Eine Exegese zum Psalm 23. Analyse der Motive des Hirten und des Gastgebers


Hausarbeit, 2018

26 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Abschrift des zugrunde gelegten Textes (Psalm 23)

3. Analyse des Textes
3.1 Gattungsbestimmung
3.2 Strukturanalyse
3.3 Begriffsbestimmung
3.3.1 Der Hirte
3.3.2 Der Gastgeber

4. Interpretation
4.1 Problemstellung, Argumentation und Aussageabsicht
4.2 Gegenwartsbezug vom Psalm 23

5. Zusammenfassung und Bündelung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um ein umfassendes Textverständnis zu erlangen und die zentralen Probleme und Aussagen des Psalms verstehen zu können, muss dieser zunächst aus seinem historischen Umfeld heraus betrachtet und interpretiert werden. Deshalb erfolgt eine exegetische Auseinandersetzung mit dem Psalm 23. Einführend wird der Text nach der Lutherübersetzung wiedergegeben und im weiteren Verlauf im Hinblick auf seine Gattung und seine kennzeichnenden Strukturen untersucht. Im Psalm 23 werden zwei zentrale Motive behandelt: Das Motiv des Hirten und das Motiv des Gastgebers. Beide Motive werden anschließend im Kontext des Alten und Neuen Testaments analysiert und die Bedeutung der im Psalm verwendeten Begriffe auf ihren Ursprung und ihre Anwendung untersucht. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse wird der Psalm im weiteren Verlauf interpretiert, indem zunächst die Problemstellung, Argumentation und Aussageabsicht des Psalmisten herausgearbeitet und schließlich ein Gegenwartsbezug hergestellt wird.

2. Abschrift des zugrunde gelegten Textes (Psalm 23)

1 Ein Psalm Davids.

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

3. Analyse des Textes

Der Psalm 23 befindet sich im Buch des Psalters im Alten Testament der Bibel. Der Psalter gehört zu den Weisheitsbüchern und umfasst 150 einzelne Psalmen, weshalb er heute in der christlichen Tradition üblicherweise auch mit dem Titel „(Buch der) Psalmen“1 bezeichnet wird. Ursprünglich geht dieser Begriff auf die Septuaginta zurück und ist abgeleitet von einem griechischen Saiteninstrument2 – demzufolge galten die Psalmen als Lieder, was auch durch die hebräische Tradition3 bestätigt werden kann. Entsprechende Lieder finden sich nicht nur im Psalter, sondern auch in anderen Büchern der Bibel, wie exemplarisch Israels Loblied am Schilfmeer (Ex 15), das Lied des Mose (Dtn 32-33), Deboras Siegeslied (Ri 5) oder das Gebet von Jona (Jona 2, 3-10). Darüber hinaus sind manche Bücher der Bibel auch im Gesamten „durchsetzt von Psalmensprache (z.B. Jes 40-55; Jer; Ijob)“4. Allgemein werden die 150 poetischen Texte des Psalters in fünf Bücher gegliedert, wodurch eine Analogie zum Pentateuch hergestellt wird: Dabei wird konstatiert, dass ebenso, wie die Israeliten fünf Bücher von Mose erhielten, David ihnen entsprechend die fünf Bücher der Psalmen gab.5 Der König David wird besonders hervorgehoben,6 da er als Autor von 73 Psalmen genannt wird und durch beschreibende Überschriften in vielen Fällen auch seine Lebenssituationen zum Zeitpunkt des Verfassens dargestellt werden.7 Mose, Salomo, Asaf und Korach erscheinen ebenfalls als Autoren einzelner Psalmen; andere Psalmen wiederum benennen keinen konkreten Verfasser.8

Der vorliegende poetische Text gehört zu den Psalmen, die David zugeschrieben werden. Obwohl eine „Datierung der Psalmen […] angesichts fehlender immanenter Hinweise immer hypothetisch [ist]“9, ist offensichtlich, dass der Psalm zu einer Zeit verfasst wurde, die sich von der heutigen grundlegend unterscheidet. Um die Aussageabsicht des Psalms in seinem historischen Umfeld erschließen zu können, wird der Psalmtext im weiteren Verlauf mithilfe eines exegetischen Instrumentariums genauer analysiert und untersucht. Dafür wurden als Methoden die Gattungsbestimmung, die Strukturanalyse und die Begriffsbestimmung ausgewählt.

