Die Haftstrafe im Jugendalter

Eine kritische Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen von Straffälligkeit und Freiheitsentziehung


Studienarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Straffälligkeit im Jugendalter
1.1 gesetzliche Maßnahmen bei Straffälligkeit im Jugendalter
1.2 Haftstrafe im Jugendalter

2. Kritische Auseinandersetzung mit der Haftstrafe im Ju- gendalter
2.1 Ursachen für Straffälligkeit im Jugendalter
2.2 Folgen von Freiheitsentzug im Jugendalter

3. Die Aufgabe der Sozialen Arbeit
3.1 Anforderungen an die Fachkräfte
3.2 Sozialdienst im Jugendstrafvollzug

4. Fazit und Stellungnahme

Literaturverzeichnis:

1. Straffälligkeit im Jugendalter

Im Jugendalter tritt delinquentes Verhalten bis hin zur Straffälligkeit stark gehäuft auf, wohingegen die Häufigkeit im Erwachsenenalter deutlich verringert ist (Thomas 2015, S. 47 ff.). Straffälligkeit kann daher gewissermaßen als jugendtypisch angese- hen werden. Sie kann einen Aspekt des Risikoverhaltens und des Austestens von Grenzen, das im Jugendalter eine Rolle spielt, darstellen. Das „adolescence-limited antisocial behavior“ (vgl. Thomas 2015, S.48 f. Nach Moffit 1993) tritt nach der Ju- gendzeit nicht mehr auf. In manchen Fällen jedoch nimmt diese normative Grenz- überschreitung jedoch ein größeres Ausmaß an. Es kann zu schwerwiegenderen Straftaten und regelmäßigen Gesetzeskonflikten kommen. Diese Verhalten kann sich zu einem „life-course persistent antisocial behavior“ (vgl. ebd.) entwickeln, das über die Jugendphase hinaus bestehen bleibt. Reaktionen auf Straffälligkeit beginnen bei pädagogischen Maßnahmen, können jedoch bis hin zu einer Haftstrafe führen. Bei ei- ner Stichprobe wurden am 31. März 2017 3742 Jugendliche in deutschen Strafvoll- zugseinrichtungen gezählt, 549 davon in Bayern (vgl. Publikation destatis, S.6). Haftstrafen werden als letztes Mittel nach Ausschöpfung erzieherischer Maßnahmen gesehen, ihre Wirksamkeit ist jedoch umstritten. Durch mein Praxissemester in der Jugendgerichtshilfe stellte sich mir in der Arbeit mit den Intensivtätern die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Haft im Jugendalter, weshalb diese Seminararbeit in meinem persönlichen Interesse liegt. Eindrücke aus der Praxis sollen hier an passen- der Stelle Platz finden. Diese Arbeit soll sich mit dem Einfluss von Haftstrafen auf die Entwicklung Jugendlicher befassen. Dabei soll kritisch diskutiert werden, ob Le- galbewährung und Resozialisierung durch Freiheitsentzug erreicht werden können oder sich dieser möglicherweise auch negativ auf die Entwicklung eines jungen Men- schen auswirken kann. Hierfür werden im ersten Teil der Arbeit gesetzliche Grund- lagen kurz dargelegt und erklärt, welche Maßnahmen beziehungsweise Konsequen- zen bis hin zur Haftstrafe auf normverletzendes Verhalten folgen können. Daraufhin erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit Haftstrafen im Jugendalter. Hierfür soll zunächst auf die Ursachen von Straffälligkeit eingegangen werden, um die Sinnhaf- tigkeit von Freiheitsentzug zu überprüfen, und im Anschluss werden die Folgen für die Entwicklung der jungen Menschen besprochen. Im letzten Teil der Arbeit soll die Aufgabe der Sozialen Arbeit unter Hinzuziehung des Lebensbewältigungskonzepts nach Lothar Böhnisch im Fokus stehen. Anregungen an SozialarbeiterInnen, die mit dieser Klientel arbeiten, werden dargelegt. Im Anschluss wird der Sozialdienst im Ju- gendstrafvollzug als Beispiel für eine Maßnahme, die einen positiven Einfluss auf Jugendliche in Haft haben soll, beschrieben werden. Während der Seminararbeit soll der Frage, welche Auswirkung Haftstrafen im Jugendalter auf die jungen Menschen haben, nachgegangen werden, um abschließend zu einer persönlichen Stellungnahme und einem Fazit zu gelangen.

