Die Nibelungen als Fantasy-Stoff am Beispiel von Wolfgang Hohlbeins Hagen von Tronje


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

32 Seiten, Note: noch keine


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wolfgang Hohlbeins Nibelungen-Roman Hagen von Tronje – ein Vertreter der Fantasy-Literatur
2.1. Zum aktuellen Popularitätsgrad der Fantasy-Literatur
2.2. Was ist Fantasy? Versuch einer Definition
2.3.Einordnung von Hohlbeins Roman innerhalb der Gattungen Fantasy und Phantastik
2.4 Die Bedeutung des Mythos für die Fantasy-Literatur und für Hohlbeins Hagen von Tronje

3. Unterschiede zwischen dem Nibelungenlied und Hohlbeins Hagen von Tronje
3.1. Umfang der Handlung
3.2. Psychologisierung
3.3. Darstellung der Figuren Siegfried und Hagen von Tronje

4. Zusammenfassung und Auswertung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Das Nibelungenlied – seine Rezeption hat viele verschiedene Phasen durchlebt und sich damit im Laufe der Jahre immer wieder stark verändert. Jede Zeit hatte eine andere Herangehensweise an die mittelalterlichen Überlieferungen, und jede Interpretation hat bestimmte Aspekte und Thematiken in den Vordergrund des Interesses gerückt, während andere eher in den Hintergrund verschwanden. So ist der Stoff des Nibelungenliedes immer wieder neu dem Zeitgeist angepasst worden – die Menschen haben immer wieder neue, für sie interessante, Aspekte entdeckt und vertieft. Das Nibelungenlied ist also verbunden mit einer vielschichtigen und komplexen Rezeptionsgeschichte. Ende des 18. Jahrhunderts wurde es zur „deutschen Ilias“[1] erklärt, und spätestens in der Mitte des 19. Jahrhundert besaß es den Stellenwert eines „deutschen Nationalepos“[2]. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde besonderer Wert auf die „unbedingte Gefolgsmannstreue“[3] gelegt, und für den Zweiten Weltkrieg wurde das Nibelungenlied im Rahmen des deutschen Nationalismus für Propagandazwecke missbraucht[4] und dabei „‚Opfer’ einer katastrophalen Fehldeutung“[5]. Nach 1945 ist ein Bruch in der Nibelungenrezeption zu erkennen; von nun an gibt es viele Versuche, sich dem Nibelungenlied kritisch zu nähern und sich differenziert mit ihm auseinander zu setzen.

Natürlich stellt sich nun die Frage, welche Bedeutung der Nibelungenstoff heute hat - Welche Aspekte des Nibelungenstoffs sprechen heutige Rezipienten an? Was ist es, das ihn für heutige Leser interessant macht? Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, ist zunächst einmal wichtig zu wissen, dass die Grundlage für den Bekanntheitsgrad des Nibelungenstoffs vermutlich durch die Jugend- und Unterhaltungsliteratur gelegt wurde – und zwar bereits Anfang des 19. Jahrhunderts.[6] Diese Tendenz des hohen Bekanntheitsgrades aufgrund der Jugend- und Unterhaltungsliteratur ist auch heute noch festzustellen, denn ein nicht ganz unbedeutender Teil der Nibelungenrezeption ist im Bereich der Fantasy-Literatur angesiedelt. Auffällig ist, dass gerade in den vergangenen Jahren der Nibelungenstoff in der Fantasy-Szene äußerst beliebt ist. Um dieses Phänomen zu beleuchten, wird diese Seminararbeit sich mit der aktuellen Rezeption des Nibelungenliedes in der Fantasy-Literatur beschäftigen. Sie wird dabei versuchen, unter anderem die Fragen zu beantworten, welche Bedeutung der Nibelungenstoff heute (vor allem für die Fantasy-Rezipienten) hat, welche (aktuellen) Aspekte heutige Rezipienten ansprechen, und warum die Nibelungen gerade aufbereitet als Fantasy-Stoff einen so hohen Beliebtheitsgrad aufweisen.

