Das Pathos der Distanz. Zu Gustav Sacks Novelle "Aus dem Tagebuch eines Refraktärs"


Akademische Arbeit, 2020

35 Seiten


Leseprobe

Inhalt

I. Sacks Werk im Kontext der Literatur zum Ersten Weltkrieg
1. Kampf um die Deutung des Weltkriegs
2. Druck auf das Individuum.

II. „Aus dem Tagebuch eines Refraktärs“ im Kontext des Gesamtwerks

III. Interpretation
1. Formelle Besonderheiten
2. Distanzierung zur literarischen „Elite“
3. Ein früher „Mann ohne Eigenschaften“?
4. Die Verweigerung des Gehorsams aus staatsphilophischer Logik
5. Nebel der Hoffnung
6. Flatterndes Herz im Gitterwerk
7. Europäische Seele in Not
8. Absturz in den Grund des Seins
9. Prophetische Elemente

IV. Aktualität der Novelle

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

I. Sacks Werk im Kontext der Literatur zum Ersten Weltkrieg

1. Kampf um die Deutung des Weltkriegs

„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“. Dieses dem US-Amerikaner Hiram Johnson zugeschriebene Bonmot aus dem Jahr 1914 ist strenggenommen unwahr, denn getäuscht und gelogen wird besonders stark gerade in Vorbereitung des Krieges. Aber es weist korrekterweise auf den Druck hin, dem mit dem Ausbruch des Krieges jeder Einzelne unterliegt, wie er sich als Individuum der Gemeinschaft gegenüber zu positionieren hat. Die Vielfalt der Lebensperspektiven bricht jäh zu zwei idealtypischen Optionen zusammen: Entweder man kämpft mit flammendem Herzen für die gerechte Sache oder man verweigert seinen Einsatz. Dazwischen bleibt nur Raum für Mimikry, die Hoffnung des Durchwurstelns.

Die Beschäftigung mit der Literatur aus dem Ersten Weltkrieg ist heute noch von großer Relevanz, weil im Lichte neuer Erforschungen der Hintergründe des Krieges deutlich wird, wie oberflächlich die weit verbreitete Zweiteilung der Schriftsteller in Pazifisten und „Bellizisten“ ist. Als der Anfangseuphorie unter der großen Mehrheit der Intellektuellen und Künstler die Ernüchterung über die Ausmaße der Katastrophe folgte, waren die „guten” und „schlechten“ Literaten rasch festgelegt: Die Ersten waren Warner wie Heinrich Mann und Ankläger des Krieges wie Erich Maria Remarque, die Zweiten solche, die noch im Krieg den Waffengang geistig überhöhten wie Thomas Mann1 und ihm zur Weimarer Zeit weiterhin einen positiven und nationalistischen Sinn abgewannen wie Ernst Jünger. Soweit das generelle Deutungsmuster, das sich in etwa mit dem heutigen Links- vs. Rechts-Schema deckt. Links sei demnach die kosmopolitische, pazifistische Kriegsgegnerschaft, rechts die nationalistische, bellizistische Kriegsbereitschaft. Um Werke aus dem und über den Ersten Weltkrieg zu würdigen, empfiehlt es sich, sich in die damaligen Wertbegriffe und den allgemeinen Wissensstand hineinzuversetzen.

Aus patriotischer Sicht rechtfertigte sich der unbedingte Einsatz zugunsten des Staates fast von selbst: „Ging man doch [...] davon aus, eingekreist und von der Entente 1914 zu einem Schicksalskampf herausgefordert zu sein. Gemeinschaftsanliegen besaßen in solcher Notlage Vorrang vor Einzelinteressen“ (Scholdt 2015, 89). Kategorische ethische Vorbehalte gegen den Krieg zählten nur, wenn das eigene Land klar als Aggressor empfunden wurde, „wenn Friedenschancen schuldhaft vertan wurden oder angesichts einer erdrückenden feindlichen Übermacht nur mehr zwecklose Gemetzel anstanden” (ebd. 89). Ansonsten hatte man dem Staat die Entscheidungsbefugnis über das Leben der wehrfähigen Bürger zuzubilligen, weil schmerzhafte Verluste des Einzelnen für das Überleben der Gemeinschaft unabdingbar waren.