1.1 gesetzliche Maßnahmen bei Straffälligkeit im Jugendalter

Im Alter von 14 bis 17 Jahren können Jugendliche für Gesetzesverstöße nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) belangt werden. Zwischen dem 18. und dem 21. Lebens- jahr wird im Einzelfall entschieden, ob Entwicklungsdefizite nicht auszuschließen sind und dadurch das Jugendstrafrecht noch zur Anwendung kommen kann. Ab dem 21. Lebensjahr ist ein Mensch voll strafmündig und kann nur noch nach dem Er- wachsenenstrafrecht, das ausschließlich sanktionierend angelegt ist, belangt werden (vgl. §§ 1, 3 JGG). Bei ersten Gesetzesverstößen und Bagatelldelikten erfolgen oft- mals zunächst Erziehungsmaßregeln. Diese können unter anderem Soziale Trainings- kurse oder Beratungsgespräche meinen (vgl. §§9 – 12 JGG). Die Staatsanwaltschaft kann jedoch auch bei Delikten geringeren Ausmaßes und ersten Auffälligkeiten ein Divisionverfahren nach §§45 JGG einleiten und bei Befolgung bestimmter Auflagen von einem Gerichtsverfahren absehen. Bei erneuter Straffälligkeit oder schwerwie- genderen Verstoßen folgen den Erziehungsmaßregeln gegebenenfalls Zuchtmittel (§§13 – 16a JGG). Diese verfolgen im Unterschied zu den Weisungen eher eine sanktionierende Absicht und könnten eine richterliche Verwarnung oder Auflagen wie Geldauflagen oder Arbeitsauflagen bedeuten. Auch der Jugendarrest zählt zu den Zuchtmitteln. Dieser kann ein bis zwei Wochenenden umfassen (Freizeitarrest) oder, wenn die Arbeits- oder Ausbildungsstelle dadurch keinen Nachteil erfährt, auch unter der Woche stattfinden (Kurzzeitarrest). Sind diese milderen Formen des Arrests be- reits erfolgt oder erfordert die Tat eine intensivere Maßnahme, so kann ein Dauerar- rest zwischen einer und maximal vier Wochen verhängt werden. In Abbildung 1 wer- den diese drei Richtungen der Strafzumessung im Überblick dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Eigene Darstellung. Quelle: §§ 9 - 19 JGG

Der Jugendarrest stellt eine Vorstufe im Bereich des Freiheitsentzugs zur Jugend- strafe (§§ 17 – 26 a JGG) dar. Nach Möglichkeit sollen also zunächst pädagogische Maßnahmen erfolgen, die erzieherisch auf die Jugendlichen einwirken sollen. Durch sie soll Defiziten, die die Straffälligkeit begünstigt haben, entgegengewirkt werden. Führen diese nicht zum angestrebten Ziel, der Legalbewährung, kann eine Jugend- strafe mit oder ohne Bewährung verhängt werden.

1.2 Haftstrafe im Jugendalter

Die Jugendstrafe kann sechs Monaten bis höchstens zehn Jahre umfassen. Beläuft sich die Jugendstrafe auf unter zwei Jahre, so kann diese bei Erfüllung bestimmter Auflagen und in der Erwartung, dass die Verurteilung zur Besserung ausreicht, zur Bewährung auf zwei bis drei Jahre ausgesetzt werden (vgl. bpb 2010 und §§ 17 – 26 a JGG). In §17 JGG heißt es, dass die Jugendstrafe dann verhängt wird, wenn wegen schädlicher Neigungen, Erziehungsmaßregeln oder Zuchtmittel nicht zur Erziehung ausreichen oder die Schwere der Schuld diese erforderlich macht (vgl. §17 JGG). Schädliche Neigungen werden als Defizite in der Persönlichkeit und Erziehung be- trachtet, die einer Gesamterziehung bedürfen. Ohne diese wären weitere Straftaten zu erwarten. Vor allem wurden Raub, Körperverletzung in Diebstahl von Gefängnisin- sassen begangen (vgl. Kawamura-Reindl 2015, S.220). Dieser Begriff ist jedoch nicht genau definiert und ist aus pädagogischer Sicht sehr umstritten (vgl. bpb 2010).

Die Jugendstrafe gilt als das letzte Mittel. Durch die Haft soll Jugendliche befähigt werden, ein Leben ohne Straftaten zu führen. In einigen Ländern ist gleichzeitig oder sogar allen voran der Schutz der Allgemeinheit ein wenn auch umstrittenes Vollzugs- ziel (vgl. Kawamura-Reindl 2015, S.210). Eine Besserung durch sinnvolle Freizeit- beschäftigung, Unterricht, Ordnung und seelsorgerische Betreuung gewährleistet werden (vgl. ebd., S.208 ff. und §91 JGG). Die Sinnhaftigkeit von Haft ist jedoch umstritten und soll im Folgenden diskutiert werden.

