Merry Christmas 1914. Die Wahrnehmung deutscher Soldaten in Briefen britischer Soldaten


Hausarbeit, 2019
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kriegsausbruch August 1914
1.1 Kriegsbeginn und erste Hoffnungen
1.2 Die Schlacht um Ypern und die Ausgangssituation für den kurzen Frieden 1914

2. Frontweihnacht 1914
2.1 Weihnachten an der Westfront in Ypern
2.2 Darstellung deutscher Soldaten in britischen Quellen

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Anfangs sind es Hunderte, bald werden es Tausende sein“1

Im Dezember 1914 befanden sich die Nationen Europas bereits seit 4 Monaten in einem Krieg, von dem alle dachten, es würde ein kurzer, ein siegreicher werden. Niemand rechnete mit einem Krieg der noch Jahre dauern würde. Die Soldaten befanden sich in einer gänzlich neuen Situation und Art von Krieg. Die vorher eher touristische Kriegserfahrung2 kam mit dem Ersten Weltkrieg in das eigene Land. Dies war für Deutschland nicht der Fall, aber bei beinahe allen anderen Kriegsteilnehmern, mit Ausnahme der USA, der Fall war. Ab Oktober verflüchtigte sich jede Hoffnung auf ein schnelles Ende und die Euphorie wich einer wachsenden Verzweiflung, aus welcher im Endeffekt der Weihnachtsfrieden entstand.

In dieser Arbeit werde ich mich mit der Ausgangssituation für den kurzen Frieden befassen, beginnend mit dem Kriegsausbruch und einem kurzen Umriss des Kriegsverlaufs an der Westfront, woraufhin ich die endgültige Situation vor dem Frieden beleuchten werde.

Der Frieden an sich wird hauptsächlich auf Basis von Briefen britischer Soldaten analysiert, um die darauffolgende Frage nach der Darstellung der Deutschen in diesen Briefen zu beantworten. Ein Grund für die Fokussierung auf die britisch-deutsche Verbrüderung ist, „[d]ass es kaum belegbare Beispiele gibt für Waffenstillstand und Verbrüderung zwischen französischen und deutschen Stellungen im Niemandsland.“3 Diese war in Frankreich verboten und galt als „unehrenhaft.“4

Die Briefe stammen von Soldaten, unterschiedlicher Ränge, wodurch ein breiteres Sichtfeldauf die Wahrnehmung des Friedens entsteht.

1. Kriegsausbruch August 1914

1.1 Kriegsbeginn und erste Hoffnungen

Nach dem am 28. Juni begangenen Attentat auf den österreich-ungarischen Kronprinzen, spitzten sich die diplomatischen Entwicklungen besonders in Deutschland und Österreich-Ungarn soweit zu, dass im Juli 1914 der Erste Weltkrieg unvermeidbar schien.

„Am 1. August wurde die deutsche Generalmobilmachung verkündet, wenige Stunden später erklärte Deutschland dem Zarenreich den Krieg, um sogleich einen Vorwand für den Angriff auf dessen Bündnispartner Frankreich zu haben, dem man am 3. August den Krieg erklärte. Am 4. August begannen die deutschen Truppen ihren Angriff auf Belgien.“5

Großbritannien hatte sich bis zu diesem Punkt weitestgehend von den europäischen Entwicklungen distanziert. Erst der Einmarsch der Deutschen in das neutrale Belgien und das darauffolgende, von den Deutschen unbeantwortete, britische Ultimatum führte zu einem Kriegseintritt des Vereinigten Königreiches.6

Im Deutschen Kaiserreich breitete sich eine Kriegseuphorie aus, was sich an den hohen Zahlen der Freiwilligen erkennen lässt.

„Although the press vastly exaggerated, 185.000 is evidence of a broad enthusiasm among at least sections of German youth. In the war 1870/71, there were less than 10.000 volunteers in the whole North German Federation.”7

Im Kaiserreich meldeten sich ganze Schulklassen zur Musterung, denn „[s]tatt der üblichen Sommerferien gab es halt das Abenteuer Krieg.“8 Auch der bekennende Pazifist und Autor Stefan Zweig bemerkte, „daß in diesem ersten Aufbruch der Massen etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag, dem man sich schwer entziehen konnte“9, und dass diese Euphorie viele Deutsche erreichte, „Nationalisten aller Nationen bejubelten die Nation. Die eigene.“10

