Politische Theorien zum Thema Armut und deren Reichweite


Hausarbeit, 2000
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Politische Partizipationstheorien

3. Partizipation, Arme und die Kairoer Verhältnisse
3.1. Partiziptionsbegriff
3.2. Feministisches Forschungsdesign
3.3. Netzwerke
3.4. Fazit

4. Die Theorie Bayats: encraochment

5. Der Kapitalbegriff bei Bourdieu
5.1. Soziales Kapital
5.2. Felder und Habitus
5.3. Kritik an Harders Kapitalkonzeption

6. Connell’s hegemoniale Männlichkeit, ein Versuch
6.1. Die Theorie der hegemonialen Männlichkeit
6.2. Money makes the world go round...
6.3. Was hat das mit Kairo zu tun?

7. Wie entstehen soziale Veränderungen?

8. Literatur

1.Einleitung

„Wofür müssen wir um Verzeihung bitten? Was werden sie uns verzeihen? Daß wir nicht stillschweigend Hungers sterben? Daß wir nicht demütige die gigantische historische Bürde der Mißachtung und Verwahrlosung akzeptieren? Daß wir uns mit Waffen erhoben haben? Daß wir für Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit kämpfen?

Wer muß um Verzeihung bitten, und wer kann sie gewähren?“

Subcomandante Marcos, 18.01.1994

Die folgende Arbeit ist ein Versuch, politische Theorien über Armut, Partizipation und Überlebenstrategien von armen/verletzbaren Gruppen in südlichen Ländern mit neueren soziologischen Erkenntnissen zusammenzubringen. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Hoffnung, die doch manchmal formal anmutenden Theorien der politischen Partizipation zu dynamisieren, sie aus starren Stufenmodellen in sowohl flexible, gleichwohl analytische Vorstellungen überführen zu können, ohne sie der Beliebigkeit anheim zu geben. Dabei ist es ein wichtiges Anliegen, die von Cilja Harders immer wieder angemahnte Betrachtung von Geschlecht als Strukturkategorie systematisch zu berücksichtigen. Dieses soll folgendermaßen vor sich gehen:

Unter (2) werden Entwicklungs- und Partizipationsmodelle skizziert und der spezifische Charakter und die spezifischen Grenzen von ‚Stufenmodellen‘ diskutiert. Unter (3) werden ich ausführlich den Armuts- und Partizipationsbegriff von Cilja Harders unter Fokussierung ihres feministischen Forschungsdesigns darstellen und unter (4) gegen den Begriff von “encroachment” von Bayat interpretieren. Zur Erweiterung des Horizontes und zur Klärung der Vorstellung von Kapital, die in beiden Arbeiten eine wichtige Rolle spielen, werden ich anschließend Bourdieus Kapitalbegriff skizzieren (5). Zur Wendung des geschlechtssensiblen Blickes und zur Konfrontation mit einem weiteren soziologischen Modell verwende ich unter (6) das “Modell der hegemonialen Männlichkeit” von Connell, um sozusagen einen Beitrag aus ‚Männersicht‘ zu der Geschlechterordnung unter neoliberalen Blickwinkel zu leisten. Dieses ist dann Ausgangspunkt, um unter (7) zu einer Diskussion über die Möglichkeiten von sozialer und politischer Veränderung zu gelangen.

Da sich die Arbeit mit der Doktorinnenarbeit von Cilja Harders befaßt, die gleichzeitig die Leiterin des Seminars und damit auch die ‚erste Adresse‘ ist, habe ich mir erlaubt, an einigen Stellen voraussetzungsreich zu schreiben und die Gedanken, die Cilja Harders in ihrer Arbeit verwendet als bekannt vorauszusetzen.

