Abschaffung des Bargeldes. Auswirkungen auf Marktteilnehmer


Bachelorarbeit, 2017
60 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Geld
2.1 Definition des Geldes anhand seiner Funktionen
2.1.1 Geld als Tausch- und Zahlungsmittel
2.1.2 Geld als Recheneinheit
2.1.3 Geld als Wertaufbewahrungsmittel
2.2 Geld in der Gesellschaft

3 Das Zahlungsverhalten in Deutschland
3.1 Nutzung der Zahlungsinstrumente
3.2 Gründe für ausschließliche Barzahlung
3.3 Befragung eines Für und Wider von Bargeld

4 Abschaffung des Bargeldes
4.1 Gründe für die Abschaffung des Bargeldes
4.1.1 Straftaten und Schattenwirtschaft
4.1.2 Geldpolitische Aspekte
4.1.3 Stabilität des Finanzsektors
4.1.4 Sicherheit und Datenschutz
4.1.5 Illegale Migration
4.1.6 Kosten
4.2 Theoretische Ansätze zur Umsetzung
4.2.1 Einführung einer EU-weiten Bargeld-Obergrenze
4.2.2 Virtuelle Währung am Beispiel Bitcoin
4.2.3 Mobile Payment
4.3 Praktische Umsetzung am Beispiel von Schweden
4.3.1 Zahlungsverhalten der schwedischen Bevölkerung
4.3.2 Gründe
4.3.3 Swish (P2P-Überweisung)
4.3.4 Chancen und Herausforderungen von Swish
4.3.5 Nachfrage des Bargeldes

5 Chancen und Herausforderungen der Bargeldabschaffung
5.1 (Volks-) Wirtschaftliche Potenziale und Risiken
5.1.1 Wachstum durch Investitionen
5.1.2 Produktivitätssteigerung
5.1.3 Kostenpotenziale
5.1.4 Preisstabilität
5.2 Potenziale und Risiken im Banken- und Finanzsektor
5.2.1 Kostenpotenziale
5.2.2 Systemstabilität
5.2.3 Cyberkriminalität
5.2.4 Verlust der Marktposition
5.3 Potenziale und Risiken auf Unternehmensebene
5.3.1 Kostenpotenziale
5.3.2 Transparenz des Marktes
5.3.3 Fehlendes Know – how
5.3.4 Unsichere rechtliche Rahmenbedingungen
5.4 Soziologische Potenziale und Risiken
5.4.1 Neue Technologie – ein Generationsproblem
5.4.2 Abstraktion des elektronischen Geldes
5.4.3 Komplexe Systeme und Vertrauensbildung

6 Kritiker und Befürworter der Abschaffung

7 Fazit

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: FUNKTIONEN DES GELDES

ABBILDUNG 2: ANTEIL DER ZAHLUNGSINSTRUMENTE NACH UMSATZ UND TRANSAKTIONSZAHL

ABBILDUNG 3: GRÜNDE FÜR BARZAHLUNG

ABBILDUNG 4: WIE VIELE SIND DAFÜR UND WIE VIELE SIND DAGEGEN

ABBILDUNG 5: SCHÄDEN 2015 IN (MIO. EURO)

ABBILDUNG 6: MINDERUNG DER BARGELDABHEBUNGEN

ABBILDUNG 7: HÄUFIGKEIT DER KARTENZAHLUNGEN

ABBILDUNG 8: HÄUFIGSTE ZAHLUNGSMETHODE

ABBILDUNG 9: MARKTTEILNEHMER EINER VOLKSWIRTSCHAFT

1 Einleitung

Die Terroranschläge in Paris vom 13. November 2015 oder der Türkei diesen Jah- res prägen Staat und sowie die Gesellschaft noch heute. Dieses Beispiel bezogen auf kriminelle Aktivitäten ist nur eines von vielen mit der sich die Außen- und Sicher- heitspolitik sowie das Finanzministerium in Paris beschäftigt haben.1 Vor diesem Hintergrund stellt der französische Finanzminister Michel Sapin die Frage, welche staatlichen und außenpolitischen Maßnahmen in Europa zur Vermeidung solcher Aktivitäten betroffen werden könnten. Die Antwort auf diese Frage hängt jedoch von vielen Faktoren ab. Einer der wesentlichen ist das Geld. Wer solche Aktivitäten vor- bereitet und durchführt, benötigt viel Geld. Geld für die Unterhaltung eines Netzwer- kes, die notwendige Ausrüstung sowie für die Anschläge selbst.2

