Autismus-Spektrum-Störungen und die Bedeutung der Lebensweltorientierung für die Freizeitbegleitung

Gesetzliche Grundlagen der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII


Bachelorarbeit, 2019
41 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Lebensweltorientierung
2.1 Begriffsbestimmungen
2.1.1 Lebenswelt
2.1.2 Alltag
2.1.3 Lebensweltorientierung
2.2 Die Rekonstruktion der Lebenswelt
2.3 Dimensionen der Lebensweltorientierten Arbeit
2.4 Handlungsmaxime der Lebensweltorientierten Arbeit

3. Grundlagen der Autismus-Spektrum-Störung
3.1 Begriffsbeschreibung
3.2 Erscheinungsformen der Autismus-Spektrum-Störung
3.3 Symptomatik

4. Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII
4.1 Inhalt und Bedeutung
4.2 Art und Ziel der Leistungen

5. Lebensweltorientierte Arbeit mit Menschen mit Autismus
5.1 Dimensionen der Lebensweltorientierung in der Wahrnehmung von Autisten
5.2 Rückschlüsse für die Handlungsmaxime der Lebensweltorientierten Arbeit
5.3 Die Bedeutung der Lebensweltorientierung für die Freizeitbegleitung von Autisten

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist schon seit einigen Jahren ein wichtiges Forschungsthema und wird von immer mehr Disziplinen als forschungsrelevant betrachtet. Dies führte auch dazu, dass sich die Öffentlichkeit vermehrt mit der ASS auseinandersetzen muss und so wurde sie immer präsenter in den Köpfen der Menschen. Es gibt mittlerweile viele Einrichtungen und Organisationen, die sich mit der ASS beschäftigen und für Menschen mit der ASS diverse Angebote bereitstellen. Doch aufgrund der Tiefe und Komplexität dieser Störung sind nach wie vor die meisten Menschen nicht ausreichend damit vertraut, wie ein geeigneter Umgang mit autistischen Menschen aussehen kann oder sollte und welche Bedürfnisse sie haben. Um dies verstehen zu können, muss jedoch erst ein Grundverständnis von dem Störungsbild bestehen, welches beinhaltet, wie autistische Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und interpretieren.

Ein pädagogisches Konzept, welches genau an dem Punkt anschließt, ist das der Lebensweltorientierung. Nach diesem Konzept soll die pädagogische Arbeit sich an der Lebenswelt des Betroffenen orientieren, um ihn dann aus seiner Sicht auf die Welt besser unterstützen zu können. Denn nur, wenn die Lebenswelt des Betroffenen verstanden wird, kann individuell auf die Bedürfnisse dieser eingegangen werden.

Als Kontext für die Verknüpfung dieser beiden Themenschwerpunkte wird die Eingliederungshilfe nach §35a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII dienen. Der Bereich der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII stellt den rechtlichen Hintergrund für die Eingliederung in die Gesellschaft von Kindern und Jugendlichen, aber auch jungen Volljährige bis zum 27. Lebensjahr, mit seelischer Behinderung dar. Im Rahmen dessen werden mehrere Unterstützungsleistungen angeboten, welche von seelisch behinderten Kindern und Jugendlichen in Anspruch genommen werden können. Ein Angebot ist das der Freizeitbegleitung. Dies ist ein ambulantes Angebot der Eingliederungshilfe und wird gerne von autistischen Kindern und Jugendlichen genutzt, um ihre Freizeit besser gestaltet zu können. Oft sind sie aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage, alleine rauszugehen und ihre Interessen ausleben zu können. Durch die Freizeitbegleitung wird eine Person zur Verfügung gestellt, die je nach individuellem Anspruch, eine bestimmte Stundenanzahl im Monat den Betroffenen besucht, um etwas mit ihm zu unternehmen, was er alleine vielleicht nicht könnte.

Diese Bachelorthesis hat die Aufgabe, eine Verbindung zwischen der Autismus-Spektrum-Störung und dem Konzept der Lebensweltorientierung herzustellen mit dem Ziel herauszufinden, ob sie miteinander funktionieren und Vorteile hervorbringen, die vorher nicht bewusst waren. Es wird zudem die These aufgestellt, dass das Konzept der Lebensweltorientierung aufgrund eben dieser Lebensweltorientierung optimal für die pädagogische Arbeit mit autistischen Menschen geeignet ist, da insbesondere Autisten durch ihre Wahrnehmungsstörung ein anderes Verständnis von ihrer Lebenswelt haben, als es bei neurotypischen Menschen der Fall ist. Es besteht also die Notwendigkeit, dass eine intensivere Auseinandersetzung mit der Lebenswelt eines Autisten stattfindet, da sich diese aufgrund der Wahrnehmungsstörung deutlich von der eines neurotypischen Menschen unterscheidet.