2. Politische Partizipationstheorien

Innerhalb des Seminars, in dessen Zusammenhang auch diese Arbeit entsteht wurden verschiedene Theorien zu Transition, Armut und Partizipation besprochen. Hier soll nun nicht der Ort sein, diese Theorien zu rezipieren, sondern einige gemeinsamen Merkmale herauszuarbeiten. Ich fokussiere dabei in besonderer – und polemischer – Weise die Überlegungen von Huntington/Nelson[1] und Kersting/Sperberg[2] zu Partizipation und von Boss[3] zu Transition. All diese Theorien bemühen sich, durch die Bildung von Kategorien Analyseinstrumentarien zu entwickeln, mit denen Prozesse erfasst werden können. Kersting/Sperberg entwerfen ein Partizipationsmodell, welches grundlegend politische und zivilgesellschaftliche Äußerungen voneinander trennt und entwickeln je dichotome Kriterien für die Analyse von Partizipation. Diese grundsätzliche Trennung geht einher mit einer Hierarchisierung der Partizipationsmöglichkeiten. Die Festlegung von fünf Partizipationsformen bei Huntigton/Nelson kann einerseits für ihre Elitenfixiertheit, andererseits für ihre Staatsbezogenheit kritisiert werden. Boss` Transitionsmodell ist an der Stelle lückenhaft, wo arme/verletzbare[4] Gruppen lediglich als zu mobilisierende Masse in den wissenschaftlichen Fokus genommen werden.

All diesen kategorialen Unterscheidungssystemen liegt zugrunde, dass sie systematisch Grenz-, Nischen- und Randphänomene nicht betrachten. Genau in diesem Bereich spielen sich aber viele Prozesse armer/verletzbarer Gruppen ab. Diese nicht zu erfassen ist nun – so meine These – nicht einfach unglücklich, sondern methodenimanent und läßt sich unter Anderem durch ein patriarchales Verständnis von Wissenschaft erklären. Dazu kommt aber – so die These weiter – dass dieses Phänomen der Blindheit der Wissenschaft mit der Vorstellung, durch ausschließende Kategorien Wirklichkeit rastern und erfassen zu können, verwoben ist. Die Kategorien funktionieren nach Einschluß- und Ausschlußprinzipien. Jedes Phänomen ist einer und auch ausschließlich einer Kategorie zuortbar und muß auch notwendigerweise zugeordnet werden. Deshalb ist es auch nicht ausreichend, die Systeme durch das Vermehren von Kategorien an die Wirklichkeit heranzuführen, sondern die Begriffs- und Denksysteme müssen verschoben werden, um Lebenslagen und Partizipationsmöglichkeiten von armen/verletzbaren Gruppen zu beleuchten. Dieses nicht zu tun, heißt, den hier skizzierten Wissenschaftsbegriff in seinen Ein- und Ausschlußverfahren zu verlängern.

3. Partizipation, Arme und die Kairoer Verhältnisse

3.1. Partiziptionsbegriff

Dieser Vorstellung von Partizipation und Transition, dieser Annahme über Wissenschaftlichkeit stellt nun Cilja Harders einen grundsätzlich anderen Ansatz gegenüber. Ausgehend von einer Kritik an diesen Modellen als geschlechtsblind einerseits und elitenzentriert andererseits, entwirft sie einen sehr weiten Partizipationsbegriff. Dieser soll zusätzlich in der Lage sein, die vorherrschende Polarisierung auf Arme als an sich apathische Masse oder als revolutionäre Kraft zu umgehen. Nach Harders soll der Partizipationsbergriff flexibel und offen sein, Partizipation beinhaltet auch Informalität und Selbstorganisation. Kurz zusammengefasst heißt das, dass „in der vorliegenden Arbeit keine Trennung von sozialer und politischer Partizipation[5] vorgenommen wird.[6] Zusätzlich wird Partizipation als akteursorientiert und handlungsorientiert betrachtet, d.h. Arme werden als strategisch handelnde Menschen gesehen.

Partizipation heißt Teilhabe an sozialen, politischen und gesellschaftlichen Prozessen der Ressourcenallokation ( Ressourcenzuweisung )in der zivilgesellschaftlichen und der staatlichen Sphäre.”[7] In diesem Sinne bezieht sie systematisch die als privat/weiblich und damit ‘unpolitische‘ konotierte Sphäre mit ein.

Parallel zu dem Partizipationsbegriff erfährt auch der Armutsbegriff eine theoretische Wendung. In Zurückweisung rein monetaristischer Ansätze begreift Harders Armut multidimensional, d.h. sie wird neben der Vorstellung von Armut als Mangel an ökonomischen Ressourcen ebenfalls als Prozeß betrachtet, in dem es um die Aushandlung unterschiedlicher Kapitalien geht (vgl. Bourdieu, Kapitel 5)

Zentral ist bei Harders die generelle Annahme, dass Arme partizipieren und dieses oft auf informellem Ebenen stattfindet. Die wichtigste Form dieser Partizipation sind informelle Netzwerke, die neben der ökonomischen auch die symbolische und die politische Dimension mit einbeziehen.

