Goethes Lyrik im Sturm und Drang

Welche wiederkehrenden Motive sind in "Willkommen und Abschied", "Wandrers Sturmlied" und "Prometheus" zu erkennen?


Hausarbeit, 2019

26 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung
1.1. Sturm und Drang
1.2. Sturm und Drang versus Aufklärung

2.Hauptteil: die Gedichte S.4
2.1. Friederike Brion und die Sesenheimer Lieder
2.1.1. Willkommen und Abschied
2.1.2. Aufbau und Inhalt
2.1.3. Analyse S.7
2.1.4. Zusammenfassung
2.2. Hymnen S.10
2.2.1. Wandrers Sturmlied
2.2.2. Aufbau und Inhalt
2.2.3. Analyse
2.2.4. Zusammenfassung
2.2.5. Vergleich zu Willkommen und Abschied
2.3. Prometheus Sage
2.3.1. Prometheus
2.3.2. Aufbau und Inhalt
2.3.3. Analyse
2.3.4. Zusammenfassung
2.3.5. zusammenfassender Vergleich der Gedichte in Bezug aufwiederkehrende Motive des Sturm und Drang S.20

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit thematisiert die Sturm und Drang-Lyrik des 1749 in Frankfurt geborenen Dichters Johann Wolfgang von Goethe. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den wiederkehrenden Motiven in den drei behandelten Werken, stellvertretend für die Werke Goethes des Sturm und Drang. Innerhalb der wenigen Jahre, in denen die Gedichte Willkommen und Abschied, Wandrers Sturmlied und Prometheus entstanden, lebt der Dichter unter unterschiedlichsten Umständen, die er in seinen Werken verarbeitet. Er wanderte durch das Land, lässt sich nieder, geht zahlreichen Tätigkeiten nach und verliebt sich. Die Untersuchung der Gedichte ist insbesondere deshalb interessant, da die Lebenssituationen Goethes in den Erlebnissen des lyrischen Ichs in den Gedichten auf interessante Art und Weise hervorblitzen. Die Rückschlüsse, die die Werke auf sein Leben ermöglichen, schaffen einen Einblick in Goethes Empfindungen sowohl in privater als auch beruflicher Sache. Die inhaltliche Nähe von Goethes Erlebnissen zu den Inhalten der Gedichte macht die Untersuchung auf wiederkehrende Motive relevant, da Goethe zu den Hauptvertretern des Sturm und Drang gehört und die Motive dieser Epoche maßgeblich prägte.

So unterschiedlich die Umstände während der Entstehung auch sein mögen, weisen die Werke charakteristische Gemeinsamkeiten auf, die hier sowohl im Einzelnen als auch im Gesamtblick auf die Epoche analysiert werden sollen.

Vor der Untersuchung der Werke dient die kurze Erläuterung der Sturm und Drang-Epoche (besonders in Abgrenzung zur vorangegangenen Epoche; der Aufklärung) als thematische Grundlage. Auch im Hauptteil eröffnen entsprechende Informationen zum jeweiligen Werk die Analyse. Auch die Situation Goethes zur Zeit der Entstehung sowie Aufbau und Inhalt werden genauer beleuchtet, um das Gedicht auf wiederkehrende Motive, charakteristische Gemeinsamkeiten und Unterschiede bezüglich der Epoche zu analysieren.

