Spracherwerb. Existiert angeborenes Wissen über Sprache oder muss Sprache erlernt werden?


Hausarbeit, 2012

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Momentaner Forschungsstand

3 Eigenschaften des Erstspracherwerbs

4 Theorien des Erstspracherwerbs
4.1 Ansicht der Nativisten
4.2 Ansicht der Behavioristen

5 Mögliche Methoden für den Erstspracherwerb
5.1 Imitation
5.2 Expansion
5.3 Reinforcement
5.4 Trial-and -Error-Methode
5.5 Korrigierendes Feedback

6 Erörterung der Aussagen von Yannick

7 Fazit

8 Anhang
8.1 Bildung des Partizips II im Deutschen

9 Bibliografie

1 Einleitung

„Mama, das ist guter“* äußerte mein Neffe Yannick (5,4) seiner Mutter gegenüber, als Yannick mit seiner Mutter und mir ein Kartenspiel spielte und er seinen Spielzug verbesserte. Als Studentin der Sprachwissenschaft erweckte diese Aussage mein Interesse. Diese von ihm verwendete grammatikalisch inkorrekte Form „guter“* bringt mich zu der Frage, wieso er einen Komparativ erfindet und nicht die existierende korrekte Form „besser“ verwendet, die er durch seine Eltern und allen anderen Mitmenschen wahrnimmt. Ich habe in weiteren Gesprächen mit Yannick festgestellt, dass er den unregelmäßig gebildeten Komparativ “stärker“ bereits korrekt bildet und nicht wie ich erwartet habe „starker“* konjugiert. Interessanterweise formulierte seine Schwester Marlena (2,10) einige Tage später die Aussage „Ich kann das besser.“. Ich habe eigentlich bei Yannicks Schwester erwartet, dass sie den gleichen Fehler macht wie er, da sie gemeinsam aufwachsen und sie viel jünger ist. Dementsprechend stellt sich für mich die Frage, weshalb Yannick Fehler macht, die Marlena nicht macht, obwohl beide in etwa in demselben sprachlichen Umfeld aufwachsen. Aufgrund dieses falsch gebildeten Komparativs meines Neffen, habe ich seine Äußerungen genauer verfolgt um herauszufinden, ob er noch andere morphologische Eigenkreationen erstellt und habe diese notiert. Dabei habe ich bemerkt, dass er bei der Bildung des Partizips II ebenfalls Fehler macht. Er verwendet Äußerungen wie „Ich habe geesst.“* und „Ich habe geschlaft.“*. Gleichzeitig äußert er aber Sätze wie „Ich habe gegessen.“ und „Ich habe geschlafen.“. er verwendet dementsprechend unmittelbar nacheinander die grammatikalisch korrekte sowie inkorrekte Form im Partizip II. Dies bringt mich zu der Frage, wieso er grammatikalisch falsche Formen verwendet, obwohl er die korrekte Form bereits kennt und anwendet. Im Weiteren stelle ich mir die Frage, wie er auf diese ungrammatikalischen Formen kommt. Aufgrund dieser und weiterer Äußerungen, die ich bei meinem Neffen, meiner Nichte und anderen Kindern wahrnehme, frage ich mich, ob und wenn, inwieweit Eltern und Mitmenschen den Spracherwerb von Kindern unterstützen und positiv beeinflussen können. Diesen Fragen möchte ich mithilfe der in dem Seminar „Spracherwerb“ im Sommersemester 2012 behandelten Theorien des Spracherwerbs nachgehen. Dabei werde ich zuerst den Begriff Spracherwerb näher erläutern, um im Folgenden die Theorie des Nativismus und des Behaviorismus zu erklären. Anschließend gehe ich analytisch darauf ein, welche existierenden Methoden des Spracherwerbs für die jeweilige Theorie sprechen. Basierend auf diesem Wissen analysiere ich Yannicks Äußerungen und zeige auf, welche Methode des Spracherwerbs stattgefunden haben könnte.

