Unterrichtsstunde: Die Symbolik in Max Frischs Homo Faber


Unterrichtsentwurf, 2005

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Didaktischer Analyseteil
1.1. Sachanalyse
1.2. Didaktische Analyse
1.2.1. Unterrichtszusammenhang
1.2.2. Lernstand
1.2.3. Lernziele
1.3. Methodische Analyse

2. Geplanter Unterrichtsverlauf in Tabellenform

3. Reflexion
3.1. Inhaltliche Reflexion
3.2. Methodische Reflexion
3.3. Reflexion zum Schülerverhalten
3.4. Reflexion zum Lehrerverhalten

4. Verwendete Literatur zur Vorbereitung

5. Anlagen
5.1. Arbeitsblatt
5.2. Überblicks-Folie

1. Didaktischer Analyseteil

1.1. Sachanalyse

Der Begriff Symbolik entstammt dem Griechischen[1], wurde vom Lateinischen übernommen und bedeutet im Kern ‚Kennzeichen’ oder einfach ‚Zeichen’. In der Antike war ein Symbol „ein durch Boten überbrachtes Erkennungs- od. Beglaubigungszeichen zwischen Freunden, Vertragspartnern o.Ä.“[2] So hatte z.B. das Überbringen einer Tonscherbe, welche an einer Bruchseite genau zu einer anderen Scherbe passte, für den Empfänger nicht nur die primär-visuelle Bedeutung eines kaputten Vasenteils, sondern auch eine sekundäre bzw. symbolische Bedeutung: er erkennt das Gegenstück seiner eigenen Scherbe und die dahinter stehende Vereinbarung. So haben viele Gegenstände, Sachverhalte, Verhaltensweisen und Gesten bestimmte übergeordnete symbolische Bedeutungen, die jeweils einen mehr oder weniger großen Bekanntheitsgrad haben. Im Grunde kann also jeder Gegenstand oder jede Handlung symbolischen Charakter bekommen, wenn ein bestimmter Personenkreis dies vereinbart. In der Literatur ist die Verwendung von Symbolen ein oft benutztes Stilmittel, mit dem auf übergeordnete Tiefenstrukturen von Werken verwiesen werden kann.

Max Frischs „Homo Faber“ ist ideal geeignet um die literarische Verwendung von Symbolen zum Verweis auf die Kernstruktur des Romans im Unterricht zu behandeln. Der Titel „Homo Faber“ ist zugleich ein lexikalisierter Fachausdruck, der dem Lateinischen entspringt und „der schaffende Mensch“ bzw. „der technische Mensch“ bedeutet – dessen Gegensatz in der Literatur und Philosophie der „Homo Ludens“[3], der Spielende bzw. der mystische Künstler, ist. Allein der Titel ist also schon symbolhaft bezeichnend für die Thematik des Romans: „Der Techniker Walter Faber scheitert mit der Auffassung, er selbst und die Welt seien so kontrollierbar wie seine Maschinen, und findet über das Erleben von inzestuöser Liebe, Tod und Krankheit zu reifer Menschlichkeit“[4]. Die Symbol-Fülle (Vgl. 5.2.) des Romans mag den meisten Lesern zunächst nicht auffallen, da vieles bewusst als Alltagshandlung oder Alltagsgegenstand „getarnt“ ist, so z.B. das ständige zwanghafte Rasieren von Walter Faber oder die explizite Firmen- und Modellnamenserwähnung seiner Schreibmaschine „Hermes Baby“. Mit einem geschärften Blick für Symbole fallen diese aber auf, denn man ist ständig am Hinterfragen und jeder Satz wird auf eine mögliche übergeordnete Bedeutung untersucht: Warum erwähnt der Autor den alltäglichen Vorgang des Rasierens mehrmals? Hat das Rasieren eine Beziehung zur Gesamtaussage des Romans? Wenn ja, welche? usw. . Der Roman enthält überdies aber noch einige Symbole die auffällig sind, da sie mit dem alltäglichen Leben im 20.Jahrhundert nicht unmittelbar in Verbindung stehen. Die Rede ist von mythologischen Symbolen und Symbolik der Antike, im speziellen: die Ödipusanspielungen [192, 142, 144], die Geburt der Venus und die schlafende Erinnye [110ff], die griechische Mittagsstille [128], die Omega-Uhr [129], die Aspisviper [130], die Hermes-Baby-Schreibmaschine [161], rückwärts mit der Axt erschlagen [136] und der Symbolcharakter des Schauplatzwechsels von der neuen Welt (USA) in die Alte Welt (Griechenland). Auf dieser griechisch-mythologischen Symbolhaftigkeit liegt der Fokus der meisten Rezensionen und Interpretation zu den Symbolen im Werk Homo Faber.