3.1 Gattungsbestimmung

Der Psalter ist eine Zusammenstellung vieler verschiedener Psalmen mit unterschiedlichen Abfassungsorten, -zeiten und Inhalten. Trotzdem wurde mehrfach versucht die Psalmen zu gliedern und zu gruppieren: Eine dominierende Rolle spielt in der Psalmexegese dabei Hermann Gunkels Gattungsforschung, der die Psalmen auf der einen Seite unterscheidet zwischen Psalmen des Einzelnen und der Gemeinschaft, sowie auf der anderen Seite zwischen Klage- und Lobpsalmen.10 Dadurch ergeben sich die vier Gattungen Hymnus, Danklied des Einzelnen, Klagelied des Einzelnen und Klagelied des Volkes.11 Diese Gattungen werden besonders von der Übereinstimmung bestimmter Merkmale gekennzeichnet, wie der Formensprache, dem Sitz im Leben, dem Inhalt oder dem Aufbau.12 Eine solche Aufteilung in Grundgattungen ermöglicht zwar auf der einen Seite eine grobe Strukturierung, sie stößt jedoch auch an ihre Grenzen: „Die überwiegende Mehrheit der biblischen Psalmen läßt (sic!) sich streng genommen keiner üblichen Gattung zuordnen, außer man definiert sie so allgemein, daß (sic!) sie nur noch die Geschehens- und Sprachmuster der Grundsituationen Klage und Bitte, Lob und Dank wiedergeben“13.

Auch der Psalm 23 kann nicht eindeutig einer der vorgeschlagenen Gattungen zugeordnet werden. Bereits beim oberflächlichen Betrachten wird jedoch deutlich, dass der Psalm das persönliche Gebet eines Menschen wiedergibt, der sich im Hintergrund einer konkreten Gefahr der begleitenden und bewahrenden Hirtenschaft Gottes anvertraut und der in Situationen der Verfolgung und Bedrängnis Gastfreundschaft im Überfluss erfährt. Dadurch kann unverkennbar festgehalten werden, dass es sich um einen Psalm des Einzelnen und nicht des Volkes handelt. Witte ordnet den Psalm darüber hinaus dem individuellen Klage- und Bittpsalm zu (Klagelied des Einzelnen).14 Die Klagelieder des Einzelnen folgen in der Regel einem dreischrittigen Aufbau: Nach einer Anrufung Gottes folgt zunächst eine Klage, die meistens mit einer Frage wie Warum? oder Wie lange? eingeleitet wird. Daran schließt sich eine Bitte um das Eingreifen Gottes an. Aufbauend auf diesen Grundelementen kann das Klagelied des Einzelnen Vertrauensbekenntnisse und ein abschließendes Lobgelübde an Gott enthalten.15 Der Psalm 23 stellt eine Sonderform des individuellen Klage- und Bittpsalms dar, da sich in ihm das Vertrauensbekenntnis „zu einem selbstständigen Vertrauenslied [entfaltet]“16 und die zentralen Elemente wie Klage und Bitte nicht aufgegriffen werden. Auch Schmitt erweitert Gunkels Gattungsbestimmungen um Gruppierungen, die nach inhaltlichen Kriterien zusammengefasst werden, wie die Weisheits-, Königs- und Jahwe-Königs-Psalmen und auch die Vertrauenspsalmen, welchen er den Psalm 23 zuordnet.17 Seinen Ausführungen zufolge handelt es sich bei Vertrauenspsalmen um „Gebete, bei denen das Element des Vertrauensbekenntnisses der Klagelieder des Einzelnen und des Volkes verselbstständigt worden ist“18, wodurch der Psalm 23 für ihn der Gattung Vertrauenspsalm des Einzelnen zugeordnet ist.19

Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass, obwohl nicht alle Psalmen eindeutig einer Gattung zugehörig sind, der Psalm 23 am ehesten der Gruppierung Klagelied des Einzelnen zugeordnet werden kann. Im gesamten Psalm steht jedoch nur das Element des Vertrauensbekenntnisses im Vordergrund, weshalb der Psalm auch als eigenständiger Vertrauenspsalm verstanden werden kann.

