Die Genese der Aleviten


Hausarbeit, 2004

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Genese der Kızılbaş
1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien
1.2. Die Anfänge des Osmanischen Reiches und
Der Bektaşi-Orden
1.3. Der Sufi-Orden der Safawiden in Persien und
seine Auswirkungen auf die anatolische Peripherie
1.4. Die Kızılbaş-Aufstände und ihre Folgen
1.5. Die Kızılbaş und der Bektaşi-Orden

2. Die Aleviten und die türkische Republik
2.1. Die Aleviten und Atatürk
2.2. Die jüngste Vergangenheit

3. Auszüge aus dem religiösen Leben der Aleviten

4. Diskussion und Fazit

Literatur

Einleitung

Das Wort Rotkopf (türk.: Kızılbaş) wird in der heutigen Türkei häufig gebraucht. Es ist abschätzig besetzt mit Eigenschaften wie Rückständigkeit, Ketzertum und sexuellen Ausschweifungen.

Rotkopf bezeichnet aber nicht nur die Vorurteile einer Gesellschaft gegen anscheinend rückständige und ungläubige Elemente in ihren eigenen Reihen, Rotkopf ist die ursprüngliche Bezeichnung der anatolischen Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die in der heutigen Türkei zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Dass diese zweitgrößte türkische Religionsgemeinschaft bis in die letzten Jahrzehnte in der Türkei weniger präsent war als ihr negativ besetzter Name ist nicht unwesentlich Folge ihrer in den letzten Jahrhunderten gepflegten Praktik der takiya (Verstecken, Geheimhaltung), mit der sie ihre Identität vor ihren mehrheitlich sunnitischen Mitmenschen verbargen.

Die takiya ist natürlich kein Selbstzweck, sondern aus einer Notwendigkeit heraus entstanden.

Wie es zur Herausformung einer solchen nach innen gewandten Religionsgemeinschaft kam und um welche Art von Religion es sich hier überhaupt handelt, dem wollen wir im folgenden Kapitel nachspüren.

Um uns ein geeignetes Bild zeichnen zu können werden wir, einigen ausgewählten Autoren folgend, die regionale Geschichte seit dem Beginn türkischer Herrschaftsansprüche in Anatolien bezüglich der zur Herausbildung der Kızılbaş relevanten Faktoren untersuchen.

Denn die Aleviten sind, wie im folgenden verdeutlicht werden soll, nicht nur türkische Minderheit, sondern zugleich Überrest von Vertretern eines speziell türkischen Islamverständnisses.

Einige der typischen alevitischen Attribute aus Religionspraxis und Sozialleben werden sich durch ihren geschichtlichen Entstehungsprozess erklären, in Kapitel 3 werden dann noch einige Einblicke geschaffen in die Grundsätze alevitischer Religiosität.

Das Alevitum hat in der jüngeren Geschichte eine Renaissance erlebt.

Aleviten bekennen sich heute häufiger zu ihrem Glauben. Das hat zum einen mit der Gründung der laizistischen Türkei zu tun, an der Aleviten aktiv mitgewirkt haben und in die sie anfangs große Hoffnung gesteckt hatten. Zum anderen konnte das Alevitum in der Diaspora, besonders in Deutschland, zu neuem Selbstbewusstsein kommen, da sich ein prozentual größerer Anteil der hier lebenden Türken (verglichen mit der Türkei) dem Alevitum zurechnet und hier neue Organisationsformen gefunden hat. Dieses Erstarken fern der Heimat hat wiederum in der Türkei seinen Effekt gezeigt.

Alevitisches Leben kann heute auch in seinem Heimatland wieder öffentlich stattfinden, was nicht heißt, dass es keinen Repressalien mehr ausgesetzt ist.

Auf diese neuere Geschichte des Alevitums werden wir im dritten Kapitel dieser Arbeit knapp eingehen. Das Hauptinteresse soll aber den Entwicklungen seit Ende des 11. Jahrhunderts bis hin zur Gründung der türkischen Republik (1923) gelten.

1. Genese der Kızılbaş

Wie bei allen religiösen Gruppen gibt es auch bei den Aleviten eine Diskrepanz zwischen der eigenen Geschichtsschreibung und den teilweise dieser widersprechenden historischen Quellen. In diesem Kapitel werden wir zum einen die alevitische Sichtweise auf die eigene Geschichte einfließen lassen, wie sie der Autor in der Publikation von Karin Vorhoff (1995) kritisch analysiert vorfand. Mehr Bedeutung freilich soll der sich aus historischen Quellen speisenden Geschichtsschreibung zuteil werden, die für diese Arbeit hauptsächlich aus den Publikationen von Gümüs (2001), Kehl-Bodrogi (1988) und Dressler (2002) referiert wird.

Wie ihr Name schon impliziert, besteht eine enge Bindung der Aleviten an Ali, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Ihre eigene Geschichtsschreibung beginnt folgerichtig bei Mohammed und sie referieren „die proalidische religiöse Tradition, die sich in dieser Hinsicht mit der schiitischen Sicht deckt.“[1]

Die folgenden Jahrhunderte der alevitischen Selbstsicht sind also weitgehend fiktiv bzw. identisch und mit der schiitischen Geschichtsschreibung und tragen noch keine für uns relevanten speziell alevitischen Charakteristika in sich.

Markus Dressler beschreibt in seinem Buch Die Alevitische Religion (2002) den sogenannten Babaî-Aufstand, der um 1240 in Zentral- und Südostanatolien stattfand als einen Ursprung für die alevitische Identitätsbildung.

