Narratologische Beschreibung und Interpretation einer Passage aus Kleists „Die Marquise von O…“


Essay, 2019

4 Seiten, Note: unbenotet

Anonym


Leseprobe

Narratologische Beschreibung und Interpretation einer Passage aus Kleists „Die Marquise von O…“

Die Novelle „Die Marquise von O…“, geschrieben von Heinrich von Kleist und zum ersten Mal 1808 in der Literaturzeitschrift Phöbus erschienen, handelt von einer unwissentlich zustande gekommenen Schwangerschaft der Marquise während des zweiten italienischen Koalitionskrieges. In der „Die Marquise von O…“ spielt die Figurenrede in verschiedenster Form und die Erzählerrede eine wichtige Rolle. Kleist wählte die verschiedenen Typen der Figurenrede nicht willkürlich, sondern setzte sie situationsbedingt absichtlich ein. Genauer soll dies an der Situation untersucht werden, in der er es um eine mögliche Vermählung der Marquise von O… mit dem Grafen geht.

Um die Figurenrede analysieren zu können, werden im Folgenden kurz für die Analyse wichtige Begriffe nach Martínez und Scheffel erläutert. Martínez und Scheffel unterscheiden einige Typen der Erzählung von Worten1 ; damit ist gemeint, „was eine Figur im Rahmen der erzählten Geschichte spricht oder denkt“2. Martínez und Scheffel unterscheiden in der zitierten Figurenrede3 zwischen der autonomen direkten Figurenrede 4 ohne verba dicendi 5 und der direkten Figurenrede 6 . Des Weiteren sprechen Martínez und Scheffel von der Kategorie der erzählten Figurenrede7 , bei der „die Mittelbarkeit der Erzählung und damit eine mehr oder weniger große Distanz zum Erzählten in den Vordergrund [tritt].“8 Die dritte Möglichkeit der Figurenrede sehen Martínez und Scheffel in der transponierten Figurenrede 9, bei der wiederrum zwischen der indirekten Rede10 und der erlebten Rede11 unterschieden wird.

In der ausgewählten Passage sind die Wechsel zwischen der zitierten und der transponierten Figurenrede besonders auffällig; genauer betrachtet, erkennt man, dass ein Wechsel zwischen den in direkter Rede gehaltenen Dialogformen und den in indirekter Rede gehaltenen Gesprächsszenen erfolgt.

„»Das sei meine Sorge!« erwiderte die Mutter mit lebhafter Freude und sah sich nach dem Kommandanten um. »Lorenzo«, fragte sie, »was meinst du?« und machte Anstalten, sich vom Sitz zu erheben. […] »Ich muß mich diesem Russen schon zum zweitenmal ergeben!« - Hierauf sprang die Mutter auf, küßte ihn und die Tochter und fragte, indem der Vater über ihre Geschäftigkeit lächelte, wie man dem Grafen jetzt diese Erklärung augenblicklich hinterbringen solle. […] Er werde gleich die Ehre haben zu erscheinen, ließ der Graf antworten […].“ 12

Die direkte Rede wurde häufig in Familiendiskussionen verwendet oder, unterstützt durch ein Exklamationszeichen, wenn die Figuren etwas ausrufen wollen - so auch in der ausgewählten Passage: „»Das sei meine Sorge!« erwiderte die Mutter […].“13, „»Nun, so macht, macht, macht!« rief der Vater […].“14, „»Nichts! Nichts!« versetzte der Graf.“15 oder „»Vermählen!« riefen alle Mitglieder […].“16

Die indirekte Rede wurde eher in langen Passagen gewählt, welche einem Bericht ähneln und in dem das Geschehen in einem hohen Tempo zeitraffend dargestellt wird.

„Frau von G… fragte ihre Tochter, was sie denn von ihm halte. Und ob sie sich wohl zu irgendeiner Äußerung, die ein Unglück vermiede, würde verstehen können? […] Der Fortmeister bemerkte, daß, wenn dies ihr fester Wille wäre, auch diese Erklärung ihm Nutzen schaffen könne […]. Die Obristin versetzte, daß, da dieser junge Mann […] erklärt habe, sein Antrag nach ihrer Meinung einige Rücksicht und der Entschluß der Marquise Prüfung verdiene.“ 17

Hierbei stechen vor allem zwei Auffälligkeiten hervor: Zum einen der nüchterne Berichtsstil, als hätte von Kleist einen Report über die Gedanken und Aussagen der einzelnen Personen verfasst, zum anderen die Tatsache, dass in dieser Passage – mit Ausnahme der Mutter – hauptsächlich das Gesagte von Nebencharakteren in indirekter Rede dargestellt wird.