2. Druck auf das Individuum

Der Druck auf das Individuum, das nun direkt als Soldat oder indirekt für das Vaterland kämpfen sollte, wurde neben der verbreiteten Annahme einer aggressiven Einkreisung durch Feindesmächte noch durch weitere Faktoren verstärkt, von denen drei hier aufgeführt seien, da sie wichtig für die Interpretation von Sacks Novelle sind: So schockierend erstens für den heutigen Betrachter die Masseneuphorie zum Kriegsausbruch war, ihr ging doch eine ähnlich irrationale Sorglosigkeit voran. Eine Art fatalistischer Optimismus beflügelte die Menschen und flößte ihnen den Glauben ein, dass es entweder gar nicht zum Krieg kommen konnte, da die Nationen über Handel und Wirtschaft schon so verflochten wären oder da der Mensch aus der eigenen Evolution heraus in Richtung Altruismus und Kooperation solch eine Katastrophe gar nicht mehr zulassen würde. Zwei Bestseller beflügelten diesen Glauben. Der Brite Norman Angell (1874-1967), Autor des 1910 erschienenen Werks „The Great Illusion” (dt. „Die falsche Rechnung“) schrieb 1913 an die deutsche Studentenschaft einen offenen Brief, in dem er aufklärte, dass „das Zeitalter der Globalisierung Weltkriege unmöglich mache, da alle Länder wirtschaftlich längst zu eng miteinander verknüpft seien” (zit. nach Illies 2012, 155).2 Wilhelm Bölsche (1861-1939) ist der Verfasser des anderen Bestsellers, „Die Wunder der Natur“. Er ersann eine biologisch-moralische Theorie, dass heute höher entwickelte Lebewesen, also auch der Mensch, nie mehr von sich aus in den Kriegszustand zurückfallen würden (Illies 2012, 156). Der zweite Faktor war die neue Dimension der psychologischen Kriegsführung, auch schon vor dem Krieg, gegen die Achsenmächte und vor allem den preußischen Bellizismus. Bei den Demokraten, die im Verlauf der sich abzeichnenden deutschen Niederlage die Überhand gewannen, konnte man die Kriegsbereitschaft der Entente als Friedensmission sehen: „Man bestätigte nachträglich die diffamierende psychologische Kriegsführung der Entente, die von Anfang an auf ein zivilisatorisch rückständiges, der Demokratie zuzuführendes despotisches Gebilde abzielte“ (Scholdt 2015, 191). Dadurch beförderte man eine manichäische Weltsicht, die bei den Kriegsführenden „nur Verbrecher- und Knechtsnaturen, bei ihren Kontrahenten selbstlose Humanitätsmotive wahrnahm“ (ebd. 180 f). Der dritte Faktor war der enorme technische Fortschritt, der vor allem in Deutschland auf kriegsentscheidende Vorteile bauen ließ. Für den einfachen Mann gab es im ständebewussten Kaiserreich keine Wahl. Seit den Napoleonischen Kriegen war der Krieg nicht mehr nur Sache des Kriegerstandes, sondern des ganzen Volkes. Welcher Argumentationsspielraum stand für den Bildungsbürger und Literaten offen, sollte er dem patriotischen Druck den Wunsch entgegenstellen, irgendwie dem Grauen der Vernichtungsmaschinerie zu entkommen, um die eigene Existenz weiterzuführen? Darauf gibt die Beschäftigung mit Gustav Sacks Novelle „Aus dem Tagebuch eines Refraktärs“ Antworten.