Diese informelle Strukturen ermöglichen Handlungsspielräume, die durch formale Partizipation für arme/verletzbare Gruppen nicht erreichbar sind.

3.2. Feministisches Forschungsdesign

Eine der Gründe für diesen erweiterten Partizipationsbegriff liegt in der Geschlechtsblindheit gängiger Theorien begründet. Die durch die Erweiterung erreichte Geschlechtssensibilität ist aber nicht nur in veränderte Analysekategorien begründet, sondern reiht sich ein in das Projekt feministischer Wissenschaftskritik, das aus einer Kritik von Frauen an den unausgesprochenen Implikationen eines patriachalen Wissenschaftsbegriffes entstanden ist. So sind zentrale Paradigmen der modernen, rationellen, aufklärerischen Wissenschaft wie z.B. die Annahme von Objektivität oder die Trennung von Subjekt (männlicher, weißer, mit Kapitalien versehener Wissenschaftler) und Objekt (das/die zu beforschende Andere) als männlich besetzt und aus einer patriarchalen Denklogik entspringend, entlarvt worden. „ Übereinstimmend mit der Einteilung der Welt in Subjekt und Objekt wird das Wissen in ‚subjektives‘ und ‚objektives‘ Wissen eingeteilt[8]. Dabei gehören auch ‚objektive‘ Vorstellungen über Frauen zu den Verschleierungs- und Herrschaftstaktiken von Wissenschaft. „ As long society is not free from a priori ideas about women (...) the problem (der Gerechtigkeit) will remain unresolved[9].

Diese Wissenschaftskritik mündete in dem Versuch, ein feministisches Forschungsvorhaben zu initiieren, ein Verständnis von Wissenschaft zu erarbeiten, welches diese Trennungen versucht, aufzuheben und die besondere Lage von Frauen zu thematisieren. Über dieses Vorhaben wurde die Kategorie „Frau“ zusehend selber essistenzialisiert und als das Andere, das Emotionalere, Natürlichere, Weiblichere festgeschrieben. Das Projekt Frauenbefreiung wurde zur allgemeinen Leitlinien formuliert. Durch Kritik von Frauen aus südlichen Ländern oder anderen Kulturen, Migrantinnen, women of colour wird die gemeinsame feministische Konstruktion der einheitlichen Kategorie “Frauen” zusehends problematisiert.[10] Die vereinheitlichende Zusammenfassung aller Frauen unter der Losung „Wir Frauen“ wurde als westlich, mittelständisch und heterosexuell entlarvt und gleichzeitig ob der Blindheit gegenüber anderen Unterdrückungsmechanismen wie Klasse, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Gesundheit), in denen Frauen ebenso situiert sind kritisiert.[11]

Die gleiche Art der Konstruktionsbewegung von einheitlichen, dichotomen, hierarchischen Kategorien wie die Konstruktion des Gegensatzpaares Mann-Frau tritt auch bei der Konstruktion des Gegensatzes Westen-Islam auf – wenn auch mit anderen Strategien und anderen Auswirkungen. Edward Said formuliert zu dem Konstruktionsakt des Orients: „ the orient itselfs is an idea that has a history and a tradition of thought, imagery and vocabulary that have given it reality and present in and for the West[12]. Die Ähnlichkeit liegt auf der Ebene, wo durch hegemoniale Diskurse ein ‚Anderes‘ erst konstruiert und unterworfen wird.

Daraus folgt – für Harders - die Forderung nach Intersubjektivität, die aus der Kontextualisierung der Standpunkte und des Forschungszusammenhanges herrührt. Kontextualisierung meint die Offenlegung des Standpunktes, von dem aus untersucht wird, aufzeigen der Entwicklung und Bereitschaft zur Selbstreflexion der Forschenden innerhalb des Forschungsprojektes. Intersubjektivität kann als „ politisch gewendete Dimension von Betroffenheit[13] verstanden werden.