1.1. Sturm und Drang

Die Sturm und Drang-Epoche wird auf maximal zwei Jahrzehnte, von 1765-1785, datiert. Das Einordnen von Gedichten und Werken in Epochen sind stets Ordnungsversuche der späteren Generationen, um „historische […] Phänomene in überschaubare Einheiten“1 zu gliedern. Die Schaffenden schrieben dementsprechend nicht bewusst im Stil der Epoche -vielmehr gab es eine mentale Strömung, Tendenz oder Haltung zu einem Sachverhalt, welche die Dichter in ihren Werken zum Ausdruck brachten: „Weder die Zeitgenossen noch die Autoren selbst hatten das Bewusstsein von der Selbständigkeit und Einheit dessen, was wir heute Sturm und Drang-Epoche nennen.“2 Die Bewegung des Sturm und Drang spielte sich hauptsächlich in Kreisen junger Autoren ab. Sie neigten zum „Nichtorganisierten, Spontanen, […] gemeinsame[n] Reisen und Erleben“3, was ganz im Gegensatz zum organisierten und rationalen Verhalten der Aufklärung steht. Mit der freien, träumerischen und gleichzeitig reißenden Literatur des Sturm und Drang öffnete sich dem lesenden Publikum eine Tür zur Horizonterweiterung, denn die Werke des Sturm und Drang verkörperten andeutungsweise das, was in der strengen Aufklärung verboten war, offen zum Ausdruck zu bringen.4 Ermöglicht wurde dies unter anderem durch die Vorarbeit der Aufklärung – es schaffte überhaupt erst einen „Bewusstseinsstand“5, mit dem die Stürmer und Dränger umzugehen wussten. Dramatiker sahen ihr Vorbild des Sturm und Drang in William Shakespeare, während die Lyriker weniger von einem Vorbild geleitet und inspiriert, sondern vielmehr von den gesellschaftlichen Fesseln angetrieben wurden, sich entsprechend auszudrücken.6

Die Sturm und Drang-Epoche ist eine rein literarische Epoche, lässt sich nicht auf Musik oder Architektur oder ähnliches übertragen und ist spezifisch deutsch. Schlagwörter des Sturm und Drang sind: das Ich, Selbstbestimmung, Autonomie, die Unvergleichbarkeit des Individuum, Gefühl statt Vernunft, „Natur, Liebe, Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit [sowie] Drang nach Tätigkeit.“7 Die Epoche zeichnet sich besonders durch den „unmittelbare[n] Gefühlsausdruck, zumeist des Liebes und Naturerlebens, in einer unkonventionellen, oft volksliedhaften schlichten oder – wie in den freien Rhythmen – kühn übersteigernden Sprache“8 aus. Die unmittelbare Verkörperung der Empfindungen und Erlebnisse in Werken des Sturm und Drang wird oft unter dem Begriff Erlebnislyrik zusammengefasst.

1.2. Sturm und Drang versus Aufklärung

Die Epoche des Sturm und Drang muss sich oft gegenüber der Aufklärung als selbständig entwickelte Epoche beweisen. Es wird ihr unterstellt, sich „in Opposition zu[r] [Aufklärung] entwickelt [zu] habe[n]“9 dabei wird teilweise der Begriff Gegenbewegung oder Gegensatzpaar10 verwendet, da sich die Sturm und Drang-Epoche während der Aufklärung entfaltete und sich in ihren Idealen und Perspektiven deutlich von der vorangegangenen Epoche unterschied11: Die nur wenige Jahrzehnte andauernde „Sturm und Drang [-Epoche kann] nicht als Gegenbewegung gegen die Verstandskultur der [beinahe ein Jahrhundert andauernden] Aufklärung erklärt werden, sondern muss als Fortführung, Weiterentwicklung, Ausweitung aufklärerischer Tätigkeiten begriffen werden.“12 Das negativ assoziierte Wort Gegenbewegung sollte dementsprechend besser mit Reaktion ausgetauscht werden, das einen weitaus geringeren Protest-Charakter inkludiert. Ein großer Unterschied der beiden Epochen kann bereits anhand ihrer Bezeichnungen identifiziert werden: die rationale Aufklärung steht dem gefühlsgeleiteten Sturm und Drang gegenüber. Christoph Siegrist, Literaturhistoriker, fasst passend zusammen: „Das Individuum in seiner Unvergleichlichkeit löst den Primat der Vernunft ab.“13

Die Epoche der Aufklärung ist geprägt durch die Ideologie der Vernunft, rationales Denken und die Freiheit des Menschen (im politischen Sinn) und unterscheidet sich daher stark von den Ideologen des „unkonventionellen, subjektiven“14 Ausdrucks und Inhalts im Sturm und Drang, welche weniger Formstrenge und mehr gesellschaftlichen Protest beinhalten. Gemeinsam haben die Stürmer und Dränger und Aufklärer, dass beide gegen "Ständeunterschiede und Arbeitsteilung, gegen Abhängigkeit und Unterdrückung“15 sind, es besteht in beiden Epochen eine „Ablehnung der Autorität“16 und der Fremdbestimmung in Familie, Liebe und Freundschaft. Sturm und Drang als „Literaturrevolution“17 steht dem starren Denken der Aufklärung gegenüber und glänzt „im Zeichen des Lebendig-Zeugenden, [im] Naturhaft-Dynamischen, [und in] der Selbstverwirklichung und Totalität.“18