II. „Aus dem Tagebuch eines Refraktärs“ im Kontext des Gesamtwerks

Gustav Sack wurde am 28. Oktober 1885 als Sohn eines Volksschullehrers in Schermbeck am Niederrhein geboren. Über seinen Geburtsort schreibt Sack zu Beginn seines Romans „Ein verbummelter Student“:

In einem flachen Kessel am Niederrhein liegt zwischen waldigen und heidigen Höhen ein Dorf, dessen Signum ein kurzer klobiger Backsteinkirchturm ist und dessen Hauptstraße kurz und gut die Mittelstraße heißt […]

Die Bewohner aber neigen ein wenig zum Kretinismus und haben insbesondere vor ihren Nachbarn einen eigentümlichen hämischen und bissigen Witz voraus - sonst leben sie wie diese in den Tag und wissen nichts von der transzendenten Idealität der Zeit, der Verneinung des Willens, dem Pathos der Distanz und wären so glücklich wie ihr Vieh, wenn sie eben nicht den hämischen Witz hätten und so eingefleischte Ebenbilder ihres Gottes wären (Sack 2011, 12).3

Er studierte Germanistik und Biologie, brach das Studium aber 1910 ab und leistete den Militärdienst. 1913 ging er nach München, versuchte sich dort als Schriftsteller (vgl. Wikipedia, „Gustav Sack”). Immer wieder wurden seine Hoffnungen auf Publikation seiner zwei Romane enttäuscht.

Aus heutiger Sicht betrachtet hatten die Ablehnungen ihren Grund in der Tatsache, dass beide Manuskripte in keine der gängigen Schubladen einzuordnen waren. In ihnen war nicht nur die Grenze zwischen Philosophie und Belletristik aufgehoben, sondern sie stellten auch eine eigenartige Komposition aus avantgardistischen Eingebungen und traditionellen, ja manchmal altbacken wirkenden Stilelementen dar. Geradezu poetische Monstren, vor denen selbst die trendigsten avantgardistischen Lektoren erschreckten. Das Eigenwillige der Sackschen Prosa hatte seine Ursache in der spezifisch provinziellen Sozialisation des Dichters (Stadthaus 2010, 23).

Im Juli 1914 heiratete er Paula Harbeck, mit der ihn eine tiefe Freundschaft und geistige Innigkeit verband. Sie schreibt:

Das Münchner Jahr benennen wir den Zeitraum von knapp 15 Monaten (Anfang 1913 bis Juli 1914), die Sack in München verbrachte … Es war ein Jahr ohne Gleichen. Seine kostbaren Tage waren bald von Not überschattet – alltägliche Not, die bald groteske Züge aufzuweisen hatte und endlich tragische Formen annahm – überglänzt aber und immer wieder überwunden durch die Kraft unserer noch jungen Gemeinsamkeit, während Sack noch der Illusion seiner lieb gewordenen Einsamkeit nachhing, während diese längst nicht mehr bestand … In diesem Jahr wurde der erste Schritt aus der Anonymität zur Publizität gemacht (Sack, P. 1970, 372).

Ende Juli fuhr Sack in die Schweiz. Das Geld war wie üblich schnell aufgebraucht. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 ließ ihn nahezu mittelos werden. Im September 1914 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde eingezogen. Sack diente anfangs an der Westfront und fiel im Dezember 1916 an der rumänischen Front als Leutnant der Reserve (vgl. Stadthaus 2010, 28). Dem Einsatz seiner Frau verdankt Sack seinen kurzen Nachruhm.

Kurz nach seinem Tod wurde sein Werk erstmals gedruckt, erzeugte ein kurzes Aufhorchen im Literaturbetrieb, wurde hochgelobt von so unterschiedlichen Autoren wie Erich Maria Remarque, Ernst Jünger, Thomas Mann und Theodor W. Adorno. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der expressionistischen Literatur in der Frühphase des 20. Jahrhunderts (Wikipedia, „Gustav Sack“).

Aus den Schützengräben ist die Korrespondenz mit seiner Frau erhalten :

...ich bin ab 21.d.M. – fall auf den Rücken – Unteroffizier, wegen mustergültiger Führung (m)einer Gruppe u. überhaupt militärischer Tüchtigkeit – also Unteroffizier mit Überspringen des Gefreiten – trotz Degradierung u. Desertierens! Meiner weiteren Beförderung zum Vizefeldwebel und – Leutnant steht als nichts mehr im Wege (Sack, P. 1970, 372).

