Kontroversen der Sozialpsychologie. Gruppenbildung und Konflikte


Hausarbeit, 2016

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie der sozialen Identität

3 Eigengruppenprojektionsmodell

4 Bounded generalized reciprocity (BGR)

5 Kategorisierung und Interdependenzwahrnehmung

6 Theorie der induktiven Identitätsbildung

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Welt stand und wird auch in Zukunft vor vielen Problemen stehen, die durch die Bildung von Gruppen hervorgerufen werden. Beispielsweise hat Deutschland in der heutigen Zeit erneut mit der Feindlichkeit gegenüber Ausländern zu kämpfen. Gerade bei diesem Thema richtet sich das Augenmerk auf die Sozialpsychologie, von der man sich Lösungen bei Konflikten zwischen Gruppen erhofft.

Um diese Probleme zu lösen, muss man sich allerdings zuallererst seinem Ursprung widmen und herausfinden, was zur Bildung von Gruppen führt. Die Forschung hat hinsichtlich dieser Thematik schon verschiedene Erklärungsansätze hervorgebracht. In dieser Arbeit sollen fünf dieser Theorien vorgestellt werden und anhand einfacher Beispiele veranschaulicht werden:

- Theorie der sozialen Identität
- Eigengruppenprojektionsmodell
- Generalized Bounded Reciprocity
- Kategorisierung und Interdependenzwahrnehmung
- Induktive Identitätsbildung

Die Arbeit konzentriert sich auf die genannten Theorien, darüber hinaus existieren noch weitere Erklärungsansätze. Weiterhin wird keine Wertung der aktuellen Flüchtlings­problematik in Deutschland vorgenommen.

2 Theorie der sozialen Identität

Eine der berühmtesten Erklärungsansätze für die Bildung von Gruppen ist die Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1986). Diese Theorie wurde entwickelt, um die Ergebnisse des Minimalen Gruppenparadigmas (Tajfel, H., Billig, M.B., Bundy, R.P. & Flament, C., 1971) zu erklären. Letzteres besagt, dass die alleinige Einteilung in verschiedene Gruppen (Kategorisierung) schon dazu führt, dass Menschen sich mit der eigenen Gruppe identifizieren und diese favorisieren. Diese Favorisierung zeigte sich darin, dass Mitglieder einer Gruppe in einer Geldverteilungsaufgabe den Unterschied zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe maximierten, auch wenn dies bedeutete, dass der absolute Gewinn minimiert wurde. Beispielsweise wurde lieber die Möglichkeit „11 € für die eigene und 1 € für die Fremdgruppe“ gewählt als die Möglichkeit „20 € für die eigene und 18 € für die andere Gruppe“. Aus diesem Ergebnis resultierte die Frage, warum Menschen solch ein Intergruppenverhalten zeigen, obwohl die Gruppen nur aufgrund einer trivialen Einteilung gebildet wurden, wie die willkürliche Kategorisierung danach, ob die Probanden Bilder von Klee oder Kandinsky bevorzugten.

Die Theorie der sozialen Identität bietet eine Erklärung für diese Ergebnisse mithilfe der folgenden drei Konzepte: Die Kategorisierung bedeutet die Einteilung von Menschen in Gruppen in einem bestimmten sozialen Kontext aufgrund verschiedener Anhaltspunkte. Identifikation heißt, dass eine Person Mitglied in einer Gruppe ist und sich dieser zugehörig fühlt. Der soziale Vergleich beschreibt den Vorgang, bei dem Personen ihre Eigengruppe mit einer Fremdgruppe auf einer relevanten Dimension vergleichen und ein möglichst positives Ergebnis erzielen wollen (Kessler & Mummendey, 2007).

Im Rückblick auf das Minimale Gruppenparadigma bedeutet dies, dass die Personen in Gruppe eingeteilt wurden und sie sich mit dieser Gruppe identifiziert haben. Die Geldverteilung war die einzige Möglichkeit eine positive Distinktheit von der Fremdgruppe zu erreichen. Wenn also ein großer relativer Unterschied zugunsten der Eigengruppe erreicht wurde, kann damit der soziale Vergleich als erfolgreich eingestuft werden (Kessler & Mummendey, 2007).

Im Hinblick auf folgende Diskussionen soll hier noch einmal festgehalten werden, dass es laut der Theorie der sozialen Identität ausreicht, Menschen in Gruppen zu kategorisieren, damit diese ihre eigene Gruppe favorisieren.

3 Eigengruppenprojektionsmodell

Das Eigengruppenprojektionsmodell, welches 1999 von Mummendey und Wenzel eingeführt wurde, basiert auf der Theorie der sozialen Identität. Dieses Modell geht davon aus, dass Mitglieder einer Gruppe ihre Eigen- und die Fremdgruppe im Hinblick auf eine übergeordnete saliente Gruppe vergleichen. Dabei werden Attribute, die distinkt für die Eigengruppe sind, auf die übergeordnete gemeinsame Gruppe projiziert, weshalb die Eigengruppe beim sozialen Vergleich ein positiveres Ergebnis erzielt als die Fremdgruppe. Die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, wird daher als relativ prototypischer wahrgenommen als die Fremdgruppe. Auch bei letzterer findet dieser Prozess des sozialen Vergleichs hinsichtlich der Prototypikalität statt. Es besteht in diesem Fall eine Perspektivendivergenz zwischen den Gruppen, welche von ihnen als prototypischer angesehen wird.