Der Literaturhistoriker Karl Otto Conrady vergleicht:

Indem neues Erleben und Erfahren ausgesprochen wird und sprachkünstlerisch gestaltet wird, werden die Grenzen aufgebrochen, die eine allzu sehr auf rein verstandesmäßiges und normierendes Erfassen von Welt, Natur und Ich gerichtete Aufklärung gezogen hatte. Aufklärung wird hier in neue Bereiche hinein fortgeführt. Ihr werden noch nicht erkundete Regionen des Menschen und seiner Erfahrungsmöglichkeiten hinzugewonnen. Insofern kann der sogenannte Sturm und Drang nicht als Gegenbewegung gegen die Verstandeskultur der Aufklärung erklärt werden, sondern muss als Fortführung , Entwicklung, Ausweitung aufklärerischer Tätigkeiten begriffen werden.[…] Es geht zwischen Aufklärung und Sturm und Drang nicht einfach um die Rebellion des Gefühls gegen Vernunft, wie immer gesagt worden ist, sondern um ein ganzheitliches Menschenbild. […] Gefühl, Leidenschaft ist für den Sturm und Drang nicht ein Gegenpol zum Denken, vielmehr ein letzter Wesensgrund des Menschen, zu dem die Reflexion zurücktasten, den sie aber nicht einholen kann.19

2. Hauptteil: die Gedichte

2.1. Friederike Brion und die Sesenheimer Lieder

Die Sesenheimer Lieder umfassen die Werke, die Goethe zu seiner Zeit als Student in Straßburg für seine Geliebte Friederike Brion aus Sesenheim, einem kleinen Ort im Elsaß, verfasste. Das erste Sesenheimer Lied und somit der Beginn der ‚Seseheimer-Lieder-Phase‘ wird auf den Spätsommer 1770 datiert: zu diesem Zeitpunkt lernt der Dichter die achtzehnjährige Pfarrerstochter kennen. Aus Spaß am „Versteckspiel [kommt Goethe] als armer Theologiestudent verkleidet“20 durch seinen Freund Friedrich Leopold Weyland zum ersten Mal nach Sesenheim.21 Dort trat Goethe sogar „in wechselnder Verkleidung auf“22 ohne, dass dabei von Familie Brion erkannt wurde, dass es sich um dieselbe Person handelte. Schon bald nach der ersten Begegnung mit Friederike bemerkt der junge Dichter, dass er sich verlieben wird.23

In den Werken teilt das lyrische Ich seine tiefen Emotionen zu einer Dame mit dem Leser. Es ist unumstritten, dass das Objekt der Begierde in den Gedichten Friederike Brion, und das lyrische Ich Goethe selbst darstellt. Die Liebeserlebnisse machten dem jungen Studenten “Lust […] zu dichten.“24 Seine Werke ließ er der Pfarrerstochter zukommen, welche sie teilweise an Dritte weiterreichte, sodass heute elf teilweise lediglich fragmentarische Werke den Sesenheimer Liedern zugeordnet werden. Diese gelten als „der Beginn der modernen deutschen Lyrik“25, worunter Willkommen und Abschied und Mailied als die bedeutendsten der elf Gedichte gelten. Die Begegnung mit ihr verarbeitete er teilweise nicht in melodischer Gedichtsprache, sondern in „regellos, impulsiv-spontanen“26 Versen, die Worte sind dabei ein „unverstellter Ausdruck inneren, und zwar unverwechselbar eigenen Erlebens.“27 Die Beziehung des Dichters und der jungen Frau endet „im Winter 1770/1771.“28 Ein eindeutiger Grund für die Trennung ist nicht bekannt, jedoch schien Goethe zunehmend das Interesse an der Beziehung und der Pfarrerstochter zu verlieren. Untreue, Desinteresse oder die Abreise nach Frankfurt sind in den Überlieferungen und Interpretationen als mögliche Ursachen nachzulesen.29 Mit dem Werk Heidenröslein im Jahr 1771 ist das letzte Sesenheimer Lied geschrieben.