Um eine Untersuchung und Beantwortung all dieser Fragen durchführen zu können, soll im Folgenden Wolfgang Hohlbeins Hagen von Tronje exemplarisch als eines der Fantasy-Werke, die auf den Nibelungenstoff zurückgreifen, genauer untersucht werden. Anhand dieses konkreten Werkes wird die Untersuchung und Auswertung der Fragestellungen stattfinden. Hierfür soll – nach einigen generellen Überlegungen zum aktuellen Popularitätsgrad von Fantasy – zunächst versucht werden, eine Definition für diese Gattung vorzustellen, bzw. aufzuzeigen, welche Kennzeichen und Elemente diese überhaupt aufweist. Nach der Einordnung von Hohlbeins Roman innerhalb der Gattungen Fantasy und Phantastik soll untersucht werden, welche Rolle der Mythos für Fantasy im Allgemeinen bzw. auch speziell für Hagen von Tronje spielt. Diese Hausarbeit wird sich genauer mit Hohlbeins Roman beschäftigen, um dabei herauszuarbeiten, wie der Autor den Nibelungenstoff bearbeitet hat, welche Veränderungen er vorgenommen hat, um ihn als Fantasy-Stoff zu adaptieren bzw. tauglich zu machen. Um dies beantworten zu können, werden die Unterschiede zum mittelalterlichen Nibelungenlied untersucht, wobei ein besonderes Augenmerk auf den Umfang der Handlung, die Psychologisierung und die Darstellung der Figuren Hagen und Siegfried gerichtet sein soll.

2. Wolfgang Hohlbeins Nibelungen-Roman Hagen von Tronje – ein Vertreter der Fantasy-Literatur

2.1. Zum aktuellen Popularitätsgrad der Fantasy-Literatur

Ob Harry Potter oder Herr der Ringe - Fantasy-Literatur erfreut sich größter Beliebtheit; wird sogar als „die dominante Gattung der Unterhaltungskultur zur Jahrtausendwende“[7] bezeichnet. Die noch relativ junge Gattung[8] Fantasy ist in Kinder- und Jugendbüchern[9] ebenso vertreten wie in der Erwachsenenliteratur; begeistert also sowohl junge als auch ältere Leser. Um sie hat sich längst „ein beinahe geschlossener Kreis von Fanpublikum, Produzenten und Markt gebildet“;[10] sie ist selbst in nichtliterarischen Medien wie Film, Bild, Musik, Spielzeug, Brett- und Computerspiel vertreten[11]. Seit den 80er Jahren wurde es immer beliebter, vor allem mittelalterliche Stoffe neu aufzubereiten, um aus ihnen Fantasy-Material zu ‚gewinnen’[12] - dieser Trend machte schließlich auch vor dem Nibelungenstoff nicht Halt. So entstanden bis heute zahlreiche Fantasy-Werke, die auf die Nibelungen zurückgreifen.[13] Hohlbein hat dies gleich mehrfach getan; Hagen von Tronje ist nur eines seiner Werke, die den Nibelungenstoff thematisieren.[14]

All dies soll Anlass genug sein, die Gattung Fantasy genauer zu beleuchten. Dabei soll der Versuch einer Gattungsdefinition unternommen werden, sowie konkret ihr Bezug zu mittelalterlichen Stoffen wie auch zum Mythos untersucht werden. Ziel ist es dabei zu verstehen, warum sich gerade mittelalterliche Stoffe zur Aufbereitung und ‚Wiederverwertung’ durch die Gattung Fantasy eignen. Dadurch kann sich schließlich auch der Fragestellung nach der Bedeutung von Fantasy und Mythos für Hohlbeins Hagen von Tronje genähert werden.