Dressler sieht den Charakter der Aleviten/Kızılbaş bereits zu einem großen Teil repräsentiert in den frühen Aufständen der anatolischen Peripherie gegen die sie beherrschenden städtischen Hochkulturen.

Im folgenden sollen die Umstände und der Charakter dieser Aufstände beschrieben werden.

1.1. Türkische Verwurzelung in Anatolien

Mit der Errichtung der Dynastie der Rumseldschuken (einem Stamm seldschukischer Turkmenen) 1077 in Kleinasien befand sich Anatolien zum ersten mal in der Geschichte unter türkischer Herrschaft. Regierungssitz dieses neuen Reiches wurde dann 1116, nach einer durch kriegerische Auseinandersetzungen dominierten Zeit, die Stadt Konya.[2]

Eine Folge der neuen Machtsituation[3], aber auch der seit 1219 beginnenden Invasion der Mongolen, war der starke Zuzug turkmenischer und in einem geringeren Maße persischer Stämme nach Anatolien. Die Turkmenen brachten bereits eine unorthodoxe Form des sunnitischen Islam mit nach Anatolien.[4] „Vor allem iranische Gelehrte belebten die Kunst und die Theologie Konyas.“[5] Im städtischen Bereich entwickelte sich fortan also eine Hochkultur, die durch iranische Einflüsse geprägt war und mit der Etablierung des Persischen als Hof- und des Arabischen als Religionssprache sowie der schriftlichen Fixierung von Gesetz und Religion einherging.[6]

Dies stand nun in einem immer drastischeren Gegensatz zum ländlichen Leben.

Hier standen die türkischsprachigen Nomaden, Halbnomaden und Bauern unter dem religiösen Einfluss von wandernden Derwischen, die einen charismaloyalen mündlichen Islam verbreiteten, der sich zudem mit den bereits vorhandenen religiösen Traditionen mischte.[7]

„Im Zuge der türkmenischen Einwanderung nach Kleinasien kamen zahlreiche Derwische aus Mittelasien nach Anatolien, die unter der ländlichen Bevölkerung großes Ansehen als wundertätige, heiligmäßige Männer genossen. Diese wandernden Gottesmänner, deren Glaubensvorstellungen in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zu den Lehren des Hoch-Islam standen, hatten bereits in Mittelasien großen Einfluss auf die Turkvölker entfalten können. Sie waren es, die vom 10. Jahrhundert an den Türken die neue Religion Mohammeds nahegebracht haben.“[8]

Ein Charakteristikum, das die heutigen Aleviten von ihren sunnitischen Mitmenschen unterscheidet, kann hier bereits verortet werden: Während sich im städtischen Leben das soziale Miteinander mehr und mehr auf die Autorität schriftlich fixierter islamischer Dokumente baute, wurde im ländlichen Bereich der Grundsatz verfolgt aus dem eigenen Innern die Weisheit für ein menschliches Miteinander zu schöpfen.

„Dabei basierte die Innenleitung des Beduinen auf der Stammessolidarität, also auf Loyalität gegenüber dem Stamm, der Sippe, respektive deren Anführern.“[9]

Eine Entsprechung bzw. Folge dieses Religionsverständnisses finden wir bei den Aleviten in der (Hacı Bektaş Veli zugeschriebenen) Maxime: „eline, deline, beline sahip olmak“ (Beherrschen der Hände, Zunge, Lende), aber auch in der Ansicht „Yol bir, sürek binbir“(„Einer ist der Weg, aber 1001 die Arten, darauf zu wandeln“).

Eine weit schwerwiegendere Entfremdung fand jedoch im ökonomischen Bereich statt: Während Konya einen hohen Lebensstandart erreicht hatte - und dies nicht zuletzt durch die Steuern und Abgaben, die von der ländlichen Bevölkerung zu begleichen waren - herrschten auf dem Lande schlechte wirtschaftliche Zustände.

Diese Umstände brachten die ländliche Bevölkerung mehr und mehr gegen die sie beherrschende und ihnen fremde Zentralmacht auf. Hinzu kam noch ein bereits als Element ihres religiösen Synkretismus vorhandener Erlöser-(mahdi -)Glaube, der nun in einigen charismatischen Derwischen seine personelle Entsprechung fand.

[...]


[1] Vorhoff 1995, S. 122

[2] Dressler 2002, Seite 28

[3] Zuvor war Anatolien vom byzantinischen Reich beherrscht.

[4] Gümüs 2001, Seite 58

[5] Dressler 2002, Seite 29

[6] Anfangs wurde in Konya auch das heterodoxe Derwischwesen von den Machthabern unterstützt. Dies ließ allerdings zu Beginn des 13. Jahrhunderts nach (siehe: Dressler 2002, Seite 32ff.).

[7] Hierzu Gümüs (2001, Seite 25f.): „Vorseldschukische Nomaden- und Halbnomadenstämme Zentralasiens hatten im Rahmen einer kulturellen Synthese ihres schamanistischen und monotheistischen Himmelsgottglaubens mit islamisch-mystischen, manichäischen, zorastrischen Elementen eine heterodoxe, nichtsunnitische Form des Islam angenommen und mit nach Anatolien gebracht, wo sie auf eine Vielzahl von anderen religiösen Vorstellungen und Kulten trafen, die sie auch zum Teil in ihre Glaubenswelt angenommen hatten.“

[8] Kehl-Bodrogi 1988, Seite 43

[9] Dressler 2002, Seite 61

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Genese der Aleviten
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Religionswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V51347
ISBN (eBook)
9783638473460
ISBN (Buch)
9783656792673
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genese, Aleviten
Arbeit zitieren
Steffen Lasch (Autor:in), 2004, Die Genese der Aleviten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51347

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