Tatächlich wird er im September 2015 Leutnant und erhält einen Orden für besondere Verdienste. 1916 war Sack fast durchgehend in Deutschland, konnte viel schreiben, wurde erst wieder kurz vor seinem Tod an die Front beordert. Paula Sack zufolge wurde das „Tagebuch“ im August 1914 in der Schweiz geschrieben (ebd. 374). Schon damals plante Gustav Sack, es zum Bestandteil eines Bühnenstücks mit dem Titel „Refraktär” zu machen. Der Begriff kommt aus dem Französischen und wird dort meist im sozialen Sinne für die Schicht der Ausgegrenzten und Geächteten verwendet. Eigentlich ist er ein medizinischer Terminus mit der Bedeutung „unheilbar“. Ein Refraktär ist somit jemand, dem nicht mehr geholfen werden kann. Bei Sack wird der Begriff immer in einem Atemzug mit dem Deserteur genannt, weshalb von einer Kontamination dieser beiden Bedeutungsebenen auszugehen ist.

Die besondere Tragik dieses frühen [...] Todes lag darin, dass er mit der öffentlichen Geburtsstunde des Schriftstellers Gustav Sack zusammenfiel. Ende November, nur wenige Tage vor seinem Tod, hatte sich der literarische Traum […] endlich erfüllt. Das Empfehlungsschreiben des Schriftstellers Richard Dehmel an den Fischer-Verlag, in dem dieser Sack als einen „Dichter aus dem Geschlecht Jean Pauls“ und „einen wertvollen Zuwachs für Ihren Verlag“ anpries, hatte Erfolg. Was folgte, war eine große Erfolgsgeschichte: Sack wurde posthum zu einem Star, auf dessen Literatur sich fast alle Zeitgeistgazetten, Kulturzeitschriften und renommierten Autoren einigten. [...]

In der fiebrigen Sackschen Romanprosa und im unbestechlichen Realismus der Kriegsnovellen erkannten die Zeitgenossen Sack als großen Analytiker der Krisenepoche (Stadthaus 2010, 35).

Bereits 1920 erfolgte eine zweibändige Gesamtausgabe aller Schriften. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass in der Weimarer Zeit seine Instrumentalisierung misslang:

Interessant ist die Tatsache, dass die Hymnen auf Sack aus allen politischen Lagern der Weimarer Republik erklangen. Während linkspazifistische Intellektuelle und Avantgardisten den Autor als einen großen Individualisten und Humanisten verehrten, bewunderten rechtsnationale Intellektuelle wie die Brüder Georg und Ernst Jünger Sacks soldatische Haltung. Der Stahlhelm-Verlag, der publizistische Arm des berüchtigten Frontkämpferbundes, plante 1925, Sack in seiner Buchreihe von Frontkriegsliteratur zu publizieren. Dieses Unterfangen, das auf einem Missverständnis von Sacks Einstellung beruhte, wurde glücklicherweise durch die Inflation verhindert. (ebd.).

Dass Sack heute so unbekannt ist, mag auch mit seinem Namen zusammenhängen: Pseudonyme wie Gustav Gernhardt, Gustav Hartschwert, Gerd von Lobesacker oder Gustave Sacré zum Beispiel hätten ihm gewiss Vorteile verschafft. Aber das hätte dem Sohn zweier knorriger Ostpreußen nicht behagt, weil er vor allem er selbst sein wollte. Dies erschwert seine literarische Einordnung. „Die Klischees passen nicht, und da Literaturgeschichten bei der Einordnung der poetae minores auf Klischees angewiesen sind, ist der ,packende Torso’ Sack dort oft kaum wiederzuerkennen“ (Eibl 19704 ). So fällt er durch Raster, die ihn mal als Expressionisten, mal als Romantiker, mal als Realisten, mal als Linken, mal als Rechten einteilen wollen.

