Sexueller Missbrauch an männlichen Kindern u. Jugendlichen


Diplomarbeit, 2003
96 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ein Blick in die Geschichte

3 Begriffserklärung
3.1 Die unterschiedlichen Begrifflichkeiten
3.2 Was ist sexueller Missbrauch?

4 Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs
4.1 Häufigkeit
4.1.1 Dunkelziffer
4.2 Ort des Geschehens
4.3 Dauer von sexuellen Missbrauch Das Alter der Opfer Sonstige Zahlen

5. Die traditionelle Männlichkeit - Zwischen Anspruch und Realität
5.1. Die traditionelle Männlichkeit - Die typischen Rollenbilder eines Mannes
5.2. Die traditionelle Männlichkeit und ihre Auswirkung auf die Entwicklung

6. Die traditionelle Männlichkeit und ihre Bedeutung für den sexuellen Missbrauch an Jungen

7 Formen des sexuellen Missbrauchs

8 Überlebensstrategien gegen sexuellen Missbrauch53

9 Folgen 9.1 Die typischen Kurzzeitfolgen
9.2 Die typischen Langzeitfolgen

10 Ursachen
10.1 Warum werden die Jungen zu Opfern
10.2 Warum werden Männer zu Tätern

11 Täter
11.1 Tätermerkmale
11.2 Täterorte
11.2.1. Familie, Verwandtschaft
11.2.2. Geistliche in den Schlagzeilen
11.2.3. Missbraucher üben pädagogische Berufe aus
11.3. Täterkategorien
11.3.1. Pädophilie / Päderastie
11.3.2. Kinderprostitution / Kinderhandel - Ein Geschäft für Sex – Touristen
11.3.3. Kinderpornographie – Die Ware Kind boomt
11.4 Frauen als Täter

12. Prävention
12.1. Ansätze einer Jugendarbeit

13. Intervention
13.1. Therapeutische und beraterische Intervention
13.2. Gesetzliche Intervention
13.3. Projektive Intervention
13.4. Geschlechtsspezifische Beratung

14. Resümee

15. Literaturverzeichnis

Vorwort

Die männlichen Opfer sexueller Gewalt stehen in unserer Gesellschaft im abseits.

Ihnen wird keine Aufmerksamkeit gewidmet. Obwohl wir in den letzten Jahren immer wieder hören, dass auch männliche Kinder und Jugendliche als Opfer sexueller Gewalt betroffen sind, herrscht immer noch das Klischee-Denken des „starken“ Mannes. Es erscheint so, als sei unsere Sozialisation auf Männer als Täter fixiert, und die Frauen sind immer die Opfer. Diese gesellschaftliche Haltung führt dazu, dass betroffene Männer kaum Orte finden, wo sie speziell über ihren männlichen Missbrauch sprechen können. Für betroffene Frauen hingegen mehren sich tag täglich die Hilfsangebote.

In der Vergangenheit (in etwa den 70 er Jahre) standen auch die betroffenen Frauen vor demselben Problem. Nur heute ist der sexuelle Missbrauch an Mädchen nicht mehr so stark tabuisiert, wie es noch bei Jungen der Fall ist. Durch u. a. die Frauen Bewegung werden sexuelle Angriffe auf das weibliche Geschlecht in unserer heutigen Gesellschaft offen ausdiskutiert und sogar durch schärfere Gesetze bekämpft. Die männliche Opferrolle jedoch findet sich immer noch sträflich vernachlässigt und steht hinter der eingefahrenen Opferrolle betroffener Frauen ungerechtfertigt zurück. Diese Tatsache nahm ich als Anlass für meine Diplomarbeit, dem Leser die „Augen zu öffnen“, ihn für das männliche Leiden zu sensibilisieren und die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu verdeutlichen.

Nicht nur betroffene Frauen leiden; auch an Männern hinterlässt der Missbrauch seelische Schmerzen. Aber diese Schmerzen müssen wir aus einer anderen Perspektive betrachten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(http://www.zartbitter-koeln.de)

1. Einleitung

Diese Comic-Version gibt in Kürze das wieder, was ich mit meiner Diplomarbeit größtenteils ausdrücken will. Nämlich die Tatsache, dass betroffene Jungen sexueller Gewalt viele Mythen und Klischees der Gesellschaft über sich ergehen lassen und trotz Betroffenheit noch um die Anerkennung ihres Missbrauchs bangen bzw. kämpfen müssen.