2 Momentaner Forschungsstand

Die Forschung des Spracherwerbs ist im Bereich der Linguistik einzuordnen. Die Frage, wie Kinder Sprache erwerben, umfasst die Forschung des Erstspracherwerbs. Im Bereich des Erstspracherwerbs existieren mehrere Theorien, so beispielsweise die des Behaviorismus, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch John B. Watson (1976) Publik wurde. F. Skinner beschäftigte sich ebenfalls mit dem Erstspracherwerb und wurde Vertreter des Behaviorismus (Skinner 1957). Chomsky ist durch seine nativistische Theorie die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Erstspracherwerbsforschung vorherrschend ist, einer der bedeutendsten Linguisten. Chomsky’s Theorie grenzt sich, mit dem laut ihm angeborenen Wissen und einer existierenden Universalgrammatik, weit von anderen bestehenden Theorien ab (Chomsky 1972).

3 Eigenschaften des Erstspracherwerbs

Der Mensch zeichnet sich durch die Existenz von Sprachen und deren Beherrschung von allen anderen Lebewesen ab. Zu den Eigenschaften des Erstspracherwerbs zählt, dass jedes gesunde Kind eine natürliche Sprache erwirbt. Das Erwerben eines solch komplexen Sprachsystems geschieht mit einer extremen Leichtigkeit und enormen Geschwindigkeit. Auffallend ist, dass Kinder während dieses Prozesses nicht viele Fehler machen, im Verhältnis zu der Menge an möglichen Fehlerquellen. Im Weiteren ist es beim Erstspracherwerb nicht notwendig ein Sprachtraining zu durchlaufen. Alle Kinder, unabhängig von der gesellschaftlichen Umgebung, den kulturellen und sozialen Umständen oder unterschiedlichen Erfahrungen, erwerben die Erstsprache einheitlich. In Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Umgebung erwirbt das Kind die entsprechende Sprache, sei es Englisch, Chinesisch oder Vietnamesisch. Dem zu Folge ist es auch möglich, dass ein Kind mehrere Sprachen gleichzeitig erwirbt, wenn es diese in unmittelbarer Umgebung wahrnimmt (Crain 2003: 6-9).

4 Theorien des Erstspracherwerbs

Basierend auf denen im 3.Kapitel erläuterten Eigenschaften des Spracherwerbs existieren verschiedene Theorien zum Erstspracherwerb. Die zwei wichtigsten Theorien, der Nativismus und der Behaviorismus, werden im Folgenden erklärt.

4.1 Ansicht der Nativisten

Laut der Theorie der Nativisten, dessen Gründer Noam Chomsky ist, haben Menschen ein angeborenes, universales Wissen über Sprache. Jedes Kind besitzt demnach eine Universalgrammatik (UG), die in dem sogenannten „Language Acquisition Device“ (LAD) einem Spracherwerbsmechanismus enthalten ist. Mithilfe des LAD analysiert das Kind den linguistischen Input, den es durch die Umwelt aufnimmt. Im Weiteren beinhaltet der LAD zum Einen angeborene Grundprinzipien von Sprache und zum Anderen verschiedene Parameter. Diese Grundprinzipien sind so allgemein gefasst, dass sie auf jede Sprache anzuwenden sind. Ein Grundprinzip ist beispielsweise, dass Wörter zu syntaktischen Kategorien angehören. Mit Hilfe der bestehenden Grundprinzipien ist es die Aufgabe des Kindes, Parameter einzusetzen. Dabei existieren zwei alternative Möglichkeiten wie diese Parameter eingesetzt werden könnten. Eine Möglichkeit ist, dass zu Beginn des Spracherwerbs die existierenden Parameter einen Ausgangswert besitzen und das Kind diesen Parameter durch einen anderen Wert ersetzt, insofern es einen Gegenbeweis für den bestehenden Parameter findet. Die zweite Möglichkeit ist, dass die existierenden Parameter zu Beginn des Spracherwerbs keinen Ausgangswert aufweisen und das Kind alle Werte selber einsetzt (Meisel 1995: 10-35). Im Weiteren findet der Theorie der Nativisten zu Folge Spracherwerb aus einer inneren Motivation des Menschen heraus statt und nicht basierend auf äußeren Faktoren und somit auch nicht Verlangen der Umwelt (Ambridge 2011: 1f, 103-105; Crain 2003: 4-9, 52-56).