III. Interpretation

1. Formelle Besonderheiten

Die Novelle ist in fünf nummerierte Einzelkapitel eingeteilt. Das erste Kapitel nimmt die Hälfte des Gesamtumfangs der Novelle ein. Es ist mit „Eintöner“ betitelt und beginnt mit Anführungszeichen. Am Ende des Kapitels wird klar, dass es zwei Erzähler gibt: den innerhalb der Anführungszeichen sprechenden Autoren des Tagebuchs und den es kommentierenden. Im weiteren Verlauf verwischen sich die Grenzen zwischen beiden Erzählern, bis am Schluss, im Kapitel „Das Ende”, wieder der Kommentator des Tagebuch-Erzählers hervortritt, diesmal ohne Unterscheidung durch Anführungsstriche. Andere Stimmen treten ebenfalls auf, mal mit und mal ohne graphische Distanzierung zum Erzähler. Theoretisch könnte ebenso die Novelle als Ganzes Teil des Tagebuchs sein und somit der Kommentator sein Autor. Dies ist aber unwahrscheinlich, weil es künstlerisch nicht verwertet wird. Das Genre des Auszugs aus einem Tagebuch unterstreicht durch die Unfreiwilligkeit der Preisgabe von eigentlich nur für sich selbst Gedachtem das Ausmaß an Unfreiwilligkeit durch den Einbruch des Kriegs in das Leben des Einzelnen.

Oft wird zwischen Präsens und Präteritum hin- und hergesprungen, bisweilen mitten im Satz. Der häufige Wechsel der Tempi wird als Merkmal des Expressionismus gewertet.

Das „Tagebuch“ ist auf August 1914 datiert, auf die ersten Kriegswochen also. Der vor dem Datum angegebene Ort Göschenen ist ein idyllisches Bergdorf in der Schweiz. Der Begriff Eigentöner bezeichnet eigentlich ein Musikinstrument, er ist die deutsche Übersetzung von Idiophon, auch als Selbsttöner zu übersetzen. In einer aus Indien stammenden Musiklehre bezeichnet man damit von selbst schwingende Instrumente, die keine äußere Membran oder Saiten benötigen.

2. Distanzierung zur literarischen „Elite“

Lässig wirft der zitierte Erzähler zu Beginn die „Bombe“ vom Kriegsausbruch in das fin de siècle-Literatentum. Alles ausgeprägte Pers ö nlichkeiten (Sack, G. 1962).5 Er nennt seine Kollegen Eigent ö ner. Im Wort klingt an: Einhörner, Eigenbrötlertum, Selbstverliebtheit über extravaganten Kleidungsstil (braunseidene Kniestrümpfe, Lederwesten, Schillerhemden), körperliche Besonderheiten (Schwabinger Haartrach) die raffinierten Pers ö nlichkeitssignen im Bereich der Satzzeichen (der fehlenden Kommata, der Hermann Bahrschen Extraktsätzchen und dem unfehlbar zum Genie stempelnden Doppelpunkt hinter der Anrede im Brief und dem Semikolon auf der Karte).6 Mit Hermann Bahr wird ein schillernder Vertreter der Wiener Avantgarde und Fixpunkt der Literaten in Süddeutschland namentlich genannt.7 Durch die satirische Beschreibung der sprachmanieristischen Kollegen distanziert sich der Erzähler vom Expressionismus. Die Schillerhemden spielen auf den Schillerkragen des Idealisten und Romantikers an. Mit der Schwabinger Haartracht wird auf die Künstlerhochburg in München verwiesen.

Und mitten unter diese Voll- und Fein- und Eigenkulturisten platzt der Krieg und läßt sie eine Weile in zitterndem Gerede, Getue, in einem krampfhaften Herauspressen von Humanität und Menschlichkeit - denn das sind zwei Dinge! - umherzappeln, aber das Hurra! liegt unten, und noch ein paar komische Zuckungen, und die ganze Elite verliert bis auf den Rest ihre angeblasene Eigenkultur und lodert auf: in den Krieg! in den Krieg!