Um der aufgestellten These und dem Thema dieser Bachelorarbeit auf den Grund zu gehen, soll im Folgenden ein umfassendes theoretisches Fundament geschaffen werden, indem detailliert auf die drei Themenschwerpunkte Autismus-Spektrum-Störung, Lebensweltorientierung und Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII eingegangen wird. Dabei werden hauptsächlich die Dimensionen und Handlungsmaxime der lebensweltorientierten Arbeit analysiert und auf die Bedürfnisse von Menschen mit der ASS angewandt. Zum Schluss soll ein Fazit darüber gezogen werden, inwiefern die lebensweltorientierte Arbeit besonders für den Umgang mit autistischen Menschen geeignet ist und wie dies im Rahmen der Freizeitbegleitung deutlich wird.

2. Das Konzept der Lebensweltorientierung

2.1 Begriffsbestimmungen

Die Diskussion um das Konzept der Lebensweltorientierung ist in der pädagogischen und sozialen Arbeit weit verbreitet. Viele Programme und Vereine bezeichnen sich als lebensweltorientiert, da es in der Natur eines Pädagogen läge, alltagsnah zu arbeiten. Leider werden die Begriffe Lebenswelt, Alltag und Lebensweltorientierung oft banalisiert und es findet nur selten eine genaue Auseinandersetzung mit den Begriffen und den dahinterstehenden Konzepten statt. Daher ist es von großer Notwendigkeit, auch für das Verständnis dieser Arbeit, zu verstehen, was die Lebensweltorientierung und all ihre Aspekte in der sozialen Arbeit bedeuten.

Zur einheitlichen Betrachtungsweise werden im Folgenden einige dieser Arbeit zu Grunde liegende Begriffsverständnisse dargelegt.

2.1.1 Lebenswelt

Der Begriff der Lebenswelt wurde erstmals von dem Philosophen Ernst Mach verwendet, welcher die Welt nicht nur als naturwissenschaftlich greifbar versteht, sondern noch eine individuelle, phänomenologische Sicht einräumt, die von der jeweils eigenen Interpretation der Psyche ausgeht (vgl. Janssen/Mühlmann 1980, S.151). Mit diesem Ansatz übte Mach Kritik an der Verwissenschaftlichung durch Objektivierung und wollte ein Verständnis von einem natürlichen vorwissenschaftlichen Ausgangspunkt schaffen, der seine Unmittelbarkeit in der reinen Erfahrung sah (ebd.). Damit gewann die subjektive Sicht des Einzelnen und die Wertschätzung gegenüber dem subjektiven Erleben wieder an Bedeutung.

Edmund Husserl bezeichnete dann im Jahr 1917 mit dem Begriff der Lebenswelt die Welt der reinen Erfahrung und erweiterte die Bedeutung um vier Zweckmäßigkeiten für die Wissenschaft von einem lebensweltlichen Zugang zum Verständnis der Welt (vgl. Janssen/Mühlmann 1980, S.152ff.). Die erste Zweckmäßigkeit bezieht sich auf die bereits angesprochene Verwissenschaftlichung durch Objektivierung (vgl. ebd.). Die Zweite bezieht sich auf die Besinnung der gewachsenen Historizität abendländischer Philosophie, welche einbezogen werden sollte und die von der phänomenologischen Perspektive neu betrachtet und hinterfragt werden kann (vgl. Janssen/Mühlmann 1980, S.153f.). Zum Dritten wird festgehalten, dass eine gegenseitige Bedingtheit zwischen Wissenschaft und Lebenswelt besteht, da die Erkenntnisse der Wissenschaft aus den Erfahrungen in der Lebenswelt resultieren (vgl. Janssen/Mühlmann 1980, S.154). Viertens hat jede Wissenschaft ihren Ursprung in der Lebenswelt, somit ist jede Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft abhängig von der Lebenswelt, in der sich der Wissenschaftler befindet. Jeder Wissenschaftler hat in seiner Bedingtheit zur Lebenswelt eine subjektive Perspektive auf seine Umwelt und diese bewirkt, dass jeder Wissenschaftler verschiedene Ergebnisse aus der Umwelt gewinnt (vgl. ebd.). Die Konsequenz daraus ist eine notwendige Abstrahierung von Ergebnissen, um wirkliche Erkenntnisse zu erhalten.

