Diese Arbeit behandelt die Motive des Sturm und Drang anhand dreier Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf den wiederkehrenden Motiven in den drei behandelten Werken, stellvertretend für die Werke Goethes des Sturm und Drang. Innerhalb der wenigen Jahre, in denen die Gedichte "Willkommen und Abschied", "Wandrers Sturmlied" und "Prometheus" entstanden, lebt der Dichter unter unterschiedlichsten Umständen, die er in seinen Werken verarbeitet.
Er wandert durch das Land, lässt sich nieder, geht zahlreichen Tätigkeiten nach und verliebt sich. Die Untersuchung der Gedichte ist insbesondere deshalb interessant, da die Lebenssituationen Goethes in den Erlebnissen des lyrischen Ichs in den Gedichten auf interessante Art und Weise hervorblitzen. Die Rückschlüsse, die die Werke auf sein Leben ermöglichen, schaffen einen Einblick in Goethes Empfindungen sowohl in privater als auch beruflicher Sache. Die inhaltliche Nähe von Goethes Erlebnissen zu den Inhalten der Gedichte macht die Untersuchung auf wiederkehrende Motive relevant, da Goethe zu den Hauptvertretern des Sturm und Drang gehört und die Motive dieser Epoche maßgeblich prägte.
Die Sturm und Drang-Epoche wird auf maximal zwei Jahrzehnte, von 1765-1785, datiert. Das Einordnen von Gedichten und Werken in Epochen sind stets Ordnungsversuche der späteren Generationen. Die Schaffenden schrieben dementsprechend nicht bewusst im Stil der Epoche - vielmehr gab es eine mentale Strömung, Tendenz oder Haltung zu einem Sachverhalt, welche die Dichter in ihren Werken zum Ausdruck brachten. Die Bewegung des Sturm und Drang spielte sich hauptsächlich in Kreisen junger Autoren ab. Mit der freien, träumerischen und gleichzeitig reißenden Literatur des Sturm und Drang öffnete sich dem lesenden Publikum eine Tür zur Horizonterweiterung, denn die Werke des Sturm und Drang verkörperten andeutungsweise das, was in der strengen Aufklärung verboten war, offen zum Ausdruck zu bringen.
Ermöglicht wurde dies unter anderem durch die Vorarbeit der Aufklärung – es schaffte überhaupt erst einen „Bewusstseinsstand“, mit dem die Stürmer und Dränger umzugehen wussten. Dramatiker sahen ihr Vorbild des Sturm und Drang in William Shakespeare, während die Lyriker weniger von einem Vorbild geleitet und inspiriert, sondern vielmehr von den gesellschaftlichen Fesseln angetrieben wurden, sich entsprechend auszudrücken.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
1.1. Sturm und Drang
1.2. Sturm und Drang versus Aufklärung
2.Hauptteil: die Gedichte
2.1. Friederike Brion und die Sesenheimer Lieder
2.1.1. Willkommen und Abschied
2.1.2. Aufbau und Inhalt
2.1.3. Analyse
2.1.4. Zusammenfassung
2.2. Hymnen
2.2.1. Wandrers Sturmlied
2.2.2. Aufbau und Inhalt
2.2.3. Analyse
2.2.4. Zusammenfassung
2.2.5. Vergleich zu Willkommen und Abschied
2.3. Prometheus Sage
2.3.1. Prometheus
2.3.2. Aufbau und Inhalt
2.3.3. Analyse
2.3.4. Zusammenfassung
2.3.5. zusammenfassender Vergleich der Gedichte in Bezug auf wiederkehrende Motive des Sturm und Drang
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die wiederkehrenden Motive in Goethes Lyrik während der Epoche des Sturm und Drang, wobei anhand ausgewählter Werke die enge Verknüpfung zwischen Goethes Lebenssituation und seinem dichterischen Schaffen analysiert wird.