Die männlichen Opfer stehen mächtig unter Druck. Gerne würden sie sich mitteilen, ihren „hineingefressenen“ Seelenschmerz „auskotzen“; aber das gesellschaftliche Klischee-Denken vom „starken“ Mann hält sie davon ab die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem zu suchen. Ihre verletzliche Seite wird verdeckt. Dies erschwert den Opfern eine Verarbeitung des Erlebten. Um den Kampf gegen den sexuellen Missbrauch anzugehen, ist die Enttabuisierung jedoch von größter Bedeutung. Erst, wenn Menschen in der Lage sind, offen über das Thema zu sprechen, kann Opfern sowie Tätern geholfen werden. So jedoch wird die soziale Problematik der männlichen Opfer verleugnet. Das bedeutet, dass die Opfer leiden und die Gesellschaft das Leid übersieht.

In meiner Diplomarbeit habe ich deshalb schwerpunktmäßig die Sozialisation mit ihren Auswirkungen auf das Verhalten der männlichen Opfer untersucht, weil sie, wie ich finde, das Hauptproblem darstellt.

Im Vorfeld jedoch durchleuchtete ich näher die Grundlagen des sexuellen Missbrauchs an Jungen. Dies geschieht mit einer Reise in die Geschichte, anschließend mit Gegenüberstellungen von literarischen Definitionen und der Untersuchung des Ausmaßes (Zahlen und Fakten). Dann erst, gehe ich im 5. Kapitel auf die „traditionelle Männlichkeit“ mit ihren Auswirkungen auf die Jungen ein. Im Vordergrund stehen dabei die Darstellung einiger Aspekte, wie unsere Gesellschaft den „richtigen“ Mann definiert und die gesellschaftlichen Stationen, die bei der Entwicklung zum „richtigen“ Mann eine entscheidende Rolle spielen.

Sind meine Formulierungen im 5. Kapitel noch allgemein gefasst, so bin ich im 6. Kapitel verpflichtet die Aspekte „traditioneller Männlichkeit“ auf ihre Bedeutung hin zu den sexuell männlich missbrauchten Opfern zu erforschen. Im Anschluss daran sollen die verschiedenen Formen des sexuellen Missbrauchs im 7 Kapitell erklärt werden. Dabei möchte ich dem Leser die Grenzen verdeutlichen, wo für mich der Missbrauch anfängt und wo nicht. Außerdem will ich anhand von zwei Geschichten diese Formen in ihrer Ausführung am Jungen veranschaulichen. Für diese Fallbeispiele wird die Täterhandlung einer Frau und die eines Mannes aufgeführt. Um den Missbrauch überhaupt erträglich zu machen, nehmen sich die Jungen die Hilfe einiger Strategien. Diese, die sich „Überlebensstrategien“ nennen, sind im 8 Kapitell zu finden. Im 9 Kapitell gehe ich auf die Folgen des sexuellen Missbrauchs ein und beschreibe die Auswirkungen, die sofort und Jahre danach auftreten könnten. Nachfolgend befrage ich im 10 Kapitell die Ursachen und nehme mir das Täter, - und Opferverhalten zum Gegenstand meiner Untersuchung.

Welche Täter in Frage kommen, welche typischen Verhaltensmerkmale sie aufweisen und was es für Täterkategorien gibt, sind Schwerpunkte meines 11 Kapitells.

Am Schluss angelangt, werde ich noch die Prävention und die Intervention, als Möglichkeiten der Vorbeugung und Nachsorge sichtbar machen.

2. Ein Blick in die Geschichte

Den sexuellen Missbrauch an Jungen hat es schon immer gegeben. Ob es in der Antike war, im Mittelalter oder im 17. Jahrhundert; Jungen waren schon immer Opfer sexueller Gewalt.

Die Medienberichterstattungen über den Missbrauch an Jungen vermitteln oftmals den Eindruck, als wäre dieses erst jetzt ein neu aufkommendes Problem der heutigen Zeit; aber schaut man ein paar Jahrhunderte zurück in die Geschichte, so wird man eines Besseren belehrt.