3.2 Strukturanalyse

Die Struktur der Psalmen kann nur hinreichend analysiert und verstanden werden, wenn berücksichtigt wird, dass die Psalmen als poetische Texte bestimmte formale Kennzeichen aufweisen, an denen sich ihre Verfasser orientierten20: Die Psalmen setzen sich grundlegend aus einzelnen Verszeilen zusammen. So wird eine einzelne Verszeile im Hebräischen als Stichos (Mehrzahl: Stichen) , ein Vers, der sich aus zwei Verszeilen zusammensetzt als Distichon und ein aus drei Verszeilen zusammengesetzter Vers als Tristichon bezeichnet.21 Diese einzelnen Glieder werden in den Psalmen – und auch in den anderen poetischen Texten des Alten Testamens – nach einem bestimmten Schema miteinander verbunden.22 Die Grundform der hebräischen Poesie bildet der sogenannte Parallelismus membrorum, was bedeutet, dass die einzelnen Stichen eines Verses so parallel zusammengeordnet werden, dass „sich die wesentlichen Elemente der Glieder eines Verses formal und inhaltlich entsprechen“23. Insgesamt werden die fünf verschiedenen Formen des Parallelismus membrorum darin unterschieden, in welcher Weise die parallelen Stichen in Bezug zueinander stehen: Je nachdem, ob die sinngemäß zusammengehörigen Stichen die gleiche Aussage wiedergeben oder einen Gegensatz bilden, wird vom synonymen Parallelismus oder vom antithetischen Parallelismus gesprochen.24 Wenn der erste Stichos vom zweiten Stichos ergänzend fortgeführt wird, ohne ihn lediglich mit anderen Worten wiederzugeben, ergibt sich der synthetische Parallelismus. Beim parabolischen Parallelismus verteilen sich „wie bei einem Vergleich [beide Versteile] auf eine Bild- und eine Sachhälfte“25 während durch den klimaktischen Parallelismus ein zentraler Gedanke stufenartig fortgeführt wird.26 Letzteres ist besonders bei Versen zu finden, die sich aus drei Stichen zusammensetzen. Unter Berücksichtigung dieser poetischen Formen wird der Psalm 23 im weiteren Verlauf strukturierend analysiert und gegliedert.

Zu Beginn des Psalms 23 wird durch eine beschreibende Überschrift („Ein Psalm Davids“, V.1) der König David als Verfasser des poetischen Textes genannt. Bereits im ersten Vers wird mit den bekannten Worten: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (V.1) die Hirtenmetapher als ein zentrales Thema des Psalms vorgestellt und in die entsprechende Situation eingeleitet. Der Vers bildet dabei einen synthetischen Parallelismus: Der zweite Versteil führt das Eingangsbekenntnis, welches „als Nominalsatz gestaltet“27 ist, ergänzend fort und konkretisiert die Aussage, indem es das Bild vom Hirten durch die erfahrende Zuverlässigkeit und Behütung positiv bewertet.

Dieser Eindruck wird auch durch den zweiten Vers aufrechterhalten und weitergeführt. Das beginnende Wort Er verdeutlicht, dass nach wie vor der HERR im Mittelpunkt der Ausführungen steht. Der Zweck dieser Ergänzungen ist es, die guten Taten, die der Hirte dem Psalmbeter erweist, näher zu beschreiben. Dies wird durch die Form des synonymen Parallelismus und dem verknüpfenden Wort und unterstützt: Mit beiden Stichen wird auf eine unterschiedliche Form der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern hingewiesen, für die exemplarisch die grüne Aue (vgl. V.2a) und das frische Wasser (vgl. V.2b) genannt werden.

Auch der dritte Vers führt die Beschreibung der Hirtentaten weiter und ergänzt sie um das Beleben und Aufrichten der Seele (Vgl. V.3a) und das Leiten auf sicheren Wegen (Vgl. V.3b). Auf die vier charakterisierenden Tätigkeiten des Hirten folgt in diesem Vers darüber hinaus zum ersten Mal – eingeleitet durch das Wort um – eine Begründung für das gute Handeln des Hirten: „um seines Namens willen“ (V.3b) erfährt der Psalmbeter vom HERRN Gnade und Beistand.