Der ‚Poststrukturalismus‘ (Foucault[14] ) oder dekonstruktivistische Ansätze‘ (Butler[15] ; Derrida) gehen hier weiter und suchen nach Möglichkeiten der Dekonstruktion der die Denktradition des Westens durchziehenden Vorstellung von Dichotomien (Mann – Frau; Orient – Okzident; politisch – privat). Dieses geht einher mit einer harschen Kritik am Konzept der Identität, welches die (Geistes-) Wissenschaft durchzieht. Die Möglichkeit der Identität, des wahren Grundes, der Authentizität, der Allgemeingültigkeit wird mit dem Verweis auf die Konstruktionsmacht von Diskursen und diskursiver Praxis abgelehnt.

Es wird die Ansicht vertreten, dass Erkenntnisse, Wissen immer schon durch Diskurse, durch Sprache strukturiert sind, die niemals außerhalb der Gesellschaft stehen, sondern immer in der Macht verhaftet bleiben. Dieses heißt nun nicht Auflösung oder Beliebigkeit, sondern Suche nach Nicht-Identischem, Suche nach Ambivalenzen, nach Dissidenz. Dadurch sollen die Diskurse verschoben werden.

3.3. Netzwerke

Als entscheidende Partizipationsform für arme/verletzliche Gruppen nennt Harders Netzwerke, die sie am Beispiel verschiedener Kairoer Stadtteile untersucht. Netzwerke werden über Familienzugehörigkeit, Wohnen im gleichen Quartier oder einer gemeinsamen Herkunft gebildet. In Netzwerken wird gemeinsam gespart, Infrastruktur (Wasser, Strom) illegal organisiert, Konflikte verhandelt, Probleme diskutiert, Jobs vermittelt, kurz eine ganz Bandbreite von Aktivitäten zwischen Überlebensmanagement und politischer Intervention kollektiviert.[16]

Die Netzwerke entwickeln sich in der Regel im informellen Bereich, sie sind selten formal organisiert oder registriert. Informell meint dementsprechend die Aktivitäten, die sich dem Staat entziehen und somit zwischen quasi-legal und illegal angesiedelt sind. Gleichzeitig werden in diesen Netzwerken aber staatliche Aufgaben der Ordnung und der Integrität übernommen. Sie sind somit flexible Anpassungsleistungen an die schwierigen Lebensbedingungen, ohne dass sie einen Angriff[17] auf den Staat darstellen.

In Netzwerken werden verschiedene Kapitalien verhandelt, es gibt materielles, soziales oder symbolisches Kapital zu gewinnen[18]. So können über den Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen bessere Jobs erreicht werden, die Erlangung sozialen Ansehens durch erfolgreiches Agieren innerhalb der Netzwerke führt mehr zu mehr Prestige. Diese ‚Kapitalakkumulation‘ funktioniert allerdings immer unter dem Blickwinkel einer „ Ethik der Reziprozität[19], d.h. Menschen, die dauerhaft nichts oder zu wenig in das jeweilige Netzwerk investieren, werden irgendwann aus diesem Netzwerk ausgegrenzt.

Die Netzwerke müssen immer wieder konstruiert und stabilisiert werden. Diese soziale, nicht - monetäre Arbeit wird oft durch Frauen geleistet, um ein Beziehungssystem im Quartier aufzubauen. (Reproduktion, Tausch, soziales Kapital). Im Zuge von Neoliberalisierung und Globalisierung, deren Folgen bis in die squatter Kairos hinein zu spüren sind, verlieren aber diese nicht-monetären Formen von Überlebenssicherung zunehmend an Wertigkeit, da Geld als Tauschsymbol andere Wirtschaftsformen verdrängt.