Als Ödipusanspielungen gelten explizit der Wunsch Walter Fabers, sich gegen Ende des Romans die Augen auszustechen [192], die Bezeichnung „stockblind“ [144] für Walter Faber und die Erwähnung der Geschichte „Oedipus und die Sphinx“ [142], die für Walters Exfreundin und Mutter seiner Tochter „Tatsachen“ sind. Diese Erwähnungen bringen die Thematik des Inzests Walter Fabers symbolhaft mit dem Inzest des Ödipus in Verbindung. Genauso wie die scheinbare Erweckung der „schlafenden Erinnye“ im „Museo Nazionale“ durch das Schattenspiel, das Walter hervorruft, wenn er sich vor „die Geburt der Venus“ stellt [111]. Erinnyen sind die Rachegöttinnen der altgriechischen Erdreligion und Schützerinnen der sittlichen Ordnung, die alles Unrecht und besonders Blutschuld und Inzest mit dem Tod als dämonisch rächendes Schicksal bestraften[5]. Wie der Verlauf der Handlung zeigt, wird die Erinnye nicht umsonst im Zusammenhang mit der römischen Liebesgöttin Venus bei Walters Museumsbesuch mit seiner Tochter Sabeth in Beziehung gebracht.

Im antiken Griechenland galt die Aspisviper [130] sowie generell „die Schlange [127] in erster Linie [als] das Tier der geheimnisvollen Erdentiefe, ein Diener der Erddämonen, zu denen auch die Erinyen [sic.] zählten“[6]. Die Schlange, die Fabers Tochter beißt, vollführt auf den ersten Blick also das rächende Schicksal der Blutschuld des Vater-Tochter-Inzests. Doch nicht der Schlangenbiss, sondern der Sturz, der auf das verstörte Zurückweichen der Tochter vor dem nackten Vater in der Mittagshitze folgte, war die Todesursache. Die Frage, wie das töchterliche Verhalten zu erklären ist, lässt der Text völlig offen und nur eine symbolische Deutung ist möglich: Für die Griechen war der Mittag [128] die Zeit, in der die Macht des Gottes Pan, des Gottes der Geschlechtskraft, besonders spürbar ist. Mit diesem Hintergrund kann man interpretieren, dass „die Nacktheit im grellen Licht des griechischen Mittags Sabeths irrationale Erkenntnis der Verfehltheit ihres Verhaltens zu Faber symbolisiert“[7].

Die Omega-Uhr [129], Omega u.a. als physikalisches Symbol des Widerstandes – hier im Zusammenhang mit Sabeths möglichen Tod auf der Fahrt ins Krankenhaus, und die Hermes-Baby-Schreibmaschine [161], Hermes als Gott der Schrift – mit dieser Schreibmaschine verfasst Faber seinen „Bericht“ – und als Gott der Reisenden, sind weitere griechisch-mythische Symbole.

Fabers wirken im Roman wird vom Reisen dominiert, so bekommen die Schauplätze vor allem im Hinblick auf Romanbeginn und Romanende Symbolcharakter. Auch die Kapiteleinteilung Station 1 und Station 2 lässt auf eine Reise, nämlich die Lebensreise Fabers, schließen. Der Roman beginnt in New York / USA und endet in Athen / Griechenland. Die USA, die neue Welt, assoziiert mit dem technischen, modernen, „american way of life“ [50], stehen im Gegensatz zu Europa und Griechenland, der alten Welt, der Herkunft des Mythos und der Tragödie. Über die rational-technische Lebensauffassung Fabers in Station 1 siegt die mythologisch-tragische Lebensauffassung in Station 2 und Faber wählt Athen als Ort für seinen wahrscheinlichen Tod. Diese bewusste symbolische Gegenüberstellung der Pole Technik und Mythos bilden die Konstruktionsbasis des Romans, dies ist die eingangs erwähnte Tiefenstruktur auf welche die Symbole referieren. Es sind hier noch fast beliebig viele weitere Beispiele für diese Polhaftigkeit aus dem Roman zu ziehen: Homo Faber und Homo Ludens, Faber und Hanna/Sabeth/Marcel, Mann und Frau, Ratio und Seele, Mathematik und Kunst, Planung und Schicksal, Cortez und Montezuma etc. .

Die Faszination und Genialität eines Werkes zeichnet sich nicht zuletzt durch die subtile Verpackung des übergeordneten Kerns in eine symbolhafte Hülle aus. Am Beispiel des Homo Fabers ist gut ersichtlich: Symbole sind – für den Autor wie den Leser – der Schlüssel zu diesem Kern.