Allein schon in der Antike lag es an der Tagesordnung sich an Knaben zu bedienen. Kinder hatten keine Rechte.

In Griechenland durften Männer sich sogar einen Jungen mieten, und noch mehr als das, sogar einen Sklavenjungen halten. Die „Liebe“ wurde mit teuren Geschenken erkauft, als ein Dankeschön für ihre sexuelle Gefügigkeit. (Vgl. Bange / Enders, 1995, S. 12 / 13)

Auch im alten Rom benutzten Männer Jungen als Sexualobjekte. Man hat sie sogar schon im Babyalter kastriert, nur um sie später dann in Bordellen den Päderasten anzubieten. Sie liebten kastrierte Jungen. Immerhin blieben sie so ihrer Knabenhaftigkeit erhalten. (Vgl. de Mause, 1980, S. 71 ff)

Kinder hatten es in der Antike sehr schwer. Für die Eltern waren sie ein Besitz und über den eigenen Besitz darf man selbst entscheiden. So schrieb Aristoteles: „Der Spruch eines Herren oder Vaters ist etwas anderes als derjenige eines Bürgers, denn ein Sklave oder ein Sohn ist Besitz, und Unrecht gegenüber dem eigenen Besitz kann es nicht geben.“ (Vgl. Bensel / Rheinberger / Radbill, 2002, S.12)

Im Mittelalter sah es da schon anders für die Jungen aus. Sie bekamen mehr Rechte zugesprochen, jedoch wurden sie selten durchgesetzt.

(Vgl. Bange, 2002, S. 137)

Ähnlich wie in der Antike richteten sich die sexuellen Attacken oftmals gegen junge schmächtige Männer und Jungen. Sie waren häufiger Ziel der sexuellen Gewalt als erwachsene Männer, weil sie leichter zu überwältigen waren, und auch, weil sie Mädchenhafter wirkten. (Bange / Enders, 1995, S.13)

Also auch im Mittelalter schienen die Kinder als Objekte der Begierde weiterhin ausgebeutet zu werden. Und noch mehr als das; sie mussten sich sogar prostituieren. (Vgl. Bensel / Rheinberger / Radbill, 2002, S.18)

Im 17. Jahrhundert konnte man eine deutliche Wende erkennen. Die Erwachsenen hatten nicht mehr die „Narrenfreiheit“ mit ihren Kindern alles zu machen, was ihnen lieb war. Immer mehr wurde die Aufmerksamkeit den Kindern gewidmet und man fing an die Lebensphase Kind mit „anderen Augen zu sehen“. Nicht wie in der Antike oder im Mittelalter, wo die Knaben mit Erwachsenen gleichgesetzt und als Schwächere deshalb ausgebeutet wurden, sondern auf die Hilfebedürftigkeit und die nötige Zuwendung, wurde mehr eingegangen. (Vgl. Bange, 2002, S.137 / 138)

Werfe ich einen Blick durch die gesamte Geschichte, so erkennt man, wie schon bereits eingangs erwähnt, dass die Jungen während der gesamten Jahrhunderte von sexueller Gewalt betroffen waren. Zwar übermitteln die Medienberichterstattungen oftmals den Eindruck, der sexuelle Missbrauch an Jungen würde erst seit einigen Jahren ein brisantes Thema sein, jedoch wie uns die Geschichte zeigt, entspricht das nicht den Tatsachen. Das was in den letzten Jahren begonnen hat, ist das Thema des sexuellen Missbrauchs an Jungen allmählich zu enttabuisieren. Allmählich deshalb, weil in dieser Formulierung nicht verstanden werden soll, dass das Tabu schon gebrochen ist. Zu groß ist noch das Schweigen über den Missbrauch an Jungen. Aber im Vergleich zu früher befindet es sich schon im Aufbruch.

3. Begrifferklärung

3.1. Die unterschiedlichen Begrifflichkeiten

Ich benutze verschiedene Begriffe, um sexuelle Misshandlungen zu beschreiben. Sexueller Missbrauch ist für mich der treffendste und gebräuchlichste.