2.2. Was ist Fantasy? Versuch einer Definition

Versucht man, unter Zuhilfenahme verschiedener Nachschlagewerke eine Definition der literarischen Gattung Fantasy auszumachen, muss man feststellen, dass - obwohl der Begriff sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Literaturwissenschaft benutzt wird - bestenfalls ein „vager Konsens“[15] über seine genaue Bedeutung existiert.[16] Das Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie[17] beispielsweise zählt Fantasy im weiteren Sinne zur Phantastik;[18] im Metzler Literatur Lexikon[19] wird die relativ junge Gattung immerhin als „moderne Abart der phantastischen Literatur“[20], in einem Magazin für Kinder- und Jugendliteratur[21] als „Spielart der phantastischen Literatur“[22] bezeichnet. In Harenbergs Lexikon der Weltliteratur[23] hingegen ist nachzulesen, dass Fantasy-Literatur zwar häufiger mit Phantastischer Literatur gleichgesetzt wird, dass sie jedoch „gattungstypologisch von diesen verwandten Formen nichtrealistischer Literatur unterschieden werden“ muss.[24]

Harenbergs[25] Definition zufolge geht die phantastische Literatur „von einer uns vertrauten Welt aus […], in die unvermittelt das ‚ganz Andere’ einbricht“,[26] das als „Störfaktor das Gefühl des Unheimlichen“[27] erweckt. Die Fantasy-Literatur dagegen entwirft „geschlossene Alternativwelten“,[28] die „schon von vorneherein als imaginär[…] erkennbar sind“,[29] und für die das Übernatürliche „kein Fremdkörper, sondern ein für diese Welten charakteristisches Merkmal“[30] ist. Das bedeutet, dass hier die Grenzen zwischen der Realität und einer irrationalen bzw. magischen Welt gänzlich aufgehoben sind.[31] Der Fantasy-Roman handelt also oft in einer „archaische[n] Welt, in der Magie und übermenschliche Kräfte die Handlungsfähigkeit der Figuren erweitern“.[32] Zu einer solchen altertümlichen Welt gehört natürlich, dass die handelnden Figuren ohne Naturwissenschaft und Technik leben, dass sie archaische Fortbewegungsmittel[33], Geräte[34] und Waffen[35] benutzen, und dass sie in „überholten Gesellschaftsformen“[36] (beispielsweise Monarchien) leben.[37] Als für Fantasy gattungstypische Themen werden z.B. der Kampf des Guten gegen das Böse[38], aber auch die „Suche nach einer idealen Ordnung“[39] genannt - was offenbar nicht nur Stoff für Kinder- und Jugendliteratur, sondern ebenso für Erwachsenenliteratur liefert: Fantasy „verwischt“ die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur,[40] was mit Sicherheit auch mit ein Grund für den großen Erfolg dieser Gattung darstellt.[41]

Im Gegensatz zur Fantasy ist für die Phantastik charakteristisch, „dass im Text selbst der Dualismus zweier divergierender Welt- und Wertordnungen inszeniert wird, so dass es zu einem Konflikt zwischen einer „realen“ Primärwelt und einer über diese hinausweisenden Sekundär- oder Anderswelt kommt.“[42] Dabei kommt es zu Grenzübertritten von der Primärwelt in die Sekundärwelt; entweder durch Überschreiten einer bestimmten Schwelle (Tür, etc.), oder durch das Auftauchen einer Figur oder eines Requisits aus der Sekundärwelt.[43] In jedem Fall ist ein „Befremden der Handlungsfiguren über ein unerwartetes, übernatürliches Ereignis [erkennbar]. Die Figuren staunen über [die für sie] […] rational [nicht] erklärbare[n] Vorgänge“.[44] Andererseits kann die Handlung aber auch genauso gut ausschließlich in einer geschlossenen Anderswelt stattfinden; diese muss nicht zwingend mit der Primärwelt verbunden sein.[45] Demnach zählen auch Textsorten wie beispielsweise Sagen und Legenden im weiteren Sinne zur Phantastik.[46]

2.3.Einordnung von Hohlbeins Roman innerhalb der Gattungen Fantasy und Phantastik

Nun kann anhand der bis hierher aufgeführten Definitionen untersucht werden, welche der genannten Kriterien auf Hohlbeins Hagen von Tronje zutreffen.

