Kafka und Lacan. Mechanismen und Strukturen für die Rätselhaftigkeit von Kafkas Werken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lacan: Die strukturale Psychoanalyse
2.1 Lacan und die Sprache
2.2 Lacan und das Subjekt
2.3 Zusammenfassung

3. Kafka: Ein Bericht für eine Akademie
3.1 Rotpeters Identität
3.2 Sprache und Identität

4. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Als Franz Kafkas Erzählung Ein Bericht für eine Akademie erstmals im November 1917 in Martin Bubers Zeitschrift Der Jude erschien, kommentierte Max Brod sie als „genialste Satire auf die Assimilation, die je geschrieben worden ist!“.1 Nach Brods Ansicht handelt es sich bei Kafkas Erzählung um ein Werk, das vordergründig einen politischen Gehalt hat und soziale Missstände ironisch verfremdet dem Leser vor Augen führt. Eine solche Interpretation - der im Kern die Voraussetzung zugrunde liegt, dass der Protagonist (der Affe Rotpeter) symbolisch für die Juden stehe und ihren Anpassungszwang wider­spiegle - liegt durchaus auf der Hand, wenn man der intertextuellen Spurensuche Kre­mers folgt.2 Teilt man jedoch die Auffassung Brechts, dass Kafka „eine Ikone des unend­lich Rätselhaften und unaufklärbar Tiefgründigen ist“, reichen intertextuelle Bezüge zur Erklärung der kafkaesken Rätselhaftigkeit nicht aus.3 Denn die Schwierigkeiten und Probleme, vor denen man als Kafka-Interpret steht, ergeben sich weniger aus texttrans­zendenten als vielmehr aus textimmanenten Gründen. Zu nennen wären unter anderem paradoxe Handlungsstrukturen und Formulierungen, Auslassungen, Mehrdeutigkeiten oder Brüche in der Logik sowie die typische Selbstreferentialität kafkascher Texte, die eine kaleidoskopartige Interpretationsvielfalt generieren und dafür sorgen, dass sich Kafkas Werke einer eindeutigen Interpretation beziehungsweise einer Reduktion des Sinns auf bestimmte Interpretationsaspekte widersetzen.

Anstatt Kafkas Werke auf eine bestimmte Bedeutung hin festlegen zu wollen, was einer Sisyphosarbeit oder einer unendlichen Odysee gleichen würde, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, welche Mechanismen und Strukturen dafür verantwortlich sind, dass die für Kafkas Werke typische Rätselhaftigkeit überhaupt erst zustande- kommt. Eine solche textimmanente Analyse soll anhand der Erzählung Ein Bericht für eine Akademie unter Rekurs auf die strukturale Psychoanalyse Jacques Lacans vorge­nommen werden. Der Aufbau der Arbeit ist so konzipiert, dass als erstes die strukturale Psychoanalyse Lacans vorgestellt werden soll (Kapitel 2), bevor sie anschließend fruchtbar gemacht wird für die Analyse des Berichts (Kapitel 3). Die Theorie Lacans eig­net sich zur Untersuchung der Funktionsweise von Kafkas Texten besonders gut, weil zwischen beiden Autoren überaus auffallende Parallelen bestehen. Sowohl ihre theoreti­schen Ansichten als auch ihr schriftliches Schaffen sind in vielerlei Punkten verblüffend ähnlich. So stimmen etwa ihre Ansichten bezüglich des Subjekts, des Sinns von Texten und der Sprache in den wesentlichen Punkten überein und darüber hinaus sind auch die charakteristischen Merkmale ihrer Werke trotz der unterschiedlichen Art von Textpro­duktion nahezu identisch:

Das Gesamtwerk von Lacan entzieht sich dem Postulat von Geschlossenheit, Eindeu­tigkeit und Linearität. Strenggenommen gibt es in den Schriften keinen Anfang und keinen Abschluß, keine Kontinuität, die sich fortschreibt und keine Präsenz, die auf Dauer verweilt, kein Zentrum des Sinnes und keine zugrundegelegte Wahrheit. Sie lassen sich vielmehr charakterisieren als Praktizierung eines subversiven Diskurses, der im Spiel von Andeutungen und Querverweisen, von Brüchen und Differenzen vor jeder Verfestigung und Identifizierung, vor jedem Haschen nach Ganzheit und Effektivität bewahren will. Lacan betont diesbezüglich: „[...] Die Spitze an Sinn, man spürt es, ist das Rätsel.“4

Diese Charakterisierung des Werkes von Lacan trifft ebenso auf Kafkas Gesamtwerk und im konkreten Fall auch auf seine Erzählung Ein Bericht für eine Akademie zu. Die Praktizierung eines subversiven Diskurses, Andeutungen, Querverweise, Brüche und Differenzen sind nicht nur wesentliche Bestandteile des Berichts, sondern auch Gegen­stand und Mittel der lacanschen Theoriebildung. Beide Autoren stellen auf ihre je eigene Weise die traditionelle Hermeneutik und die mit ihr verknüpfte Idee der Sinnfindung und der Sinnhaftigkeit literarischer Werke bzw. sprachlicher Ausdrücke im Allgemeinen radikal infrage. Der radikale Bruch mit der Hermeneutik ist das Ergebnis einer ganz an­deren Auffassung von Subjekt und Sprache, die von Lacan theoretisch ausgearbeitet und von Kafka bereits zuvor in literarische Praxis umgesetzt wurde. Fasst man das Subjekt als den zentralen Gegenstand der Psychologie auf und die Sprache als den der Linguistik, so hat man die beiden Disziplinen vorliegen, die von Lacan zur strukturalen Psychoana­lyse synthetisiert worden sind und die in ihren theoretischen Ansätzen auch eine zentra­le Bedeutung für die Erzählung Ein Bericht für eine Akademie haben, da es sowohl um die Frage nach der Identität, der Sozialisation und Selbstverwirklichung des Subjekts geht als auch um die Frage, welche Rolle dabei das Wissen (das grundsätzlich sprachlich be­schaffen ist) für das Subjekt spielt. Anhand der beiden zentralen Begriffe Sprache und Subjekt soll im Folgenden die strukturale Psychoanalyse vorgestellt werden.

2. Jacques Lacan: Die strukturale Psychoanalyse

Das Neuartige der strukturalen Psychoanalyse Lacans besteht darin, dass er die theore­tischen Konzeptionen des Strukturalismus und die Psychoanalyse Freuds konstruktiv miteinander verbindet.5 Unter Rückgriff auf Saussures sprachwissenschaftliche Unter­suchungen, die von Lacan entscheidend modifiziert wird, gelangt er zu einer völlig neu­en Sprachauffassung und bedient sich ihrer als Grundlage, um die Freudsche Theorie der menschlichen Psyche ebenfalls grundlegend zu verändern. Der Sprachtheorie Lacans kommt von daher eine besondere Rolle zu, denn sie ist sowohl der Dreh- und Angel- als auch der Ausgangspunkt seines gesamten Denkens. Deshalb soll im folgenden Kapitel (2.1 Lacan und die Sprache) zunächst Lacans Sprachtheorie vorgestellt werden, um im Anschluss (2.2 Lacan und das Subjekt) einen Blick auf die Auswirkungen dersel­ben auf seine Subjektkonzeption werfen.