Auch mit der Entscheidung der Europäischen Zentralbank vom 4. Mai 2016, Pro- duktion und Ausgabe der 500-Euro-Banknote einzustellen3 und den derzeitigen Überlegungen zur gesetzlichen Begrenzung auf 5.000 Euro für Barzahlungen in Deutschland, hat die Diskussion um eine Abschaffung des Bargeldes in Deutsch- land an Intensität gewonnen. Während hier derartige Maßnahmen ebenfalls mit der Bekämpfung illegaler Aktivitäten begründet werden, befürchten Kritiker, dass dieses nur der erste Schritt zu einer vollständigen Bargeldabschaffung sein könnte. Weiter noch geschieht diese Diskussion zum einen vor dem Hintergrund eines veränderten Kauf- und Zahlungsverhaltens, gefördert durch Innovationen auf Basis des techno- logischen Fortschritts. Zum anderen haben einzelne EU- Länder bereits gesetzliche Beschränkungen auf Barzahlungen.4 Von daher ist es notwendig, zu einer schritt- weisen und am Ende vielleicht vollständigen Abschaffung von Bargeld als Zah- lungsmittel Position zu beziehen. Das Problem besteht jedoch nicht einzig und allein in einer vollständigen Abschaffung des Bargeldes, sondern auch in den daraus re- sultierenden Folgen für die Volkswirtschaft. Es stellt sich daher die Frage, welche zukünftigen Perspektiven das Bargeld auf Grund nachfolgender Argumentation auf- weisen könnte.

Das Thema rund um die Abschaffung des Bargeldes und die daraus entstehenden Folgen für die Marktteilnehmer, beinhaltet im Groben drei Bereiche. Zum einen die Abschaffung der 500- Euro- Banknote, zum anderen eine EU- weite Bargeld- Ober- grenze von 5.000 Euro und als dritten Punkt eine vollständige Abschaffung des Bar- geldes. Bei der vorliegenden Thesis erfolgt jedoch im Wesentlichen die Betrachtung einer vollständigen Abschaffung des Bargeldes.

Das Vorgehen gliedert sich in fünf Teilbereiche. Der erste Teilbereich beschreibt die Funktionsweise des Geldes sowie seine Bedeutung in der heutigen Gesellschaft. Folglich erhält der Leser einen Einblick auf den Umgang mit- sowie die Nutzung von Bargeld, dargestellt anhand von Zahlen und Fakten. Darauf basierend folgt ein Ein- stieg in den ersten Hauptteil des Themas. Hierbei werden die Gründe sowie die theoretischen Umsetzungsmöglichkeiten vorgestellt. Anhand eines Beispiels wird darauffolgend eine praktische Umsetzungsmöglichkeit erläutert. Im Zusammen- hang den Gründen erfolgt die Ausarbeitung der Chancen und Herausforderungen, die sich für die am Markt agierenden Teilnehmer ergeben. Im Anschluss werden die Betrachtungsweise einiger Kritiker sowie Befürworter des Themas gegenüberge- stellt. Ziel der Arbeit ist eine Diskussion, in der unterschiedliche Ansichten zum Thema analysiert, werden um anhand dessen zukünftig politische und gesellschaft- liche Entscheidungen in Bezug auf das Bargeld treffen zu können. Dem Leser wird somit verdeutlicht, dass dieses Thema zukünftig weiterhin im Diskurs steht.