Verschiedene Hinweise lassen erkennen, dass Hohlbeins Roman in einer archaisch gestalteten Anderswelt handelt: Die Menschen leben ohne Technik; sie setzen Pferde zur Fortbewegung ein[47] und benutzen altertümliche Gegenstände[48] und Waffen.[49] Außerdem leben sie in einer überholten Gesellschaftsform, einer Monarchie,[50] zu der mit König Gunther,[51] seiner Mutter Ute,[52] seiner Schwester Kriemhild,[53] dem Waffenmeister Hagen, Stallburschen,[54] Knechten,[55] Gauklern,[56] usw. eine klassische Rollenverteilung gehört. In diese Anderswelt[57] bricht jedoch (mit Siegfried, Brunhild, etc.) scheinbar noch eine zweite Anderswelt[58] ein, die dämonischen Charakter zu haben scheint.[59] Des Weiteren wären noch die Religion und die Bräuche der Christen zu erwähnen, die ebenfalls als ‚Einbruch von außen’ in diese Welt dargestellt werden.[60] Diese werden somit in gewisser Weise auch als Anderswelt[61] dargestellt - zumindest scheint es so, denn für Hagen stellen sie eindeutig einen ‚Störfaktor’ dar; sie gehören für ihn nicht in ‚seine’ Welt und führen bei ihm zu einem unheimlichen Gefühl, zu einem Unbehagen.[62] Genau genommen können hier demnach gleich mehrere Anderswelten aufgezeigt werden,[63] jedoch weder eine Primärwelt, noch eine Verknüpfung zu ihr. Ob die dämonische Anderswelt und die christliche Anderswelt dabei eine gemeinsame oder tatsächlich zwei unterschiedliche Welten darstellen, soll hier nicht weiter untersucht werden.[64]

Zwar finden hier also ‚Einbrüche’ in die Anderswelt I statt, womit Bezüge zu einer anderen Alternativwelt hergestellt werden[65] – hierbei wird jedoch zu keiner Zeit Bezug auf eine realistische Primärwelt genommen wird. Aus diesem Grund kann aller Wahrscheinlichkeit nach davon gesprochen werden, dass Hagen von Tronje in einer geschlossenen Alternativwelt handelt,[66] die (dank der archaischen Merkmale) schon von vorneherein als imaginär erkennbar ist. Allerdings ist das Übernatürliche hierbei für sie sehr wohl ein Fremdkörper. Es ist kein (oder zumindest nicht zwingend ein) für diese Welten charakteristisches Merkmal, sondern wird von Hagen (auch in der Anderswelt I) durchaus als Fremdkörper, bzw. als Teil einer anderen Welt empfunden,[67] der von außen, geradezu unaufhaltsam, hereinbricht.[68]

In der Fantasy-Literatur sollen, wie bereits erwähnt, die Grenzen zwischen der Realität und einer irrationalen bzw. magischen Welt gänzlich aufgehoben sein. Dies ist auf Hagen von Tronje nicht ganz einfach zu übertragen: Zum einen stellt die Alternativwelt I nicht die Realität dar, und zum anderen sind zwischen Alternativwelt I und II durchaus Grenzen zu erkennen. Als Hagen z.B. aus freien Stücken Urd aufsucht, schlüpft er durch eine „Lücke im Dornengeäst, gleich einem Tor, das sich vor ihm öffnete und hinter ihm wieder schloß“.[69] Generell kann die Alte nur dann von jemandem gefunden werden, wenn derjenige sie wirklich finden will,[70] und sie sich auch finden lassen will[71] – was in gewisser Weise auch eine Art ‚Überschreiten einer Schwelle’ darstellt. Der Ort, an dem Hagen sie findet, folgt anderen Gesetzmäßigkeiten als die Anderswelt I: Die Zeit ist stehen geblieben, und der „Rauch, der sich aus der Fensteröffnung kräuselte, war der gleiche wie vor einem Jahr, der gleiche wie im Jahr davor, denn er existierte nicht wirklich“.[72]

Die Figuren Siegfried[73] und Alberich[74] scheinen ebenfalls aus der Alternativwelt II zu kommen; für sie scheinen die (Natur-)Gesetze der Anderswelt I keine Gültigkeit zu haben.[75] Siegfried wird sogar mehrfach mit einem Gott verglichen,[76] und Alberich kann sich der Zauberei bedienen.[77] Auch Brunhild, die letzte der Walküren[78], eine Göttin[79] und Königin des Isensteins[80], kommt aus einem anderen Teil der Welt.[81] Als Hagen den Isenstein betritt, hat er das Gefühl, er habe die Grenze zu einer anderen Welt[82], zur „Unterwelt“,[83] überschritten. Es kommt ihm vor, als sei „jede Beziehung zur Außenwelt abgerissen“.[84]