Diesbezüglich ist zu beachten, dass eine Gruppe nicht unbedingt die relativ höhere Prototypikalität für sich beanspruchen muss. Waldzus, Mummendey, Wenzel, and Boettcher (2004) untersuchten dieses Phänomen beispielsweise bei Ost- und Westdeutschen. Hier bestand bei beiden Gruppen der allgemeine Konsens, dass die Westdeutschen relativ prototypischer für „die Deutschen“ waren. Allerdings divergierten die Perspektiven der Gruppen dahingehend, wie stark die relative Ausprägung der Prototypikalität der stärkeren Gruppe, in dem Fall der Westdeutschen, war.

Genau auf diese verschiedenen Arten der Perspektivendivergenz muss sich bezogen werden, wenn die Entstehung von Konflikten aus Sicht des Eigengruppenprojektions­modells betrachten werden soll. Mitglieder oder Untergruppen, welchen eine hohe Prototypikalität zugesprochen wird, werden als attraktiver wahrgenommen (Hogg & Hardie, 1991; zitiert nach Waldzus et al., 2004) und positiver bewertet. Dies führt dazu, dass diesen Personen mehr Berechtigungen erteilt und ihnen mehr Verdienste zugestanden werden (Wenzel, 2001; zitiert nach Waldzus et al., 2004). Auf der anderen Seite wird die Gruppe mit einer niedrigeren Prototypikalität als negativer bewertet, ihnen werden weniger Berechtigungen zugestanden und es wird angenommen, dass die Mitglieder dieser Gruppe weniger verdient haben. Diese Ungleichbehandlung mündet dann in Diskriminierung, wenn sich die Gruppen in ihren Perspektiven hinsichtlich der Prototypikalität ihrer zugehörigen Gruppe unterscheiden (Waldzus et al., 2004). Denn Diskriminierung bedeutet laut Mummendey & Wenzel (1999; zitiert nach Waldzus et al., 2004) nicht die ungleiche Behandlung per se, sondern sie entsteht dann, wenn es keinen Konsens über die angebrachte Behandlung der weniger prototypischen Gruppe gibt.

Damit die dadurch entstehenden Konflikte abgebaut werden können, ist es aus Sicht des Eigengruppenprojektionsmodells wichtig, die Perspektivendifferenz zu verringern. Zu diesem Schritt gehört auch, dass die Prototypikalität der Fremdgruppe anerkennt und somit echte Toleranz zwischen den Gruppen erreicht wird (Waldzus et al., 2004). Dieser Abbau von Grenzen kann beispielsweise durch Perspektivenübernahme geschehen (Galinsky & Moskowitz, 2000; zitiert nach Waldzus et al., 2004).

Zur Veranschaulichung dieses Modells soll ein einfaches Beispiel aus der Flüchtlingsproblematik dienen. Von Flüchtlingsgegnern werden die Deutschen als prototypischer für die Menschen angesehen, die hier in Deutschland leben, während die Flüchtlinge als Fremdgruppe angesehen werden. Die Flüchtlingsgegner meinen beispielsweise, dass Flüchtlinge mehr Geld bekommen als ihnen zusteht. Daran ist zu erkennen, dass der Fremdgruppe weniger Berechtigungen zugeteilt und weniger Verdienste gegönnt werden. Dies ist auch an Kritiken abzulesen, die besagen, dass Flüchtlinge genug Geld zur Verfügung haben, da sie teure Handys besitzen. Auf der anderen Seite ist das Handy für die Flüchtlinge oft das einzige Kommunikationsmittel zu ihrer Familie, die in den Heimatländern zurückgelassen wurde. Wenn Kritikern jener letzte Punkt verdeutlicht werden könnte, müsste es laut dem Eigengruppenprojektionsmodell möglich sein, die Übernahme dieser Perspektive zu erreichen und somit erste Grenzen abzubauen. Das Eigengruppenprojektionsmodell kann jedoch nicht alle Phänomene erklären, v. a. nicht jene, die die endogene Gruppenbildung betreffen. Beispielsweise bleiben Fragen nach der Entstehung neuer Gruppen ohne die Kategorisierung von außen offen. Ebenso ist es mit dieser Theorie schwierig zu erklären, wann sich eine Person kategorisiert.