Mit dem vierten Vers ergeben sich im Psalm 23 strukturelle Änderungen: Auf der einen Seite setzt sich der Vers, anders als die vorangegangenen drei Verse, nicht aus einem, sondern aus zwei Distichen zusammen. Auf der anderen Seite verändert sich die Sprechrichtung des Psalmbeters: Während er vorher von dem Hirten in der dritten Person berichtete, wendet er sich nun direkt an den HERRN und spricht ihn mit du an (Vgl. V.4c-d). Verstärkt wird die Veränderung, indem nicht mit dem einleitenden „Der HERR“ (V.1) bzw. „Er“ (V.2-3), sondern mit dem Wort Und begonnen wird, durch welches zwar an die vorangegangenen Tatsachen angeknüpft, aber auch in eine neue Situation eingeleitet wird: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal“ (V.4a). Der Fokus wird dadurch von den sicheren Wiesen und Wegen auf eine gefahrvolle und bedrohliche Umgebung gelenkt. Dieser erste Stichos wird jedoch in Form eines synthetischen Parallelismus weitergeführt, sodass erst „durch diese die Aussage selbst abgeschlossen wird“28: Das lyrische Ich hat trotz des dunklen Tales, in dem es sich befindet, keine Angst. Die Begründung für diese Sorglosigkeit wird mit dem nächsten Distichon durch das Wort denn eingeleitet: „[D]enn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ (V.4c-d). Der Psalmbeter sieht sich den Gefahren somit nicht allein gegenüber, sondern weiß um den begleitenden Schutz des Hirten.

Der fünfte Vers stellt ein weiteres Motiv in den Mittelpunkt des 23. Psalms: Der HERR wird von diesem Zeitpunkt an nicht mehr mit einem Hirten, sondern mit einem Gastgeber verglichen. Um dies zu unterstreichen und um deutlich zu machen, dass der HERR fortdauernd im Mittelpunkt des poetischen Textes steht, beginnen die beiden Distichen des fünften Verses beide mit der Anrede Du (Vgl. V.5a.c). Dabei wird genau beschrieben, wodurch sich die guten Taten des Gastgebers äußern. Durch einen synthetischen Parallelismus im ersten Distichon (Vgl. V.5a-b) wird beschrieben, wie der HERR das lyrische Ich nicht einfach nur versorgt, sondern dies vielmehr auch in Anwesenheit der Feinde verrichtet; diese Taten werden darauf aufbauend durch den synonymen Parallelismus im zweiten Distichon (Vgl. V.5c-d) um die Salbung mit Öl und das übervolle Einschenken ergänzt.

Im letzten Vers des Psalms findet ein erneuter Sprechwechsel statt. Gott wird nun nicht mehr persönlich angesprochen sondern es wird wieder von dem H ERRN in der dritten Person gesprochen (Vgl. V.6b). Der Psalmbeter macht in diesem Vers darauf aufmerksam, dass er sich der dauerhaften Güte und Barmherzigkeit Gottes bewusst ist. Beginnend mit dem Wort und wird diese Konklusion durch einen synthetischen Parallelismus noch vervollständigt, indem abschließend deutlich wird, dass die Folge dieser Erfahrungen der Wunsch nach einem lebenslangen Bleiben „im Hause des HERRN“ (V.6b) ist. Durch das Benennen des Gottesnamens, welches sowohl am Anfang als auch am Ende des Psalms 23 erfolgt, wird der gesamte Psalm eingerahmt.

Ausgehend von Erich Zengers Ausführungen zum Psalm 23 überlagen sich neben seinen innerverslichen Schemen und Parallelismen auch im Gesamten mehrere Strukturen29. Als erstes Beispiel kann der Psalm exemplarisch durch seine verschiedenen Sprechrichtungen in vier Abschnitte gegliedert werden, „die spiegelbildlich (chiastisch) aufeinander bezogen sind: Bekenntnis/Zeugnis über JHWH (er-ich), Vertrauensgebet zu JHWH (ich-du), Vertrauensgebet zu JHWH (du-ich), Bekenntnis/Zeugnis über JHWH (ich-er)“30. Am Anfang und am Ende des Psalms steht darüber hinaus besonders die Thematik des Ruhens und Lagerns bzw. des dauerhaften Bleibens und Wohnens im Vordergrund (Vgl. V.1-3.6), während im dritten und vierten Abschnitt das Motiv von einer möglichen Gefährdung des Psalmbeters zentral ist (Vgl. V.4-5).31 Diese motivlichen Thematiken unterstützen die dargestellte Psalmstruktur und legen zusätzlich einen besonderen Akzent auf die Mitte des Psalms.32