Grenzübertritte von einer Welt in eine andere sind also wie gesagt in gewisser Weise durchaus erkennbar; zwar nicht von einer Primärwelt in eine Sekundärwelt, dafür aber von einer Alternativwelt in eine andere. Dies, wie auch das Erstaunen und Befremden Hagens über unerwartete, übernatürliche Ereignisse und Vorgänge, die für ihn rational nicht erklärbar sind,[85] stellen zwei eher für die Phantastik typische Merkmale dar.

Zum Teil erweitern Magie und übermenschliche Kräfte die Handlungsfähigkeit der Figuren. Dies trifft allerdings nicht auf Hagen oder andere Vertreter der Anderswelt I zu, sondern nur auf Vertreter aus anderen Welten, z.B. auf Siegfried[86] und seine Nibelungenreiter,[87] Brunhild[88], Alberich[89] und die Alte.[90] Die Alte und Alberich werden als Wesen, die „jenseits der Zeit“[91] existieren, und dennoch nicht unsterblich sind,[92] beschrieben. Tendenziell wirken Elemente der Anderswelt II aus Hagens Sicht unheimlich.[93] Indem er schließlich jedoch freiwillig die Alte aufsucht,[94] versucht Hagen andererseits auch, (als er zum ersten Mal keinen Ausweg mehr weiß[95] ) durch diese Eigenschaften Hilfestellungen zu erhalten und Lösungen zu finden. In diesem Fall sieht Hagen in Urd eine Art Verbündete, die ihm Rat geben und helfen könnte.[96]

Beide für die Fantasy-Literatur charakteristischen Themen finden in Hohlbeins Roman Erwähnung: Sowohl der Kampf des Guten gegen das Böse, als auch die Suche nach einer idealen Ordnung werden thematisiert. Dabei geht es zunächst darum, das Wesen des Bösen zu ergründen und herauszufinden, wie es beschaffen ist und durch wen es verkörpert wird.[97]

Viele der genannten Kriterien der Fantasy-Literatur treffen also auf Hohlbeins Hagen von Tronje zu; will man Fantasy und Phantastik jedoch als zwar verwandte, dennoch verschiedene Gattungen unterscheiden, kann Hohlbeins Roman nicht eindeutig eingeordnet werden. Denn der für die Phantastik charakteristische, „Dualismus zweier divergierender Welt- und Wertordnungen [und damit zusammenhängend der] Konflikt zwischen einer ‚realen’ Primärwelt und einer über diese hinausweisenden Sekundär- oder Anderswelt“[98] trifft in gewisser Weise auch auf die von Hohlbein gestaltete Welt zu – wobei der Konflikt sicherlich nicht zwischen einer realen Primärwelt und einer Anderswelt, sondern eben zwischen verschiedenen Anderswelten stattfindet. Siegfried und das Christentum stehen dabei für die ‚neue Welt’; Hagen und der Hof von Worms für die alte Welt, die untergehen wird.[99]

Im Großen und Ganzen wird hierbei deutlich, dass die beiden Gattungen Fantasy und Phantastik sehr eng miteinander verwandt sind, dass ihre Kriterien sich überschneiden, und dass daher eine eindeutige Einordnung eines Textes (wie in diesem Beispiel von Hagen von Tronje) in eine der beiden Gattungen kaum möglich ist. Friedrich schreibt, dass Fantasy sich „im gesamten Feld der phantastischen Literatur als eigenständiges Gattungssystem erst spät und auf komplizierte Weise ausdifferenziert“[100] hat, und dass es sich bei Fantasy um ein vielgestaltiges Gebilde handelt, das „inhomogen ist und mit anderen Genres überlappt“.[101] Somit braucht es nicht zu wundern, dass man beim Versuch, ein Werk genau einzuordnen, auf Probleme und Zwiespältigkeiten stößt.