Wie Fische schleudert die geplatzte Bombe vom Kriegsausbruch die Literaten an Land und lässt sie dort zappeln, bis das Wasserelement ins Feuerelement umschlägt und sie für den Krieg entzündet. Die Eigenkultur ist nur angeblasen gewesen, also nur scheinbar autonom. Der Erzähler sieht den Absturz vom Olymp des Elitendaseins über das Platzen ihrer Filterblase von Eigendünkel und Selbstgenügsamkeit. Der Erzähler erkennt, wie sofort mit Kriegsbeginn die Sprache sich zweiteilt in wahrhafte Begriffe (Menschlichkeit) und solche, die der Kriegsagitation dienen (Humanität). Der Begriff Elite deutet auf das gesellschaftlich akzeptierte Privileg einer Minderheit hin, sich Gesetze und Sachverhalte nach eigener Willkür zurechtzubiegen, wenngleich sie immer fürchten muss, dass dieser Auserwählten-Status abrupt beendet werden könnte.

3. Ein früher „Mann ohne Eigenschaften“?

Robert Musil ist fünf Jahre vor Gustav Sack geboren. Sein „Mann ohne Eigenschaften“ erschien ab 1930. Beide haben als junge Männer im Ersten Weltkrieg kämpfen müssen. Nur einer überlebte ihn. Der erste Teil vom „Tagebuch eines Refraktärs” enthält mit dem sarkastischen Bezug auf die allzu ausgeprägten Pers ö nlichkeiten vor allem der Wiener und Münchner Moderne sowie den Begriffen „Eigentöner”, „Eigenkultur“, „Eigenkulturisten” bereits im Wortmaterial Ähnlichkeit mit dem Titel „Mann ohne Eigenschaften“. Vor allem aber durch den ausdrücklichen Wunsch des Erzählers, zwischen sich und seinen Ansichten zu unterscheiden, indem er seine eigenen Ansichten mit der Herrschaft fremder Herren über seinen Willen auf eine Stufe stellt, sie also ablehnt. Ebenso die eigenen Gefühle: m ö gen sie heißen, wie sie wollen.8 Wie Musil ist der Erzähler bekennender Materialist, zumindest scheint ihm dies eine praktischere Weltdeutung, die einzig brauchbare und f ö rdernde im Bereich der Wissenschaften, auch wenn er den Materialismus, zuende gedacht, in einer Sackgasse sieht. Also ist er eigentlich kein Materialist. Wichtig ist ihm, seine Verweigerung zu betonen, einen mich bindenden Disput für den Materialismus auszufechten. Wie später bei Musil geht es dem Erzähler um das Zusammenspiel zwischen Materie und Seele. Bei Musil wird es „Genauigkeit und Seele” heißen. Die angestrebte Distanz von den eigenen Gefühlen dient im Tagebuch dem Schutz vor der Falle der Massensuggestion, um nicht von den blinden Gefühlen der Masse überwältigt zu werden. Dies im August 1914 zu schreiben, zeugt von starkem individualistischem Denken des Autors selbst. Inwieweit Robert Musil Ideen aus dem „Tagebuch“ übernommen hat, ist eine Forschungsaufgabe der Musil-Rezeption.