Ich verwende aber auch Begriffe wie „sexuelle Ausbeutung“ oder „sexuelle Gewalt“, um einfach sprachlich etwas variieren zu können. Auch kommt es gelegentlich vor, dass ich den Begriff des Täters mit dem des Missbrauchers variiere. Letztlich meine ich aber immer das Gleiche.

Ich halte es für legitim mehrere Begriffe zu verwenden, solange betont bleibt, dass ihnen ein und dieselbe Definition zugrunde liegt.

Die Begriffe „Opfer“ und „Betroffene“ haben ebenfalls für mich die gleiche Bedeutung. In meiner Arbeit sind die Opfer bzw. die Betroffenen immer männlich und vom sexuellen Missbrauch betroffen. Falls ich mal auf die Mädchen bzw. Frauen als Opfer eingehe, so ist dieses immer vermerkt.

Es sei noch ausdrücklich erwähnt, dass mein Thema „der sexuelle Missbrauch an männlichen Kindern und Jugendlichen“, nicht die Absicht hat die Männer auszugrenzen; das ließe sich schlecht vereinbaren, da viele Kinder und Jugendliche durch die Spätfolgen auch als Männer betroffen sein können. Ferner mache ich darauf aufmerksam dass ich, statt andauernd die männlichen Kinder und Jugendlichen zu erwähnen, häufig den Begriff „Jungen“ verwende. Diese Bezeichnung beinhaltet beide Altersklassen. Spreche ich eine besondere Altersklasse an, so lass ich es dem Leser wissen.

Zum Schluss will ich auch noch erklären, dass ich nicht immer vor dem Begriff „Missbrauch“ das Wort „sexueller“ einsetze. Ich denke, es ist offensichtlich, dass in meiner Diplomarbeit immer die Rede vom sexuellen Missbrauch ist. D. h., solche ausführlichen Formulierungen sind nicht erforderlich um auf die sexuellen Handlungen hinzudeuten.

3.2 Was ist sexueller Missbrauch?

Zum sexuellen Missbrauch an Kindern gibt es aufgrund der verschiedenartigen Literatur keine einheitliche Definition, da jeder Autor andere Aspekte als wichtig hervorhebt.

Bevor ich auf die Definition eingehe, möchte ich nur kurz erwähnen, dass alle Definitionen sexuellen Missbrauchs im weitesten Sinne Kultur- und Zeitgebunden sind. Je nach dem, in welcher Zeit Menschen leben, wird die Auffassung von bestimmten Dingen unter dem Einfluss von Normen und Werten dieser Zeit geprägt. Früher z. B. messten die Menschen Begriffe wie Sexualität, Gewalt, Verantwortlichkeit, Abhängigkeit eine andere Bedeutung zu, als sie es heute tun.

Es gibt viele Deutungen im Bereich des sexuellen Missbrauchs, die unterschiedlich ausgelegt werden. Sie sind mit unbestimmten Begriffen behaftet, die einen großen Definitionsspielraum zulassen.

Zum Beispiel kann als schwerwiegende Form des sexuellen Missbrauchs eine anale Penetration verstanden werden; für Wolters (1882) sind Handlungen, wie Masturbation, das aktive Erzwungene als auch das passive erduldete Tun des Opfers, mit betasten von Geschlechtsteilen keine schwerwiegende Form. (Vgl. Ron van Outsem, 1993, S. 14 / 15)

Oder die Handlungen eines sexuellen Missbrauchs wird mit Zwang, Drohungen oder Gewalt gleichgesetzt.

Ich bin jedoch der Meinung, dass der sexuelle Missbrauch ebenso ohne Zwang, Drohungen und Gewalt begangen werden kann. Darauf werde ich in der Definition von May noch später eingehen. Vorher jedoch möchte ich andere Definitionen nennen, die jede auf ihre Art den sexuellen Missbrauch erklärt.

Im Strafgesetzbuch wird in den §§ 176 ff StGB die juristische Seite des Missbrauchs definiert. In den verschiedenen Paragrafen wird je nach Art der sexuellen Handlungen, dem Alter des Betroffenen und der Art seiner Beziehung zur missbrauchten Person unterschieden, womit das Strafmaß in jedem Fall anders ausfällt.