Dass jedenfalls in Hohlbeins Roman die Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur verwischt ist, kann beispielsweise anhand von Internet-Rezensionen festgestellt werden.[102] Hier äußern Jugendliche wie auch Erwachsene ihre Meinung zu Hohlbeins Roman – was zeigt, dass er durchaus auch von Erwachsenen gelesen wird.

[...]


[1] Bernhard R. Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett des deutschen Nationalbewusstseins. Studie zur literarischen Rezeption des Nibelungenliedes in der Jugend- und Unterhaltungsliteratur von 1819-2002. München: IUDICIUM, 2004. S. 9.

[2] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 9.

[3] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 10.

[4] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 11f.

[5] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 11.

[6] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 13.

[7] Hans-Edwin Friedrich: Was ist Fantasy? Begriff – Geschichte – Trends. S. 4. In: 1000 und 1 Buch (2004) H. 1, S. 4-10.

[8] Erster Gebrauch des Wortes fantasy als Name für eine literarische Gattung ab den 60er und 70er Jahren in den USA, später auch in Deutschland. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur. Autoren, Werke, Begriffe. Hg. v. Bodo Harenberg. Dortmund: Harenberg Lexikon-Verlag, 1989 (2. Coc-Hea). S. 919.

[9] JuLit 1/04 (S. 1): „Auf jeden Fall hat der aktuelle Phantastik-Boom inzwischen die gesamte Kinder- und Jugendliteratur erfasst.“

[10] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[11] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[12] Martin: Die Nibelungen im Spiegelkabinett. S. 179.

[13] z.B. Bernhard Hennen: Das Nachtvolk. Ein Nibelungen Roman. 2. Auflage. München: Piper, 2003. oder

Alexander Nix: Das Drachenlied. München: Econ, 1996. oder Helmut W. Pesch: Die Kinder der Nibelungen. Wien: Ueberreuter, 1998. etc., etc.

[14] Sein zweites: Wolfgang Hohlbein: Der Ring der Nibelungen. München: Heyne, 2004.

[15] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[16] Bemerkenswert ist hierbei sicherlich auch, dass in den meisten Nachschlagewerken entweder nur unter dem Stichwort „Phantastische Literatur“ ODER nur unter „Fantasy“ ein Eintrag zu finden war. (z.B. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hg. v. Ansgar Nünning. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler, 2004. oder Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hg. v. Horst Brunner u. Rainer Moritz. Berlin: Schmidt, 1997.).

[17] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hg. v. Ansgar Nünning. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler, 2004.

[18] auch als phantastische Literatur bezeichnet (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. S. 524.).

[19] Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler, 1990.

[20] Metzler Literatur Lexikon. S. 150.

[21] Hans-Edwin Friedrich: Was ist Fantasy? In: 1001 Buch. Nr.1 Februar 2004. S. 4-10.

[22] Friedrich: Was ist Fantasy? S. 4.

[23] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919. oder auch Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (4. Mar-Sam). S. 2284ff.

[24] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[25] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea).. S. 919. oder auch Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (4. Mar-Sam). S. 2284ff.

[26] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur. (2. Coc-Hea). S. 919.

[27] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (4. Mar-Sam). S. 2285.

[28] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[29] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (4. Mar-Sam). S. 2285.

[30] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (4. Mar-Sam). S. 2285.

[31] Metzler Literatur Lexikon. S. 151.

[32] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[33] z.B. Pferde oder Segelschiffe.

[34] z.B. Kochkessel, Weinschläuche, etc.

[35] z.B. Schwerter.

[36] Metzler Literatur Lexikon. S. 151.

[37] Metzler Literatur Lexikon. S. 151.

[38] Metzler Literatur Lexikon. S. 151. oder auch Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[39] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[40] Harenbergs Lexikon der Weltliteratur (2. Coc-Hea). S. 919.

[41] Ein Beispiel hierfür ist Harry Potter, zu dessen Erfolg mit Sicherheit auch zahlreiche Erwachsene beigetragen haben. (Warum Fantasy sowohl junge wie auch erwachsene Leser anspricht, wird in Kapitel 2.4. erörtert.).

[42] Heinrich Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. Zur Definition, Funktionsvielfalt und Gattungsgeschichte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. S. 14. In: JuLit 30 (2004) H.1, S. 12-20.