1.2. Didaktische Analyse

1.2.1. Legitimation

Der Lehrplan für die Jahrgangsstufe 13 im Grundkurs verlangt neben zwei Romanen aus dem 19. und 20. Jahrhundert auch „ein Werk der Literatur nach 1945 als Ganzschrift zu lesen“[8]. Mit u.a. der Behandlung der „für sie nächsten literarischen Zeiträumen“ sollen die Schüler „zum kritischen Beobachten und zur Teilnahme am literarischen Leben der Gegenwart“ ermutigt werden[9]. Der wichtigste Punkt für die Legitimation meines Stundenstoffs ist aber die vorgeschriebene Vermittlung von „Einsichten in unterschiedliche Funktionen der Sprache und deren historische und gesellschaftliche Bedingtheit“. Zweifellos ist dadurch das Erarbeiten und Verstehen der Symbolebene eines literarischen Werkes nach 1945 legitimiert und eine wichtige Kompetenz jedes Abiturienten.

1.2.2. Unterrichtszusammenhang

Max Frischs „Homo Faber“ war die zweite Ganzschrift, die der Grundkurs im Verlauf des Schuljahres zu lesen hatte. Nachdem der Roman vom Kurs über die Weihnachtsferien gelesen werden sollte, wurde in den sechs vorherigen Stunden bereits die Entstehung, der Inhalt, die Thematik, der Hintergrund und die Personenkonstellation des Romans erarbeitet. Mein Unterrichtsversuch sollte den „Homo Faber“ zielführend und abschließend ‚abrunden’. Dazu schien die Beschäftigung mit der Symbolik und Tiefenstruktur des Romans ideal geeignet.

1.2.3. Lernstand

Da mein Unterrichtsentwurf als die letzte Einheit zum Thema „Homo Faber“ angelegt war, konnte in der Vorbereitung davon ausgegangen werden, dass der Inhalt, die Thematik und die Figuren bei den Schülern zum Zeitpunkt der Unterrichtsstunde präsent sind. Noch dazu wurde eine rudimentäre Kenntnisnahme der Symbolträchtigkeit des Romans erwartet. Im Hinblick auf das hohe Leistungsniveau dieses Kurses und den selbst miterlebten Referatergebnissen im Bereich der lyrischen Symbole innerhalb expressionistischer Gedichte, war vom Interesse seitens der Schüler und kaum von Schwierigkeiten im Sinne von Überforderung auszugehen.

1.2.4. Lernziele

Ziel der Stunde sollte zunächst einerseits das Schärfen des Blickes für Symbole und Symbolik in prosaischen Werken einer nahe gelegenen literarischen Epoche sein. Andererseits sollte der Zweck des Symboleinsatzes von Autoren an dem Beispiel „Homo Faber“ kenntlich gemacht und dadurch wiederum die Notwendigkeit der Kompetenz als Leser, Symbole zu deuten, klargemacht werden werden. Als generelles Stundenziel war die Erarbeitung oder zumindest das Verständnis für die Tiefenstruktur des Romans geplant: Der Schüler soll erkennen, dass bemühte Symboldeutung zur Enthüllung der Konstruktionsbasis des Romans führt. Diese erkannte Basis könne er nun – falls verlangt – in einem Essay argumentativ mit Textstellen belegen. Die erworbene Kompetenz ist im Grunde auf jede weitere literarische Beschäftigung mit anderen Werken und vergleichbaren Texten (wie z.B. Zeitungskolumnen) übertragbar und hat im Hinblick auf Studium oder Freizeit konkreten Lebensbezug.

[...]


[1] Griechisch „symbolon“ für etwas, das sich zusammenfügen lässt;

[2] Duden: Fremdwörterbuch. 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim u.a. 2001, S. 967.

[3] vgl,: Poser, Stefan / Zachmann, Karin: Homo faber ludens. Geschichten zu Wechselbeziehungen von Technik und Spiel. Frankfurt/M. 2003.

[4] Hain, Hildegard: Max Frisch. Homo Faber. 7. Auflage, München 2004, S. 4.

[5] vgl.: Schmitz, Walter: Max Frisch. Homo Faber. Materialien, Kommentar. München u.a. 1977, S. 74. ;und Ebd.

[6] Schmitz: Materialien, S. 75.

[7] Meurer, Reinhard: Max Frisch. Homo Faber. 3. überarbeitete und korrigierte Auflage, München 1988, S. 34.

[8] für 2004 / 2005 gültiger Lehrplan Deutsch an bayerischen Gymnasien, S. 350. Als *.pdf downloadbar bei www.isb.bayern.de

[9] Ebd. S. 348 ff.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsstunde: Die Symbolik in Max Frischs Homo Faber
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Didaktik)
Veranstaltung
Praktikumsbegleitendes Seminar LA Deutsch Gymnasium
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V51290
ISBN (eBook)
9783638473026
ISBN (Buch)
9783656059912
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr erfolgreicher Umsatz in einem Grundkurs Deutsch 13. Klasse
Schlagworte
Unterrichtsstunde, Symbolik, Frischs, Homo, Faber, Praktikumsbegleitendes, Seminar, Deutsch, Gymnasium
Arbeit zitieren
Thomas Oliver Schindler (Autor), 2005, Unterrichtsstunde: Die Symbolik in Max Frischs Homo Faber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51290

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