4. Die Verweigerung des Gehorsams aus staatsphilophischer Logik

Der Erzähler wählt in der eingangs postulierten Spanne der Optionen zwischen Bejahung und Verneinung der Hingabe an den Staat beim Ausbruch des Krieges die Verweigerung. Das Ende des ersten Kapitels schließt mit der Distanzierung des Kommentators von der Perspektive des zuvor zitierten Unbekannten, dessen Aufzeichnungen ihm in die Hände fielen. Der Leser wird versichert, dass dieser Deserteur seiner Strafe zugeführt wird. In der Tat scheint dem Erzähler des Tagebuchs keine moralische Argumentation zur Verfügung zu stehen. Er maßt sich an, über dem Volk zu stehen. Normalerweise steht dort Gott. Dennoch spreche hier kein Wahnsinniger und kein Paralytiker. Es spricht ein logisch im Bereich der Staatsethik Argumentierender, der konsequent die Freiheit des Einzelnen vor dem Zugriff des Kollektivs verteidigt. Im Westen wurde dies zuerst mit der Installation der Republik zu erreichen versucht. Die US-Verfassung zum Beispiel spricht nie von Demokratie, sondern stets von Republik. Der dahinter stehende Gedanke ist, dass alle Konzepte, die „-kratie” oder „-archie“ im Worte führen, für den Einzelnen letztlich Fremdherrschaft bedeuten. Beschränkung der Freiheit des Einzelnen ist nach republikanischem Prinzip nur dann zulässig, wenn andere in Mitleidenschaft gezogen werden. Das ist jedoch wiederum sehr weit auslegbar. Sein Land nicht zu verteidigen, zieht ja sehr viele in Mitleidenschaft, wenn dies auch nicht einzeln nachgewiesen werden kann. Auch die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland eingeführte Demokratie bannte nicht die Gefahr einer Tyrannei. Denn es reicht bereits, wenn eine nominelle Mehrheit den staatlichen Druck rechtfertigt. Wie der Erzähler über die Mehrheit der Gesellschaft denkt, wird klar mit den Formulierungen „ Zusammenrottung der Mittelmäßigkeit”, „ so kann ich mich erst recht nicht den blinden Gefühlen der Massen Gewalt über mich geben “, „ es riecht mir ... in dem Frage-Antwortspiel Staat zu sehr nach Massen und Massengefühlen”. Wenn er sich gleichzeitig absetzt von der Volksnähe der Sozialdemokratie, des Sozialismus und der Anarchie, sich für einen theoretischen Konservativen hält, sich in Nietzscheanischer Übermensch-Manier über den Staat stellt, dann könnte man ihn leicht als Befürworter einer elitären Herrschaft der Besten vermuten. Aber der beißende Spott über die selbsternannte und selbstt ö nende Elite aus Kunst und Literatur zeigt, dass sein Herz am meisten für die Herrschaftlosigkeit schlägt. Heute käme ihm die Lehre des Libertarismus entgegen, die anders als der klassische Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert den Staat gänzlich ablehnt und auf die Vertragsfreiheit der Einzelnen als einzig wahres Grundrecht setzt.9

Mein Wille, Ich zu bleiben lässt an Nietzsches Existentialismus, den „Willen zur Macht“ und den amor fati denken. Der Erzähler sucht nach einer logischen Konsequenz, die sich aus der zufälligen Geburt an einem Ort ergibt, sich für die dortige Gemeinschaft auch gegen den eigenen Überlebenswillen aufopfern zu müssen. Er findet diese logische Verpflichtung nicht. Scholdt ist der Ansicht, Sack argumentiere „rigoros individualistisch”, nicht moralisch (Scholdt 2015, 91). Das ist aus dem eben Interpretierten nicht haltbar. Der Erzähler argumentiert moralisch. Nur findet er keinen moralisch zwingenden Grund für seinen Gehorsam. Entsprechend logisch ist der Schluss, dass so etwas nicht gesagt und gedruckt werden darf, zumal in Kriegszeiten. Deswegen demontiert der Kommentator-Erzähler sogleich die Person, die sich mittellos im Lande herumtrieb und solche defätistischen Gedanken äußerte. Er gibt dem Leser die einzig genehme Lesart zur Hand, das Ganze als Beitrag zur L ö sung des Problems „Kunst“ zu rezipieren. Die Begründung jedoch lässt an eine ironische Schutzbehauptung denken, denn der eigenartige Schwung des Ausdrucks ist auch dem Kommentator eigen. Ob sich der Leser von der Warnung vor der verbl ü ffenden Puerilit ät des Gedankengangs von dessen Logik abschrecken lässt, darf bezweifelt werden.