[43] Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. S. 14f.

[44] Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. S. 13.

[45] (so z.B. bei Herr der Ringe.) Friedrich: Was ist Fantasy? S. 4. und Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. S. 14.

[46] Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. S. 14.

[47] Wolfgang Hohlbein: Hagen von Tronje. Ein Nibelungen-Roman. Einmalige Sonderausgabe. Wien: Ueberreuter, 1994. z.B. S. 8ff. oder S. 127ff.

[48] z.B. eine silberne Schale mit Wasser zum Waschen. (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 42.).

[49] z.B. Schwerter. (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 43.).

[50] Die Brüder Gunther, Gernot und Giselher herrschen über Worms und Burgund. (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 40.).

[51] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 121.

[52] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 55.

[53] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 55.

[54] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 136f.

[55] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 42.

[56] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 99.

[57] Diese wird im Folgenden immer als Anderswelt I bezeichnet.

[58] Diese wird im Folgenden immer als Anderswelt II bezeichnet.

[59] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 293.

[60] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 28ff.

[61] Diese wird im Folgenden nicht als ‚einzelne’ Anderswelt behandelt, sondern gehört mit zur Anderswelt II.

[62] z.B. Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 29ff und S. 323.

[63] Die Welt, in der die Handlung von Hohlbeins Roman sich abspielt, könnte zwar auch als Primärwelt verstanden werden, in die (mit Siegfried, dem Christentum, Brunhild,…) schließlich die Sekundärwelt einbricht – diese Art des Textverständnisses wäre jedoch nicht schlüssig, da, wie gerade aufgezeigt, alle Kriterien einer Anderswelt auf die in Hohlbeins Roman beschriebene Welt zutreffen.

[64] Sie werden hier im Folgenden als Anderswelt II zusammengefasst.

[65] Beispiele hierfür sind Siegfried, Brunhild, Alberich,…

[66] Es handelt sich sozusagen um eine für andere Alternativwelten zwar offene, für die Realität aber geschlossene Alternativwelt.

[67] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 228 und S. 336.

[68] z.B. das Christentum, Urd, Brunhild (die letzte der Walküren), der Isenstein

[69] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 395.

[70] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 397.

[71] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 227.

[72] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 395.

[73] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 187.

[74] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 218, S. 380.

[75] „Seit wann halten mich verschlossene Türen auf, Hagen?“ (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 380.).

[76] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 187, S. 237, S. 267, S. 203.

[77] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 341ff.

[78] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 337.

[79] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 333, S. 370.

[80] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 353.

[81] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 349.

[82] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 321ff.

[83] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 323.

[84] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 321.

[85] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 29f, S. 173f.

[86] „wer immer er war, er war kein Mensch“ (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 187.) Vergleich mit einem „tobenden Gott“ (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 203, S. 244ff, S. 267.).

[87] Diese werden oft mit Schatten verglichen (Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 256, S. 173f, S. 178, S. 293.).

[88] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 333.

[89] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 341f.

[90] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 397ff, S. 224ff.

[91] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 399.

[92] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 399.

[93] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 29ff, S. 323.

[94] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 222ff, S. 394ff.

[95] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 225f.

[96] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 226f.

[97] In diesem Falle durch Siegfried, Brunhild, das Christentum.

[98] Kaulen: Wunder und Wirklichkeit. S. 14.

[99] Hohlbein: Hagen von Tronje. S. 227, S. 229.

[100] Friedrich: Was ist Fantasy? S. 4.

[101] Friedrich: Was ist Fantasy? S. 4.

[102] siehe Anhang.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Nibelungen als Fantasy-Stoff am Beispiel von Wolfgang Hohlbeins Hagen von Tronje
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
noch keine
Autor
Jahr
2005
Seiten
32
Katalognummer
V51302
ISBN (eBook)
9783638473132
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungen, Fantasy-Stoff, Beispiel, Wolfgang, Hohlbeins, Hagen, Tronje
Arbeit zitieren
Gaby Grünsfelder (Autor), 2005, Die Nibelungen als Fantasy-Stoff am Beispiel von Wolfgang Hohlbeins Hagen von Tronje, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51302

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