2 Was ist Geld

2.1 Definition des Geldes anhand seiner Funktionen

Laut Hans-Jurgen Wagener hat Geld vielseitige Erklarungen. Er beschaftigt sich jedoch nicht mit der philosophischen Frage nach dem Wesen des Geldes, sondern beschrankt sich ausschlieBiich auf deren okonomisch wirtschaftliche Funktionen.5

Auf Grund dessen beschreibt er eine konkrete Definition von Geld anhand seiner fUr die Wirtschaft zu erfullenden Funktionen.6 Geld ist demnach alles was Geldfunk­ tionen ausubt. Die Vorteile des Geldes zeigen sich in den wesentlichen aus Abb. 1 dargestellten Funktionen, ohne die ein Funktionieren der Volkswirtschaft nicht mog­ lich ware.7 Welche Aufgabe die jeweilige Funktion erfullt, wird im Folgenden genau erlautert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Funktionen des Ge/des 8

2.1.1 Geld als Tausch- und Zahlungsmittel

Geld ist zunächst ein Medium, mit dem Tauschvorgänge von Gütern durchgeführt werden können. Geld wird zudem benutzt um Kredite zu gewähren und Schulden zu tilgen. In diesen Fällen geht es nicht um einen Gütertausch, sondern um Finanz- transaktionen. Daher wird von der Geldfunktion als Zahlungsmittel gesprochen. Es ist zudem das einzig gesetzliche anerkannte Zahlungsmittel im Geldsystem.9

2.1.2 Geld als Recheneinheit

Neben der Zahlungsmittelfunktion übernimmt Geld in der Regel auch die Aufgabe einer allgemein verwendeten Recheneinheit für wirtschaftliche Transaktionen. Da- mit ist gemeint, dass die Preise fast ausschließlich in der Währung eines Landes ausgedrückt werden und das Geld als einheitlicher Wertmaßstab dient. Dabei gilt es zu beachten, dass eine derartige Preisangabe letztendlich den relevanten und nicht etwa den absoluten Wert von Gütern und Dienstleistungen widerspiegelt.10

2.1.3 Geld als Wertaufbewahrungsmittel

Ein Vorteil, den Geld bietet, liegt darin, dass der Zeitpunkt für Kauf und Verkauf nicht identisch sein muss, wenn Waren nicht direkt (Ware gegen Ware) getauscht wer- den. In Geld lässt sich somit das Versprechen eines Gegenwerts für andere Güter konservieren und zu anderer Zeit an einem anderen Ort wieder eintauschen. Es erlaubt einen interregionalen und intertemporalen Transport der Kaufkraft.11 Das Geld besitzt somit eine Wertaufbewahrungsfunktion. Die Material- und Wertbestän- digkeit des Geldes bilden dafür die Voraussetzungen. Eine besondere Rolle spielt diese Funktion beim „Sparen“, da hier der Wert über die Zeit gespeichert werden soll.12

2.2 Geld in der Gesellschaft

Geld stellt ein Monopol des Staates in der modernen Marktwirtschaft dar. Für die heutige Gesellschaft ist es ein wichtiges und öffentliches Gut, welches für sicheres Vermögen bei Sparern sorgt sowie Wirtschaftswachstum und Beschäftigung der Bevölkerung fördert.13 Geld steht der Wirtschaft sowohl als Bargeld, bestehend aus Münzen und Banknoten, wie auch als Buchgeld, das von den Banken geschöpfte Geld, zur Verfügung. Im Gegensatz zum Buchgeld ist Bargeld das einzige gesetzli- che Zahlungsmittel, womit Güter unmittelbar vor Ort erworben werden können.14

Trotz der technologischen Veränderungen ist Bargeld auch in der heutigen Zeit noch ein für die Bevölkerung allgegenwärtiges Medium. So wird es von Unterneh- men sowie von Bürgerinnen und Bürgern zur Abwicklung wirtschaftlicher Transak- tionen und zur Wertaufbewahrung verwendet. Gleichzeitig wird im Bargeld die ge- meinsame Währung für die Gesellschaft greifbar.15 Das Vertrauen in die Währung beginnt insofern beim Bargeld. Einzig die Zentralbanken haben das Recht zur Her- ausgabe bzw. Produktion von Euro-Bargeld. Die Deutsche Bundesbank ist im Rah- men des Euro-Systems, zusammen mit den Zentralbanken anderer Länder, für die sichere und zuverlässige Bereitstellung von Euro-Banknoten und Münzen verant- wortlich.16