Der zweite Abschnitt des ersten Kapitels ist atemberaubend elliptisch geschrieben. Der Erzähler sinniert von einem Nebentisch, also einer etwas abseits gelegenen Warte, über seine geplante Italienreise. Er schätzt den Herbst in Rom höher als den Frühling in Italien ein. Also wird er ein erfahrener Reisender sein. Später wird er als commis voyageur bezeichnet, als Handlungsreisender. Er ist also in einem praktischen, kommerziellen Gewerbe tätig. Und dieses V ö lkchen im nächsten Satz bezieht der Leser zunächst auf die Italiener oder Römer, von Kennerwarte aus lässig und ein wenig herablassend geäußert. Das ist eine falsche Fährte, denn er hat selbst schon einmal mitgemacht. Einmal Italiener gewesen zu sein, wird es nicht bedeuten. Offenbar schweift sein Blick auf einen anderen Tisch und erzeugt eine Introspektion in die Vergangenheit: ...und da man nichts so sehr verachtet wie seine eigenen Entwicklungsstufen. Dieser kausale Nebensatz wird nicht weiter ausgeführt. Wir schließen aus ihm, dass es sich um dieselben ausgezeichneten Pers ö nlichkeiten wie zu Anfang handeln müsste, also seine ehemaligen Schriftstellerkollegen, von deren Entwicklungsstufe der Erzähler sich nun distanziert. Dafür spricht der erneute Bezug zu Schiller: brandrote Schillerstr ähnen. Er wird abrupt aus diesen Gedanken gerissen, ausgedrückt durch einen weiteren Gedankenstrich, so dass auch dieser Satz nicht zuende geführt wird: - aber nun sehe ich einen Bekannten zu ihnen treten ... Einer aus dieser Gruppe, ein pars pro toto, ging den umgekehrten Weg des Erzählers, also vom soliden Metier des Mathematikers hin zu dem unsoliden des Schriftstellers, der ihn in einer künstlichen Unreife verharren lässt. Mit diesem Schriftsteller nimmt der Erzähler Grußkontakt auf und setzt sich zur Gruppe.

[...]


1 Thomas Mann schreibt 1913 in einem Brief an Jakob Wassermann: „Die Begegnung des Pflichtvergessenen mit dem Pflichtbesessenen im Kriege ist eine tief dichterische Erfindung. Und wie streng und groß wird der Krieg als moralische Reinigungskrisis, als grandioses Hinwegschreiten des Lebensernstes über alle sentimentalen Verwirrungen fühlbar“ (zit. nach Illies 2012, 95).

2 Für Scholdt dagegen überwiegt in „The Great Illusion“ das Horrorszenario eines Krieges in Europa. Er zählt zu den frühen Mahnern auch Wilhelm Lamszus mit „Das Menschenschlachthaus” (1912) und Johann von Bloch mit „Der Krieg“ (1899) (Scholdt 2015, 156 f.).

3 EA 1917.

4 Ohne Seitenangabe, da aus dem Internet zitiert.

5 Die Zitate aus der besprochenen Novelle sind grundsätzlich mit Kursivschrift gekennzeichnet, ob deren Kürze und weil aus dem Internet zitiert ohne Seitenangaben.

6 Der Erzähler mag hier auch selbstironisch auf die eigene Passion für Gedankenstriche anspielen.

7 Bahr schrieb über Sack nach dem Krieg ein Buch, nahm ihm also den Spott nicht übel.

8 Pate gestanden haben mag Goethes Maxime „Sei gefühllos! / Ein leichtbewegtes Herz / Ist ein elend Gut / Auf der wankenden Erde.“

9 Duden, Eintrag „Liberalismus“: „im 19. Jahrhundert entstandene, im Individualismus wurzelnde Weltanschauung, die in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht die freie Entfaltung und Autonomie des Individuums fordert und staatliche Eingriffe auf ein Minimum beschränkt sehen will.“ Wikipedia: „Libertarismus […] oder Libertarianismus […] ist eine politische Philosophie, die an einer Idee der negativen Handlungsfreiheit als Leitnorm festhält und deren unterschiedliche Strömungen alle vom Prinzip des Selbsteigentums ausgehen und für eine teilweise bis vollständige Abschaffung oder Beschränkung des Staates sind.“

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Das Pathos der Distanz. Zu Gustav Sacks Novelle "Aus dem Tagebuch eines Refraktärs"
Autor
Jahr
2020
Seiten
35
Katalognummer
V513053
ISBN (eBook)
9783346107800
ISBN (Buch)
9783346107817
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gustav Sack, Literatur zum Ersten Weltkrieg
Arbeit zitieren
Frieder Stappenbeck (Autor), 2020, Das Pathos der Distanz. Zu Gustav Sacks Novelle "Aus dem Tagebuch eines Refraktärs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513053

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