2.1.1. Willkommen und Abschied

Willkommen und Abschied ist das „bekannteste der Sesenheimer Lieder.“30 Besonders interessant ist das Gedicht, da sowohl der Titel (wenn auch nur geringfügig: „erst in der Ausgabe seiner Werke von 1810 findet sich der jetzige Titel“31 ) als auch der Inhalt von Goethe nachträglich verändert wurden: Man spricht von einer ersten und zweiten Fassung. Die erste Fassung stammt aus dem Jahr 1771, die überarbeitete zweite Fassung wird auf 1785 datiert. Den Abdruck einiger Lieder autorisierte Goethe schon zu Lebzeiten, jedoch anonym in der Zeitschrift Iris seines Freundes Johann Georg Jacobi, darunter die „Erstfassung von Willkommen und Abschied.“32 Sie trägt den Titel Willkomm‘ und Abschied und beschreibt in der letzten Strophe, wie das traurige lyrische Ich vom Mädchen am Morgen nach dem Treffen verlassen wird. Die zweite Fassung trägt den nur um zwei Buchstaben (-en) veränderten Titel Willkommen und Abschied und enthält bedeutendere Änderung. Die Wesentlichste ist in der Abschiedsszene der Liebenden: statt des lyrischen Ichs wird in bei Einbruch des Morgens das Mädchen am Treffpunkt zurückgelassen. Auch ist die zweite Fassung emotional ruhiger: das lyrische Ich reitet in der ersten Fassung wie ein Krieger im Gefecht („wie ein Held zur Schlacht“33 ), dieser Vergleich fällt in der zweiten Version ganz weg. Aus „Tausendfachem Mut“34 wird „frisch und fröhlich“35, und der leidenschaftliche Parallelismus „Mein Geist war ein verzehrend Feuer, Mein ganzes Herz zerfloß in Glut“36 wird ausgetauscht. Auch der Abschied klingt in der ersten Version mehr nach einem von vielen, während im Abschied der zweiten Version einen endgültigerer Ton mitschwingt. Ob sich Goethe nach einiger Zeit für seine Emotionalität in der ersten Fassung schämte, oder ob er damit das seinerseits beendete Verhältnis mit Friederike Brion verdeutlichen wollte, bleibt unklar.

Den Weg in die Öffentlichkeit fanden die Gedichte schließlich durch Friederikes Schwester – 1835 übergab sie dem Schriftsteller, Journalist und Dichter Heinrich Kruse eine Abschrift der Gedichte, die sie von Friederike erhielt.37 Das Gedicht wird anhand der zweiten Fassung behandelt.

2.1.2. Aufbau und Inhalt

Das Gedicht besteht aus vier achtzeiligen Strophen im Kreuzreim, verfasst in einem vierhebigen Jambus. Die ersten zwei Strophen beschreiben den Ritt des lyrischen Ichs durch die unheimliche Nacht: das ihm schlagende Herz ist Antrieb für das lyrische Ich, sich auf das Pferd zu begeben und schnellst möglich – wie sich in Strophe 3 herausstellt: zur Geliebten – zu reiten. Mit Anbrechen der Nacht reitet es an Bergen, Bäumen und Gesträuche vorbei, bald scheint über ihm der Mond. Das lyrische Ich empfindet leises Unbehagen durch die visuellen Eindrücke und Geräusche, doch die Freude auf das Wiedersehen und sein Mut treiben es an. Die Hälfte des Gedichts thematisiert den Ritt durch die unfreundliche Umgebung, während die beiden letzten Strophen von der angestrebten Begegnung und schließlich dem Abschied der Liebenden handeln. Das Wiedersehen bereitet dem lyrischen Ich große Freude und die Beklommenheit weicht ganz und gar den positiven Emotionen, die es beim Wiedersehen mit der Dame überkommen. Das Treffen endet mit der Morgensonne und einem letzten Kuss, bevor sich die Liebenden trennen – in der geänderten Version (und somit höchstwahrscheinlich auch jener, die Goethe als die überlieferte Version wollte) ist es das lyrische Ich, das geht.