Martínez und Scheffel äußern sich zu der indirekten Rede, dass „im Prinzip alles Gesagte dargestellt werden [kann], […] jedoch die Wörtlichkeit [fehlt] […]. Dadurch […] geht der individuelle Stil der Figurenrede […]“18 und somit auch der Charakter der Figuren verloren. Konträr dazu scheint jedoch die Tatsache, dass häufig das Gesagte des Grafen – trotz der Wichtigkeit seines Charakters – in indirekter Rede steht („Er werde gleich die Ehre haben zu erscheinen, ließ der Graf antworten […]“19, „ […] doch er, indem er aufstand, versetzte, er wisse genug […]“20 oder „Er hoffe, sagte der Graf, die Depeschen in B … einzuholen […]“21 ). Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass das Verwenden der indirekten Rede nur dann gewählt wurde, wenn der Graf mit einer Nebenfigur spricht oder das Gesagte eher nebensächlich ist. Im Gespräch mit der Marquise von O… wird zumeist die direkte Rede gewählt („»Es ist nichts geschehen, wenn die Erkundigungen, die Sie über mich einziehen möchten, dem Gefühl widersprechen, das mich zu Ihnen in dies Zimmer zurückberief.«“22 oder „»Nun denn«, sprach er, »Julietta, so bin ich einigermaßen beruhigt«, und legte seine Hand in ihrige, »obschon es mein sehnlichster Wunsch war, mich noch zu meiner Abreise mit Ihnen zu vermählen.«“23 ), wodurch die Emotionalität und die Nähe beziehungsweise die Beziehung zwischen den Charakteren unterstrichen wird.

Während bei der indirekten Figurenrede an einigen Stellen eine Art von Zeitraffung stattfindet, findet an einer Stelle die Zeitraffung durch die Nutzung der erzählten Figurenrede statt:

„Man mußte endlich von der Tafel aufstehen; und da der Graf nach einem kurzen Gespräch mit der Mutter sich sogleich gegen die Gesellschaft verneigte und wieder in sein Zimmer zurückzog […].“24

Hierbei wird durch das Nennen des Gespräches zwischen dem Grafen und der Mutter zwar „der sprachliche Akt erwähnt, [jedoch nicht] […] [sein] Inhalt […] [benannt]“25. Auch diese Möglichkeit der Figurenrede dient dazu, nebensächliche Geschehnisse kurz und präzise zu nennen, ohne ihnen eine besondere Wichtigkeit oder Emotionalität zuzuschreiben.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass der Vergleich unterschiedlichster Textpassagen inklusive der Figurenkonstellation und der Figurenrede die unterschiedliche Funktion der Redearten unterstreicht: Während die direkte Rede bei wichtigen und emotionalen Ausrufen und Diskussionen und vor allem bei und zwischen wichtigen Hauptcharakteren verwendet wurde, führen die indirekte Rede und die erzählte Figurenreden zu einem neutralen, nüchternen und berichtsähnlichen Ton, um Geschehnisse und Gedanken der Personen zeitraffend und summarisch darzustellen.

Literatur:

MARTINEZ, Matías; SCHEFFEL, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktualisierte Auflage. München: 2012.

VON KLEIST, Heinrich: Erzählungen. Passau: 1960.

[...]


1 Martínez und Scheffel (2012), S.53

2 Ebd., S.53.

3 Ebd., S.54.

4 Ebd.

5 Ebd., S.53.

6 Ebd., S.54.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd., S.55.

11 Ebd.

12 von Kleist, S. 106.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd., S. 107.

17 Ebd., S. 105.

18 Martínez und Scheffel (2012), S.55.

19 von Kleist (1960), S. 106.

20 Ebd.

21 Ebd., S.107.

22 Ebd., S.106.

23 Ebd., S.107.

24 Ebd., S. 105.

25 Martínez und Scheffel (2012), S. 54.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Narratologische Beschreibung und Interpretation einer Passage aus Kleists „Die Marquise von O…“
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
unbenotet
Jahr
2019
Seiten
4
Katalognummer
V512972
ISBN (eBook)
9783346110527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
narratologische, beschreibung, interpretation, passage, kleists, marquise
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Narratologische Beschreibung und Interpretation einer Passage aus Kleists „Die Marquise von O…“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/512972

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