3 Das Zahlungsverhalten in Deutschland

Die digitale Wirtschaft ist nicht nur ein bedeutender Wirtschaftssektor und wichtiger Technologiebereich, sondern auch Treiber der Digitalisierung von Unternehmen und Gesellschaft. Damit schafft sie nicht nur Wachstum und Beschäftigung von heute, sondern ist entscheidend für die Innovationskraft von morgen.17 Der Bereich der Zahlung und die Zahlungsgewohnheiten der Gesellschaft spielen in diesem Zu- sammenhang eine zentrale Rolle.

3.1 Nutzung der Zahlungsinstrumente

Die Deutsche Bundesbank untersucht regelmäßig mit einer repräsentativen Bevöl- kerungsumfrage die Einstellung zu und die Verwendung von verschiedenen Zah- lungsinstrumenten in Deutschland. Dabei werden die Teilnehmer der Studie gebe- ten ein Zahlungstagebuch zu führen, in welchem sie über einen Zeitraum von sie- ben Tagen alle getätigten Ausgaben protokollieren. Unberücksichtigt bleiben dabei regelmäßige Zahlungen wie zum Beispiel für Strom, Wasser, Gas, die Miete oder auch Versicherungsbeiträge, die üblicherweise unbar beglichen werden.18 Die letzte in Abb. 2 dargestellte Zahlungsverhaltensstudie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass Bargeld für beinahe 80 % aller Transaktionen genutzt wird. Der wertmäßige Anteil beläuft sich auf 53 % der getätigten Umsätze. Im Vergleich zu früheren Er- hebungen verringert sich die Bedeutung des Bargelds im Zahlungsverkehr im Zeit- verlauf allerdings nur langsam. Dies deutet auf eine geringe Verhaltensänderung bei der Zahlungsmittelwahl hin. Eine Abschaffung des Bargelds würde deshalb ei- nen erheblichen Umstellungsaufwand in der Bevölkerung ergeben und dadurch ei- nen gewissen Unmut erzeugen.19 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Quote von 2008 bis 2014 lediglich um durchschnittlich 0,8 Prozent verändert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Anteil der Zah/ungsinstrumente nach Umsatz und Transaktionszaht 20

3.2 Grunde fUr ausschlieBiiche Barzahlung

Welche Grunde gibt es tor diese hohe Wertschatzung des Bargeldes? In der Zah­ lungsverhaltensstudie haben 33 % der Befragten angegeben grundsatzlich nur bar zu bezahlen. Diese Verbraucherinnen und Verbraucher wurden in einem nachsten Schritt nach den Grunden tor diese Entscheidung befragt.21 Die Ergebnisse sind in Abb. 3 dargestellt. Der mit Abstand wichtigste Grund tor die Auswahl von Bargeld als Zahlungsmittel ist das Gefuhl besserer Ausgabenkontrolle. Bargeld ist somit tor viele Burgerinnen und Burger ein effektives Instrument zur Haushaltsplanung. An zweiter Stelle werden Einfachheit, Sicherheit und Schnelligkeit des Zahlens mit Bar- geld herausgestellt. Welches Zahlungsmittel als effizient und zweckma ig wahrge­ nommen wird, liegt letztlich im Auge des Betrachters. Denn auch fUr die Befragten, die moglichst immer bargeldlos bezahlen, sind die gleichen Kriterien sehr wichtig. Fur einige Verbraucherinnen und Verbraucher erfullt Bargeld die genannten Krite­ rien am besten, fUr andere bargeldlose Zahlungsinstrumente. Es wird dasjenige In­ strument gewahlt, das in den eigenen Augen die Anforderungen am besten erfullt.22