2.1 Lacan und die Sprache

Nachdem Lacan am 3. Dezember 1969 in Vicennes einen Vortrag vor rund 800 Studen­ten hielt, wurde ihm in der anschließenden Diskussionsrunde Folgendes entgegnet: „Wenn wir denken, daß wir durch Anhören von Lacan, Foucault oder einem anderen die Mittel erlangen, um die Ideologie zu kritisieren, die wir herunterwürgen sollen, so fin­gern wir uns bloß selber im Auge herum. Ich behaupte, daß wir draußen die Mittel zu suchen haben, um die Universität in die Luft zu jagen.“ Woraufhin Lacan erwiderte: „Aber das Außen wovon? [...] Wenn ihr hier herausgeht, dann werdet ihr zu sprechen fortfahren, also werdet ihr fortfahren, drinnen zu bleiben.“6

So sehr dieser Dialog auch den Anschein erwecken mag, aus einer Komödie entnom­men worden zu sein, enthält er einen für Lacans Denken wesentlichen Aspekt: die Un- hintergehbarkeit der Sprache. Für Lacan ist der Rahmen, in dem sich das menschliche Subjekt immer befindet, in dem es agiert, handelt, denkt und spricht, die Sprache. Die Sprache, so könnte man in Anlehnung an Kant formulieren, ist für Lacan die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, weshalb ihre Untersuchung allein Aufschluss über das denkende Subjekt und die Welt geben kann. Es handelt sich hierbei um eine Einsicht, die im Zuge des linguistic turn den Wissenschaftsdiskurs des 20. Jahrhunderts dominierte - von Lacan jedoch in entscheidender Weise zugespitzt wird. Denn die Unhintergehbar- keit der Sprache führt Lacan zu der Auffassung, dass eine Bindung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und dem von ihm Bezeichneten in Wirklichkeit nicht besteht, sodass die sprachphilosophischen Antworten auf die Frage nach der Bedeutung (Refe­renz) in Lacans Augen notwendigerweise ihr Ziel verfehlen. Waren Signifikat und Signi­fikant bei Saussure noch durch ein arbiträres Band miteinander verbunden, geht Lacan davon aus, dass sie durch eine unüberbrückbare Kluft voneinander getrennt sind.7

Mit dieser radikalen Trennung zwischen Signifikant und Signifikat weist Lacan jegliche Repräsentationstheorie der Sprache zurück. Die Sprache steht nicht für etwas, sondern nur für sich. Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke kann somit nicht in etwas Außer­sprachlichem liegen, sondern muss eine sprachinterne Erklärung haben. Für Lacan ist die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nichts Statisches, sondern prozesshaft und des­halb im ständigen Fluss. Mit dem prozesshaften Charakter der Sprache ist nicht der his­torische Bedeutungswandel sprachlicher Ausdrücke gemeint, sondern der Umstand, dass sich die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht angeben lässt. Dies liegt daran, dass nach Lacan jeder Signifikant seine Bedeutung lediglich durch seine Differenz zu anderen Signifikanten erhält. Da die Differenz jedoch unendlich iterierbar und deshalb ein unabschließbarer Vorgang ist, kann der Bedeutungsprozess niemals zu einem Ende gelangen.8 Die Bedeutung, der Sinn von sprachlichen Ausdrücken verflüchtigt sich somit in einem Spiel von Differenzen, in dem wir uns lediglich von einem Signifikanten zum anderen begeben können, ohne jemals zu den Objekten zu gelangen, für die sie ver­meintlich stehen: „Nicht darin liegt der Effekt des Signifikanten, daß er Inhaltsschwere besitzt oder an sich Bedeutung hat, sondern einzig und allein in seiner Verweisung auf etwas anderes, das seinerseits ein Signifikant ist.“9

Indem Lacan die traditionelle Konzeption der Bedeutung bzw. den für die Hermeneutik so zentralen Begriff des Sinns leerlaufen lässt, erscheinen Missverständnisse, Unge­reimtheiten oder unverständliche Aussagen in einem ganz anderen Licht, denn sie sind in Lacans Sprachtheorie nicht Ausnahmen oder das Resultat eines falschen Gebrauchs von Begriffen, sondern das charakteristische Merkmal der Sprache schlechthin. Für Lacan ist es eine essentielle Eigenschaft der Sprache, dass sie Sinnlücken aufweist. Dies gilt sowohl für literarische Werke als auch für jegliche andere Form von schriftlicher Produktion oder mündlicher Kommunikation. Mit Humboldt gesprochen: „Alles Verste­hen ist [...] immer zugleich ein Nicht-Verstehen“ (VII 65).10