Die Möglichkeiten für Frauen

Familiennetzwerke und NachbarInnenschaftsnetzwerke stellen für Frauen einen wesentlichen Teil der für sie als legitim zu nutzende Partizipationsform dar. Der Zugang zu dem gesamten Bereich der öffentlichen Sphäre ist für Frauen in Ägypten unterschiedlich streng sanktioniert Ihnen steht aber die ziemlich selbstverständliche Nutzung der privaten Bereich auch anderer Familien zur Verfügung. In Familiennetzwerken werden Heiratsfragen, ökonomische Belange u.ä., die Familie betreffende Angelegenheiten geregelt, NachbarInnenschaftsnetzwerke bieten Möglichkeiten zur Unterstützung, zum Informationsaustausch und zur Konfliktregelung. Sie sind des weiteren eine Adresse für Frauen, die von ihrem Mann mißhandelt oder (finanziell) vernachlässigt werden. Am Beispiel Kairos wird deutlich, dass Frauen von formalen Partizipationsformen oft ausgeschlossen sind. In den Netzwerken wird die patriachale Trennung in die öffentliche/politisch konotierte Sphäre, die Frauen nicht zusteht und die private/unpolitisch konotierte Sphäre, durchbrochen.

Formen der Konfliktregelung

Die Formen der Konfliktregelung werden bei Harders mit dem Begriff der ‚formalisierten Informalität‘ beschrieben. Das bedeutet, das diese Formen zwar informell in dem Sinne sind, dass sie staatliche Lösungswege (Gerichte, Polizei) umgehen, trotzdem aber nicht regellos, sondern formalisiert ablaufen. Besonders deutlich wird dieser doppelte Effekt am Beispiel der Maglis al-`arab (arabische Versammlung), in der prestigeträchtige Männer nach traditionellen Mustern in Konflikten vermitteln. Die Maglis al-`arab erfreut sich durch die Formalisierung einerseits und die große Effektivität andererseits staatlicher Akzeptanz oder sogar staatlicher Beteiligung, z.B. durch die Teilnahme von Polizeioffizieren. In diesen Netzwerken wird soziale Integrationsarbeit geleistet, die der Staat in diesen Bereichen der ägyptischen Gesellschaft nicht wahrnehmen kann oder will.[20] Kleinräumige, weniger institutionalisierte Formen der Konfliktvermittlung, z.B. auf der Quartiersebene werden vom Staat eher als Konkurrenz betrachtet.

Zum Ende verweist Harders darauf, dass die informellen Strukturen zur Konfliktregelung voraussetzungsvoll sind, da soziales Kapital aufgebracht werden muß, um der Regelung Gewicht und Autorität zu verleihen. Andererseits kann durch die erfolgreiche Vermittlung in Konfliktfällen auch soziales und symbolisches Kapital angehäuft werden. Voraussetzungsvoll sind sie auch insofern, dass diese Art von Netzwerken ab der Mesoebene, auf der die Maglis al-`arab angesiedelt ist nur noch Männern mit einer bestimmten homogenen Religionszugehörigkeit zugänglich sind.

MigrantInnenvereine dienen als Beispiel für Netzwerke, die sich über die gemeinsame Herkunft definieren. Hierbei führt Harders MigrantInnen aus Oberägypten an, die sich in Vereinen zusammenschließen, ursprünglich mit der Aufgabe, Beerdigungen zuhause zu organisieren. Heute bieten diese Vereine Computerkurse, soziale Dienste und Krankenstationen an.

Die MigrantInnenvereine können als eine Tendenz zur Retraditionalisierung der Politik gesehen werden, da in ihnen der Vorbestand traditioneller Politik- und Organisationsformen gesichert wird.

3.4. Fazit

Durch das feministische Forschungsdesign der Arbeit gelingt es Harders, im Gegensatz zu den unter 2. skizzierten Theorien, die besonderen Ausdrucksformen, Ressourcen und Partizipationsmöglichkeiten von armen/verletzbaren Gruppen systematisch zu berücksichtigen.

Aus der Kritik an Elitenzentriertheit und Geschlechtsblindheit ergibt sich ein Partizipationsbegriff, der die Trennung politisch-sozial aufhebt. Dadurch wird deutlich:

- Arme partizipieren (oft informell)
- Armut ist multidimensional (Mangel und Prozeß)
- Informelle Netzwerke sind wichtige Partizipationsformen, die neben der ökonomischen auch die symbolische und die politische Dimension mit einbeziehen
- Die Mikro-, Meso- und Makroebene sind miteinander verwoben
- Informelle Strukturen ermöglichen Handlungsspielräume, die durch formale Partizipation nicht erreichbar sind.

Netzwerke erfüllen wichtige Funktionen, sie vermitteln Arbeitsplätze und gewähren einen Informationsfluß, sie tragen zur Sicherung materieller und immaterieller Ressourcen bei, wobei die verschiedenen Kapitalien virulent sind. Darüber hinaus stellen sie einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Überlebensökonomie dar.