Das Bargeld bietet daruber hinaus weitere Vorteile. Neben der Nutzung als anony­ mes Zahlungsmittel ist Bargeld zudem von technischer lnfrastruktur weitgehend un­ abhangig und damit auch in einem Krisenfall einsetzbar. Gerade in einem Krisenfall konnte die Bevolkerung auch von der Moglichkeit profitieren, Bargeld als Wertauf­ bewahrungsmittel zu verwenden. Auch ist es bisher nicht liberal! moglich, bargeld­ los zu bezahlen, beispielsweise in Backereien oder am Kiosk.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: GrOnde fOr Barzahlung 23

3.3 Befragung eines Fur und Wider von Bargeld

Die nachfolgende Abb. 4 stellt die Ergebnisse einer Umfrage aus dem Jahr 2016, fur und gegen eine Abschaffung des Bargeldes in Deutschland dar. Zum Zeitpunkt der Erhebung gaben etwa 66 Prozent der Befragten an, dass sie es schlecht fanden, wenn es kein Bargeld mehr gabe und aile Zahlungen nur noch mit Karte oder elekt­ ronisch getatigt werden konnten.Lediglich zwei Prozent der Befragten wOrden eine Abschaffung befurworten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Wie viele sind dafür und wie viele sind dagegen24

Insgesamt betrachtet zeigt der Vergleich von drei Studien zum Zahlungsverhalten, dass die Bevolkerung in Deutschland nur Iangsam ihr Verhalten andert. Abrupte Anderungen der Zahlungsgewohnheiten sind derzeit nicht zu erwarten. Dennoch konnte von der heranwachsenden technikaffinen Generation ein Wandel im Zah­ lungsverhalten ausgehen, der mit dazu beitragt,dass der wertmaBige Barzahlungs­ anteil mittelfristig sinken konnte.25

4 Abschaffung des Bargeldes

In Anbetracht der oben genannten Rechtsgrundlage sowie der Ergebnisse der Zah- lungsverhaltensstudie scheint es allerdings wenig schlüssig, wenn der Staat einer- seits festlegt, dass Banknoten das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, sind und an- dererseits die Möglichkeit einer vollständigen Abschaffung des Bargeldes nicht aus- schließt. Vor diesem Hintergrund stellt sich durchaus die Frage, inwieweit die Ver- wendung von Bargeld überhaupt rechtlich vollständig eingeschränkt werden kann. Hierzu bedarf es allerdings einer näheren Betrachtung der aktuellen Gesetzes- lage.26 Das im Grundgesetz verbürgte Recht auf Eigentum und dessen freie Nut- zung würde in einem solchen Fall eingeschränkt. Ebenso die Vertragsfreiheit jedes einzelnen Bürgers. Sie wären „gezwungen“ Zahlungen ab einer bestimmten Höhe elektronisch zu tätigen. Auch in Bezug auf das Europarecht gibt es erhebliche Be- denken, da ebenfalls eine Begrenzung des grenzüberschreitenden Zahlungsver- kehrs erfolgen würde.27 Dies bedeute also, dass bei der Durchführung solchen Maß- nahmen der Gesetzgeber legitime Gründe für eine Grundrechtseinschränkung vor- weisen müsste. Auf die Ausarbeitung einer genauen Analyse der Rechtsgrundlagen wird im Rahmen dieser Arbeit jedoch verzichtet. Stattdessen erfolgt in diesem Ka- pitel im Wesentlichen die Betrachtung möglicher Gründe für eine Bargeldabschaf- fung. Dabei wird argumentiert, dass eine Abschaffung des Bargeldes die Beschrän- kung der Geldpolitik durch eine Nullzinsgrenze grundsätzlich beseitigen und so die geldpolitischen Handlungsmöglichkeiten in einer Situation sehr niedriger Zinsen er- weitern würde. Kritiker wie US-Ökonom Kenneth Rogoff argumentieren auch, Bar- geld sei als Zahlungsmittel zu teuer und erleichtere schattenwirtschaftliche Aktivitä- ten.28 Weitere Kritiker und Befürworter sowie deren unterschiedliche Betrachtungs- weise werden im Laufe der Arbeit unter Punkt 6 ausführlicher erläutert.