Viele Soldaten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien und Frankreich (s. Abbildung 1), dachten den Krieg zu beenden, „bevor das erste Laub fiel, spätestens jedoch bis Weihnachten.“11 So berichtet Zweig von Rekruten, die im August 1914 ihren Müttern zuriefen, sie wären bis Weihnachten wieder zuhause.12 Ebenso britische Soldaten, die in Briefen an die Heimat ihren Eltern schrieben: .J.. Jtlie mood of the troops is fresh and humorous.. .No one believes that we can be defeated; the will to victory is in us all.“13

An einen vierjährigen, brutalen Krieg, dem zuletzt ungefähr 10 Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten14, glaubte im August 1914 kaum jemand, denn „[d]er Krieg von 1914 [...] wußte nichts von den Wirklichkeiten, er diente noch einem Wahn, dem Traum einer besseren, einer gerechten und friedlichen Welt“15. Innerhalb weniger Wochen sollte sich diese Euphorie, der Gedanke Weihnachten siegreich wieder bei den Geliebten in der Heimat zu sein, verflüchtigen.

Bereits eine der ersten Offensiven Deutschlands, die „Eroberung der Festung Lüttich[,] scheiterte, da die Belgier unerwartet harten Widerstand leisteten.“16 Erst ab Mitte August konnten die deutschen Truppen ihren Weg nach Frankreich fortsetzen.

Schon zu Beginn September 1914 „war die deutsche Offensive im Westen gescheitert, auch wenn dies zu diesem Zeitpunkt kaum jemandem bewusst gewesen ist.“17 Zum Ende des Jahres, November 1914, war der Bewegungskrieg zu einem Stellungskrieg geworden, das romantisch, euphorisch verklärte Bild des kurzen Krieges war verflogen.18

1.2 Die Schlacht um Ypern und die Ausgangssituation für den kurzen Frieden 1914

Neben dem militärischen Konflikt der Westfront beherrschte die Propaganda aus der Heimatfront und vorhergegangene Erziehung den Kriegsalltag. Die britische Presse bezeichnete deutsche (preußische) Soldaten nur noch als Barbaren und Hunnen, was sich auch im Verhalten dieser Truppen an der Westfront bestätigte. Die deutschen Soldaten prägten dieses Bild weiter durch in Belgien begangene Kriegsverbrechen, wie die „Erschießung von sechshundertzwölf Männer, Frauen und Kindern [in Dinant] [.] [und] vierhundert Bürgern [in Tamines], die mit Maschinengewehren [erschossen] wurden […]“19

Die Deutschen ihrerseits sangen Lieder gegen ihre Rivalen, unter Anderem den „Hassgesang gegen England“, „verfasst von einem gewissen Ernst Lissauer.“ 20 Im Allgemeinen waren „Hassreime gegen England eine Art Nationalgedicht geworden.“21

Während man sich auf der Insel öffentlich beschwerte, dass in englischen Gedichten und Liedern Gräueltaten der Briten gegen Deutsche verherrlicht wurden, fiel solches im Deutschen Kaiserreich auf gänzlich anderen Boden: „Die Masse der Deutschen [...] sang öffentlich jeden Hassgesang mit, wenn es gegen England ging [,..].“22

Im Oktober 1914 begann die erste Schlacht um das heutige Ypern. „Die Deutschen hatten sie nur einen einzigen Tag lang besetzt. [...] Sie wurde in den [folgenden] Jahren [...] von der britischen Armee [...] verteidigt.“23 Der Kampf um Ypern bestand zwar aus mehreren kleinen Auseinandersetzungen, wird aber häufig als ein ununterbrochener betrachtet.24 Besonders die Briten erlitten in dieser Schlacht hohe Verluste: zwischen 1914 und 1918 geht man von fünfhunderttausend gefallenen oder verwundeten Soldaten aus. Die Deutschen hatten bei dem Gefecht an der belgischen Westfront auch keinen großen Erfolg, sondern beklagten in dem Stellungskrieg, vor allem in der dritten Schlacht im Juli 1917 etwa zweihundertfünzigtausend tote oder verletzte Soldaten, insgesamt ebenfalls hunderttausende Tote.25

Seit Beginn der Schlachten um Ypern gab es an der Front selbst wenig Bewegung. Die Schützengräben, die ausgehoben wurden, blieben unverändert und die Truppen bewegten sich nur um wenige Meter. „Ab Ende Oktober 1914 lagen sich die feindlichen Armeen [...] gegenüber [...]. Keine Seite schaffte entscheidenden Landgewinn.“26 „Trenches became [...] home.“27