Es lässt sich hier heraus erkennen, dass die Lebenswelt die dem Menschen selbstverständliche Wirklichkeit umfasst, die ihre individuelle Prägung durch das persönliche Erleben des direkten Umfeldes, aus dem der Mensch die für ihn wichtigen Erfahrungen zieht, die ihm im alltäglichen Leben Handlungssicherheit geben.

2.1.2 Alltag

Das Konzept der Lebensweltorientierung stützt sich auf der zunächst banal erscheinenden Tatsache, dass jedes Individuum einen Alltag hat. Thiersch fasst dies zusammen mit dem Satz: „Einen Alltag haben alle Menschen, die Rede vom Alltag zielt nicht auf die herausgehobenen, besonderen, „bedeutenden“ Menschen, sie meint alle, auch und gerade den kleinen Mann“ (Thiersch 1986, S.11f.). Hier wird bereits deutlich, dass ein Leben ohne Alltag nicht möglich ist. Thiersch bezieht sich in seinen Formulierungen hauptsächlich auf Kosik, welcher dies noch etwas konkreter formuliert indem er sagt, dass „jede Art der menschlichen Existenz oder des Daseins in der Welt ihre Alltäglichkeit [hat] […]. Sie ist nicht das private Leben im Gegensatz zum öffentlichen, auch nicht das so genannte profane Leben im Gegensatz zur erhabenen offiziellen Welt: In der Alltäglichkeit lebt sowohl der Schreiber wie der Kaiser“ (Kosik 1986, S.71f.). Alltag ist ein ambivalenter Begriff, da er einerseits „das unverbildete Offene, in dem Menschen unmittelbar gefordert sind“ und zum anderen „das Banale, das routinisiert Bonierte“ (Thiersch 1992, S.41) beschreibt. Hieran werden die zwei gegensätzlichen Eigenschaften des Alltagsbegriffs deutlich. Der Alltag bietet Menschen auf der einen Seite viel Sicherheit, denn jeder Mensch gestaltet seinen Alltag auf Basis von routinierten Handlungsabläufen, die die Komplexität des Alltags reduzieren und den Menschen so ein Gefühl von Stabilität geben (vgl. Obert 2003, S.125f.). Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt, wenn es um das Thema Alltagsbewältigung geht, denn diese Routinen und Gewohnheiten helfen den Individuen dabei, ihren komplizierten und vielfältigen Alltag zu vereinfachen und wirken dadurch entlastend. Auf der anderen Seite beschreibt Thiersch jedoch auch die unzähligen, sich in unregelmäßigen Zeitintervallen ergebenen Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit jedes Menschen, die sich auch und vor allem aus den gegebenen sozialen, politischen, kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Bedingungen herleiten lassen. Denn der Alltag bedeutet nicht, „systematisch, ordentlich und vom Wissen her stimmig ist, sondern dass man irgendwie guckt, wie man zu Rande kommt“ (Thiersch 2012a). Dieses zu Rande kommen zeigt sich in dem konkreten Handeln des Menschen, welches unabhängig von Wissenschaft und Logik situativ angewendet wird. Thiersch bringt das sehr treffend auf den Punkt mit der folgenden Aussage: „Im Alltag steckt also sowohl die Absicherung, die Entlastung durch Absicherung, die wir brauchen, wie auch die Gefahr, dass durch Absicherung Potentiale des Lebens, Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten eines freieren, glücklicheren miteinander Lebens zugedeckt und versteckt werden“ (Thiersch 2012b). Damit verdeutlicht er, dass sich der Alltag nicht nur auf die Regelmäßigkeiten und Routinen reduzieren lässt, sondern betont insbesondere die Ambivalenz, die sich hinter diesem Begriff verbirgt.