Kavemann / Lohstöter (1984) legen den Schwerpunkt auf die geschlechtsspezifische Hierarchie. Ihrer Meinung nach findet sexueller Missbrauch nur zwischen Mädchen und Männern statt. (Kavemann / Lohstöter, 1984, S. 10)

Nach Enders (1990) ist sexueller Missbrauch immer dann gegeben, wenn ein Mädchen oder ein Junge von einem Erwachsenen oder einem älteren Jugendlichen als Objekt der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt wird. Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung nicht in der Lage sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen wissentlich zuzustimmen. Fast immer nutzt der Täter eine Macht oder ein Abhängigkeitsverhältnis aus. (Enders, 1990, S. 21)

Die Definition von Ursula Enders würde ich gerne noch ergänzen. In ihrer Definition wäre es angebracht, wenn sie den Zeitpunkt nennt, wo für sie der Missbrauch bereits anfängt. Der Leser könnte nämlich schnell der Auffassung sein, dass bei ihr der sexuelle Missbrauch erst ab dem körperlichen Kontakt beginnt. Für mich persönlich fängt jedoch der sexuelle Missbrauch schon viel früher an; nämlich dort, wo der Erwachsene das Kind zu sexuellen Handlungen versucht zu überreden, obwohl es eine deutliche Abwehrhaltung zeigt. Oder die Kinder werden auf den Schoß genommen, damit man sich an ihnen reibt, um so eine Befriedigung zu erreichen.

Dieses wird von außenstehenden nicht wahrgenommen, für das Kind ist dies jedoch sehr beängstigend. Auch wenn der Täter an dem Kind keine sexuellen Handlungen ausführt und sich z. B. selbst befriedigt, während das Kind „nur“ zuschauen muss, ist dies für mich auch sexueller Missbrauch.

Ich finde Angela May berücksichtigt diese Formen in ihrer Definition von sexuellem Missbrauch, und deshalb schließe ich mich ihr an. Sie schreibt in ihrer Definition, „sexueller Missbrauch ist immer ein Ausnutzen von Macht und Autorität, von körperlicher oder beziehungsbedingter Überlegenheit. Der Begriff sexueller Missbrauch umfasst das ganze Spektrum sexueller Gewalthandlungen, von scheinbar harmlosen Berührungen, bis zu den unterschiedlichsten Formen der Penetration. (Bundesministerium für Frauen und Jugend, 1993, S.61)“, (Angela May 1997, S.225)

May hat in ihrer Definition eine Beschreibung ausgewählt, die viele Aspekte beinhaltet.

Ihre Formulierung geht auf die verschiedenen Formen des sexuellen Missbrauchs ein. Das bedeutet, dass nach ihrer Definition der sexueller Missbrauch z. B. schon mit streichelnden Berührungen beginnen kann. Auch der Zwang ist kein entscheidender Faktor um Missbrauch zu definieren.

So spricht May nicht von Zwang, sondern von „veranlassen“ sexueller Handlungen. Überreden, Versprechungen, Liebesentzug können als Formen des „Veranlassens“ verstanden werden. (Angela May 1997, S. 227)

Sie hat Aspekte berücksichtigt, die nicht, wie es andere Autoren getan haben, unerwähnt bleiben dürfen. Allein schon die Tatsache, dass sie in ihrer Definition die „scheinbar harmlosen Berührungen“ anspricht, zeigt mir, dass für sie der sexuelle Missbrauch nicht nur in Verbindung mit dem Geschlechtsverkehr steht.

Betrachte ich die Definitionen, so fällt mir auf, dass die Beschreibungen alle nur auf die sexuellen Handlungen hinauslaufen. Sinngemäß gehen sie auf das Kind ein und machen deutlich, dass ein Missbrauch vorliegt, wenn das Kind nicht einwilligt und auch aufgrund der Reife nicht in der Lage ist einzuwilligen. Der gesamte Kontext, indem sich der Missbrauch jedoch abspielt, wird nicht immer ganz berücksichtigt. Das soll aber nicht als eine Kritik aufgefasst werden, denn würden die Autoren in ihrer Definition den gesamten Kontext berücksichtigen, so würden alle Definitionen weit umfangreicher ausfallen und hierfür mehrere Seiten beanspruchen.

