Zeichen und ihre Beziehung zu ihren Inhalten werden kulturell durch Enkulturation, Sozialisation, Erziehung und Bildung vermittelt. Gemeinsame Sprache bedeutet intersubjektive Verständlichkeit der Zeichenbeziehungen, d.h. ihrer Bedeutungen. Wie steht es jedoch um das Verhältnis von natürlicher Sprache zu Literatur? Was ist der Unterschied zwischen alltäglicher Sprache und Literatur? Ab wann fällt ein Zeichen nicht mehr nur in den Fachbereich der Semiotik, sondern in den der Literatursemiotik? Kurz: Was ist Literatur? Neben dieses grundsätzliche Problem tritt ein zweites grundsätzliches: Literatur besteht ohne Zweifel aus Sprache und Sprache besteht aus Zeichen. Ab wann ist nun ein Zeichen ein literarisches Zeichen bzw. was fungiert in und an literarischen Werken als Zeichen? „Da alles, was ‚bedeutet’, Zeichen sein kann, und da alle Einheiten der Sprache und die Regeln und Konventionen ihrer Verbindung Bedeutung haben, scheint der Umfang des Zeicheninventars, mit dem die Literatur operiert, unbeschreibbar zu sein". Diesem augenscheinlichen Dilemma des unermesslichen Bedeutungsreichtums literarischer Werke zum Trotz, befindet sich die Literaturwissenschaft und im speziellen die Literatursemiotik aber offensichtlich nicht in einer Aporie. Ziel der vorliegenden Arbeit soll es darum einerseits sein mögliche Antworten für die erläuterte Problematik zu geben, d.h. Literatur im Bereich der Semiotik zu definieren und das literarische Zeichen von der übrigen Zeichenfülle zu scheiden. Dies möchte der theoretische Teil der Arbeit neben einem knappen allgemeinen Überblick zur Semiotik leisten. Andererseits referiert diese Arbeit über eine von der Forschung bereitgestellte Möglichkeit Semiotik und Literatursemiotik als Methode vermitteln, mit welcher Sprache und damit vorrangig literarische Werke als Zusammensetzung von Zeichen intersubjektiv erkannt und verstanden werden können. Vor allem im Bezug auf den Deutsch- bzw. im speziellen den Literaturunterricht soll anhand eines konkreten Beispiels eine mögliche Methodik zum Zugang zum bzw. Verständnis für das literarische Zeichen in der Unterrichtspraxis vorgestellt werden, welche bereits im universitären Seminar an Studenten erprobt wurde. Diese beiden Punkte möchte der praktische Teil dieser Abhandlung bearbeitet wissen. Die wesentlichen Ziele sind also noch einmal kurz zusammengefasst: Begriffsdifferenzierung, praxisorientierte Methodik und Exempel.
Gliederung
1. Einleitung
1.1. Vorwort
1.2. Die Problematik der Literatursemiotik
1.3. Ziel und Vorgehensweise der Arbeit
2. Theoretischer Teil: Semiotik und Literatursemiotik
2.1. Definition von Zeichen
2.2. Literatursemiotik und das literarische Zeichen
3. Praktischer Teil: Literatursemiotik im Deutschunterricht
3.1. Eine wissenschaftliche Methodik des Zeichenerkennens nach Dieter Janik
3.2. Kritik zu Janiks Methodik und eigene Vorschläge zum Literaturunterricht
3.3. Ein literatursemiotischer Unterrichtsversuch
3.3.1. Didaktische und methodische Vorüberlegungen
3.3.2. Der Unterrichtsinhalt: literarische Zeichen in Theodor Fontanes „Effi Briest“
3.3.3. konkrete Ausführung
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, das Phänomen des literarischen Zeichens theoretisch zu fundieren und methodische Ansätze für dessen Vermittlung im Deutschunterricht zu entwickeln. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie literarische Werke durch die Analyse ihrer semiotischen Strukturen intersubjektiv erschlossen werden können, wobei der Fokus auf einer praxisorientierten Methodik liegt.
- Theoretische Grundlagen der allgemeinen Semiotik und Literatursemiotik
- Definition und Abgrenzung des literarischen Zeichens
- Methodik des Zeichenerkennens nach Dieter Janik und kritische Reflexion
- Entwicklung eines lerntheoretisch begründeten Unterrichtsmodells (Lerntheke)
- Praktische Anwendung anhand des Beispiels "Effi Briest" von Theodor Fontane
Auszug aus dem Buch
Die besondere Objektbeziehung der Zeichen innerhalb literarischer Werke
Die besondere Objektbeziehung der Zeichen innerhalb literarischer Werke liegen drei unterschiedliche zum Teil divergierende Annahmen zugrunde: Ikonizität, Literaturautonomie und Fiktionalität.