2.1.3. Analyse

Das lyrische Ich ist voller Tatendrang und Emotion: die Liebe zu der Dame, der Drang, jene zu sehen, das Risiko des nächtlichen (vermutlichen geheimen) Treffens in der Nacht ist dabei ein zusätzlich anheizender Faktor. Das wild schlagende Herz lässt dem lyrischen Ich wenig Zeit zum Denken: „Geschwind, zu Pferde“ und die Entscheidung zum Ausritt fällt beinahe unüberlegt: „Es war getan fast eh gedacht.“38 Der hektische Charakter der ersten zwei Versen lässt sich im wilden Herzschlag und atemlosen Ritt zur Geliebten „nachfühlen.“39 Der Pferderitt gleicht dabei fast einem körperlichen Abreagieren des Herzschlags, der Emotionen und der allgemeinen Hektik des lyrischen Ichs. Bereits in den Versen 1 und 2 gibt sich das lyrische Ich gänzlich seinen aktuellen Empfindungen hin und handelt rein aus Emotion heraus. Das intime Treffen findet in der Nacht statt, um sich der Dunkelheit zu bedienen und das Risiko zu minimieren, entdeckt zu werden. Da das Wiedersehen der Geliebten so diskret ablaufen muss, scheint das Verhältnis privatim, wahrscheinlich gesellschaftlich unerwünscht, zu sein. Dass sich das lyrische Ich des eventuellen Verbots seines Vorhabens bewusst ist, wird durch das Unbehagen deutlich, dass es verspürt: die personifizierte Natur erscheint ihm als wachender Riese nächtlicher Geschehnisse:

Der Abend wiegte schon die Erde,Und an den Bergen hing die Nacht;Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Riese, da,Wo Finsternis aus dem Gesträuche,Mit hundert schwarzen Augen sah.40

Die Naturbilder wirken unheimlich, gleichzeitig sind sie auch ein schützendes Element: das lyrische Ich wird durch die Nacht vor den menschlichen Augen abgeschirmt, vor den Augen der Natur jedoch nicht. Auch in der zweiten Strophe beschreibt das lyrische Ich den Mond, den Wind, sogar die ganze Nacht als etwas Lebendiges.41 Die verwendeten Wörter zur Beschreibung der Natur (Nebelkleid, aufgetürmter Riese, sehende Finsternis, schwarze Augen, der sehende Mond, und Ungeheuer schaffende Nacht42 ) erwecken beim Leser einen unbehaglichen Eindruck. Das lyrische Ich verwendet erstmalig in Zeile 12 ein eindeutig negativ assoziiertes Wort für die Situation: „schauerlich.“43 Trotz beängstigender Umstände überwiegen die Sehnsucht und die Vorfreude, und das lyrische Ich reitet voll „Feuer […] [und] Gluth“44 weiter.

Den Erlebnissen des Ritts steht die Begegnung mit der Geliebten in drastischem Kontrast gegenüber: das Unbehagen der hundert Augen der Finsternis und des Monds weicht einer „milden Freude“45, hervorgerufen durch den „süßen Blick“46 der Dame, die herrschende Dunkelheit der Nacht wird von „rosafarbne[m] Frühlingswetter“47 abgelöst. Die Dualismen, die schon im Titel beginnen, finden ihren Höhepunkt in der letzten Verszeile der dritten Strophe: „Ich hofft es, ich verdient es nicht!“48

Das lyrische Ich stellt sich in diesem Gedicht als besonders emotional-geleitetes Wesen heraus. Der unumgängliche Abschied erfolgt schweren Herzens, doch das lyrische Ich ist positiv gestimmt. Die Gesamtheit der Erfahrung überwiegt die schwierigen Umstände mit der Geliebten und dem Abschiedsschmerz.

2.1.4. Zusammenfassung

Die Intensität der Gefühle, die Goethe für Friederike Brion verspürt, wird in dem kurzen Gedicht durch prägnant formulierte Zeilen deutlich. Das in diesem Werk im Vordergrund stehende Motiv ist das für die Sturm und Drang-Epoche typische Motiv des Gefühls, das über die Vernunft siegt. Der Natur kommt eine besondere Rolle zu: sie wird als autonomes und kreativ-wandlungsfreudiges System erlebt: Während die Aufklärung die Natur „durch Abstraktion aus dem Wege geräumt [hat, ist sie] [i]m Sturm und Drang nicht länger das vernünftig Geordnete, das regelhafte System, vielmehr das ursprünglich Lebendige, die organische Gestalt […].“49

[...]