4 Bounded generalized reciprocity (BGR)

Im Gegensatz zum Minimalen Gruppenparadigma kritisiert die Theorie der Bounded generalized reciprocity (im Folgenden mit BGR abgekürzt) von Yamagishi, Jin, and Kiyonari (1999) die Behauptung, dass die alleinige Kategorisierung ausreicht, damit die Eigengruppe favorisiert wird. Sie geht vielmehr von einer gruppengebundenen Interdependenzstruktur aus: Die Theorie der BGR widerspricht dem Minimalen Gruppenpradigma vor allem in dem Punkt der Unabhängigkeit des Geldverteilers. Laut dem Minimalen Gruppenparadigma ziehen die Personen, die das Geld verteilen, keinen Nutzen aus ihrer Handlung. Das ist laut der BGR allerdings nicht der Fall, denn es besteht vielmehr eine Reziprozitätsannahme, welche die Erwartung der wechselseitigen Favorisierung unter den Eigengruppenmitgliedern definiert. Sollte eine Person A demnach eine Person B der Eigengruppe bevorzugt behandeln, erwartet Person A diesen Gefallen auch von B. Dies ließ sich dadurch bestätigen, dass das Fehlen der Reziprozitäts­erwartung bei Probanden in einem Minimalen Gruppenparadigma dazu führte, dass Mitglieder der eigenen Gruppe nicht bevorzugt wurden (Yamagishi et al., 1999). Die Interdependenz besteht demnach darin, dass die Handlungen die Mitglieder gegenseitig beeinflussen. Genauer gesagt, ist hier die positive Interdependenz gemeint. Unter dieser versteht man die Situationen, die im Alltag unter „Win-Win-Situationen“ bekannt sind. Das heißt aus einer Begegnung ziehen die Akteure entweder beide einen Nutzen oder keiner von beiden.

Neben der Annahme der Reziprozität beinhaltet die BGR noch zwei weitere Annahmen. Zum einen „ bounded “: Damit ist gemeint, dass die Reziprozität nur innerhalb der eigenen Gruppe erwartet wird. Für die Fremdgruppe besteht keine solche Erwartung. Für die letzte Annahme steht „generalized“: Dies steht für den unspeziellen, allgemeinen Charakter der Theorie. Demnach erwarten Personen einer gemeinsamen Gruppe einen Gefallen nicht unbedingt von der gleichen Person, die sie bevorzugt haben, sondern generell von irgendjemandem aus der Eigengruppe. In einem Mietshaus beispielsweise repariert Herr Müller den Kühlschrank von Frau Schmidt, während diese bei nächster Gelegenheit auf das Kind des jungen Ehepaares nebenan aufpasst. Diese führen dafür den Hund von Herrn Müller aus.

Bevor die Entstehung von Konflikten mithilfe der Theorie der BGR erklären kann, muss eine wichtige Unterscheidung getroffen werden. Die bloße Kategorisierung führt dazu, dass der Eigengruppe positive Attribute zugesprochen werden. Dies führt allerdings nicht unweigerlich zur Bevorzugung der Eigengruppe, wie es die Theorie der sozialen Identität behauptet. Yamagishi et al. (1999) führen das verständliche Beispiel an, dass eine Person stolz auf ihr Land sein kann, wenn für es eine Goldmedaille bei Olympia gewonnen wurde, allerdings verhält sich diese Person deswegen nicht diskriminierend gegenüber Ausländern. Erst wenn die nötigen Ressourcen vorhanden sind und positive Inter­dependenz gegeben ist, kommt es zur Konfliktentstehung zwischen verschiedenen Gruppen. Dann wird die Eigengruppe gegenüber der Fremdgruppe bevorzugt behandelt, was wiederum zur Diskriminierung führen kann.

Zur Lösung von Konflikten muss laut der Theorie der BGR eine Veränderung der Inter­dependenz bzw. eine Veränderung der Wahrnehmung der Interdependenz erfolgen. Im Hinblick auf die Flüchtlingsproblematik müssten die Vorteile der Zuwanderung aufgezeigt werden. Beispielweise wird durch den Bau von neuen Unterkünften und den steigenden Bedarf an sozialen Dienstleistungen in die Wirtschaft investiert, die Infrastruktur belebt und Arbeitsplätze geschaffen.

Die Theorie der BGR kann jedoch ebenfalls nicht alle Phänomene erklären. Vor allem im Hinblick auf negative Interdependenz bleibt die Frage bestehen, warum in diesen Situationen oft kein Konflikt entsteht. Negative Interdependenz ist im Alltag unter „Win-Lose-Situationen“ bekannt. Das bedeutet, dass von zwei Akteuren einer Begegnung nur einer ein positives Ergebnis erzielt, während der andere keine bzw. negative Konse­quenzen erdulden muss, was beispielsweise bei Wettkämpfen der Fall ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Kontroversen der Sozialpsychologie. Gruppenbildung und Konflikte
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Kontroversen der Sozialpsychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V512960
ISBN (eBook)
9783346103901
ISBN (Buch)
9783346103918
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpsychologie, Gruppenbildung, Konflikte, Theorie der sozialen Identität, Eigengruppenprojektionsmodell, Generalized Bounded Reciprocity, Kategorisierung und Interdependenzwahrnehmung, Induktive Identitätsbildung, Minimales Gruppenparadigma, Eigengruppe, Fremdgruppe, Kategorisierung, positive Distinktheit, Prototypikalität, sozialer Vergleich, Toleranz, positive Interdependenz, Konfliktentstehung, Interdependenzwahrnehmung
Arbeit zitieren
Stefanie Linde (Autor), 2016, Kontroversen der Sozialpsychologie. Gruppenbildung und Konflikte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512960

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