Horaz sagte „Ut pictura poesis“ und Sokrates beschrieb Literatur durch das Bild des Spiegels der die Welt in sich widerspiegelt. Diese antike Haltung trägt den Fachterminus Mimesis und beschreibt die nachahmende, abbildende Funktion der Literatur, welche heute mit Ikonizität benannt wird. Die Ikonizität von Literatur meint nach Peirce die Reichhaltigkeit von Zeichen, die dem ähnlich sind was sie bezeichnen: „Zumeist ist mit der Ikonizitätsthese gemeint, daß der sprachliche Ausdruck (die Wortformen, die syntaktische Reihenfolge, die metrische Struktur) besonders gut mit dem Inhalt korrespondiert“. Der Begriff Ikonizität beinhaltet das, was heute mit rhetorischen Stilmitteln oder Stilistik bezeichnet wird, und ist aber allein kein trennscharfes Unterscheidungskriterium zwischen Text und Literatur, denn er bleibt in seiner Verwendung nicht auf Literatur beschränkt, sondern findet sich auch im sonstigen Sprachgebrauch.
Die These der Autonomie, Selbstreferentialität oder „Autoreflexivität“ von Literatur steht im Gegensatz zur Ikonitätsthese, denn sie geht davon aus, dass literarische Werke auf nichts anderes als auf sich selbst verweisen. Literatur sei reiner Selbstzweck, klassisch formuliert l’art-pour-l’art, im Grunde sozusagen eine tautologische Aktivität. Diese Annahme allein ist jedoch weder ein umfassendes Merkmal zur Literaturdefinition, noch berücksichtigt sie den Realitätsbezug der Literatur.
Die literarische Fiktionalitätsthese gründet ebenfalls auf der Negierung des Realitätsbezuges literarischer Werke: demnach haben literarische Zeichen deshalb keinen Objektsbezug, weil die dargestellten Handlungen, Sachverhalte, Figuren und Gegenstände fiktiv sind und nicht real existieren. Die Fiktionalität der literarischen Zeichen erscheint in der Praxis als griffigstes Unterscheidungskriterium.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die semiotischen Grundlagen der Kommunikation ein und thematisiert die Problematik sowie die Zielsetzung der Arbeit bei der Bestimmung des literarischen Zeichens.
2. Theoretischer Teil: Semiotik und Literatursemiotik: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Zeichenbegriffe und erörtert die spezifischen Merkmale, die einen Text zur Literatur machen, wie etwa Ikonizität, Fiktionalität und Autonomie.
3. Praktischer Teil: Literatursemiotik im Deutschunterricht: Der praktische Teil stellt die Methodik von Dieter Janik vor, kritisiert diese hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit und präsentiert einen konkreten Unterrichtsversuch mittels einer Lerntheke am Beispiel von Fontanes „Effi Briest“.
4. Zusammenfassung: Das letzte Kapitel resümiert die theoretischen Erkenntnisse und unterstreicht die Notwendigkeit konstruktivistischer Methoden für den Literaturunterricht, um ein intersubjektives Verständnis literarischer Zeichen zu fördern.
Schlüsselwörter
Literatursemiotik, Zeichen, Semiotik, Ikonizität, Fiktionalität, Textualität, Dieter Janik, Deutschunterricht, Literaturdidaktik, Effi Briest, Konnotation, Intersubjektivität, Konstruktivismus, Lerntheke, Zeichenebenen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das literarische Zeichen aus der Perspektive der Semiotik und erforscht, wie diese theoretischen Konzepte in eine methodische Praxis für den Deutschunterricht übersetzt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die wissenschaftliche Zeichentheorie, die Definition von Literatur durch spezifische semiotische Merkmale sowie die Gestaltung von Literaturunterricht, der die individuelle Interpretation der Lernenden fördert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das literarische Zeichen von der allgemeinen Zeichenfülle abzugrenzen und eine Methode zu vermitteln, mit der literarische Werke intersubjektiv erkannt und verstanden werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als theoretische Basis die Literatursemiotik und bezieht sich dabei insbesondere auf die methodischen Ansätze von Dieter Janik, die um konstruktivistische Lernmethoden ergänzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Überblick über Zeichenkategorien und einen praktischen Teil, in dem ein Unterrichtsmodell zur Analyse literarischer Zeichen erprobt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Literatursemiotik, Zeichen, Intersubjektivität, Konnotation, literarische Fiktionalität und konstruktivistische Didaktik.
Wie unterscheidet sich Literatur von einem alltäglichen Text?
Die Arbeit differenziert Literatur durch Merkmale wie die besondere Objektbeziehung, die semantische Struktur und das Vorhandensein sekundärer Codes, die über den rein denotativen Gehalt eines Textes hinausgehen.
Was ist die Kernbotschaft des Unterrichtsversuchs?
Die Kernbotschaft ist, dass eine intersubjektive Deutung nicht autoritär vermittelt werden kann, sondern durch die gezielte Auseinandersetzung der Lernenden mit literarischen Zeichen im Rahmen offener Lernformen wie der Lerntheke erreicht werden muss.
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- Thomas Oliver Schindler (Author), 2005, Das literarische Zeichen und seine methodischen Bezüge zum Deutschunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51292