelalterlichen Literatur zu definieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kulturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die historische Kontexte mit literaturwissenschaftlicher Gattungstheorie und rhetorischer Untersuchung verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Aufbau des Werkes, die historische Bedeutung von Zentren wie Preslav, die Auseinandersetzung mit dem Drei-Sprachen-Dogma und die Frage der Autorenschaft erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Altbulgarische Literatur, Chrabăr, Slawische Schrift, Apologie, Dreisprachen-Dogma und das Goldene Zeitalter der bulgarischen Kultur.
Warum war eine Verteidigungsrede wie „Über die Buchstaben“ notwendig?
Sie diente als Antwort auf die Vorwürfe des Drei-Sprachen-Dogmas, das die Verwendung slawischer Sprache in der Kirche als Häresie brandmarkte und die Notwendigkeit eines eigenen Alphabets leugnete.
Inwieweit wird Zar Simeon der Große mit dem Werk in Verbindung gebracht?
Es existiert die Hypothese, dass „Chrabăr“ ein literarisches Pseudonym des Zaren Simeon sein könnte, da die Belesenheit und der rhetorische Stil des Textes mit den historischen Dokumenten Simeons korrespondieren.
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- Rossitza Mitreva de Zulli (Author), 2018, Die Verteidigung der Buchstaben und ihre kulturhistorische Bedeutung ODER Was war los im 9. Jahrhundert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512885