- Die Lyrik des Sturm und Drang als Ausdruck individueller Subjektivität
- Abgrenzung der Epoche Sturm und Drang zur Aufklärung
- Analyse von Willkommen und Abschied, Wandrers Sturmlied und Prometheus
- Die Rolle der Natur als personifiziertes Element in Goethes Gedichten
- Thematisierung von Autonomie und dem Drang nach Selbstbestimmung
Auszug aus dem Buch
2.1.3. Analyse
Das lyrische Ich ist voller Tatendrang und Emotion: die Liebe zu der Dame, der Drang, jene zu sehen, das Risiko des nächtlichen (vermutlichen geheimen) Treffens in der Nacht ist dabei ein zusätzlich anheizender Faktor. Das wild schlagende Herz lässt dem lyrischen Ich wenig Zeit zum Denken: „Geschwind, zu Pferde“ und die Entscheidung zum Ausritt fällt beinahe unüberlegt: „Es war getan fast eh gedacht.“38 Der hektische Charakter der ersten zwei Versen lässt sich im wilden Herzschlag und atemlosen Ritt zur Geliebten „nachfühlen.“39 Der Pferderitt gleicht dabei fast einem körperlichen Abreagieren des Herzschlags, der Emotionen und der allgemeinen Hektik des lyrischen Ichs. Bereits in den Versen 1 und 2 gibt sich das lyrische Ich gänzlich seinen aktuellen Empfindungen hin und handelt rein aus Emotion heraus.
Das intime Treffen findet in der Nacht statt, um sich der Dunkelheit zu bedienen und das Risiko zu minimieren, entdeckt zu werden. Da das Wiedersehen der Geliebten so diskret ablaufen muss, scheint das Verhältnis privatim, wahrscheinlich gesellschaftlich unerwünscht, zu sein. Dass sich das lyrische Ich des eventuellen Verbots seines Vorhabens bewusst ist, wird durch das Unbehagen deutlich, dass es verspürt: die personifizierte Natur erscheint ihm als wachender Riese nächtlicher Geschehnisse:
Der Abend wiegte schon die Erde, Und an den Bergen hing die Nacht; Schon stand im Nebelkleid die Eiche Ein aufgetürmter Riese, da, Wo Finsternis aus dem Gesträuche, Mit hundert schwarzen Augen sah.40
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Einführung in das Thema der Sturm und Drang-Lyrik bei Goethe und Erläuterung des Schwerpunkts auf wiederkehrenden Motiven.
1.1. Sturm und Drang: Definition der Epoche als literarische Strömung, die sich durch Gefühlsausdruck und Individualität auszeichnet.
1.2. Sturm und Drang versus Aufklärung: Gegenüberstellung der rationalen Aufklärung mit dem subjektiven, gefühlsbetonten Sturm und Drang.
2.Hauptteil: die Gedichte: Überleitung zur Analyse der konkreten Werke Goethes aus dieser Schaffensperiode.
2.1. Friederike Brion und die Sesenheimer Lieder: Einordnung der Sesenheimer Gedichte in den biografischen Kontext der Liebesbeziehung zu Friederike Brion.
2.1.1. Willkommen und Abschied: Vorstellung des bekanntesten Sesenheimer Liedes und seiner unterschiedlichen Textfassungen.
2.1.2. Aufbau und Inhalt: Formale Beschreibung des Gedichts sowie Zusammenfassung des narrativen Inhalts.
2.1.3. Analyse: Untersuchung des lyrischen Ichs und der emotionalen Dynamik innerhalb des Werkes.
2.1.4. Zusammenfassung: Resümee über das zentrale Motiv des Gefühls, das die Vernunft besiegt.
2.2. Hymnen: Einführung in die Gattung der Hymne bei Goethe und Abgrenzung zu den Sesenheimer Liedern.
2.2.1. Wandrers Sturmlied: Kontextualisierung des Gedichts in Goethes Frankfurter Zeit und seiner Lebenssituation.
2.2.2. Aufbau und Inhalt: Strukturelle Analyse und inhaltliche Gliederung der Hymne.
2.2.3. Analyse: Untersuchung der mythologischen Bezüge und des Genieproblems im Gedicht.
2.2.4. Zusammenfassung: Bewertung des Gedichts als Ausdruck der Suche nach Orientierung und persönlicher Zukunft.
2.2.5. Vergleich zu Willkommen und Abschied: Gemeinsamkeiten im Ausdruck tiefer Empfindungen und der Ablehnung gesellschaftlicher Normen.