2.1.3 Lebensweltorientierung

Das Konzept der Lebensweltorientierung basiert natürlich auf der bereits im Namen stehenden Orientierung an der Lebenswelt des Hilfesuchenden. Dabei wird nicht von den Problemen, Beeinträchtigungen, dem abweichenden Verhalten oder der Erkrankung des Hilfesuchenden ausgegangen, sondern von der Normalität des gewöhnlichen Lebens. Jeder Mensch hat seine eigene Art und Weise sein Leben zu bewältigen, welche geprägt wurde von den Erfahrungen, die der Mensch in seinem bisherigen Lebensverlauf gemacht hat (vgl. Obert 2001, S. 124f.). Durch den stetigen Erfahrungserwerb bildet sich ein Bewältigungsmuster aus, welches ein bestimmtes Handlungsspektrum im Umgang mit Lebensaufgaben beinhaltet und welches bei jedem Menschen anders ausfällt aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen, die gemacht wurden. Nach dieser Auffassung werden Menschen nicht als isolierte, auf sich gestellte Individuen betrachtet, denn „der Mensch verlässt sich auf sein soziales Netz und ist darin aufgehoben: Die Familie, mit den Nachbarn, Freunden und Bekannten, aber auch in anderen institutionalisierten Rollen, wie in der Schule in der Arbeit, […] etc.“ (Obert 2001, S.124). Der Umfang von sozialen Verhältnissen und dem individuellen Bewältigungsmuster macht die Normalität des Lebens aus, von der die Lebensweltorientierung ausgeht. Es geht also nicht um die objektiven Befunde wie eine Erkrankung oder Behinderung, sondern um das Erleben dieser objektiven Befunde.

Obert nennt in diesem Kontext das Phänomen der „Pluralisierung von Lebenslagen“ (Obert 2001, S.126) und meint damit, „dass tradierte Lebensformen und Deutungsmuster in ihrem Verständnis brüchig werden und sich damit neue offenere Möglichkeiten der Lebensführung für Gruppen und für einzelne ergeben“ (ebd.). Nach der Lebensweltorientierung versuchen die Menschen sich mit aufkommenden Problemen, auf Basis ihrer sozialen und persönlichen Ressourcen und ihrem eigenen, erfahrenen sozialen Umkreis, zu arrangieren. Jedoch kann es je nach Schweregrad des Problems dazu kommen, dass die Bewältigungsanstrengungen nicht ausreichen und die Menschen in Konflikte geraten, für welche sie keine Bewältigungsmuster haben. Diese Konflikte sind häufig mit Momenten von Macht, Ausgrenzung, Diskriminierung, Selbstbehauptung oder dem Kampf um Anerkennung verbunden. Der Philosoph Ernst Bloch geht davon aus, dass der Mensch im Umgang mit Konflikten eine Sehnsucht nach dem Gelingen hat, also kämpft er um einen gelingenderen Alltag (vgl. Bloch 2000). Dies beinhaltet die Annahme, dass die Lebensbewältigung nichts Statisches ist, sondern immer mit Anstrengungen verbunden ist und sich daher in Bewegung befindet. Die Aufgabe der Lebensweltorientierung ist es, an dem Punkt zwischen Lebensbewältigungskonflikt und dem Wunsch nach einem gelingenderen Alltag anzusetzen, und den Hilfesuchenden Möglichkeiten zur Verbesserung aufzuzeigen. Dabei ist der Bezug zur Lebenswelt sehr wichtig, weil diese Möglichkeiten zu der Normalität des Lebens passen muss.

Dadurch lassen sich gewisse Anforderungen an die Professionellen ableiten, die lebensweltorientiert arbeiten. Sie müssen auf der einen Seite ihr Wissen und Können nutzen, müssen dieses jedoch auf die Lebenswelt des Hilfesuchenden anpassen und dabei auch seine individuellen Bedürfnisse und sein Verständnis von der Welt miteinbeziehen. Dies birgt die Gefahr des Besserwissens, mit welcher die Professionellen umgehen müssen. Um die Gefahr zu mindern ist es wichtig zu verstehen, wie sich die Lebenswelt der Hilfesuchenden erschließen lässt und an welchen Handlungsmaximen sie sich orientieren können. Thiersch/ Grundwald und Köngeter haben dazu einige Texte verfasst, die in dem weiteren Verlauf dieses Kapitels dargestellt werden.