4.1 Gründe für die Abschaffung des Bargeldes

4.1.1 Straftaten und Schattenwirtschaft

Im Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Maßnahmen gegen illegale Aktivitäten ste- hen traditionell Strafen und Kontrollen. In diesem Kontext wird auch über die Ab- schaffung des Bargeldes als weitere Maßnahme gegen die Kriminalität diskutiert. So sollen die bereits existierenden bzw. geforderten Beschränkungen des Bargel- des sowie die Forderung einer vollständigen Abschaffung der Banknoten im We- sentlichen zu einer Beschränkung der Kriminalität führen.29 Straftaten wie der Um- lauf von Falschgeld, Geldwäsche, Schattenwirtschaft oder Steuerhinterziehung sol- len durch die Abschaffung erschwert werden. Somit sind laut der Bundesbank, im ersten Halbjahr 2016 rund 45.700 falsche Euro-Banknoten im Nennwert von 2,3 Millionen Euro registriert worden. Damit ist die Zahl der Fälschungen gegenüber dem zweiten Halbjahr 2015 um 1,7 Prozent gestiegen.30

Auch begründet das Finanzministerium eine einheitliche Grenze für Barzahlungen mit dem Umfang der Geldwäsche und den Geldwäscherisiken in den einzelnen Wirtschaftssektoren. So beläuft sich das Geldwäschevolumen auf ca. ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was schätzungsweise 60 Milliarden Euro jährlich sind.31

Die negativen Auswirkungen der Schattenwirtschaft fallen ebenfalls unter diese Gründe. Sinkende Steuereinnahmen sowie Sozialversicherungsbeiträge sind die Folge dessen.32 Dabei sollte zudem bedacht werden, dass dieser Effekt nur sehr begrenzt auftreten würde. Wenn nur ein Währungsgebiet isoliert von allen anderen einen solchen Schritt unternimmt, dann würde die Schattenwirtschaft vermehrt auf andere Währungen ausweichen. Zudem enthält die Schattenwirtschaft auch Ele- mente eines „Sicherheitsventils“.33 Der Staat erweist sich als produktiv im Erfinden immer neuer und komplizierter Regularien. Dies führt vielfach zu einer erheblichen Verteuerung bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Es ist daher zu- mindest nachvollziehbar, wenn einige Aktivitäten in die Schattenwirtschaft auswan- dern.34 Solche und weitere Aktivitäten profitieren von der Anonymität des Bargeldes.

Es kann nicht zum Ursprung zurückverfolgt werden und ist vor allem in großen Scheinen Ieicht und gut zu transportieren.35 Hingegen lasst sich elektronisches Bar­ geld wegen fehlender Anonymitat nicht mehr so Ieicht fUr kriminelle Zwecke nutzen. Sicherlich wurde durch eine Bargeldabschaffung das Risiko, Opfer eines Bargeld­ diebstahls zu werden deutlich sinken, jedoch durfte die Gefahr, Opfer von Cyberkri­ minalitat zu werden, fur Privatpersonen und Unternehmen wiederurn entsprechend stark steigen.36 Hieraus ergibt sich die Frage, ob der volkswirtschaftliche Schaden durch die Cyberkriminalitat nicht hoher liegen wurde. So ist der Graphik des Bun­ deskriminalamtes, welche in Abb. 5 dargestellt wird, eine erfasste Gesamtscha­ denssumme von 40,5 Mio. Euro fOr das Jahr 2015 zu entnehmen. lm Vergleich zum Vorjahr waren es 39,4 Mio. Euro. Dies entspricht einer Zunahme urn 2,8%. 37

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Schaden 2015 in (Mio. Euro) 38