Ich finde, das es ausreicht den Kern des Tatsächlichen zu definieren und Angaben, die nicht direkt mit der sexuellen Handlung zu tun haben, außen vor zulassen. Die sexuelle Handlung muss aber ausführlich definiert sein. Angaben, die z.B. darauf hindeuten, ob der Missbrauch in der Familie oder außerhalb dieser stattfinden, gehören nicht direkt in die Definition von sexuellen Missbrauch.

4. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Jungen

4.1. Häufigkeit

Die neuesten registrierten Fälle von Kindesmissbrauch habe ich aus der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2002 entnommen. Diese belegt, dass auch heute noch sehr viele Jungen Opfer sexueller Gewalt werden.

PKS Berichtsjahr 2002

Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Verschiedene Delikte der sexuellen Selbstbestimmung werden in dieser Grafik dargestellt. Mich interessieren nur die erfassten Fälle der letzten Jahre im Bereich des sexuellen Missbrauchs. Aus diesem Bereich geht hervor, dass sich die Zahlen der erfassten Fälle in den letzten Jahren erhöht haben. Ein Grund dafür wird sicherlich die Bereitschaft zur Benennung des Missbrauchs sein. Zwar ist das Tabu heute noch sehr groß, aber im Vergleich vor einigen Jahrzehnten (60er, 70er, 80er Jahre) war es enorm größer.

Die Zahlen zeigen, dass die erfassten Fälle von 15000 bis 17000 schwanken. Diese sind jedoch weiblich und männlich.

In der darauf folgenden Tabelle wird zu erkennen sein, wie viele von den Betroffenen männlich sind.

PKS Berichtsjahr 2002

Opfer nach Alter und Geschlecht

Bereich: Bundesgebiet insgesamt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus dieser Tabelle werden 2 Bereiche des sexuellen Missbrauchs mit ihren unterschiedlichen Opferzahlen veranschaulicht.

Der Missbrauch von Schutzbefohlenen unter Ausnutzung einer Amtsstellung oder eines Vertrauensverhältnisses und der Missbrauch von Kindern.

1964 Schutzbefohlene wurden missbraucht, davon sind 19,9 % männlich. Hauptsächlich betroffen sind Kinder und Jugendliche. Der andere Bereich des sexuellen Missbrauchs, in denen nur Kinder betroffen sind stellt eine weitaus höhere Opferzahl dar. Von insgesamt 19102 Opfern sind 24,3 % männlich.

Definitiv ist auf den ersten Blick erkennbar, dass Mädchen viel häufiger missbraucht werden als Jungen; die Tatsache, jedoch dass es auch männliche Opfer gibt, und das nicht in geringen Mengen, ist für mich ein absoluter Grund diesen Bereich näher zu beleuchten.

Waren die erfassten Fälle von Missbrauch polizeilich registriert, so gehe ich jetzt auf die unterschiedlichen empirischen Untersuchungen ein. Diese sind u. a. Methoden, wie anonyme Fragebögen, Telefoninterviews oder auch regional begrenzte Stichproben, die auf das ganze Bundesgebiet übertragen werden. Die Art und Weise, wie man methodisch vorgeht, um die Bereitschaft der Untersuchenden zu wecken und auch wahrheitsgemäße Antworten zu bekommen, spielt in den Überlegungen solcher Methoden eine entscheidende Rolle. Zum Beispiel die Art des Befragungsinstruments, wie darin nach dem sexuellen Missbrauch gefragt wird, ist ein entscheidender Faktor.

Viele Untersuchungen sind aus Fragebögen herausgeleitet, andere basieren auf telefonische oder persönlichen Interviews. Welches Vorgehen zu besseren Ergebnissen führt, ist strittig. Es wird argumentiert, dass die durch eine Fragebogenuntersuchung gegebene Distanz, es einigen Teilnehmern erleichtert, etwas über ihren sexuellen Missbrauch mitzuteilen. (Bange / Deegener, 1996, S. 108 ff)

Diese deutschen Untersuchungen zeigen, dass zwischen 4 und 14 % aller Jungen, Formen von sexuellem Missbrauch erleben. (Vgl. Bange, 1992, Raupp, U. Eggers 1993)

Nach Angaben des Bundesministeriums für Frauen und Jugend, verteilen sich die männlichen Opfer auf 25 Prozent.