1 Siegrist, Christoph: Aufklärung und Sturm und Drang. Gegeneinander oder Nebeneinander? In: Hinck, Walter (Hrsg.): Sturm und Drang. Regensburg 1978, S. 1.

2 Walter, Hinck: Einleitung. In: Sturm und Drang. Ohne Seitenangaben.

3 Siegrist, Aufklärung und Sturm und Drang, S. 2.

4 Vgl.: Ebd., S. 3.

5 Ebd., S. 4.

6 Vgl.: Sowinski, Bernhard, Schuster, Dagmar:Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. München 1992, S. 14.

7 Conrady, Karl Otto: Zur Bedeutung von Goethes Lyrik im Sturm und Drang. In: Hinck, Walter (Hrsg.): Sturm und Drang. Regensburg 1978, S. 100.

8 Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit, S. 15.

9 Siegrist, Aufklärung und Sturm und Drang, S. 1.

10 Kaiser, Gerhard: Aufklärung Empfindsamkeit Sturm und Drang. Tübingen 1996, S. 177.

11 Vgl.: Siegrist, Aufklärung und Sturm und Drang, S. 1.

12 Conrady, Zur Bedeutung von Goethes Lyrik im Sturm und Drang, S. 100.

13 Siegrist, Aufklärung und Sturm und Drang, S. 6.

14 Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit, S. 14.

15 Siegrist, Aufklärung und Sturm und Drang, S. 7.

16 Ebd., S. 8.

17 Ebd., S. 5.

18 Ebd., S. 7.

19 Conrady, Zur Bedeutung von Goethes Lyrik im Sturm und Drang, S. 100.

20 Safranski, Rüdiger: Goethe. Kunstwerk des Lebens. München 2013, S. 93.

21 Vgl.: Ebd., S. 91.

22 Ebd., S. 93.

23 Vgl.: Ebd., S. 92.

24 Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 33.

25 Wagner, Irmgard: Goethe. Zugänge zum Werk. Hamburg 1999, S. 30.

26 Ebd., S. 98.

27 Ebd., S. 98.

28 Safranski, Kunstwerk des Lebens, S. 95.

29 Vgl.: Ebd., S. 94ff.

30 Sowinski, Schubert, Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 31.

31 Ebd., S. 32.

32 Sowinski, Schuster, Gedichte der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang, S. 32.

33 Goethe, Johann Wolfgang von, Witte, Bernd (Hrsg.):Gedichte. Stuttgart 2012, S. 35, V. 2.

34 Ebd., S. 36, V. 14.

35 Ebd., S. 512, V. 14.

36 Ebd., S. 36, V. 15ff.

37 Vgl.: Ebd., S. 32.

38 Witte, Gedichte, S. 512, V. 2.

39 Meier, Albert: Goethe. Dichtung – Kunst – Natur, Stuttgart 2011, S. 27.

40 Witte, Gedichte, S. 512, V 1ff.

41 Vgl.: Ebd., S. 512, V. 10ff.

42 Vgl.: Ebd., V. 1ff.

43 Vgl.: Wagner, Zugänge zum Werk, S. 36ff.

44 Witte, Gedichte, S. 512, V. 15ff.

45 Ebd., S. 512, V. 17.

46 Ebd., S. 512, V. 18.

47 Ebd., S. 513, V. 21.

48 Ebd., S. 513, V. 24.

49 Kaiser, Aufklärung Empfindsamkeit Sturm und Drang, S. 183.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Goethes Lyrik im Sturm und Drang
Untertitel
Welche wiederkehrenden Motive sind in "Willkommen und Abschied", "Wandrers Sturmlied" und "Prometheus" zu erkennen?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,3
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V513782
ISBN (eBook)
9783346114204
ISBN (Buch)
9783346114211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethes, sturmlied, wandrers, abschied, willkommen, motive, welche, drang, sturm, lyrik, prometheus
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Goethes Lyrik im Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513782

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