Ebenfalls ist kritisch zu betrachten, ob die angenommene Erleichterung der Arbeit der Strafverfolgungsbehorden durch die Abschaffung von Bargeldzahlungen im Zu­ sammenhang mit Geldwasche, Drogenhandel oder Schattenwirtschaft nicht Ober­ schatzt wird. Bereits heute werden bargeldlos illegale Finanztransaktionen abgewi­ ckelt, deren Umfang dann vermutlich deutlich zunehmen durfte. 39 AuBerdem gibt es auch andere Moglichkeiten, mit denen ebenfalls Straftaten begangen werden ki:innen, ohne dass bisher an eine Nutzungsbeschrankung gedacht wurde.40

Ob also die vermeintlichen Argumente zur Bekämpfung der Kriminalität oder Schat- tenwirtschaft auch im Wesentlichen Chancen einer Reduzierung darstellen, ist an- hand der Argumentationen noch fraglich. 41

4.1.2 Geldpolitische Aspekte

Das Angebot an Ersparnissen und die Nachfrage nach Investitionen werden am Kapitalmarkt über den Zinsmechanismus zum Ausgleich gebracht. Ein sinkender Zins reduziert den Anreiz zum Sparen und erhöht die Anreize zum Konsumieren und Investieren. Ersparnisse sind die Voraussetzungen für Investitionen. Aus die- sem Grund versucht die EZB mit einer Niedrigzinspolitik, die mit negativen Einla- gesätzen einhergeht, die Kreditvergabe im Euroraum zu stimulieren. Dieser Ab- schnitt diskutiert den Zusammenhang zwischen der Abschaffung des Bargeldes und der Niedrigzinsphase.

Da die anhaltend niedrige Inflationsrate im Euroraum von unter 1 %42 verbunden mit einer rückläufigen Kreditvergabe, als problematisch angesehen wird, versucht das Eurosystem durch die niedrigen Zinsen die Kreditvergabe zu steigern. Der Hin- tergrund ist positive Impulse auf das Preisniveau zu lenken.43 Ebenso könnte dies eine notwendige Reaktion sein, um die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachs- tumspfad zurückzuführen und gleichzeitig eine Steigerung der Konjunktur zu bewir- ken.44 Jedoch ist fraglich, inwiefern und in welcher Höhe bei negativen Zinsen ein Abfluss von Bargeld zugunsten des Konsums erfolgen würde. So wurden Aussagen darüber getätigt, dass seit der EZB-Rat im Juni 2014 negative Zinssätze in den Be- reich auf -0,1 % und inzwischen -0,4 % auf den Einlagezins der Banken erhoben hat,45 diese Art von Anlageverzinsungen bei den privaten Haushalten noch nicht angekommen sei. Der Grund ist, dass die Banken den negativen Zins faktisch nicht weitergeben, weil sich private Haushalte durch das Abheben von Bargeld diesem Zinssatz entziehen würden. Deshalb schichten die Kunden ihr Portfolio auch nicht in Bargeld um.46 Eine vollständige Abschaffung des Bargeldes hingegen ermöglicht den Banken einen negativen Zinssatz problemlos an ihre Kunden weiterzugeben.

Diese wären in einem solchen Fall gewissermaßen gezwungen Kredite aufzuneh- men oder Investitionen zu tätigen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass bei den Geschäftsbanken weder das in der Einlagefazilität gespeicherte Geld abnimmt, noch eine Erhöhung der Kassenbestände erkennbar ist. Das bedeutet, dass seit der Einführung des Negativzinses keine wesentlichen Veränderungen diesbezüglich durchdringen konnten. Niedrige Zinsen sind zudem auch für die Zinsinstitute nicht ganz ungefährlich. Sie üben Druck auf das Geschäftsmodell der Banken aus, da sich dadurch deren Zinseinkünfte verringern. Nicht auszuschließen wäre ebenfalls, dass diese Maßnahme eine mögliche Umschichtung von Buchgeld in andere Ver- mögensgegenstände wie Immobilien, Aktien, Beteiligungen, Gold oder Kunstwerke verursachen könnte.47 Daraus erschließt sich, dass Sparer womöglich fürchten, dass ihr Geldvermögen immer mehr belastet wird. Dementsprechend würde die Sparneigung zunehmen statt abzunehmen. Somit besteht die Möglichkeit, dass der eigentliche Gedanke dahinter, die entgegengesetzte Auswirkung hat.