Eine weitere Möglichkeit, den Psalm 23 im Ganzen zu strukturieren besteht in der Unterteilung nach den beiden Motiven Hirte und Gastgeber. Durch die inhaltliche Thematik lassen sich diese beiden Bildhälften wieder in jeweils zwei Abschnitte unterteilen, wodurch sich insgesamt eine Parallelstruktur ergibt33: Im ersten (V.1-3) und dritten (V.5) Abschnitt wird durch das Weiden auf einer grünen Aue (Vgl. V.2a) und das Führen zu frischem Wasser (Vgl. V.2b), bzw. das Bereiten eines Tisches (Vgl. V.5a) und das volle Einschenken (Vgl. V.5d) die gemeinsame Thematik des verlässlichen Versorgens mit Essen und Trinken evoziert. Im zweiten (V.4) und vierten (V.6) Abschnitt steht dahingegen die Thematik des Schutzes und Bewahrens im Vordergrund: „Den beiden ‚Schutzwerkzeugen‘ Stock und Stab im zweiten Abschnitt entsprechen die beiden ‚Schutzboten‘ Güte und Huld im vierten Abschnitt“34.

Als Drittes kann festgestellt werden, dass der ganze Psalm 23 eine progressive Dynamik innehat: Besonders durch Wörter wie führen, wandern, Straße, etc. wird die Vorstellung vom konstanten Unterwegssein hervorgerufen.35 Dabei werden sowohl die friedlichen und gefahrlosen Wege (Vgl. V.1-3) als auch die bedrohlichen Situationen (Vgl. V.4) beschrieben. Die fortschreitende Bewegung findet im Psalm 23 ihr Ende in einem sicheren Haus an einem reich gedeckten Tisch (Vgl. V.5) und schließt mit dem dauerhaften Bleiben im „Hause des HERRN“ (V.6).

3.3 Begriffsbestimmung

Durch die ausformulierte Gliederung und die genaue Analyse der Strukturen im Psalm 23 wird deutlich, dass der gesamte Psalm von zwei verschiedenen Motiven geprägt wird: Dem Motiv des Hirten und dem Motiv des Gastgebers. Während den damaligen Lesern des Psalms die Eigenschaften, Aufgabenfelder und Herausforderungen, die mit dem Beruf des Hirten bzw. mit den Aufgaben eines Gastgebers einhergingen, bekannt waren, kommt ihnen im heutigen Sprachgebrauch teilweise eine andere Bedeutung zu. Um die Aussagen des Psalmbeters hinreichend verstehen und interpretieren zu können, werden aus diesem Grund im weiteren Verlauf das Hirten- und Gastgebermotiv im Kontext des Alten und Neuen Testaments analysiert und die Bedeutung der dazu gehörenden Utensilien, wie der Stecken und Stab oder das Salböl, näher auf ihre Anwendung untersucht.

3.3.1 Der Hirte

Vor der Landübernahme des Landes Kanaan lebten die meisten Israeliten als halbnomadische Kleinviehzüchter, die gemeinsam mit ihren Familien und ihren Schaf- oder Rinderherden ständig umherzogen36 und sich dabei stets den klimatischen Bedingungen anpassten: Im Sommer hielten sie sich überwiegend im Kulturland auf und betrieben Handel mit den Bewohnern des Landes; im Winter zogen sie, um ihre Herden versorgen zu können, in die grüneren Steppen- und Wüstenregionen, wo sie in bescheidenem Maße Ackerbau betrieben.37 Auch nachdem sich das Volk Israel in Kanaan niederließ, stellte neben dem Ackerbau in den fruchtbaren Gebieten besonders die Kleinviehzucht in den Steppen- und Wüstenregionen und den bewaldeten Gebieten eine zentrale Tätigkeit dar, um das Überleben sichern zu können.38 Aus diesem Grund war der Beruf des Hirten (hebr. roc œh; griech. poim ēn)39 zur Zeit des Alten Testaments weit verbreitet: Die Schafe und Ziegen dienten den Menschen sowohl durch die Milch, die sie gaben, als auch (zu besonderen Anlässen) durch ihr Fleisch als notwendige Nahrung – darüber hinaus konnten aus ihrer Wolle Zelte und aus ihrem Fell Schläuche für die Wasser- und Weinaufbewahrung hergestellt werden.40 Aus diesem Grund besaßen im Vorderen Orient selbst arme Menschen mindestens ein Schaf, welches Zuhause gehalten und von den Familienangehörigen gehütet wurde.41 Bei größeren Herden wurden meist Hirten angestellt, welche die Herden im Sommer auf den abgeernteten Feldern des Kulturlandes weideten. Im Winter zogen sie sich dann mit den Tieren in die Randgebiete zurück, wo nach den Regenfällen ausreichend Nahrung für das Kleinvieh gefunden werden konnte.42