4.2 Ansicht der Behavioristen

Der Behaviorismus fand zu Beginn des 20.Jahrhunderts seinen Ursprung in der Verhaltenspsychologie, nach der ausschließlich beobachtbare Prozesse analysiert werden. Behavioristen verfolgen die Theorie, dass das Potential, Sprache zu erlernen zwar durchaus angeboren ist, dass Kategorien und Prinzipien einer Sprache und somit Wissen über eine Sprache jedoch nicht angeboren sind. Die Sprache selbst muss dementsprechend durch das Kind erlernt werden. Im Gegensatz zu den Nativisten sind Behavioristen dementsprechend der Meinung, dass der Mensch eine Art „Black Box“ besitzt, auf Stimulus durch die Umwelt reagiert und Sprache anhand dessen konstruiert wird, was das Kind wahrnimmt. Der Spracherwerb hängt somit komplett von der Umwelt und den Erfahrungen des Kindes ab. Dem Behaviorismus nach, findet der Spracherwerb im Gegensatz zum Nativismus, aufgrund äußerer Einflüsse statt, da nur anhand des Inputs Sprache erlernt wird. F. Skinner (1957) fügt dieser Theorie hinzu, dass der Prozess des Spracherwerbs durch die „Reinforcement“ – Methode (vgl. 5.3 Reinforcement) verstärkt wird, laut Skinner eine innere Motivation. Dementsprechend ist der Spracherwerb laut Skinner nicht ausschließlich von äußeren Faktoren, wie den Stimulus und den Input abhängig.

5 Mögliche Methoden für den Erstspracherwerb

Es gibt verschiedene Methoden, wie der Prozess des Spracherwerbs funktionieren könnte. Zu diesen zählen die Imitation, die Expansion und das sogenannte „Reinforcement“, die „Trial-and-Error-Methode“ und das korrigierende Feedback. Anhand dieser Methoden sieht man in den folgenden Unterkapiteln ob mehr Beweise für die Theorie der Behavioristen oder der Nativisten sprechen.

5.1 Imitation

Eine mögliche Methode für den Spracherwerb stellt die Imitation der Sprache dar. Behavioristen gehen davon aus, dass das Kind den Input der Eltern und anderer Mitmenschen wahrnimmt und anhand dessen den Output bildet und somit die Muttersprache erlernt. Spracherwerb findet dieser Methode zur Folge aus einer äußeren Motivation heraus statt. Es stellt sich jedoch die Frage, wie es möglich ist, dass Kinder, wie zum Beispiel mein Neffe Yannick, inkorrekte morphologische Formen bildet, wie „Ich habe geesst.*“ Würden Kinder Sprache nur durch Imitation erwerben, wäre es nicht möglich, dass Kinder inkorrekte Formen bilden, da sie diese nicht als Input durch die Umwelt wahrgenommen haben können. Die Tatsache, dass Kinder von sich aus solche inkorrekten Formen kreieren, beweist, dass das Konzept der Imitation nicht alleine bestehen kann, um eine Sprache zu erwerben (Crain 2003: 12f.; Guasti 2002: 11f.).

Im Weiteren widerlegt die Produktivität der Sprache das alleinige Existieren der Imitation. Würde Spracherwerb ausschließlich durch Imitation des Wahrgenommenen stattfinden, wäre es nicht möglich, dass Sprache produktiv verwendet wird und somit ständig neue Wörter entstehen. Ebenfalls lässt sich die Kreativität von Sprache nicht anhand dieser Methode erklären. Bei komplexen und umfangreichen Systemen wie bei Sprache gibt es viele mögliche Äußerungen, wodurch es unmöglich ist, dass ein Kind alle möglichen Äußerungen jemals durch die Umwelt wahrnehmen kann. Laut der Methode der Imitation dürfte das Kind jedoch nur in der Lage sein, alle jemals wahrgenommenen Äußerungen zu formulieren. Trotzdessen erlernt das Kind die eigene Muttersprache vollständig und ist in der Lage neue komplexe Sätze, die es vorher nie gehört hat, zu bilden. Die Annahme der Behavioristen, dass Sprache durch Imitation erworben wird, ist somit aufgrund mehrerer Tatsachen widerlegt.

[...]

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Details

Titel
Spracherwerb. Existiert angeborenes Wissen über Sprache oder muss Sprache erlernt werden?
Hochschule
Universität Konstanz  (Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Spracherwerb
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V512940
ISBN (eBook)
9783346100245
ISBN (Buch)
9783346100252
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Spracherwerb, Muttersprache, Sprache
Arbeit zitieren
Bianca Weber (Autor), 2012, Spracherwerb. Existiert angeborenes Wissen über Sprache oder muss Sprache erlernt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512940

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