2.3. Prometheus Sage: Historischer und mythologischer Hintergrund der Prometheus-Figur.
2.3.1. Prometheus: Einordnung der Entstehungsgeschichte der Hymne Prometheus.
2.3.2. Aufbau und Inhalt: Analyse der freien Rhythmen und der inhaltlichen Anklage gegen Zeus.
2.3.3. Analyse: Deutung von Prometheus als Symbol der Autonomie und des rebellischen Künstlertums.
2.3.4. Zusammenfassung: Zusammenfassung der Thematik der Auflehnung gegen Autoritäten.
2.3.5. zusammenfassender Vergleich der Gedichte in Bezug auf wiederkehrende Motive des Sturm und Drang: Synthese der Motive Ich, Natur und Freiheit in den drei behandelten Werken.
3. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Erlebnislyrik als Goethes Ausdrucksform in der Sturm und Drang-Epoche.
Schlüsselwörter
Sturm und Drang, Johann Wolfgang von Goethe, Lyrik, Erlebnislyrik, Subjektivität, Autonomie, Selbstbestimmung, Naturdarstellung, Prometheus, Sesenheimer Lieder, Wandrers Sturmlied, Gefühlsästhetik, Genie, Individualität, Mythologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert ausgewählte Gedichte Johann Wolfgang von Goethes aus der Sturm und Drang-Epoche im Hinblick auf wiederkehrende Motive und deren Bezug zu Goethes eigener Lebenssituation.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Subjektivität, das Streben nach Autonomie, das Genie-Konzept sowie die Darstellung der Natur als personifizierte Kraft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten in Goethes Lyrik dieser Epoche aufzuzeigen und zu belegen, wie der Dichter persönliche Erfahrungen in eine neue, unkonventionelle Lyrikform übersetzte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Analyse in Verbindung mit literaturgeschichtlichen und biografischen Kontextualisierungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Sesenheimer Lieder, der Hymnen und der Prometheus-Sage, wobei jeweils Aufbau, Inhalt und die spezifische Motivik der Einzelwerke untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Sturm und Drang, Erlebnislyrik, Subjektivität, Autonomie sowie der Kampf des Ichs gegen Konventionen.
Welche Rolle nimmt das „lyrische Ich“ in den untersuchten Werken ein?
Das lyrische Ich fungiert als Sprachrohr für Goethes persönliche Emotionen, welches sich in allen drei Werken entschieden gegen Fremdbestimmung und für ein selbstbestimmtes Handeln entscheidet.
Wie unterscheidet sich die Naturdarstellung in „Willkommen und Abschied“ von der in „Wandrers Sturmlied“?
Während die Natur in „Willkommen und Abschied“ als schauererregend und dann als heiter-schützend auftritt, wird sie in „Wandrers Sturmlied“ als ungebändigte, von Göttern bestimmte Macht dargestellt, die den inneren Zustand des Wanderers spiegelt.
Warum wird Prometheus in der Arbeit als zentrales Symbol betrachtet?
Prometheus dient als Urbild des schaffenden Künstlers, der sich durch seine Unabhängigkeit von den Göttern und seine Auflehnung gegen Autoritäten als Identifikationsfigur des Sturm und Drang herauskristallisiert.
Welches Fazit zieht die Arbeit über Goethes Sturm und Drang-Lyrik?
Die Lyrik dieser Zeit ist geprägt durch den Sieg des Gefühls über die Vernunft und dient als direkter, ungefilterter Ausdruck des menschlichen Erlebens und der individuellen Schöpferkraft.
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- Anonym (Author), 2019, Goethes Lyrik im Sturm und Drang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513782