Der Hirtenberuf ging mit einer großen Sorgfaltspflicht einher: „Von den Hirten wie auch von den mithütenden Knechten wurde Umsicht, geduldige Fürsorge und Redlichkeit erwartet“43. Darüber hinaus trugen sie die alleinige Verantwortung für die Tierherden, die sie hüteten. Wenn einem Hirten ein Schaf oder eine Ziege durch ein wildes Tier verloren ging, musste er nachweisen können, dass er sein Leben eingesetzt hatte, um das ihm anvertraute Tier zu retten und dass er es nicht an einen vorüberziehenden Stamm verkauft hatte.44 Konnte er dem Besitzer als Beweis kein gerettetes Körperteil des Tieres vorweisen, musste er für das Tier Ersatz leisten.45 Zum Schutz vor möglichen Räubern oder wilden Tieren blieb der Hirte deshalb auch nachts in unmittelbarer Nähe der Tiere46 und zählte die Schafe und Ziegen jeden Morgen und jeden Abend, um den Bestand der Tierherde gewährleisten zu können.47

Neben dem Schutz stellten auch die Versorgung und Pflege der Herde einen wichtigen Aufgabenbereich im Beruf des Hirten dar.48 Dafür mussten die Hirten ihre Schafe und Ziegen auf sicheren Wegen zu Nahrungsplätzen und Bächen oder Brunnen führen,49 was eine ständige Herausforderung darstellte: Obwohl der Boden im Sommer durch den ausbleibenden Regen karg und trocken wurde, mussten die Hirten rechtzeitig neue Weideplätze finden. Zusätzlich mussten sie aber auch dauerhaft gewährleisten, dass die Tiere ausreichend Wasser bekamen und genügend Ruhezeiten zur Erholung von den langen Wanderungen hatten.50 Damit der Hirte seine Herde sicher leiten und führen konnte, war es notwendig, dass die Tiere ihren Hirten kannten und ihm vertrauten.51 Gleichermaßen musste aber auch der Hirte jedes seiner Tiere genau kennen, um die Bedürfnisse der Herde erfüllen zu können: „Zu seiner Kunst des Leitens gehört es, die Laute der Tiere richtig zu deuten und angemessen auf sie einzugehen, aber auch eine Beobachtungs- und Einfühlungsgabe, die Fähigkeit, mit seinen Tieren zu ‚kommunizieren‘“52.

[...]


1 Zenger, Das Buch der Psalmen, 350.

2 Genaueres zur Bezeichnung Psalmen findet sich bei Hartenstein: „Die heute üblichen Bez. ‚Psalmen‘ bzw. ‚Psalmenbuch‘ gehen auf die LXX zurück (ψαλμοί/psalmoí, ‚Lieder zur Saitenspielbegleitung‘, fürמזמוֹך/mizmôr [57mal als Psalmenüberschrift] bzw. ψαλτήριον/psaltērion, ‚Saiteninstrument‘, fürגבל/nebæl, ‚Standleier‘, meist ‚Harfe‘“ (Hartenstein, Psalmen/Psalter, 1761-1762).

3 „In der hebräischen Tradition wird das Buch םתְּהִלִּי סֵפֶר, sefœr tehillîm genannt, abgeleitet vonחלִּהִתְּ tehillâ, Preislied“ (Rösel, Bibelkunde des Alten Testaments, 53).

4 Zenger, Das Buch der Psalmen, 349.

5 Vgl. Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 414.

6 In diesem Kontext wird auch oft von einer „‚Davidisierung‘ der Psalmen“ gesprochen (Zenger, Das Buch der Psalmen, 350).