(Angela May, 1997, S. 297)

Diese hohen Schwankungen erklären sich u.a. durch die verwendeten, teilweise sehr unterschiedlichen Definitionen. So wurden beispielsweise bei der Untersuchung von Hertha Richter-Appelt nur sexuelle Übergriffe, die Körperkontakte beinhalten und vor dem 14. Lebensjahr geschahen, gezählt. Während bei Bange / Deegener durchgeführten Studien auch sexuelle Handlungen ohne Körperkontakt und die Altersgrenze bei 16 Jahren lag, gezählt wurden. (Vgl. Bange, 1998, S.43)

Nachdem ich die polizeilich registrierten und die durch empirische Untersuchungen ermittelten Zahlen des sexuellen Missbrauchs an Jungen näher erläuterte, möchte ich nun zum wesentlichen Punkt, der Dunkelziffer, übergehen.

4.1.1.Dunkelziffer

Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, dass relativ selten angezeigt wird, sodass die angezeigten Fälle, etwa 10000 bis 15000 registrierte Fälle mit dem Faktor 20 bis 30 multiplizieren werden muss, um zu einem realistischen Bild zu kommen. (Bange 1992, Kavemann / Lohstöter 1984)

Hochgerechnet hieße das bei einer Dunkelziffer von 1:30, dass im Jahr 2002 laut PKS Grafik bei 16000 angezeigten Fällen nach §176 StGB, 480000 Fälle vom sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, vollzogen wurden. Für die Jungen hieße es bei 14 % Anteil, dass im Jahr 2002 ca. 67200 männliche Opfer betroffen sind. Da ich von der höchsten Prozentzahl ausgehe, spreche ich von allen Formen des sexuellen Missbrauchs. Von den „scheinbar harmlosen Berührungen“, bis hin zu den schwerwiegenden Formen.

Nochmal lasse ich mir die Summe von 67200 betroffenen Jungen über meine Zunge ergehen und mir wird klar, dass diese Zahl nicht einfach ignoriert werden kann.

Die Dunkelziffer von 480000 wurde auf beide Geschlechter hin errechnet. Es ist davon ausgehen, dass die männliche Dunkelziffer von 67200 noch höher ausfällt. Bekannt ist nämlich, dass Jungen im Vergleich zu Mädchen aufgrund gesellschaftlichem Erwartungsdruck, wie ein „richtiger“ Mann sein soll, eher ihren Missbrauch verschweigen. Immer wieder berichten die Medien, oder liest man aus Büchern, dass Jungen außerhalb der Familie missbraucht werden. Dies entspricht laut bekannt gewordenen Fällen den Tatsachen.

Ich jedenfalls tue mich schwer damit dieses als Orientierungsmaßstab anzunehmen; zu sehr verfolgt mich der Gedanke, dass die Dunkelziffer des innerfamiliären Missbrauchs an Jungen wesentlich höher zu sein scheint als bei Mädchen. Darauf werde ich aber noch in meiner Arbeit zu sprechen kommen. Bezüglich dessen ist mir nur wichtig, dass die Öffentlichkeit nicht von den Medien geblendet wird und annimmt, Jungen würden nicht Opfer der Familie werden. Nicht selten vergreifen sich Väter und Mütter an ihre Söhne. Sicherlich spielen krankhafte sexuelle Neigungen, Persönlichkeitsstörungen oder auch die Situation an sich in der Familie für denjenigen Elternteil, der sexuelle Missbrauchshandlungen ausübt, eine entsprechende Rolle, aber auch die elterliche Einstellung kann ein Risiko sein, das Kind für sich als Eigentum zu betrachten und folge dessen sich an ihm zu vergehen.