2.2 Die Rekonstruktion der Lebenswelt

Nach Thiersch, Grundwald und Köngeter hat die Komplexität und Unübersichtlichkeit der modernen Gesellschaft zugenommen, weshalb eine genauere Betrachtung der Lebenswelten der Menschen notwendig ist, um ein Verständnis für diese aufzubauen. Thiersch, Grundwald und Köngeter sprechen in dem Kontext von der Rekonstruktion der Lebenswelt. Hierfür erstellten sie fünf verschiedene Aspekte, welche es zu berücksichtigen gilt.

Lebenswelt ist zunächst ein beschreibendes, phänomenologisch-ethnomethodologisch orientiertes Konzept, welches den Menschen nicht nur als abstraktes Individuum versteht, sondern ihn in seiner Verbindung mit seinen Erfahrungen in der Wirklichkeit betrachtet, in der er sich befindet und die er zu bewältigen versucht (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S.908). Dabei betont das Konzept insbesondere die Bemühungen des Menschen, sich in die gegebenen Verhältnisse zurecht zu finden und die Erfahrungen, die er in solchen Situationen macht. Die gemachten Erfahrungen werden gegliedert in Erfahrungen des Raumes, der Zeit und der sozialen Beziehungen (vgl. Schütz 1974). Menschen werden also betrachtet in der pragmatischen Anstrengung, diese vielfältige und in Gegensätze verwickelte Wirklichkeit bzw. Lebenswelt zu bewältigen. Mögliche Situationen können bspw. Versuche der Selbstbehauptung, Selbstinszenierung, Kompensation, Überanpassung und Stigmamanagements sein (vgl. Goffman 1967, S.133). Abweichendes Verhalten wird nach diesem Konzept als Ergebnis der aufgebrachten Anstrengung in der Situation betrachtet. Diese aufgebrachte Anstrengung muss demnach als autonome Handlungen der Menschen respektiert werden. Nach Grunwald und Thiersch ist der Aspekt des Respekts zwar sehr wichtig, birgt jedoch auch Gefahren. Denn „die im Respekt liegende Zurückhaltung in Bezug auf Destruktion und den Entwurf von Optionen kann dazu dienen, sich vorschnell zu entlasten“ (Grunwald, Thiersch 2006, S.146).

Die Lebenswelt lässt sich in unterschiedliche Lebensräume oder Lebensfelder unterteilen, in welchen die Menschen sich bewegen und agieren. Diese Lebensräume sind bspw. die Familie, die Arbeit, der Sportverein oder der Freundschaftskreis (vgl. Obert 2001, S.124). Die lebensweltlichen Erfahrungen, die in den Lebensräumen gemacht und gesammelt werden, können sich ergänzen, aber auch blockieren und so Traumatisierungen oder Verletzungen herbeiführen. Das Konzept der Lebensweltorientierung versucht die bestehenden Verhältnisse innerhalb der Lebensräume zu rekonstruieren, Probleme bei der Anpassung und Vermittlung zwischen den Bereichen aufzuzeigen, die im Lebenslauf erworbenen Ressourcen aufzudecken und eine Sensibilität für solche Situationen bei den Menschen erreichen.

Das Konzept der Lebensweltorientierung kann darüber hinaus als ein normativ-kritisches bezeichnet werden. Es besteht nämlich eine Doppeldeutigkeit bei der Bewertung von Deutungen und Handlungsmuster, welche das Konzept der Lebensweltorientierung aufzuzeigen versucht. Die Menschen nehmen diese Deutungen und Handlungsmuster oft als widersprüchlich war, da sie ihnen auf der einen Seite Entlastung in Form von sozialer Sicherheit und Identität gibt, aber auf der anderen Seite als einengend, ausgrenzend oder sogar blockierend empfunden werden. Wenn sie eher als Entlastung empfunden werden, kann dies eine optimale Voraussetzung für Phantasie und Kreativität darstellen. Doch wenn sie als einengend erfahren werden, können Menschen mit Trauer, Protest oder traumatisierenden Gefühlen reagieren. Hinter diesen Zuständen stecken tiefgreifende Gefühle bzw. Zustände des Gelingenden und Verfehlten in der Lebenswelt, welche durch den normativ-kritischen Zugang zum Konzept der Lebensweltorientierung aufgedeckt werden sollen.