In diesem stillstehenden Krieg lag etwas Eintöniges. Die Soldaten beider Seiten, zunächst zuversichtlich auf einen schnellen Sieg, lagen nun demotiviert zwischen ihren, teils bereits verstorbenen, Kameraden und der Alltag in den Schützengräben wurde zur Routine. Es gab wenige Angriffe nach vorn und manchmal „stellten sich die Soldaten [...] tagsüber in den Unterständen tot“28, um nicht während eines Sturmangriffs mitlaufen zu müssen. Besonders an den Feiertagen des Weihnachtsfests 1914 herrschte zwischen den Soldaten eine Grundstimmung, „dass endlich Schluss sein möge.“29 „Von jener Begeisterung [...] [vom] August 1914 [...], ist nach insgesamt bereits einer Millionen Toter im Dezember 1914, nichts mehr geblieben.“30 Doch die Generäle der jeweiligen Truppen wollten einen sich anbahnenden Frieden an der Front vermeiden, sie fürchteten die wenig übrig gebliebene Motivation, die noch in den Soldaten steckte und die den Generälen geschuldete Autorität könnte durch diese Fraternisierung gänzlich verschwinden oder untergraben werden.31

[...]


1 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München 2018, S. 114.

2 Vgl. Reiman, Aribert: Der erste Weltkrieg - Urkatastrophe oder Katalysator?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 29-30, 2004, S.32.

3 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914, S.72.

4 Ebd.

5 Neitzel, Sönke: Weltkrieg und Revolution. 1914-1918/19 (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Bd. 3), Berlin-Brandenburg 2008, S. 23.

6 Vgl. ebd., S. 24.

7 Neiberg, Michael: The World War 1 Reader. Ed. By Michael S. Neiberg, New York 2007, S. 148. „Obwohl die Presse sehr übertrieben hat, ist eine Zahl von 185.000 Freiwilligen ein Beweis für eine generelle Kriegseuphorie, zumindest in bestimmen Teilen der jüngeren Deutschen. Im Krieg [gegen Frankreich] 1870/71 waren es weniger als 10.000 Freiwillige im gesamten Norddeutschen Bund.“.

8 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914, S.28.

9 https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/11 [27.06.2019].

10 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg, S.20.

11 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg, S.20.

12 https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/11 [27.06.2019].

13 Neiberg, Michael S.: The World War 1 Reader. „[.] die Stimmung der Truppe ist munter und frisch.Keiner glaubt, dass wir besiegt werden können; der Wille zu siegen steckt in uns allen.“, S.152.

14 Vgl. Naji, Nadia: Zwischen Wahrheit und Lüge, Fiktion und Wirklichkeit. Die Fraternisierung der verfeindeten Kriegsparteien Weihnachten 1914 vor dem Hintergrund der Kriegspropaganda, München 2016, S.2.

15 https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-welt-von-gestern-6858/11 [27.06.2019].

16 Neitzel, Sönke: Weltkrieg und Revolution, S. 33.

17 Ebd., S. 34.

18 Vgl. ebd., S. 35.

19 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914, S.23.

20 Ebd., S. 21.

21 Ebd., S. 22.

22 Ebd., S. 23.

23 Ebd., S.11.

24 Ebd.

25 Vgl. ebd.

26 Ebd., S.36.

27 Weintraub, Stanley: Silent Night. The Remarkable Christmas Truce 1914, London 2001, S. 3.

28 Jürgs, Michael: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914, S.40.

29 Ebd., S. 41.

30 Ebd., S. 77.

31 Vgl. Weintraub, Stanley: Silent Night, „Any slackening in the action during Christmas week might undermine any sacrificial spirit there was among troops who lacked ideological fervour.”, S. 9.

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Details

Titel
Merry Christmas 1914. Die Wahrnehmung deutscher Soldaten in Briefen britischer Soldaten
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V513867
ISBN (eBook)
9783346111821
ISBN (Buch)
9783346111838
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weihnachten, 1914, Erster Weltkrieg, britische Soldaten, Wahrnehmung, Briefen
Arbeit zitieren
Rebecca Angel Tomlinson (Autor), 2019, Merry Christmas 1914. Die Wahrnehmung deutscher Soldaten in Briefen britischer Soldaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/513867

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