Wieso also, sollen diese genannten Ursachen für so ein abscheuliches Verhalten nicht auch auf Jungen zutreffen. Fakt ist, auch Jungen werden in der Familie missbraucht und deshalb werden kaum Fälle angezeigt. Zu oft erteilen die Täter ein Schweigegebot oder die Opfer sind emotional an ihre Eltern gebunden und häufig auch noch sehr klein. Diese Gründe sprechen für eine zu hohe Dunkelziffer. Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied, ob ein Kind innerhalb der Familie missbraucht wird oder außerhalb, d. h. der Täter ein Familienmitglied oder ein so genannter Fremdtäter ist. Die aufgezeigten und registrierten Fälle beziehen sich nämlich hauptsächlich auf Fremdtäter.

4.2 Ort des Geschehens

Angela May bezieht sich u. a. auf Finkelhorr und schreibt: „David Finkelhorr (1979) kommt aufgrund von Untersuchungen zu dem Schluss, dass Jungen zu einem hohen Prozentsatz (83% der Fälle) außerfamiliär sexuell missbraucht werden, die Täter jedoch in naher Beziehung zur Familie stehen. Jan van den Broek fasst weitere Ergebnisse von David Finkelhorr (1986 b) zusammen und stellt fest, dass kleinere Jungen eher auch zu Hause sexuell missbraucht werden, während größere Jungen den sexuellen Missbrauch tendenziell mehr außerhalb der Familie erfahren.“ (Van den Broek, 1993, S. 30, Angela May 1997, S. 309)

In diesem von David Finkelhorr festgestelltem Ergebnis, dass kleinere Jungen eher auch zu Hause sexuell missbraucht werden, bringt er meine bereits gestellte Vermutung zum Ausdruck wieder.

Die Tatsache, dass viele Autoren mit ihren Untersuchungen behaupten, Jungen würden eher außerfamiliär missbraucht, entspricht meiner Meinung nach nicht ganz den Tatsachen, wenn man die kleineren Jungen, wie David Finkelhorr in seiner Untersuchung feststellte, mit einbezieht. Mit dieser von David Finkelhorr festgestellten Untersuchung kann ich mich deshalb eher anfreunden.

Dirk Bange und Ursula Enders schreiben, dass die sexuelle Gewalt zu 50 % (häufiger als Mädchen) im außerfamiliären Nahbereich stattfindet (Nachbarn, Lehrer, Freund der Eltern, Trainer, Pfarrer, Jugendgruppenleiter u. a.).

In 15 – 20 % aller Fälle sind es Familienangehörige (Onkel, Brüder, Väter, Opa...); und in 30 – 35 % aller Fälle sind es Freunde. (Bange / Enders, 1995, S. 69 ff)

Ein Blick auf die Zahlen der Autoren, zeigt uns, dass sie unterschiedlich sind. Ich denke die Zahlen unterscheiden sich deshalb, weil jeder Autor andere Kriterien für seine Untersuchung hervorhebt.

Jedenfalls ist erkennbar, dass die männlichen Opfer größtenteils ihre Täter kannten, bevor sie anfingen, sie zu missbrauchen.

4.3 Dauer von sexuellen Missbrauch

Pfeifer und Wetzels schreiben, dass etwa die Hälfte der jeweils befragten Männer einen einmaligen Übergriff erlebten. Bei der anderen Hälfte vollzog sich der Missbrauch über einen längeren Zeitraum. Einige Männer wurden über Jahre sexuell missbraucht. (Pfeiffer / Wetzels 1997, DVJJ Journal 4 / 1997, S. 346 ff)

In der Regel ist der innerfamiliäre und der außerfamiliäre Missbrauch beeinflussende Faktoren bezüglich der Dauer und der Häufigkeit der sexuellen Übergriffe. Bewegt sich der Missbraucher in unmittelbarer Nähe des Geschehens, so ist davon auszugehen, dass er sich öfter an dem Jungen vergeht und das der Missbrauch wahrscheinlich über Jahre anhält.

Hierzu möchte ich jedoch betonen, dass auch Ausnahmen die Regeln bestätigen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Sexueller Missbrauch an männlichen Kindern u. Jugendlichen
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
96
Katalognummer
V51429
ISBN (eBook)
9783638474030
Dateigröße
3167 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexueller, Missbrauch, Kindern, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Jawad Abdallah (Autor), 2003, Sexueller Missbrauch an männlichen Kindern u. Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/51429

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