Ein weiterer wichtiger Zugang zu der Rekonstruktion der Lebenswelt beinhaltet die Annahme, dass die Lebenswelt auch ein historisches und sozial konkretes Konzept darstellt. Die Basis dieses Zugangs bildet die Aussage, dass die Wirklichkeit durch gesellschaftliche und historisch gewachsene Strukturen bestimmt ist, welche in der Lebenswelt aufeinandertreffen. Um die Lebenswelt des Individuums umfassend rekonstruieren zu können, ist daher ein Blick auf die Schnittstelle zwischen dem Objektiven und Subjektiven, also dem gesellschaftlichen Hintergrund und dem lebensweltlichen Vordergrund, notwendig.

In einem eher neuen Zugang sollen die Ungleichheiten und Widersprüche, die durch neue gesellschaftliche Anforderungen wie bspw. Pluralisierung und Individualisierung entstehen, analysiert werden. Dadurch sollen zusätzliche Überforderungen und Belastungen der Menschen erkannt werden (vgl. Obert 2001, S.126). Denn durch solche gesellschaftlichen Anforderungen entstehen unvermeidlich auch zunehmende Ungleichheiten. Mit Ungleichheiten werden in dem Kontext nicht nur materielle Ungleichheiten gemeint, sondern auch soziale Ungleichheiten, Ungleichheiten bezüglich Bildung und Teilhabe und Ungleichheiten beim Zugang zu gesundheitsbezogenen oder sozialen Hilfsangeboten. Ob ein Mensch von diesen Ungleichheiten betroffen ist oder, andersherum, von ihnen profitiert, hängt unter anderem von Faktoren wie nationale Zugehörigkeit, Lebensalter und dem Geschlecht ab. Dennoch hinterlassen alle diese Ungleichheiten Spuren in den Lebenswelten der Menschen und führen demnach zu verschiedenen Handlungs- und Deutungsmustern, Belastungen und Überforderungen (vgl. ebd.). Das Konzept der Lebensweltorientierung versucht solche negativen Konsequenzen bei den Menschen zu erkennen und einzubeziehen.

2.3 Dimensionen der Lebensweltorientierten Arbeit

Nachdem im letzten Unterkapitel die Rekonstruktion der Lebenswelt umrissen wurde, soll in einem nächsten Schritt analysiert werden, wie die Erkenntnisse für die Arbeit genutzt werden können. Thiersch, Grundwald und Köngeter haben dafür insgesamt sechs Dimensionen Lebensweltorientierter Arbeit zusammengestellt.

Die „erfahrene Zeit“ ist in den Texten von Thiersch, Grunwald und Köngeter die erste Dimension, die in der Lebensweltorientierten Arbeit stattfindet. In den brüchigen Lebensverhältnissen moderner Gesellschaften ist sowohl die Vergangenheit und Zukunft der Menschen von Unsicherheiten geprägt (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S.187f.). Damit diese jedoch als positive Chancen betrachtet und genutzt werden, brauchen die Menschen eine gewisse Lebensbewältigungskompetenz. Da die Zukunft unvorhersehbar ist und vorbestimmte Lebensläufe immer seltener werden, gewinnt die Gegenwart an Bedeutung. Die Lebensweltorientierte Arbeit sollte an der Gegenwart des Menschen anschließen, damit die Mittel der Lebensbewältigung erlernt werden können (vgl. ebd.).

Als zweite zu berücksichtigende Dimension wird der „erfahrene Raum“ benannt. Hierfür muss eine genaue Betrachtung der Lebens- und Sozialräume vorgenommen werden, da dies ein Aufzeigen von Auswegen oder Alternativen zu den als problematisch erkannten Strukturen ermöglichen kann. Die Menschen werden in ihren räumlichen Verhältnissen und in ihrer spezifischen Wahrnehmung des Raumes betrachtet, der je nach Lebenssituation sehr unterschiedlich sein kann (vgl. ebd.). Diese Dimension ist sehr wichtig bei der Erschließung von vorhandenen Ressourcen des Menschen, aber auch bei dem Zugänglichmachen von neuen Ressourcen.

Die dritte Dimension beschreibt die sozialen Bindungen, die ein Mensch hat. Diese sozialen Bindungen oder Beziehungen können nämlich sowohl Ressourcen, als auch Spannungen beinhalten (vgl. ebd.). Die Lebensweltorientierte Arbeit versteht den Menschen demnach nicht als isolierte Person, sondern als eine in ein soziales Geflecht eingebundene Person. Die darin auftretenden Spannungen und Möglichkeiten können dann genutzt werden. Eine gemeinsame Arbeit mit den Bezugsgruppen spielt demnach auch eine wichtige Rolle.