2. Kritische Auseinandersetzung mit der Haftstrafe im Ju- gendalter

Zweifelsohne stellt die Haftstrafe einen bedeutenden Einschnitt in das Leben eines jungen Menschen dar. Jugendliche leiden stärker als Erwachsene unter Einsamkeit, dem ungewohnten Umfeld und dem autoritären Umgang zwischen Personal und In- sassen (vgl. Kawamura-Reindl 2015, S. 221). Doch, ob diese reglementierte Zeit in Haft ihr Ziel der Legalbewährung erreicht, ist umstritten. Im Folgenden wird hinter- fragt, ob die Haftstrafe für Jugendliche und die Gesellschaft sinnvoll ist und welche Auswirkungen positiver und negativer Art sie haben kann. Zunächst soll auf Ursa- chen für Straffälligkeit eingegangen werden, denn diese können bei der Beurteilung der Sinnhaftigkeit von Haft weiterhelfen.

2.1 Ursachen für Straffälligkeit im Jugendalter

„Nicht der verwahrloste Jugendliche bedroht die Gesellschaft, die Gesellschaft be- droht den Jugendlichen mit Verwahrlosung“ (Schilling und Klus 2015, S.70 nach Hermann Nohl).

Wie der Erziehungswissenschaftler Hermann Nohl in diesem Zitat treffend formu- liert, wird Jugendkriminalität in der Gesellschaft als Bedrohung wahrgenommen. Das ist nicht zuletzt dem Umgang der Medien mit Straffälligkeit im Jugendalter zuzu- schreiben. In der Jugendgerichtshilfe kann durch den persönlichen Kontakt mit den Jugendlichen festgestellt werden, dass diese sich nicht von anderen jungen Menschen unterscheiden. Die Straffälligkeit scheint Ausdruck familiärer und persönlicher Er- fahrungen zu sein. Bei allen Jugendlichen konnten Brüche in der Biografie und Chancenlosigkeit in manchen Lebensbereichen festgestellt werden. Bei pressewirk- samen Fällen, in denen von Verhandlungen berichtet wurde, war deutlich zu erken- nen, dass die Darstellung der Jugendlichen diesen nicht gerecht wurde. Berichte, in denen Jugendliche als gefährlich und unberechenbar dargestellt werden, mögen zwar öfter gelesen werden als realistische Beschreibungen der Fälle, jedoch verändern die- se das Bild in der Öffentlichkeit. Vielmehr lohnt es sich, wie Hermann Nohl anfügt, den Blick auf die Ursachen und den gesellschaftlichen Faktoren zu richten. Dabei kann die Frage gestellt werden, wieso normverletzendes Verhalten vor allem im Ju- gendalter auftritt. Nach Gottfredson und Hirschi (1990) liegt die Ursache in einer ge- ringen Selbstkontrolle in der Kindheit (vgl. Thomas 2015, S.48 nach Gottfredson und Hirschi (1990). Diese bleibe Teil einer Person, sie verändere sich im Laufe des Le- bens nicht mehr. Jedoch verändere sich, wie sie sich bemerkbar macht. Es finde eine Verlagerung der sozialen Auffälligkeiten vom öffentlichen Raum ins nahe Umfeld statt (vgl. ebd.). Das könnte erklären, weshalb die Häufigkeit von delinquentem Ver- halten im Laufe des Lebens abnimmt. Moffit, deren Einteilung von devianten Perso- nen in lebensphasenabhängig und beständig, bereits in der Einleitung erwähnt wurde, sieht unterschiedliche Ursachen. Für die Gruppe der über die Jugendphase hinaus auffälligen sieht sie den Ursprung in der frühen Kindheit. Kinder, die mit kognitiven oder emotionalen Defiziten zurechtkommen müssen und gleichzeitig in einer Familie aufwachsen, die auf diese Schwächen nicht angemessen reagieren kann, können sich diese verstärken. „Adäquate Handlungskompetenzen“ (ebd.) können nicht ausrei- chend entwickelt werden. Eine Anhäufung von Defiziten könne zu auffälligem Ver- halten bis hin zu einer verfestigten kriminellen Laufbahn führen. Zeitlich begrenztes antisoziales Verhalten könne mit dem Rollenwechsel von Jugendlichen zum Er- wachsenen beendet werden (ebd.). Auch Lothar Böhnisch erklärt normverletztendes Verhalten als eine Reaktion auf ein Scheitern an Lebensaufgaben. Jugendliche in kritischen Lebenssituationen seien auf der Suche nach subjektiver Handlungsfähig- keit (vgl. Böhnisch 2012, S. 223). Das Lebensbewältigungskonzept kann als Erklä- rung für straffälliges Verhalten dienen.

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Details

Titel
Die Haftstrafe im Jugendalter
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen von Straffälligkeit und Freiheitsentziehung
Hochschule
Hochschule München
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V513000
ISBN (eBook)
9783346104014
ISBN (Buch)
9783346104021
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haftstrafe, jugendalter, eine, auseinandersetzung, ursachen, folgen, straffälligkeit, freiheitsentziehung
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Haftstrafe im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513000

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