Die Distinktion zwischen Sprache und Realität ist die Grundlage, auf der Lacan die Freudsche Psychoanalyse neu interpretiert. Im Folgenden soll dargelegt werden, welche Konsequenzen Lacan aus seiner Sprachtheorie für die Konzeption des Subjekts zieht.

2.1 Lacan und das Subjekt

Lacans Auffassung vom Verhältnis zwischen Subjekt und Sprache unterscheidet sich in radikaler Weise von der abendländischen Tradition, in der die Sprache als Organon be­griffen wurde. Diese auf Aristoteles zurückgehende Auffassung von der Sprache, welche über die Jahrhunderte immer wieder reformuliert und modifiziert worden ist, ohne da­bei im Kern eine Veränderung erfahren zu haben, zeichnet sich dadurch aus, dass die Sprache als ein Werkzeug betrachtet wird, dessen sich der Mensch vermöge seines Lo­gos nach Belieben bedient, um seine Vorstellungen intersubjektiv nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen. Diese dem vortheoretischen Verständnis von Sprache entspre­chende Auffassung lehnt Lacan ab und kehrt das in ihr zum Ausdruck gebrachte Ver­hältnis zwischen Subjekt und Sprache um:

An sich selbst repräsentiert und organisiert das Spiel des Symbols unabhängig von den Besonderheiten seines menschlichen Trägers dieses Etwas, das sich ein Subjekt nennt. Das menschliche Subjekt zettelt dieses Spiel nicht an, es nimmt in ihm seinen Platz ein [...]. Es ist selbst ein Element in dieser Kette, die sich, sobald sie entrollt wird, gesetzmäßig organisiert. Auf diese Weise ist das Subjekt immer auf mehreren Ebenen, einbezogen in sich durchflechtende Netze.11

[...]


1 Kilcher, Andreas; Kremer, Detlef: Die Genealogie der Schrift. Eine transtextuelle Lektüre von Kafkas Bericht für eine Akademie, Würzburg 2004, S. 64.

2 Vgl. ebd.

3 Brecht, Christoph: Ein Fall für sich. Kafkas befremdliche Modernität, Würzburg 2004, S 18.

4 Pagel, Gerda: Lacan: Einführender Überblick über einen schwierigen Denker und Erörterung einiger Kriti­ken und Kontroversen, Frankfurt am Main 1992, S. 32f.

5 Geisenhanslüke, Achim: Einführung in die Literaturtheorie, Darmstadt 2003, S. 75f.

6 Taureck, Bernhard H. F.: Einleitung. Die Psychoanalyse zwischen Empirie und Philosophie, Frankfurt am Main 1992, S. 28.

7 Saussure, Ferdinand de: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin 1957, S. 78f.

8 Vgl. Geisenhanslüke, Achim: Einführung in die Literaturtheorie, Darmstadt 2003, S 78.

9 Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, Hamburg 1999, S. 43.

10 Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Sprachphilosophie, Darmstadt 1969, S. 439.

11 Lacan, Jacques: Das Seminar. Buch II, Berlin 1991, S. 245.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kafka und Lacan. Mechanismen und Strukturen für die Rätselhaftigkeit von Kafkas Werken
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V513246
ISBN (eBook)
9783346109682
ISBN (Buch)
9783346109699
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kafka, lacan, mechanismen, strukturen, rätselhaftigkeit, kafkas, werken
Arbeit zitieren
Oliver Victor (Autor:in), 2016, Kafka und Lacan. Mechanismen und Strukturen für die Rätselhaftigkeit von Kafkas Werken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513246

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