Unter Berücksichtigung der drei zuvor genannten Dimensionen geht es bei der vierten Dimension darum, den Blick auf die alltäglichen Bewältigungsaufgaben der Menschen zu richten (vgl. ebd.). Dabei geht es insbesondere um die Herstellung einer sinnvollen Alltagsstrukturierung in Form von überschaubaren, transparenten und klaren Strukturen. Beispiele hierfür wären Ordnung im Haushalt, Strukturierung des Alltags und Transparenz der Finanzen.

Die fünfte Dimension beinhaltet die Anleitung zur Selbsthilfe. Der Mensch wird hier demnach als handelndes Subjekt erfahren und nicht als passiver Adressat. In dieser Dimension soll der Mensch dazu ermutigt werden, seine eigenen Stärken zu erkennen und zu nutzen (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S.187f.). Maßnahmen, die hier an Bedeutung gewinnen, sind die Aneignung von Selbstbestimmung und Autonomie.

Bei der sechsten und letzten Dimension der Lebensweltorientierten Arbeit wird auf die Lebenswelt bestimmenden gesellschaftlichen Probleme und auf politisches Agieren verwiesen (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S. 188). Hinter individuellen Problemen stehen i.d.R. gesellschaftliche Probleme, die es von der Lebensweltorientierten Arbeit aufzudecken und zu bekämpfen gilt.

Anhand dieser Dimensionen wird deutlich, wie vielschichtig und kompliziert das Konzept der Lebensweltorientierung aufgebaut ist und wie kompetent damit umgegangen werden muss, um die Probleme und Schwächen des Menschen in seiner Lebenswelt zu erkennen und ihm Handlungsweisen an die Hand zu geben die ihm dabei helfen sollen, diese auszugleichen. Dabei muss die Lebenswelt des Betroffenen respektiert werden und seine Autonomie darf nicht eingeschränkt werden, da er sonst handlungsunfähig wird (Grunwald/Thiersch 2006, S.145). Ziel des Konzeptes ist es jedoch, die Handlungsfähigkeit individuell zu optimieren und nicht einzuschränken.

2.4 Handlungsmaxime der Lebensweltorientierten Arbeit

Die in dem letzten Unterkapitel genannten Dimensionen bilden die Grundlage der Lebensweltorientierten Arbeit. Nach Thiersch, Grunwald und Köngeter bestand die Notwendigkeit, dieses theoretische Fundament um eine Reihe von Handlungsmaximen zu erweitern, da diese maßgeblich ist für die praktische Arbeit mit den Menschen ist. Daher haben sie fünf Handlungsmaxime definiert, die in der praktischen Arbeit als Leitsätze dienen können (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S.188).

Die erste Handlungsmaxime verbirgt sich hinter dem Begriff der Prävention. Die Maßnahmen der Prävention zielen „auf die Stabilisierung und Inszenierung belastbarer und unterstützender Infrastrukturen und auf Bildung und Stabilisierung allgemeiner Kompetenzen der Lebensbewältigung“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S. 188). Es sollen also bereits vorhandene unterstützende Infrastrukturen stabilisiert werden, indem eine Vermittlung von Lebensbewältigungskompetenzen stattfindet. Dies geschieht in begleitenden und unterstützenden ambulanten Einrichtungen. Durch eine geeignete Prävention sollen zukünftige Konflikte oder Krisen in der Lebenswelt vermieden werden, da die Menschen dabei lernen sollen, wie diese Krisen besser bewältigt werden können. Es werden diverse Hilfeangebote bereitgestellt, welche den Hilfesuchenden eine allgemein stabile Lebensgestaltung ermöglichen können.