Eine Grenze als Partizipationsform haben Netzwerke dadurch, dass sie die sozialen und politischen Verhältnisse nicht verändern und in diesem Sinne nicht zu einem größerem Maß an sozialer Gerechtigkeit innerhalb der Gesamtgesellschaft beitragen. Im oben beschriebenen Sinne passen sie sich flexibel den Verhältnissen und Erfordernissen an und sind in der Lage, Räume zu eröffne, die armen/verletzbaren Gruppen allein oft nicht zugänglich sind. Sie haben oft aber sehr wenig dauerhaft verändernden Gehalt. Trotzdem sind Netzwerke ein Ort, in dem - gerade in repressiven, nicht–demokratischen Regierungssystemen - Kollektivität, Solidarität und Demokratie erprobt werden kann. Dieser Aspekt von Normenbildung ist sicherlich dann auch eine Partizipationsform, die auch im engen Sinne als politisch betrachtet werden kann.[21]

[...]


[1] Vgl. Huntigton/Nelson (1982).

[2] Kersting/Sperberg (1990), S. 185-204.

[3] Boss, Elen, 1996 S. 81-109.

[4] Ich habe häufig, nicht immer, den Begriff ‚arme/verletzbare Gruppen‘ von Harders übernommen, da er mehrdimensionaler und in diesem Zusammenhang auch geschlechtssensibler ist.

[5] Harders (1999), S.100.

[6] Die Nähe dieses Ansatzes zu der feministischen Formel „das Private ist politisch“ ist sicherlich nicht zufällig, sondern gerade dem feministischen Background geschuldet.

[7] Harders (1999), S. 101.

[8] Keller (1998), S. 92, vgl. auch dies., S. 93 ff.

[9] Sa’id, Khalida, zit. nach: Sharabi, Hisham (1990), S. 42.

[10] vgl. Benhabib/Butler et.al. (1993).

[11] vgl. Metropolen(Gedanken) und Revolution? (1991).

[12] Said, Edward (1979), S. 5.

[13] Harders (1999), S. S. 112.

[14] Foucault (1992), das Buch behandelt nicht die Frage nach der Auflösung von Geschlecht, Foucaults Arbeiten sind aber im besonderen Maße geeignet, in Theorien von Macht, Wissen und Diskurse einzuführen und die Veränderungen dieser Begriffe zu beleuchten.

[15] Butler (1995), insbesondere: S.19-49.

[16] wobei kollektiviert hier weniger hierarchiefrei, als gemeinsam heißt. Auf die Hierarchiestrukturen innerhalb von Netzwerken weist z.B. Wedel (1998) mit dem Begriff der „centerwoman“ hin, S. 6.

[17] vgl. im Gegensatz Scott (1985), der die Artikulation von Armen in starker Opposition zum Staat zeichnet.

[18] Zum Kapitalbegriff: vgl. Bourdieu, Kap.5 dieser Arbeit.

[19] Harders (1999), S. 479.

[20] Die spannende Diskussion, ob sich hier hinter ein ‚starker‘ oder ‚schwacher‘ Staat verbirgt, ist im Bezug auf die Frage nach staatlichen Aufgaben einer neoliberalisierten Weltordnung spannend, wird aber nicht hier und im Disko teil nur kurz angerissen.

[21] Vgl. Harders (1999), S. 485.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Politische Theorien zum Thema Armut und deren Reichweite
Hochschule
Universität Hamburg  (Fachbereich Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Die soziale Dimension der Transformation: Armut und politische Partizipation in den Ländern des Südens
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
25
Katalognummer
V51334
ISBN (eBook)
9783638473361
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit setzt sich mit einer Vielzahl von Armuts- und Partizipationstheorien auseinander und blickt mit Gender-Perspektive und Soziologischen Theorien auf Auswege aus der Armut
Schlagworte
Politische, Theorien, Thema, Armut, Reichweite, Dimension, Transformation, Partizipation, Ländern, Südens
Arbeit zitieren
Dr. Jürgen Budde (Autor), 2000, Politische Theorien zum Thema Armut und deren Reichweite, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51334

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