[...]


1 Vgl. Holle (2016), S. 2, Rede vom 13.06.2016

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Noack / Philpper (2016), S. 7, zit. nach Europäische Zentralbank (2016), Pressemitteilung vom 04.05.2016

4 Vgl. Noack / Philpper (2016), S. 7

5 Vgl. Wagener (2012), S. 13

6 Vgl. ebd., S. 14

7 Vgl. Zarlanga (2008), S. 73 ff.

8 eigene Darstellung

9 Vgl. Weidmann (2015), S. 10-11

10 Vgl. Herger (2016), S. 56

11 Vgl. Borchert (2001), S. 29

12 Vgl. Deutsche Bundesbank (o.J. a)

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. Noack / Philpper (2016), S. 7

15 Vgl. Müller (2016), S. 3-5, Rede vom 13.06.2016

16 Vgl. Thiele (2015), Rede vom 28.01.2015

17 Vgl. o. V. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (o. J)

18 Vgl. Thiele (2015), S. 14, Zahlungsverhaltensstudie in Deutschland 2014

19 Vgl. ebd., S. 28

20 nach eigener Darstellung in Anlehnung an, Thiele (2015), S. 27, Zahlungsverhaltensstudie in Deutschland 2014

21 Vgl. ebd., S. 40

22 Vgl. Thiele (2015), S. 41, Zahlungsverhaltensstudie in Deutschland 2014

23 eigene Darstellung in Anlehnung an ebd.

24 Vgl. o. V., Bundesverband deutscher Banken (2016), S. 5

25 Vgl. Thiele (2016), Rede vom 10.05.2016

26 Vgl. o. V., Institute for Monetary and Financial Stability (2015)

27 Vgl. o. V., Cash online (2016)

28 Vgl. o. V., Spiegel online (2015), S. 1

29 Vgl. Zimmermann 2016, Pressemitteilung vom 26.01.2016

30 Vgl. o. V., Deutsche Bundesbank (2016 b)

31 Vgl. Zimmermann (2016), Pressemitteilung vom 26.01.2016

32 Vgl. Hahne (2016), S. 73-78

33 Vgl. Häring (2016), S. 82; Noack / Philpper (2016), S. 13

34 Vgl. Horstmann / Mann (2016), S. 23

35 Vgl. Noack I Philpper (2016), S. 13

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. o. V. Bundeskriminalaml, Bundeslagebericht (2015), S. 7

35 ebd.

39 Vgl. Noack I Philpper (2016), S. 12 "'Vgl. Willkowski (2016), S. 1

40 Vgl. wittkowski (2016), S.1

41 Vgl. Thiele (2016), Rede vom 25.10.2016

42 Vgl. o. V., Europäische Zentralbank (2016), S. 4

43 Vgl. Draghi (2016,) Vortrag vom 25.10.2016

44 Vgl. Draghi (2016), Eröffnungsrede vom 02.05.2016

45 Vgl. Europäische Zentralbank 82014), Pressemitteilung vom 05.06.2014

46 Vgl. Thiele (2015), Rede vom 28.01.2015

47 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Abschaffung des Bargeldes. Auswirkungen auf Marktteilnehmer
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
60
Katalognummer
V514320
ISBN (eBook)
9783346101242
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geld, Geldpolitik, Zahlungsverhalten, Abschaffung, Bitcoin Virtuelle Währung, Bargeld, Cyberkriminalität, neue Technologie, mobile Payment, Schattenwirtschaft, Banken, elektronisches Geld, P2P-Überweisung, Zahlungsinstrumente, Sicherheit und Datenschutz, Kosten Bargeld, Preisstabilität, Kostenpotenzial, wirtschaftliche Risiken, Stabilität Finansektor, Auswirkungen, Marktteilnehmer
Arbeit zitieren
Anna Köpplin (Autor), 2017, Abschaffung des Bargeldes. Auswirkungen auf Marktteilnehmer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/514320

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