7 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 408.

8 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 408.

9 Witte, Schriften (Ketubim), 417.

10 Vgl. Neumann, Psalmen, 1091.

11 Vgl. Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 417-423.

12 Vgl. Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 417.

13 Hossfeld/Zenger, Einleitung, 18.

14 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 412-413.

15 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 413.

16 Witte, Schriften (Ketubim), 413.

17 Vgl. Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 423-425.

18 Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 423.

19 Vgl. Schmitt, Arbeitsbuch zum Alten Testament, 423.

20 Vgl. Zenger, Das Buch der Psalmen, 360.

21 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 410-411.

22 Vgl. Zenger, Das Buch der Psalmen, 360.

23 Witte, Schriften (Ketubim), 411. Ergänzend dazu kann nach Zenger festgehalten werden: „Die durch Parallelismen zusammengeordneten zwei oder drei Verszeilen wollen als eine Sinneinheit verstanden werden. Jede Zeile nähert sich gewissermaßen der gemeinten Sache in einer anderen Perspektive an“ (Zenger, Das Buch der Psalmen, 360).

24 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 411.

25 Witte, Schriften (Ketubim), 411.

26 Vgl. Witte, Schriften (Ketubim), 411.

27 Zenger, Psalm 23, 152.

28 Zenger, Das Buch der Psalmen, 360.

29 Vgl. Zenger, Psalm 23, 152.

30 Zenger, Psalm 23, 152.

31 Vgl. Zenger, Psalm 23, 152.

32 Vgl. Zenger, Psalm 23, 152.

33 Vgl. Zenger, Psalm 23, 152.

34 Zenger, Psalm 23, 152.

35 Vgl. Zenger, Psalm 23, 152.

36 Vgl. Beyreuther, Hirt. ποιμήν, 976.

37 Vgl. Bültmann, Nomaden, 974.

38 Grimm formuliert diese Tatsache kompromisslos: „In Palästina gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Lebenssicherung: Man betätigte sich als Ackerbauer […] und/oder als (Kleinvieh-)H. [sc. Hirte]“ (Grimm, Hirte, 575).

39 Vgl. Grimm, Hirte, 575.

40 Vgl. Zwickel, Die Welt des Alten und Neuen Testaments, 52.

41 Vgl. Zwickel, Die Welt des Alten und Neuen Testaments, 52-53.

42 Vgl. Zwickel, Die Welt des Alten und Neuen Testaments, 52-53.

43 Beyreuther, Hirt. ποιμήν, 976.

44 Vgl. Heaton, Biblischer Alltag, 32-33.

45 Vgl. Zwickel, Die Welt des Alten und Neuen Testaments, 53; Beispiele in der Bibel finden sich darüber hinaus in Gen 31,39, Ex 22,12 und Am 3,12.

46 Vgl. Beyreuther, Hirt. ποιμήν, 976.

47 Vgl. Heaton, Biblischer Alltag, 33.

48 Vgl. Grimm, Hirte, 575.

49 Vgl. Grimm, Hirte, 575.

50 Vgl. Beyreuther, Hirt. ποιμήν, 976.

51 Die enge Verbindung zwischen der Herde und dem Hirten beschreibt Heaton sehr eindrücklich: „ Manchmal gelang es uns, mittags an einer Quelle zu lagern (schreibt George Adam Smith in seinem großartigen Buch) zu der dann drei oder vier Hirten mit ihren Herden kamen. Die Herden waren dabei durcheinander geraten […]. Aber... die Hirten gingen in verschiedene Teile des Tales, und jeder stieß einen besonderen Ruf aus. Daraufhin kam jedes Schaf zu seinem Hirten, und schließlich zogen die Herden wieder so geordnet von dannen, wie sie gekommen waren “ (Heaton, Biblischer Alltag, 33).

52 Grimm, Hirte, 575.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Eine Exegese zum Psalm 23. Analyse der Motive des Hirten und des Gastgebers
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V512906
ISBN (eBook)
9783346099846
ISBN (Buch)
9783346099853
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, exegese, psalm, analyse, motive, hirten, gastgebers
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Eine Exegese zum Psalm 23. Analyse der Motive des Hirten und des Gastgebers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512906

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