Als zweite Handlungsmaxime wird die Alltagsnähe definiert, welche auf verschiedene Weisen verstanden werden kann. Alltagsnähe bedeutet zum einen, dass der Anbieter regional erreichbar sein muss und auch, dass der Anbieter sich an den Alltag der Hilfesuchenden anpassen muss (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S.189). Wenn der Anbieter sich bspw. an Kinder und Jugendliche richtet, sind Öffnungszeiten innerhalb der Schulzeiten nicht gerade von Vorteil. Es müssen also offene, entgegenkommende und insbesondere niedrigschwellige Angebote geschaffen werden. Des Weiteren muss der Hilfesuchende ganzheitlich und situationsbezogen, also in seinem Alltag eingebettet, betrachtet werden, da jeder Mensch durch ineinander verwobene individuelle, soziale und politische Faktoren beeinflusst wird (vgl. ebd.). Denn manchmal liegt das Problem nicht bei dem Hilfesuchenden selber, sondern bei einem System, das dahintersteht. Es muss demnach eine ganzheitliche Orientierung entlang der Lebenserfahrungen und auch Lebensdeutungen der Menschen stattfinden.

Eine weitere Handlungsmaxime ist die der Dezentralisierung bzw. Regionalisierung, d.h der Sozialraumorientierung. Hier soll erreicht werden, dass immer mehr Hilfeangebote in bereits vorhandene regionale Einrichtungen, wie z.B. Schulen, Heimen, Vereine etc., integriert werden, wie es auch das Prinzip der Alltagsnähe fordert. Das Prinzip der Dezentralisierung bzw. Regionalisierung geht jedoch weiter und fordert darüber hinaus, dass die angebotenen Hilfeangebote in die konkreten lokalen Gegebenheiten angepasst werden Das Ziel dahinter ist die Verhinderung von weiteren überregionalen Großeinrichtungen und die Stärkung der regionalen kleinen Einrichtungen (vgl. ebd.).

Hinter der Handlungsmaxime Integration steckt die Forderung, dass es keine speziellen Angebote und Hilfen geben darf, die eine Gruppe von Menschen verdrängt oder ausschließt. Somit zielt sie „auf eine Lebenswelt ohne Ausgrenzung, Unterdrückung und Gleichgültigkeit, wie sie sich in unserer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft zunehmend ausbilden“ (Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S.189). Es darf also bei der Erstellung von Angeboten keine Unterscheidung zwischen hilfesuchenden Menschen und nicht hilfesuchenden Menschen gemacht werden. Als Beispiel dienen Heime oder Schulen für „Schwererziehbare“, „geistig Behinderte“ oder „Lernbehinderte“. Dafür müssen die gegebenen Angebote und Hilfen jedoch so gestaltet und ausgelegt sein, dass sie für alle Menschen geeignet sind, ganz im Sinne der Gleichwertigkeit. Das übergeordnete Ziel ist die respektvolle und offene Anerkennung aller individuellen Unterschiede zwischen den Menschen. Thiersch, Grunwald und Köngeter betonen zudem die Bedeutung hinter dem Begriff der Integration, in welcher die bestehenden und natürlichen kulturellen und personellen Unterschiede zwischen den Menschen anerkannt und bejaht werden (vgl. ebd.).

Eine weitere wichtige Handlungsmaxime verfolgt das Prinzip der Partizipation. Die Lebensweltorientierte Arbeit betrachtet Menschen als Subjekte ihres eigenen Lebens, d.h. dass Menschen ihr eigenes Leben nach ihren Wünschen gestalten. Ein wichtiger Teil dieser Lebensgestaltung ist die Partizipation, also die Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben. Dies beinhaltet, dass Menschen an den sie betreffenden Angelegenheiten mitbestimmen sollen, indem sie sich bspw. an der Erstellung und Umsetzung von Hilfsangeboten beteiligen. Ziel dieser Handlungsmaxime ist die Vermittlung eines Gefühls von Selbstverantwortung, Selbstwert, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung über das eigene Leben (vgl. Thiersch/Grunwald/Köngeter 2012, S. 189f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Autismus-Spektrum-Störungen und die Bedeutung der Lebensweltorientierung für die Freizeitbegleitung
Untertitel
Gesetzliche Grundlagen der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1.7
Autor
Jahr
2019
Seiten
41
Katalognummer
V513207
ISBN (eBook)
9783346106902
ISBN (Buch)
9783346106919
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autismus, Lebensweltorientierung, SGB VIII, Autismus-Spektrum-Störung, Eingliederungshilfe, Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Thiersch
Arbeit zitieren
Sarah Pelkmann (Autor), 2019, Autismus-Spektrum-Störungen und die Bedeutung der Lebensweltorientierung für die Freizeitbegleitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513207

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